Dr. Matthias Röschner: „Wir digitalisieren in großem Stil“

„Wir digitalisieren in großem Stil“

Dr. Matthias Röschner über die Online-Zukunft des GDNÄ-Archivs, wichtige Forschungsfragen und Glanzstücke der Sammlung.

Herr Dr. Röschner, das erste Jahr als Archivleiter im Deutschen Museum ist um – wie geht es Ihnen in der neuen Position?
Da ich bereits seit 2009 im Archiv tätig gewesen bin, ist der Übergang zum Archivleiter einigermaßen fließend verlaufen. Natürlich haben sich meine Aufgabenschwerpunkte verschoben und vermehrt, aber mein Vorgänger Herr Dr. Füßl hat mich wunderbar vorbereitet. Ich freue mich also, gemeinsam mit einem hochmotivierten Team die Zukunft des Archivs weiter gestalten zu können.

Wie können wir uns Ihre Tätigkeit vorstellen?
Sie ist abwechslungsreicher als manche vermuten. Ich bin befasst mit allen Abläufen im Archiv – von der Erwerbung von Archivalien über die Organisation ihrer Erschließung, konservatorischen Maßnahmen und der Digitalisierung bis hin zur Koordinierung der Nutzung. Neben der Forschung liegt mir auch die Öffentlichkeitsarbeit sehr am Herzen: Ich halte Vorträge, biete Führungen an und schreibe allgemeinverständliche Beiträge, um Interessierten die Archivarbeit und unsere wertvollen Archivalien näherzubringen. Viel Zeit verbringe ich mit dem Beantworten von wissenschaftlichen Anfragen.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Wenn etwa eine Forscherin aus Berlin fragt, welche Quellen wir zur Professionalisierung des Ingenieurwesens am Ende des 19. Jahrhunderts haben, recherchiere ich mit meinem Wissen über die Bestände etwa in den Nachlassunterlagen von Rudolf Diesel, Oskar von Miller, Franz Reuleaux, Walther von Dyck und anderen Personen und schicke ihr Listen zu relevanten Archivalien. Damit ist die Wissenschaftlerin für einen erfolgreichen Besuch bei uns im Lesesaal in München gut vorbereitet.

Ein ordentliches Pensum für eine Vollzeitstelle…
…da kommt noch einiges hinzu. Zum Beispiel die wichtige Gremienarbeit, etwa im Rahmen der Leibniz-Gemeinschaft, des Bayerischen Archivtags oder im Münchner Archivkreis, und Querschnittsaufgaben wie die Personalführung und die Kontaktpflege zu Universitäten und wissenschaftshistorischen Instituten. Für die GDNÄ durchforste ich regelmäßig wissenschaftliche Antiquariate und Auktionskataloge und verfolge vielversprechende Spuren, um Fehlendes ergänzen zu können.

Mit Erfolg?
Ja, durchaus. Wir konnten zum Beispiel einige Originaldokumente aus dem 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Privatbesitz von Vorstandsmitgliedern einwerben. Aber es gibt nach wie vor große Lücken, vor allem durch das gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von den Sowjets beschlagnahmte und seither verschollene Altarchiv.

Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

In herbstlichem Licht: Das Ausstellungsgebäude auf der Münchner Museumsinsel. © Deutsches Museum

Ihr Vorgänger, Herr Dr. Füßl, hat sich immer wieder für die Rückgabe der Sammlung eingesetzt. Werden Sie das auch tun?
Ja, wir behalten das natürlich weiter im Blick. Aber ich glaube nicht, dass wir unser Ziel schnell erreichen. Der Ukrainekrieg verdüstert die Aussichten zusätzlich. 

Welchen Stellenwert hat das Archiv der GDNÄ für Ihr Haus?
Die GDNÄ ist die älteste interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands und Mutter renommierter Fachgesellschaften im In- und Ausland – ihr Archiv ist daher von großer nationaler Bedeutung. Hinzu kommt: Im Unterschied zu anderen Wissenschaftsinstitutionen, deren Archive im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurden, sind von der GDNÄ wenigstens einige historische Stücke aus der Frühzeit erhalten geblieben.  

Was ist besonders eindrucksvoll?
Zum Beispiel der neunseitige Druck einer Rede von 1828, in der Alexander von Humboldt für die Einrichtung von Sektionen warb und damit die erste große Reform der GDNÄ einleitete. Oder die handschriftliche Teilnehmerliste von der Versammlung 1834 in Stuttgart. Auch der Brief von Albert Einstein aus dem Jahr 1913 ist sehr beeindruckend. Der Physiker bittet hierin, seinen Vortrag in einer gemeinsamen Sitzung für Mathematik und Physik halten zu dürften, da er auf „einige Formeln eingehe, damit das, was ich vorzubringen habe, nicht zu vag[e] sei.“ 

Im Internet findet man noch kaum etwas zum GDNÄ-Archiv im Deutschen Museum. Wollen Sie das ändern?
Ja, wir sind gerade dabei, unsere Bestände in großem Stil zu digitalisieren. In den nächsten Jahren wird man Erschließungsdaten für alle Archivalien im Netz finden, mit Angaben zu Titel, Umfang und zeitlicher Einordnung. Dadurch sind weltweite Recherchen zu Themen, Personen, Institutionen und Unternehmen möglich – und Verknüpfungen mit anderen Nachlässen und Beständen, die in der analogen Welt nicht vorstellbar sind. Wir werden auch Digitalisate zu den Archivalien online anbieten, sofern keine urheberrechtlichen Einwände bestehen. Das trifft zum Beispiel auf die Versammlungsberichte von 1822 bis 1900 zu, mit denen ich gerne ein eigenes Projekt zur Digitalisierung mit anschließender Volltexterkennung machen würde. 

Das klingt aufregend, aber auch nach viel Aufwand. Wie groß ist Ihr Team?
Mit mir arbeiten elf Archivarinnen und Archivare, die auch ohne Zusatzprojekte gut zu tun haben. Wir werden jedoch tatkräftig unterstützt von unserer hauseigenen Offensive „Deutsches Museum Digital“. Sie ist dabei, die wissenschaftlichen Bestände und Objektsammlungen des Museums über ein zentrales Online-Portal öffentlich verfügbar zu machen. Spätestens im Jahr 2025, zum hundertsten Geburtstag der Eröffnung der Münchner Museumsinsel, soll das Ziel erreicht sein, alle verfügbaren Daten und Digitalisate im Internet recherchieren zu können.

Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

Ein Ort für konzentriertes Arbeiten: der Lesesaal des Archivs. © DMA CD 65461a

Finden Sie noch Zeit für eigene Forschung?
Weniger als früher, aber ich interessiere mich aktuell sehr für die Provenienzforschung. Das heißt, wie und unter welchen Umständen kamen Objekte und Archivalien an das Deutsche Museum? Im Museum gibt es eine bereichsübergreifende Arbeitsgruppe, die diesen Forschungsfragen nachgeht und die ich zusammen mit einem Kollegen aus dem Bereich der Objektsammlungen koordiniere. Das Archiv spielt dabei eine tragende Rolle, weil hier die historischen Verwaltungsakten des Museums verwahrt werden. Geplant ist auch eine gemeinsame Publikation, in der ich mich mit der Provenienz von Archivbeständen einbringen möchte.

Welche offenen Forschungsfragen sehen Sie, wenn Sie an die jüngere GDNÄ-Geschichte denken?
Da gibt es einiges, zum Beispiel: Wie hat die GDNÄ es nach dem Krieg geschafft, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen? Welche persönlichen und thematischen Kontinuitäten gibt es zwischen NS- und Nachkriegszeit? Kaum aufgearbeitet ist auch das Thema Frauen und GDNÄ. Die bei uns vorhandenen Dokumente würden für solche Recherchen viel hergeben, davon bin ich überzeugt.

Bei der Jubiläumsversammlung in Leipzig wird Ihr Haus mit einem Stand vertreten sein. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
Wir zeigen in einer Posterausstellung einige Glanzstücke des GDNÄ-Archivs, darunter die Medaille zum hundertsten Jubiläum der GDNÄ mit einem Porträt von Lorenz Oken auf der Vorder- und der Stadtansicht von Leipzig auf der Rückseite und dazu die Festschrift zur Leipziger Versammlung 1922. Zu sehen sind auch kunstvoll im Jugendstil gestaltete Publikationen aus dem frühen 20. Jahrhundert und der erwähnte Einstein-Brief. Gern stehen wir für Gespräche zur Verfügung und freuen uns über Hinweise auf interessante neue Dokumente für die Sammlung. Zu finden sind wir im Markt der Wissenschaften im Untergeschoss der Leipziger Kongresshalle, wo auch mehrere wissenschaftliche Institute aus Leipzig mit Ständen vertreten sind.

Was Sie über Ihre Arbeit berichten, passt so gar nicht zu den Vorstellungen von staubigen Akten und Ärmelschonern, die viele Laien mit Ihrem Beruf verbinden. Was hat Sie als junger Mensch animiert, in diese Richtung zu gehen?
Schon während meines Geschichtsstudiums war ich von den – im wahrsten Sinne des Wortes – einmaligen Archivquellen fasziniert. Es ist schon etwas ganz Besonderes, mit Briefen, Notizbüchern, Berichten und Zeichnungen zu arbeiten, die nur ein einziges Mal existieren und die vor mir oftmals nur eine Person, nämlich die Schreiberin oder der Schreiber, in Händen hielten. Ich habe in mehreren Praktika herausgefunden, dass der Beruf sehr zukunftsorientiert und mit viel Verantwortung verbunden ist. Denn nur diejenigen Unterlagen, die die Archivarin oder der Archivar als „archivwürdig“ bewertet und dann tatsächlich ins Archiv übernimmt, werden künftigen Generationen zur Verfügung stehen. Als Archivar kann ich die Faszination des Originals nicht nur für mich selbst entdecken, sondern auch an andere Menschen weitergeben. Neben meiner Aufgabe der Erwerbung und Bewahrung historischer Quellen verstehe ich mich vor allem als Vermittler von Informationen und Brückenbauer zwischen Geschichte und Gegenwart.

Matthias Röschner © Deutsches Museum

Matthias Röschner. © Privat

Zur Person

Dr. Matthias Röschner ist Leiter der Hauptabteilung Archiv des Deutschen Museums in München.  Zuvor war er Stellvertreter von Dr. Wilhelm Füßl, der 2021 in den Ruhestand wechselte. Röschner stammt aus Südhessen, studierte Latein und Geschichte und wurde 2001 mit einer Studie zur Krankenhausgeschichte promoviert. Anschließend absolvierte er ein Archivreferendariat und arbeitete von 2004 bis 2009 am Staatsarchiv Ludwigsburg. In seiner Forschung beschäftigt sich Matthias Röschner zum Beispiel mit der Geschichte des Deutschen Museums, der Provenienz von Archivbeständen und kolonialen Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft. Er ist der verantwortliche Redakteur von „ARCHIV-info“, der Archivzeitschrift des Deutschen Museums.

Archivplakat © Deutsches Museum

In Vorbereitung auf die 85. GDNÄ-Versammlung 1913 in Wien: handschriftlicher Brief des zum Vortrag eingeladenen Albert Einstein. © DMA FA 016 vorl. Nr. 1042

Weitere Informationen:

Archivplakat © Deutsches Museum

Titelblatt der berühmten Rede Alexander v. Humboldts vor der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte 1828 in Berlin. © DMA CD 86986

Archivplakat © Deutsches Museum

Plakat des Archivs im Deutschen Museum. @ DMA CD 71578

Friedensappell der Nobelpreisträger

Friedensappell der Nobelpreisträger

Laureaten aus aller Welt, darunter GDNÄ-Mitglieder, unterzeichnen Deklaration

Angesichts des von russischem Boden ausgehenden Krieges in der Ukraine rufen rund 140 Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger verschiedenster Disziplinen zum Frieden auf. Sie haben eine Deklaration unterzeichnet, die von der Max-Planck-Gesellschaft initiiert wurde und von den Lindauer Nobelpreisträgertagungen unterstützt wird. Zu den Unterzeichnenden zählen auch GDNÄ-Mitglieder wie Christiane Nüsslein-Volhard und Klaus von Klitzing.

