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„Sauber, kostenlos und unerschöpflich“

„Sauber, kostenlos und unerschöpflich“

Michael Tausch, Innovationsforscher an der Universität Wuppertal, über das gewaltige Potenzial der Sonnenenergie, veraltete Lehrpläne und sein Werben für die Chemie des Lichts

Herr Professor Tausch, woran arbeiten Sie gerade?
Ich erstelle derzeit Materialienpakete für den Chemieunterricht. Damit will ich Lehrern helfen, auch im Homeschooling lebendigen, gehaltvollen und zeitgemäßen Unterricht zu gestalten.

Wie können wir uns so ein Materialienpaket vorstellen?
Aktuell geht es um das Thema Licht – Farbe – Energie. Dazu stelle ich digitale Lernpfade aus Texten und Videos von Experimenten zusammen, wobei ich aus einem großen Fundus schöpfen kann. Vieles entnehme ich der allgemein zugänglichen Website „Chemie mit Licht“ meiner Arbeitsgruppe an der Universität Wuppertal, anderes aus meinen eigenen Veröffentlichungen zur Chemiedidaktik. Sobald wieder reale Experimente im Präsenzunterricht möglich sind, sollten die aufgezeichneten Versuche real durchgeführt werden – das ist die Idee.

Wie kommt Ihr Paket zu den Lehrern?
Sobald es fertig ist, schicke ich es an die verschiedenen Landesbildungsserver. Dort werden die Materialien integriert und den Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt. Das kann recht problemlos laufen, wie die Erfahrungen mit früheren Lieferungen zeigen.

Warten die Lehrkräfte schon ungeduldig auf Ihr Materialienpaket?
Einige vielleicht schon (lacht). Das sind dann diejenigen, die uns kennen und unsere Materialien mit Gewinn im Unterricht einsetzen. Andere reagieren womöglich noch zurückhaltend auf das Angebot.

Woran liegt das?
Die Chemie mit Licht, fachsprachlich: Photochemie, ist noch nicht in den Lehrplänen angekommen – sie ist also kein Pflichtstoff. Auch im Studium hatten die meisten heutigen Lehrkräfte keine Berührung mit der Thematik. Manche schrecken davor zurück, weil sie die Materie für schwierig halten und glauben, man brauche teure Apparate und giftige Reagenzien für den Unterricht.

Ein Irrglaube?
Ja. Die Chemie mit Licht lässt sich mit ganz einfachen, harmlosen und kostengünstigen Chemikalien und Geräten vermitteln – nicht nur in den Sekundarstufen I und II, sondern teilweise auch schon im Kindergarten. Da gibt es wunderschöne, aussagekräftige Versuche mit Sonnenlicht, Flaschen und LED-Taschenlampen. Details finden sich auf der erwähnten Website „Chemie mit Licht“ und im gleichnamigen Lehrbuch, das sich an Studierende des Lehramts, Lehrkräfte und interessierte Laien richtet. In unseren Fortbildungsveranstaltungen kommt es übrigens regelmäßig zu Aha-Erlebnissen: Viele Lehrer erkennen dann, wie leicht die Photochemie sich in die bestehenden Curricula integrieren lässt – nicht nur im Chemie-Unterricht, sondern auch in anderen naturwissenschaftlichen Fächern.

In einem Lehrgang zeigt Michael Tausch, wie man aus simplen Materialien eine photogalvanische Konzentrationszelle im Miniaturformat baut und damit Strom erzeugen kann.

Wie kommt es zu Ihrer Begeisterung für die Photochemie?
Ich habe mich schon als junger Forscher, damals noch am Forschungsinstitut für Organische Chemie in Bukarest, mit der faszinierenden Materie beschäftigt. Nach meiner Übersiedlung nach Deutschland arbeitete ich zwanzig Jahre als Lehrer für Chemie und Mathematik und entwickelte in dieser Zeit zahlreiche photochemische Versuche, um beispielsweise Prozesse der Photosynthese oder des Auf- und Abbaus von Ozon zu veranschaulichen. Schon damals zeichnete sich ab, dass Sonnenlicht die wichtigste und nachhaltigste Energieform des 21. Jahrhunderts sein wird. Seither hat sich in Forschung und Technik sehr viel getan – und als Professor versuche ich, dieses Wissen in die Lehramtsausbildung an der Universität und in die Schule zu bringen.

