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Rainer Blatt: Die Quantentechnologie entwickelt sich stürmisch

„Die Quantentechnologie entwickelt sich stürmisch“

Für seine Leistungen auf dem Gebiet der Quantenphysik erhält Anton Zeilinger den Physiknobelpreis 2022. Wie Österreich zu einem Hotspot dieser Forschungsrichtung wurde und wie man jetzt in Deutschland aufholen will, schildert in diesem Interview Professor Rainer Blatt. Er ist vielen GDNÄ-Mitgliedern durch seine Vorträge und Publikationen bekannt und arbeitet seit Langem eng mit Anton Zeilinger zusammen. 

Herr Professor Blatt, wie viele Interviews haben Sie seit Anfang Oktober gegeben?
Es werden fünf oder sechs gewesen sein. Die Anfragen kamen von nationalen und internationalen Agenturen und Zeitungen. 

Um was ging es in den Gesprächen?
Anlass war natürlich der Nobelpreis für die Quantenforschung, der meinem Kollegen Anton Zeilinger zusammen mit dem Franzosen Alain Aspect und dem US-Amerikaner John Clauser zugesprochen wurde. Das Themenspektrum reichte von Fragen der Grundlagenforschung bis zu meiner Verbindung zu Anton Zeilinger.  

Das interessiert auch uns: Wie lange kennen Sie Anton Zeilinger und was verbindet Sie beide?
Wir kennen uns seit 35 Jahren und haben bald nach meiner Ankunft an der Universität Innsbruck im Jahr 1995 mit unserer Zusammenarbeit begonnen. Uns verbindet die quantenphysikalische Forschung, wobei sich unsere Ansätze unterscheiden, aber gut ergänzen. Anton Zeilinger widmet sich den Grundlagen der Quantenmechanik und arbeitet mit Photonen, ich habe mich auf Atome und Ionen spezialisiert und nehme stärker die Anwendungen in den Blick. Zusammen gründeten wir mit Peter Zoller und weiteren Kollegen im Jahr 2003 in Innsbruck das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation, kurz: IQOQI. Unser Vorbild war das berühmte JILA, ein US-Institut für Atomphysik und Astrophysik in Boulder, Colorado. Dort hatten Peter Zoller und ich wunderbare Forschungsaufenthalte verbracht. Zurück in Österreich konnten wir die hiesige Akademie der Wissenschaften für den Aufbau einer ähnlichen Institution in unserem Land gewinnen. Inzwischen hat sich das IQOQI, das kann man ohne Übertreibung sagen, zu einem Leuchtturm der Forschung entwickelt.

Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI). © IQOQI/M.R.Knabl

© IQOQI/M.R.Knabl

Exklusive Lage den Tiroler Alpen: das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI).

Wie können wir uns das Institut vorstellen?
Wir arbeiten an zwei Standorten: Hier in Innsbruck forschen inzwischen mehr als 200 Wissenschaftler aus über 20 Ländern, ähnlich groß und international ist das Team um den Leiter Markus Aspelmeyer in Wien. Trotz unterschiedlicher Forschungsschwerpunkte arbeiten wir eng zusammen und unsere Arbeitsgruppen treffen sich regelmäßig, um sich auszutauschen. In den ersten Jahren habe ich das Institut als Gründungsdirektor geleitet, seither fungiere ich als wissenschaftlicher Direktor. 

Könnte man das IQOQI demnach als Keimzelle für den Quantenphysik-Nobelpreis 2022 bezeichnen?
Durchaus. Zwar sind viele der mit dem Preis gewürdigten Arbeiten bereits vor der Gründung des Instituts entstanden, das IQOQI hat jedoch die Sichtbarkeit der Quantenphysik in Österreich sehr befördert.  

Welche Bedeutung hat die Auszeichnung für Ihr Fachgebiet in Österreich?
Der Nobelpreis ist auch eine Anerkennung für die immense Aufbauleistung der letzten 25 Jahre. Sie hat dazu geführt, dass in der Quanteninformation hierzulande eine kritische Masse entstanden ist. Mit seinen Pro-Kopf-Ausgaben für diesen Bereich ist Österreich weltweit führend. Dafür gesorgt haben unsere Förderagenturen, allen voran der Wissenschaftsfonds FWF, das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und die Österreichische Akademie der Wissenschaften – ihnen gilt unser ganz besonderer Dank. 

Wie steht es um die praktische Anwendung der Forschungsergebnisse, etwa im Bereich Quantencomputer?
Es gibt erste Prototypen, die mit einigen zehn Quantenbits, sogenannten Qubits, rechnen können. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt, dass ein Quantencomputer im Prinzip schon mit fünfzig Qubits die Leistungsfähigkeit eines heutigen Supercomputers erreichen kann. Voraussetzung ist allerdings, dass die Quantenrechnungen sich beliebig lange fortsetzen lassen und dabei keinerlei Fehler passieren. Davon sind wir noch weit entfernt, doch an Fehlerkorrektur und Skalierbarkeit wird derzeit weltweit intensiv gearbeitet. Überhaupt entwickelt sich das Feld stürmisch, das Potenzial ist extrem groß und viele junge Leute mit frischen Ideen stoßen neu hinzu.

Labor im Innsbrucker Institut für Quantenoptik und Quanteninformation © IQOQI/M.R.Knabl

© IQOQI/M.R.Knabl

Blick in ein Labor im Innsbrucker Institut für Quantenoptik und Quanteninformation.

 

Oft heißt es, dass Quantencomputer mit gigantischen Rechenleistungen klassische Computer schon bald ganz verdrängen werden. Sehen Sie das auch so?
Nein, denn Quantencomputer eignen sich besonders gut für die Lösung von speziellen Problemen, zum Beispiel für die Berechnung der Quanteneigenschaften von Materialien, was in der Chemie sehr wichtig ist und wofür heute rund die Hälfte der weltweiten Rechenleistung verbraucht wird. Klassische Computer benötigen für solche Operationen sehr viel mehr Speicherkapazität als Quantencomputer. Übrigens wies schon in den 1980er-Jahren der US-Nobelpreisträger Richard Feynman darauf hin, dass es doch sehr viel sinnvoller sei, für solche Aufgaben Computer zu verwenden, die mit Quanteneigenschaften rechnen und somit das Quantenverhalten automatisch berücksichtigen, als dies auf einem klassischen Rechner kompliziert zu programmieren. Klassische Computer werden weiterhin Standardberechnungen und Routinearbeiten durchführen und haben ihre Berechtigung, wenn es zum Beispiel um Big-Data-Anwendungen geht, etwa in der Klimaforschung. Hier gelten die Regeln der klassischen Mechanik, das ist nicht das Terrain der Quantenrechner.

Mit zwei Milliarden Euro fördert die Bundesregierung die Entwicklung von Quantencomputern „Made in Germany“. Bayern legte noch einmal 300 Millionen Euro drauf und startete Anfang 2022 das ehrgeizige Projekt „Munich Quantum Valley“, in dem auch Sie sich engagieren. Was passiert da gerade?
Es geht darum, die Quantentechnologie insgesamt sowie wettbewerbsfähige Quantencomputer in Bayern zu entwickeln und zu betreiben. Die beiden Münchner Universitäten und die Universität Erlangen-Nürnberg beteiligen sich, dazu die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Im Munich Quantum Valley mit seinen gut 350 Mitarbeitern laufen die Fäden zusammen. Derzeit bauen wir Quantencomputer auf drei unterschiedlichen Plattformen auf. Schon jetzt setzt das Projekt international Maßstäbe. Ich widme ihm als Berater und Koordinator inzwischen die Hälfte meiner Arbeitszeit.

Das Munich Quantum Valley hat sich vorgenommen, die Öffentlichkeit über aktuelle Themen der Quantenforschung zu informieren. Eine gute Idee?
Ich halte das für extrem wichtig. Die wissenschaftliche Arbeit und die Forscher werden von der Gesellschaft bezahlt, das Forschungsumfeld wird von ihr bereitgestellt – also haben wir auch die Pflicht zu erklären, was und wofür wir das tun.

Wie gehen Sie dabei vor? Leichte Kost ist die Quantenphysik ja nicht gerade.
Ich nehme die Leute ernst und versuche, sie dort abzuholen, wo sie gerade sind. Was ich sage, muss nicht wissenschaftlich klingen. Es sollte die Dinge so einfach wie möglich auf den Punkt bringen, darf aber nicht falsch sein. Ich benutze gern Bilder, Analogien und Beispiele. Und manchmal zitiere ich meine Mutter mit einem ihrer Lieblingssätze: „Von nix kommt nix“. Da sind wir dann mitten in der Physik und schnell bei meinen Themen.

Rainer Blatt, Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck. © C. Lackner

© C. Lackner

Rainer Blatt, Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck.

Zur Person

Rainer Blatt ist seit 1995 Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck und seit 2003 wissenschaftlicher Direktor am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Der 1952 in Idar-Oberstein geborene Forscher studierte in Mainz Mathematik und Physik. Seine akademische Laufbahn führte ihn anschließend nach Berlin, Hamburg und Göttingen. Prägend für seine Arbeit waren Forschungsaufenthalte am Joint Institute of Laboratory Astrophysics in Boulder/Colorado bei John L. Hall, der 2005 den Physiknobelpreis erhielt.

