Wie können wir uns das Forscherleben dort vorstellen?
Es ist ein einfaches Leben. Wir wohnen in recht simplen Hütten, die rund um das Institut verstreut liegen. Unseren Strom beziehen wir aus Photovoltaikanlagen, das Wasser kommt aus großen Tanks, die das Regenwasser vom Dach sammeln. Wer handwerkliche Fähigkeiten besitzt, ist im Vorteil: Ständig gibt es etwas zu reparieren – in der Hütte, am wissenschaftlichen Equipment oder am Landrover. Im Forschungsinstitut leben Wissenschaftler aus aller Welt, drei Viertel von ihnen sind Frauen. Geselligkeit gibt es eher wenig, denn alle sind vollauf mit ihren eigenen Projekten beschäftigt. Wir zum Beispiel verlassen unser Quartier immer sehr früh und bleiben lange weg, um die Hyänen im Zentrum der Serengeti zu beobachten. Die besten Zeiten dafür sind zwischen halb sieben und halb zehn morgens und zwischen halb fünf und acht Uhr abends – also um Sonnenaufgang und Sonnenuntergang herum.
Es handelt sich um Langzeitprojekte: Wie groß ist Ihr Datenschatz inzwischen?
Mittlerweile kennen wir die kompletten individuellen Lebensläufe von gut 2500 Hyänen über mehrere Generationen hinweg. Dazu können wir in unserem Studiengebiet bleiben, denn die Gruppenterritorien werden von der Müttergeneration an die Töchtergeneration weitergegeben. Auch im Ngorongoro-Krater, das ist ein zweites im Südwesten der Serengeti gelegenes Studiengebiet, untersuchen unsere Mitarbeiter Hyänen – und das seit bald fünfundzwanzig Jahren.
Was haben Sie bisher über das Sozialverhalten der Tüpfelhyänen herausgefunden?
Eine zentrale Frage war von Anfang an, wie es zu der ausgeprägten weiblichen Dominanz kommt, welchen Vorteil sie hat und wie sie entstanden sein könnte. Ganz oben im Rudel steht ein Alpha-Weibchen, dann folgen in strenger Hierarchie andere Weibchen und alle männlichen Clan-Mitglieder stehen unter dem rangniedrigsten Weibchen. Das liegt nicht etwa an hormonellen Unterschieden, wie heute noch fälschlich in Lehrbüchern behauptet wird. Wir konnten vielmehr zeigen, dass weibliche Dominanz bei Tüpfelhyänen ein erlerntes Verhalten ist und letztlich auf einer pseudo-freiwilligen Selbstunterwerfung der Männchen beruht. Sie haben keine andere Wahl, weil die Weibchen Koalitionen bilden und die Männchen regelmäßig dominieren. Auch haben Männchen bei der Paarung nur dann eine Chance, wenn es ihnen gelungen ist, eine freundschaftliche Beziehung zu einem Weibchen aufzubauen.
Soziale Kompetenz ist also ein echter Vorteil?
Das ist ganz eindeutig so. Hinzu kommt, dass sich insbesondere junge Weibchen vor allem für frisch in das Rudel eingewanderte oder später als sie selbst geborene Männchen des eigenen Clans interessieren. Deshalb suchen sich kluge Männchen diejenige Gruppe im Umfeld aus, die die meisten jungen Weibchen aufweist und wandern ab. Dadurch wird zugleich sehr erfolgreich Inzest vermieden, was durchaus ein Problem in einer Gruppenstruktur sein könnte, in der die jungen Weibchen weder die älteren Brüder noch ihren Vater kennen. Dafür konnten wir überzeugende Belege in unserer Langzeitstudie im Ngorongoro-Krater finden.
Seit 2000 leiten Sie das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung im Osten Berlins. Da noch selbst zu forschen, ist vermutlich gar nicht so einfach.
Das stimmt, aber eigene Forschung war mir immer wichtig. Leider kann ich nicht mehr so wie zu Anfang meiner Laufbahn monatelang in der Serengeti sein. Aber auf drei, vier Wochen Feldforschung im Jahr komme ich immer noch.
Eine große Rolle spielt an Ihrem Institut der wissenschaftsbasierte Naturschutz. Was genau ist darunter zu verstehen?
Ein gutes Beispiel ist die Lösung, die ein Team aus meinem Institut für den Konflikt zwischen Rinderfarmern und Geparden in Namibia gefunden hat. Im Dezember 2020 haben wir darüber im Fachjournal PNAS berichtet. In Zentralnamibia leben einige Hundert Individuen der seltenen Großkatzenart frei auf den Ländereien von Rinderfarmern. Gelegentlich erlegen die Geparde Rinderkälber, was zu erheblichen Konflikten führte. Wir haben uns mit den Viehzüchtern zusammengesetzt, deren Anregungen und Fragen aufgenommen und gemeinsam eine Forschungsstrategie entworfen. Gemeinsam haben wir es dann geschafft, 250 Geparde mit Funksendern zu versehen, um ihr Bewegungsverhalten und ihre Raumnutzung zu erfassen. Es stellte sich heraus, dass es besonders gefährliche Orte für Kälber gibt – nämlich dort, wo sich Geparden aus der Region regelmäßig treffen, um Informationen auszutauschen oder Paarungspartner zu finden.