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    RNA-Medizin

    Einst unterschätzt, jetzt Hoffnungsträger

    In der Corona-Pandemie stellten mRNA-Impfstoffe ihre Wirksamkeit und Sicherheit unter Beweis. Mit ihnen beginne eine neue Ära in der Medizin, sagt der Würzburger Infektionsbiologe Jörg Vogel. Er beschreibt den Siegeszug der Ribonukleinsäure in der Therapie bei der GDNÄ-Festversammlung in Leipzig – und hier im Interview. 

    Herr Professor Vogel, ein Themenschwerpunkt der Jubiläumstagung in Leipzig ist die RNA-Medizin. Was macht die neue Therapierichtung so interessant?
    Die begründete Hoffnung, dass bisher unheilbare Krankheiten endlich behandelt werden können. Auslöser waren die großartigen Erfolge der mRNA-Impfstoffe in der Corona-Pandemie. Die Impfstoffe konnten nicht nur sehr schnell entwickelt werden, sie haben sich auch als hochwirksam und sicher erwiesen. Weltweit herrscht derzeit eine unglaubliche Aufbruchstimmung, manche sprechen sogar von einer medizinischen Revolution. Jetzt geht es darum, das Wirkprinzip auf möglichst viele Krankheiten zu übertragen. 

    Welche Krankheiten kommen dafür infrage?
    Grenzen gibt es da kaum. Die Forschung konzentriert sich aktuell auf Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber auch andere Volkskrankheiten wie die Demenz sind mögliche Kandidaten. Und bei zahlreichen seltenen Erkrankungen, vor allem wenn sie auf Defekte in einem einzelnen Gen zurückgehen, könnte die RNA-Medizin endlich den Durchbruch bringen. Einige RNA-Medikamente sind in der EU bereits auf dem Markt und ich rechne schon bald mit vielen neuen Therapien. 

    Die RNA scheint ein Alleskönner zu sein. Wie schafft sie das?
    Das hat mit ihren vielen Fähigkeiten zu tun, die lange übersehen wurden. Früher konzentrierte sich fast alles auf die Messenger-RNA, kurz: mRNA, ein Botenmolekül, das genetische Baupläne aus dem Zellkern zu den Proteinfabriken im Zytosol bringt. Neben der ebenfalls schon länger bekannten tRNA, die Aminosäuren zu den Proteinfabriken, den Ribosomen, transportieren, und der rRNA, die ein Bestandteil dieser Proteinfabriken ist, hat man in den letzten Jahren viele weitere RNA-Klassen entdeckt. Sie erhielten Namen wie miRNA für micro RNA oder siRNA für small interfering RNA. Inzwischen sind mehr als ein Dutzend verschiedene RNA-Klassen bekannt, und es kommen ständig neue hinzu. Klar ist heute: RNA steuert lebenswichtige Prozesse in den Zellen und Fehler bei dieser Steuerung können Krankheiten verursachen. Oder, um ein bisschen zu übertreiben: Die RNA ist der wahre Akteur in unseren Zellen und Organen.

    Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

    © SciGraphix/Sandy Westermann

    Die moderne RNA-Medizin nutzt unter anderem therapeutische mRNA, Antisense-Strategien und CRISPR-Cas-Systeme zur Behandlung unterschiedlicher Krankheiten.

    Wie lässt sich das Wundermolekül medizinisch nutzen?
    Auf zweierlei Weise: in modifizierter Form als Wirkstoff und, wenn es um körpereigene RNA geht, als Angriffspunkt für maßgeschneiderte Wirkstoffe. mRNA-Impfungen sind ein gutes Beispiel für das erste Wirkprinzip. So enthält etwa der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer eine im Labor erzeugte mRNA-Variante des Stachelproteins von SARS-CoV-2. Nach der Impfung erzeugt der Körper diese Stachelprotein-Variante, was eine starke Immunantwort hervorruft. Der Impfstoff funktioniert als Antigen, das die Bildung von Antikörpern durch das Immunsystem anstößt. In ähnlicher Weise will man das Immunsystem mithilfe gezielt veränderter RNA zur Produktion von Antikörpern gegen Krebszellen anregen. Dazu laufen bereits etliche Studien. Man könnte auch die Lungenzellen von Mukoviszidose-Patienten mithilfe der CRISPR-Cas-Methode so verändern, dass sie ein lebenswichtiges Protein in der korrekten Form herstellen. Welche dieser Therapien sich unter medizinischen und Kosten-Gesichtspunkten durchsetzen wird, kann man heute noch nicht absehen.

    Bitte erläutern Sie auch das zweite Wirkprinzip an einem Beispiel.
    In der Herzmedizin wird beispielsweise daran geforscht, die Produktion krankmachender Proteine durch künstlich hergestellte siRNA zu unterbinden. Dafür werden RNA-Schnipsel im Labor erzeugt, die genau komplementär zur Sequenz der körpereigenen RNA aufgebaut sind – sogenannte Antisense-Moleküle. Die Idee ist, sie an kleine Fettbläschen zu koppeln und unter die Haut zu spritzen. Diese Liposomen sollen ins Herz gelangen, um ihre siRNA-Fracht in die Zellen einzuschleusen. Die Fracht, so der Plan, dockt an der körpereigenen RNA an und legt sie lahm. Auf ähnliche Weise könnte man nicht-kodierende RNA, die im Körper zwar keine Proteine herstellen, dafür aber viele Prozesse regeln, bei Fehlfunktionen in die gewünschte Richtung lenken. 

    Was kann, kurz gesagt, die RNA-Medizin, das herkömmliche Wirkstoffe nicht können?
    Ein großer Vorteil ist die Programmierbarkeit: Wirkstoffe lassen sich exakt nach Bedarf entwerfen. Ein weiterer Vorzug ist die Geschwindigkeit. Man kann ein Therapeutikum am Bildschirm in Minutenschnelle entwerfen und danach zügig herstellen, wenn die Produktionskapazität da ist. Denken wir an die mRNA-Impfstoffe, die ja sehr schnell zur Verfügung standen.

    Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

    © RVZ

    Alt und neu in ästhetischer Verbindung: Die umgebaute und erweiterte frühere Chirurgische Klinik der Würzburger Universität beherbergt jetzt zwei Forschungszentren, das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung und das Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin.