Derzeit trägt die Solarstrahlung nur begrenzt zur Energieversorgung bei. Was stimmt sie so optimistisch?  
Unter anderem das gewaltige Potenzial: Sonnenlicht ist sauber, kostenlos und praktisch unerschöpflich. Die Lichteinstrahlung nur eines Tages könnte ausreichen, um die gesamte Menschheit ein Jahr lang mit Energie zu versorgen. Durch Photovoltaik, Solarthermie und andere Verfahren nutzen wir diese Ressource nur zu einem kleinen Teil. Was wir brauchen, sind neue Technologien zur Umwandlung, Speicherung und effizienten Nutzung von Solarlicht. Mithilfe künstlicher Photosynthese lassen sich zum Beispiel klimaneutrale Treibstoffe und Grundchemikalien herstellen. Neuartige Materialien, opto-elektronische Bauteile und neue Verfahren der Mikro- und Nanoskopie – auch dazu kann die Photochemie beitragen.

Eine große Vision. Wie lässt sie sich realisieren?
Wir müssten so viel Sonnenlicht wie möglich einfangen. Ein paar Solarpaneele auf dem Dach reichen da nicht aus. In Zukunft könnten auch Fenster und Autodächer als Solarzellen dienen – entsprechende Ansätze gibt es bereits. Auch flexible Plattformen im Ozean, so groß wie mehrere Fußballfelder, könnten Sonnenlicht einfangen und sowohl photovoltaisch als auch photokatalytisch verfügbar machen. Der menschlichen Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt – und sie will ich mit meiner Arbeit anregen.

Was haben Sie als Nächstes vor?
Hoffentlich ist die Pandemie bald vorbei. Ich kann es kaum erwarten, wieder auszuschwärmen und landauf, landab Workshops für Lehramtsstudenten und Lehrkräfte zu geben.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Professor Tausch in seinem Büro in der Bergischen Universität Wuppertal.

Zur Person

Professor Michael W. Tausch (71) ist Seniorprofessor für das Fachgebiet Curriculare Innovationsforschung an der Bergischen Universität Wuppertal. Dort hatte er von 2005 bis 2018 den Lehrstuhl für Chemie und ihre Didaktik inne. Dieses Fach vertrat er zuvor (1996 bis 2005) als C3-Professor an der Mercator-Universität Duisburg. Von 1976 bis 1996 wirkte Tausch als Fachlehrer für Chemie und Mathematik an der Kooperativen Gesamtschule Weyhe. In diesem Zeitraum absolvierte er seine Promotion an der Universität Bremen und leitete Lehrerfortbildungskurse der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Michael Tausch stammt aus Siebenbürgen, Rumänien, und siedelte nach Chemiestudium und wissenschaftlicher Tätigkeit am Institut für Organische Chemie Bukarest im Jahr 1975 nach Deutschland um. Mitglied der GDNÄ wurde Michael Tausch im Jahr 2006 bei der Versammlung in Bremen. Im Jahr 2015 erhielt er als erster Chemiedidaktiker den neu eingerichteten Heinz-Schmidkunz-Preis der Gesellschaft Deutscher Chemiker.

Workshop „Lichtlabor Pflanze“: Michael Tausch vor Chemielehrkräften im November 2019 in Berlin.

Weiterführende Links:

Die GDNÄ trauert um ihr Mitglied, den Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

Er entdeckte das Ozonloch

Die GDNÄ trauert um ihr Mitglied,
den Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

Das langjährige Mitglied der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) Professor Paul J. Crutzen ist am 28. Januar 2021 im Alter von 87 Jahren verstorben. Paul Crutzen erhielt 1995 gemeinsam mit Mario J. Molina und F. Sherwood Rowland den Nobelpreis für Chemie für die Erklärung, wie Stickoxide die Ozonschicht zerstören und durch welche chemischen Prozesse das Ozonloch entsteht. 

„Paul Crutzen hat früh den Einfluss der Zivilisation auf die Umwelt in den Blick genommen, und wichtige Beiträge zur Erforschung des menschengemachten Klimawandels geleistet,“ sagt Martin Lohse, Präsident der GDNÄ. „Er hat als Erster gezeigt, wie menschliche Aktivitäten die Ozonschicht schädigen, und damit die Grundlage für das weltweite Verbot von ozonabbauenden Substanzen geschaffen.“ 

Paul Crutzen prägte zudem den Begriff Anthropozän, um das aktuelle Zeitalter zu beschreiben, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf atmosphärische, biologische und geologische Prozesse auf der Erde geworden ist und die Entwicklung des Planeten prägt. Er war ein großer Mahner angesichts zunehmend spürbarer Folgen von Eingriffen in die Umwelt. In den letzten Jahren fragte er sich besorgt, ob die Menschheit es noch früh genug schafft, den Klimawandel als ernsthaftes Problem zu erkennen und anzugehen. Auch deshalb war Crutzen ein überzeugter Vermittler zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. 

