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  • Berliner Zoologe ist neuer GDNÄ-Vizepräsident

    Berliner Zoologe ist neuer GDNÄ-Vizepräsident

    Mit dem international renommierten Wildtierforscher Heribert Hofer übernimmt ein engagierter Förderer junger Talente mehr Verantwortung in der traditionsreichen Wissenschaftsgesellschaft.

    Die Mitgliederversammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) hat am 24. November Prof. Dr. Heribert Hofer, Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin, zum neuen Vizepräsidenten bestimmt. Der renommierte Zoologe wird die ehrenamtliche Funktion mit Beginn des Jahres 2021 übernehmen. Als neugewählter Vizepräsident ist Hofer zugleich designierter Präsident der GDNÄ. Dieses Amt wird er im Jahr 2023 antreten.

    Heribert Hofer (60) leitet das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin-Friedrichsfelde seit dem Jahr 2000. Bis 2017 war er zudem Leiter der Abteilung für Evolutionäre Ökologie an seinem Institut. Seit 2000 hat Hofer eine Professur für Interdisziplinäre Zoo und Wildtierforschung an der Freien Universität Berlin inne. Vor seiner Berliner Zeit war er von 1986 bis 1999 im Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie im bayerischen Seewiesen tätig – zunächst als Postdoktorand, später als selbstständiger Wissenschaftler. 1997 habilitierte er sich an der Universität München mit einer Arbeit über das Verhalten von Tüpfelhyänen in der Serengeti-Savanne. Sein Studium der Zoologie begann Heribert Hofer an der Universität des Saarlandes und schloss es an der Universität Oxford mit der Promotion zum „DPhil“ ab.

    Der GDNÄ ist der international bekannte Wissenschaftler seit Jahren eng verbunden. Heribert Hofer engagiert sich auf vielfältige Weise: als gewählter Fachvertreter und Gruppenvorsitzender für das Fach Biologie sowie mit Redebeiträgen auf Versammlungen, etwa 2016 in Greifswald und 2018 in Saarbrücken. Besonders am Herzen liegt ihm neben der Wissenschaftskommunikation mit der Öffentlichkeit auch die Förderung junger Talente im Rahmen des GDNÄ-Schülerprogramms.

    Ein Interview mit Professor Hofer über seine Wildtier-Forschung in Afrika, sein Engagement für einen wissenschaftsbasierten Naturschutz und seine Zukunftspläne für die GDNÄ finden Sie hier.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Prof. Dr. Heribert Hofer, Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung

    Weiterführende Links:

    Virtuelle Zusammenkunft

    Virtuelle Zusammenkunft

    Erste Online-Mitgliederversammlung der GDNÄ

    Die aufgrund der Corona-Pandemie organisierte Internetveranstaltung ersetzte die Mitgliederversammlung, die während der Versammlung in Würzburg im September 2020 hätte stattfinden sollen. Das Präsidium begrüßte die bei der Geschäftsstelle angemeldeten Mitglieder am 24. November 2020, 11 Uhr, zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung im virtuellen Hörsaal.

    Auf der Tagesordnung standen neben den turnusgemäßen Berichten die Wahl eines neuen 2. Vizepräsidenten, der 2023 das Präsidentenamt übernehmen wird.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    GDNÄ-Versammlung in Vor-Corona-Zeiten.

    „Kreativität entfalten, mit Freude lernen“

    „Kreativität entfalten, mit Freude lernen“

    Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Telekom-Stiftung, über die Schwachstellen heutiger Schulen, ein neuartiges Ökosystem der Bildung und seinen außergewöhnlichen Start in der GDNÄ

    Herr Dr. Winter, die Corona-Krise weitet sich aus, einzelne Schulen schließen und stellen zeitweise auf Home-Schooling um. Wissen wir eigentlich, wie sich das auf Schülerinnen und Schüler auswirkt?
    Wir haben im April, also während der bundesweiten Schulschließungen, gut tausend 10- bis 16-Jährige und ihre Eltern befragt. Im Ergebnis sind die meisten von ihnen gut mit dem Lernen zu Hause zurechtgekommen. Es zeigte sich aber auch, dass den Kindern und Jugendlichen der Kontakt zu Mitschülern und Lehrkräften sehr fehlt. Die meisten Schülerinnen und Schüler haben zu Hause ein eigenes Zimmer und können dort in Ruhe arbeiten. Auch die Technikausstattung mit Computern, Laptops und Smartphones ist überwiegend gut.

    Beste Voraussetzungen also für das Home-Schooling?
    Leider nein. Neben der Tatsache, dass einer kleineren, aber zahlenmäßig nicht unerheblichen Gruppe von Schülerinnen und Schülern die genannten Voraussetzungen gänzlich fehlen, gibt es Schwachstellen vor allem bei Schulen und Lehrkräften. Von ihnen wünschten sich die befragten Kinder, Jugendlichen und Eltern deutlich mehr Unterstützung. Nur die Hälfte der Schülerinnen und Schüler erhielt Rückmeldungen zu eingesandten Arbeiten und viele von ihnen beklagten, dass die Lehrkräfte für Fragen nicht erreichbar gewesen seien. Hinzu kommt: Kreative Wissensvermittlung über echten Fernunterricht, Erklär-Videos oder digitale Gruppenarbeit fand kaum statt, stattdessen verschickten die Lehrer Aufgaben und Arbeitsblätter per E-Mail und ließen ihre Schüler Texte lesen und schreiben.