Für seine Leistungen auf dem Gebiet der Quantenphysik erhielt Professor Blatt viele Auszeichnungen, darunter 2016 den International Quantum Communication Award und 2019, gemeinsam mit Anton Zeilinger und Peter Zoller, den Preis der chinesischen Micius Quantum Foundation. Seit 2021 koordiniert der Deutsch-Österreicher zusätzlich zu seiner Arbeit in Innsbruck das Munich Quantum Valley, eine Initiative zum Ausbau der Quantenwissenschaften in Bayern. 2021 wurde Rainer Blatt auch zum Ehrenprofessor der Technischen Universität München ernannt sowie zum auswärtigen Mitglied des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in Garching bei München berufen. Der GDNÄ ist Professor Blatt seit Jahren als Gastredner und Autor verbunden.

 

Zur Vertiefung

Für die Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der GDNÄ hat Rainer Blatt einen Beitrag über Quantencomputer verfasst („Mit Quanten muss man rechnen“). Der Innsbrucker Physikprofessor beschreibt darin den aktuellen Stand der Forschung und stellt die Arbeit seines Teams an der Universität Innsbruck vor.

>> „Mit Quanten muss man rechnen“ aus der Festschrift zum GDNÄ-Jubiläum (PDF)

Bei der 130. Versammlung in Saarbrücken 2018 hielt Professor Blatt einen Vortrag zum Thema „Quantenphysik – Rechenkunst mit Quantenphysik“:

>> zum Vortrag von Professor Blatt

Weitere Informationen:

RNA-Medizin. Einst unterschätzt, jetzt Hoffnungsträger

RNA-Medizin

Einst unterschätzt, jetzt Hoffnungsträger

In der Corona-Pandemie stellten mRNA-Impfstoffe ihre Wirksamkeit und Sicherheit unter Beweis. Mit ihnen beginne eine neue Ära in der Medizin, sagt der Würzburger Infektionsbiologe Jörg Vogel. Er beschreibt den Siegeszug der Ribonukleinsäure in der Therapie bei der GDNÄ-Festversammlung in Leipzig – und hier im Interview. 

Herr Professor Vogel, ein Themenschwerpunkt der Jubiläumstagung in Leipzig ist die RNA-Medizin. Was macht die neue Therapierichtung so interessant?
Die begründete Hoffnung, dass bisher unheilbare Krankheiten endlich behandelt werden können. Auslöser waren die großartigen Erfolge der mRNA-Impfstoffe in der Corona-Pandemie. Die Impfstoffe konnten nicht nur sehr schnell entwickelt werden, sie haben sich auch als hochwirksam und sicher erwiesen. Weltweit herrscht derzeit eine unglaubliche Aufbruchstimmung, manche sprechen sogar von einer medizinischen Revolution. Jetzt geht es darum, das Wirkprinzip auf möglichst viele Krankheiten zu übertragen. 

Welche Krankheiten kommen dafür infrage?
Grenzen gibt es da kaum. Die Forschung konzentriert sich aktuell auf Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber auch andere Volkskrankheiten wie die Demenz sind mögliche Kandidaten. Und bei zahlreichen seltenen Erkrankungen, vor allem wenn sie auf Defekte in einem einzelnen Gen zurückgehen, könnte die RNA-Medizin endlich den Durchbruch bringen. Einige RNA-Medikamente sind in der EU bereits auf dem Markt und ich rechne schon bald mit vielen neuen Therapien. 

Die RNA scheint ein Alleskönner zu sein. Wie schafft sie das?
Das hat mit ihren vielen Fähigkeiten zu tun, die lange übersehen wurden. Früher konzentrierte sich fast alles auf die Messenger-RNA, kurz: mRNA, ein Botenmolekül, das genetische Baupläne aus dem Zellkern zu den Proteinfabriken im Zytosol bringt. Neben der ebenfalls schon länger bekannten tRNA, die Aminosäuren zu den Proteinfabriken, den Ribosomen, transportieren, und der rRNA, die ein Bestandteil dieser Proteinfabriken ist, hat man in den letzten Jahren viele weitere RNA-Klassen entdeckt. Sie erhielten Namen wie miRNA für micro RNA oder siRNA für small interfering RNA. Inzwischen sind mehr als ein Dutzend verschiedene RNA-Klassen bekannt, und es kommen ständig neue hinzu. Klar ist heute: RNA steuert lebenswichtige Prozesse in den Zellen und Fehler bei dieser Steuerung können Krankheiten verursachen. Oder, um ein bisschen zu übertreiben: Die RNA ist der wahre Akteur in unseren Zellen und Organen.

Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

© SciGraphix/Sandy Westermann

Die moderne RNA-Medizin nutzt unter anderem therapeutische mRNA, Antisense-Strategien und CRISPR-Cas-Systeme zur Behandlung unterschiedlicher Krankheiten.

Wie lässt sich das Wundermolekül medizinisch nutzen?
Auf zweierlei Weise: in modifizierter Form als Wirkstoff und, wenn es um körpereigene RNA geht, als Angriffspunkt für maßgeschneiderte Wirkstoffe. mRNA-Impfungen sind ein gutes Beispiel für das erste Wirkprinzip. So enthält etwa der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer eine im Labor erzeugte mRNA-Variante des Stachelproteins von SARS-CoV-2. Nach der Impfung erzeugt der Körper diese Stachelprotein-Variante, was eine starke Immunantwort hervorruft. Der Impfstoff funktioniert als Antigen, das die Bildung von Antikörpern durch das Immunsystem anstößt. In ähnlicher Weise will man das Immunsystem mithilfe gezielt veränderter RNA zur Produktion von Antikörpern gegen Krebszellen anregen. Dazu laufen bereits etliche Studien. Man könnte auch die Lungenzellen von Mukoviszidose-Patienten mithilfe der CRISPR-Cas-Methode so verändern, dass sie ein lebenswichtiges Protein in der korrekten Form herstellen. Welche dieser Therapien sich unter medizinischen und Kosten-Gesichtspunkten durchsetzen wird, kann man heute noch nicht absehen.

Bitte erläutern Sie auch das zweite Wirkprinzip an einem Beispiel.
In der Herzmedizin wird beispielsweise daran geforscht, die Produktion krankmachender Proteine durch künstlich hergestellte siRNA zu unterbinden. Dafür werden RNA-Schnipsel im Labor erzeugt, die genau komplementär zur Sequenz der körpereigenen RNA aufgebaut sind – sogenannte Antisense-Moleküle. Die Idee ist, sie an kleine Fettbläschen zu koppeln und unter die Haut zu spritzen. Diese Liposomen sollen ins Herz gelangen, um ihre siRNA-Fracht in die Zellen einzuschleusen. Die Fracht, so der Plan, dockt an der körpereigenen RNA an und legt sie lahm. Auf ähnliche Weise könnte man nicht-kodierende RNA, die im Körper zwar keine Proteine herstellen, dafür aber viele Prozesse regeln, bei Fehlfunktionen in die gewünschte Richtung lenken. 

Was kann, kurz gesagt, die RNA-Medizin, das herkömmliche Wirkstoffe nicht können?
Ein großer Vorteil ist die Programmierbarkeit: Wirkstoffe lassen sich exakt nach Bedarf entwerfen. Ein weiterer Vorzug ist die Geschwindigkeit. Man kann ein Therapeutikum am Bildschirm in Minutenschnelle entwerfen und danach zügig herstellen, wenn die Produktionskapazität da ist. Denken wir an die mRNA-Impfstoffe, die ja sehr schnell zur Verfügung standen.

Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

© RVZ

Alt und neu in ästhetischer Verbindung: Die umgebaute und erweiterte frühere Chirurgische Klinik der Würzburger Universität beherbergt jetzt zwei Forschungszentren, das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung und das Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin.

Aber bewirken RNA-Therapien auch genau das, was sie sollen?
Sie sind sehr spezifisch. Vielleicht sogar spezifischer als herkömmliche Arzneimittel, die gegen Proteine gerichtet sind. Zu tun hat das mit der exakten Basenpaarung bei Nukleinsäuren. 

Und wenn gravierende Nebenwirkungen auftreten: Lässt sich die RNA wieder zurückholen?
Das wissen wir noch nicht genau. Bisher war es nicht nötig, weil die mRNA schnell wieder aus dem Körper verschwindet. Für die Zukunft werden wir uns aber etwas überlegen müssen. Bis jetzt ist es nur eine Forschungsidee, Depots mit Ersatzproteinen im Körper anzulegen. Aber wenn das gelingt, muss man natürlich Schutzmechanismen für den Fall von Unverträglichkeiten  bereithalten. Ein prinzipielles Problem sehe ich aber nicht, denn man könnte auch hier ein Gegenmittel entwerfen. Etwa ein Anti-CRISPR-Cas-Molekül, das bei Bedarf verabreicht wird. 