Die GDNÄ wird Paul J. Crutzen ein ehrendes Andenken bewahren.

Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

Schule trifft Wissenschaft

Schule trifft Wissenschaft

„I’m a Scientist, Get me out of here“ ist eine Online-Plattform im Bereich der Wissenschaftskommunikation, bei der Forscher, Techniker oder Manager aus allen Bereichen der Wissenschaft mit Schülern in einen Dialog treten. 

Das in Großbritannien entwickelte Online-Format wird dort bereits seit einigen Jahren sehr erfolgreich an Schulen eingesetzt. Nun betreut die Initiative Wissenschaft im Dialog die Plattform für die Teilnahme in Deutschland – ein Vorhaben, das die GDNÄ unterstützt. Die nächste Runde findet vom 15. bis zum 26. März 2021 zum Thema „Infektionen“ statt. Noch bis zum 14. Februar können sich Wissenschaftler dazu anmelden. 

In der Corona-Pandemie, in der Schulen parallel Distance Learning und Präsenzunterricht organisieren müssen, kann das neue Angebot für Schüler und Lehrer eine willkommene Abwechslung sein. Das kostenfreie Online-Angebot findet im geschützten Rahmen statt. Alle Teilnehmer werden auf der Webseite registriert. Geschulte Moderatoren begleiten die Live-Chats und pflegen den Fragenbereich. 

Wissenschaftler können in dem Projekt – das zeigen die bisherigen Erfahrungen – ihre Kommunikationsfähigkeiten verbessern, neue Perspektiven auf ihre Arbeit gewinnen und mehr über die Einstellungen von Jugendlichen zu Wissenschaft und Forschung lernen. Teilnehmenden Wissenschaftlern winkt zudem ein Preisgeld von 500 Euro, das sie in Projekte zur Wissenschaftskommunikation investieren können.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

„I’m a Scientist, Get me out of here“

Nähere Informationen finden Sie unter:

Die GDNÄ trauert um ihren Altpräsidenten Professor Wolfgang Gerok

Zum Gedenken

Die GDNÄ trauert um ihren Altpräsidenten Professor Wolfgang Gerok

Der ehemalige Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ), der Mediziner Professor Wolfgang Gerok, ist am 16. Januar 2021 im Alter von 94 Jahren in Freiburg verstorben. Wolfgang Gerok war in den Jahre 1987 bis 1988 und 1990 Präsident der GDNÄ und leitete die 115. Versammlung in Freiburg und die 116. Versammlung in Berlin. 

„Wolfgang Gerok war einer der ganz großen Mediziner der Nachkriegszeit“, sagt der GDNÄ-Präsident Professor Martin Lohse. „Er wusste die klinische Medizin mit den Grundlagenwissenschaften zu verbinden: Das lebte er vor und gab es seinen Schülern und Freunden auf den Weg. Mit seinen Konzepten prägte Wolfgang Gerok die deutsche Wissenschaftslandschaft – und für die GDNÄ war er ein herausragender Präsident.“

Wolfgang Gerok kam 1926 in Tübingen zur Welt. Nach dem Medizinstudium in Tübingen und Freiburg wurde er Internist mit den Schwerpunkten Gastroenterologie, Hepatologie und Stoffwechselkrankheiten. Von 1968 bis 1994 hatte er den Lehrstuhl für Innere Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg inne und war Ärztlicher Direktor der Abteilung Innere Medizin II Medizinischen Universitätsklinik Freiburg. Von 1987 bis 1995 war Wolfgang Gerok Mitglied des Senats der Max-Planck-Gesellschaft. Als Vorsitzender des Gründungs- und Planungsausschusses für das Max Delbrück-Centrum für molekulare Medizin in Berlin-Buch schuf er zwischen 1991 und 1993 die Grundlagen für dessen erfolgreiche Arbeit. Wolfgang Gerok wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern, der Cothenius-Medaille der Leopoldina und der Ernst-Jung-Medaille für Medizin in Gold sowie mit dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste.

Die GDNÄ wird ihrem ehemaligen Präsidenten ein ehrendes Andenken bewahren.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Wolfgang Gerok

„Es gibt kein schöneres Leben“

„Es gibt kein schöneres Leben“

Er ist ein international bekannter Herz-Kreislauf-Forscher, hochdekorierter Wissenschaftsmanager – und ehemaliger GDNÄ-Präsident: Im Gespräch erzählt Detlev Ganten von seinen Jahren als Wessi in einem Ost-Institut, dem Aufschwung der Wissenschaft und seinen Plänen für die dritte Lebenshälfte.  

Herr Professor Ganten, die Leitung des World Health Summit haben Sie gerade abgegeben, in Kürze erscheint ein neues Sachbuch aus Ihrer Schreibwerkstatt und zwischendurch engagieren Sie sich für das Wissenschaftsjahr Berlin 2021. Demnächst steht Ihr achtzigster Geburtstag an – finden Sie überhaupt Zeit, ihn zu feiern?
Zeit hat man immer für alles, was man für wichtig hält. Und mit Freunden gemeinsam zu feiern, aus welchem Anlass auch immer, hat in meinem Leben immer einen hohen Stellenwert gehabt. Ich hoffe diese besondere Zeit mit COVID-19 erlaubt das fröhliche Feiern im Freundes- und Kollegenkreis.

In einer Phase, in der viele es beruflich ruhiger angehen lassen, haben Sie Ihre hohe Taktzahl kaum reduziert. Was treibt Sie an?
Die Freude an der Aufgabe. Wissenschaftler haben ja das unschätzbar große Privileg, sich ihre Aufgabe selber auszuwählen. Es gibt kein schöneres Leben. Dazu kommt die Hoffnung, man könnte ja vielleicht etwas Bedeutsames erforschen und realisieren.

Sie bewegen sich seit Langem im deutschen Wissenschaftssystem und kennen es aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: als Pharmakologie-Professor in Heidelberg und als Gründungsdirektor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin im Osten Berlins, als Vorstandsvorsitzender der Helmholtz-Gemeinschaft und als Chef der Charité, um nur einige Ihrer Stationen zu nennen. Wie hat sich das System in dieser Zeit verändert?
Es ist erfreulicherweise vieles besser geworden. Deutschland hat in den letzten fünfzig Jahren wieder an seine große Wissenschaftstradition angeschlossen. In den Nachkriegsjahren hatte der wirtschaftliche Wiederaufbau zunächst Vorrang.  Mit Forschung und Wissenschaft ging es erst wieder in den 1970er-Jahren richtig los und die Wiedervereinigung brachte nochmal einen erheblichen Schub. Die finanzielle Förderung war gut und zuverlässig. Inzwischen ist auch die „Versäulung“ der Wissenschaft, also die Trennung von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, nicht mehr so ausgeprägt wie früher, das System ist durchlässiger geworden. Wenn es um die wissenschaftliche Produktivität geht, rangiert Deutschland heute im internationalen Vergleich auf Platz vier. Das Land hat sich insgesamt wieder zu einem sehr guten, attraktiven Wissenschaftsstandort entwickelt.

Willkommen in Berlin: Beim World Health Summit empfing Gründungspräsident Detlev Ganten zwischen 2009 bis 2020 alljährlich Tausende Experten aus Politik und Gesundheitswesen in der Bundeshauptstadt.

Sie sind 1991 aus dem beschaulichen Heidelberg weggegangen, um im Ostteil Berlins das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin aufzubauen. Ein großer Schritt, persönlich wie beruflich. Wie sind Sie die neue Aufgabe angegangen?
Nach meiner Ernennung zum Gründungsdirektor am 5. September 1991 bin ich sofort nach Berlin-Buch gefahren, um mich persönlich vorzustellen. Es herrschte eine angespannte Stimmung, die circa 2500 Mitarbeiter waren damals stark verunsichert. In ihren Augen war ich der unbekannte Wessi mit dem Auftrag, aus den drei Zentralinstituten der Akademie der Wissenschaften der DDR vor Ort etwas Neues zu formen. Das erregte natürlich Misstrauen, aber gleichzeitig spürte ich eine große Bereitschaft, die Chance der friedlichen Wiedervereinigung, die im Osten Deutschlands ihren Ursprung hatte, zu ergreifen und einen neuen Weg gemeinsam zu gehen. Für einige Wochen habe ich dann praktisch rund um die Uhr Gespräche geführt. Mein Büro war für alle Mitarbeiter jederzeit offen, abends gab es Flensburger Bier oder Rotwein und so haben wir uns auch persönlich besser kennengelernt. In dieser offenen Atmosphäre entstanden gemeinsame Konzepte und eine Aufbruchsstimmung, die alle erfasste und eine unglaubliche Kreativität freisetzte. 1992 konnten wir das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch feierlich gründen – auch der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker kam zum Festakt. Ich bin zwölf Jahre am MDC geblieben. Beruflich und menschlich war es eine der herausforderndsten und prägendsten Zeiten meines Lebens.