    Welche Folgen hat das zum Beispiel für den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht, für den Ihre Stiftung sich ja primär stark macht?
    In den sogenannten MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, haben die 10- bis 16-Jährigen den größten Unterstützungsbedarf. Denn hier werden Aufgabenstellungen oft nicht so gut verstanden wie in den Gesellschaftswissenschaften oder Fremdsprachen. Zudem bleibt das so wichtige experimentelle Arbeiten, wie unsere Studie zeigt, im Online-Unterricht fast komplett auf der Strecke. Dabei wäre heute vieles möglich. Trauriges Fazit: Die Defizite im Home-Schooling gehen stark zu Lasten des MINT-Bereichs.

    Seit Ihrer Befragung ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Viel Zeit also zur Umstellung.  Wurde sie genutzt?
    Ich habe nicht den Eindruck, dass im Sommer viel passiert ist in den Schulen. Nur an wenigen Orten sind zum Beispiel Formate des hybriden Lernens mit Präsenz- und Online-Anteilen entwickelt worden. Bei den Hochschulen ist das komplett anders: Dort wurden in den vergangenen Monaten der überwiegende Teil des Lehrangebots für die digitale Vermittlung aufbereitet.

    Warum geht das nicht auch in den Schulen?
    Den meisten Lehrkräften fehlt schlicht und ergreifend das Know-how für einen zeitgemäßen Online-Unterricht. Ein weiterer Grund ist die ausufernde Bildungsbürokratie, die grundlegende Veränderungen erschwert. Und die Schulleitungen müssen sich neben ihren eigentlichen Aufgaben mit zu vielen anderen Dingen beschäftigen – zum Beispiel mit Lüftungsanlagen.

    Bei der Eröffnung des Berliner Science Centers „Futurium“: Ekkehard Winter spielt mit Kindern ein Brettspiel zur künstlichen Intelligenz.

    Ein dickes Brett also. Kommt man da überhaupt durch?
    Wir haben keine andere Wahl. Die Corona-Krise führt die Schwachstellen des Schulsystems gnadenlos vor Augen – einfach wegsehen und sich verstecken geht jetzt nicht mehr. Dabei sind die Defizite seit Jahren bekannt. Etwa durch die internationale Vergleichsstudie ICILS 2018, in der es um Medienkompetenz ging. Deutschlands Schülerinnen und Schüler landeten im Ländervergleich auf den hinteren Plätzen. Schlecht abgeschnitten haben auch die technische Ausstattung der Schulen und die Digitalkompetenz der Lehrkräfte. Technisch wird in Deutschland jetzt aufgerüstet, da fließt momentan viel Geld rein. Weiter mangelhaft ist jedoch die pädagogische Kompetenz.

    Gilt das für alle Schulen oder gibt es nicht doch einige lobenswerte Ausnahmen?
    Es gibt zum Glück sogar viele gute Beispiele dafür, wie Lehrkräfte digitale Medien produktiv und mit hohem pädagogisch-didaktischen Mehrwert einsetzen. Wir und andere Stiftungen und Verbünde wie das Forum Bildung Digitalisierung versuchen, diese Best-Practice-Beispiele bekannt zu machen und sie als Vorbilder zu nutzen. Das ist aber schwierig, auch weil viele Lehrkräfte, die jetzt an den Schulen arbeiten, die neuen Möglichkeiten weder in ihrer Ausbildung kennengelernt haben noch in geeigneten Fortbildungen einüben konnten. Das gilt übrigens für ältere und jüngere Lehrerinnen und Lehrer gleichermaßen.

    Was muss denn passieren, um echte Veränderungen herbeizuführen?
    Wir brauchen nichts weniger als einen Kulturwandel im Bildungssystem. Eine positive Grundhaltung dem Neuen gegenüber und Lust am Lernen über das gesamte Berufsleben hinweg. Wichtig sind starke Schulleitungen und Kollegien, die sich als Team verstehen und diesen Spirit auch in den Unterricht tragen. Das heute noch vorherrschende Einzelkämpfertum bei den Lehrkräften hat sich überlebt. Für die Welt von morgen brauchen wir junge Menschen, die ihre Kreativität entfalten und mit Freude gemeinsam lernen.

