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  • „Die eigentliche Krise bleibt der Klimawandel“

    Reinhard Hüttl, Leiter des Deutschen Geoforschungszentrums und GDNÄ-Vizepräsident, über Forschung in Corona-Zeiten, die Energieversorgung von morgen und den Wert guter Wissenschaftskommunikation

    Herr Professor Hüttl, Sie leiten ein großes Helmholtz-Zentrum mit knapp 1300 Mitarbeitern. Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Ihr Haus aus?
    Die Arbeit findet nach wie vor zu einem beträchtlichen Teil im Home Office statt. Nur etwa die Hälfte der Beschäftigten arbeitet auf dem Berg, wie wir sagen – also in unseren Büros und Labors auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Reisen ins Ausland sind nur eingeschränkt möglich, Inlandsfahrten nur unter Beachtung des Infektionsschutzes.

    Wie sehr beeinträchtigt das die Forschung?
    Bisher ist noch kein Projekt wegen der Pandemie gescheitert, aber es gibt durchaus erhebliche Verzögerungen. Bestimmte Messungen, die wir nur im Frühjahr durchführen können, mussten in diesem Jahr ausfallen. Das war zum Beispiel bei unserem Projekt in der Lausitz der Fall. Dort untersuchen wir die Auswirkungen des Klimawandels auf Böden und Wälder und testen neue Wege der Landnutzung. Die Corona-Einschränkungen machen vor allem unserem wissenschaftlichen Nachwuchs zu schaffen. Praktika mussten abgesagt werden und den Doktoranden fehlen jetzt Daten für ihre Arbeiten. Die für ihr berufliches Fortkommen so wichtigen Tagungen wurden verschoben oder fallen ganz aus.

    Wie gehen Sie mit dem Problem um?
    Wir wollen auf jeden Fall verhindern, dass wissenschaftliche Karrieren durch die Krise beschädigt werden. Deshalb wurden zum Beispiel die Fristen für Abschlussarbeiten verlängert. Wichtig ist jetzt vor allem das weitere Hochfahren der Forschung. Unser Krisenstab hat dafür ein Konzept für einen eingeschränkten Präsenzbetrieb erarbeitet. Es regelt, wie Labor- und Feldarbeiten unter Beachtung des Infektionsschutzes aufgenommen werden können. Dadurch werden jahreszeitlich bedingte Messungen wieder möglich, aber auch Wartungsarbeiten an Instrumenten.

    Lässt sich die Rückkehr zum Normalbetrieb schon absehen?
    Leider nicht, dafür ist es noch zu früh. Wir gehen davon aus, dass das Infektionsgeschehen unsere Arbeit längerfristig beeinflusst und wir uns im eingeschränkten Präsenzbetreib einrichten müssen. Aber das wird schon klappen. Das Hauptproblem ist ein anderes.

    Welches?
    Die eigentliche Krise ist nach wie vor der Klimawandel. Hitzewellen, Dürren, Starkregen und andere Extremereignisse führen uns das immer deutlicher vor Augen. Bewältigen werden wir die Herausforderung nur durch eine Doppelstrategie. Einerseits müssen wir den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen drastisch senken. Andererseits kommen wir als Gesellschaft und als Industrienation nicht umhin, uns an die Folgen der regionalspezifischen Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. Etwa durch einen Umbau unserer Wälder, eine widerstandsfähigere Landwirtschaft, Maßnahmen für Hochwasserereignisse und eine klimaneutrale Energieversorgung. Hier kann das GFZ mit seinem Wissen und seinen innovativen Technologien maßgebliche Beiträge leisten.

    Haben Sie dafür ein Beispiel?
    Nehmen wir die Thematik verlässliche Energiespeicherung. Wie schnell Lieferketten abbrechen können und wie wichtig eigene Reserven sind, hat uns die Coronakrise aktuell vor Augen geführt. Doch gerade in Deutschland liegt die Lösung nah. Wir verfügen nämlich über große unterirdische Gasspeicher – die viertgrößten in der Welt und die größten innerhalb der EU. Dort können wir Nutzgas über lange Zeit halten und bei Bedarf entnehmen. Die Speicher werden seit Jahrzehnten sicher betrieben. Ihre Zuverlässigkeit hat sich auch in zahlreichen Untersuchungen des GFZ erwiesen.

    Unterirdisch gespeichert wird heute vor allem das Treibhausgas Methan. Wo bleibt da der Klimaschutz?
    Es wird nicht allein bei Methan bleiben. Auch Wasserstoff als völlig kohlenstofffreier Energieträger lässt sich in Salzkavernen wie auch in porösen Gesteinsformationen lagern. Diese Gesteine eignen sich darüber hinaus zur Speicherung von synthetischem klimaneutralem Erdgas, das als zuverlässiger Energieträger helfen kann, die schwankenden Erträge von Wind- und Sonnenkraft auszugleichen. Noch ist die Speicherung eine Schwachstelle der Energiewende, die wir für eine klimafreundliche Zukunft so dringend brauchen. Ein weiterer Pluspunkt unterirdischer Speicher: Dort lässt sich auch Kohlendioxid sicher deponieren, wie wir am GFZ überzeugend nachweisen konnten. Das Gas gelangt nicht in die Atmosphäre, kann jedoch für industrielle Anwendungen je nach Bedarf entnommen werden.

