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Heribert Hofer: Willkommen in Potsdam

Potsdam

Sehr geehrte Mitglieder und Freunde der GDNÄ,

herzlich willkommen zur 133. Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte vom 12. bis 15. September in Potsdam. Wissenschaft prägt unser jetziges Leben und Wissenschaft wird unser Leben auch in Zukunft stark beeinflussen. In Potsdam steht deshalb die „Wissenschaft für unser Leben von morgen“ im Mittelpunkt.

Seit 1822 bringt unsere Gesellschaft Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und an der Wissenschaft Interessierte zum fächerübergreifenden Austausch zusammen. Die GDNÄ fördert diesen Dialog zwischen Öffentlichkeit und den Natur- und Lebenswissenschaften, Medizin und Technik. In Zeiten, in denen Fake News und populistische Strömungen Wissenschaft in Frage stellen, ist es besonders wichtig, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Wort kommen zu lassen.

Für junge Menschen ist der direkte Zugang zur Wissenschaft besonders wichtig und hilfreich. Seit 2004 laden wir deshalb Schülerinnen und Schüler sowie Studierende ein, unsere Versammlungen zu besuchen und mit den Vortragenden ins Gespräch zu kommen. Dank der großzügigen Unterstützung von der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung, der AKB Stiftung, der Bayer Foundation und der Stiftung Familienunternehmen können wir wieder 150 junge Menschen einladen. Einige von ihnen werden dieses Mal in den Sessionen mit auf der Bühne stehen.

Die Beschäftigung mit den Themen, die im Mittelpunkt unserer Tagung stehen, braucht Verständnis für die Einsichten der Natur- und Lebenswissenschaften und Begeisterung für Medizin und Technik. Wir hoffen, dass die Chancen und neuen Möglichkeiten der Wissenschaft für das Wohlergehen der Menschen in der Zukunft genutzt werden. Das sagen wir mit Hoffnung und Zuversicht in Zeiten, in denen der unsägliche Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine bereits mehr als zwei Jahre andauert und Israel im Gaza gegen die Hamas kämpft, welche Israel mörderisch überfallen hat. Beide Kriege bringen unendliches Leid über viele Menschen.

In den 202 Jahren seit Gründung unserer Gesellschaft hat Wissenschaft in vielen Lebensbereichen dazu beigetragen, dass es den Menschen besser geht, sei es in Medizin, Ernährung, Mobilität oder Kommunikation. Wissenschaft lässt uns aber auch verstehen, was die Menschheit dem Planeten Erde, der Tier- und Pflanzenwelt angetan hat. Sie zeigt uns Wege auf, was wir tun können, um die Zukunft besser zu gestalten, ganz im Sinne einer „verantwortlichen“ Wissenschaft. Auch darüber wollen wir in Potsdam sprechen. Wir freuen uns auf Sie.

Heribert Hofer, Präsident der GDNÄ

Heribert Hofer, Präsident der GDNÄ

Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam © K. Fritze

© MIKA-fotografie | Berlin

Prof. Dr. Heribert Hofer, Präsident der GDNÄ und Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin.

Aktuelle Programmänderung

Der Leopoldina-Vortrag von Professorin Liane Benning „Das große Schmelzen“ am Samstag, 14. September, fällt leider aus. Stattdessen spricht GDNÄ-Vizepräsident Professor Martin Lohse, Leopoldina-Mitglied und Pharmakologe, über Arzneimittel der Zukunft und die beeindruckende Macht von Scheinmedikamenten (Placebos). Zu dem öffentlichen Vortrag von 17:30 bis 19 Uhr sind alle Interessierten herzlich eingeladen.

Anmeldung

GDNÄ-Präsident Hofer und sein Team haben ein reichhaltiges wissenschaftliches Programm zusammengestellt. Die Anmeldung zur gesamten Konferenz oder für einzelne Tage ist unkompliziert vor Ort an der Tagungskasse möglich.

Fotojournal

Impressionen aus Potsdam

Ein bebildertes Tagebuch der GDNÄ-Versammlung vom 12.-15.9.2024.
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Medienecho

Interesse geweckt

Die GDNÄ-Tagung in Potsdam findet positive Resonanz.
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Ausgezeichnet

Eva-Maria Neher

Alexander-von-Humboldt-Medaille für große Verdienste um die GDNÄ.
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Livestream

In Echtzeit dabei sein

Hier geht’s zur Übertragung der GDNÄ-Versammlung in Potsdam.
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Potsdam 2024

Eine erste Bilanz

Vier Tage mit faszinierenden Vorträgen und Diskussionen.
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Frisch gewählt

Ferdi Schüth

Max-Planck-Direktor ist jetzt Mitglied des Präsidiums der GDNÄ.
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Junge GDNÄ

Anne Marie Bobes

Die 18-Jährige entwickelt Windanlagen für Straßenlaternen.
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Junge GDNÄ

Felix Gross

Wie der 17-jährige Schüler mit KI Schachroboter optimiert.
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Eröffnung

Am Freitag, 13. September 2024, werden der Oberbürgermeister der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam, Mike Schubert, und der Präsident der Universität Potsdam, Professor Oliver Günther, Ph.D., die Gäste zu Beginn der Tagung begrüßen. Die Grußworte des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg übermittelt Steffen Weber, Abteilungsleiter Wissenschaft und Forschung. Eröffnet wird die Versammlung von GDNÄ-Präsident Professor Heribert Hofer und von Professor Alexander Böker, Geschäftsführer Wirtschaft der GDNÄ.

Livestream

Sollte es Ihnen nicht möglich sein, nach Potsdam zu reisen, können Sie per Livestream an der Versammlung teilnehmen. Ab 12. September gelangen Sie über diese Seite zum kostenlosen Livestream.

Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam © K. Fritze

© K. Fritze

Im Hauptgebäude des Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam findet die 133. GDNÄ-Versammlung statt.

Einblicke in die Tagungsvorbereitungen und Informationen zu einzelnen Vorträgen liefern mehrere Interviews auf dieser Website:

Bitte beachten Sie: Die Veranstaltung wird gefilmt/fotografiert. Daher besteht die Möglichkeit, dass Teilnehmer auf dem Film- und Fotomaterial, das entsteht, zu erkennen sind. Das Filmmaterial wird im Sinne der Ziel- und Zwecksetzung der GDNÄ eingesetzt und zum Zwecke der veranstaltungsbezogenen Öffentlichkeitsarbeit zur nicht-kommerziellen Nutzung und von unbegrenzter Dauer in allen zweckgebundenen Online-Medien sowie auf allen von der GDNÄ genutzten Video-Plattformen im Internet mit allen Sharing-Funktionalitäten, die der Video-Hosting-Anbieter zur Verfügung stellt, platziert.