    Ihre Stiftung konzentriert sich auf die 10- bis 16-Jährigen. Gerade in dieser Altersgruppe scheint die Lust am Lernen zu versiegen.
    Das stimmt.  Aber die Flamme ist noch da. Man muss sie nur anpusten, dann machen Jugendliche die tollsten Sachen, wie wir aus vielen Projekten wissen.  Sie beißen sich regelrecht fest, wenn etwas sie wirklich interessiert und es ihnen wichtig für ihr Leben erscheint. So wünschen sie sich auch die Schule, das haben wir in unserer neuen Studie „Wie lernen Kinder und Jugendliche heute?“ gesehen. Die Schule wird derzeit zwar als der zentrale Lernort verstanden, aber sie ist nicht der Ort, an dem man gern lernt. Deshalb setzt unsere Stiftung zunehmend auf das außerschulische Lernen, sei es in modernen Bibliotheken und Museen, Jugendhäusern oder Projektwerkstätten wie etwa Makerspaces. Wir propagieren ein Bildungs-Ökosystem, in dem die Schule Teil eines großen Netzwerks ist.

    In dem auch die Wissenschaft eine Aufgabe hat?
    Eine sehr große sogar, gerade im MINT-Bereich. Ich habe selten so viel Begeisterung für Physik erlebt wie bei einer Direktschalte zwischen einer Schule und Wissenschaftlern am Genfer CERN. Mit gigantischen Teilchenbeschleunigern wird dort der Aufbau der Materie erforscht. Was an MINT Spaß macht, trägt also nicht das Etikett MINT, sondern heißt CERN – oder auch GDNÄ. Dass die GDNÄ Schüler und Lehrkräfte zu ihren Versammlungen einlädt und spezielle Programme im Bildungsbereich anbietet, ist vorbildlich für das Bildungssystem der Zukunft.

    Vor Ihrem Engagement im Bildungssektor brachten Sie beim Stifterverband den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft voran. Ein Feld, auf dem auch die GDNÄ aktiv ist…
    …und auch in den 1990er-Jahren schon eine wichtige Rolle spielte, vor allem in Gestalt ihrer Präsidenten Joachim Treusch und Detlev Ganten. Deutsche Journalisten und Wissenschaftler pilgerten damals alljährlich zu den Jahrestagungen der American Association for the Advancement of Science, kurz Triple AS genannt. Detlev Ganten hatte die Idee, ein europäisches Pendant zu schaffen. Es herrschte eine tolle Aufbruchsstimmung. Zusammen mit Kollegen konnte ich damals zur Gründung der gesamteuropäischen Wissenschaftskonferenz EuroScience Open Forum beitragen. Inzwischen ist ESOF zu einer Institution geworden – die nächste Tagung soll 2022 in Leiden stattfinden.

    Wie sind Sie zur GDNÄ gekommen?
    Ich hatte beruflich in Konstanz zu tun und wollte bei der Gelegenheit den damaligen GDNÄ-Präsidenten Hubert Markl um einen Rat bitten. Wir trafen uns also in seinem Institut und ich trug mein Anliegen vor. „Den Rat kann ich Ihnen gern geben“, sagte Markl, „aber unter der Bedingung, dass Sie Mitglied der GDNÄ werden.“ Er reichte mir ein Formular, ich unterschrieb und zog mit ein paar guten Tipps von dannen. Tja, so ging Mitgliederwerbung damals. 

    Ekkehard Winter vor der Kamera: Szene eines Interviews für einen Social-Media-Kanal der Telekom-Stiftung.

    Faszination 3D-Drucker: Impression von einem Schulprojekt der Telekom-Stiftung in Bonn.

    Zur Person
    Dr. Ekkehard Winter (62) ist seit 2005 Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung. Nach einem Studium der Biologie und seiner Promotion am Institut für Genetik der Universität Köln ging Winter als wissenschaftlicher Referent zur damals neu gegründeten Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Zwei Jahre später wechselte er zum Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft nach Essen. Er war dort zuständig für Programme zur Hochschulreform und betreute eine Reihe von Stiftungen im Bereich Natur- und Biowissenschaften. Im Jahr 1999 arbeitete Winter am Engineering and Physical Sciences Research Council (EPSRC), der größten britischen Einrichtung zur Forschungsförderung. Ein Jahr später übernahm er beim Stifterverband die Leitung des Bereichs „Programm und Förderung“ und wurde 2003 stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes. Seit 2017 ist er Co-Sprecher des Nationalen MINT-Forums. Ekkehard Winter ist Mitbegründer der bundesweiten Initiative „Wissenschaft im Dialog“ (WiD), zu der sich im Jahr 2000 alle deutschen Wissenschaftsorganisationen zusammengeschlossen haben, und des Euro Science Open Forum (ESOF). Er leitete bis Februar 2020 den Arbeitskreis „Bildung und Ausbildung“ des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und ist Mitglied zahlreicher anderer Gremien im Bildungs-, Wissenschafts- und Stiftungsbereich.

    Deutsche Telekom Stiftung
    Im Jahr 2003 von der Deutschen Telekom ins Leben gerufen, gehört die Telekom-Stiftung heute mit einem Kapital von 150 Millionen Euro zu den großen Bildungsstiftungen in Deutschland. Die Telekom Stiftung engagiert sich für ein zukunftsfähiges Bildungssystem in einer digitalen Welt und konzentriert sich dabei auf die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (die sogenannten MINT-Fächer). Für Projekte in diesem Bereich stellt sie jährlich rund zehn Millionen Euro zur Verfügung. Die Stiftung mit Sitz in Bonn beschäftigt 20 Mitarbeiter. Vorstandsvorsitzender ist seit 2018 der frühere CDU-Politiker und Bundesminister a.D. Dr. Thomas de Maizière.

