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Thomas Kühlein: „Nicht alles medizinisch Machbare mitmachen“

„Nicht alles medizinisch Machbare mitmachen“

Wie die Evidenzbasierte Medizin zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen kann, erläutert Thomas Kühlein, Professor für Allgemeinmedizin in Erlangen, bei der  GDNÄ-Versammlung 2026.

Herr Professor Kühlein, laut Konferenzprogramm werden Sie in Bremen über Wahrheit und Wissenschaft sprechen. Ein weites Feld – worum geht es genau? 
Um eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung, also eine Medizin, die auf den besten verfügbaren Forschungsergebnissen und der Erfahrung praktisch tätiger Ärzte basiert und dabei auch die Patientenperspektive berücksichtigt. So sollte gute Medizin sein, dachte ich vor mehr als zwanzig Jahren, als ich, damals noch als niedergelassener Hausarzt auf dem Land, meine erste Fortbildung in dieser Richtung machte – und so denke ich bis heute. Aber leider wird die Evidenzbasierte Medizin oft missverstanden, fehlinterpretiert oder ignoriert. 

Wo beobachten Sie das?
Zum Beispiel bei den Programmen zur Krebsfrüherkennung wie die Krankenkassen sie für Brustkrebs, Darmkrebs, Hautkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Prostatakrebs und neuerdings auch für Lungenkrebs anbieten. Mit diesen Screeningprogrammen, so heißen sie in der Fachsprache, will man Tumore im Anfangsstadium aufspüren. Also dann, wenn sie oft gut heilbar sind und die Betroffenen noch keine Beschwerden haben. Soweit die Theorie. Die in Studien beobachtete Wirklichkeit sieht anders aus. Die Risiken und der erwartbare Nutzen für die Einzelnen sind in der Regel kleiner als gedacht und mögliche Nachteile durch sogenannte Überdiagnosen bisweilen sogar wahrscheinlicher als der Nutzen. Das wird aber häufig nicht fair kommuniziert. Insgesamt wären vermutlich spezielle Programme für Risikogruppen viel effizienter.

© Uniklinik Erlangen.

Das Institut für Allgemeinmedizin ist verantwortlich für die fachliche Forschung und Lehre an der Universitätsklinik Erlangen. Hier eine Außenansicht.

Genau das wird aktuell für das Hautkrebsscreening diskutiert.
Ja, wir begrüßen das ausdrücklich. Deutschland ist das einzige Land mit einem flächendeckenden, nicht-risikobasierten Screening auf Hautkrebs. Versicherte ab einem Alter von 35 Jahren haben alle zwei Jahre Anspruch auf diese Früherkennungsuntersuchung. Das Programm hat erwartbar dazu geführt, dass die Zahl der Hautkrebsdiagnosen gestiegen ist, aber nicht, dass weniger Menschen an Hautkrebs sterben – die vorliegenden Studien zeigen das ganz klar und genau das nennt bezeichnet man als Überdiagnostik. Es wird also höchste Zeit für einen Kurswechsel: weg vom Gießkannenprinzip, hin zu einem Screening für Personen mit hohem Hautkrebsrisiko. Dazu zählen sehr hellhäutige Menschen sowie beispielsweise Land- oder Straßenarbeiter. Ein weiterer Vorteil des risikoadaptierten Vorgehens: Wenn fragwürdige Screeninguntersuchungen entfallen, haben Ärzte mehr Zeit für wirklich kranke Patienten. 

Kleinere Screeningprogramme tragen vielleicht auch dazu bei, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken.   Derzeit sucht die Bundesregierung fast schon verzweifelt nach weiteren Sparmöglichkeiten. Wo sehen Sie die größten Potenziale?
Erstens im geplanten Primärarztsystem. Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, die Bundesregierung will es schrittweise einführen. Gesetzlich Versicherte sollen, so der Plan, im Krankheitsfall zuerst zum Hausarzt gehen, der die Behandlung dann entweder selbst übernimmt oder gezielt an Spezialisten überweist. So könnten unnötige Arztkosten vermieden werden. 

Das setzt viele Hausärzte voraus. Aber die fehlen heute schon an allen Ecken und Enden.
Inzwischen wurden an fast allen medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet. Die tragen dazu bei, dass Studierende die Allgemeinmedizin von Anfang an als interessantes Fach wahrnehmen. Es braucht freilich seine Zeit, bis die Studierenden dann auch in der Praxis ankommen. Ein weiterer Ansatz ist die Entlastung der Hausärzte von Aufgaben, die von anderen Mitgliedern im primärmedizinischen Team erledigt werden können. Das hat viel mit Honorarsystemen zu tun. Auch hier ist in den letzten Jahren bereits einiges passiert.