Die Deklaration knüpft an die Mainau-Deklaration 1955 gegen den Einsatz von Atomwaffen an. Sie wurde von Otto Hahn, dem ersten Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, bei der 5. Lindauer Nobelpreisträgertagung mit initiiert. In der aktuellen Erklärung heißt es: „Die Entdeckung der Atomkernspaltung schuf die Grundlage für den Bau atomarer Vernichtungswaffen. Deren derzeitiges Volumen hat das Potential, die Erde für Menschen unbewohnbar zu machen und die menschliche Zivilisation auszulöschen. Deshalb dürfen solche Waffen nie zum Einsatz kommen!“

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© Max-Planck-Gesellschaft

Schlusssatz der Mainau-Deklaration.

Die 138 Erstunterzeichner fordern Regierungen und Wirtschaftsverantwortliche auf, wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologien verantwortungsvoll und im Bewusstsein für ihre langfristigen Folgen einzusetzen. Der russische Präsident Wladimir Putin wird aufgefordert, die völkerrechtlichen Vereinbarungen zu achten, seine Streitkräfte zurückzurufen, Verhandlungen aufzunehmen und den Frieden herzustellen.

Die Lindauer Nobelpreisträgertagungen und die Max-Planck-Gesellschaft sind überzeugt, dass die Wissenschaft den Dialog fortsetzen muss, auch wenn die Politik schweigt – oder kämpft. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass diese Initiative, neben unzähligen anderen, baldmöglichst zum wieder friedlichen Austausch zwischen den Nationen führt.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© Lindauer Nobelpreisträger-Tagungen

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Michael Dröscher: „Menschen zusammenbringen, Ideen entwickeln“

„Menschen zusammenbringen, Ideen entwickeln“

Er war Innovationsmanager in der Chemieindustrie und hält jetzt die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte auf Trab: Michael Dröscher über seine Pläne für die GDNÄ der Zukunft. 

Herr Professor Dröscher, seit 2015 sind Sie Generalsekretär, seit 2017 auch Vorstandsmitglied und Schatzmeister der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Was ist deren größter Schatz?
Ganz eindeutig die Menschen, die unserer Gesellschaft nahestehen. Dazu zähle ich unsere Mitglieder und alle diejenigen, die sich für uns interessieren und bei uns mitwirken, etwa mit Vorträgen auf unseren Versammlungen. Ein großer Schatz ist auch das Schülerprogramm, das uns einen wunderbaren Zugang zu jungen Leuten ermöglicht. Wir hoffen natürlich, noch mehr Menschen aus Wissenschaft, Gesellschaft und Schulen für eine Mitgliedschaft gewinnen zu können. Einfach ist das heutzutage nicht. 

Woran liegt das?
Die meisten Vereine verlieren Mitglieder und haben nicht genug Nachwuchs. Die GDNÄ, auch sie ist als Verein organisiert, macht da keine Ausnahme. Zum Glück werden wir sehr großzügig von Stiftungen gefördert, unsere Existenz hängt also nicht allein von Mitgliedsbeiträgen ab. Den Schwund nehmen wir nicht einfach hin, sondern stemmen uns nach Kräften dagegen.  

Wie können wir uns das vorstellen?
Zum einen beziehen wir den Nachwuchs stärker als früher ein, zum Beispiel mit eigenen Formaten auf unseren Versammlungen. Ein Beispiel: Zum Auftakt der 200-Jahr-Feier in Leipzig werden Schülerinnen und Schüler einen Programmteil unter dem Motto „Wir haben nur eine Erde“ gestalten. Zum anderen wollen wir unsere Mitglieder stärker aktivieren, da sehen wir noch viel Potenzial. Sobald die Corona-Lage es erlaubt, wird es auch wieder regionale Präsenztreffen geben. Dieses neue Format hatten wir vor der Pandemie eingeführt und hoffen, dazu bald wieder unsere Mitglieder einladen zu können, um uns mit Ihnen fachübergreifend auszutauschen. 

Ist das interdisziplinäre Anliegen der GDNÄ angesichts immer größerer Spezialisierung in den Naturwissenschaften noch zeitgemäß?
Beides ist wichtig, aber die Bedeutung des Interdisziplinären wächst. Nehmen wir mein Fachgebiet, die Chemie. Da gibt es nach wie vor die klassische Synthese von Molekülen und die Entwicklung und Optimierung von Prozessen. Aber die großen Fortschritte gelingen dort, wo Chemiker mit Biologen und Informatikern zusammenarbeiten. In der GDNÄ wollen wir dazu inspirieren, auf unseren Versammlungen und zwischendurch bei den regionalen Treffen. Ich sehe da einen enormen Bedarf, den keine andere wissenschaftliche Gesellschaft deckt. Der persönliche Austausch über neue Erkenntnisse in Biologie, Chemie, Physik, Informatik, den Ingenieurwissenschaften und Medizin ohne direkten Verwertungsdruck und mit führenden Fachvertretern – das ist eine große Chance für die GDNÄ.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Luftbild des Industrieparks Marl im Ruhrgebiet: Mit einer Fläche von mehr als sechs Quadratkilometern gehört das Gelände zu den größten Industrieparks in Deutschland. Was einst die Adresse der Chemischen Werke Hüls AG war, ist heute der größte Standort von Evonik. Insgesamt arbeiten mehr als zehntausend Menschen im Marler Industriepark – in knapp zwanzig Unternehmen. © Evonik Industries AG

Geht es dabei nur Grundlagenforschung oder auch um Anwendungswissen?
Beides sollte eine Rolle spielen. Allerdings kommt die angewandte Forschung im öffentlichen Diskurs wie auch innerhalb der GDNÄ oft zu kurz. Sie hat mehr Beachtung verdient. 