    Weiterführende Links:

    GDNÄ-Schülerprogramm: Berichte aus dem Unterricht in Corona-Zeiten

    Zeit zum Nachdenken

    Wie Feline Lohkamp ihr Pensum im Ausnahmezustand schafft.
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    Abi im Corona-Jahrgang

    Hoffentlich kommen bald Lockerungen, sagt Eda Siakir Oglou.
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    Schule in der Datenwolke

    Wie Paul Mühlenhoff in Krisenzeiten Deutsch und Bio unterrichtet.
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    „Die jungen Leute sind meine Hoffnung“

    „Die jungen Leute sind meine Hoffnung“

    Kaum jemand kennt sich in der gesamtdeutschen Wissenschaftslandschaft so gut aus wie sie: Warum die Bilanz der Mikrobiologin Bärbel Friedrich dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung gemischt ausfällt, was sie vom europäischen Gentechnikrecht hält und wie Corona ihren Sommer bestimmt hat.

    Frau Professorin Friedrich, in diesem Jahr feiern wir dreißig Jahre deutsche Einheit. Sind Ost und West im Wissenschaftsbereich wirklich zusammengekommen?
    In Berlin gibt es keine großen Unterschiede mehr. Da sehe ich im Osten und im Westen viele gute Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Außerhalb Berlins, in den ostdeutschen Flächenländern, ist jedoch einiges aufzuholen. 

    Sie waren zur Wendezeit Professorin für Mikrobiologie an der Freien Universität Berlin. Wie haben Sie diese Jahre erlebt?
    An der FU ging schon bald nach dem Mauerfall die Angst um. Eine Freie Universität als Bollwerk der freien Welt brauchte man ja nun nicht mehr. Vor der Wende waren die Subventionen reichlich geflossen, doch das endete nun abrupt. Viele Kollegen unkten, die FU werde bald in die Humboldt-Universität integriert. Ich wechselte 1994 an die HU, um dort ein neues Fach, die naturwissenschaftliche Mikrobiologie, aufzubauen.

    Die FU besteht nach wie vor und im Jahr 2007 erhielt sie sogar das Exzellenzsiegel – Jahre vor den anderen Berliner Universitäten.
    Ja, das war eine riesige Überraschung, aber auch ein mächtiger Ansporn für die HU. Mit dem Exzellenzprogramm von Bund und Ländern änderte sich die Stimmung, die vorher von Konkurrenz bis hin zur Feindseligkeit geprägt war. Jetzt kam es auf Kooperation an und damit stellte sich auch der Erfolg ein. Es entstanden gemeinsame Sonderforschungsbereiche und Exzellenzcluster – in meinem Fachumfeld etwa der Katalyse-Cluster UniCat, das Berliner und Brandenburger Universitäten seit 2012 zusammen betreiben. Höhepunkt dieser Entwicklung ist sicherlich das erfolgreiche Abschneiden der Berliner Universitätsallianz im Exzellenzwettbewerb 2019.

    Jenseits der Hauptstadt sieht es anders aus. Wie steht es um die akademische Einheit in den ostdeutschen Regionen?
    Das Bild ist sehr gemischt. Es gibt einzelne Leuchttürme, doch in der Breite hinkt die universitäre Forschung in Ostdeutschland noch etwas hinterher. Im Förderranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Beispiel schneiden westdeutsche Universitäten deutlich besser ab. Wenn wir auf den letzten Exzellenzwettbewerb 2019 schauen, sehen wir, dass in Ostdeutschland neben Berlin nur die TU Dresden ganz oben mitspielt. Allerdings haben einige Hochschulen besondere Stärken entwickelt. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen. Als ich 1996 zum ersten Mal mit einer Delegation des Wissenschaftsrats nach Greifswald kam, hatte ich den Eindruck, man müsse das Chemie-Institut sofort schließen. Die Ausstattung war völlig veraltet, die wissenschaftliche Qualität am Boden.  Doch mit den Jahren hat sich das Niveau sehr verbessert und heute leistet die Universität Hervorragendes, vor allem in der Medizinforschung. Ich konnte das aus der Nähe beobachten, weil ich als Direktorin des Greifswalder Alfried Krupp-Wissenschaftskollegs viele Jahre eng mit der Universität kooperiert habe.

    Wie erleben Sie im Alltag den persönlichen Umgang miteinander?
    In Greifswald und vor allem an der Universität begegnet man sich unvoreingenommen.  Aber auf dem Land werde ich als Wessi immer noch kritisch beäugt. Ohne Touristen geht es nicht, das wissen alle, aber eigentlich bliebe man lieber unter sich. Für mein Gefühl drückt sich darin der Frust einer Verlierergeneration aus. Bei den jungen Leuten ist das anders, die sehen sich nicht mehr als Ossis, sondern als Deutsche. Die Jugend ist meine Hoffnung – mit ihr könnte sich die deutsche Spaltung auswachsen.