Ursula Müller-Werdan: „Gesundes Altern ist für viele von uns erreichbar“

„Gesundes Altern ist für viele von uns erreichbar“

Ursula Müller-Werdan, Geriatrie-Professorin und Direktorin an der Charité, über die besten Wege zum Jüngerbleiben, Wirkstoffe gegen krankmachende Zombie-Zellen und Hochaltrige im US-Wahlkampf.

Frau Professorin Müller-Werdan, wir führen dieses Gespräch im Sommer vor den Präsidentschaftswahlen in den USA. Ein Kandidat ist 81 Jahre alt, der andere 78. Ist das zu alt für ein derart verantwortungsvolles Amt?
Nicht unbedingt. Vor der letzten Präsidentschaftswahl vor vier Jahren stellte eine US-Studie die gleiche Frage und bescheinigte Joe Biden nach der Amtseinführung im Jahr 2021 eine weitere statistische Lebenserwartung von gut neun Jahren und Donald Trump eine von gut elf Jahren. Nach Auswertung repräsentativer Datensätze entsprach das der Überlebenswahrscheinlichkeit weißer, akademisch gebildeter Personen ihres Alters. Bidens gesunde Lebensspanne wurde damals auf 87 Jahre geschätzt, die von Trump auf gut 85 Jahre. Das sind keine individuellen Vorhersagen, sondern Durchschnittswerte und die Lebenserwartung würde  heute auch aufgrund des höheren erreichten Alters vermutlich noch besser ausfallen. 

Lebenserwartung ist das eine, körperlich-geistige Fitness das andere. Wie beurteilen Sie die Kandidaten in dieser Hinsicht?
Da muss ich passen. Selbst wenn ich mehr über den Gesundheitszustand der beiden wüsste, würde ich mir keine Ferndiagnose erlauben. Aber auch im hohen Alter sind berufliche Hochleistungen möglich, dafür gibt es eine Reihe von Beispielen. Denken wir nur an Konrad Adenauer, der sein Amt als erster Kanzler der Bundesrepublik mit 73 Jahren antrat und sich erst mit 87 Jahren zur Ruhe setzte. 

Wenn jemand im hohen Alter derart leistungsfähig ist, wird das oft einer besonders guten Genausstattung zugeschrieben. Ist das zutreffend?
Nur zum Teil. Rund ein Drittel des Alterungsprozesses ist genetisch bedingt, zwei Drittel haben mit dem persönlichen Lebensstil zu tun – so lässt sich die wissenschaftliche Studienlage grob zusammenfassen. Wir sind unseren ererbten Anlagen also keineswegs schicksalhaft ausgeliefert, sondern haben einen großen Gestaltungsspielraum. 

Wer möglich gesund alt werden will, bekommt viele Ratschläge. Welche sind am wichtigsten?
Die acht Empfehlungen der amerikanischen Herz-Gesellschaft sind eine gute Richtschnur. Wer sie beherzigt, ist im Schnitt biologisch etwa sechs Jahre jünger als es dem chronologischen Alter entspräche.  Die Empfehlungen werden vielen bekannt vorkommen: gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Schlaf, kein Tabakkonsum, kein starkes Übergewicht und Normalwerte bei Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin. 

Das alles hat man schon oft gehört, aber was bedeutet es genau?
Drei Beispiele: Unter ausreichender Bewegung versteht die US-Herzgesellschaft 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche, etwa Wandern, oder aber 75 Minuten erhöhte Aktivität wie beim Joggen. Die tägliche Schlafenszeit sollte zwischen sieben und neun Stunden liegen und das Körpergewicht unter dem Body-Mass-Index-Wert von 30. 

Bei der GDNÄ-Versammlung in Potsdam sprechen Sie über Fakten und Mythen zum Thema gesundes Altern. Welcher Mythos hält sich besonders hartnäckig?
Der vom gesunden Glas Rotwein. Alkohol ist ein Nervengift, auch in kleinen Mengen – da führt kein Weg dran vorbei. Allerdings gibt es Hinweise, dass Alkohol uns in der ersten Lebenshälfte, also bis etwa Vierzig, mehr schadet als später. Ein weiterer Mythos hat mit der Altersgebrechlichkeit zu tun, die viele für unausweichlich halten. In meinem Vortrag werde ich darstellen, wie man ihr vorbeugen und sie zum Teil wieder rückgängig machen kann. 

Rückgängig machen lässt sich ein anderes Altersleiden, die Demenz, leider noch nicht.
Aber man kann vorbeugend sehr viel tun. Mehr als ein Drittel der Fälle können verhindert oder verzögert werden, wie groß angelegte, internationale Studien in den letzten Jahren gezeigt haben. Besonders wichtig ist es, Depressionen und Schwerhörigkeit zu vermeiden und möglichst frühzeitig Bildung zu erwerben. Alkohol, Gehirnerschütterungen und Luftverschmutzung erhöhen nachweislich das Demenzrisiko.

Eröffnung der Büros Postplatz 1 © Paul Glaser

© Charité – Universitätsmedizin Berlin

In der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin auf dem Campus Benjamin Franklin der Charité werden Patienten mit akut-internistischen, neurologischen und orthopädischen Krankheiten im Sinne einer geriatrischen Frührehabilitation behandelt.

Weltweit wird viel zum Thema Altern geforscht. Welche Ansätze sind besonders vielversprechend?
Sehr spannend finde ich eine Forschungsrichtung namens Geroscience. Sie versteht das Altern als Hauptrisikofaktor für nicht rein genetisch determinierte Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden und die meisten Krebsarten. Die Idee ist, diese Krankheiten zu vermeiden, indem man den Alterungsprozess frühzeitig verlangsamt. Einen Ansatzpunkt bieten sogenannte seneszente Zellen. Das sind Körperzellen, die irgendwann aufgehört haben sich zu teilen. Sie funktionieren nicht mehr richtig, sind aber auch nicht ganz tot und können umliegende Zellen schädigen. Die Folgen sind Erkrankungen und Gebrechlichkeit. Je älter der Mensch, desto mehr solcher Zombie-Zellen gibt es im Gewebe. 

Haben wir eine Chance gegen die Zombies?
Wir können sie in den Selbstmord treiben und so den altersbedingten Niedergang aufhalten. Das gelingt mit bestimmten Wirkstoffen, sogenannten Senolytika, wie Tierversuche gezeigt haben. Inzwischen gibt es erste klinische Versuche an Patienten mit Krankheiten wie Lungenfibrose, Nierenfunktionsstörungen oder Diabetes. Die bisherigen Ergebnisse sind durchaus ermutigend. 