Flensburger Bier und Rotwein haben sicher dazu beigetragen: Aber was war es im Kern, das Ihre anfangs skeptischen Mitarbeiter umgestimmt hat? Anders gefragt: Wie wurde aus Misstrauen Aufbruchsgeist?
Wichtig waren der gegenseitige Respekt und das Zuhören. Ich wusste ja anfangs auch nicht genau, wie der Weg aussehen würde und war darauf angewiesen, ihn gemeinsam zu finden. Das habe ich meinen Mitarbeitern und Kollegen auch offen gesagt und das hat enorme Energien freigesetzt: Alle wollten zum Erfolg beitragen, auch die von Wissenschaftlern oft so gern gescholtene Verwaltung. Hinzu kommt die einmalige Geschichte des Standorts mit seinen weltberühmten Kaiser-Wilhelm-Instituten und später dann mit dem biomedizinischen Komplex rund um die Akademie-Institute der DDR ­– Buch war schon immer bekannt für seine wissenschaftliche Qualität. Den Kollegen dort war diese Tradition sehr bewusst und auch für mich wurde sie ein Kraftquell. Was sehr zum Erfolg beigetragen hat, waren die großen Freiheiten, die wir in den Aufbaujahren genossen: Die Politik ließ uns viel Spielraum bei unseren Entscheidungen.  

Das MDC sollte eine Forschungseinrichtung neuen Stils werden. Ist das gelungen?
Ich denke schon – aber das müssen andere beurteilen. Unser Konzept, die Erforschung von molekularen Grundlagen und zellulären Basismechanismen zusammen mit Klinikern zum besseren Verständnis von Gesundheit und Krankheit zu nutzen, hat sich bewährt. Mit flachen Hierarchien, vielen unabhängigen, jungen Arbeitsgruppen und der Möglichkeit, sich um Drittmittel bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen Fördermittelgebern zu bewerben, haben wir ein modernes, attraktives, agiles MDC geschaffen. Wir haben auch dafür gesorgt, dass Ergebnisse aus der Grundlagenforschung zügig Patienten zugutekommen und wirtschaftlich genutzt werden können. Die Zusammenarbeit mit der Charité Universitätsmedizin Berlin klappt hervorragend.  Direkt neben den Forschungslaboren ist ein Biotechnologie-Campus entstanden, der heute zu den bedeutendsten in Deutschland zählt.

In Ihrer Zeit als MDC-Chef haben Sie viele zusätzliche Aufgaben übernommen: Mehr oder weniger parallel waren Sie Mitglied des Wissenschaftsrats, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft und, von 1996 bis 1998, auch Präsident der GDNÄ. Wie kam es zu dieser Ämterfülle?
Diese zusätzlichen Aufgaben habe ich angenommen, weil dadurch neue Synergien für die Entwicklung des MDC möglich wurden. Die Erneuerung der Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen zur Helmholtz-Gemeinschaft war ein Segen für uns und die gesamte deutsche Gesundheitsforschung. Und die Präsidentschaft der hochangesehenen GDNÄ empfand ich als Anerkennung für das neue MDC.

In Ihre Amtszeit fiel der 175. Geburtstag der GDNÄ, der mit einem großen Symposium in Lübeck gefeiert wurde. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie zurückdenken?
Die wunderbare, gesellige, kollegiale Atmosphäre, die großartigen Gäste. Die Tradition, der lebendige Geist und die ausgewählten Vorträge auf höchstem Niveau: Das prägt bis heute mein Bild von der GDNÄ. Der Wissenschaftshistoriker Dietrich von Engelhardt hatte die Tagung vorbereitet und sie verlief glanzvoll. Sehr gern erinnere ich mich an die Teilnahme der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. Praktisch alle Präsidenten der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen waren gekommen und es sind neue Freundschaften entstanden. Virchow, Helmholtz, die Humboldts – sie hätten Ihre Freude an dieser Tagung gehabt.

