Jürgen Floege „Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

„Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

Jetzt sei die Politik gefordert, sagt Professor Jürgen Floege. Er leitet die Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten in Aachen, engagiert sich für mehr Forschung und blickt gern über die Tellerrand hinaus – auch in der GDNÄ.

Herr Professor Floege, mit welchen Gedanken und Gefühlen sehen Sie als Klinikdirektor dem zweiten Pandemiewinter entgegen?
Ich bin relativ entspannt. Mit einer Belastung, wie wir sie zu Beginn der Pandemie hatten, rechne ich in diesem Winter nicht. Im Frühjahr 2020 lagen viele Schwerstkranke auf den Stationen, was auch mit der geografischen Nähe zum damaligen Corona-Hotspot Heinsberg zu tun hatte. Aktuell betreuen wir rund ein Dutzend Covid-19-Patienten in unserer Klinik. Es handelt sich zu hundert Prozent um Ungeimpfte. Einige sind jung und ohne Vorerkrankungen, dennoch müssen sie jetzt künstlich beatmet werden. Das zeigt doch ganz eindeutig: Gegen diese Krankheit hilft kein noch so starkes Immunsystem, den besten Schutz bietet die Impfung.

Sehen das auch die Beschäftigten in Ihrer Klinik so?
Ja, die allermeisten sind zweifach geimpft. Inzwischen haben sich viele – ich zähle auch dazu – ein drittes Mal impfen lassen. Zwangsmaßnahmen gibt es bei uns nicht, wir appellieren aber an Vernunft und Rücksichtnahme. Damit sind wir bis jetzt gut gefahren. Sorgen bereitet uns derzeit ein ganz anderes Thema.

Es hat auch mit der Pandemie zu tun?
Sogar unmittelbar. Die Pandemie hat uns hohe Mehrausgaben aufgebürdet und uns tief in die roten Zahlen getrieben. Schon vor der Pandemie waren drei Viertel der deutschen Universitätsklinika defizitär, nun geht es fast allen wie uns. Jede dieser Kliniken versorgt Patienten, die kein anderes Krankenhaus behandeln kann oder will, zusätzlich sind wir in großem Stil für die Ausbildung jünger Ärztinnen und Ärzte zuständig. Das kostet Zeit und Geld und wird durch das aktuelle Vergütungssystem nicht ausreichend honoriert. Daher brauchen wir dringend Zuschläge, die die Politik aber bisher verweigert. An meinem Klinikum, aber auch in vielen Häusern andernorts, hat das zu einem Investitionsstau der Sonderklasse geführt. Wichtige Projekte müssen jetzt warten.

© Peter Winandy

Das Universitätsklinikum Aachen besteht seit 1985. Heute beschäftigt es rund 8.500 Mitarbeiter in 35 Fachkliniken, 30 Instituten und sechs fachübergreifenden Einheiten. Jährlich werden dort mehr als 50.000 Patienten stationär und gut 200.000 ambulant behandelt. Das Klinikum liegt im Westen Aachens in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gemeinde Vaals in den Niederlanden.

Ihr Spezialgebiet ist die Niere – ein Organ, das medizinische Laien nicht unbedingt mit dem Coronavirus in Verbindung bringen.
Dabei sind die Nieren nach Nasenschleimhaut und Lunge eines der am häufigsten befallenen Organe. Ein Drittel aller schwer an Covid-19 Erkrankten leidet unter Nierenversagen. Und es ist gar nicht so selten, dass eine Infektion zu Spätschäden in der Niere führt, die sich nicht zurückbilden.

Wie häufig sind Nierenschäden hierzulande?
Sehr häufig. Bei rund vier Millionen Menschen liegt die Nierenfunktion unter 30 Prozent der möglichen Kapazität. Und bei einer halben Million Menschen ist die Nierentätigkeit auf 15 Prozent oder weniger abgesunken. Geht die Funktion auf fünf bis sieben Prozent zurück, sind die Betroffenen auf eine Dialyse als Nierenersatztherapie angewiesen, sofern keine neue Niere für eine Transplantation zur Verfügung steht.

Schätzungen besagen, dass Nierenkrankheiten im Jahr 2040 die fünfthäufigste Todesursache weltweit sein werden. Dennoch gibt es auf Ihrem Gebiet, der Nephrologie, aktuell die wenigsten klinischen Studien für neue Therapien. Woran liegt das?
Es hat mit der Komplexität von Nierenkrankheiten zu tun. Sie sind schwer in den Griff zu bekommen und schwer zu beforschen. Die wenigsten Patienten haben nur Nierenprobleme, die meisten leiden zusätzlich an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge oder des Magen-Darm-Trakts, um nur einige Diagnosen zu nennen. Von Arzneimittelstudien werden Menschen mit ausgeprägten Nierenschäden oft ferngehalten, weil man dabei auf ein funktionierendes Organ angewiesen ist – immerhin werden die allermeisten Arzneimittelwirkstoffe über die Niere ausgeschieden. Hinzu kommt: Die Behandlung von Nierenpatienten ist hochindividuell, da gibt es kaum Standardrezepte. Und Medikamente, die bei Nierengesunden die beabsichtigte Wirkung zeigen, können bei schwer Nierenkranken in manchen Fällen völlig anders wirken.

© J. Floege

Die Visite bei Dialyse-Patienten gehört zum täglichen Pensum des Teams um Jürgen Floege.