Wann werden die ersten Präparate erhältlich sein?
Das hängt ganz vom weiteren Verlauf der klinischen Studien ab. Wenn nichts dazwischen kommt, haben wir die ersten Medikamente vielleicht in fünfzehn, zwanzig Jahren. 

Beteiligt sich Ihr Institut an der Charité an dieser Forschung?
Ja, eine unserer Arbeitsgruppen beschäftigt sich im Rahmen der translationalen Bio-Gerontologie mit dem Thema. 

Worum geht es in anderen Arbeitsgruppen des Instituts?
Wir haben eine Menge interessanter Themen, aber lassen Sie mich zwei Beispiele herausgreifen. Da geht es etwa um die Frage, inwiefern die Ernährung Entzündungen im Körper fördert oder hemmt. Das ist wichtig zu wissen, weil viele Krankheiten und auch der Alterungsprozess selbst mit Entzündungen einhergehen. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke entwickeln Mitarbeitende gerade einen inflammatorischen Index, mit dem sich das Entzündungspotenzial von Lebensmitteln bestimmen lässt. Eine andere Arbeitsgruppe kümmert sich um Smart-Home-Lösungen für ältere Menschen, die ihnen ein langes Leben zu Hause erleichtern sollen. 

Zum Schluss noch ein Mythos-oder-Fakt-Frage: Können wir alle 150 Jahre alt und älter werden, wie in letzter Zeit immer wieder behauptet wird?
Nein, das glaube ich nicht. Die maximale Lebensspanne ist bei jeder Spezies genetisch determiniert. Beim Menschen liegt sie um das Alter, das die 1997 verstorbene Französin Jeanne Calment mit ihren gut 122 Jahren erreicht hat. 122 Jahre bei Frauen, 118 Jahre bei Männern – diese Latte werden wir auch in Zukunft nicht groß reißen können. Doch was bringen einem solche Rekorde, wenn man krank ist? Altern bei zufriedenstellender Gesundheit, das finde ich erstrebenswert.

Günther Hasinger © Paul Glaser

© Charité – Universitätsmedizin Berlin

Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan

Zur Person

Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan ist seit 2016 Direktorin der Medizinischen Klinik für Geriatrie und Altersmedizin der Charité Berlin sowie Ärztliche Leiterin und Medizinische Geschäftsführerin des Evangelischen Geriatriezentrums Berlin. Davor war die Kardiologin und Geriaterin an der Universitätsklinik der RWTH Aachen und von 1996 bis 2014 an der Universitätsklinik Halle-Wittenberg tätig. Ihr Medizinstudium und ihre Facharztausbildung absolvierte die 1961 geborene Allgäuerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München – mit Stipendien der Studienstiftung, der Stiftung Maximilianeum und der Bayerischen Begabtenförderung. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Herzerkrankungen im Alter, Sepsis und Multiorganversagen sowie Multimorbidität im Alter. Ursula Müller-Werdan ist eine der stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin und war Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie.

Weitere Informationen

Studien zu ersten therapeutischen Strategien gegen Zombie-Zellen:

Paul Scholand: „Wichtig ist mir der direkte Kontakt zu den Wissenschaftlern“

„Wichtig ist mir der direkte Kontakt zu den Wissenschaftlern“

Der Bielefelder Abiturient Paul Scholand wird als Schülerstipendiat an der GDNÄ-Versammlung in Potsdam teilnehmen. Welche Erwartungen er mitbringt, wie er auf seine Schulzeit zurückblickt und nach vorne schaut schildert er im ersten Interview seines Lebens.

Herr Scholand, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum kürzlich bestandenen Abitur. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?
Ja, sehr. Die Klausuren und mündlichen Prüfungen sind gut gelaufen und mit den erzielten Noten kann ich mein Wunschfach Medizin studieren.

Wann wollen Sie anfangen?
Im Herbst 2025. Vorher mache ich ein FSJ, ein freiwilliges soziales Jahr, um zwischen Schule und Studium in neue Bereiche hineinzuschnuppern. 

Um neue Erfahrungen geht es auch beim GDNÄ-Schülerprogramm, an dem Sie im September teilnehmen. Wie sind Sie in das Programm gekommen?
Mein Biologielehrer, Herr Mühlenhoff, hat mich im Frühjahr angesprochen und mir einen Programmflyer in die Hand gedrückt. Darin habe ich gleich ein paar Vorträge entdeckt, die mich besonders interessieren. Zum Beispiel über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Medizin, die Gestaltung von Biologie mit Licht oder über lebende Materialien im Bereich Physik.

Was bedeutet Ihnen die Teilnahme am Schülerprogramm?
Sehr viel. Ich verstehe die Einladung als Ehre und Wertschätzung meiner schulischen Leistungen und bin voller Vorfreude, wenn ich an die Tage in Potsdam denke. Da geht es um aktuelle Forschung, die wir mit Grundlagen, die uns die Schule mitgegeben hat, hoffentlich gut erfassen können.

Welche Wünsche und Erwartungen haben Sie als Schülerstipendiat?
Ich möchte so viel wie möglich mitbekommen und werde Vorträge aus allen Fachgebieten besuchen. Wichtig íst mir der direkte Kontakt zu den Wissenschaftlern, zum Beispiel bei der Studienberatung, in den Science & Technology-Cafés oder in den Pausen. So eine Gelegenheit hatte ich bisher nicht und darauf freue ich mich.

Sie haben gerade zwölf Jahre am Gymnasium hinter sich. Was war das Wesentliche für Sie in dieser Zeit?
Wir haben gelernt, uns Wissen anzueignen, uns zu organisieren und durchzuhalten, wenn es mal nicht so glatt läuft. Für mich waren meine Freunde sehr wichtig: Wir haben uns zusammen auf Klausuren vorbereitet und uns gegenseitig motiviert.

Hat das auch in der Pandemie funktioniert?
Auf jeden Fall. Anfangs lief viel übers Telefon, später haben wir uns in kleinen Gruppen getroffen, um zusammen zu lernen. Wir haben die Pandemie nicht nur überstanden, wir haben auch gelernt, uns zu disziplinieren und konsequent weiterzumachen.

Eröffnung der Büros Postplatz 1 © Paul Glaser

© Timo Voss, Studio of Thoughts | Helmholtz-Gymnasium Bielefeld

Das Bielefelder Helmholtz-Gymnasium, hier im Luftbild, wurde 1896 gegründet. Unter dem Motto „Ein modernes Gymnasium mit Tradition“ unterrichten heute rund 100 Lehrkräfte etwa 1000 Schülerinnen und Schüler.