Anders als heutige Medikamente ist RNA sehr instabil. Wie verhindert man, dass sie im Körper schnell zerfällt und wirkungslos bleibt?
Dafür muss man ihre chemische Struktur verändern. Ein passendes Beispiel liefert wieder der mRNA-Impfstoff. Dass er so gut wirkt, ist der Biochemikerin Katalin Karikó zu verdanken. Sie hat schon weit im Vorfeld zusammen mit dem Immunologen Drew Weissmann eine Variante der Base Uridin, das Pseudouridin, in die mRNA eingebaut. Das macht das Molekül nicht nur stabiler und effizienter, es reduziert auch das Risiko von Überreaktionen des Immunsystems. 

Eine Pionierleistung, die die rettenden Impfstoffe erst ermöglichte?
Ja, und ganz bestimmt nobelpreisverdächtig. Wenn man Versuche mit nicht-modifizierter mRNA dagegenhält, dann zeigt sich, dass es ohne diese Modifikation nicht geht. Das ist der Grund, warum manche andere Impfstoffkandidaten bisher gescheitert sind. 

Lassen Sie uns ein paar technische Fragen klären. RNA-Moleküle sind groß und sehr negativ geladen. Wie bekommt man sie im Körper dorthin, wo man sie haben will?
Bei der mRNA-Impfung funktioniert das ja sehr gut: Der in den Oberarmmuskel gespritzte Impfstoff wird im Muskel von bestimmten Immunzellen aufgenommen und führt von dort aus direkt zur Immunantwort. Es wird aber, wie schon erwähnt, auch über Depots in der Nähe von Zielorganen wie Lunge, Leber oder Nieren nachgedacht. Sprays sind ebenfalls in der Diskussion. Insgesamt ist das gerade ein großes Forschungsthema. Wichtig ist dabei immer auch die Compliance: Wie gut wird die Therapie von Patienten angenommen und wie treu bleiben sie ihr – all das spielt eine Rolle. 

Heute werden RNA-Moleküle vor allem in Lipide verpackt, um sie in die Zellen zu schleusen. Ist das die beste Methode?
Derzeit ja. Erprobt werden auch Nanocages, die man sich als Käfige aus DNA zum Transport der RNA vorstellen kann. Es kommt vor allem darauf an, die vergleichsweise großen RNA-Moleküle vor den Attacken des Immunsystems und dem Abbau durch Enzyme zu schützen – an diesen Kriterien müssen sich alle Verfahren messen lassen.  

Wie lange hält die Wirkung einer RNA-Therapie an?
Das kommt auf die Technologie an. Bei der mRNA-Therapie wird das Protein, ähnlich wie bei der Corona-Impfung, nach Verabreichung für einige Tage hergestellt – danach ist die mRNA abgebaut. Das Protein wiederum kann Tage bis Wochen im Körper existieren und seine Wirkung entfalten, bis es dann ebenfalls abgebaut wird. Ein Beispiel: Bei der Therapie der Spinalen Muskelatrophie SMA müssen die Medikamente, die die mRNA-Reifung fördern, alle zwei bis vier Monate gegeben werden. 

Wie weit ist die Erprobung am Menschen?
Mit am weitesten fortgeschritten ist eine CRISPR-Cas-Studie mit einem RNA-Wirkstoff zur Behandlung der Erbkrankheit Beta-Thalassämie. Bisher benötigen die Patienten regelmäßige Bluttransfusionen. Wenn die neue Therapie sich bewährt, ist das nicht mehr nötig. Dann produziert ihr Körper das fehlende Hämoglobin. In der klinischen Prüfung sind auch neue Impfstoffe auf mRNA-Basis, etwa gegen Influenza oder Malaria.

Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

© HIRI / Luisa Macharowsky

An der anaeroben Werkbank im Labor des Helmholtz-Instituts für Infektionsforschung mit Professor Jörg Vogel (links).

Warum ist die RNA-Medizin erst jetzt ein großes Thema geworden?
Es brauchte die Pandemie, um Druck aufzubauen. Sie hat den nötigen Schub gebracht und gezeigt, dass mRNA-Impfstoffe und die RNA-Medizin insgesamt wirksam und sicher sind.  

Sie gelten als Pionier der RNA-Medizin. Was hat Sie in diese Richtung gebracht?
Ich habe Biochemie studiert und schon als Student in molekularbiologischen Laboren gearbeitet, unter anderem in der Pflanzengenetik. Dort habe ich dann auch promoviert, und zwar über molekulare Mechanismen von katalytischen RNA-Molekülen in den Chloroplasten der Gerste.  

Seit mehr als fünf Jahren leiten Sie das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung. Wo stehen Sie heute?
Das Institut hat sich prächtig entwickelt, und zwar parallel zur wachsenden Bedeutung der RNA-Forschung. Als wir anfingen, dachte man beim Thema Impfstoffe noch in erster Linie an Proteine als Wirkstoffe, nicht an RNA. Das hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert. Innovationen erwartet man heute vor allem von der RNA-Forschung. An unserem Institut profitieren wir sehr von der Hochdurchsatzsequenzierung: Dadurch können wir wie mit einem Mikroskop in die Zellen hineinschauen und sehen, welche RNA gerade produziert werden. Mittlerweile sind wir auch ziemlich gut darin, die RNA so zu modifizieren, dass sie medizinisch nützlich ist. 

Ist der medizinische Nutzen ein großes Thema bei Ihnen?
Wenn es um neue Ansätze geht, ja. Aber wir sind Grundlagenforscher. Die Weiterentwicklung ist Sache der Industrie. 

Arbeitet Ihr Institut mit Pharmafirmen zusammen?
Bisher kaum, aber das soll sich ändern. Derzeit bereiten wir die erste Ausgründung vor. Es geht um RNA-basierte Diagnostik und um Tests, die viele verschiedene Erreger gleichzeitig nachweisen können. 

Gegen die gewöhnliche Erkältung ist bislang kein Kraut gewachsen. Ob die RNA-Medizin damit fertig wird?
Warum nicht? Ideen hätten da schon! 

Eine kürzere Version dieses Interviews findet sich in der Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der GDNÄ „Wenn der Funke überspringt“, Leipzig 2022, ISBN 978-3-95415-130-1.

Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

© HIRI

Die RNA-Biologie ist sein Forschungsschwerpunkt: Professor Jörg Vogel

Zur Person

Jörg Vogel ist Professor für Molekulare Infektionsbiologie und Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) in Würzburg. Das Institut wird als Standort des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung zusammen mit der Universität Würzburg betrieben. Es ist das weltweit erste Institut, das RNA-Biologie und Infektionsforschung zusammenbringt. Parallel leitet Jörg Vogel das Institut für Molekulare Infektionsbiologie an der Universität Würzburg. Für seine Arbeiten zur RNA-Biologie erhielt er 2017 den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Ribonukleinsäure (RNA)

Als mRNA sorgt die Ribonukleinsäure (RNA) dafür, dass die in der DNA gespeicherten Information in die lebensnotwendigen Proteine umgesetzt werden. Andere RNA-Klassen regulieren die Aktivität der Gene oder haben katalytische Funktionen. Im Aufbau ähnelt die RNA der DNA. Im Unterschied zu dieser ist sie in der Regel einsträngig, was sie zwar weniger stabil aber auch chemisch vielseitiger als DNA macht. Mit der RNA begann auf der Erde die chemische Evolution – aus ihr haben sich wahrscheinlich alle Organismen entwickelt.  

Jörg Junhold: „Wir öffnen Fenster in die Natur“

„Wir öffnen Fenster in die Natur“

Wie Jörg Junhold den Leipziger Zoo von Grund auf modernisierte und der GDNÄ in seiner Heimatstadt viele Türen öffnete. Sein Engagement macht die 200-Jahr-Feier zu einem glanzvollen Fest. 

Herr Professor Junhold, die Jubiläumsversammlung der GDNÄ naht. Was bedeutet das Naturforschertreffen für Ihren Zoo? 
Es ist eine große Ehre für uns und wir sind sehr froh, dass die GDNÄ zur 200-Jahr-Feier an ihren Gründungsort zurückkehrt. Die Versammlung findet ja in direkter Nachbarschaft statt, in der Kongresshalle am Zoo Leipzig. Da hoffen wir natürlich, dass viele Tagungsbesucher die Gelegenheit nutzen und bei uns reinschauen – alle sind herzlich eingeladen. Wir sind auch Teil des offiziellen Programms: Der traditionelle Abendempfang für die Referenten und Sponsoren der Tagung findet in unserer Tropenerlebniswelt Gondwanaland statt, in Anwesenheit des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung.

Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

© Zoo Leipzig

Die Kongresshalle, in der die GDNÄ ihr 200-jähriges Bestehen feiert, liegt direkt neben dem Zoo Leipzig. Das große helle Dach überwölbt die Tropenerlebniswelt Gondwanaland.

Sie sind nicht nur Gastgeber während der Tagung, Sie sind auch im Vorstand der GDNÄ vertreten. Wie können wir uns Ihre Arbeit dort vorstellen? 
Zwei Jahre haben wir im Vorstand auf die Versammlung hingearbeitet, mit regelmäßigen Treffen, die pandemiebedingt meistens digital stattfanden. Ich bin sehr herzlich aufgenommen worden und es hat großen Spaß gemacht, mit so vielen klugen Köpfen zusammenzuarbeiten. Als Geschäftsführer Wirtschaft war es meine Aufgabe in der Vorbereitungsphase, der GDNÄ hier in Leipzig Türen zu öffnen und Sponsoren für die Tagung zu gewinnen.