© Uniklinik Erlangen.

Zusammen mit seinem Team am Allgemeinmedizinischen Institut Erlangen untersucht Thomas Kühlen (obere Reihe, rechts) die wissenschaftlichen Grundlagen eine guten Patientenversorgung.  

Wir sind noch beim ersten Sparvorschlag. Wie geht es weiter?
Mein zweiter Vorschlag zielt auf eine bessere digitale Vernetzung von Ärzten, Patienten, Kassen und anderen Akteuren im Gesundheitswesen. Ein Beispiel: Die elektronische Patientenakte kann Dopplungen teurer Diagnostik verhindern und Laborkosten senken, wir müssen sie nur endlich konsequent nutzen. Und drittens: Evidenzbasiertes Denken und Handeln muss noch stärker verankert werden – in der Medizinerausbildung und im ärztlichen Alltag. Nicht alles was statistisch signifikant ist, ist auch relevant. Wenn die Studienlage dafür spricht, können wir Dinge auch mal weglassen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Patienten da mitgehen, wenn ich es ihnen richtig erkläre.  

Für Einzelne mag das gelten. Aber glauben Sie, dass ein Großteil der Bevölkerung bereit ist für eine Kultur des Weglassens?
Nein, so etwas geht nicht auf einen Schlag. Offen für solche Gespräche sind heute vor allem ältere Menschen, die nicht mehr alles medizinisch Machbare mitmachen wollen. Das ist keine Frage des Geldes, sondern eine, die mit unserer Einstellung zum Leben und zum Lebensende zu tun hat. Als Gesellschaft haben wir ja eher ein verkorkstes Verhältnis zur Sterblichkeit. Das fördert den Machbarkeitswahn und die Überversorgung im Gesundheitssystem, dessen sollten wir Ärzte uns stets bewusst sein.  Uns kommt in diesem System eine Schlüsselrolle zu und zusammen mit unseren Patienten können wir viel bewirken. Wichtig ist die gemeinsame Entscheidungsfindung: wissenschaftlich fundiert, an den Bedürfnissen der Patienten orientiert und abschließend gut dokumentiert. 

Lassen Sie uns auf den Titel Ihres GDNÄ-Vortrags zurückkommen. Welchen Wahrheitsanspruch kann die Wissenschaft aus Sicht der evidenzbasierten Medizin erheben?
Wissenschaft ist bestenfalls eine Annäherung an die Wahrheit. Ihre Ergebnisse haben so lange Bestand, bis sie durch neue Erkenntnisse widerlegt werden. Naturgesetzliche Wahrheiten liefert die Art von Studien, die in der Evidenzbasierten Medizin genutzt werden, nie. Was ich in diesem Kontext ganz wichtig finde: Die Wissenschaft kann bestmögliche Entscheidungsgrundlagen liefern, mehr nicht. Entscheiden und die Entscheidungen verantworten müssen wir selbst. Wie all das zur einer besseren Medizin beitragen kann, werde ich in Bremen erläutern.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© Uniklinik Erlangen.

Prof. Dr. Thomas Kühlein ist Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen-Nürnberg und ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums im mittelfränkischen Eckental.

Zur Person

Prof. Dr. Thomas Kühlein (64) ist Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen-Nürnberg. Er ist zudem ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums in Eckental, das Teil eines Tochterunternehmens des Erlanger Klinikums ist. Nach seinem Medizinstudium in Würzburg und München war Thomas Kühlein als Arzt in west- und ostdeutschen Kliniken und Praxen tätig, zuletzt in einer ländlichen Gemeinschaftspraxis in Oberfranken. 1995 wurde er in München im Fachgebiet Psychiatrie promoviert, 2012 habilitierte er sich in Heidelberg mit einer Arbeit in der Allgemeinmedizin. 2013 wechselte er nach Erlangen, um einen der beiden ersten regulären Lehrstühle für Allgemeinmedizin in Bayern aufzubauen. Kühlein ist Mitglied im Vorstand des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Wissenschaftlich beschäftigt er sich mit Versorgungsforschung, insbesondere mit dem Thema Überversorgung.

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Benjamin List: „Wow, das könnte etwas Großes werden“

„Wow, das könnte etwas Großes werden“

Asymmetrische organische Katalyse? Wie er auf die verrückte Idee kam und was sie für unsere Zukunft bedeutet, berichtet Nobelpreisträger Benjamin List bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.