Mit Ihren Noten können Sie sich das Studienfach aussuchen. Warum haben Sie sich für Medizin entschieden?
Das lag bei mir nahe, denn Vater und Mutter sind Ärzte, und in der Schule zählte Biologie zu meinen Lieblingsfächern. Was mir gefällt, ist die große Berufsauswahl, die ich mit einem Medizinstudium habe: Ich kann als Arzt praktizieren oder in die Forschung gehen, vielleicht auch in die Wirtschaft. Gut, dass ich noch ein paar Jahre Zeit für meine Entscheidung habe.

Medizin, Information, Naturwissenschaften, Technik: Das Interesse an MINT-Fächern lasse bei jungen Leuten stark nach, heißt es oft. Können Sie das bestätigen?
In meinem Umfeld ist das anders und in der Schule waren die naturwissenschaftlichen Fächer besonders beliebt. Viele haben sich für Leistungskurse in Mathe, Physik und Informatik entschieden. Entscheidend sind die persönlichen Vorlieben: Wer gern Computerspiele macht, interessiert sich oft auch für Informatik.

Wie würden Sie das Lebensgefühl Ihrer Generation beschreiben?
Meine Generation ist sehr frei, sie hat viele Optionen und will Spaß am Leben haben. Meine Freunde und ich sehen die Probleme in der Welt, wir haben die Klimakrise und die Kriege auf dem Schirm, aber das lähmt uns nicht. Einige von uns engagieren sich in der Politik, um mehr Einfluss auf den künftigen Kurs zu haben. Aber die meisten haben nach der Schulzeit erst einmal genug mit sich selbst und ihrer Zukunftsplanung zu tun.

Sie sind jung, die GDNÄ ist gut 200 Jahre alt. Kann das zusammenpassen?
Das passt sehr gut zusammen. Wenn ich mir die GDNÄ-Homepage anschaue, sehe ich auf der Startseite große Wissenschaftler wie Alexander von Humboldt, Albert Einstein und Max Planck. Ich empfinde das als Ansporn für mich und meine Generation. Vielleicht schaffen auch wir es, mit neuen, revolutionären Ideen die Welt zu verändern.

Günther Hasinger © Paul Glaser

© Privat

Paul Scholand, GDNÄ-Schülerstipendiat, wird an der Versammlung in Potsdam 2024 teilnehmen.

Zur Person

Paul Scholand kam 2006 in Bielefeld zur Welt. Dort besuchte er zunächst eine bilinguale Grundschule (Englisch und Deutsch). Später ging er auf das Helmholtz-Gymnasium, wo er bei Paul Mühlenhoff, dem Leiter des GDNÄ-Schülerprogramms, mit Begeisterung einen Grundkurs in Biologie absolvierte. In der Oberstufe belegte Paul Scholand Leistungskurse in Geschichte und Mathematik; weitere Prüfungsfächer im Abitur waren Latein und Biologie. Im August 2024 beginnt er ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bielefelder Golfclub, wo er das Personal bis Juli 2025 beim Jugendtraining, im Büro und in der Anlagenpflege unterstützt. Anschließend will der dann 19-Jährige sein Medizinstudium aufnehmen – am liebsten in einer mittelgroßen deutschen Stadt wie Münster, Tübingen oder Freiburg.

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Günther Hasinger: „So eine Chance gibt es nur einmal im Leben“

„So eine Chance gibt es nur einmal im Leben“

Günther Hasinger, Gründungsdirektor des Deutschen Zentrums für Astrophysik, über seine Herkulesaufgabe in der sächsischen Lausitz, den Umgang mit skeptischen Bürgern und die musikalische Seite der GDNÄ.

Herr Professor Hasinger, vor einem Jahr wurden Sie als Gründungsdirektor des Deutschen Zentrums für Astrophysik (DZA) in der sächsischen Lausitz berufen. Wie können wir uns Ihren Arbeitsalltag vorstellen?
Von einem Alltag im üblichen Sinn kann man noch nicht sprechen, dafür gibt es uns nicht lange genug. Die politische Entscheidung für unser Zentrum fiel ja erst im Herbst 2022. Das war quasi unser Urknall: Davor gab es nichts, jetzt entsteht alles Schritt für Schritt. 

Was sind die nächsten Etappen? 
Bereits 2025 werden wir hier drei große internationale Fachkonferenzen ausrichten. Anfang 2026 ist die offizielle Gründung des DZA vorgesehen – derzeit befinden wir uns noch in der Aufbauphase. Im Wintersemester 2026/2027 soll der neue Masterstudiengang Astrophysik mit fünf Professuren an der Technischen Universität Dresden anlaufen. Um 2030 hoffen wir, unsere neuen zentralen Gebäude am Ortsrand von Görlitz beziehen zu können. In rund zehn Jahren werden rund tausend Menschen am DZA arbeiten. 

Ein sportlicher Zeitplan. Wo stehen Sie aktuell?
Wir liegen ziemlich gut im Plan. Im ersten Jahr haben wir gut 20 Leute eingestellt, vor allem im Verwaltungsbereich, in diesem Jahr sollen nochmal so viele dazukommen. Im historischen Postamt von Görlitz richten wir gerade ein Übergangsquartier für fünf Jahre ein. Die Planungen für das künftige Zentrum laufen auf Hochtouren. Jetzt geht es erst einmal darum, tragfähige Strukturen für ein weltweit einmaliges Großforschungszentrum zu schaffen. 

Wer unterstützt Sie bei dieser Herkulesaufgabe?
Ein großes Team von tollen Kolleginnen und Kollegen aus zehn renommierten Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland, darunter das Deutsche Elektronen Synchrotron DESY in Zeuthen und die TU Dresden. Wir haben den Antrag zur Errichtung des DZA gemeinsam gestellt und teilen uns jetzt die Arbeit. Viel Unterstützung kommt auch aus Wirtschaft und Politik, direkt vor Ort in Görlitz, und natürlich auf Bundes- und Landesebene.

Eröffnung der Büros Postplatz 1 © Paul Glaser

© Paul Glaser

Schlüsselübergabe mit prominentem Besuch: Zur Einweihung des DZA-Übergangsdomizils im Zentrum von Görlitz trafen sich im Februar 2024 (v.l.)  Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow, TU-Dresden-Rektorin Ursula Staudinger, Ministerpräsident Michael Kretschmer, Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger, DZA-Chef Günther Hasinger und der Görlitzer OB Octavian Ursu.