    Sie sind schon eine Weile emeritiert, aber wissenschaftspolitisch noch sehr aktiv. Mit einigen Kollegen haben Sie unlängst Position gegen ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu genomeditierten Pflanzen bezogen. Warum?
    Viele Wissenschaftler waren maßlos enttäuscht über das Urteil. Denn es führt dazu, dass eine zukunftsweisende gentechnische Methode in Europa im Nutzpflanzenbereich praktisch nicht eingesetzt wird. Mit CRISPR-Cas, so heißt die Technik, kann man einzelne Bausteine im Erbgut sehr einfach, präzise und kostengünstig verändern – wir Wissenschaftler sprechen von editieren. Die Methode ist ein echter Quantensprung. Sie hat sehr schnell die Labore der Welt erobert und dieser Tage hochverdient den Nobelpreis für Chemie erhalten.  Mit CRISPR-Cas ließen sich nicht nur größere Ernten erzielen, die Technik könnte auch den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden deutlich reduzieren. Auch Züchtungen von Pflanzen, die dem Klimawandel besser widerstehen, sind denkbar. 

    Was hat der Europäische Gerichtshof gegen die Methode?
    Sie wird als Risiko betrachtet und den komplexen und praxisfernen Auflagen für genetisch veränderte Organismen, kurz GVO genannt, unterworfen. Die Restriktionen haben dazu geführt, dass in Europa so gut wie keine Forschung in diesem Bereich mehr stattfindet. Wer auf dem Gebiet arbeiten und Pflanzen im Freiland testen will, muss ausweichen, zum Beispiel nach Kanada. Inzwischen gibt es viele genveränderte Pflanzen, die mit älteren Techniken hergestellt wurden, und auch schon mehr als hundert genomeditierte Pflanzen. Dazu zählen etwa Sojabohnen mit gesünderen Fettsäuren, glutenreduzierter Weizen und länger lagerfähige Kartoffelknollen. Die Veränderungen, die die neuen Sorten im Erbgut tragen, könnten auch zufällig oder durch konventionelle Züchtungsmethoden entstanden sein – ihr Ursprung ist meistens nicht mehr eindeutig zu bestimmen. Von schädlichen Folgen der GVOs, ein ganz wichtiger Punkt, ist noch nie berichtet worden.

    Was ist zu tun?
    Das europäische Gentechnikrecht ist veraltet und sollte überarbeitet werden. Zu diesem Schluss sind wir in einer gemeinsamen Stellungnahme der Nationalakademie Leopoldina und der Union der deutschen Akademien gekommen. Als kurzfristige Maßnahme schlagen wir vor, genomeditierte Pflanzen nur dann als GVO einzustufen, wenn artfremde genetische Information eingeschleust wird – also nur in Ausnahmefällen. Längerfristig plädieren wir für einen völlig neuen Rechtsrahmen, der die Risiken für Mensch und Umwelt nicht am verwendeten Verfahren festmacht, sondern an den Eigenschaften des erzeugten Produkts.  

    Welche Chancen hat Ihr Vorstoß?
    In der Politik ist die FDP ganz auf unserer Seite. Die Grünen werden allmählich aufgeschlossener. In den Medien haben wir viele Fürsprecher, zusätzliche Unterstützung erfahren wir von den Bauern. Übrigens, wenn auch zögerlich, auch von Biobauern, denen die Aussicht auf eine pestizidfreie Landwirtschaft auf den voraussichtlich trockeneren Böden der Zukunft zusagt.

    Sie haben zahlreiche wissenschaftliche Stellungnahmen mit auf den Weg gebracht. In diesem Jahr waren es besonders viele. Wie kam es dazu?
    Es begann am 12. März, ich fuhr gerade von einer Mikrobiologentagung in Leipzig zurück nach Berlin. Da kam ein Anruf aus dem Hauptstadtbüro der Leopoldina, ich solle gleich vorbeikommen, es sei eilig. In einem interdisziplinär besetzten Team haben wir dann sofort mit der ersten Stellungnahme zum Umgang mit der Corona-Pandemie begonnen, die bereits zehn Tage später erschien. Im Frühjahr und Sommer habe ich an vier weiteren Stellungnahmen mitgearbeitet – aus dem Homeoffice, praktisch nie in Präsenz. Alles in allem war es ein enormer Kraftakt, auch weil wir wussten, dass wir eine große Verantwortung tragen. Gut war die enge Zusammenarbeit mit der Politik, die ich in dieser Intensität vorher noch nie erlebt hatte. 

    Konnte Ihr Team dabei seine wissenschaftliche Unabhängigkeit bewahren?
    Wir waren stets bemüht, auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse Handlungsempfehlungen auszusprechen, wohl wissend, dass die Politik letztlich nach eigenen Kriterien zu entscheiden hat. Hier gibt es eine klare Grenzziehung, die uns die Unabhängigkeit bewahrt.   