In Ihrer Klinik wird dennoch viel geforscht. Zu welchen Themen?
Neben Nierenerkrankungen geht es um rheumatologisch-immunologische Erkrankungen. Wir initiieren und beteiligen uns an klinischen Studien, machen aber auch Grundlagenforschung. Erst kürzlich wurde der Sonderforschungsbereich „Mechanismen kardiovaskulärer Komplikationen bei chronischer Niereninsuffizienz“, den wir zusammen mit den hervorragenden Herzspezialisten unserer Hochschule betreiben, sehr gut bewertet und für eine zweite Förderperiode empfohlen. Wir engagieren uns zudem in der Covid-19-Forschung: Einige Kollegen sind gerade dabei, eine künstliche Niere im Reagenzglas zu erzeugen, um daran neue Therapieansätze zu erproben. Mit meiner eigenen Arbeitsgruppe will ich herausfinden, ob hochdosierte Gaben des Gerinnungsvitamins K Dialysepatienten helfen können. Es gibt Hinweise, dass insbesondere die Variante K2 die bei chronischen Nierenerkrankungen stark belasteten Blutgefäße schützt. K2 ist nur in sehr wenigen Lebensmitteln enthalten, etwa in dem japanischen Sojaprodukt Natto. Für unsere Studie verwenden wir synthetisch hergestelltes Vitamin.

Was kann man selbst für gesunde Nieren tun?
Wichtig sind Normalgewicht, Blutdruckwerte möglichst unter 130/80 Millimeter Quecksilbersäule und wenig Salz. Optimal sind bis zu fünf Gramm am Tag, was gerade mal einem Teelöffel entspricht – deutlich mehr ist ungesund. Darüber hinaus ist Diabetes mit einem erheblichen Risiko für Nierenleiden verbunden: Auch deshalb sollte man die Krankheit nach Möglichkeit vermeiden beziehungsweise den Blutzucker bei Erkrankung gut einstellen. 

Gestatten Sie eine persönliche Frage: Wie kamen Sie selbst zur Nierenforschung?
Dass ich Medizin machen wollte, stand für mich schon früh fest. Der Entschluss hatte auch mit dem frühen Tod meines Vaters zu tun. In den 1970er-Jahren konnte man gegen seine Herzinfarkte noch nicht viel ausrichten, da hat es zum Glück große Fortschritte gegeben. Meine Lehrjahre habe ich in Hannover, New York und Seattle verbracht und habe dabei immer mehr Interesse für die Nierenheilkunde entwickelt.

© Peter Winandy

Das Universitätsklinikum der RWTH Aachen (im Bild vorne links) ist eines der größten Krankenhausgebäude Europas. Nördlich davon liegt der Campus Melaten mit technologieorientierten Forschungseinrichtungen der RWTH und von Unternehmen.

Seit mehr als zwanzig Jahren sind Sie nun in Aachen tätig. Wie arbeitet es sich als Mediziner an einer technischen Hochschule?
Heute geht es mir hier sehr gut. Das war anders, als ich Ende der 1990er-Jahre meine Stelle antrat. Damals war die Medizin hier eher ein Anhängsel der technischen Fächer. Der Wissenschaftsrat hat sich das im Jahr 2000 angeschaut und dem Land Nordrhein-Westfalen die Schließung der medizinischen Fakultät empfohlen. Was dann folgte, war ein gewaltiger Ruck. Alle strengten sich an, es wurde viel frisches Forschungsgeld eingeworben, man berief gute Wissenschaftler und bis heute beleben tolle junge Leute den Betrieb – wir sind eine hochgeschätzte und -bewertete Fakultät innerhalb der RWTH Aachen geworden.

Wie sind Sie GDNÄ-Mitglied geworden?
Ich bin erst seit Kurzem dabei, und zwar auf Vorschlag des Würzburger Kardiologen, Professor Georg Ertl. Er hat mich auch dafür gewonnen, die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin zu übernehmen.

Als Kliniker und Forscher leiden Sie nicht unter Arbeitsmangel. Was hat Sie bewogen, sich zusätzlich für die GDNÄ zu engagieren?
Ich schaue gern über den Tellerrand meiner Disziplin hinaus und interessiere mich sehr für andere Bereiche der Naturwissenschaften. Diesem Bedürfnis kommt die GDNÄ mit ihrer Fächervielfalt entgegen. Was mich auch fasziniert, ist die großartige Tradition – das ist schon einzigartig.

Haben Sie Ideen für die Zukunft der GDNÄ?
Ich denke, wir brauchen eine „Junge GDNÄ“ parallel zur etablierten Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Vorbilder könnten die Jungen Internisten innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin sein oder auch die Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wisssenschaften und der Leopoldina. Wichtig ist, dass die jungen Leute sich selbst organisieren und unabhängig von den Älteren produktiv sein können.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© J. Floege

Prof. Dr. Jürgen Floege

Zur Person
Seit 1999 leitet Professor Dr. med. Jürgen Floege die Medizinische Klinik II der Universitätsklinik RWTH Aachen (Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Rheumatologische und Immunologische Erkrankungen). Er studierte er an der Medizinischen Hochschule Hannover und am Albert Einstein College of Medicine in New York. In Hannover schloss er seine Facharztausbildung ab, habilitierte sich und trat 1995 eine Stelle als Oberarzt an. In den 1990er-Jahren arbeitete er zusätzlich drei Jahre als Gastwissenschaftler an der University of Washington in Seattle. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten, zu denen er mehr als 600 Originalartikel, Reviews, Editorials und Buchkapitel publiziert hat, gehören Nierenerkrankungen und ihre zentrale Bedeutung für die Innere Medizin, etwa bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Professor Floege ist Herausgeber des internationalen Bestseller-Lehrbuchs „Comprehensive Clinical Nephrology” und Mitherausgeber der führenden nephrologischen Fachzeitschrift „Kidney International“. Für seine Forschung erhielt der Aachender Nephrologe zahlreiche Ehrungen, darunter im Jahr 2020 die höchste Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), die Franz-Volhard-Medaille. Neben seiner Kliniktätigkeit engagiert sich Floege in renommierten Gesellschaften, Gremien und Organisationen. Er ist Gründungsmitglied und Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und im Leitungsgremium von KDIGO – einer Organisation, die weltweit gültige Leitlinien der Nephrologie erstellt. Der GDNÄ gehört Jürgen Floege seit 2019 an; er hat die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin übernommen.