    Wie beurteilen Sie die Nationale Wasserstoffstrategie, die die Bundesregierung jetzt verabschiedet hat?
    Ich begrüße die Strategie ausdrücklich. Sie verbindet Klimaschutz und technologische Innovation und berücksichtigt zudem die erforderlichen Importe. Wasserstoff wird das neue Öl und das neue Gas sein – das haben andere Technologienationen wie Japan, Australien und China längst erkannt. Noch kann Deutschland eine führende Rolle erringen und dafür werden wir uns innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft mit aller Kraft engagieren.

    Aktuell geht es in der öffentlichen Diskussion eher um E-Autos und Ladestationen. Wie passt das zur Wasserstoffstrategie?
    Ich bedaure, dass wir in Deutschland noch so stark auf E-Mobilität und die elektrochemische Energiespeicherung in Batterien setzen. Der enorme Ressourcenverbrauch einschließlich des CO2-Fußabdrucks wird bei diesen Technologien, auch im Vergleich zu konventionellen Antrieben, oft nicht mit eingerechnet. Ein Beispiel: Unter Berücksichtigung aller Umweltbelastungen erreicht ein e-Fahrzeug erst nach etlichen Jahren das Niveau eines vergleichbaren modernen Diesel-Fahrzeugs. Für Industrie, Flugzeuge und Schiffe reicht das Potenzial rein elektrischer Lösungen ohnehin nicht aus. Für eine umweltschonende Kreislaufwirtschaft und zugleich sichere Versorgung brauchen wir klimaneutralen Wasserstoff. Er ist die weitaus bessere Alternative und muss vor allem dort erzeugt werden, wo günstige Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien existieren.

    Eine Frage zum Abschluss: Als designierter GDNÄ-Präsident werden Sie in zwei Jahren die Versammlung in Leipzig ausrichten. Welchen Schwerpunkt wollen Sie setzen?
    Als Schwerpunkt habe ich das Thema „Wissenschaftskommunikation“ gewählt. Gerade im naturwissenschaftlichen und medizinischen Kontext ist es notwendig, dass der aktuelle Wissensstand bestmöglich kommuniziert wird, um für alle relevanten Entscheidungsprozesse zur Verfügung zu stehen. In der Corona-Krise wurde die Bedeutung der Wissenschaft und die entsprechende Kommunikation sehr deutlich. Andererseits erleben wir auch die Kommunikation von Fake-News: Ihnen gilt es, durch faktenbasierte Kommunikation entgegenzuwirken.

    Herr Professor Hüttl, vielen Dank für das Gespräch.

    Prof. Dr. Reinhard Hüttl
    Zur Person
    Seit 2007 ist Prof. Dr. Reinhard Hüttl (63) Wissenschaftlicher Vorstand am Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum (GFZ). Nach seiner Habilitation an der Universität Freiburg lehrte und forschte der aus Regensburg stammende Forst- und Bodenwissenschaftler ein Jahr lang in Hawaii, bevor er 1993 auf den Lehrstuhl für Bodenschutz und Rekultivierung an der Brandenburgischen-Technischen Universität in Cottbus berufen wurde. Reinhard Hüttl engagiert sich in vielen wissenschaftlichen Gremien und Institutionen. Er ist Mitglied verschiedener nationaler und internationaler Akademien, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ehrendoktor der Universität für Bodenkultur in Wien. Von 2008 bis 2017 war er Präsident von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Er ist Vizepräsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte und wird 2021 für zwei Jahre die Präsidentschaft übernehmen. Unter seiner Leitung findet die 132. Versammlung in Leipzig statt, bei der das 200-jährige Bestehen der GDNÄ gefeiert wird.

    Forschung am GFZ
    Das GFZ ist das nationale Forschungszentrum für Geowissenschaften in Deutschland. Grundlagenforschung zur Dynamik der festen Erde ist ein zentrales Anliegen am GFZ; Lösungen für große Herausforderungen der Gesellschaft zu entwickeln, ein weiteres. Die Forschung ist in einer Matrixstruktur mit vier disziplinären Departments und fünf interdisziplinären Forschungseinheiten organisiert. Dabei geht es beispielsweise um die Wechselwirkungen zwischen Erdoberfläche und Klima, aber auch um die ganzheitliche Nutzung von Georessourcen und Geoenergie. Das GFZ beteiligt sich darüber hinaus am GEOFON-Netzwerk zur weltweiten Erdbebenbeobachtung, erfasst die Teilchenstrahlung der Sonne und stellt Satellitendienste zur Verfügung, von denen unter anderem das Funktionieren von Navigationssystemen abhängt. Das GFZ beschäftigt knapp 1300 Mitarbeiter, darunter gut 900 Wissenschaftler. Finanziert wird das Zentrum zu 90 Prozent vom Bund und zu 10 Prozent vom Land Brandenburg. Im Jahr 2020 steht ein Budget von 110 Millionen Euro zur Verfügung.