Das ist Ihnen, wenn man sich das Programm anschaut, auch gut gelungen. Was ist Ihr Geheimnis? 
Da gibt es kein großes Geheimnis. Ich bin ein begeisterter Leipziger, lebe seit 1985 in der Stadt und engagiere mich hier in vielen Gremien. Zum Beispiel im Stadtmarketing, Im Hochschulrat oder seit rund zwanzig Jahren auch im Vorstand der Kulturstiftung. Hinzu kommt: Die Leipziger lieben ihren Zoo, er wird wirklich getragen von der Bevölkerung und das strahlt dann auch auf unsere Anliegen und Projekte aus. 

Am 1. November 1997 haben Sie als Direktor des Leipziger Zoos angefangen. Das ist jetzt fast ein Vierteljahrhundert her. Wie haben Sie den Zoo damals vorgefunden? 
Er war in einer sehr schwierigen Situation. Die Tieranlagen waren völlig veraltet, die Besucherzahlen stark rückläufig und die Finanzen ein Desaster. Dem Zoo drohte die schrittweise Schließung. 

Keine rosige Ausgangslage für einen neuen Direktor. Warum haben Sie die Aufgabe trotzdem übernommen? 
Weil ich eine Riesenchance für den Zoo gesehen habe. Und es hat mich unglaublich gereizt, den Wandel der Stadt mitgestalten zu können.

Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

© Zoo Leipzig

Im Leopardental geht ein Amurleopard auf Pirsch.

Wo steht Ihr Zoo heute? 
Er ist komplett umgestaltet und genießt großes Ansehen, sowohl bei den Besuchern als auch in der Fachwelt – das kann ich ohne Übertreibung sagen. Unser Zoo ist heute ein beliebter Freizeitort und wird gern für Events gebucht, von der Hochzeit über elegante Empfänge bis hin zu Firmenveranstaltungen. All das erhöht die Attraktivität Leipzigs als touristisches Ziel, als Messestadt und wirtschaftliches Zentrum weit über die Grenzen Mitteldeutschlands hinaus.   

Wie ist das gelungen? 
Eine zentrale Rolle spielt unser Masterplan „Zoo der Zukunft“. Als ich meinen Posten 1997 antrat, habe ich von der Stadt Leipzig etwas Zeit erbeten, um ein Erneuerungskonzept zu entwickeln. Das haben wir dann mit einem kleinen Team in gut zwei Jahren erarbeitet und am 14. Juni 2000 vorgestellt. Diesen Tag werde ich nie vergessen: Unsere Vision von einem modernen Zoo, der Tierbedürfnissen auf höchstem Niveau gerecht wird, Besuchern ein Fenster in die Natur öffnet und gleichzeitig als exzellenter Gastgeber überzeugt, wurde vom Stadtrat einstimmig angenommen. Für uns war das ein enormer Ansporn und seitdem setzen wir den Masterplan Schritt für Schritt um.

Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

© Zoo Leipzig

In der 2011 eröffneten Tropenerlebniswelt Gondwanaland leben rund zweihundert Tierarten aus Asien, Afrika und Südamerika.

Was haben Sie erreicht, was bleibt zu tun?
Das meiste ist zum Glück geschafft. Ein Meilenstein war 2011 die Eröffnung der Tropenerlebniswelt Gondwanaland. Das ist eine riesige Halle mit vielen Tausend tropischen Pflanzen, fast zweihundert exotischen Tierarten und einem urwüchsigen Regenwald, wie er den Urkontinent Gondwana prägte. Gondwanaland ist unser Vorzeigeprojekt und hat uns internationale Anerkennung gebracht. Ein anderes Beispiel ist die weltweit einzigartige Menschenaffenanlage Pongoland, die wir in Kooperation mit dem ebenfalls in Leipzig beheimateten Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie geschaffe haben. Dieses Jahr konnten wir das neugestaltete Aquarium eröffnen und 2023 werden wir ein komplett modernisiertes Terrarium vorstellen. Intensiv gearbeitet wird auch am Feuerland-Projekt mit einem begehbaren Unterwassertunnel, in dem die Besucher Pinguine und Robben wie bei einem Tauchgang erleben können. Den Abschluss wird die Asiatische Inselwelt mit zahlreichen Volieren und einer Kranich-Anlage bilden.

Erlauben Sie uns einen Blick hinter die Kulissen: Wie entstehen solche Projekte?
Danke für die Frage, denn diesen kreativen Prozess liebe ich am meisten. Wir haben ein kleines Entwicklungsteam, bestehend aus Tierärzten, Biologen und Architekten. Steht ein neues Vorhaben an, schauen wir uns weltweit um, lassen uns von Lösungen anderer Zoos inspirieren und entwickeln eigene Vorstellungen. Geld spielt anfangs keine Rolle, die Ideen sollen erst einmal sprudeln – zurechtstutzen kann man die Pläne dann immer noch.

In der Öffentlichkeit wird heute viel über Biodiversität und Artenschutz diskutiert. Welche Rolle spielen diese Themen für Ihren Zoo?
Eine sehr große – nicht nur für uns, sondern für moderne Zoos in aller Welt. Die Lebensräume für wild lebende Tiere schrumpfen überall und entsprechend wächst die gesellschaftliche Bedeutung von Zoos als Zentren des Natur- und Artenschutzes. Unsere Populationen sind selbsterhaltend, was bedeutet: Wir entnehmen keine Tiere aus der freien Wildbahn mehr, sondern managen unsere Tierbestände durch sogenannte Erhaltungszuchtprogramme, an denen sich Zoos weltweit beteiligen. Für viele bedrohte Arten beherbergen wir Reservepopulationen und verfügen über die nötige Expertise zur Behandlung kranker Tiere, sei es im Zoo oder in der Wildnis. Und, ganz wichtig: Wir sensibilisieren die Menschen für die Biodiversitätskrise und ermutigen sie, etwas dagegen zu tun.

Engagiert sich Ihr Zoo auch wissenschaftlich?
Ja, das ist uns sogar ein großes Anliegen. Wir betreiben langfristige Artenschutzprojekte, die intensiv wissenschaftlich begleitet werden. Zum Beispiel in Vietnam, im Nationalpark Cuc Phuong. Dort bereiten wir Languren, die aus illegalen Haltungen stammen und beschlagnahmt wurden, auf die Auswilderung vor. Diese blätterfressenden Primaten sind endemisch in Vietnam beheimatet und inzwischen selten geworden. In Chile unterhalten wir gemeinsam mit der Universität Concepción eine Zuchtstation für eine bedrohte Froschart. Insgesamt verstehen wir uns als wissenschaftlich arbeitender Tiergarten, der von Biologen und Tierärzten als gemeinnützige Einrichtung geleitet wird und damit den Qualitätskriterien des Weltzooverbands entspricht. Kommerziell orientierte Safariparks erfüllen diese Standards nicht.

Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

© Zoo Leipzig

Tauchgang im Elefantentempel Ganesha Mandir.

Sie haben den internationalen Zooverband geleitet, gehören dem Vorstand des Europäischen Zooverbandes an und stehen jetzt dem deutschen Zooverband vor. Was bringt Ihnen diese Arbeit?
Sie erweitert den Horizont, schärft den Blick für das Wesentliche und führt zu vielen guten Kontakten. Inzwischen geht hier bei uns in Leipzig die internationale Zoowelt ein und aus ­– das hat nicht zuletzt mit der Gremienarbeit zu tun.

Wo rangiert der Leipziger Zoo heute im internationalen Vergleich?
Wir gehören zur Spitzengruppe. Im europaweiten Zoo-Ranking des britischen Experten Anthony Sheridan liegen wir aktuell auf Platz zwei hinter Wien und vor Zürich und sind in Deutschland die Nummer eins.

In ein paar Jahren wird der Masterplan vollendet sein. Ist der 150. Geburtstag Ihres Zoos im Jahr 2028 das nächste Großprojekt?
Wir werden den Geburtstag natürlich groß feiern, zusammen mit unseren Besucherinnen und Besuchern. Ideen gibt es schon viele – aber noch wird nichts verraten.

 

Matthias Röschner © Deutsches Museum

© Zoo Leipzig

Professor Jörg Junhold

Zur Person

Professor Jörg Junhold ist seit 1997 Geschäftsführer und Direktor des Zoo Leipzig. Der heute 58-Jährige stammt aus der brandenburgischen Stadt Ortrand und studierte in Leipzig Veterinärmedizin, wo er 1994 promoviert wurde. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete der approbierte Tierarzt bereits bei Europas größtem Hersteller von Tierfuttermitteln, der Effem GmbH – zunächst im Außendienst, später im Marketing. 1997 wurde er zum Leiter des Zoos Leipzig bestellt. Sein im Juni 2000 vorgestelltes Strategiekonzept „Zoo der Zukunft“ ist bis heute wegweisend. Seit 2013 ist Jörg Junhold Honorarprofessor an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Verdienstorden des Freistaats Sachsen. Junhold war Präsident des internationalen Dachverbands größerer Zoos und Aquarien, der World Association of Zoos and Aquaria, und dessen europäischem Pendant. Seit 2019 ist er Präsident des Verbandes der Zoologischen Gärten Deutschlands e.V.