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Coronakrise: Vertrauen in die Wissenschaft steigt

Coronakrise: Vertrauen in die Wissenschaft steigt

In der Corona-Pandemie sind Einschätzungen aus der Wissenschaft sehr gefragt. Repräsentative Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung den Aussagen in hohem Maße vertraut und sich noch mehr Informationen wünscht.

In der Coronakrise ist die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft deutlich gestiegen. Bei einer repräsentativen Umfrage für das Wissenschaftsbarometer 2020 gaben 66 Prozent der Befragten an, Wissenschaft und Forschung zu vertrauen. Bei ähnlichen Befragungen der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ in den Jahren 2017 bis 2019 hatten nur rund 50 Prozent diese Einstellung vertreten.

Auch das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte 2020 einen klaren Vertrauenszuwachs für die Forschung. Demnach verlassen sich 43 Prozent der Befragten bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern darauf, dass sie die Wahrheit sagen. Im Jahr 2015 lag dieser Wert in der Allensbach-Umfrage nur bei 30 Prozent. Die Berufsgruppe der Forscher liegt damit in punkto Glaubwürdigkeit auf Rang drei. Nur die langjährigen Spitzenreiter, Ärzte und Richter, schneiden besser ab.

Für einen konstruktiven Dialog

Forscher werden nicht nur für ihre Beiträge zur Beratung von Politik und Bevölkerung geschätzt. Der Allensbach-Studie zufolge nimmt jeder zweite Deutsche (54 Prozent) die Naturwissenschaften auch als wichtigen Impulsgeber für die Zukunft wahr. Das Ansehen von Parteien und Politikern als gestaltende Kräfte ist demnach von 25 auf 31 Prozent gestiegen. Zurückgegangen ist hingegen der wahrgenommene Einfluss von Journalisten (von 26 auf 19 Prozent) und von Bürgerbewegungen (von 42 auf 29 Prozent).

„Die Zahlen zeigen, dass der Großteil der Bevölkerung gerade in kritischen Zeiten der Wissenschaft vertraut“, sagt Martin Lohse, Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). Die Wissenschaft dürfe dieses Vertrauen jedoch nicht als selbstverständlich betrachten. Die GDNÄ sehe sich daher in der Verantwortung, den konstruktiven Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft zu fördern, ergänzt Lohse.

Bei der Vermittlung von Wissenschaft besteht großer Nachholbedarf. Das belegen andere repräsentative Umfragen, wie zum Beispiel das Technikradar 2020. In dieser Erhebung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und der Körber-Stiftung zeigen sich lediglich 15 Prozent der rund zweitausend Befragten zufrieden mit der Art und Weise, wie die Politik über Technikfolgen informiert. Immerhin 70 Prozent fordern eine stärkere Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern bei der Einführung neuer Techniken.

Kritik an fossilen Rohstoffen

Im Fokus des Technikradars 2020 steht das Thema Bioökonomie. Der Begriff bezieht sich auf neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen, die zu einem nachhaltigeren und zukunftsfähigen Wirtschaftssystem beitragen. „Herkömmliche Lösungen für Energieerzeugung, Mobilität und industrielle Produktion, die auf fossilen Rohstoffen basieren, geraten in der Bevölkerung zunehmend unter Rechtfertigungsdruck“, heißt es im Technikradar-Bericht. So sprechen sich beispielsweise mehr als Hälfte der Deutschen in der Befragung dafür aus, dass die Politik Maßnahmen für den Klimaschutz durchsetzt, auch wenn die Wirtschaft darunter leidet.

Die Bewertung einzelner Themenfelder der Bioökonomie fällt unterschiedlich aus. 88 Prozent der Befragten befürworten den Ersatz von Kunststoffen durch Bioprodukte. Dreiviertel findet Gentherapien bei Erwachsenen gut. 60 Prozent plädieren für mehr Forschungsförderung zur Entwicklung von Bio-Sprit. Aber nur jeder Vierte kann sich mit dem Verzehr von Fleisch aus dem Labor anfreunden. Noch geringer fällt die Zustimmung für gentechnisch veränderte Pflanzen aus.

Viele dieser Entwicklungen bergen großes Potenzial in einer Welt, die vor drängenden Fragen steht: Wie bewältigen wir globale Krisen? Wie bleiben wir gesund? Wie werden wir wohnen, uns fortbewegen und miteinander kommunizieren? „Diese Fragen können nicht allein von Klimaforschern, Medizinern, Sozial- und Naturwissenschaftlern beantwortet werden“, sagt Martin Lohse.  „Auch deshalb werden Plattformen wie die GDNÄ für einen vernunftgeleiteten und interdisziplinären Dialog der Wissenschaft mit der Gesellschaft und für den Austausch zwischen Jung und Alt immer wichtiger.“

Technik wird positiv gesehen

Die Vorrausetzungen für einen Dialog scheinen gut zu sein. So berichtet der Technikradar 2020 von einer breiten Zustimmung in der Bevölkerung für Wissenschaft und technischen Fortschritt. 48,7 Prozent der Befragten glauben, dass die technische Entwicklung nachfolgenden Generationen eine höhere Lebensqualität bescheren wird. Nur 16 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu.