    Sie kennen und gestalten die deutsche Wissenschaftslandschaft seit vielen Jahren. Welchen Platz hat darin die GDNÄ?
    Sie hat besondere Stärken, die in dieser Kombination sonst nicht zu finden sind. Auf ihren Versammlungen und immer mehr auch auf ihrer Website vermittelt die GDNÄ aktuelles Wissen auf hohem Niveau, aus interdisziplinärer Sicht und gut verständlich. Ein großer Pluspunkt sind die Schülerprogramme und die Kooperationen mit Lehrkräften. Die ältere Bevölkerung ist bei Zukunftsthemen oft verängstigt. Um hier voranzukommen, müssen wir Wissenschaftler in die Öffentlichkeit, vornehmlich auch in die Schulen gehen und die nächste Generation gewinnen. Hier sehe ich ein großes Potenzial für die GDNÄ.

    Prof. Dr. Bärbel Friedrich

    2008 im Wissenschaftskolleg Greifswald: Bärbel Friedrich, umringt von Fellows und Mitarbeitern sowie, rechts neben ihr, Berthold Beitz, damaliger Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

    Biografisches
    Bärbel Friedrich kam 1945 in Göttingen zur Welt. Nach ihrer Promotion in Mikrobiologie an der dortigen Universität ging sie für zwei Jahre als Postdoktorandin ans Massachusetts Institute of Technology (MIT) und habilitierte sich anschließend in Göttingen. 1985 wurde sie Professorin für Mikrobiologie an der Freien Universität Berlin; 1994 wechselte sie an die Humboldt-Universität. Von 2008 bis 2018 war sie Wissenschaftliche Direktorin des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs, das die Universität Greifwald und den gesamten Wissenschaftsstandort fördert. Bärbel Friedrich engagierte sich in vielen wissenschaftlichen Institutionen und Gremien. Unter anderem war sie Vizepräsidentin der Leopoldina (2005 bis 2015), Mitglied der Bundestags-Enquetekommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ (2003 bis 2005), Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1997 bis 2003) und Mitglied des Wissenschaftsrats (1997 bis 2003). Sie erhielt zahlreiche Ehrungen, darunter das Bundesverdienstkreuz für ihr wissenschaftliches Engagement in den neuen Bundesländern und die Verdienstmedaille der Leopoldina.

    Die Wissenschaftlerin
    In ihrer Forschung untersucht Bärbel Friedrich unter anderem, wie sich Bakterien zur Gewinnung und Umsetzung von Wasserstoff nutzen lassen. Im Exzellenzcluster Unifying Concepts in Catalysis (UniCat) gelang es ihrem Team, Cyanobakterien gentechnisch so zu verändern, dass sie Wasserstoff aus Wasser synthetisieren. Für die Massenproduktion von Wasserstoff im Rahmen der Energiewende sei das Verfahren zu aufwändig, sagt die Mikrobiologin, hier sei die Elektrolyse das geeignetere Verfahren. „Im Rahmen der Grünen Chemie ist biologisch oder elektrolytisch erzeugter Wasserstoff jedoch sehr wertvoll, zum Beispiel zur Herstellung von Grund- und Wertstoffen.“ Dabei spielen Biokatalysatoren, wie sie Friedrich mit ihrer Arbeitsgruppe erforscht – sogenannte sauerstofftolerante Hydrogenasen –, eine vielversprechende Rolle.

    Weiterführende Links:

    Auch an dieser Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina zur Corona-Pandemie wirkte Bärbel Friedrich mit.

    Bienen halten Picasso und Monet auseinander

    „Bienen halten Picasso und Monet auseinander“

    In der GDNÄ ist Jürgen Tautz seit seiner Doktorarbeit, zur Bienenforschung kam er erst viel später. Wie die überaus talentierten Insekten sich untereinander verständigen, begeistert den Zoologen, Imker und bekannten Sachbuchautor bis heute.

    Herr Professor Tautz, wie geht es den Bienen?
    Gar nicht so schlecht, zumindest nicht in Deutschland. Hierzulande gibt es etwa eine Million Bienenvölker und rund hunderttausend Imker. Die Imkerschaft wächst von Jahr zu Jahr und sie wird zunehmend jünger, weiblicher und städtischer. In den letzten zehn Jahren sind Bienen zu außerordentlich beliebten Tieren geworden und inzwischen haben sie weltweit eine starke Lobby – viel stärker als andere Insekten.

    Aber das hat doch vor allem mit dem Bienensterben zu tun?
    Ein allgemeines Bienensterben gibt es nicht. Wir haben es mit regional sehr unterschiedlichen Gefahren zu tun, etwa durch Parasiten wie die Varroa-Milbe, Krankheiten oder einen Mangel an Blühpflanzen. Dadurch bedroht sind vor allem die zahlreichen weniger bekannten Wildbienenarten, die keine Staaten bilden, sondern überwiegend solitär leben. Die bei uns weit verbreitete westliche Honigbiene ist nicht gefährdet, solange eine engagierte Imkerschaft sich um sie kümmert.