Archivplakat © Deutsches Museum

© Zoo Leipzig

Schimpansenjungtiere im Pongoland

Zoo Leipzig in Zahlen 

Gründung: im Jahr 1878 von Ernst Pinkert
Fläche: 27 Hektar, davon 2,1 Hektar Wasserfläche
Mitarbeiter: rund 260
Tierarten: etwa 630
Investitionen: 200 Millionen Euro (2000-2021)
Besucherzahlen: rund zwei Millionen im Jahr
(Stand: Anfang 2022)

Weitere Informationen:

Archivplakat © Deutsches Museum

© Zoo Leipzig

Herumtollende Löwenjungtiere.

Dr. Matthias Röschner: „Wir digitalisieren in großem Stil“

"Wir digitalisieren in großem Stil"

Dr. Matthias Röschner über die Online-Zukunft des GDNÄ-Archivs, wichtige Forschungsfragen und Glanzstücke der Sammlung.

Herr Dr. Röschner, das erste Jahr als Archivleiter im Deutschen Museum ist um – wie geht es Ihnen in der neuen Position?
Da ich bereits seit 2009 im Archiv tätig gewesen bin, ist der Übergang zum Archivleiter einigermaßen fließend verlaufen. Natürlich haben sich meine Aufgabenschwerpunkte verschoben und vermehrt, aber mein Vorgänger Herr Dr. Füßl hat mich wunderbar vorbereitet. Ich freue mich also, gemeinsam mit einem hochmotivierten Team die Zukunft des Archivs weiter gestalten zu können.

Wie können wir uns Ihre Tätigkeit vorstellen?
Sie ist abwechslungsreicher als manche vermuten. Ich bin befasst mit allen Abläufen im Archiv – von der Erwerbung von Archivalien über die Organisation ihrer Erschließung, konservatorischen Maßnahmen und der Digitalisierung bis hin zur Koordinierung der Nutzung. Neben der Forschung liegt mir auch die Öffentlichkeitsarbeit sehr am Herzen: Ich halte Vorträge, biete Führungen an und schreibe allgemeinverständliche Beiträge, um Interessierten die Archivarbeit und unsere wertvollen Archivalien näherzubringen. Viel Zeit verbringe ich mit dem Beantworten von wissenschaftlichen Anfragen.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Wenn etwa eine Forscherin aus Berlin fragt, welche Quellen wir zur Professionalisierung des Ingenieurwesens am Ende des 19. Jahrhunderts haben, recherchiere ich mit meinem Wissen über die Bestände etwa in den Nachlassunterlagen von Rudolf Diesel, Oskar von Miller, Franz Reuleaux, Walther von Dyck und anderen Personen und schicke ihr Listen zu relevanten Archivalien. Damit ist die Wissenschaftlerin für einen erfolgreichen Besuch bei uns im Lesesaal in München gut vorbereitet.

Ein ordentliches Pensum für eine Vollzeitstelle...
...da kommt noch einiges hinzu. Zum Beispiel die wichtige Gremienarbeit, etwa im Rahmen der Leibniz-Gemeinschaft, des Bayerischen Archivtags oder im Münchner Archivkreis, und Querschnittsaufgaben wie die Personalführung und die Kontaktpflege zu Universitäten und wissenschaftshistorischen Instituten. Für die GDNÄ durchforste ich regelmäßig wissenschaftliche Antiquariate und Auktionskataloge und verfolge vielversprechende Spuren, um Fehlendes ergänzen zu können.

Mit Erfolg?
Ja, durchaus. Wir konnten zum Beispiel einige Originaldokumente aus dem 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Privatbesitz von Vorstandsmitgliedern einwerben. Aber es gibt nach wie vor große Lücken, vor allem durch das gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von den Sowjets beschlagnahmte und seither verschollene Altarchiv.

Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

In herbstlichem Licht: Das Ausstellungsgebäude auf der Münchner Museumsinsel. © Deutsches Museum

Ihr Vorgänger, Herr Dr. Füßl, hat sich immer wieder für die Rückgabe der Sammlung eingesetzt. Werden Sie das auch tun?
Ja, wir behalten das natürlich weiter im Blick. Aber ich glaube nicht, dass wir unser Ziel schnell erreichen. Der Ukrainekrieg verdüstert die Aussichten zusätzlich. 

Welchen Stellenwert hat das Archiv der GDNÄ für Ihr Haus?
Die GDNÄ ist die älteste interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands und Mutter renommierter Fachgesellschaften im In- und Ausland – ihr Archiv ist daher von großer nationaler Bedeutung. Hinzu kommt: Im Unterschied zu anderen Wissenschaftsinstitutionen, deren Archive im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurden, sind von der GDNÄ wenigstens einige historische Stücke aus der Frühzeit erhalten geblieben.  

Was ist besonders eindrucksvoll?
Zum Beispiel der neunseitige Druck einer Rede von 1828, in der Alexander von Humboldt für die Einrichtung von Sektionen warb und damit die erste große Reform der GDNÄ einleitete. Oder die handschriftliche Teilnehmerliste von der Versammlung 1834 in Stuttgart. Auch der Brief von Albert Einstein aus dem Jahr 1913 ist sehr beeindruckend. Der Physiker bittet hierin, seinen Vortrag in einer gemeinsamen Sitzung für Mathematik und Physik halten zu dürften, da er auf „einige Formeln eingehe, damit das, was ich vorzubringen habe, nicht zu vag[e] sei.“ 

Im Internet findet man noch kaum etwas zum GDNÄ-Archiv im Deutschen Museum. Wollen Sie das ändern?
Ja, wir sind gerade dabei, unsere Bestände in großem Stil zu digitalisieren. In den nächsten Jahren wird man Erschließungsdaten für alle Archivalien im Netz finden, mit Angaben zu Titel, Umfang und zeitlicher Einordnung. Dadurch sind weltweite Recherchen zu Themen, Personen, Institutionen und Unternehmen möglich – und Verknüpfungen mit anderen Nachlässen und Beständen, die in der analogen Welt nicht vorstellbar sind. Wir werden auch Digitalisate zu den Archivalien online anbieten, sofern keine urheberrechtlichen Einwände bestehen. Das trifft zum Beispiel auf die Versammlungsberichte von 1822 bis 1900 zu, mit denen ich gerne ein eigenes Projekt zur Digitalisierung mit anschließender Volltexterkennung machen würde. 

Das klingt aufregend, aber auch nach viel Aufwand. Wie groß ist Ihr Team?
Mit mir arbeiten elf Archivarinnen und Archivare, die auch ohne Zusatzprojekte gut zu tun haben. Wir werden jedoch tatkräftig unterstützt von unserer hauseigenen Offensive "Deutsches Museum Digital". Sie ist dabei, die wissenschaftlichen Bestände und Objektsammlungen des Museums über ein zentrales Online-Portal öffentlich verfügbar zu machen. Spätestens im Jahr 2025, zum hundertsten Geburtstag der Eröffnung der Münchner Museumsinsel, soll das Ziel erreicht sein, alle verfügbaren Daten und Digitalisate im Internet recherchieren zu können.

Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

Ein Ort für konzentriertes Arbeiten: der Lesesaal des Archivs. © DMA CD 65461a

Finden Sie noch Zeit für eigene Forschung?
Weniger als früher, aber ich interessiere mich aktuell sehr für die Provenienzforschung. Das heißt, wie und unter welchen Umständen kamen Objekte und Archivalien an das Deutsche Museum? Im Museum gibt es eine bereichsübergreifende Arbeitsgruppe, die diesen Forschungsfragen nachgeht und die ich zusammen mit einem Kollegen aus dem Bereich der Objektsammlungen koordiniere. Das Archiv spielt dabei eine tragende Rolle, weil hier die historischen Verwaltungsakten des Museums verwahrt werden. Geplant ist auch eine gemeinsame Publikation, in der ich mich mit der Provenienz von Archivbeständen einbringen möchte.

Welche offenen Forschungsfragen sehen Sie, wenn Sie an die jüngere GDNÄ-Geschichte denken?
Da gibt es einiges, zum Beispiel: Wie hat die GDNÄ es nach dem Krieg geschafft, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen? Welche persönlichen und thematischen Kontinuitäten gibt es zwischen NS- und Nachkriegszeit? Kaum aufgearbeitet ist auch das Thema Frauen und GDNÄ. Die bei uns vorhandenen Dokumente würden für solche Recherchen viel hergeben, davon bin ich überzeugt.

Bei der Jubiläumsversammlung in Leipzig wird Ihr Haus mit einem Stand vertreten sein. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
Wir zeigen in einer Posterausstellung einige Glanzstücke des GDNÄ-Archivs, darunter die Medaille zum hundertsten Jubiläum der GDNÄ mit einem Porträt von Lorenz Oken auf der Vorder- und der Stadtansicht von Leipzig auf der Rückseite und dazu die Festschrift zur Leipziger Versammlung 1922. Zu sehen sind auch kunstvoll im Jugendstil gestaltete Publikationen aus dem frühen 20. Jahrhundert und der erwähnte Einstein-Brief. Gern stehen wir für Gespräche zur Verfügung und freuen uns über Hinweise auf interessante neue Dokumente für die Sammlung. Zu finden sind wir im Markt der Wissenschaften im Untergeschoss der Leipziger Kongresshalle, wo auch mehrere wissenschaftliche Institute aus Leipzig mit Ständen vertreten sind.