Die allgemeine Technikfreundlichkeit ist bei 52 Prozent der Befragten stark oder sehr stark ausgeprägt und nur bei elf Prozent gering oder sehr gering. Dabei mache es keinen Unterschied, ob die Befragten in Ost- oder in Westdeutschland, in einer Großstadt oder auf dem Land leben, heißt es in der Auswertung. Männer seien im Durchschnitt noch immer technikaffiner als Frauen. Und je höher der Schulabschluss sei, desto stärker sei auch das Interesse an Technik.

Was das Technikradar auch zeigt: Ein besseres Verständnis von wissenschaftlichen Ergebnissen erhöht nicht notwendigerweise die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu ändern. Zwar tragen die Aussagen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Corona-Pandemie entscheidend dazu bei, dass Einschränkungen des täglichen Lebens weithin akzeptiert werden. Für den Umwelt- und Klimaschutz gilt das aber nicht. Finanzielle Mehrbelastungen für sich selbst lehnen die meisten Befragten ab und staatlichen Zwang zum umweltgerechten Handeln befürwortet nur ein Drittel.

Abbildung aus dem „Wissenschaftsbarometer 2020“

Titelblatt des Technikradars 2020, einer repräsentativen Befragung zur Einstellung gegenüber Wissenschaft und Technik

Weitere Informationen:

Hoffentlich kommen bald Lockerungen

„Hoffentlich kommen bald Lockerungen“

Eda Siakir Oglou macht ihr Abitur im Corona-Jahrgang 2020. Was das bedeutet und wie ihre Schule im hessischen Schwalbach am Taunus darauf vorbereitet ist, schildert die 18-Jährige im Interview.

Frau Siakir Oglou, Sie haben gerade Ihr Abitur geschrieben – mitten in der Coronakrise. Fühlten Sie sich dadurch beeinträchtigt?
Eigentlich nicht. Wir hatten in den Monaten vorher schon vieles von dem, was im Abitur-Erlass Hessen steht, im Unterricht behandelt. Zusätzlich hatte ich die Original-Prüfungsaufgaben mit Lösungen aus dem letzten Abi-Jahrgang durchgearbeitet – vor allem in meinen Leistungskursen Biologie und Kunst. Ich fühlte mich gut vorbereitet und tatsächlich lief dann in der Prüfung auch alles glatt.

Das klingt, als hätten Sie den Unterricht auf der Endstrecke nicht allzu sehr vermisst.
Ja, so könnte man sagen. Ich arbeite gern eigenständig und kann mir den Stoff über Bücher und per Internet gut selbst erschließen. In der Vorbereitungszeit war jeder Tag durchgeplant mit Abi-Vorbereitung bis mittags und einer Freizeitaktivität am Nachmittag. Insgesamt hatte ich mehr Zeit für mich als vorher, weil durch die Schulschließung zwei Stunden Busfahrt wegfielen. Mein Alltag war weniger stressig – ich habe die Zeit ziemlich genossen.

Gab es Kontakt zu den Lehrern?
Ja, einige Lehrer haben uns Aufgaben oder Tipps fürs Lernen geschickt. Das lief meistens per E-Mail. In die Schul-Cloud, die es seit gut einem halben Jahr gibt, wurde kaum etwas eingestellt. Das geht erst jetzt ganz langsam los.

In den Medien wird derzeit die mangelnde Digitalisierung deutscher Schulen beklagt. Zu Recht?
Ich kann das nur für meine Schule sagen und da trifft die Kritik teilweise zu. Immerhin gibt es bei uns Computerräume, in denen wir gelegentlich in Gruppen arbeiten. Wir haben Beamer, um Powerpoint-Präsentationen anzuschauen oder auch mal einen Schulfilm in Biologie.  Einige Lehrer benutzen noch Overheadprojektoren im Unterricht. Arbeitsblätter werden massenhaft ausgedruckt und kopiert – da könnte man durch den Einsatz digitaler Medien sehr viel Papier sparen. Toll fände ich es, wenn der Lernstoff in der Schul-Cloud stehen würde. Das wäre für alle viel transparenter und zuverlässiger als jetzt mit E-Mails – da weiß man nie, ob sie auch wirklich angekommen sind.

Wie halten Sie in diesen Wochen Kontakt zu Ihren Freunden?
Vor allem über WhatsApp. Am Anfang der Coronakrise haben wir uns noch persönlich getroffen, später fiel das dann weg. Ich vermisse meine Freunde sehr, den Austausch in den Pausen, den direkten Kontakt – das können soziale Medien nicht ersetzen. Deshalb hoffe ich, dass wir uns bald Lockerungen erlauben können.

Ihre Schulzeit ist in wenigen Wochen vorbei. Gibt es schon Pläne für danach?
Ja, klar. Am liebsten würde ich Biomedizin an einer deutschen Universität studieren. Für den Fall, dass das nicht klappt, habe mich um ein Studienstipendium im Fach Biologie in der Türkei beworben.