Ein Jahr später, im Jahr 1998, richteten Sie in Berlin die 120. Versammlung der GDNÄ aus. Sie trug den Titel „Informationswelt – Unsere Welten der Information“ – um was ging es genau?
Ein Schwerpunkt war zum Beispiel die Genomforschung. Neue Methoden der Gensequenzierung bei Modellorganismen und des Menschen ergaben eine bis dahin unbekannte Datenmenge mit neuen Möglichkeiten in der molekularen Medizin.  Über deren Chancen und Risiken wurde Ende der 1990er-Jahre ja weltweit sehr intensiv diskutiert. Deutschland war damals in einem Selbstfindungsprozess, es war eine Zeit des Umbruchs. Nach der Wiedervereinigung wurde Berlin 1999 ja Sitz der Bundesregierung.  Damals ging es auch um die neue Corporate Identity der Nation: „Großdeutschland“ oder „Land der Dichter und Denker“ – zwischen diesen Polen changierte die öffentliche Debatte. Berlin als eine Art Laboratorium der Wiedervereinigung war vor diesem Hintergrund natürlich ein hervorragender Ort für die Versammlung.

Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die 200-Jahr-Feier der GDNÄ im Jahr 2022. Wie sehen Sie die Zukunft der traditionsreichen Gesellschaft?
Der fachübergreifende Austausch unter Wissenschaftlern und mit der Öffentlichkeit – das ist ja der GDNÄ-Markenkern – ist heute wichtiger denn je. Auch andere Wissenschaftsinstitutionen veranstalten jetzt große Tagungen mit öffentlichen Anteilen, ich denke zum Beispiel an die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft oder an die Leopoldina und die Länderakademien. Das ist eine gute Entwicklung.  Was die GDNÄ jedoch von anderen Wissenschaftsorganisationen unterscheidet: Sie hat Lehrer, Schüler und interessierte Bürger als Mitglieder. Mein Vorschlag wäre, künftig noch mehr nach außen zu gehen: mit hochwertigen Angeboten für die Mitglieder und starken Impulsen in die Gesellschaft. Da sehe ich einen großen Bedarf und zu solchen Initiativen leiste ich sehr gerne meinen Beitrag.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Professor Detlev Ganten.

Zur Person

Prof. Dr. Ganten kam im März 1941 in Lüneburg zur Welt. Er studierte Medizin in Würzburg, Montpellier und Tübingen und erwarb den Titel „Philosophical Doctor, PhD“ an der McGill Universität in Montreal/Kanada. 1973 kehrte er nach Deutschland zurück, um eine Professur am Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg anzutreten. Nach dem Fall der Mauer wurde er 1991 als Gründungsdirektor an das Max- Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) nach Berlin-Buch berufen. Von 2004 bis 2008 war Ganten Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Von 1993 bis 1998 wirkte er als Mitglied des Wissenschaftsrats und von 1997 bis 2001 als Vorsitzender der Helmholtz-Gemeinschaft. Von 2002 bis 2007 war Detlev Ganten Mitglied im Nationalen Ethikrat, von 1992 bis 1998 Präsident der World Hypertension League und von 1996 bis 1998 Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Von 2009 bis 2020 leitete er als Gründungspräsident den World Health Summit.

Die Bluthochdruckforschung ist der wissenschaftliche Schwerpunkt Gantens. Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Ehrungen im In- und Ausland, darunter 1990 den Max-Planck-Forschungspreis, den japanischen Okamoto-Preis sowie den CIBA-Preis des Council für High Blood Pressure Research der American Heart Association (1992). Ihm wurde die Ehrendoktorwürde mehrerer Universitäten im In- und Ausland zuerkannt. Im Jahre 1997 erhielt er den Verdienstorden des Landes Berlin, 2000 das Bundesverdienstkreuz und 2003 die Ernennung zum Ritter der französischen Ehrenlegion. Detlev Ganten ist Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und weiterer Akademien.

Neben seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat Detlev Ganten mehrere populärwissenschaftliche Bücher (mit-)verfasst: „Leben, Natur, Wissenschaft: Alles, was man wissen muss“ (2005), „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“ (2009) und „Die Gesundheitsformel“ (2014). Sein neues Buch, eine zusammen mit Ernst Fischer erstellte Doppelbiografie über Hermann von Helmholtz und Rudolf Virchow, erscheint 2021 unter dem Titel „Die Idee des Humanen“.

Meister ihres Fachs: Vor dem zentralen Gebäude des MDC in Berlin-Buch erinnert eine Büste an den Genetiker, Biophysiker und Nobelpreisträger Max Delbrück, der bis 1937 in Berlin forschte und dann in die USA auswanderte.

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