Was Sie über Ihre Arbeit berichten, passt so gar nicht zu den Vorstellungen von staubigen Akten und Ärmelschonern, die viele Laien mit Ihrem Beruf verbinden. Was hat Sie als junger Mensch animiert, in diese Richtung zu gehen?
Schon während meines Geschichtsstudiums war ich von den – im wahrsten Sinne des Wortes – einmaligen Archivquellen fasziniert. Es ist schon etwas ganz Besonderes, mit Briefen, Notizbüchern, Berichten und Zeichnungen zu arbeiten, die nur ein einziges Mal existieren und die vor mir oftmals nur eine Person, nämlich die Schreiberin oder der Schreiber, in Händen hielten. Ich habe in mehreren Praktika herausgefunden, dass der Beruf sehr zukunftsorientiert und mit viel Verantwortung verbunden ist. Denn nur diejenigen Unterlagen, die die Archivarin oder der Archivar als „archivwürdig“ bewertet und dann tatsächlich ins Archiv übernimmt, werden künftigen Generationen zur Verfügung stehen. Als Archivar kann ich die Faszination des Originals nicht nur für mich selbst entdecken, sondern auch an andere Menschen weitergeben. Neben meiner Aufgabe der Erwerbung und Bewahrung historischer Quellen verstehe ich mich vor allem als Vermittler von Informationen und Brückenbauer zwischen Geschichte und Gegenwart.

 

Matthias Röschner © Deutsches Museum

Matthias Röschner. © Privat

Zur Person

Dr. Matthias Röschner ist Leiter der Hauptabteilung Archiv des Deutschen Museums in München.  Zuvor war er Stellvertreter von Dr. Wilhelm Füßl, der 2021 in den Ruhestand wechselte. Röschner stammt aus Südhessen, studierte Latein und Geschichte und wurde 2001 mit einer Studie zur Krankenhausgeschichte promoviert. Anschließend absolvierte er ein Archivreferendariat und arbeitete von 2004 bis 2009 am Staatsarchiv Ludwigsburg. In seiner Forschung beschäftigt sich Matthias Röschner zum Beispiel mit der Geschichte des Deutschen Museums, der Provenienz von Archivbeständen und kolonialen Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft. Er ist der verantwortliche Redakteur von „ARCHIV-info“, der Archivzeitschrift des Deutschen Museums.

Archivplakat © Deutsches Museum

In Vorbereitung auf die 85. GDNÄ-Versammlung 1913 in Wien: handschriftlicher Brief des zum Vortrag eingeladenen Albert Einstein. © DMA FA 016 vorl. Nr. 1042

Weitere Informationen:

Archivplakat © Deutsches Museum

Titelblatt der berühmten Rede Alexander v. Humboldts vor der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte 1828 in Berlin. © DMA CD 86986

Archivplakat © Deutsches Museum

Plakat des Archivs im Deutschen Museum. @ DMA CD 71578

Michael Dröscher: „Menschen zusammenbringen, Ideen entwickeln“

"Menschen zusammenbringen, Ideen entwickeln"

Er war Innovationsmanager in der Chemieindustrie und hält jetzt die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte auf Trab: Michael Dröscher über seine Pläne für die GDNÄ der Zukunft. 

Herr Professor Dröscher, seit 2015 sind Sie Generalsekretär, seit 2017 auch Vorstandsmitglied und Schatzmeister der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Was ist deren größter Schatz?
Ganz eindeutig die Menschen, die unserer Gesellschaft nahestehen. Dazu zähle ich unsere Mitglieder und alle diejenigen, die sich für uns interessieren und bei uns mitwirken, etwa mit Vorträgen auf unseren Versammlungen. Ein großer Schatz ist auch das Schülerprogramm, das uns einen wunderbaren Zugang zu jungen Leuten ermöglicht. Wir hoffen natürlich, noch mehr Menschen aus Wissenschaft, Gesellschaft und Schulen für eine Mitgliedschaft gewinnen zu können. Einfach ist das heutzutage nicht. 

Woran liegt das?
Die meisten Vereine verlieren Mitglieder und haben nicht genug Nachwuchs. Die GDNÄ, auch sie ist als Verein organisiert, macht da keine Ausnahme. Zum Glück werden wir sehr großzügig von Stiftungen gefördert, unsere Existenz hängt also nicht allein von Mitgliedsbeiträgen ab. Den Schwund nehmen wir nicht einfach hin, sondern stemmen uns nach Kräften dagegen.  

Wie können wir uns das vorstellen?
Zum einen beziehen wir den Nachwuchs stärker als früher ein, zum Beispiel mit eigenen Formaten auf unseren Versammlungen. Ein Beispiel: Zum Auftakt der 200-Jahr-Feier in Leipzig werden Schülerinnen und Schüler einen Programmteil unter dem Motto "Wir haben nur eine Erde" gestalten. Zum anderen wollen wir unsere Mitglieder stärker aktivieren, da sehen wir noch viel Potenzial. Sobald die Corona-Lage es erlaubt, wird es auch wieder regionale Präsenztreffen geben. Dieses neue Format hatten wir vor der Pandemie eingeführt und hoffen, dazu bald wieder unsere Mitglieder einladen zu können, um uns mit Ihnen fachübergreifend auszutauschen. 

Ist das interdisziplinäre Anliegen der GDNÄ angesichts immer größerer Spezialisierung in den Naturwissenschaften noch zeitgemäß?
Beides ist wichtig, aber die Bedeutung des Interdisziplinären wächst. Nehmen wir mein Fachgebiet, die Chemie. Da gibt es nach wie vor die klassische Synthese von Molekülen und die Entwicklung und Optimierung von Prozessen. Aber die großen Fortschritte gelingen dort, wo Chemiker mit Biologen und Informatikern zusammenarbeiten. In der GDNÄ wollen wir dazu inspirieren, auf unseren Versammlungen und zwischendurch bei den regionalen Treffen. Ich sehe da einen enormen Bedarf, den keine andere wissenschaftliche Gesellschaft deckt. Der persönliche Austausch über neue Erkenntnisse in Biologie, Chemie, Physik, Informatik, den Ingenieurwissenschaften und Medizin ohne direkten Verwertungsdruck und mit führenden Fachvertretern – das ist eine große Chance für die GDNÄ.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Luftbild des Industrieparks Marl im Ruhrgebiet: Mit einer Fläche von mehr als sechs Quadratkilometern gehört das Gelände zu den größten Industrieparks in Deutschland. Was einst die Adresse der Chemischen Werke Hüls AG war, ist heute der größte Standort von Evonik. Insgesamt arbeiten mehr als zehntausend Menschen im Marler Industriepark – in knapp zwanzig Unternehmen. © Evonik Industries AG

Geht es dabei nur Grundlagenforschung oder auch um Anwendungswissen?
Beides sollte eine Rolle spielen. Allerdings kommt die angewandte Forschung im öffentlichen Diskurs wie auch innerhalb der GDNÄ oft zu kurz. Sie hat mehr Beachtung verdient. 

Sie kennen beide Welten und sind nach beruflichen Anfängen im akademischen Bereich in die Wirtschaft gewechselt. 1982 haben Sie Ihre Industrie-Karriere bei den Chemischen Werken Hüls AG begonnen, ein Unternehmen, das es heute so nicht mehr gibt. Wie erlebten Sie den Strukturwandel in der deutschen Chemieindustrie?
Dieser Wandel begann schon bald nach meinem Einstieg bei der Hüls AG Anfang der 1980er-Jahre mit immer mehr Firmenzusammenlegungen und Neugründungen. Wenn man da mittendrin ist, ist es nicht immer einfach. Insgesamt aber war diese Entwicklung unausweichlich, um in einer zunehmend globalisierten Welt bestehen zu können. Letztlich haben die vielen Merger die deutsche Chemieindustrie stärker und innovativer gemacht.  Ein Beispiel: Der Chemiepark Marl, wo ich mal angefangen habe, ist heute der größte Standort der Evonik und beherbergt zudem etwa 25 weitere Chemiefirmen. 

Sie waren viele Jahre als Innovationsmanager tätig. Kreative und zugleich praktikable Lösungen werden auch heute dringend benötigt. Haben Sie ein Rezept?
Da gibt es leider kein Patentrezept. Was bei mir funktioniert hat, war dieser Weg: Gute Leute aus verschiedenen Firmenbereichen zusammenbringen, sie ihre Ideen in geschützten Start-up-ähnlichen Strukturen, sogenannten Projekthäusern, entwickeln lassen und die Lösungen, sobald sie marktnah sind, in die Geschäftsbereiche des Mutterunternehmens einspeisen. Bewährt hat sich das Vorgehen zum Beispiel bei der Hüls-Tochter Creavis, die dann Teil der Degussa wurde, die inzwischen beide im Evonik-Konzern aufgegangen sind. 