Sie kennen beide Welten und sind nach beruflichen Anfängen im akademischen Bereich in die Wirtschaft gewechselt. 1982 haben Sie Ihre Industrie-Karriere bei den Chemischen Werken Hüls AG begonnen, ein Unternehmen, das es heute so nicht mehr gibt. Wie erlebten Sie den Strukturwandel in der deutschen Chemieindustrie?
Dieser Wandel begann schon bald nach meinem Einstieg bei der Hüls AG Anfang der 1980er-Jahre mit immer mehr Firmenzusammenlegungen und Neugründungen. Wenn man da mittendrin ist, ist es nicht immer einfach. Insgesamt aber war diese Entwicklung unausweichlich, um in einer zunehmend globalisierten Welt bestehen zu können. Letztlich haben die vielen Merger die deutsche Chemieindustrie stärker und innovativer gemacht.  Ein Beispiel: Der Chemiepark Marl, wo ich mal angefangen habe, ist heute der größte Standort der Evonik und beherbergt zudem etwa 25 weitere Chemiefirmen. 

Sie waren viele Jahre als Innovationsmanager tätig. Kreative und zugleich praktikable Lösungen werden auch heute dringend benötigt. Haben Sie ein Rezept?
Da gibt es leider kein Patentrezept. Was bei mir funktioniert hat, war dieser Weg: Gute Leute aus verschiedenen Firmenbereichen zusammenbringen, sie ihre Ideen in geschützten Start-up-ähnlichen Strukturen, sogenannten Projekthäusern, entwickeln lassen und die Lösungen, sobald sie marktnah sind, in die Geschäftsbereiche des Mutterunternehmens einspeisen. Bewährt hat sich das Vorgehen zum Beispiel bei der Hüls-Tochter Creavis, die dann Teil der Degussa wurde, die inzwischen beide im Evonik-Konzern aufgegangen sind. 

Sind dabei erfolgreiche Innovationen herausgekommen?
Ich denke schon. Bei Creavis haben wir beispielsweise biochemische Verfahren zur Herstellung von Aminosäuren entwickelt, bei denen Evonik heute Weltmarktführer ist. Sehr früh wurde dort an funktionellen Nanopartikeln gearbeitet, die heute in vielen Bereichen unverzichtbar sind – denken wir nur an die Herstellung von Mikrochips und die Anwendung in Lacken und Kosmetika.

Produktionsstätten im Abendlicht: Der Industriepark Marl ist vielfältig an das europäische Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetz angebunden. © Evonik Industries AG

Wie sehen Sie die Zukunft des Industriestandorts Deutschland?
Wir befinden mitten in einer großen Transformation hin zu klimafreundlicheren Energieträgern und Rohstoffen. Das fossile Zeitalter geht zu Ende, und der Industrie ist klar, dass sie sich ganz neu aufstellen muss. Die Investitionen für die nächsten 15 bis 30 Jahre sind schon darauf ausgerichtet. Gelingen kann die Transformation, wenn wir genug Wasserstoff haben und diesen zuverlässig aus sonnenreichen Ländern beziehen können. Einige Länder wie etwa Saudi-Arabien bereiten sich darauf vor. Als Mitglied der Enquete-Kommission „Zukunft der chemischen Industrie in NRW“ habe ich mich ausführlich mit der Thematik beschäftigt und berate weiterhin Unternehmen zu diesen Fragen. 

In der öffentlichen Debatte geht es derzeit viel um Gas als Übergangslösung. Wie lautet Ihre Einschätzung?
Um den wachsenden Energiebedarf in unserem Land zu decken und um die Kohle- und Atomkraftwerke, die wir abgeschaltet haben und noch abschalten werden, zu ersetzen, geht es auf absehbare Zeit nicht ohne Gas. Allein die chemische Industrie wird in Zukunft so viel Strom brauchen, wie heute alle Privathaushalte zusammen und die Elektromobilität noch einmal so viel. Gaskraftwerke werden voraussichtlich noch 15 bis 20 Jahre als Brückentechnologie benötigt. Wir müssen auch neue Anlagen errichten. Evonik baut gerade zwei neue Gaskraftwerke im Chemiepark Marl als Ersatz für zwei Kohleblöcke. Wir müssen auf jeden Fall sicherstellen, dass wir so viel Gas, wie wir brauchen, beziehen können, ob das als Flüssiggas per Tankschiff kommt, oder über die Pipelines. Wenn Nord Stream 2 aus politischen Gründen nicht kommen sollte, werden wir andere Lieferwege brauchen.

 Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal auf die GDNÄ schauen, die bald 200 Jahre alt wird. Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen zum Fest?
Wir liegen voll im Plan. Mit der Leipziger Kongresshalle haben wir einen wunderbaren Veranstaltungsort für die Festversammlung im September gefunden, das Vortragsprogramm mit renommierten Wissenschaftlern steht und die Schülerinnen und Schüler kommen im Frühsommer zusammen, um ihren Programmteil zu gestalten. Es wird eine attraktive, allgemein verständliche Festschrift in Buchform geben. Wir wenden uns diesmal verstärkt an die Öffentlichkeit: mit Medienberichten, über Twitter und andere soziale Medien und mit Vorträgen, zu denen alle Leipzigerinnen und Leipziger eingeladen sind. Wir legen großen Wert auf den Austausch mit der Gesellschaft – ganz im Sinne des Wissenschaftsjahres 2022, das unter dem Motto „Nachgefragt!“ die Bürgerbeteiligung in Wissenschaft und Forschung stärken will.

Prof. Dr. Michael Dröscher Dorsten © GDNÄ

Prof. Dr. Michael Dröscher © GDNÄ

Zur Person

Seit 2017 ist Prof. Dr. Michael Dröscher Schatzmeister und Vorstandsmitglied der GDNÄ und seit 2015 deren Generalsekretär. Er stammt aus Kirn an der Nahe, wo er 1949 zur Welt kam. Sein Chemiestudium absolvierte er in Mainz, dort schloss er auch seine Promotion ab.  Anschließend nahm er eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Freiburg an und habilitierte sich mit nur 31 Jahren für das Fach Makromolekulare Chemie. Seine akademische Laufbahn setzte er zunächst als Privatdozent und von 1988 an als außerplanmäßiger Professor an der Universität Münster fort.