Sie sind der GDNÄ seit 2018 verbunden – als Teilnehmerin des Schülerprogramms in Saarbrücken. Es ging um die Digitalisierung der Wissenschaften. Können Sie sich noch an Details erinnern?
Und ob. Ich erinnere mich an anspruchsvolle, faszinierende Vorträge und dass ich, wenn es um Biologie ging, sehr gut mitkam – dank der tollen Vorbereitung im Leistungskurs. Unvergesslich ist der Auftritt von Nobelpreisträger Klaus von Klitzing. Die Labortouren haben mir besonders gut gefallen, aber auch das Format „Wissenschaft in fünf Minuten“, weil Schüler da selbst etwas gestalten können. Und natürlich das Kulturprogramm mit Ballett und Konzert – uns wurde viel geboten und ich fühlte mich sehr geehrt.

Können Sie sich vorstellen, die Verbindung aufrechtzuerhalten?
Ja, auf jeden Fall. Ich würde die Versammlungen sehr gern weiterhin besuchen. Und wer weiß, vielleicht ergeben sich ja noch ganz neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Eda Siakir Oglou © Privat

Noch Schülerin, bald Studierende: Eda Siakir Oglou macht gerade Abitur an der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach am Taunus.

In die Digitalisierung ist Schwung gekommen

„In die Digitalisierung ist Schwung gekommen“

Feline Lohkamp besucht im elften Jahrgang das Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld. Die 15-Jährige ist Stufensprecherin an ihrer Schule. Hier berichtet sie über das Lernen im Corona-Ausnahmezustand.

Frau Lohkamp, wie geht es Ihnen in Coronazeiten?
Nicht schlecht, aber ich habe das Zeitgefühl etwas verloren. Seit ungefähr fünf Wochen ist unsere Schule geschlossen und wir versuchen, den im Lehrplan vorgesehenen Stoff für das Zentralabitur zu Hause durchzuarbeiten.

Wie machen Sie das?
Unsere Schule stellt Aufgaben über eine schuleigene Cloud namens Nextcloud zur Verfügung. Wir finden dort Jahrgangsordner und Kursordner mit Arbeitsblättern, die unsere Lehrkräfte einstellen. Einmal hatten wir eine Videokonferenz mit allen Kursteilnehmern – das war eine erfrischende Abwechslung.

Kommen alle gut mit der Technik klar?
Naja, da gibt es schon ein paar Probleme. Manchmal ist die Cloud überlastet, dann müssen wir uns per E-Mail austauschen. Und nicht alle sind technisch ausreichend versiert – das gilt für die Schülerinnen und Schüler ebenso wie für die Lehrkräfte. Dass meine Schule die Voraussetzungen für E-Learning jetzt in kurzer Zeit und ohne echte Vorbereitung bereitstellen kann, hätte ich nicht gedacht. Für einen noch besseren Austausch werden wir jetzt auf die Kommunikationsplattform Sdui umschwenken. In die Digitalisierung ist bei uns richtig Schwung gekommen.

Was glauben Sie: Wird das so weitergehen, auch nach der Coronakrise?
Es wäre toll, wenn wir auch in Zukunft online auf Unterrichtsmaterialien zugreifen könnten, statt ausschließlich auf kopierte Unterlagen angewiesen zu sein. Das würde Umwelt und Ressourcen schonen und uns Last von den Schultern nehmen – derzeit wiegen Schultaschen nicht selten acht Kilogramm und mehr.

Wünschen Sie sich eine komplette Digitalisierung?
Nein, auf keinen Fall. Gute Tafelbilder sind wunderbar, auch wenn sie altmodisch mit Kreide gemacht werden. Und auf Schulbücher oder Arbeitsblätter möchten die wenigsten unter uns ganz verzichten. Ich bin für einen digital gestützten Unterricht, der Elektronisches mit Analogem verbindet. Der direkte persönliche Kontakt ist wichtig –das merken wir erst jetzt so richtig.

Inwiefern?
Die meisten meiner Mitschülerinnen und Mitschüler vermissen die Schule sehr. Manche sind regelrecht deprimiert. Zu Hause fehlt der persönliche Kontakt zu unseren Lehrkräften, die bei Schwierigkeiten helfen können. Mir geht es zum Beispiel so im Fach Mathematik.

Wie können wir uns Ihren Alltag derzeit vorstellen?
Ich versuche, früh aufzustehen und gleich mit der Arbeit für die Schule zu beginnen. Um mein Lernen zu organisieren, habe ich mir selbst Lehrpläne gemacht. Das funktioniert eigentlich ganz gut.

Wie geht es anderen in ihrem Jahrgang?
Ich merke, dass viele die Zeit nutzen, um über ihre Zukunft nachzudenken. Mein Eindruck ist auch, dass es den Mädchen oft leichter fällt, ihr Lernen zu organisieren. Was uns allen zunehmend zu schaffen macht, ist die Kontaktsperre.

Sie machen im kommenden Jahr Abitur. Welche Zukunftspläne haben Sie?
Ich schwanke zwischen einer Laufbahn in der Wissenschaft oder einem sozialen Beruf. Zum Glück habe ich noch etwas Zeit mit der Entscheidung.

 

Feline Lohkamp © Privat
Feline Lohkamp besucht im elften Jahrgang das Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld.