Sind dabei erfolgreiche Innovationen herausgekommen?
Ich denke schon. Bei Creavis haben wir beispielsweise biochemische Verfahren zur Herstellung von Aminosäuren entwickelt, bei denen Evonik heute Weltmarktführer ist. Sehr früh wurde dort an funktionellen Nanopartikeln gearbeitet, die heute in vielen Bereichen unverzichtbar sind – denken wir nur an die Herstellung von Mikrochips und die Anwendung in Lacken und Kosmetika.

Produktionsstätten im Abendlicht: Der Industriepark Marl ist vielfältig an das europäische Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetz angebunden. © Evonik Industries AG

 

Wie sehen Sie die Zukunft des Industriestandorts Deutschland?
Wir befinden mitten in einer großen Transformation hin zu klimafreundlicheren Energieträgern und Rohstoffen. Das fossile Zeitalter geht zu Ende, und der Industrie ist klar, dass sie sich ganz neu aufstellen muss. Die Investitionen für die nächsten 15 bis 30 Jahre sind schon darauf ausgerichtet. Gelingen kann die Transformation, wenn wir genug Wasserstoff haben und diesen zuverlässig aus sonnenreichen Ländern beziehen können. Einige Länder wie etwa Saudi-Arabien bereiten sich darauf vor. Als Mitglied der Enquete-Kommission "Zukunft der chemischen Industrie in NRW" habe ich mich ausführlich mit der Thematik beschäftigt und berate weiterhin Unternehmen zu diesen Fragen. 

In der öffentlichen Debatte geht es derzeit viel um Gas als Übergangslösung. Wie lautet Ihre Einschätzung?
Um den wachsenden Energiebedarf in unserem Land zu decken und um die Kohle- und Atomkraftwerke, die wir abgeschaltet haben und noch abschalten werden, zu ersetzen, geht es auf absehbare Zeit nicht ohne Gas. Allein die chemische Industrie wird in Zukunft so viel Strom brauchen, wie heute alle Privathaushalte zusammen und die Elektromobilität noch einmal so viel. Gaskraftwerke werden voraussichtlich noch 15 bis 20 Jahre als Brückentechnologie benötigt. Wir müssen auch neue Anlagen errichten. Evonik baut gerade zwei neue Gaskraftwerke im Chemiepark Marl als Ersatz für zwei Kohleblöcke. Wir müssen auf jeden Fall sicherstellen, dass wir so viel Gas, wie wir brauchen, beziehen können, ob das als Flüssiggas per Tankschiff kommt, oder über die Pipelines. Wenn Nord Stream 2 aus politischen Gründen nicht kommen sollte, werden wir andere Lieferwege brauchen.

 Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal auf die GDNÄ schauen, die bald 200 Jahre alt wird. Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen zum Fest?
Wir liegen voll im Plan. Mit der Leipziger Kongresshalle haben wir einen wunderbaren Veranstaltungsort für die Festversammlung im September gefunden, das Vortragsprogramm mit renommierten Wissenschaftlern steht und die Schülerinnen und Schüler kommen im Frühsommer zusammen, um ihren Programmteil zu gestalten. Es wird eine attraktive, allgemein verständliche Festschrift in Buchform geben. Wir wenden uns diesmal verstärkt an die Öffentlichkeit: mit Medienberichten, über Twitter und andere soziale Medien und mit Vorträgen, zu denen alle Leipzigerinnen und Leipziger eingeladen sind. Wir legen großen Wert auf den Austausch mit der Gesellschaft – ganz im Sinne des Wissenschaftsjahres 2022, das unter dem Motto "Nachgefragt!" die Bürgerbeteiligung in Wissenschaft und Forschung stärken will.

Prof. Dr. Michael Dröscher Dorsten © GDNÄ

Prof. Dr. Michael Dröscher © GDNÄ

Zur Person

Seit 2017 ist Prof. Dr. Michael Dröscher Schatzmeister und Vorstandsmitglied der GDNÄ und seit 2015 deren Generalsekretär. Er stammt aus Kirn an der Nahe, wo er 1949 zur Welt kam. Sein Chemiestudium absolvierte er in Mainz, dort schloss er auch seine Promotion ab.  Anschließend nahm er eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Freiburg an und habilitierte sich mit nur 31 Jahren für das Fach Makromolekulare Chemie. Seine akademische Laufbahn setzte er zunächst als Privatdozent und von 1988 an als außerplanmäßiger Professor an der Universität Münster fort.

Mehr noch als für die Grundlagenforschung interessiert sich Michael Dröscher für die Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse – und so führte ihn sein Weg in die Industrie. Er startete 1982 als Laborleiter und 1984 als Abteilungsleiter bei der Hüls AG im nordrhein-westfälischen Marl. Bei dem Chemieunternehmen, bzw. den Nachfolgeunternehmen Degussa-Hüls, neue Degussa und Evonik-Industries AG, sollte er 27 Jahre bleiben – in wechselnden Funktionen. 1997 wurde der erfahrene Chemiker zum Geschäftsführer der neu gegründeten Hüls-Tochter Creavis Gesellschaft für Technologie und Innovation mbH berufen; heute firmiert das Unternehmen unter dem Dach von Evonik Industries AG als Evonik Creavis GmbH. Fünf Jahre später, im Jahr 2002, wurde Michael Dröscher Innovationsmanager der Degussa AG, die später Teil der Evonik wurde.

Michael Dröscher engagierte sich auch in Fachgesellschaften und berufspolitisch, unter anderem als Vorsitzender der Deutschen Bunsengesellschaft (2005 bis 2006) und von 2020 bis 2011 als Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker und als Manager des Clusters CHEMIE.NRW. Er ist Ehrendoktor der Kazan National Research Technological University (Russland).

Neben seinen Aufgaben in der GDNÄ ist Michael Dröscher vielfach ehrenamtlich aktiv: als Vorsitzender des Verwaltungsrats des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung in Mülheim sowie als Mitglied mehrerer Kuratorien und Beiräte der Max-Planck-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und von Hochschulinstituten. Er ist zudem Aufsichtsrat der bValue AG, die Startups fördert und mitfinanziert.

Wie Innovation der chemischen Industrie neu beleben kann: Darüber schreiben namhafte Expertinnen und Experten praxisnah in diesem Buch, das Michael Dröscher mitherausgegeben hat. Hier eine Leseprobe aus dem englischsprachigen Titel (ISBN 3-00-012425-X.) © Festel Capital

Weitere Informationen:

Eva-Maria Neher: „Anspruchsvolle Forschung, aus berufenem Munde vorgestellt“

„Anspruchsvolle Forschung, aus berufenem Munde vorgestellt“

Die Förderung junger Forschertalente liegt der Biochemikerin Eva-Maria Neher ganz besonders am Herzen. Sie gründete das Göttinger Experimentallabor für junge Leute (XLAB) und gab dem Schülerprogramm der GDNÄ entscheidende Impulse. 

Frau Professorin Neher, Sie engagieren sich seit vielen Jahren für die GDNÄ: für das Schülerprogramm, in der Gremienarbeit und vor einigen Jahren auch als Präsidentin. Was treibt Sie an?
Ganz klar meine Liebe zur Wissenschaft, vor allem zu den Naturwissenschaften. Ich interessiere mich für viele Gebiete, aber heute ist es fast unmöglich, sich überall auf dem aktuellen Stand zu halten. Da kommt mir die GDNÄ sehr entgegen: Sie bringt auf ihren Tagungen hochkarätige Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen zusammen, die neueste Forschung wie auf dem Silbertablett präsentieren – man muss nur zugreifen. 

Wann hatten Sie zum ersten Mal dieses Silbertablett-Erlebnis?
Das war, ich kann mich noch gut daran erinnern, auf der Versammlung 2004 in Passau. Sie stand unter dem Motto „Raum, Zeit, Materie“. Ich war begeistert von den Vorträgen, von der anregenden Atmosphäre und bin kurz darauf Mitglied geworden.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Das XLAB zieht junge Talente aus aller Welt an. © Sven Dräger

Das war die Zeit, in der Sie auch das Experimentallabor für junge Leute XLAB in Göttingen aufgebaut und geleitet haben – eine sehr aktive Zeit also.
Für mich war es eine Umbruchsphase. Nach einer gerade begonnenen wissenschaftlichen Laufbahn musste ich mit fünf Kindern eine lange Familienpause einlegen – insgesamt waren es neun Jahre. Danach wollte ich unbedingt wieder in die Wissenschaft. Aber in den 1990er-Jahren gab es für eine Rückkehr in die Forschung praktisch keine Chance. Also suchte ich nach anderen Wegen und entwickelte Pläne für ein Labor, in dem Schüler der Klassen 11 und 13 zusammen mit Wissenschaftlern experimentieren können. Die ersten Kurse konnten wir 1999 in den Laboren der Fakultät für Chemie der Universität Göttingen durchführen; ein Jahr später wurde das XLAB eröffnet. 