Mehr noch als für die Grundlagenforschung interessiert sich Michael Dröscher für die Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse – und so führte ihn sein Weg in die Industrie. Er startete 1982 als Laborleiter und 1984 als Abteilungsleiter bei der Hüls AG im nordrhein-westfälischen Marl. Bei dem Chemieunternehmen, bzw. den Nachfolgeunternehmen Degussa-Hüls, neue Degussa und Evonik-Industries AG, sollte er 27 Jahre bleiben – in wechselnden Funktionen. 1997 wurde der erfahrene Chemiker zum Geschäftsführer der neu gegründeten Hüls-Tochter Creavis Gesellschaft für Technologie und Innovation mbH berufen; heute firmiert das Unternehmen unter dem Dach von Evonik Industries AG als Evonik Creavis GmbH. Fünf Jahre später, im Jahr 2002, wurde Michael Dröscher Innovationsmanager der Degussa AG, die später Teil der Evonik wurde.

Michael Dröscher engagierte sich auch in Fachgesellschaften und berufspolitisch, unter anderem als Vorsitzender der Deutschen Bunsengesellschaft (2005 bis 2006) und von 2020 bis 2011 als Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker und als Manager des Clusters CHEMIE.NRW. Er ist Ehrendoktor der Kazan National Research Technological University (Russland).

Neben seinen Aufgaben in der GDNÄ ist Michael Dröscher vielfach ehrenamtlich aktiv: als Vorsitzender des Verwaltungsrats des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung in Mülheim sowie als Mitglied mehrerer Kuratorien und Beiräte der Max-Planck-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und von Hochschulinstituten. Er ist zudem Aufsichtsrat der bValue AG, die Startups fördert und mitfinanziert.

Wie Innovation der chemischen Industrie neu beleben kann: Darüber schreiben namhafte Expertinnen und Experten praxisnah in diesem Buch, das Michael Dröscher mitherausgegeben hat. Hier eine Leseprobe aus dem englischsprachigen Titel (ISBN 3-00-012425-X.) © Festel Capital

Weitere Informationen:

Eva-Maria Neher: „Anspruchsvolle Forschung, aus berufenem Munde vorgestellt“

„Anspruchsvolle Forschung, aus berufenem Munde vorgestellt“

Die Förderung junger Forschertalente liegt der Biochemikerin Eva-Maria Neher ganz besonders am Herzen. Sie gründete das Göttinger Experimentallabor für junge Leute (XLAB) und gab dem Schülerprogramm der GDNÄ entscheidende Impulse. 

Frau Professorin Neher, Sie engagieren sich seit vielen Jahren für die GDNÄ: für das Schülerprogramm, in der Gremienarbeit und vor einigen Jahren auch als Präsidentin. Was treibt Sie an?
Ganz klar meine Liebe zur Wissenschaft, vor allem zu den Naturwissenschaften. Ich interessiere mich für viele Gebiete, aber heute ist es fast unmöglich, sich überall auf dem aktuellen Stand zu halten. Da kommt mir die GDNÄ sehr entgegen: Sie bringt auf ihren Tagungen hochkarätige Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen zusammen, die neueste Forschung wie auf dem Silbertablett präsentieren – man muss nur zugreifen. 

Wann hatten Sie zum ersten Mal dieses Silbertablett-Erlebnis?
Das war, ich kann mich noch gut daran erinnern, auf der Versammlung 2004 in Passau. Sie stand unter dem Motto „Raum, Zeit, Materie“. Ich war begeistert von den Vorträgen, von der anregenden Atmosphäre und bin kurz darauf Mitglied geworden.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Das XLAB zieht junge Talente aus aller Welt an. © Sven Dräger

Das war die Zeit, in der Sie auch das Experimentallabor für junge Leute XLAB in Göttingen aufgebaut und geleitet haben – eine sehr aktive Zeit also.
Für mich war es eine Umbruchsphase. Nach einer gerade begonnenen wissenschaftlichen Laufbahn musste ich mit fünf Kindern eine lange Familienpause einlegen – insgesamt waren es neun Jahre. Danach wollte ich unbedingt wieder in die Wissenschaft. Aber in den 1990er-Jahren gab es für eine Rückkehr in die Forschung praktisch keine Chance. Also suchte ich nach anderen Wegen und entwickelte Pläne für ein Labor, in dem Schüler der Klassen 11 und 13 zusammen mit Wissenschaftlern experimentieren können. Die ersten Kurse konnten wir 1999 in den Laboren der Fakultät für Chemie der Universität Göttingen durchführen; ein Jahr später wurde das XLAB eröffnet. 

In der Öffentlichkeit wurde damals viel über das Humangenom, Stammzellen und grüne Gentechnik diskutiert. Zugleich öffnete sich die Wissenschaft immer mehr für den Austausch mit der Gesellschaft. Gute Voraussetzungen also für das XLAB?
Ja, es kam genau zur richtigen Zeit. Das öffentliche Interesse an Forschungsthemen war groß, aber vielen Menschen fehlte es an naturwissenschaftlichem Basiswissen. Das erwirbt man, davon bin ich überzeugt, am besten beim Experimentieren in gut ausgestatteten Laboren und im persönlichen Kontakt mit Fachwissenschaftlern. Zum Glück konnten wir davon nicht nur viele tolle Forscher der Göttinger Universität überzeugen, sondern auch die niedersächsische Landesregierung, die uns seither sehr unterstützt. Schon bald hatten wir ein eigenes Gebäude, aus aller Welt strömten hochmotivierte, handverlesene Schüler und junge Studierende für mehrtägige Kurse in den Fächern Chemie, Physik, Biologie und Informatik ins Haus. Mit der Zeit konnte ich zwei XLAB-Experimentallabore im Ausland begründen: eines in Argentinien am der Max-Planck-Forschungsstelle in Rosario und ein weiteres im China, in Shenzhen. Beide Projekte werden sehr aktiv von befreundeten Forschern betrieben. Das Interesse am Standort Göttingen ist aber weiterhin ungebrochen, wobei in Corona-Zeiten natürlich die Onlinekurse dominieren. Derzeit wird das XLAB um ein Begegnungszentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten erweitert, um für den voraussichtlichen Ansturm nach der Pandemie gerüstet zu sein.