    Aber bewirken RNA-Therapien auch genau das, was sie sollen?
    Sie sind sehr spezifisch. Vielleicht sogar spezifischer als herkömmliche Arzneimittel, die gegen Proteine gerichtet sind. Zu tun hat das mit der exakten Basenpaarung bei Nukleinsäuren. 

    Und wenn gravierende Nebenwirkungen auftreten: Lässt sich die RNA wieder zurückholen?
    Das wissen wir noch nicht genau. Bisher war es nicht nötig, weil die mRNA schnell wieder aus dem Körper verschwindet. Für die Zukunft werden wir uns aber etwas überlegen müssen. Bis jetzt ist es nur eine Forschungsidee, Depots mit Ersatzproteinen im Körper anzulegen. Aber wenn das gelingt, muss man natürlich Schutzmechanismen für den Fall von Unverträglichkeiten  bereithalten. Ein prinzipielles Problem sehe ich aber nicht, denn man könnte auch hier ein Gegenmittel entwerfen. Etwa ein Anti-CRISPR-Cas-Molekül, das bei Bedarf verabreicht wird. 

    Anders als heutige Medikamente ist RNA sehr instabil. Wie verhindert man, dass sie im Körper schnell zerfällt und wirkungslos bleibt?
    Dafür muss man ihre chemische Struktur verändern. Ein passendes Beispiel liefert wieder der mRNA-Impfstoff. Dass er so gut wirkt, ist der Biochemikerin Katalin Karikó zu verdanken. Sie hat schon weit im Vorfeld zusammen mit dem Immunologen Drew Weissmann eine Variante der Base Uridin, das Pseudouridin, in die mRNA eingebaut. Das macht das Molekül nicht nur stabiler und effizienter, es reduziert auch das Risiko von Überreaktionen des Immunsystems. 

    Eine Pionierleistung, die die rettenden Impfstoffe erst ermöglichte?
    Ja, und ganz bestimmt nobelpreisverdächtig. Wenn man Versuche mit nicht-modifizierter mRNA dagegenhält, dann zeigt sich, dass es ohne diese Modifikation nicht geht. Das ist der Grund, warum manche andere Impfstoffkandidaten bisher gescheitert sind. 

    Lassen Sie uns ein paar technische Fragen klären. RNA-Moleküle sind groß und sehr negativ geladen. Wie bekommt man sie im Körper dorthin, wo man sie haben will?
    Bei der mRNA-Impfung funktioniert das ja sehr gut: Der in den Oberarmmuskel gespritzte Impfstoff wird im Muskel von bestimmten Immunzellen aufgenommen und führt von dort aus direkt zur Immunantwort. Es wird aber, wie schon erwähnt, auch über Depots in der Nähe von Zielorganen wie Lunge, Leber oder Nieren nachgedacht. Sprays sind ebenfalls in der Diskussion. Insgesamt ist das gerade ein großes Forschungsthema. Wichtig ist dabei immer auch die Compliance: Wie gut wird die Therapie von Patienten angenommen und wie treu bleiben sie ihr – all das spielt eine Rolle. 

    Heute werden RNA-Moleküle vor allem in Lipide verpackt, um sie in die Zellen zu schleusen. Ist das die beste Methode?
    Derzeit ja. Erprobt werden auch Nanocages, die man sich als Käfige aus DNA zum Transport der RNA vorstellen kann. Es kommt vor allem darauf an, die vergleichsweise großen RNA-Moleküle vor den Attacken des Immunsystems und dem Abbau durch Enzyme zu schützen – an diesen Kriterien müssen sich alle Verfahren messen lassen.  

    Wie lange hält die Wirkung einer RNA-Therapie an?
    Das kommt auf die Technologie an. Bei der mRNA-Therapie wird das Protein, ähnlich wie bei der Corona-Impfung, nach Verabreichung für einige Tage hergestellt – danach ist die mRNA abgebaut. Das Protein wiederum kann Tage bis Wochen im Körper existieren und seine Wirkung entfalten, bis es dann ebenfalls abgebaut wird. Ein Beispiel: Bei der Therapie der Spinalen Muskelatrophie SMA müssen die Medikamente, die die mRNA-Reifung fördern, alle zwei bis vier Monate gegeben werden. 

    Wie weit ist die Erprobung am Menschen?
    Mit am weitesten fortgeschritten ist eine CRISPR-Cas-Studie mit einem RNA-Wirkstoff zur Behandlung der Erbkrankheit Beta-Thalassämie. Bisher benötigen die Patienten regelmäßige Bluttransfusionen. Wenn die neue Therapie sich bewährt, ist das nicht mehr nötig. Dann produziert ihr Körper das fehlende Hämoglobin. In der klinischen Prüfung sind auch neue Impfstoffe auf mRNA-Basis, etwa gegen Influenza oder Malaria.

    Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

    © HIRI / Luisa Macharowsky

    An der anaeroben Werkbank im Labor des Helmholtz-Instituts für Infektionsforschung mit Professor Jörg Vogel (links).

    Warum ist die RNA-Medizin erst jetzt ein großes Thema geworden?
    Es brauchte die Pandemie, um Druck aufzubauen. Sie hat den nötigen Schub gebracht und gezeigt, dass mRNA-Impfstoffe und die RNA-Medizin insgesamt wirksam und sicher sind.  

    Sie gelten als Pionier der RNA-Medizin. Was hat Sie in diese Richtung gebracht?
    Ich habe Biochemie studiert und schon als Student in molekularbiologischen Laboren gearbeitet, unter anderem in der Pflanzengenetik. Dort habe ich dann auch promoviert, und zwar über molekulare Mechanismen von katalytischen RNA-Molekülen in den Chloroplasten der Gerste.  

    Seit mehr als fünf Jahren leiten Sie das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung. Wo stehen Sie heute?
    Das Institut hat sich prächtig entwickelt, und zwar parallel zur wachsenden Bedeutung der RNA-Forschung. Als wir anfingen, dachte man beim Thema Impfstoffe noch in erster Linie an Proteine als Wirkstoffe, nicht an RNA. Das hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert. Innovationen erwartet man heute vor allem von der RNA-Forschung. An unserem Institut profitieren wir sehr von der Hochdurchsatzsequenzierung: Dadurch können wir wie mit einem Mikroskop in die Zellen hineinschauen und sehen, welche RNA gerade produziert werden. Mittlerweile sind wir auch ziemlich gut darin, die RNA so zu modifizieren, dass sie medizinisch nützlich ist. 