Herr Professor List, im Dezember 2021 erhielten Sie den Nobelpreis für Chemie. Hat sich Ihr Leben seither verändert?
Ja, das hat es – vor allem am Anfang. Fernsehauftritte gehörten vorher nicht zu meinem normalen Alltag. Auch nicht die vielen öffentlichen Vorträge, ob bei „Jugend forscht“, im Kulturhaus Heidelberg oder in Uni-Hörsälen. In den ersten zwei, drei Jahren war es sehr intensiv. Inzwischen konnte ich mein Leben normalisieren und habe endlich wieder genug Zeit für meine große Arbeitsgruppe am Institut in Mülheim. Es ist ja nicht so, dass man als Nobelpreisträger nicht mehr forscht. 

An was arbeiten Sie aktuell?
Da würde ich gern zwei Projekte herausgreifen. Zum einen versuchen wir, das Treibhausgas CO2 aus der Atmosphäre zu holen, indem wir CO2 mit Hilfe von Sonnenlicht und Katalysatoren in O2 und C aufspalten. Der Sauerstoff O2 geht problemlos zurück in die Atmosphäre, übrig bleibt Kohlenstoff. Der ließe sich als eine Art solare Kohle für alle möglichen Prozesse in der chemischen Industrie verwenden. Überschüssige Kohle könnte man verbuddeln, zum Beispiel in Stollen an Rhein und Ruhr. Das Ganze könnte helfen, das Energieproblem der Menschheit zu lösen und wäre gleichzeitig klimaneutral. Noch stehen wir vor ein paar kniffligen Problemen, aber in zehn Jahren sind die hoffentlich gelöst. Völlig abwegig ist unsere Idee nicht, schließlich findet die CO2-Spaltung auf dem Mars bereits statt, wenn auch nur in geringen Mengen. 

Und Ihr zweites Projekt?
Wir gründen gerade eine Firma, die reine Duftstoffe herstellt. Auf molekularer Ebene bestehen Duftstoffe normalerweise aus zwei Varianten, sogenannten Enantiomeren. Sie passen wie Bild und Spiegelbild zusammen, haben aber biologisch unterschiedliche Effekte. Das Bild kann zum Beispiel nach Minze riechen, das Spiegelbild nach Kümmel – zusammen ergibt das eine seltsame Mischung. In der industriellen Produktion werden daher reine Duftstoffe mit nur einem dieser molekularen Zwillinge angestrebt. Bis dato gelingt das nur mit aufwändigen Verfahren. Mithilfe unserer Patente lässt sich die Herstellung vereinfachen und verbilligen. Ich denke, dass wir noch in diesem Jahr anfangen können. Ich bin ja Grundlagenforscher, aber die Industriewelt kennenzulernen ist spannend.

© David Ausserhofer

Bei der Arbeit: Benjamin List leitet ein rund vierzigköpfiges Team von Forscherinnen und Forschern aus der ganzen Welt. Teamwork wird in der Arbeitsgruppe List großgeschrieben.

Den Nobelpreis haben Sie für die Entdeckung der asymmetrischen organischen Katalyse bekommen. Was macht das Verfahren so bedeutsam?
Die Katalyse als solche ist sehr, sehr wichtig für unser Leben. Nur ein Beispiel: Ohne das Haber-Bosch-Verfahren, diesen Klassiker der Katalyse, gäbe es keine Düngemittel. Wir wären dann keine acht Milliarden Menschen, sondern mangels ausreichender Ernährung vielleicht nur vier Milliarden. Ich halte die Katalyse für die wichtigste Menschheitstechnologie.  Insgesamt gab es schon einige Nobelpreise für die Katalyseforschung und fast alle waren sie für metallische Katalysatoren. Die haben leider auch Nachteile: Viele von ihnen sind teuer, selten und dazu noch giftig. Ich habe dann 1999 mit einem kleinen Molekül experimentiert, der Aminosäure Prolin, und entdeckt, dass sie nicht nur katalytisch wirkt, sondern auch noch gezielt das gewünschte Enantiomer erzeugt. Als ich das Anfang 2000 publizierte, war die Überraschung in der Fachwelt groß: Ein organisches Molekül, das im menschlichen Körper vorkommt, wirkt hochselektiv katalytisch – Wahnsinn! 