Die Wissenschaft ruft, die Göttinger kommen: Eva-Maria Neher vor einem vollen Hörsaal beim Science Festival 2012. © Theodoro Da Silva

Sie haben sich 2018 aus dem XLAB zurückgezogen, engagieren sich aber weiterhin für das Schülerprogramm der GDNÄ. Wie hat es sich aus Ihrer Sicht entwickelt?
Das Programm ist auf gutem Kurs, würde ich sagen, und ein Gewinn für beide Seiten. Die GDNÄ braucht die jungen Leute, die ihr langfristig neuen Glanz verleihen. Und die Schüler sind begeistert von dem anspruchsvollen Programm, wie die Rückmeldungen zeigen. Manche treffen zum ersten Mal auf Gleichaltrige, die genauso ticken wie sie selbst und sich leidenschaftlich für die Naturwissenschaften interessieren – da ist die Freude natürlich groß. Als ich 2012 in den GDNÄ-Vorstand gewählt wurde, habe ich mich gleich um das Schülerprogramm gekümmert und mit Paul Mühlenhoff einen exzellenten Mitarbeiter aus dem XLAB ins Boot geholt. Er hat sich tief reingekniet in die neue Aufgabe und das Programm zu dem gemacht, was es jetzt ist.

Ausgezeichnete Gruppe (nach der Verleihung der Niedersächsischen Landesmedaille durch Ministerpräsident Stephan Weil): v.l.n.r.: Martin Kind, Geschäftsführer der Kind-Gruppe und Präsident von Hannover 96; Gudrun Schröfel, Leiterin des Mädchenchors Hannover; MP Weil; Professorin Eva-Maria Neher und der Unternehmer Dirk Roßmann). © Nds. Staatskanzlei

Wo steht das Schülerprogramm heute?
Die jungen Leute übernehmen eine zunehmend aktive Rolle bei den Tagungen. Bei der Versammlung 2016, die in meine Präsidentschaft fiel, haben wir zum Beispiel das Format „Wissenschaft in 5 Minuten“ neu eingeführt. Es handelt sich um eine Art Science Slam von Schülern für Schüler mit dem Ziel, ein Forschungsthema in fünf Minuten verständlich und unterhaltsam darzustellen. Die Teilnehmer sind immer mit großer Begeisterung bei der Sache und können nebenbei das Präsentieren und Diskutieren üben. Für die 200-Jahr-Feier in Leipzig planen wir spannende neue Programmformate – ich freue mich schon darauf.

Das Schülerprogramm ist unbestritten eine wichtige Aufgabe der GDNÄ. Was noch?
Vor allem die anspruchsvolle Wissenschaftskommunikation. Es gibt viele Menschen, die mehr über hochrangige Forschung erfahren wollen – nicht aus Büchern und nicht aus den Medien, sondern aus berufenem Munde von den Wissenschaftlern selbst. Auf ihren Versammlungen geht die GDNÄ schon in diese Richtung. Aber ich würde mir wünschen, dass das künftig in noch stärkerem Maße auch zwischen den Tagungen stattfindet.

Der Vorstandsvorsitzenden der Sartorius AG , Dr. Joachim Kreuzburg, übergibt im Jahr 2016 einen 3D-Drucker als Geschenk an das XLAB. © Sven Dräger, XLAB

Wenn ich noch etwas Persönliches fragen darf: Sie sind mit einem berühmten Wissenschaftler verheiratet, dem Medizin-Nobelpreisträger Erwin Neher. Man hört immer wieder, dass der Nobelpreis das Leben von Laureaten durcheinanderwirbelt. War das auch in Ihrer Familie so?
Mein Mann hat aktiv verhindert, dass sein Leben durcheinandergewirbelt wurde – und damit hat sich auch für uns nicht allzu viel verändert. Wir sind beide sehr bodenständig, leben in einem kleinen Ort bei Göttingen und haben versucht, unsere Kinder so bescheiden wie möglich großzuziehen. Alle haben ihren Interessen entsprechend ein Studium absolviert und folgen nun selbstbewusst ihrer jeweiligen beruflichen Laufbahn. 

Aus dem Ruhrgebiet stammend sind Sie selbst einen ganz anderen Weg gegangen. Wie betrachten Sie ihn rückblickend?
Ich kam 1950 in Mülheim an der Ruhr als Tochter eines Gärtnereibesitzers zur Welt. Für mich war höchstens ein Realschulabschluss vorgesehen, weil Mädchen, wie es damals hieß, später ja doch heiraten und zu Hause bleiben. Abitur machen durfte ich nur unter der Bedingung, dass ich kein Jahr wiederholen muss. Ich bewarb mich um Aufnahme in das Naturwissenschaftliche Gymnasium, das heute den Namen des Mülheimer Nobelpreisträgers Karl Ziegler trägt – und hatte Erfolg. Damals wurde das Gymnasium von etwa 800 Jungen und nur von vier weiteren Mädchen besucht. Es war eine gute Schule fürs Leben. Ich habe gelernt, meinen Weg auch ohne besondere Privilegien zu gehen.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Prof. Dr. Eva-Maria Neher © Nds. Staatskanzlei

Zur Person

Als GDNÄ-Präsidentin in den Jahren 2015 und 2016 gestaltete Professorin Eva-Maria Neher die Versammlung in Greifswald zum Thema „Naturwissenschaften und Medizin“. Derzeit engagiert sie sich in der Vorbereitung der Festversammlung zum 200-jährigem Bestehen in Leipzig. International bekannt wurde die aus Mülheim an der Ruhr stammende Biochemikerin als Gründerin des XLAB, des Göttinger Experimentallabors für junge Leute. Sie leitete das im Jahr 2000 eröffnete XLAB bis 2018.

Von 1969 bis 1973 studierte Neher Biochemie, Organische Chemie und Mikrobiologie an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie machte 1974 ihr Diplom und promovierte 1977 mit einer Arbeit über die Regulation der Biosynthese von Poly-β-Hydroxybuttersäure in Alcaligenes eutrophus H16. Danach war sie als wissenschaftliche Assistentin in renommierten Göttinger Forschungsinstituten tätig. Im Anschluss an eine Familienpause leitete Eva-Maria Neher in den 1990er-Jahren Experimentalkurse in den Fächern Chemie und Biologie an der Freien Waldorfschule Göttingen und entwickelte erste Konzepte für das XLAB. Eva-Maria Neher ist seit 1978 mit dem Nobelpreisträger Erwin Neher verheiratet. Sie ist die Mutter von fünf Kindern.