    Ist der medizinische Nutzen ein großes Thema bei Ihnen?
    Wenn es um neue Ansätze geht, ja. Aber wir sind Grundlagenforscher. Die Weiterentwicklung ist Sache der Industrie. 

    Arbeitet Ihr Institut mit Pharmafirmen zusammen?
    Bisher kaum, aber das soll sich ändern. Derzeit bereiten wir die erste Ausgründung vor. Es geht um RNA-basierte Diagnostik und um Tests, die viele verschiedene Erreger gleichzeitig nachweisen können. 

    Gegen die gewöhnliche Erkältung ist bislang kein Kraut gewachsen. Ob die RNA-Medizin damit fertig wird?
    Warum nicht? Ideen hätten da schon! 

    Eine kürzere Version dieses Interviews findet sich in der Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der GDNÄ „Wenn der Funke überspringt“, Leipzig 2022, ISBN 978-3-95415-130-1.

    Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

    © HIRI

    Die RNA-Biologie ist sein Forschungsschwerpunkt: Professor Jörg Vogel

    Zur Person

    Jörg Vogel ist Professor für Molekulare Infektionsbiologie und Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) in Würzburg. Das Institut wird als Standort des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung zusammen mit der Universität Würzburg betrieben. Es ist das weltweit erste Institut, das RNA-Biologie und Infektionsforschung zusammenbringt. Parallel leitet Jörg Vogel das Institut für Molekulare Infektionsbiologie an der Universität Würzburg. Für seine Arbeiten zur RNA-Biologie erhielt er 2017 den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

    Ribonukleinsäure (RNA)

    Als mRNA sorgt die Ribonukleinsäure (RNA) dafür, dass die in der DNA gespeicherten Information in die lebensnotwendigen Proteine umgesetzt werden. Andere RNA-Klassen regulieren die Aktivität der Gene oder haben katalytische Funktionen. Im Aufbau ähnelt die RNA der DNA. Im Unterschied zu dieser ist sie in der Regel einsträngig, was sie zwar weniger stabil aber auch chemisch vielseitiger als DNA macht. Mit der RNA begann auf der Erde die chemische Evolution – aus ihr haben sich wahrscheinlich alle Organismen entwickelt.  

    Jürgen Floege „Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

    „Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

    Jetzt sei die Politik gefordert, sagt Professor Jürgen Floege. Er leitet die Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten in Aachen, engagiert sich für mehr Forschung und blickt gern über die Tellerrand hinaus – auch in der GDNÄ.

    Herr Professor Floege, mit welchen Gedanken und Gefühlen sehen Sie als Klinikdirektor dem zweiten Pandemiewinter entgegen?
    Ich bin relativ entspannt. Mit einer Belastung, wie wir sie zu Beginn der Pandemie hatten, rechne ich in diesem Winter nicht. Im Frühjahr 2020 lagen viele Schwerstkranke auf den Stationen, was auch mit der geografischen Nähe zum damaligen Corona-Hotspot Heinsberg zu tun hatte. Aktuell betreuen wir rund ein Dutzend Covid-19-Patienten in unserer Klinik. Es handelt sich zu hundert Prozent um Ungeimpfte. Einige sind jung und ohne Vorerkrankungen, dennoch müssen sie jetzt künstlich beatmet werden. Das zeigt doch ganz eindeutig: Gegen diese Krankheit hilft kein noch so starkes Immunsystem, den besten Schutz bietet die Impfung.

    Sehen das auch die Beschäftigten in Ihrer Klinik so?
    Ja, die allermeisten sind zweifach geimpft. Inzwischen haben sich viele – ich zähle auch dazu – ein drittes Mal impfen lassen. Zwangsmaßnahmen gibt es bei uns nicht, wir appellieren aber an Vernunft und Rücksichtnahme. Damit sind wir bis jetzt gut gefahren. Sorgen bereitet uns derzeit ein ganz anderes Thema.

    Es hat auch mit der Pandemie zu tun?
    Sogar unmittelbar. Die Pandemie hat uns hohe Mehrausgaben aufgebürdet und uns tief in die roten Zahlen getrieben. Schon vor der Pandemie waren drei Viertel der deutschen Universitätsklinika defizitär, nun geht es fast allen wie uns. Jede dieser Kliniken versorgt Patienten, die kein anderes Krankenhaus behandeln kann oder will, zusätzlich sind wir in großem Stil für die Ausbildung jünger Ärztinnen und Ärzte zuständig. Das kostet Zeit und Geld und wird durch das aktuelle Vergütungssystem nicht ausreichend honoriert. Daher brauchen wir dringend Zuschläge, die die Politik aber bisher verweigert. An meinem Klinikum, aber auch in vielen Häusern andernorts, hat das zu einem Investitionsstau der Sonderklasse geführt. Wichtige Projekte müssen jetzt warten.

    © Peter Winandy

    Das Universitätsklinikum Aachen besteht seit 1985. Heute beschäftigt es rund 8.500 Mitarbeiter in 35 Fachkliniken, 30 Instituten und sechs fachübergreifenden Einheiten. Jährlich werden dort mehr als 50.000 Patienten stationär und gut 200.000 ambulant behandelt. Das Klinikum liegt im Westen Aachens in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gemeinde Vaals in den Niederlanden.

    Ihr Spezialgebiet ist die Niere – ein Organ, das medizinische Laien nicht unbedingt mit dem Coronavirus in Verbindung bringen.
    Dabei sind die Nieren nach Nasenschleimhaut und Lunge eines der am häufigsten befallenen Organe. Ein Drittel aller schwer an Covid-19 Erkrankten leidet unter Nierenversagen. Und es ist gar nicht so selten, dass eine Infektion zu Spätschäden in der Niere führt, die sich nicht zurückbilden.

    Wie häufig sind Nierenschäden hierzulande?
    Sehr häufig. Bei rund vier Millionen Menschen liegt die Nierenfunktion unter 30 Prozent der möglichen Kapazität. Und bei einer halben Million Menschen ist die Nierentätigkeit auf 15 Prozent oder weniger abgesunken. Geht die Funktion auf fünf bis sieben Prozent zurück, sind die Betroffenen auf eine Dialyse als Nierenersatztherapie angewiesen, sofern keine neue Niere für eine Transplantation zur Verfügung steht.