    Wie wirken sich Unkrautbekämpfungsmittel wie Glyphosat auf die Bienen aus?
    Der negative Einfluss von Glyphosat und anderen Herbiziden ist meist indirekter Natur. Glyphosat zum Beispiel schädigt die bakterielle Darmflora der Bienen, was letzten Endes ihr Immunsystem schwächen kann. Zudem verknappt dieses Herbizid das Nahrungsangebot für viele Insekten, da außer gentechnisch veränderten Nutzpflanzen alle Pflanzen abgetötet werden.

    Sammelbiene im Anflug auf eine Goldrautenblüte.

    Wenn Käfer, Ameisen oder Hornissen darunter leiden, interessiert das nur wenige Menschen. Warum ist das bei Bienen anders?
    Im ersten Moment ist das tatsächlich erstaunlich. Immerhin sind in einem Bienenstock rund fünfzigtausend Giftstacheln versammelt. Aber unserer Bienenliebe tut das keinen Abbruch. Das hat geschichtliche Gründe, denke ich. In allen Kulturen ist Honig eine Speise der Götter, denken wir nur an Ambrosia in der griechischen Mythologie. Für unsere Vorfahren war es immer ein Fest, wenn sie ein Bienennest mit Honig fanden. Wie wichtig die Bienen für Naturhaushalt und Landwirtschaft sind, erkannte man aber erst Ende des 18. Jahrhunderts. Damals beobachtete der Berliner Theologe Christian Konrad Sprengel, dass Bienen die Pflanzen bestäuben und damit befruchten. Man kann also sagen, die Bienen sind ein Schlüsselorganismus und ein wunderbarer Brückenbauer zwischen Umwelt und Mensch.

    Sie sind Zoologe. Was genau hat Sie zur Bienenforschung gebracht?
    Ich habe mich erst mit 45 Jahren in diese Richtung spezialisiert. Vorher ging es in meiner Forschung um Schmetterlingsraupen, Krebse, Frösche, Fische und andere Organismen. Nach ersten Einblicken in die Kommunikationsbiologie der Biene war ich dann aber absolut fasziniert und bin nicht mehr davon losgekommen.

    Was beeindruckt Sie so an der Biene?
    Bienen sind unglaublich belastbar und verfügen über verblüffende Fähigkeiten. Die Honigbiene zum Beispiel kann bis vier zählen, hat eine Vorstellung vom Konzept der Zahl Null und kann die Malstile von Picasso und Monet auseinanderhalten. Das ist alles experimentell belegt. Faszinierend ist auch die Kulturgeschichte: So hat man erst im 18. Jahrhundert entdeckt, dass ein Bienenvolk von einer Königin angeführt wird und nicht, wie Jahrtausende behauptet wurde, von einem König. Wir haben es tatsächlich mit einem Frauenstaat zu tun, der hervorragend funktioniert, nicht zuletzt durch die ausgeklügelte Kommunikation untereinander.

    Welche Bedeutung hat dabei die Tanzsprache der Bienen?
    Sie spielt eine wichtige Rolle, wie schon die Forschungsarbeit des Nobelpreisträgers Karl von Frisch zeigt. Er hatte beobachtet, wie Arbeitsbienen ihren Artgenossinnen durch tanzartige Bewegungen im Bienenstock, den sogenannten Schwänzeltanz, den Weg zur Nahrung wiesen. Die dabei mitgeteilte Information liefert jedoch nur eine grobe Orientierung, wie wir heute wissen. Um den genauen Futterplatz zu finden, braucht die Honigbiene weitere Informationen, die sie während des Flugs erhält – unter anderem durch die unterwegs nicht abreißende Kommunikation mit Artgenossinnen.

    Pollensammelnde Honigbiene an einer Kirschblüte.

    „Die Bedeutung des Bienentanzes wird überschätzt“ – Mit diesem Satz wurden Sie vor Jahren in einer Tageszeitung zitiert, was eine heftige Kontroverse in der Fachwelt auslöste. Wie stehen Sie heute dazu?
    Die Kontroverse wäre in dieser Form nicht nötig gewesen. Meine Sicht der Dinge hat sich seither nicht verändert: Im Schwänzeltanz sehe ich den Beginn einer lückenlosen Kommunikation, die die Arbeiterinnen ausgehend vom Bienenstock und ergänzt durch weitere Informationen treffsicher zur Nahrungsquelle führt. Diese Einschätzung wird durch viele internationale Forschungsergebnisse gestützt.

    Sie haben viel für den Dialog mit der Öffentlichkeit getan und sind für Ihre vorbildliche Vermittlungsleistung im Jahr 2012 mit dem renommierten Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Stifterverbands ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen die Ehrung?
    Die Mitmenschen für Dinge interessieren und begeistern zu dürfen, die man selbst für wichtig hält, ist wunderbar. Aber es kostet auch Ressourcen, die der eigentlichen Forschungsarbeit entgehen. Da ist der Communicator-Preis schon eine sehr motivierende Anerkennung.