Für ihr gesellschaftliches Engagement wurde die Wissenschaftlerin 2002 mit dem Niedersächsischen Verdienstorden und 2007 mit dem Niedersächsischen Staatspreis ausgezeichnet. In Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Laufbahn und ihrer Verdienste um die naturwissenschaftliche Bildung verlieh die Fakultät für Chemie der Universität Göttingen Eva-Maria Neher 2009 eine Honorarprofessur. 2013 wurde sie mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. 2018 erhielt sie die Niedersächsische Landesmedaille und 2019 den Initiativpreis der Susanne und Gerd Litfin Stiftung. Von 2014 bis 2021 war Neher Vorsitzende des Hochschulrats der Europauniversität Flensburg. Seit 2008 ist sie Mitglied im Hochschulrat der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Niedersachen; seit 2012 hat sie den Vorsitz inne. Eva-Maria Neher ist die Vorsitzende der von ihr gegründeten XLAB-Stiftung zur Förderung der Naturwissenschaften und arbeitet an der Ausgestaltung des XLAB-Begegnungszentrums.

Das XLAB-Gebäude auf dem Campus der Universität Göttingen. © Architekten Bez+Kock

Weitere Informationen:

Martin Lohse Aufregende Zeiten für die Wissenschaft

„Aufregende Zeiten für die Wissenschaft“

Martin Lohse, Präsident der GDNÄ, lädt zur 200-Jahr-Feier in Leipzig ein.

Herr Professor Lohse, Anfang September 2022 wird die GDNÄ 200 Jahre alt. Wie wird das gefeiert?
200 Jahre: Das ist wirklich ein bedeutendes und wunderbares Jubiläum. Es sind 200 Jahre, in denen sich die Wissenschaft in der Welt und in Deutschland in unglaublicher Weise entwickelt hat – und in vielen Fällen aus der Mitte der GDNÄ heraus. Wir wollen das glanzvoll feiern: Zum Geburtstag und am Gründungsort Leipzig wird es im September eine große und feierliche Jubiläumstagung geben. Sie geht über vier Tage und findet in der wunderschön modernisierten Art-déco-Kongresshalle am Zoo statt.

Wer ist zur Festversammlung eingeladen?
Es sind sehr herzlich alle Mitglieder, die Teilnehmer des Schülerprogramms und ehemaligen Stipendiaten sowie zu etlichen Programmpunkten auch die Leipziger Öffentlichkeit eingeladen. Wir hoffen, dass der Bundespräsident, der sächsische Ministerpräsident und der Leipziger Oberbürgermeister uns die Ehre erweisen. Hochrangige Wissenschaftler aus dem In- und Ausland, darunter Nobelpreisträger, werden Vorträge halten und mit uns feiern. Angehende Wissenschaftsjournalistinnen und Wissenschaftsjournalisten sowie regionale und überregionale Medien werden uns öffentlichkeitswirksam begleiten.

Als Präsident konnten Sie das Schwerpunktthema der Versammlung auswählen. Warum haben Sie sich für „Wissenschaft im Bild“ entschieden?
Dieses Thema hat eine allgemeine, aber auch eine ganz persönliche Komponente. Beides wird man in der Tagung finden. Bilder haben schon immer zentrale Botschaften in und aus der Wissenschaft transportiert. Denken wir etwa an die vielen Zeichnungen, die Alexander von Humboldt auf seinen Reisen angefertigt hat, an die spektakulären Fotos von der MOSAiC-Expedition am Nordpol oder die fantastischen Aufnahmen der Weltraumteleskope. In meiner eigenen Forschung entstehen faszinierende Detailaufnahmen mit neuartigen Mikroskopen: Bilder von einzelnen Biomolekülen und aus dem Innersten von Zellen und Organismen. In diesem großen Spektrum werden wir uns bei der Jubiläumstagung auf den neuesten Stand bringen lassen.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies
Der letzte Kuss: Das Bild zeigt eine Zelle, die sich gerade in zwei Tochterzellen teilt. Die Zellkerne sind in Blau gehalten, die Mitochondrien in Grün und die Mikrotubuli in Orange. Aufnahme mit optischer Höchstauflösungs-Mikroskopie (Structured Illumination Microscopy). © Markus Sauer, Universität Würzburg

Die Vorbereitungen für das große Jubiläum laufen auf Hochtouren. Lassen Sie uns einen Blick hinter die Kulissen werfen!
Die Vorbereitungen zu den Tagungen der GDNÄ dauern immer länger als ein Jahr: Themen und Sprecher werden diskutiert und gefunden, die Tagungslogistik wird geplant, ein Rahmenprogramm organisiert. Mit den Planungen für die Jubiläumstagung haben wir vor gut zwei Jahren angefangen, weil alles noch schöner werden soll als sonst. Wir haben viele hervorragende Sprecherinnen und Sprecher aus aller Welt gewonnen. Die Tagungsräume im Kongresszentrum geben der Versammlung einen prächtigen Rahmen, die Zusammenarbeit mit dem Zoo ist sehr eng und engagiert und bietet viele Highlights, und das Rahmenprogramm wird die Tagung besonders reizvoll machen. 

Lassen Sie uns den Blick noch einmal zurückwenden. 1822 bis 2022, das ist viel Zeit: Wie hat die GDNÄ es geschafft, so lange zu überdauern?
Die zwei Jahrhunderte ihres Bestehens sind ganz ohne Zweifel die aufregendsten Zeiten, die die Wissenschaft je erlebt hat. Nie zuvor waren die Veränderungen in der Wissenschaft, aber auch die Veränderungen durch die Wissenschaft so groß – und zwar auf allen Gebieten, für die die GDNÄ steht. Viele Fachdisziplinen wurden in dieser Zeit geboren und haben sich in jeweils eigene Welten entwickelt. Die GDNÄ stand immer wieder im Zentrum der Entwicklungen und aus ihrer Mitte haben sich viele Fachgesellschaften entwickelt, von denen etliche heute weitaus größer sind als die GDNÄ selbst. Einige Alleinstellungsmerkmale hat sich die GDNÄ jedoch bis auf den heutigen Tag bewahrt. 