    Schätzungen besagen, dass Nierenkrankheiten im Jahr 2040 die fünfthäufigste Todesursache weltweit sein werden. Dennoch gibt es auf Ihrem Gebiet, der Nephrologie, aktuell die wenigsten klinischen Studien für neue Therapien. Woran liegt das?
    Es hat mit der Komplexität von Nierenkrankheiten zu tun. Sie sind schwer in den Griff zu bekommen und schwer zu beforschen. Die wenigsten Patienten haben nur Nierenprobleme, die meisten leiden zusätzlich an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge oder des Magen-Darm-Trakts, um nur einige Diagnosen zu nennen. Von Arzneimittelstudien werden Menschen mit ausgeprägten Nierenschäden oft ferngehalten, weil man dabei auf ein funktionierendes Organ angewiesen ist – immerhin werden die allermeisten Arzneimittelwirkstoffe über die Niere ausgeschieden. Hinzu kommt: Die Behandlung von Nierenpatienten ist hochindividuell, da gibt es kaum Standardrezepte. Und Medikamente, die bei Nierengesunden die beabsichtigte Wirkung zeigen, können bei schwer Nierenkranken in manchen Fällen völlig anders wirken.

    © J. Floege

    Die Visite bei Dialyse-Patienten gehört zum täglichen Pensum des Teams um Jürgen Floege.

    In Ihrer Klinik wird dennoch viel geforscht. Zu welchen Themen?
    Neben Nierenerkrankungen geht es um rheumatologisch-immunologische Erkrankungen. Wir initiieren und beteiligen uns an klinischen Studien, machen aber auch Grundlagenforschung. Erst kürzlich wurde der Sonderforschungsbereich „Mechanismen kardiovaskulärer Komplikationen bei chronischer Niereninsuffizienz“, den wir zusammen mit den hervorragenden Herzspezialisten unserer Hochschule betreiben, sehr gut bewertet und für eine zweite Förderperiode empfohlen. Wir engagieren uns zudem in der Covid-19-Forschung: Einige Kollegen sind gerade dabei, eine künstliche Niere im Reagenzglas zu erzeugen, um daran neue Therapieansätze zu erproben. Mit meiner eigenen Arbeitsgruppe will ich herausfinden, ob hochdosierte Gaben des Gerinnungsvitamins K Dialysepatienten helfen können. Es gibt Hinweise, dass insbesondere die Variante K2 die bei chronischen Nierenerkrankungen stark belasteten Blutgefäße schützt. K2 ist nur in sehr wenigen Lebensmitteln enthalten, etwa in dem japanischen Sojaprodukt Natto. Für unsere Studie verwenden wir synthetisch hergestelltes Vitamin.

    Was kann man selbst für gesunde Nieren tun?
    Wichtig sind Normalgewicht, Blutdruckwerte möglichst unter 130/80 Millimeter Quecksilbersäule und wenig Salz. Optimal sind bis zu fünf Gramm am Tag, was gerade mal einem Teelöffel entspricht – deutlich mehr ist ungesund. Darüber hinaus ist Diabetes mit einem erheblichen Risiko für Nierenleiden verbunden: Auch deshalb sollte man die Krankheit nach Möglichkeit vermeiden beziehungsweise den Blutzucker bei Erkrankung gut einstellen. 

    Gestatten Sie eine persönliche Frage: Wie kamen Sie selbst zur Nierenforschung?
    Dass ich Medizin machen wollte, stand für mich schon früh fest. Der Entschluss hatte auch mit dem frühen Tod meines Vaters zu tun. In den 1970er-Jahren konnte man gegen seine Herzinfarkte noch nicht viel ausrichten, da hat es zum Glück große Fortschritte gegeben. Meine Lehrjahre habe ich in Hannover, New York und Seattle verbracht und habe dabei immer mehr Interesse für die Nierenheilkunde entwickelt.

    © Peter Winandy

    Das Universitätsklinikum der RWTH Aachen (im Bild vorne links) ist eines der größten Krankenhausgebäude Europas. Nördlich davon liegt der Campus Melaten mit technologieorientierten Forschungseinrichtungen der RWTH und von Unternehmen.

    Seit mehr als zwanzig Jahren sind Sie nun in Aachen tätig. Wie arbeitet es sich als Mediziner an einer technischen Hochschule?
    Heute geht es mir hier sehr gut. Das war anders, als ich Ende der 1990er-Jahre meine Stelle antrat. Damals war die Medizin hier eher ein Anhängsel der technischen Fächer. Der Wissenschaftsrat hat sich das im Jahr 2000 angeschaut und dem Land Nordrhein-Westfalen die Schließung der medizinischen Fakultät empfohlen. Was dann folgte, war ein gewaltiger Ruck. Alle strengten sich an, es wurde viel frisches Forschungsgeld eingeworben, man berief gute Wissenschaftler und bis heute beleben tolle junge Leute den Betrieb – wir sind eine hochgeschätzte und -bewertete Fakultät innerhalb der RWTH Aachen geworden.

    Wie sind Sie GDNÄ-Mitglied geworden?
    Ich bin erst seit Kurzem dabei, und zwar auf Vorschlag des Würzburger Kardiologen, Professor Georg Ertl. Er hat mich auch dafür gewonnen, die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin zu übernehmen.

    Als Kliniker und Forscher leiden Sie nicht unter Arbeitsmangel. Was hat Sie bewogen, sich zusätzlich für die GDNÄ zu engagieren?
    Ich schaue gern über den Tellerrand meiner Disziplin hinaus und interessiere mich sehr für andere Bereiche der Naturwissenschaften. Diesem Bedürfnis kommt die GDNÄ mit ihrer Fächervielfalt entgegen. Was mich auch fasziniert, ist die großartige Tradition – das ist schon einzigartig.