Paul Mühlenhoff Unterricht in Corona-Zeiten Technik und die Krise als Motor

„Die Kinder vermissen ihre Schule“

Paul Mühlenhoff, Gymnasiallehrer in Bielefeld, über Unterricht in Corona-Zeiten, Technik von vorgestern und die Krise als Motor

Herr Mühlenhoff, Sie unterrichten Deutsch und Biologie an einem Bielefelder Gymnasium. Wie gelingt Ihnen das während des Corona-Shutdowns?
Was uns in diesen Wochen sehr hilft, ist der Zugriff auf unseren Schulserver über eine Cloud. Dort stellen wir Lehrer Arbeitsaufträge, Materialien und zu einem späteren Zeitpunkt auch exemplarische Lösungen ein, auf die unsere Schüler zugreifen können. Am einfachsten ist das in den Fächern, die mit Schulbüchern und Arbeitsheften arbeiten. Einige Verlage haben uns kostenlose Digitalversionen zur Verfügung gestellt, die wir nutzen können. Als Klassenlehrer einer fünften Klasse und mit Oberstufenschülern veranstalte ich außerdem ab und zu Videokonferenzen, um mit meinen Schülern im Gespräch zu bleiben.

Wie gestaltet sich die tägliche Zusammenarbeit konkret?
Ich gliedere den Stoff Lektion für Lektion für jede einzelne Unterrichtsstunde, reichere ihn oft mit zusätzlichen Informationen an und bitte meine Schüler, das Pensum eigenständig zu bearbeiten. Die in dieser Zeit erstellten „Corona-Portfolios“ werde ich bei Wiederbeginn des Unterrichts sichten, um sie im persönlichen Gespräch auszuwerten – das ist jetzt aus der Distanz schwierig.

Wird die Mitarbeit derzeit kontrolliert?
Ja, das versuchen wir. Die Schüler fotografieren die gemachten Aufgaben und laden die Bilder in der Cloud hoch und legen sie im Fachordner ab. Das funktioniert ganz gut ab der 7. Klasse – auch wenn die Fotos manchmal etwas schief und verwackelt sind. Bei den Jüngeren gibt es mehr Probleme; die haben auch nicht alle ein Smartphone.

Welchen Eindruck haben Sie von Ihren Schülern in der aktuellen Situation?
Die meisten vermissen die Schule. Und viele Kinder machen sich Sorgen: über Gefahren für die Gesundheit, die Zukunft im Allgemeinen oder, wenn das Abitur naht, über möglicherweise verpassten Stoff. Mein Eindruck ist, dass die leistungsstärkeren Schüler besser mit dem Heimunterricht zurechtkommen. Schwächere Schüler fallen leider weiter zurück, auch weil sie weniger Hilfe von ihren Eltern bekommen. Da wird viel aufzuholen sein, wenn die Schulen wieder öffnen.

Sie und Ihre Kollegen stehen plötzlich vor ganz neuen Herausforderungen. Wie geht es Ihnen?
Kein Lehrer ist glücklich mit der Situation. Uns allen fehlt der direkte Kontakt zu den Schülern. Den können Videokonferenzen zwar abmildern, aber keinesfalls ersetzen. Es fehlt einfach die körperliche Präsenz und per Videokonferenz ist es unmöglich, 31 Schülerinnen und Schüler so zu erreichen, wie es normalerweise im Klassenraum mit etablierter Sitzordnung der Fall ist. Die soziale Dynamik beim Lernen in der Gruppe ist durch kein digitales Medium zu ersetzen.

Sie berichten von Videokonferenzen, einem Schulserver und dem Cloud-Zugang: Ist Ihre Schule demnach technisch auf dem aktuellen Stand?
Nein, leider noch ganz und gar nicht. Der Schulserver bietet nicht sehr viele Möglichkeiten, Rechner und Software sind weitestgehend veraltet und die meisten Klassenräume sind noch nicht einmal mit Beamern ausgestattet – es wird immer noch viel mit Overheadprojektoren gearbeitet. Immerhin: Beamer für alle Klassenräume sollen in den nächsten Jahren kommen und seit einigen Monaten gibt es 16 iPads für den Unterricht, das ist ein halber Klassensatz. Aber problematisch ist nicht nur die digitale Infrastruktur.

Sondern was noch?
Das größte Problem ist nach meiner Meinung die unzureichende Kompetenz von uns Lehrern. Das liegt aber nicht an der mangelnden Bereitschaft, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, sondern damit, dass es neben den fehlenden technischen Mitteln mittlerweile eine verwirrende Vielfalt an Möglichkeiten gibt. Im Fach Biologie habe ich einen ganz anderen Bedarf an digitalen Mitteln als dies im Fach Deutsch der Fall ist. Einige besonders versierte Kollegen arbeiten da schon auf hohem Niveau, aber mit ganz unterschiedlichen Betriebssystemen, Geräten und Softwarelizenzen. Das sind alles individuelle Lösungen, in die man sich mit hohem Zeitaufwand eingearbeitet hat und die privat bezahlt wurden. Noch fehlen Standards für unsere Nutzungszwecke, die in einem weiteren Schritt eine zielgerichtete Fortbildung aller Lehrkräfte ermöglichen würden.

Und doch scheint der Online-Fernunterricht vielerorts ganz gut zu funktionieren.
Jetzt ist plötzlich Druck da und tatsächlich kommt vieles in Gang. An unserer Schule bieten besonders kompetente Kollegen und die System-Administratoren zum Beispiel Online-Fortbildungen für Lehrkräfte und Verwaltungsangestellte an. Die werden sehr gut angenommen. Die Lernbereitschaft unter den Kollegen ist ausgesprochen groß.

In zahlreichen Bundesländern öffnen die Schulen jetzt allmählich wieder. Wie ist das an Ihrer Schule?
Bei uns in Nordrhein-Westfalen ist es so, dass gleich in der ersten Woche nach den Osterferien der Unterricht für den Abiturientenjahrgang wieder aufgenommen wurde. Das Ganze funktioniert so, dass die Schüler in kleinen Gruppen mit ausreichend Abstand zueinander unterrichtet werden. Sie betreten und verlassen die Schule zu unterschiedlichen Zeiten, sodass Ansammlungen vermieden werden. Es gibt strenge Hygiene- und Verhaltensvorschriften und die Lehrer müssen für jede Stunde die Sitzpläne protokollieren. Für die Schulleitungen und Kollegen vor Ort bedeutet diese Neuorganisation viel Arbeit. Parallel läuft der Fernunterricht für alle weiteren Jahrgänge ja weiter.

Derzeit wird viel diskutiert über eine umfassendere Schulöffnung. Wie stehen Sie dazu?
An meinem Gymnasium kommen normalerweise fast tausend Schüler und rund hundert Lehrer zusammen – dicht an dicht im Klassenzimmer, auf engen Fluren und in kleinen Pausenhöfen. Unter diesen Umständen war die Schulschließung absolut vernünftig.
Wann die Schule wieder für alle Schüler öffnen kann, ist von vielen Faktoren abhängig und wird sicherlich auch regional variieren. Wie sind die Infektionsraten in einer Stadt? Wie viele Menschen können getestet werden? Sind Schulen überhaupt Infektionsherde? Derzeit werden ja viele Szenarien diskutiert, darunter auch schrittweises Vorgehen. Die Antworten sind kompliziert und auch abhängig von den Gegebenheiten jeder einzelnen Schule. Ich hoffe, dass wir spätestens im Mai oder Juni wieder den Betrieb für alle Jahrgänge aufnehmen können. Wenn es sein muss, eben auch mit Mundschutz, obwohl das natürlich zu Lasten von Aussprache und Mimik geht.

Gibt es etwas, das sich aus dieser Krise für die Schule lernen lässt?
Sie wird sicher einen großen Schub hin zu Cloud-basierten Arbeitsweisen bringen. Jede Schule braucht einen modernen Schulserver, eine zeitgemäße technische Ausstattung und mehr digitales Know-how im Kollegium. Dass Schüler und Lehrer den direkten Kontakt miteinander nach wenigen Wochen so vermissen würden, hätte wohl niemand so gedacht. Daran wird man sich hoffentlich noch lange erinnern.

Paul Mühlenhoff, Gymnasiallehrer in Bielefeld
Ein Lehrer, eine Schule
Paul Mühlenhoff leitet das groß angelegte Schülerprogramm der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Der Lehrer für Deutsch und Biologie war lange Jahre am XLAB – Göttinger Experimentallabor für junge Leute tätig. Seit 2019 unterrichtet er in den Jahrgängen 5 bis 11 am Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld. Es wurde 1896 gegründet und bezeichnet sich selbst als „moderne Schule mit Tradition“. In normalen Zeiten gehen dort täglich um die tausend Schüler und hundert Lehrer ein und aus.

„Wir arbeiten mit Hochdruck an neuen Ansätzen“

„Wir arbeiten mit Hochdruck an neuen Ansätzen“

Michael Manns, Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und GDNÄ-Mitglied, über sein Krankenhaus im Ausnahmezustand, schützende Antikörper im Test und die Freude am fachübergreifenden Austausch.

Herr Professor Manns, Sie leiten die Medizinische Hochschule Hannover, eine der größten Kliniken Deutschlands. Wie ist Ihr Haus für die Corona-Pandemie gerüstet?
Sehr gut, würde ich sagen. Unser Betrieb ist komplett umgestellt, um möglichst schnell, flexibel und effektiv agieren zu können. Wir haben schon zu Beginn der Pandemie den Notstand ausgerufen und eine Krankenhauseinsatzleitung eingesetzt. Sie berät jeden Morgen zusammen mit dem Präsidium über die aktuelle Situation und trifft Entscheidungen über die nächsten Schritte. Im ersten Schritt haben wir die Ambulanz praktisch geschlossen und Operationen, die sich verschieben lassen, bis auf Weiteres abgesagt. Dadurch gewinnen wir freie Kapazitäten für Patienten mit Symptomen der Coronavirus-bedingten Krankheit Covid-19 auf den Normal- und Intensivstationen. Für den Fall, dass die Zahl dieser Patienten drastisch ansteigen sollte, steht uns zusätzlich ein Behelfskrankenhaus mit 465 Betten auf dem Gelände der Hannover-Messe offen, das kurzfristig in Betrieb gehen kann.

Von einem normalen Klinikbetrieb kann also nicht mehr die Rede sein?
Wir kümmern uns natürlich weiterhin um unsere Krebspatienten und Patienten mit anderen Erkrankungen, die einer zeitnahen Behandlung bedürfen. Aber es stimmt schon: Wir arbeiten im Ausnahmemodus und unter sehr großer Anspannung. Nur noch etwa 50 Prozent der Klinikbetten sind belegt; die anderen stehen als Reserve bereit, falls sich die Pandemie verschlimmern sollte. Durch die Unterbelegung verlieren wir pro Monat rund 10 Millionen Euro. Ich kann nur hoffen, dass die Politik uns am Ende nicht mit diesen Defiziten allein lässt. Aktuell steht eine Rückkehr zur Normalität in Aussicht und darauf bereiten wir uns jetzt vorsichtig und schrittweise vor.