Welche Besonderheiten sind das?
Drei Aspekte charakterisieren die GDNÄ und machen sie in der Zusammenschau einzigartig: Erstens, die GDNÄ pflegt das interdisziplinäre Gespräch über ein weites Fächerspektrum hinweg – in einer Weise, wie es in den einzelnen Fachgesellschaften nicht stattfinden kann. Zweitens, die GDNÄ betreibt ein Schülerprogramm mit großem Zukunftspotenzial. Und drittens wendet sich die GDNÄ auch an die breite Öffentlichkeit: mit ihren Aktivitäten in der Wissenschaftskommunikation, über ihre Homepage und bei Versammlungen auch direkt an die Menschen in Stadt und Region. Alle drei Aspekte werden wir in Leipzig besonders herausstellen.

Blick in den Großen Saal des aufwändig sanierten Gründerzeitgebäude aus dem Jahr 1900. Insgesamt hat das Haus 15 Säle und Räume sowie Foyers und Lounges. © Leipziger Messe

Welche Rolle spielen junge Leute bei der Leipziger Tagung?
Wir laden mehr als zweihundert junge Menschen ein: Ausgewählte Schülerinnen und Schüler aus der Region, Kollegiaten, Preisträger der Wettbewerbe „Jugend forscht“ und „Jugend präsentiert“. Es wird Vorbereitungs-Workshops geben und eine Vorstellung der Ergebnisse auf der Eröffnungsveranstaltung. Dabei sollen die Erwartungen junger Menschen an die Wissenschaft erarbeitet und formuliert werden. Mit diesem Programm, das seit Langem überaus erfolgreich von Herrn Mühlenhoff verantwortet wird, wollen wir junge Menschen ansprechen und ihnen Wege in die Wissenschaft eröffnen. Und natürlich auch in die GDNÄ.

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist. Wie engagiert die GDNÄ sich in diesem Bereich?
Die Corona-Pandemie hat Stärken aber auch Schwächen unserer Gesellschaft überaus deutlich gemacht. Zu den Stärken gehören zahlreiche schnell erarbeitete Forschungsergebnisse, die vor allem zur Bereitstellung von Impfstoffen in weniger als einem Jahr führten. Deutlich wurde aber auch, wie schwer es ist, mit Forschungswissen die gesamte Bevölkerung zu erreichen, und wie viel Grundwissen nötig ist, um in Gespräche über die Krankheit und sinnvolle Gegenmaßnahmen eintreten zu können. Die GDNÄ informiert darüber auf ihrer Homepage, sie hat sich frühzeitig an der Diskussion über Risiko-adaptierte Maßnahmen beteiligt und zusammen mit Wissenschaftsakademien und Forschungseinrichtungen versucht, die Politik dafür zu gewinnen. Einige ihrer Mitglieder wirkten zum Beispiel an einem Symposium der Hamburger Wissenschaftsakademie mit, das infektionsmedizinische Fragen im gesellschaftlichen Kontext untersuchte. Gemeinsam mit deutschen Wissenschaftsakademien wollen wir uns nun zunehmend der Nachlese widmen und uns zwei großen Fragen stellen: Wie haben wir als Gesellschaft und wie hat die Wissenschaft in dieser Krise bestanden? Und was können wir für die Zukunft daraus lernen – für künftige Pandemien und andere Notsituationen, aber auch für die Wissenschaftskommunikation?

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie bei der Festversammlung?
Corona wird auf der Leipziger Tagung nicht im Mittelpunkt stehen. Es ist schon so viel dazu gesagt worden, dass dies uns nicht sinnvoll erschien. Aber die RNA-Medizin, die uns die bisher besten Impfstoffe gebracht hat und ganz neue Chancen für unser Gesundheitswesen eröffnet, wird in Leipzig ein zentrales Thema der Sitzung „Medizin“ am Sonntagvormittag sein.

Was wünschen Sie der GDNÄ für die nächsten Jahre?
Von allen Wünschen, die ich für die GDNÄ habe, ist einer zentral: dass sie auch weiterhin eine wichtige Rolle im Gespräch der Wissenschaften untereinander, mit der Öffentlichkeit und vor allem mit jungen Menschen spielen möge. Und das für 200 weitere Jahre!

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Prof. Dr. Martin Lohse © Bettina Flitner

Zur Person
Seit 2019 ist Prof. Dr. Martin Lohse Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). In diesem Ehrenamt ist er verantwortlich für das Programm der Versammlung zur Feier des 200-jährigen Bestehens der Wissenschaftsvereinigung. Im Hauptberuf ist der renommierte Pharmakologe seit 1993 Professor an der Universität Würzburg und seit 2020 Chairman des Inkubators ISAR Bioscience Institut in Planegg/München. Schwerpunkt seiner Forschung sind Rezeptoren und ihre Signale; sie stellen die wichtigsten Angriffspunkte für Arzneimittel dar.
Martin Lohse studierte Medizin und Philosophie an den Universitäten Göttingen, London und Paris und promovierte in Göttingen an der Abteilung für Neurobiologie des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie. Nach Stationen bei Ulrich Schwabe in der Pharmakologie in Bonn und Heidelberg forschte er im Labor des späteren Nobelpreisträgers Bob Lefkowitz an der Duke University, wo er Assistant Professor wurde. Von 1990 bis 1993 leitete er eine Arbeitsgruppe am von Ernst-Ludwig Winnacker aufgebauten Genzentrum in Martinsried/München. In Würzburg gründete er 2001 das Rudolf-Virchow-Zentrum, eines der ersten drei DFG-Forschungszentren, und die Graduiertenschulen der Universität. Nach sechs Jahren als Vizepräsident für Forschung an der Universität Würzburg in den Jahren 2009 bis 2015 war er von 2016 bis 2019 Vorstandsvorsitzender des Max-Delbrück-Centrums in der Helmholtz-Gemeinschaft in Berlin. Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Leibniz-Preis der DFG, den Ernst-Jung-Preis für Medizin und zwei Grants des European Research Council. Vier Biotechnologiefirmen hat er mitgegründet. Er hat zahlreiche Ehrenämter in der Wissenschaft im In- und Ausland übernommen; so war er von 2009 bis 2019 Vizepräsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Die Kongresshalle am Zoo Leipzig ist ein modernes Tagungszentrum in historischem Ambiente. © Leipziger Messe

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