    Haben Sie Ideen für die Zukunft der GDNÄ?
    Ich denke, wir brauchen eine „Junge GDNÄ“ parallel zur etablierten Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Vorbilder könnten die Jungen Internisten innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin sein oder auch die Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wisssenschaften und der Leopoldina. Wichtig ist, dass die jungen Leute sich selbst organisieren und unabhängig von den Älteren produktiv sein können.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © J. Floege

    Prof. Dr. Jürgen Floege

    Zur Person
    Seit 1999 leitet Professor Dr. med. Jürgen Floege die Medizinische Klinik II der Universitätsklinik RWTH Aachen (Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Rheumatologische und Immunologische Erkrankungen). Er studierte er an der Medizinischen Hochschule Hannover und am Albert Einstein College of Medicine in New York. In Hannover schloss er seine Facharztausbildung ab, habilitierte sich und trat 1995 eine Stelle als Oberarzt an. In den 1990er-Jahren arbeitete er zusätzlich drei Jahre als Gastwissenschaftler an der University of Washington in Seattle. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten, zu denen er mehr als 600 Originalartikel, Reviews, Editorials und Buchkapitel publiziert hat, gehören Nierenerkrankungen und ihre zentrale Bedeutung für die Innere Medizin, etwa bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Professor Floege ist Herausgeber des internationalen Bestseller-Lehrbuchs „Comprehensive Clinical Nephrology” und Mitherausgeber der führenden nephrologischen Fachzeitschrift „Kidney International“. Für seine Forschung erhielt der Aachender Nephrologe zahlreiche Ehrungen, darunter im Jahr 2020 die höchste Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), die Franz-Volhard-Medaille. Neben seiner Kliniktätigkeit engagiert sich Floege in renommierten Gesellschaften, Gremien und Organisationen. Er ist Gründungsmitglied und Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und im Leitungsgremium von KDIGO – einer Organisation, die weltweit gültige Leitlinien der Nephrologie erstellt. Der GDNÄ gehört Jürgen Floege seit 2019 an; er hat die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin übernommen.

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    Coronakrise: Vertrauen in die Wissenschaft steigt

    Coronakrise: Vertrauen in die Wissenschaft steigt

    In der Corona-Pandemie sind Einschätzungen aus der Wissenschaft sehr gefragt. Repräsentative Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung den Aussagen in hohem Maße vertraut und sich noch mehr Informationen wünscht.

    In der Coronakrise ist die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft deutlich gestiegen. Bei einer repräsentativen Umfrage für das Wissenschaftsbarometer 2020 gaben 66 Prozent der Befragten an, Wissenschaft und Forschung zu vertrauen. Bei ähnlichen Befragungen der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ in den Jahren 2017 bis 2019 hatten nur rund 50 Prozent diese Einstellung vertreten.

    Auch das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte 2020 einen klaren Vertrauenszuwachs für die Forschung. Demnach verlassen sich 43 Prozent der Befragten bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern darauf, dass sie die Wahrheit sagen. Im Jahr 2015 lag dieser Wert in der Allensbach-Umfrage nur bei 30 Prozent. Die Berufsgruppe der Forscher liegt damit in punkto Glaubwürdigkeit auf Rang drei. Nur die langjährigen Spitzenreiter, Ärzte und Richter, schneiden besser ab.

    Für einen konstruktiven Dialog

    Forscher werden nicht nur für ihre Beiträge zur Beratung von Politik und Bevölkerung geschätzt. Der Allensbach-Studie zufolge nimmt jeder zweite Deutsche (54 Prozent) die Naturwissenschaften auch als wichtigen Impulsgeber für die Zukunft wahr. Das Ansehen von Parteien und Politikern als gestaltende Kräfte ist demnach von 25 auf 31 Prozent gestiegen. Zurückgegangen ist hingegen der wahrgenommene Einfluss von Journalisten (von 26 auf 19 Prozent) und von Bürgerbewegungen (von 42 auf 29 Prozent).

    „Die Zahlen zeigen, dass der Großteil der Bevölkerung gerade in kritischen Zeiten der Wissenschaft vertraut“, sagt Martin Lohse, Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). Die Wissenschaft dürfe dieses Vertrauen jedoch nicht als selbstverständlich betrachten. Die GDNÄ sehe sich daher in der Verantwortung, den konstruktiven Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft zu fördern, ergänzt Lohse.

    Bei der Vermittlung von Wissenschaft besteht großer Nachholbedarf. Das belegen andere repräsentative Umfragen, wie zum Beispiel das Technikradar 2020. In dieser Erhebung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und der Körber-Stiftung zeigen sich lediglich 15 Prozent der rund zweitausend Befragten zufrieden mit der Art und Weise, wie die Politik über Technikfolgen informiert. Immerhin 70 Prozent fordern eine stärkere Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern bei der Einführung neuer Techniken.

    Kritik an fossilen Rohstoffen

    Im Fokus des Technikradars 2020 steht das Thema Bioökonomie. Der Begriff bezieht sich auf neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen, die zu einem nachhaltigeren und zukunftsfähigen Wirtschaftssystem beitragen. „Herkömmliche Lösungen für Energieerzeugung, Mobilität und industrielle Produktion, die auf fossilen Rohstoffen basieren, geraten in der Bevölkerung zunehmend unter Rechtfertigungsdruck“, heißt es im Technikradar-Bericht. So sprechen sich beispielsweise mehr als Hälfte der Deutschen in der Befragung dafür aus, dass die Politik Maßnahmen für den Klimaschutz durchsetzt, auch wenn die Wirtschaft darunter leidet.

    Die Bewertung einzelner Themenfelder der Bioökonomie fällt unterschiedlich aus. 88 Prozent der Befragten befürworten den Ersatz von Kunststoffen durch Bioprodukte. Dreiviertel findet Gentherapien bei Erwachsenen gut. 60 Prozent plädieren für mehr Forschungsförderung zur Entwicklung von Bio-Sprit. Aber nur jeder Vierte kann sich mit dem Verzehr von Fleisch aus dem Labor anfreunden. Noch geringer fällt die Zustimmung für gentechnisch veränderte Pflanzen aus.

    Viele dieser Entwicklungen bergen großes Potenzial in einer Welt, die vor drängenden Fragen steht: Wie bewältigen wir globale Krisen? Wie bleiben wir gesund? Wie werden wir wohnen, uns fortbewegen und miteinander kommunizieren? „Diese Fragen können nicht allein von Klimaforschern, Medizinern, Sozial- und Naturwissenschaftlern beantwortet werden“, sagt Martin Lohse.  „Auch deshalb werden Plattformen wie die GDNÄ für einen vernunftgeleiteten und interdisziplinären Dialog der Wissenschaft mit der Gesellschaft und für den Austausch zwischen Jung und Alt immer wichtiger.“

    Technik wird positiv gesehen

    Die Vorrausetzungen für einen Dialog scheinen gut zu sein. So berichtet der Technikradar 2020 von einer breiten Zustimmung in der Bevölkerung für Wissenschaft und technischen Fortschritt. 48,7 Prozent der Befragten glauben, dass die technische Entwicklung nachfolgenden Generationen eine höhere Lebensqualität bescheren wird. Nur 16 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu.

    Die allgemeine Technikfreundlichkeit ist bei 52 Prozent der Befragten stark oder sehr stark ausgeprägt und nur bei elf Prozent gering oder sehr gering. Dabei mache es keinen Unterschied, ob die Befragten in Ost- oder in Westdeutschland, in einer Großstadt oder auf dem Land leben, heißt es in der Auswertung. Männer seien im Durchschnitt noch immer technikaffiner als Frauen. Und je höher der Schulabschluss sei, desto stärker sei auch das Interesse an Technik.

    Was das Technikradar auch zeigt: Ein besseres Verständnis von wissenschaftlichen Ergebnissen erhöht nicht notwendigerweise die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu ändern. Zwar tragen die Aussagen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Corona-Pandemie entscheidend dazu bei, dass Einschränkungen des täglichen Lebens weithin akzeptiert werden. Für den Umwelt- und Klimaschutz gilt das aber nicht. Finanzielle Mehrbelastungen für sich selbst lehnen die meisten Befragten ab und staatlichen Zwang zum umweltgerechten Handeln befürwortet nur ein Drittel.

    Abbildung aus dem „Wissenschaftsbarometer 2020“

    Titelblatt des Technikradars 2020, einer repräsentativen Befragung zur Einstellung gegenüber Wissenschaft und Technik

    Weitere Informationen:

    Hoffentlich kommen bald Lockerungen

    „Hoffentlich kommen bald Lockerungen“

    Eda Siakir Oglou macht ihr Abitur im Corona-Jahrgang 2020. Was das bedeutet und wie ihre Schule im hessischen Schwalbach am Taunus darauf vorbereitet ist, schildert die 18-Jährige im Interview.

    Frau Siakir Oglou, Sie haben gerade Ihr Abitur geschrieben – mitten in der Coronakrise. Fühlten Sie sich dadurch beeinträchtigt?
    Eigentlich nicht. Wir hatten in den Monaten vorher schon vieles von dem, was im Abitur-Erlass Hessen steht, im Unterricht behandelt. Zusätzlich hatte ich die Original-Prüfungsaufgaben mit Lösungen aus dem letzten Abi-Jahrgang durchgearbeitet – vor allem in meinen Leistungskursen Biologie und Kunst. Ich fühlte mich gut vorbereitet und tatsächlich lief dann in der Prüfung auch alles glatt.

    Das klingt, als hätten Sie den Unterricht auf der Endstrecke nicht allzu sehr vermisst.
    Ja, so könnte man sagen. Ich arbeite gern eigenständig und kann mir den Stoff über Bücher und per Internet gut selbst erschließen. In der Vorbereitungszeit war jeder Tag durchgeplant mit Abi-Vorbereitung bis mittags und einer Freizeitaktivität am Nachmittag. Insgesamt hatte ich mehr Zeit für mich als vorher, weil durch die Schulschließung zwei Stunden Busfahrt wegfielen. Mein Alltag war weniger stressig – ich habe die Zeit ziemlich genossen.

    Gab es Kontakt zu den Lehrern?
    Ja, einige Lehrer haben uns Aufgaben oder Tipps fürs Lernen geschickt. Das lief meistens per E-Mail. In die Schul-Cloud, die es seit gut einem halben Jahr gibt, wurde kaum etwas eingestellt. Das geht erst jetzt ganz langsam los.

    In den Medien wird derzeit die mangelnde Digitalisierung deutscher Schulen beklagt. Zu Recht?
    Ich kann das nur für meine Schule sagen und da trifft die Kritik teilweise zu. Immerhin gibt es bei uns Computerräume, in denen wir gelegentlich in Gruppen arbeiten. Wir haben Beamer, um Powerpoint-Präsentationen anzuschauen oder auch mal einen Schulfilm in Biologie.  Einige Lehrer benutzen noch Overheadprojektoren im Unterricht. Arbeitsblätter werden massenhaft ausgedruckt und kopiert – da könnte man durch den Einsatz digitaler Medien sehr viel Papier sparen. Toll fände ich es, wenn der Lernstoff in der Schul-Cloud stehen würde. Das wäre für alle viel transparenter und zuverlässiger als jetzt mit E-Mails – da weiß man nie, ob sie auch wirklich angekommen sind.

    Wie halten Sie in diesen Wochen Kontakt zu Ihren Freunden?
    Vor allem über WhatsApp. Am Anfang der Coronakrise haben wir uns noch persönlich getroffen, später fiel das dann weg. Ich vermisse meine Freunde sehr, den Austausch in den Pausen, den direkten Kontakt – das können soziale Medien nicht ersetzen. Deshalb hoffe ich, dass wir uns bald Lockerungen erlauben können.

    Ihre Schulzeit ist in wenigen Wochen vorbei. Gibt es schon Pläne für danach?
    Ja, klar. Am liebsten würde ich Biomedizin an einer deutschen Universität studieren. Für den Fall, dass das nicht klappt, habe mich um ein Studienstipendium im Fach Biologie in der Türkei beworben.

    Sie sind der GDNÄ seit 2018 verbunden – als Teilnehmerin des Schülerprogramms in Saarbrücken. Es ging um die Digitalisierung der Wissenschaften. Können Sie sich noch an Details erinnern?
    Und ob. Ich erinnere mich an anspruchsvolle, faszinierende Vorträge und dass ich, wenn es um Biologie ging, sehr gut mitkam – dank der tollen Vorbereitung im Leistungskurs. Unvergesslich ist der Auftritt von Nobelpreisträger Klaus von Klitzing. Die Labortouren haben mir besonders gut gefallen, aber auch das Format „Wissenschaft in fünf Minuten“, weil Schüler da selbst etwas gestalten können. Und natürlich das Kulturprogramm mit Ballett und Konzert – uns wurde viel geboten und ich fühlte mich sehr geehrt.

    Können Sie sich vorstellen, die Verbindung aufrechtzuerhalten?
    Ja, auf jeden Fall. Ich würde die Versammlungen sehr gern weiterhin besuchen. Und wer weiß, vielleicht ergeben sich ja noch ganz neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

    Eda Siakir Oglou © Privat

    Noch Schülerin, bald Studierende: Eda Siakir Oglou macht gerade Abitur an der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach am Taunus.

    In die Digitalisierung ist Schwung gekommen

    „In die Digitalisierung ist Schwung gekommen“

    Feline Lohkamp besucht im elften Jahrgang das Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld. Die 15-Jährige ist Stufensprecherin an ihrer Schule. Hier berichtet sie über das Lernen im Corona-Ausnahmezustand.