In der Öffentlichkeit wurde damals viel über das Humangenom, Stammzellen und grüne Gentechnik diskutiert. Zugleich öffnete sich die Wissenschaft immer mehr für den Austausch mit der Gesellschaft. Gute Voraussetzungen also für das XLAB?
Ja, es kam genau zur richtigen Zeit. Das öffentliche Interesse an Forschungsthemen war groß, aber vielen Menschen fehlte es an naturwissenschaftlichem Basiswissen. Das erwirbt man, davon bin ich überzeugt, am besten beim Experimentieren in gut ausgestatteten Laboren und im persönlichen Kontakt mit Fachwissenschaftlern. Zum Glück konnten wir davon nicht nur viele tolle Forscher der Göttinger Universität überzeugen, sondern auch die niedersächsische Landesregierung, die uns seither sehr unterstützt. Schon bald hatten wir ein eigenes Gebäude, aus aller Welt strömten hochmotivierte, handverlesene Schüler und junge Studierende für mehrtägige Kurse in den Fächern Chemie, Physik, Biologie und Informatik ins Haus. Mit der Zeit konnte ich zwei XLAB-Experimentallabore im Ausland begründen: eines in Argentinien am der Max-Planck-Forschungsstelle in Rosario und ein weiteres im China, in Shenzhen. Beide Projekte werden sehr aktiv von befreundeten Forschern betrieben. Das Interesse am Standort Göttingen ist aber weiterhin ungebrochen, wobei in Corona-Zeiten natürlich die Onlinekurse dominieren. Derzeit wird das XLAB um ein Begegnungszentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten erweitert, um für den voraussichtlichen Ansturm nach der Pandemie gerüstet zu sein.

Die Wissenschaft ruft, die Göttinger kommen: Eva-Maria Neher vor einem vollen Hörsaal beim Science Festival 2012. © Theodoro Da Silva

 

Sie haben sich 2018 aus dem XLAB zurückgezogen, engagieren sich aber weiterhin für das Schülerprogramm der GDNÄ. Wie hat es sich aus Ihrer Sicht entwickelt?
Das Programm ist auf gutem Kurs, würde ich sagen, und ein Gewinn für beide Seiten. Die GDNÄ braucht die jungen Leute, die ihr langfristig neuen Glanz verleihen. Und die Schüler sind begeistert von dem anspruchsvollen Programm, wie die Rückmeldungen zeigen. Manche treffen zum ersten Mal auf Gleichaltrige, die genauso ticken wie sie selbst und sich leidenschaftlich für die Naturwissenschaften interessieren – da ist die Freude natürlich groß. Als ich 2012 in den GDNÄ-Vorstand gewählt wurde, habe ich mich gleich um das Schülerprogramm gekümmert und mit Paul Mühlenhoff einen exzellenten Mitarbeiter aus dem XLAB ins Boot geholt. Er hat sich tief reingekniet in die neue Aufgabe und das Programm zu dem gemacht, was es jetzt ist.

Ausgezeichnete Gruppe (nach der Verleihung der Niedersächsischen Landesmedaille durch Ministerpräsident Stephan Weil): v.l.n.r.: Martin Kind, Geschäftsführer der Kind-Gruppe und Präsident von Hannover 96; Gudrun Schröfel, Leiterin des Mädchenchors Hannover; MP Weil; Professorin Eva-Maria Neher und der Unternehmer Dirk Roßmann). © Nds. Staatskanzlei

Wo steht das Schülerprogramm heute?
Die jungen Leute übernehmen eine zunehmend aktive Rolle bei den Tagungen. Bei der Versammlung 2016, die in meine Präsidentschaft fiel, haben wir zum Beispiel das Format „Wissenschaft in 5 Minuten“ neu eingeführt. Es handelt sich um eine Art Science Slam von Schülern für Schüler mit dem Ziel, ein Forschungsthema in fünf Minuten verständlich und unterhaltsam darzustellen. Die Teilnehmer sind immer mit großer Begeisterung bei der Sache und können nebenbei das Präsentieren und Diskutieren üben. Für die 200-Jahr-Feier in Leipzig planen wir spannende neue Programmformate – ich freue mich schon darauf.

Das Schülerprogramm ist unbestritten eine wichtige Aufgabe der GDNÄ. Was noch?
Vor allem die anspruchsvolle Wissenschaftskommunikation. Es gibt viele Menschen, die mehr über hochrangige Forschung erfahren wollen – nicht aus Büchern und nicht aus den Medien, sondern aus berufenem Munde von den Wissenschaftlern selbst. Auf ihren Versammlungen geht die GDNÄ schon in diese Richtung. Aber ich würde mir wünschen, dass das künftig in noch stärkerem Maße auch zwischen den Tagungen stattfindet.

Der Vorstandsvorsitzenden der Sartorius AG , Dr. Joachim Kreuzburg, übergibt im Jahr 2016 einen 3D-Drucker als Geschenk an das XLAB. © Sven Dräger, XLAB

Wenn ich noch etwas Persönliches fragen darf: Sie sind mit einem berühmten Wissenschaftler verheiratet, dem Medizin-Nobelpreisträger Erwin Neher. Man hört immer wieder, dass der Nobelpreis das Leben von Laureaten durcheinanderwirbelt. War das auch in Ihrer Familie so?
Mein Mann hat aktiv verhindert, dass sein Leben durcheinandergewirbelt wurde – und damit hat sich auch für uns nicht allzu viel verändert. Wir sind beide sehr bodenständig, leben in einem kleinen Ort bei Göttingen und haben versucht, unsere Kinder so bescheiden wie möglich großzuziehen. Alle haben ihren Interessen entsprechend ein Studium absolviert und folgen nun selbstbewusst ihrer jeweiligen beruflichen Laufbahn. 

Aus dem Ruhrgebiet stammend sind Sie selbst einen ganz anderen Weg gegangen. Wie betrachten Sie ihn rückblickend?
Ich kam 1950 in Mülheim an der Ruhr als Tochter eines Gärtnereibesitzers zur Welt. Für mich war höchstens ein Realschulabschluss vorgesehen, weil Mädchen, wie es damals hieß, später ja doch heiraten und zu Hause bleiben. Abitur machen durfte ich nur unter der Bedingung, dass ich kein Jahr wiederholen muss. Ich bewarb mich um Aufnahme in das Naturwissenschaftliche Gymnasium, das heute den Namen des Mülheimer Nobelpreisträgers Karl Ziegler trägt – und hatte Erfolg. Damals wurde das Gymnasium von etwa 800 Jungen und nur von vier weiteren Mädchen besucht. Es war eine gute Schule fürs Leben. Ich habe gelernt, meinen Weg auch ohne besondere Privilegien zu gehen.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Prof. Dr. Eva-Maria Neher © Nds. Staatskanzlei

Zur Person

Als GDNÄ-Präsidentin in den Jahren 2015 und 2016 gestaltete Professorin Eva-Maria Neher die Versammlung in Greifswald zum Thema "Naturwissenschaften und Medizin". Derzeit engagiert sie sich in der Vorbereitung der Festversammlung zum 200-jährigem Bestehen in Leipzig. International bekannt wurde die aus Mülheim an der Ruhr stammende Biochemikerin als Gründerin des XLAB, des Göttinger Experimentallabors für junge Leute. Sie leitete das im Jahr 2000 eröffnete XLAB bis 2018.

Von 1969 bis 1973 studierte Neher Biochemie, Organische Chemie und Mikrobiologie an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie machte 1974 ihr Diplom und promovierte 1977 mit einer Arbeit über die Regulation der Biosynthese von Poly-β-Hydroxybuttersäure in Alcaligenes eutrophus H16. Danach war sie als wissenschaftliche Assistentin in renommierten Göttinger Forschungsinstituten tätig. Im Anschluss an eine Familienpause leitete Eva-Maria Neher in den 1990er-Jahren Experimentalkurse in den Fächern Chemie und Biologie an der Freien Waldorfschule Göttingen und entwickelte erste Konzepte für das XLAB. Eva-Maria Neher ist seit 1978 mit dem Nobelpreisträger Erwin Neher verheiratet. Sie ist die Mutter von fünf Kindern.

Für ihr gesellschaftliches Engagement wurde die Wissenschaftlerin 2002 mit dem Niedersächsischen Verdienstorden und 2007 mit dem Niedersächsischen Staatspreis ausgezeichnet. In Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Laufbahn und ihrer Verdienste um die naturwissenschaftliche Bildung verlieh die Fakultät für Chemie der Universität Göttingen Eva-Maria Neher 2009 eine Honorarprofessur. 2013 wurde sie mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. 2018 erhielt sie die Niedersächsische Landesmedaille und 2019 den Initiativpreis der Susanne und Gerd Litfin Stiftung. Von 2014 bis 2021 war Neher Vorsitzende des Hochschulrats der Europauniversität Flensburg. Seit 2008 ist sie Mitglied im Hochschulrat der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Niedersachen; seit 2012 hat sie den Vorsitz inne. Eva-Maria Neher ist die Vorsitzende der von ihr gegründeten XLAB-Stiftung zur Förderung der Naturwissenschaften und arbeitet an der Ausgestaltung des XLAB-Begegnungszentrums.

Das XLAB-Gebäude auf dem Campus der Universität Göttingen. © Architekten Bez+Kock

Weitere Informationen: