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  • „Nicht alles medizinisch Machbare mitmachen“

    Wie die Evidenzbasierte Medizin zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen kann, erläutert Thomas Kühlein, Professor für Allgemeinmedizin in Erlangen, bei der  GDNÄ-Versammlung 2026.

    Herr Professor Kühlein, laut Konferenzprogramm werden Sie in Bremen über Wahrheit und Wissenschaft sprechen. Ein weites Feld – worum geht es genau? 
    Um eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung, also eine Medizin, die auf den besten verfügbaren Forschungsergebnissen und der Erfahrung praktisch tätiger Ärzte basiert und dabei auch die Patientenperspektive berücksichtigt. So sollte gute Medizin sein, dachte ich vor mehr als zwanzig Jahren, als ich, damals noch als niedergelassener Hausarzt auf dem Land, meine erste Fortbildung in dieser Richtung machte – und so denke ich bis heute. Aber leider wird die Evidenzbasierte Medizin oft missverstanden, fehlinterpretiert oder ignoriert. 

    Wo beobachten Sie das?
    Zum Beispiel bei den Programmen zur Krebsfrüherkennung wie die Krankenkassen sie für Brustkrebs, Darmkrebs, Hautkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Prostatakrebs und neuerdings auch für Lungenkrebs anbieten. Mit diesen Screeningprogrammen, so heißen sie in der Fachsprache, will man Tumore im Anfangsstadium aufspüren. Also dann, wenn sie oft gut heilbar sind und die Betroffenen noch keine Beschwerden haben. Soweit die Theorie. Die in Studien beobachtete Wirklichkeit sieht anders aus. Die Risiken und der erwartbare Nutzen für die Einzelnen sind in der Regel kleiner als gedacht und mögliche Nachteile durch sogenannte Überdiagnosen bisweilen sogar wahrscheinlicher als der Nutzen. Das wird aber häufig nicht fair kommuniziert. Insgesamt wären vermutlich spezielle Programme für Risikogruppen viel effizienter.

    © Uniklinik Erlangen.

    Das Institut für Allgemeinmedizin ist verantwortlich für die fachliche Forschung und Lehre an der Universitätsklinik Erlangen. Hier eine Außenansicht.

    Genau das wird aktuell für das Hautkrebsscreening diskutiert.
    Ja, wir begrüßen das ausdrücklich. Deutschland ist das einzige Land mit einem flächendeckenden, nicht-risikobasierten Screening auf Hautkrebs. Versicherte ab einem Alter von 35 Jahren haben alle zwei Jahre Anspruch auf diese Früherkennungsuntersuchung. Das Programm hat erwartbar dazu geführt, dass die Zahl der Hautkrebsdiagnosen gestiegen ist, aber nicht, dass weniger Menschen an Hautkrebs sterben – die vorliegenden Studien zeigen das ganz klar und genau das nennt bezeichnet man als Überdiagnostik. Es wird also höchste Zeit für einen Kurswechsel: weg vom Gießkannenprinzip, hin zu einem Screening für Personen mit hohem Hautkrebsrisiko. Dazu zählen sehr hellhäutige Menschen sowie beispielsweise Land- oder Straßenarbeiter. Ein weiterer Vorteil des risikoadaptierten Vorgehens: Wenn fragwürdige Screeninguntersuchungen entfallen, haben Ärzte mehr Zeit für wirklich kranke Patienten. 

    Kleinere Screeningprogramme tragen vielleicht auch dazu bei, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken.   Derzeit sucht die Bundesregierung fast schon verzweifelt nach weiteren Sparmöglichkeiten. Wo sehen Sie die größten Potenziale?
    Erstens im geplanten Primärarztsystem. Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, die Bundesregierung will es schrittweise einführen. Gesetzlich Versicherte sollen, so der Plan, im Krankheitsfall zuerst zum Hausarzt gehen, der die Behandlung dann entweder selbst übernimmt oder gezielt an Spezialisten überweist. So könnten unnötige Arztkosten vermieden werden. 

    Das setzt viele Hausärzte voraus. Aber die fehlen heute schon an allen Ecken und Enden.
    Inzwischen wurden an fast allen medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet. Die tragen dazu bei, dass Studierende die Allgemeinmedizin von Anfang an als interessantes Fach wahrnehmen. Es braucht freilich seine Zeit, bis die Studierenden dann auch in der Praxis ankommen. Ein weiterer Ansatz ist die Entlastung der Hausärzte von Aufgaben, die von anderen Mitgliedern im primärmedizinischen Team erledigt werden können. Das hat viel mit Honorarsystemen zu tun. Auch hier ist in den letzten Jahren bereits einiges passiert.

    © Uniklinik Erlangen.

    Zusammen mit seinem Team am Allgemeinmedizinischen Institut Erlangen untersucht Thomas Kühlen (obere Reihe, rechts) die wissenschaftlichen Grundlagen eine guten Patientenversorgung.  

    Wir sind noch beim ersten Sparvorschlag. Wie geht es weiter?
    Mein zweiter Vorschlag zielt auf eine bessere digitale Vernetzung von Ärzten, Patienten, Kassen und anderen Akteuren im Gesundheitswesen. Ein Beispiel: Die elektronische Patientenakte kann Dopplungen teurer Diagnostik verhindern und Laborkosten senken, wir müssen sie nur endlich konsequent nutzen. Und drittens: Evidenzbasiertes Denken und Handeln muss noch stärker verankert werden – in der Medizinerausbildung und im ärztlichen Alltag. Nicht alles was statistisch signifikant ist, ist auch relevant. Wenn die Studienlage dafür spricht, können wir Dinge auch mal weglassen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Patienten da mitgehen, wenn ich es ihnen richtig erkläre.  

    Für Einzelne mag das gelten. Aber glauben Sie, dass ein Großteil der Bevölkerung bereit ist für eine Kultur des Weglassens?
    Nein, so etwas geht nicht auf einen Schlag. Offen für solche Gespräche sind heute vor allem ältere Menschen, die nicht mehr alles medizinisch Machbare mitmachen wollen. Das ist keine Frage des Geldes, sondern eine, die mit unserer Einstellung zum Leben und zum Lebensende zu tun hat. Als Gesellschaft haben wir ja eher ein verkorkstes Verhältnis zur Sterblichkeit. Das fördert den Machbarkeitswahn und die Überversorgung im Gesundheitssystem, dessen sollten wir Ärzte uns stets bewusst sein.  Uns kommt in diesem System eine Schlüsselrolle zu und zusammen mit unseren Patienten können wir viel bewirken. Wichtig ist die gemeinsame Entscheidungsfindung: wissenschaftlich fundiert, an den Bedürfnissen der Patienten orientiert und abschließend gut dokumentiert. 

    Lassen Sie uns auf den Titel Ihres GDNÄ-Vortrags zurückkommen. Welchen Wahrheitsanspruch kann die Wissenschaft aus Sicht der evidenzbasierten Medizin erheben?
    Wissenschaft ist bestenfalls eine Annäherung an die Wahrheit. Ihre Ergebnisse haben so lange Bestand, bis sie durch neue Erkenntnisse widerlegt werden. Naturgesetzliche Wahrheiten liefert die Art von Studien, die in der Evidenzbasierten Medizin genutzt werden, nie. Was ich in diesem Kontext ganz wichtig finde: Die Wissenschaft kann bestmögliche Entscheidungsgrundlagen liefern, mehr nicht. Entscheiden und die Entscheidungen verantworten müssen wir selbst. Wie all das zur einer besseren Medizin beitragen kann, werde ich in Bremen erläutern.

    Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

    © Uniklinik Erlangen.

    Prof. Dr. Thomas Kühlein ist Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen-Nürnberg und ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums im mittelfränkischen Eckental.

    Zur Person

    Prof. Dr. Thomas Kühlein (64) ist Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen-Nürnberg. Er ist zudem ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums in Eckental, das Teil eines Tochterunternehmens des Erlanger Klinikums ist. Nach seinem Medizinstudium in Würzburg und München war Thomas Kühlein als Arzt in west- und ostdeutschen Kliniken und Praxen tätig, zuletzt in einer ländlichen Gemeinschaftspraxis in Oberfranken. 1995 wurde er in München im Fachgebiet Psychiatrie promoviert, 2012 habilitierte er sich in Heidelberg mit einer Arbeit in der Allgemeinmedizin. 2013 wechselte er nach Erlangen, um einen der beiden ersten regulären Lehrstühle für Allgemeinmedizin in Bayern aufzubauen. Kühlein ist Mitglied im Vorstand des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Wissenschaftlich beschäftigt er sich mit Versorgungsforschung, insbesondere mit dem Thema Überversorgung.

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