    Frau Lohkamp, wie geht es Ihnen in Coronazeiten?
    Nicht schlecht, aber ich habe das Zeitgefühl etwas verloren. Seit ungefähr fünf Wochen ist unsere Schule geschlossen und wir versuchen, den im Lehrplan vorgesehenen Stoff für das Zentralabitur zu Hause durchzuarbeiten.

    Wie machen Sie das?
    Unsere Schule stellt Aufgaben über eine schuleigene Cloud namens Nextcloud zur Verfügung. Wir finden dort Jahrgangsordner und Kursordner mit Arbeitsblättern, die unsere Lehrkräfte einstellen. Einmal hatten wir eine Videokonferenz mit allen Kursteilnehmern – das war eine erfrischende Abwechslung.

    Kommen alle gut mit der Technik klar?
    Naja, da gibt es schon ein paar Probleme. Manchmal ist die Cloud überlastet, dann müssen wir uns per E-Mail austauschen. Und nicht alle sind technisch ausreichend versiert – das gilt für die Schülerinnen und Schüler ebenso wie für die Lehrkräfte. Dass meine Schule die Voraussetzungen für E-Learning jetzt in kurzer Zeit und ohne echte Vorbereitung bereitstellen kann, hätte ich nicht gedacht. Für einen noch besseren Austausch werden wir jetzt auf die Kommunikationsplattform Sdui umschwenken. In die Digitalisierung ist bei uns richtig Schwung gekommen.

    Was glauben Sie: Wird das so weitergehen, auch nach der Coronakrise?
    Es wäre toll, wenn wir auch in Zukunft online auf Unterrichtsmaterialien zugreifen könnten, statt ausschließlich auf kopierte Unterlagen angewiesen zu sein. Das würde Umwelt und Ressourcen schonen und uns Last von den Schultern nehmen – derzeit wiegen Schultaschen nicht selten acht Kilogramm und mehr.

    Wünschen Sie sich eine komplette Digitalisierung?
    Nein, auf keinen Fall. Gute Tafelbilder sind wunderbar, auch wenn sie altmodisch mit Kreide gemacht werden. Und auf Schulbücher oder Arbeitsblätter möchten die wenigsten unter uns ganz verzichten. Ich bin für einen digital gestützten Unterricht, der Elektronisches mit Analogem verbindet. Der direkte persönliche Kontakt ist wichtig –das merken wir erst jetzt so richtig.

    Inwiefern?
    Die meisten meiner Mitschülerinnen und Mitschüler vermissen die Schule sehr. Manche sind regelrecht deprimiert. Zu Hause fehlt der persönliche Kontakt zu unseren Lehrkräften, die bei Schwierigkeiten helfen können. Mir geht es zum Beispiel so im Fach Mathematik.

    Wie können wir uns Ihren Alltag derzeit vorstellen?
    Ich versuche, früh aufzustehen und gleich mit der Arbeit für die Schule zu beginnen. Um mein Lernen zu organisieren, habe ich mir selbst Lehrpläne gemacht. Das funktioniert eigentlich ganz gut.

    Wie geht es anderen in ihrem Jahrgang?
    Ich merke, dass viele die Zeit nutzen, um über ihre Zukunft nachzudenken. Mein Eindruck ist auch, dass es den Mädchen oft leichter fällt, ihr Lernen zu organisieren. Was uns allen zunehmend zu schaffen macht, ist die Kontaktsperre.

    Sie machen im kommenden Jahr Abitur. Welche Zukunftspläne haben Sie?
    Ich schwanke zwischen einer Laufbahn in der Wissenschaft oder einem sozialen Beruf. Zum Glück habe ich noch etwas Zeit mit der Entscheidung.

     

    Feline Lohkamp © Privat
    Feline Lohkamp besucht im elften Jahrgang das Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld.

    Paul Mühlenhoff Unterricht in Corona-Zeiten Technik und die Krise als Motor

    „Die Kinder vermissen ihre Schule“

    Paul Mühlenhoff, Gymnasiallehrer in Bielefeld, über Unterricht in Corona-Zeiten, Technik von vorgestern und die Krise als Motor

    Herr Mühlenhoff, Sie unterrichten Deutsch und Biologie an einem Bielefelder Gymnasium. Wie gelingt Ihnen das während des Corona-Shutdowns?
    Was uns in diesen Wochen sehr hilft, ist der Zugriff auf unseren Schulserver über eine Cloud. Dort stellen wir Lehrer Arbeitsaufträge, Materialien und zu einem späteren Zeitpunkt auch exemplarische Lösungen ein, auf die unsere Schüler zugreifen können. Am einfachsten ist das in den Fächern, die mit Schulbüchern und Arbeitsheften arbeiten. Einige Verlage haben uns kostenlose Digitalversionen zur Verfügung gestellt, die wir nutzen können. Als Klassenlehrer einer fünften Klasse und mit Oberstufenschülern veranstalte ich außerdem ab und zu Videokonferenzen, um mit meinen Schülern im Gespräch zu bleiben.

    Wie gestaltet sich die tägliche Zusammenarbeit konkret?
    Ich gliedere den Stoff Lektion für Lektion für jede einzelne Unterrichtsstunde, reichere ihn oft mit zusätzlichen Informationen an und bitte meine Schüler, das Pensum eigenständig zu bearbeiten. Die in dieser Zeit erstellten „Corona-Portfolios“ werde ich bei Wiederbeginn des Unterrichts sichten, um sie im persönlichen Gespräch auszuwerten – das ist jetzt aus der Distanz schwierig.

    Wird die Mitarbeit derzeit kontrolliert?
    Ja, das versuchen wir. Die Schüler fotografieren die gemachten Aufgaben und laden die Bilder in der Cloud hoch und legen sie im Fachordner ab. Das funktioniert ganz gut ab der 7. Klasse – auch wenn die Fotos manchmal etwas schief und verwackelt sind. Bei den Jüngeren gibt es mehr Probleme; die haben auch nicht alle ein Smartphone.