Die Medizinische Hochschule Hannover behandelt nicht nur Kranke, sie ist auch stark in der Forschung. Können wir bald mit Erfolgsmeldungen in Sachen Coronavirus rechnen?
Eine sichere Prognose kann es da natürlich nicht geben. Ich kann aber sagen: Wir arbeiten mit Hochdruck an neuen Ansätzen für Diagnostik, Prävention und Therapie von Covid-19 – ebenso wie viele andere Zentren weltweit. Gerade im Bereich der Infektionsforschung haben wir an unserem Standort in den letzten Jahren eine hervorragende Infrastruktur aufgebaut, um Ergebnisse aus der Grundlagenforschung schneller ans Krankenbett bringen zu können. Beispiele dafür sind das Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung, kurz Twincore, und das Zentrum für individualisierte Infektionsmedizin CiiM. Beide betreiben wir zusammen mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Die Corona-Forschung läuft, Sie erwähnten es, vielerorts auf Hochtouren. Tauscht man sich da aus?
Auf jeden Fall. Wir pflegen zum Beispiel innerhalb des Landes Niedersachsen enge Kooperationen mit anderen Forschungseinrichtungen, etwa mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der Leibniz Universität Hannover und der Universitätsmedizin Göttingen. Wir sind auch eingebunden in das vom Bundesforschungsministerium geförderte und von der Berliner Charité koordinierte Nationale Covid-19-Forschungsnetzwerk und engagieren uns in einschlägigen Projekten des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung und des Deutschen Zentrums für Lungenforschung. Schließlich nehmen wir an maßgeblichen internationalen Studien zur Impfung und Therapie gegen die Krankheit teil.

Welche Forschungsansätze verfolgt die MHH im Einzelnen?
Wir arbeiten an schnellen, zuverlässigen Testverfahren, aber auch an Impfstoffen, etwa in Kooperation mit der Vakzine-Firma VPM in Hannover oder mit dem Tübinger Biotech-Unternehmen CureVac. Um die Ergebnisse zu erproben, beteiligen wir uns an praktisch allen großen klinischen Corona-Studien, die derzeit in Deutschland laufen. Zusätzlich arbeiten wir an eigenen Therapiekonzepten.

Worum geht es dabei?
Wir wollen herausfinden, ob und welche schützenden Antikörper im Blutplasma von Genesenen vorhanden sind und ob sich diese für die Therapie von Corona-Patienten eignen. Es haben sich bereits Hunderte Menschen gemeldet, um nach überstandener Infektion ihr Blutplasma zu spenden und damit schwer Erkrankten zu helfen. Die Hilfsbereitschaft ist groß – unter den Genesenen, aber auch in der gesamten Bevölkerung.

Wann rechnen Sie mit dem ersten Impfstoff gegen eine Corona-Infektion?
Der erste aktive Impfstoff für den routinemäßigen klinischen Einsatz wird in circa einem Jahr verfügbar sein, denke ich. Die Studien an Patienten beginnen voraussichtlich im Juni, eventuell auch schon früher.

Wie sieht es bei Arzneimitteln zur Therapie aus?
Derzeit werden viele Medikamente getestet, die schon für andere Krankheiten im Einsatz und somit zugelassen sind. Lässt sich eine Wirksamkeit gegen Covid-19 nachweisen, kann es ganz schnell mit der behördlichen Genehmigung gehen. Heißester Kandidat ist aktuell der für Ebola entwickelte antivirale Wirkstoff Remdesivir.

Dieser Tage wird viel über die Lockerung von Corona-Maßnahmen diskutiert. Welche Strategie empfehlen Sie?
Lockerungen sollten schrittweise und sehr vorsichtig erfolgen. Das Klügste ist nach wie vor, Zeit zu gewinnen und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Wir können nur hoffen, dass das Virus thermosensibel ist und sich die Pandemie im Sommer abschwächt. Falls es diese Atempause gibt, sollten wir sie nutzen, um mehr über den Erreger herauszufinden, vorhandene Wirkstoffe als mögliche Gegenmittel zu testen, neue Ansätze zu entwickeln und sie in der Klinik bei Patienten einzusetzen.

Welche Rolle spielt dabei der interdisziplinäre Austausch?
Darin sehe ich ein großes Potential, auch im Kampf gegen diese und spätere Pandemien. Ich bin verwurzelt in der Gemeinde der Leber- und Infektionsforscher, aber das Gespräch mit Virologen und Epidemiologen, aber auch mit Mathematikern, um beispielhaft ein fremderes Fachgebiet herauszugreifen, ist sehr wertvoll. Hier sehe ich auch eine wichtige Rolle für die GDNÄ.

Inwiefern?
Ihre Mitglieder kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen in Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft. Sie bilden eine Gemeinschaft von Forschern und an Forschung Interessierten, die am persönlichen Austausch interessiert sind und zur Lösung gesellschaftlicher Fragen beitragen können. Darin hat die GDNÄ eine große Tradition, das kann sie – und deshalb bin ich vor vielen Jahren Mitglied geworden.

Michael Manns © Tom Figiel, MHH, Hannover 
Prof. Dr. Michael Manns

Zur Person
Professor Michael P. Manns ist seit Anfang 2019 Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Er ist ein renommierter Experte auf dem Gebiet der Leber- und Darmerkrankungen und der Infektiologie. Weltweit zählt der Mediziner zu den führenden Hepatitis-C-Forschern. Er entwickelte neue Standardtherapien für Patienten mit chronischer Hepatitis und arbeitete an Alternativen zu Leber-Transplantationen. Von 1991 bis zum 1. April 2020 leitete Michael Manns die Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie an der MHH. Er war von 2015 bis 2019 Klinischer Direktor des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig und ist Gründungsdirektor des Center for Individualised Infection Medicine (CiiM), das Forscher in Hannover und Braunschweig zusammenführt. Bevor er an die MHH kam, forschte und lehrte der 1951 geborene Mediziner in Berlin, San Diego und Mainz.