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  • „Die Biologie legt Frauen keine Fesseln an“

    Heribert Hofer ist nicht nur Vizepräsident der GDNÄ und Mentor der Nachwuchsorganisation jGDNÄ, er ist auch ein renommierter Zoologe und Verhaltensökologe. Über seine Feldforschung in der Serengeti an Tüpfelhyänen berichtete er in der Biologie-Session im Bremer Congress Centrum.

    Herr Professor Hofer, in Ihrem Vortrag ging es um weibliches Durchsetzungsvermögen bei Tüpfelhyänen. Wie äußert sich diese Eigenschaft?
    Wenn Weibchen nicht nur gelegentlich, sondern so gut wie immer Auseinandersetzungen mit Männchen gewinnen, sprechen wir von weiblicher Dominanz. Und die ist bei Tüpfelhyänen ganz deutlich ausgeprägt, wie wir aus unserer vierzigjährigen Forschung in der Serengeti wissen.

    Inwiefern lassen sich Erkenntnisse über Tüpfelhyänen auf uns Menschen übertragen?
    Menschen sind ebenso wie Tüpfelhyänen sehr soziale Wesen. Ein Unterschied ist, dass bei uns Menschen sich beide Eltern um den Nachwuchs kümmern, bei Tüpfelhyänen sind es nur die Weibchen. Zoologen würden menschliche Gesellschaften als überwiegend patriarchalisch organisiert beschreiben, Hyänen-Clans hingegen sind eindeutig matriarchalisch. Hyänenforschung ist wichtig, um herauszufinden, ob männliche Dominanz zum Bauplan von Säugetieren gehört oder nicht.

    Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI). © IQOQI/M.R.Knabl

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Junge Frauen bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.

    Die Unterlegenheit von Frauen in patriarchalischen Gesellschaften wird oft mit mangelnder Körperkraft begründet. Sind weibliche Hyänen stärker als männliche?
    Nein, beide Geschlechter sind im Schnitt ähnlich stark. Die weibliche Dominanz hat bei ihnen wenig mit Körperkraft zu tun. Wir beobachten regelmäßig, wie nicht ausgewachsene Weibchen ältere große Männchen dominieren. Das Geheimnis der weiblichen Jungtiere sind ganz einfach ihre Mütter und Tanten: Sie sitzen in der Nähe und kontrollieren die Situation. Kooperationspartnerinnen gleichen im Hyänenrudel körperliche Nachteile aus – eine Beobachtung, die zur Übertragung auf den Menschen einlädt.

    Eine weitere gern ins Feld geführte Begründung für weibliche Unterlegenheit ist der Mangel an Aggressionshormonen wie Testosteron. Stützen Ihre Erkenntnisse aus der Serengeti diese Hypothese?
    Unsere Hormonmessungen ergeben ein ungefähr gleiches Konzentrationsverhältnis bei Menschen und Hyänen. Bei männlichen Artvertretern ist die Testosteronkonzentration etwa zehn Mal so hoch wie bei ihren weiblichen Pendants. Und doch ist das Dominanzverhalten extrem unterschiedlich. Am Hormonstatus kann es also nicht liegen. 

    Hängt es vielleicht mit den Genen zusammen, wie manche behaupten
    Bei Hyänen lässt sich kein Beleg dafür finden. 

    Wenn die üblichen Begründungen nichts taugen: Was erklärt dann die weibliche Überlegenheit bei Hyänen?
    Zum einen die weibliche Solidarität untereinander: Zwei Weibchen gewinnen zusammen immer eine Auseinandersetzung mit einem Männchen. Zum anderen die bei Säugetieren seltene Konstellation, dass die Männchen keinerlei Zwang beim Geschlechtsakt ausüben können. Sie kommen nur dann zum Zug, wenn sie vorher eine freundschaftliche Beziehung zum Weibchen aufgebaut haben und daran müssen sie wochenlang arbeiten. Als Zoologen beschreiben wir das als sexuelle Selektion für soziale Kompetenz und das ist ungewöhnlich bei Säugetieren. 

    Was lässt sich für uns Menschen lernen?
    Die üblichen biologisch begründeten Argumente für weibliche Unterlegenheit sind nicht zutreffend. Dort wo sie auftritt, ist die Unterlegenheit vielmehr kulturell bedingt. Die Biologie legt Frauen keine Fesseln an, was Durchsetzungsvermögen angeht.

    Mit Medaille und Urkunde in der Bielefelder Stadthalle © David Ausserhofer

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Professor Heribert Hofer bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.

    Zur Person

    Professor Heribert Hofer ist Vizepräsident der GDNÄ und war als deren Präsident zuständig für die wissenschaftliche Gestaltung der 133. Versammlung im Jahr 2024 in Potsdam. Von 2000 bis 2025 leitete renommierte Zoologe das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin-Friedrichsfelde. Der Freien Universität Berlin ist er als Professor für Interdisziplinäre Wildtierforschung verbunden.

    Vor seiner Berliner Zeit forschte Heribert Hofer von 1986 bis 1999 am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie im bayerischen Seewiesen, zunächst als Postdoktorand, später als selbstständiger Wissenschaftler. 1997 habilitierte er sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einer Arbeit über das Verhalten von Tüpfelhyänen in der Serengeti-Savanne. Sein Studium der Zoologie begann er an der Universität des Saarlandes und schloss es an der Universität Oxford mit der Promotion zum „DPhil“ ab.

    In der GDNÄ engagierte sich Heribert Hofer als gewählter Fachvertreter und Gruppenvorsitzender für das Fach Biologie, mit Redebeiträgen auf Versammlungen, als Vizepräsident bei der Vorbereitung der 200-Jahr-Feier in Leipzig und seit 2025 als der Past-Präsident. Professor Hofer hat maßgeblich zur Entwicklung der jGDNÄ beigetragen.

    Weitere Informationen:


    Zukunft verstehen: Spitzenforscher erklären Quantencomputer, KI und Klimawandel.

    Hier geht’s zur Live-Übertragung der GDNÄ-Versammlung in Bremen.

    17.–20. September 2026

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