    Welchen Eindruck haben Sie von Ihren Schülern in der aktuellen Situation?
    Die meisten vermissen die Schule. Und viele Kinder machen sich Sorgen: über Gefahren für die Gesundheit, die Zukunft im Allgemeinen oder, wenn das Abitur naht, über möglicherweise verpassten Stoff. Mein Eindruck ist, dass die leistungsstärkeren Schüler besser mit dem Heimunterricht zurechtkommen. Schwächere Schüler fallen leider weiter zurück, auch weil sie weniger Hilfe von ihren Eltern bekommen. Da wird viel aufzuholen sein, wenn die Schulen wieder öffnen.

    Sie und Ihre Kollegen stehen plötzlich vor ganz neuen Herausforderungen. Wie geht es Ihnen?
    Kein Lehrer ist glücklich mit der Situation. Uns allen fehlt der direkte Kontakt zu den Schülern. Den können Videokonferenzen zwar abmildern, aber keinesfalls ersetzen. Es fehlt einfach die körperliche Präsenz und per Videokonferenz ist es unmöglich, 31 Schülerinnen und Schüler so zu erreichen, wie es normalerweise im Klassenraum mit etablierter Sitzordnung der Fall ist. Die soziale Dynamik beim Lernen in der Gruppe ist durch kein digitales Medium zu ersetzen.

    Sie berichten von Videokonferenzen, einem Schulserver und dem Cloud-Zugang: Ist Ihre Schule demnach technisch auf dem aktuellen Stand?
    Nein, leider noch ganz und gar nicht. Der Schulserver bietet nicht sehr viele Möglichkeiten, Rechner und Software sind weitestgehend veraltet und die meisten Klassenräume sind noch nicht einmal mit Beamern ausgestattet – es wird immer noch viel mit Overheadprojektoren gearbeitet. Immerhin: Beamer für alle Klassenräume sollen in den nächsten Jahren kommen und seit einigen Monaten gibt es 16 iPads für den Unterricht, das ist ein halber Klassensatz. Aber problematisch ist nicht nur die digitale Infrastruktur.

    Sondern was noch?
    Das größte Problem ist nach meiner Meinung die unzureichende Kompetenz von uns Lehrern. Das liegt aber nicht an der mangelnden Bereitschaft, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, sondern damit, dass es neben den fehlenden technischen Mitteln mittlerweile eine verwirrende Vielfalt an Möglichkeiten gibt. Im Fach Biologie habe ich einen ganz anderen Bedarf an digitalen Mitteln als dies im Fach Deutsch der Fall ist. Einige besonders versierte Kollegen arbeiten da schon auf hohem Niveau, aber mit ganz unterschiedlichen Betriebssystemen, Geräten und Softwarelizenzen. Das sind alles individuelle Lösungen, in die man sich mit hohem Zeitaufwand eingearbeitet hat und die privat bezahlt wurden. Noch fehlen Standards für unsere Nutzungszwecke, die in einem weiteren Schritt eine zielgerichtete Fortbildung aller Lehrkräfte ermöglichen würden.

    Und doch scheint der Online-Fernunterricht vielerorts ganz gut zu funktionieren.
    Jetzt ist plötzlich Druck da und tatsächlich kommt vieles in Gang. An unserer Schule bieten besonders kompetente Kollegen und die System-Administratoren zum Beispiel Online-Fortbildungen für Lehrkräfte und Verwaltungsangestellte an. Die werden sehr gut angenommen. Die Lernbereitschaft unter den Kollegen ist ausgesprochen groß.

    In zahlreichen Bundesländern öffnen die Schulen jetzt allmählich wieder. Wie ist das an Ihrer Schule?
    Bei uns in Nordrhein-Westfalen ist es so, dass gleich in der ersten Woche nach den Osterferien der Unterricht für den Abiturientenjahrgang wieder aufgenommen wurde. Das Ganze funktioniert so, dass die Schüler in kleinen Gruppen mit ausreichend Abstand zueinander unterrichtet werden. Sie betreten und verlassen die Schule zu unterschiedlichen Zeiten, sodass Ansammlungen vermieden werden. Es gibt strenge Hygiene- und Verhaltensvorschriften und die Lehrer müssen für jede Stunde die Sitzpläne protokollieren. Für die Schulleitungen und Kollegen vor Ort bedeutet diese Neuorganisation viel Arbeit. Parallel läuft der Fernunterricht für alle weiteren Jahrgänge ja weiter.

    Derzeit wird viel diskutiert über eine umfassendere Schulöffnung. Wie stehen Sie dazu?
    An meinem Gymnasium kommen normalerweise fast tausend Schüler und rund hundert Lehrer zusammen – dicht an dicht im Klassenzimmer, auf engen Fluren und in kleinen Pausenhöfen. Unter diesen Umständen war die Schulschließung absolut vernünftig.
    Wann die Schule wieder für alle Schüler öffnen kann, ist von vielen Faktoren abhängig und wird sicherlich auch regional variieren. Wie sind die Infektionsraten in einer Stadt? Wie viele Menschen können getestet werden? Sind Schulen überhaupt Infektionsherde? Derzeit werden ja viele Szenarien diskutiert, darunter auch schrittweises Vorgehen. Die Antworten sind kompliziert und auch abhängig von den Gegebenheiten jeder einzelnen Schule. Ich hoffe, dass wir spätestens im Mai oder Juni wieder den Betrieb für alle Jahrgänge aufnehmen können. Wenn es sein muss, eben auch mit Mundschutz, obwohl das natürlich zu Lasten von Aussprache und Mimik geht.

    Gibt es etwas, das sich aus dieser Krise für die Schule lernen lässt?
    Sie wird sicher einen großen Schub hin zu Cloud-basierten Arbeitsweisen bringen. Jede Schule braucht einen modernen Schulserver, eine zeitgemäße technische Ausstattung und mehr digitales Know-how im Kollegium. Dass Schüler und Lehrer den direkten Kontakt miteinander nach wenigen Wochen so vermissen würden, hätte wohl niemand so gedacht. Daran wird man sich hoffentlich noch lange erinnern.

    Paul Mühlenhoff, Gymnasiallehrer in Bielefeld
    Ein Lehrer, eine Schule
    Paul Mühlenhoff leitet das groß angelegte Schülerprogramm der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Der Lehrer für Deutsch und Biologie war lange Jahre am XLAB – Göttinger Experimentallabor für junge Leute tätig. Seit 2019 unterrichtet er in den Jahrgängen 5 bis 11 am Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld. Es wurde 1896 gegründet und bezeichnet sich selbst als „moderne Schule mit Tradition“. In normalen Zeiten gehen dort täglich um die tausend Schüler und hundert Lehrer ein und aus.