Sie teilen sich den Nobelpreis mit dem aus Schottland stammenden US-Forscher David MacMillan, der unabhängig von Ihnen zu ähnlichen Ergebnissen kam. Lag die Entdeckung in der Luft?
Im Nachhinein kann man das so sehen. David und ich wussten tatsächlich nichts voneinander. Die entscheidenden Entdeckungen hat jeder für sich 1999 gemacht. Als gleich mein erstes Prolin-Experiment klappte, dachte ich: Wow, das könnte etwas Großes werden. Dabei war die Idee an sich gar nicht so neu. Auch andere Chemiker hatten sich daran versucht. Als die ersten Versuchsergebnisse aus den 1960er- und 1970er-Jahren nicht wirklich verstanden wurden, verlor man das Interesse daran. David MacMillan und ich haben es dann auf eine andere Weise versucht und hatten Erfolg. Viele Chemiker rieben sich damals die Augen und fragten: Wie konnten wir das übersehen?

@ David Ausserhofer

Szene im Labor der Abteilung „Homogene Katalyse“ von Benjamin List am Mülheimer Max-Planck-Institut für Kohlenforschung.

Wird die Organokatalyse heute technisch eingesetzt?
Ja, in vielen Bereichen, unter anderem auch für die Herstellung von Medikamenten. Ein Beispiel ist Darunavir zur Behandlung von HIV. Der Wirkstoff, ein sogenannter Proteasehemmer, unterbindet bei infizierten Menschen die Vermehrung des Aidsvirus. Die Weltgesundheitsorganisation hat ihn in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel aufgenommen. 

Braucht es mehr öffentliches Geld für die Katalyseforschung?
Ja, das wäre gut angelegtes Geld. Derzeit rennen wir Künstlicher Intelligenz, Quanten- und Fusionstechnologien hinterher, weit abgeschlagen hinter den USA und China. Die Katalyse ist nicht so populär, aber eine große Chance für Deutschland. Wir haben eine lange Tradition auf dem Gebiet und viel Expertise im Land. 

Lassen Sie uns einen Blick zurückwerfen: Wie kam es, dass Sie Chemiker wurden?
Das begann, als ich elf Jahre alt war. Zusammen mit zwei Freunden hatte ich ein kleines Labor in einem Keller in Frankfurt eingerichtet, die nötigen Chemikalien kauften wir bei einem benachbarten Apotheker. Damals hatte ich noch keinen Chemieunterricht. Später hatte ich ein paar begnadete Lehrer, die mich bestärkten. Aber da war mein Interesse an dem Fach schon sehr groß und kein Lehrer hätte mich von dem Pfad abbringen können. 

Die GDNÄ hat eine eigene Jugendorganisation, die jGDNÄ. Gibt es etwas, das Sie jungen Leuten mit Interesse für die Naturwissenschaften raten?
Folgt Eurer Begeisterung! Lasst Euch nicht beirren, auch wenn die Eltern sagen: Ich sehe Dich als Anwalt oder Arzt. In den Naturwissenschaften gibt es gute Karrierechancen, sowohl im akademischen Bereich als auch in der Industrie. Die Welt hat erkannt, wie wichtig Forschung ist. Und es ist ein Glücksfall, wenn man sich dafür interessiert. Es macht diebische Freude, der Natur ein paar Geheimnisse entreißen zu können und damit vielleicht die Welt zu verändern. 

Am 19. September halten Sie bei der GDNÄ-Versammlung in Bremen den öffentlichen Nobel-Vortrag zum Thema „Organokatalyse für unsere Welt“. Welche Vorbildung braucht man, um Ihnen folgen zu können?
Interesse am Thema sollte ausreichen. Ich versuche, so allgemeinverständlich wie möglich zu sprechen. 

Was wollen Sie Ihrem Publikum mit auf den Weg geben?
Die Organokatalyse kann beides sein, Grundlagenforschung und Anwendung. Beides ist reizvoll und das möchte ich vermitteln. Und dabei auch ein bisschen für die Max- Planck-Gesellschaft werben. Ihre großartige Grundlagenforschung ist vielen bekannt, aber dass sie auch die erfolgreichste Gründerorganisation hierzulande ist, wissen längst nicht alle. Eine Botschaft hätte ich noch: Wichtig ist Enthusiasmus für das, was man tut. Egal, ob in der Forschung oder in anderen Lebensbereichen. 

Gestatten Sie zum Abschluss eine Frage zu einem besonderen Foto, das Sie mit verschränkten Beinen auf Ihren Händen stehend im Labor zeigt. Wie kam es dazu?
Das Bild ist ein paar Jahre vor dem Nobelpreis entstanden, bei einem Interview mit meiner Studienkollegin Catarina Pietschmann, die als freie Journalistin in Berlin arbeitet. Man muss gelegentlich in eine andere Richtung schwimmen, hatte ich in dem Gespräch gesagt, vielleicht auch mal auf dem Kopf stehen. So entstand die Idee mit dem Handstand in Lotuspose. Meine Frau war gerade im Labor, sie hat mich gehalten. Frei im Handstand stehen, das bringe ich allein noch nicht fertig. 