Ermöglicht wird das DZA durch Mittel aus dem Strukturwandelfonds für Braunkohlegebiete. Wie hoch ist das Budget?
Bis 2038 stehen staatlicherseits insgesamt 1,2 Milliarden Euro zur Verfügung. Das Geld kommt zu 90 Prozent vom Bund und zu zehn Prozent vom Land Sachsen und fließt in Jahrestranchen. Zusätzlich wollen wir Drittmittel von nationaler und internationaler Seite einwerben. Unser Budget ist großzügig bemessen, aber damit allein ist es nicht getan. 

Sie brauchen mehr?
Wir müssen auch an Wohnungen, Schulen und Kitas für unsere Mitarbeiter denken, an die Lebensqualität vor Ort, an Straßen und Bahnstrecken. Zu solchen Themen führen wir gerade viele Gespräche. Fantastisch wäre eine neue ICE-Strecke, die Berlin über Dresden und Görlitz nach Breslau führt. Verkehrsmäßig ist die Region derzeit abgehängt, aber mit schnellen Zugverbindungen ergäben sich ganz neue Chancen – auch für wissenschaftliche Kontakte, wie wir sie gerade in Polen und Tschechien knüpfen, konkret zu Universitäten in Breslau und Prag.

Veranstaltung im Rahmen der SPIN2023 Kampagne in Crostwitz © Paul Glaser

© Paul Glaser

Bei einer Diskussionsveranstaltung zu den Perspektiven des Wissenschaftslands Sachsen im Januar 2024 in Crostwitz.

 

Stichwort Wissenschaft: Wo liegt der Fokus des DZA?
Es gibt drei Schwerpunkte. Zum einen die astrophysikalische Grundlagenforschung, die uns helfen soll, die Entwicklung des Universums zu verstehen. Hier geht es darum, Signale aus der Frühzeit des Kosmos zu empfangen und auszuwerten. Möglich ist das mit modernen Teleskopen, die über die ganze Welt verteilt sind, im chilenischen Hochland ebenso wie im antarktischen Eis. Derzeit entstehen neue, riesengroße Radioobservatorien in Australien und Afrika. Europa plant mit dem Einstein-Teleskop ein weiteres gigantisches Forschungsinstrument. Die Messergebnisse all dieser Anlagen sollen künftig in Sachsen zusammenlaufen, wo der größte zivile Datensatz der Welt entstehen wird, viel größer als das heutige Internet. Dieser Schatz soll kostengünstig und stromsparend ausgewertet werden und hier kommt unser zweiter Schwerpunkt ins Spiel: Das DZA wird neue Technologien und Algorithmen für eine ressourcenschonende Digitalisierung entwickeln, die der Gesellschaft insgesamt zugute kommen. Schwerpunkt Nummer drei ist ein Technologiezentrum, in dem wir innovative Lösungen für Observatorien entwickeln – ich denke da zum Beispiel an neue Halbleitersensoren, Silizium-Optiken oder Regelungstechniken. Durch Ausgründungen und andere Effekte sollen moderne Firmen mit rund zweitausend hochwertigen Arbeitsplätzen entstehen. 

Das klingt faszinierend. Aber wie passt all das zu Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands mit nur 57.000 Einwohnern, direkt an der polnischen Grenze? 
Betrachtet man Europa als Ganzes, liegt das schöne Görlitz im Zentrum. In der Gegend findet sich viel wissenschaftlich-technische Kompetenz: mit der Hochschule Zittau-Görlitz, der renommierten Technischen Universität Dresden und einer langen Firmentradition in der Feinmechanik und Mikroelektronik. Von größter Bedeutung ist für uns der besonders gute Granit in der Lausitz. Nahe Görlitz, im Kreis Bautzen, planen wir ein weltweit einzigartiges Labor für astrophysikalische und kommerzielle Technikentwicklungen. Es wird zweihundert Meter unter der Erde liegen und etwa so groß wie eine U-Bahn-Station sein. Seinen Namen Low Seismic Lab verdankt es dem Lausitzer Granitstock. Der dämpft die seismischen Wellen, die den Erdboden ständig durchlaufen, hier herrscht also eine besondere geologische Ruhe, fast ohne seismische Störfaktoren. Für empfindiche Messungen, etwa von Gravitationswellen, ist das von unschätzbarem Vorteil. Das Labor eignet sich auch für die Entwicklung von Quantencomputern und andere High-Tech-Anwendungen. Wenn wir Glück haben, können wir uns demnächst am milliardenschweren Einstein-Teleskop beteiligen, dem empfindlichsten Gravitationswellen-Observatorium aller Zeiten. 

Was sagen die Menschen vor Ort zum DZA und seinen großen Plänen?
Inzwischen bekommen wir viel Zuspruch. Aber ganz am Anfang gab es auch Gegenwind. Eine Bürgerinitiative in der Lausitz befürchtete eine Grundwasserabsenkung durch die Bauarbeiten und die Errichtung eines Endlagers für radioaktive Abfälle. Wir haben dann im Sommer 2022, also noch vor dem Zuschlag für unser Projekt, ein Grillfest für alle veranstaltet, um ins Gespräch zu kommen. Wie sich herausstellte, kam der Widerstand von einer kleinen, aber lauten Minderheit, alle anderen waren eher neugierig und aufgeschlossen. Als ich später die Gitarre in die Hand nahm und mich zu einer musikalischen Lebensreise von Oberammergau über München, Potsdam, Hawaii, Madrid bis Görlitz begleitete, war das Eis gebrochen. Wir machen das Grillfest jetzt jedes Jahr. Für diesen Sommer habe ich versprochen, ein Lied auf Sorbisch zu singen. Da muss ich noch kräftig üben.

Grill und Infoabend in Cunnewitz © Paul Glaser

© Paul Glaser

Das Gitarren-Solo des DZA-Chefs, hier im August 2023 in Cunnewitz, ist ein fester Programmpunkt der Grill- und Infoabende für die Bevölkerung.

 

Ein Astrophysiker, der sich mit der Gitarre auf die Bühne stellt und singt – das hat man nicht alle Tage. Wie kommt's?
In meiner Jugend war ich Mitglied der Münchner Rockband „Saffran“, die eine Platte veröffentlichte und es immerhin auf die Titelseite der Bravo schaffte. Später wollte ich Tontechniker werden, entschied mich dann aber doch für ein Physikstudium. Dass ich für die Astrophysik Feuer gefangen habe, verdanke ich zwei begnadeten akademischen Lehrern, Joachim Trümper und Rudolf Kippenhahn. Beide waren Max-Planck-Direktoren, das wollte ich auch werden. Das hat geklappt und daraus entwickelte sich alles Weitere. 