    Diese wildlebenden Honigbienen haben in einer alten Schwarzspechthöhle eine Wohnstätte gefunden. Anders als Honigbienen, die vom Imker gehalten werden, sind Wildbienen der natürlichen Selekton ausgesetzt. Eine Folge: Sie können sich flexibel an veränderte Lebensbedingungen anpassen.

    Als Professor im Ruhestand engagieren Sie sich heute vor allem in der schulischen Bildungsarbeit. Was treibt Sie dabei an?
    Mein Team und ich wollen junge und ältere Leute mit einem modernen Projekt persönlich und nicht nur digital zusammenbringen. Bei uns können Fridays-for-Future-Anhänger konkret etwas für Umwelt und Klima tun. Nach den guten Erfahrungen mit einem Onlineprojekt an der Universität Würzburg namens Honeybee Online Studies, kurz HOBOS, haben wir vor Kurzem mit we4bee ein neues Vorhaben gestartet. Im Zentrum stehen dabei Hightech-Bienenstöcke zur eigenständigen Umweltforschung.

    Wie können wir uns die Schulforschung vorstellen?
    Derzeit haben deutschlandweit mehr als hundert Schulen solche Bienenstöcke bei uns ausgeliehen. Dank eines großzügigen Förderers, der Audi-Stiftung für Umwelt, ist das für die Schulen kostenfrei. Jeder Stock beherbergt ein Bienenvolk, dessen Zustand und Verhalten mit im Nest installierten Kameras und Sensoren rund um die Uhr aufgezeichnet wird und per App beobachtet werden kann. Zusätzlich werden Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wetterlage und andere Umgebungsparameter dokumentiert. Die Schülerinnen und Schüler tragen alle Daten zusammen und schicken sie zur Auswertung an unser Team an der Universität Würzburg. Was braucht ein Bienenvolk, um gesund zu bleiben? Und schadet das neue Mobilfunknetz 5G den Bienen? Das sind nur zwei der Fragen, die wir anhand der Daten hoffentlich bald besser beantworten können. Die Ergebnisse wollen wir aber nicht nur mit den jungen Leuten diskutieren, sondern alle Generationen im Gespräch über die Bienen zusammenbringen. Auch Imker sollen davon profitieren, damit sie ihren Völkern bestmögliche Lebensbedingungen schaffen können.

    Wie geht es Ihren eigenen Bienen und welche Zukunftshoffnung haben Sie als Imker?
    Meine eigenen fünf Bienenvölker sind wohlauf. Für die Zukunft hoffe ich auf Umweltbedingungen, die für die Bienen insgesamt zuträglich sind. Dann geht es auch einem riesigen Netzwerk in der Natur gut und letztlich auch uns Menschen.

    Forschung am Futterplatz: Diese Sammelbienen wurden nach der Geburt mit einem RFID-Chip versehen, der ihre Flugaktivität erfasst.

    Der Zoologe und Bienenforscher Professor Jürgen Tautz.

    Zur Person
    Jürgen Tautz ist Verhaltensforscher, Bienenforscher und Imker. Als Professor am Biozentrum der Universität Würzburg im Jahr 2015 emeritiert, leitet er heute we4bee, ein Netzwerk zur Umweltforschung und Umweltbildung in Schulen. We4bee schließt an HOBOS (Honeybee Online Studies) an, eine internetbasierte Lehr- und Lernplattform zur Honigbiene, die Tautz 2006 gründete. Der 1949 in Heppenheim geborene Zoologe studierte an der Technischen Universität Darmstadt Biologie, Geographie und Physik. Nach seiner Dissertation in Konstanz bei Hubert Markl kam er über Stationen in Canberra/Australien und Stanford/Kalifornien im Jahr 1990 an die Universität Würzburg. Neben rund 400 Fachpublikationen veröffentlichte Jürgen Tautz mehrere Sachbücher, darunter Bestseller wie „Phänomen Honigbiene“. Das 2007 erstmals erschienene Werk wurde in zwanzig Sprachen übersetzt. Derzeit arbeitet er an einem Buch, das die Sprache der Bienen und deren Erforschung aus einem neuen Blickwinkel betrachtet; erscheinen soll es im Frühjahr 2021.

    Weitere Informationen:

    Der Hightech-Bienenstock der St.-Ursula-Schule Würzburg: Der Stockeingang wird permanent von einer Mini-Videokamera beobachtet. Der grüne Kasten, auf dem die Bienen stehen, ist eine Waage. Die an einem Mast befestigte Wetterstation erfasst Temperatur, Luftfeuchte, Regen, Sonnenschein, Wind und die Belastung mit Feinstaub. Alle Daten (auch die aus dem Inneren des Bienenstocks, dessen Messsysteme hier nicht zu sehen sind) laufen kontinuierlich am Institut für Informatik der Universität Würzburg zusammen. Dort werden sie analysiert, aufbereitet und für alle Interessierten abrufbar ins Netz gestellt.