Sie praktizieren Yoga?
Ja, Yoga ist wichtig für mich, um frisch im Kopf zu bleiben. Ich mache das seit vielen Jahren so, täglich ein bis zwei Stunden und meistens ohne Anleitung. Inzwischen kann ich es ja ein wenig.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Henning Kretschmer

Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Benjamin List ist Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung und Nobelpreisträger für Chemie.

Zur Person

Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Benjamin List ist Chemiker und einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Dort leitet er die Abteilung für Homogene Katalyse. Außerdem ist er Professor für organische Chemie an den Universitäten Köln und Hokkaido.

Zur Welt kam Benjamin List am 11. Januar 1968 in Frankfurt am Main. Als Kind einer Familie von Wissenschaftlern und Künstlern verbrachte er seine Kindheit und Jugend mit seiner Mutter und zwei Brüdern. Sein Chemie-Studium an der Freien Universität Berlin schloss er 1993 mit dem Diplom ab. In Frankfurt am Main wurde er 1997 mit einer Arbeit über die Synthese eines Vitamin-B12-Semicorrins promoviert. 1997 ging Ben List, wie viele ihn nennen, in die USA, um bis 2003 am Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla zu forschen. Zurück in Deutschland leitete er von 2003 bis 2005 eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Dort arbeitet er seit 2005 als Direktor und Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft.

Benjamin List wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2016 mit dem höchstrangigen deutschen Forschungspreis, dem Leibniz-Preis. 2021 erhielt er gemeinsam mit dem gleichaltrigen David MacMillan den Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung der asymmetrischen Organokatalyse. 2022 verlieh der Bundespräsident ihm das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Frank Vinken/MPG

Handstand im Labor: So etwas macht Benjamin List nur für Fotografen. Das Bild entstand ein paar Jahre vor dem Nobelpreis; die Pose gelang mithilfe seiner Frau.

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XLAB Göttingen mit neuem Kommunikationszentrum

XLAB Göttingen mit neuem Kommunikationszentrum

Das Göttinger Experimentallabor für junge Leute hat Mitte April 2026 ein neues Begegnungszentrum mit integriertem Wohntrakt für Nachwuchsforscher eröffnet.

Der neue Gebäudekomplex erweitert das bestehende XLAB-Experimentallabor auf dem Campus der Universität Göttingen und erleichtert die Durchführung von mehrtägigen Kursen, Science Camps und anderen Bildungsformaten. Iniatorin des Projekts ist die Gründerin und Vorsitzende der XLAB-Stiftung, Professorin Eva-Maria Neher. Die Biochemikerin ist der GDNÄ seit vielen Jahren eng verbunden, unter anderem als deren Präsidentin in den Jahren 2015-2016.

 © Stefan Rampfel

Vor dem neuen XLAB-Begegnungszentrum (von links): Der niedersächsische Wissenschaftsminister Falko Mohrs, Göttingens Oberbürgermeisterin Petra Broistedt, XLAB-Gründerin Eva-Maria Neher und Universitätspräsident Axel Schölmerich.

„Mit dem Begegnungszentrum wird ein lange verfolgter Wunsch Wirklichkeit“, sagte Neher bei der Eröffnung am 15. April 2026, zu der Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs, die Göttinger Oberbürgermeisterin Petra Broistedt und Axel Schölmerich, der Interims-Präsident der Universität Göttingen gekommen waren. Schölmerich dankte insbesondere Eva-Maria Neher für ihr langjähriges Engagement und die große Energie, die sie kontinuierlich in das XLAB und das neue Gästehaus einbringe.

Jährlich besuchen bis zwölftausend Schülerinnen und Schüler das XLAB. Bei mehrtägigen Veranstaltungen waren viele von ihnen auf Hotels oder Jugendherbergen angewiesen, was den Austausch untereinander erschwerte. Bessere Voraussetzungen schafft das neue Begegnungszentrum. In zwei markanten Türmen bietet es nicht nur XLAB-Gästen Platz, sondern auch Gastprofessoren, Promovierenden und Lehrkräften. Eva-Maria Neher: „Hier können junge Menschen Wissenschaft nicht nur im Labor erfahren, sondern auch im Dialog miteinander und mit den Forschenden.“

Die Anfänge des Projekts reichen bis ins Jahr 2006 zurück. Anfangs rechnete man mit Baukosten von 4,4 Millionen Euro, daraus wurden am Ende 8,1 Millionen Euro. Davon trugen der Bund und das Land Niedersachsen rund sechs Millionen Euro, den restlichen Anteil übernahm die XLAB-Stiftung.