Sie haben den Gründungsauftrag für das DZA in einem Alter übernommen, in dem andere längst in Pension sind. Was hat Sie gereizt?
Die Riesenchance – so etwas gibt es nur einmal im Leben. Große Institute mit bis zu tausend Mitarbeitern habe ich auch vorher schon geleitet, aber ein Zentrum von Null auf Hundert zu bringen, das ist neu und reizt mich sehr. Endlich wird wahr, was wir als Fachcommunity seit Jahrzehnten in unseren Denkschriften fordern: ein nationales Zentrum für Astrophysik. 

Vor Kurzem wurden Sie 70. Ist Ruhestand für Sie überhaupt eine Option?
Erst einmal will ich das DZA zum Laufen bringen und helfen, meine Nachfolge zu regeln. Das wird bestimmt noch ein paar Jahre dauern. Danach will ich mich zur Ruhe setzen, aber nicht untätig sein. Mein 2005 erschienenes Sachbuch „Das Schicksal des Universums“ braucht dringend eine Fortsetzung. Die will ich schreiben und mich musikalisch weiterentwickeln – Kontrabass lernen, das könnte mir gefallen. 

Bei der 200-Jahr-Feier der GDNÄ in Leipzig haben Sie einen Vortrag über Schwarze Löcher und das Schicksal des Universums gehalten. Wie haben Sie das Jubiläum in Erinnerung?
Als ein Wissenschaftsfest in elegantem Ambiente und mit reichhaltigem Programm. Es war eine Leistungsschau der Forschung vor eindrucksvollem Publikum. 

Wenn wir uns das Wissenschaftssystem als Orchester vorstellen: Welchen Part übernimmt die GDNÄ?
Ich stelle mir die GDNÄ vielleicht als die Bratsche vor. Ihr warmer, dunkler Klang bildet eine Art Brücke von der Ersten und Zweiten Geige zu den tiefen Streichinstrumenten Cello und Kontrabass. Einige der allergrößten Komponisten waren Bratscher, zum Beispiel Bach, Beethoven und Mozart.

Günther Hasinger © Paul Glaser

© Paul Glaser

Prof. Dr. Günther Hasinger, Gründungsdirektor des Deutschen Zentrums für Astrophysik.

Zur Person

Günther Hasinger kam am 28. April 1954 in Oberammergau zur Welt. Er studierte Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität München; dort forschte er auch für seine Promotion (1984) und seine Habilitation (1995). Von 1994 bis 2001 war er Direktor am Astrophysikalischen Institut in Potsdam und Professor an der dortigen Universität. 2001 wurde er zum Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für Extraterrestrische Physik in Garching berufen; im Jahr 2008 übernahm er die wissenschaftliche Leitung des MPI für Plasmaphysik.  2011 ging er als Direktor an das Institute for Astronomy der University of Hawaii at Manoa und wechselte 2018 nach Madrid, um dort bis Anfang 2023 als Wissenschaftsdirektor der Europäischen Raumfahrtagentur ESA zu arbeiten. Anschließend kehrte er nach Deutschland zurück. Seit April 2023 ist er designierter Gründungsdirektor des Deutschen Zentrums für Astrophysik, gleichzeitig Exzellenzprofessor an der TU Dresden und leitender Wissenschaftler am DESY.

In seiner Forschung konzentriert sich Hasinger auf die Entwicklung entfernter aktiver Galaxien und die Rolle Schwarzer Löcher bei deren Entstehung. Er gilt als einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Röntgenastronomie.

Günther Hasinger erhielt mehrere Preise, darunter 2005 den Leibniz-Preis der DFG. Er ist Mitglied der Leopoldina und weiterer Wissenschaftsakademien. Sein Sachbuch „Das Schicksal des Universums“ wurde 2008 zum Wissenschaftsbuch des Jahres gewählt.

DZA Außenraumperspektive © Paul Glaser

© Paul Glaser

Architektonische Vision: So soll der Campus Görlitz in einigen Jahren aussehen.

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Thomas Mettenleiter: „Danach konnte mich nichts mehr schrecken“

„Danach konnte mich nichts mehr schrecken“

BSE, Vogelgrippe, Corona: Wie der renommierte Virologe Thomas Mettenleiter zur Bewältigung großer Seuchen beigetragen hat, was ihn 27 Jahre auf der Ostseeinsel Riems hielt und was sein Publikum bei der GDNÄ-Versammlung 2024 erwartet.

Herr Professor Mettenleiter, als langjähriger Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, hatten Sie es mit weltbewegenden Seuchen zu tun, denken wir nur an die BSE-Krise, an Vogelgrippe und Corona-Pandemie. Welche Herausforderung war die größte? 
Für mich persönlich ganz eindeutig die BSE-Krise. Danach konnte mich nichts mehr schrecken. Ich war noch relativ neu im Amt, als Ende November 2000 das erste in Deutschland geborene und aufgewachsene Rind positiv getestet wurde. Die Aufregung war riesengroß. Wir wussten damals nur wenig über die auslösenden Prionen, sollten aber möglichst sofort kompetent Auskunft geben. Schon einige Zeit vorher war eine informelle Expertenkommission unter meinem Vorsitz eingesetzt worden. Im April 2000 empfahlen wir der Bundesregierung, sich auf den ersten Fall von einheimischer BSE vorzubereiten. Das ist dann leider nicht geschehen.

Dennoch konnte die BSE-Krise rasch beendet werden. Wie ist das gelungen?
Entscheidend waren das auf EU-Ebene erlassene Verbot zur Verfütterung etwa von Tiermehl, die Herausnahme von Risikomaterial aus der Lebensmittelkette und die umfangreiche Testung der geschlachteten Rinder abhängig vom Alter. Danach gingen die Fallzahlen rasch zurück. In Deutschland infizierten sich nach unserer Kenntnis nur noch zwei Tiere, die im März und Mai 2001 zur Welt gekommen waren. Es war eine äußerst turbulente Zeit, in der mit Andrea Fischer und Karl-Heinz Funke gleich zwei Bundesminister zurücktraten. In diesen Jahren habe ich gelernt, wie wichtig die Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und Medien ist. Zum Glück wurden die von der Wissenschaft vorgeschlagenen Maßnahmen damals schnell umgesetzt und zeigten Erfolg. Insofern ist die BSE-Krise ein gelungenes Beispiel für eine wissenschaftsbasierte Seuchenbekämpfung.