Das XLAB zählt zu den größten Schülerlaboren Deutschlands im MINT-Bereich. In den Fächern Physik, Chemie, Biologie, Mathematik und Informatik bietet es praxisnahe Experimentalkurse für Schulklassen, vertiefende Programme für besonders interessierte Jugendliche und Fortbildungen für Lehrkräfte an. Seit vielen Jahren fördert das XLAB erfolgreich den Dialog zwischen Schule und Wissenschaft.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© Stefan Rampfel

Der Neubau bietet Nachwuchsforschern eine Bleibe auf dem Göttinger Unicampus. Er soll auch zum Austausch untereinander und mit Wissenschaftlern und Lehrkräften anregen

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Hohe Ehrung für Katharina Kohse-Höinghaus

Hohe Ehrung für Katharina Kohse-Höinghaus

Die Physikochemikerin und GDNÄ-Gruppenvorsitzende erhielt die Ehrenmitgliedschaft der Bunsen-Gesellschaft

Bei der Jahresversammlung der Deutschen Bunsen-Gesellschaft für physikalische Chemie, der Bunsen-Tagung 2026 in Dresden, wurde Seniorprofessorin Katharina Kohse-Höinghaus für ihre Verdienste um die Gesellschaft mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet. Wie Professorin Melanie Schnell (DESY Hamburg und Universität Kiel) in ihrer Laudatio hervorhob, ist Kohse-Höinghaus die erste Frau unter den bisher 58 Ehrenmitgliedern in mehr als 130 Jahren. Die Bunsen-Tagung 2026 fand vom 30. März bis 1. April zum Thema „Properties and Processes under Confinement” statt.

 © DBG / Heike Kolossa

Festliche Verleihung: Der Präsident der Deutschen Bunsen-Gesellschaft, Professor Robert Franke, überreicht Professorin Katharina Kohse-Höinghaus die Ehrenmitgliedschafts-Urkunde.

Die Ehrenmitgliedschaft wird seit 1894 vergeben für, so die Website der Gesellschaft, „richtungweisende, erfolgreiche, national und international herausragende Arbeiten, für hervorragende Wegbereiter der physikalisch-chemischen Wissenschaft und Technik und in Anerkennung besonderer Verdienste um die ideelle und materielle Förderung der physikalischen Chemie“. Namhafte und prägende Persönlichkeiten der Physik und Chemie wurden so geehrt, darunter Robert Wilhelm Bunsen, Svante Arrhenius, Max Planck, Walther Nernst und Otto Hahn sowie in jüngerer Zeit Manfred Eigen, Gerhard Ertl und Stefan Hell.

Katharina Kohse-Höinghaus ist der Bunsen-Gesellschaft seit vielen Jahren in prominenter Funktion verbunden. Hervorzuheben sind ihre Präsidentschaft in den Jahren 2007 und 2008 (ebenfalls als erste und bisher einzige Frau), die Mitorganisation der Bunsen-Tagung in Bielefeld 2010, die Verleihung der Wilhelm-Jost-Gedächtnisvorlesung der Gesellschaft zusammen mit der Niedersächsischen Akademie zu Göttingen 2012 und die Auszeichnung mit der Walther-Nernst-Denkmünze 2020.

Die Ehrenmitgliedschaft wurde erstmalig am 30. März, dem Geburtstag von Robert Wilhelm Bunsen, verliehen. „Es freut mich sehr, dass ich diese Auszeichnung 50 Jahre nach meiner ersten Teilnahme an einer Bunsen-Tagung im Jahr 1976, damals noch als Doktorandin, erhalten habe“, sagt Katharina Kohse-Höinghaus.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© Universität Bielefeld / Norma Langohr

Prof. Dr. Katharina Kohse-Höinghaus.

Zur Person

Katharina Kohse-Höinghaus ist Seniorprofessorin für Physikalische Chemie an der Universität Bielefeld. Die 74-Jährige ist international bekannt für die Diagnostik von Verbrennungsvorgängen mittels Laserspektroskopie und Massenspektrometrie.

Von 1994 bis 2017 leitete sie an der Universität Bielefeld einen Lehrstuhl für Physikalische Chemie. Zuvor forschte Kohse-Höinghaus an verschiedenen Institutionen im In- und Ausland 1992 habilitierte sie sich mit einem Thema aus der Energietechnik an der Universität Stuttgart. Auf Initiative von Katharina Kohse-Höinghaus wurde im Jahr 2000 eines der ersten deutschen Mitmachlabore, das teutolab, gegründet. Inzwischen gibt es Satellitenlabore in der Region Bielefeld, im europäischen Ausland und in Asien.

Die international renommierte Wissenschaftlerin ist Mitglied mehrerer Akademien, darunter die Leopoldina und die acatech, sowie zahlreicher Gremien und Wissenschaftseinrichtungen im In- und Ausland. Sie erhielt viele Auszeichnungen, zum Beispiel das Bundesverdienstkreuz am Bande sowie Ehren- und Gastprofessuren in mehreren Ländern. Im Jahr 2007 wurde sie als erste Frau zur Präsidentin der Deutschen Bunsen-Gesellschaft gewählt. Als erste Europäerin war Katharina Kohse-Höinghaus von 2012 bis 2016 Präsidentin des International Combustion Institute. Sie ist seit vielen Jahren Mitglied der GDNÄ und zählt zu den Mitgestaltern der wissenschaftlichen Tagungsprogramme im Bereich Technikwissenschaften. Bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen ist sie Gruppenvorsitzende für den Bereich Ingenieurwissenschaften.

Sabine Oertelt-Prigione: „Aus Unterschieden können wir viel lernen“

„Aus Unterschieden können wir viel lernen“

Geschlechtersensible Medizin? Warum sie wichtig für eine gesündere Zukunft ist, erklärt Sabine Oertelt-Prigione bei der Versammlung in Bremen – und in diesem Interview.

Frau Professorin Oertelt-Prigione, Sie vertreten an der Universität Bielefeld das Fach Geschlechtersensible Medizin. Was genau können wir uns unter diesem Begriff vorstellen?
Es geht um den Einfluss von Geschlecht auf Gesundheit und Krankheit. In meiner Arbeitsgruppe in Bielefeld untersuchen wir zum Beispiel, ob sich das Geschlecht von Patienten auf die Wahl diagnostischer Verfahren und Therapien auswirkt und welche Rolle es in der Arzt-Patienten-Kommunikation spielt. Dafür werten wir internationale Studien aus und führen eigene Erhebungen durch. Andere Gruppen in der geschlechtersensiblen Forschung machen biomedizinische Nassforschung im Labor. Wir konzentrieren uns mehr auf die klinischen und sozialwissenschaftlichen Aspekte des Forschungsfeldes. 

Ist die geschlechtersensible Medizin das gleiche wie Gendermedizin oder gibt es da Unterschiede? 
Es handelt sich im Grunde genommen um zwei verschiedene Definitionen für ähnliche Ansätze. Ich selber präferiere geschlechtersensible Medizin, weil ich es im deutschen präziser finde. In der Medizin befassen wir uns nämlich mit dem biologischen und dem sozialen Geschlecht, sex und gender, und deren Einfluss. Bei dem Wort „Gendermedizin“ erscheint der Fokus mehr auf Gender, auch wenn dieser Aspekt in der Medizin viel weniger beforscht wird als biologische Unterschiede. 

Es ist noch nicht lange her, da überwog die Skepsis gegenüber geschlechtersensiblen Ansätzen in der Medizin. Heute ist das Image positiver. Woran liegt das?
Ein wichtiger Grund ist die bessere Datenlage. In den 1990er-Jahren erkannte man, dass Frauen häufiger am Herzinfarkt sterben, weil ihre Symptome nicht dem männlich geprägten Lehrbuchbild entsprechen und daher immer wieder übersehen werden. Der Befund ist inzwischen durch große, langjährige Studien abgesichert. Die Kardiologie hat der geschlechtersensiblen Medizin den Weg geebnet, aber seit einigen Jahren holen andere Bereiche wie Onkologie, Neurologie oder Infektionsmedizin auf.

© AG Geschlechtersensible Medzin Bielefeld

Dieses Modell für geschlechtersensible Lösungen in der ärztlichen Praxis haben Studierende von Oertelt-Prigione entworfen.

Bitte verdeutlichen Sie das an einem Beispiel.
Nehmen wir die Onkologie: Krebsmedikamente verursachen bei Frauen oft mehr Nebenwirkungen. Andererseits sind sie teils wirksamer als bei Männern. Checkpoint-Inhibitoren hingegen, die das körpereigene Immunsystem dazu bringen, den Tumor zu bekämpfen, funktionieren oft besser bei Männern. 