Instituts für Fertigungstechnologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. © FAU

© Friedrich-Loeffler-Institut

Eine Wissenschaftlerin arbeitet im Vollschutzanzug im Labor der höchsten Biosicherheitsstufe 4 Zoonosen. Hier wird zu Erregern wie Ebola- und Nipah-Viren geforscht. Der Anzug ist über ein Ventil an die Luftversorgung angeschlossen, die ständig Luft zuführt. Dadurch wird auch der Anzug aufgeblasen, selbst bei einem kleinen Loch würde über den austretenden Luftstrom nichts nach innen gelangen. Die Wissenschaftlerin kontrolliert Zellkulturen an einem Bildschirm.

Wie gefragt war Ihre Expertise in der Corona-Pandemie?
In den drei COVID-19-Jahren standen andere Institute im Zentrum der Aufmerksamkeit von Politik und Medien. Allerdings wurden uns am FLI gleich zu Beginn der Pandemie essenzielle Fragen gestellt: Sind landwirtschaftliche Nutztiere in Deutschland empfänglich für SARS-CoV-2? Ist damit unsere Nahrungsmittelversorgung gefährdet und stellen Nutztiere ein potenzielles Reservoir dar? Dank unserer modernen Forschungsinfrastruktur auf der Insel Riems mit Hochsicherheits-Isolierställen konnten wir sofort testen, ob zum Beispiel Rinder, Schweine und Hühner empfänglich für den Erreger sind. Zusätzlich haben wir damals die Interaktion des Erregers mit anderen Tieren wie Mäusen, Goldhamstern, Flughunden, Frettchen und Marderhunden untersucht, um mögliche Reservoire oder Modelle für die menschliche Infektion zu finden und zu charakterisieren.

Was haben Sie herausgefunden?
Rinder, Schweine und Hühner waren nicht oder nur ganz geringgradig infizierbar und gaben den Erreger auch nicht weiter. Insofern bestand also weder eine Gefährdung hinsichtlich der Nahrungsversorgung noch mit Blick auf die Entstehung eines neuen Reservoirs. Flughunde, Frettchen und Marderhunde hingegen erwiesen sich als empfänglich für den Erreger, erkrankten aber nicht und waren trotzdem in der Lage, den Erreger effizient weiterzugeben. Das passt zu dem, was wir über Reservoirtiere und Brückenwirte wissen. Hamster und spezielle genetisch veränderte Mäuse erkrankten schwer. Insbesondere Frettchen bildeten die weitgehend leichte, nur die oberen Atemwege betreffende humane Infektion ab, während Goldhamster und diese Mäuse das klinische Bild einer schweren COVID-19 zeigten.

Derzeit wird viel über die Notwendigkeit einer Aufarbeitung der Corona-Krise diskutiert. Wie stehen Sie dazu?
Wir sollten das Geschehene auf jeden Fall objektiv analysieren, um daraus für die Zukunft zu lernen. Gerade in der heißen Phase mussten viele Entscheidungen schnell und unter unsicheren Bedingungen getroffen werden – das sollte immer mitbedacht werden. Wichtig für die Zukunft ist eine einheitliche Politik für das ganze Land, den föderalen Flickenteppich sollten wir in solchen Situationen vermeiden. Die Corona-Jahre haben aber auch gezeigt, wie immens wichtig Grundlagenforschung und moderne Forschungsinfrastrukturen sind. Ihnen verdanken wir die hochwirksamen mRNA-Impfstoffe, an denen ja schon lange Zeit geforscht worden war, sowie zahlreiche Erkenntnisse, die uns halfen, die Krise zu überstehen. Damit das auch in Zukunft gelingt, sind ausreichende Fördermittel nötig – nicht nur für den Aufbau, sondern auch für den Unterhalt der Forschungseinrichtungen, für Personal und Ausbildung.

Die nächste Pandemie kommt bestimmt, heißt es oft. Aus welcher Ecke drohen neue Gefahren?
Wir sind derzeit in einer interpandemischen Phase, so viel ist klar. Doch von wo aus welche Gefahren drohen, kann niemand genau sagen. Was wir wissen, ist, dass drei Viertel der neu auftretenden Infektionen des Menschen aus dem Tierreich kommen und dass Erreger wie das Coronavirus weiterhin zwischen Tier und Mensch hin- und herspringen. Nie aus den Augen verlieren dürfen wir die Influenzaviren: Sie sind hochvariabel und passen sich schnell an neue Gegebenheiten an. Zum Glück gibt es ein weltumspannendes Beobachtungssystem für Grippeviren unter der Ägide der Weltgesundheitsorganisation WHO. Etwas Ähnliches brauchen wir auch zur Überwachung von Tierpopulationen, um Pandemiegefahren schnell zu entdecken.  Helfen könnte hier ein internationales Abkommen zur Pandemic Prevention, Preparedness and Response. Darüber wird derzeit  unter Leitung der WHO verhandelt und ich bin immer noch vorsichtig optimistisch, dass die Mitgliedstaaten sich darauf einigen können. Das wäre auch ganz im Sinne des One-Health-Konzepts, das sich immer mehr durchsetzt und das den Menschen als Teil des Tierreichs in einer gemeinsamen Umwelt versteht.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Art der Tierhaltung, um die es auch am Friedrich-Loeffler-Institut geht. Welche Trends sehen Sie in diesem Bereich?
Der Blick ändert sich, das Wohlergehen des Tieres gewinnt an Bedeutung. In der Nutztierhaltung rückt die Qualität gegenüber der Quantität in den Vordergrund. In welchem Umfang und in welchem Zeitraum dies geschieht, ist auch eine Frage der Finanzierung und  letztlich eine politische Entscheidung. Das gilt ebenso für ein anderes Thema: die stille Pandemie der Antibiotika-Resistenzen. Begünstigt wird sie durch den übermäßigen Einsatz von Antibiotika in allen Bereichen. In Deutschland ist ihr Einsatz zur Wachstumsförderung in der Tierhaltung verboten, aber in vielen Ländern ist diese Praxis noch üblich. Es geht aber nicht nur um Tiere, auch der Einsatz beim Menschen muss zielgerichteter und mit mehr Zurückhaltung erfolgen. 

Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI). © IQOQI/M.R.Knabl

© Friedrich-Loeffler-Institut

Am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) gibt es zwei Tierstalleinheiten der Biosicherheitsstufe 4 Zoonosen, auch hier sind Vollschutzanzüge Vorschrift. In Europa hat derzeit nur das FLI solche Tierställe, weltweit sind es eine Handvoll, etwa in Kanada und Australien

 

Sie sind in der Wendezeit als West-Professor nach Ostdeutschland gegangen – und dort geblieben. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Anfangs ist man mir mit interessierter Distanz, aber auch mit Neugierde und hohen Erwartungen begegnet. Die Distanz hatte damit zu tun, dass ich anders als die Institutsleiter vor mir kein Tierarzt bin, sondern Biologe. Außerdem war ich noch recht jung, als ich 1994 mit meiner Tübinger Arbeitsgruppe auf die Insel Riems kam. Im Zuge der Wende waren die Institute von 850 auf 162 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschrumpft. Die Infrastruktur war marode. In meiner vielleicht etwas jugendlichen Unbekümmertheit hat mich das aber nicht abgeschreckt, sondern herausgefordert. Was mir sehr half, waren die zahlreichen motivierten Kolleginnen und Kollegen auf allen Ebenen des Instituts, die viel Fachwissen und Erfahrung besaßen. Es war zwar ein längerer Weg, aber heute spielt das Institut wissenschaftlich und infrastrukturell in der Champions League des Fachgebiets mit. Seine Entwicklung zählt  sicher zu den ostdeutschen Erfolgsgeschichten, wie sie meine Greifswalder Kollegen Michael Hecker und Bärbel Friedrich in ihrem Buch und im Interview auf dieser Website schildern. Für mich ist das Institut ein Lebenswerk und ich bin glücklich, das Privileg bekommen zu haben, die Tradition des Mitentdeckers der Viren, Friedrich Loeffler, fortführen zu können.   

Ihr großes Forschungsthema, die Tierviren, beschäftigt Sie seit Langem. Wie kamen Sie auf das Thema?
Der Auslöser war Hoimar v. Ditfurths Geschichte der Evolution „Am Anfang war der Wasserstoff“. Meine Eltern schenkten mir das Buch 1972 und ich habe es mit großer Begeisterung gelesen. Besonders fasziniert war ich von einer Abbildung, die Bakteriophagen darstellt, also Viren, die Bakterien befallen. Das war der Keim für meine Karriere – und begeisterter Virologe bin ich immer noch.

Das klingt nicht nach Ruhestand, in dem Sie sich offiziell seit fast einem Jahr befinden.
Stimmt, ich bin immer noch gut beschäftigt, auch wenn ich nicht mehr bis zu 14 Stunden im Institut verbringe. Aber alles in allem habe ich doch wieder fast einen Vollzeitjob und manchmal wundere ich mich, wie das früher sozusagen nebenbei ging. Eine neue Erfahrung für mich sind Vorträge vor Schülern über Virologie und One Health, zum Beispiel letztes Jahr in Göttingen und in den nächsten Wochen in Greifswald und im oberschwäbischen Sigmaringen, meiner alten Heimat. In der Hamburger Wissenschaftsakademie leite ich eine Arbeitsgruppe zum Thema One Health und in der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina stehe ich der Sektion Veterinärmedizin vor. Als Wissenschaftsberater unterstütze ich mehrere UN-Organisationen und die Weltorganisation für Tiergesundheit im One Health High-Level Expert Panel. Dazu kommen weiterhin die Hochschullehre und Fachvorträge zu meinen Kernthemen.

Bei der GDNÄ-Versammlung 2024 in Potsdam werden Sie einen Vortrag über Klimawandel und Infektionskrankheiten halten. Verraten Sie uns ein paar Details?
Ich werde das One-Health-Konzept näher vorstellen, auch mit seiner Geschichte, denn brandneu ist es keineswegs. Es wird zudem um Krankheitserreger, insbesondere Viren, gehen, die sich durch den Klimawandel weiter ausbreiten. Auch von sogenannten Vektoren, das sind Infektionsüberträger wie zum Beispiel Stechmücken und Zecken, die von klimatischen Änderungen beeinflusst werden, wird die Rede sein. Die ganze Entwicklung hat eine unheimliche Dynamik und die versuche ich vor Augen zu führen.

Marion Merklein © FAU

© Friedrich-Loeffler-Institut

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Thomas Mettenleiter war bis 2023 Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit.

Zur Person

Thomas Christoph Mettenleiter ist Virologe und Molekularbiologe. Von 1977 bis 1982 studierte er Biologie in Tübingen und promovierte über Herpesviren in Schweinen. Nach einem Forschungsaufenthalt in Nashville, USA, habilitierte er sich an der Universität Tübingen für das Fachgebiet Virologie. Nach der Wende ging er an das Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (FLI) auf der Insel Riems. Dort leitete er von 1994 bis 2019 das Institut für Molekulare Virologie und Zellbiologie. 1996 übernahm er die Leitung des gesamten FLI. 1997 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Greifswald ernannt, 2019 zum Honorarprofessor an der Universität Rostock. Nach 27 Jahren im Präsidentenamt trat er im Juni 2023 in den Ruhestand.

Mettenleiters Forschungsgebiet sind Virusinfektionen von Nutztieren. Seine Arbeiten trugen wesentlich zur ersten Entwicklung von gentechnisch veränderten Lebendimpfstoffen und zur wirksamen Bekämpfung und Ausrottung einer hochansteckenden, virusbedingten Seuche, der Aujeszkyschen Krankheit bei Schweinen bei.

Für seine Leistungen wurde Thomas C. Mettenleiter vielfach geehrt. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, der Polnischen Akademie der Wissenschaften und der Königlich Belgischen Akademie für Medizin. Für sein Wirken im Bereich der Tierseuchenforschung wurde er unter anderem im Mai 2023 mit der Goldmedaille der Weltorganisation für Tiergesundheit WOAH und im Januar 2024 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Marion Merklein © FAU

© Friedrich-Loeffler-Institut

Das Gelände des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Ostsee-Insel Riems. Neben dem Institut gibt es noch ein kleines Wohngebiet auf der Insel.

Zum FLI

Das Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (FLI), ist eine selbstständige Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Neben dem Hauptsitz auf der Insel Riems im Greifswalder Bodden gibt es vier weitere Standorte in Braunschweig, Celle, Jena und Mariensee/Mecklenhorst. Insgesamt zwölf Fachinstitute mit rund 800 Beschäftigten widmen sich sowohl grundlagen- als auch praxisorientierten Themen. 

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Gesundheit und das Wohlbefinden landwirtschaftlicher Nutztiere und der Schutz des Menschen vor Zoonosen, also zwischen Tier und Mensch übertragbaren Infektionen. Zu diesem Zweck entwickelt das FLI Methoden zur besseren und schnelleren Diagnose sowie Grundlagen für moderne Präventions- und Bekämpfungsstrategien. Zur Verbesserung des Wohlbefindens landwirtschaftlicher Nutztiere und im Interesse qualitativ hochwertiger Lebensmittel tierischer Herkunft werden am FLI tierschutzgerechte Haltungssysteme konzipiert und erprobt. Wichtige Ziele sind der Erhalt der genetischen Vielfalt bei Nutztieren und die effiziente Verwendung von Futtermitteln.

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