In der geschlechtersensiblen Medizin geht es also um mehr als um Frauengesundheit?
Ja, ganz eindeutig. Wir machen keine Forschung von Frauen nur für Frauen. Bei manchen Krankheiten sind Männer benachteiligt, denken wir an Osteoporose oder an Brustkrebs, an dem hierzulande jährlich rund 700 Männer erkranken. Bei diesen und anderen Erkrankungen interessieren wir uns zunächst für geschlechtsspezifische Unterschiede und die Mechanismen, die dem zugrunde liegen. Als Nächstes wollen wir die passenden Interventionen finden und die Versorgung optimieren. Es geht darum, aus den Unterschieden zu lernen, um die Medizin insgesamt besser zu machen. 

Welche Rolle spielen gesellschaftlichen Veränderungen für den Imagewandel Ihrer Forschungsrichtung?
Das Bewusstsein für die Unterschiede zwischen Menschen, für Vielfalt und Diversität, ist in den letzten Jahren gewachsen. Dafür engagiert sich insbesondere die junge Generation und das kommt auch uns zugute. Hinzu kam eine Wende bei den Förderorganisationen, die unsere Forschung zunehmend anerkennen und finanziell unterstützen. 

Anfang des Jahres haben die Bundesministerien für Gesundheit und Forschung neue Förderprogramme zum Thema Frauengesundheit angekündigt. Was versprechen Sie sich davon?
Das Programm des Bundesgesundheitsministeriums ist mit insgesamt zehn Millionen Euro ausgestattet und fokussiert stark auf gynäkologische Themen wie Endometriose und Wechseljahre. Diese Themen sind grundsätzlich sehr wichtig, aber für meine Forschung etwas weniger attraktiv, auch weil der Vergleich zwischen den Geschlechtern nur eine Nebenrolle spielt. Das Programm des Bundesforschungsministeriums ist da schon interessanter. Der Fördertopf enthält mit 90 Millionen Euro deutlich mehr Geld für Forschung zu neuen Verhütungsmitteln, zur Frauengesundheit, aber auch zum Gender Data Gap in klinischen Studien. Der Begriff weist darauf hin, dass viele wissenschaftliche Ergebnisse auf Studien mit Männern basieren. Nicht selten werden sie ohne weitere Überprüfung einfach auf Frauen übertragen, was fatale Konsequenzen haben kann. So reagieren Frauen auf manche Wirkstoffe anders als Männer oder sie benötigen abweichende Dosierungen. Der Gender Data Gap ist ein Thema, das uns in Bielefeld besonders interessiert.  

Die Probleme sind erkannt, sagen Sie. Wie geht die biomedizinische Forschung damit um?
In den letzten zehn Jahren hat sich vieles zum Besseren entwickelt. Entscheidend waren die Vorgaben von Förderorganisationen auf deutscher und europäischer Ebene. Heute muss schon im Förderantrag stehen, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Thema Geschlecht umgehen wollen. Das Geschlecht der Studienteilnehmer muss dokumentiert werden, aber auch das der Versuchstiere. Gegenüber früher ist das schon ein Riesenfortschritt.

@ Privat

Das Team um Sabine Oertelt-Prigione (Bildmitte) vor der Medizinischen Fakultät OWL der Universität Bielefeld.

Wird der Nachwuchs entsprechend geschult?
In der Pflichtlehre ist die geschlechtersensible Medizin noch kaum verankert, da warten wir auf die angekündigte Änderung der Approbationsordnung, die das Thema aufnehmen und somit eine Einbettung in die Curricula notwendig machen würde. Immerhin bieten viele deutsche Universitäten entsprechende Wahlfächer und Vorlesungsreihen an. Professuren gibt es inzwischen an der Charité, in Magdeburg und bei uns in Bielefeld. An diesen Universitäten ist die geschlechtersensible Medizin auch Teil der Pflichtlehre. 

Forschung ist das eine, aber gelangen die Ergebnisse auch in die Praxis?
Dafür spielen die Leitlinien der Fachgesellschaften eine große Rolle. Wir haben uns viele Leitlinien angeschaut und festgestellt, dass die meisten nicht geschlechtersensibel sind. Im Sommer werden wir dazu eine Studie veröffentlichen. Wir suchen auch das Gespräch mit den Fachgesellschaften. Hürden sind hier manchmal noch ein mangelndes Bewusstsein für das Thema, aber häufig auch fehlende Daten um Leitlinien geschlechtersensibel zu gestalten.   

Wie kamen Sie selbst auf das Thema geschlechtersensible Medizin?
Das war vor gut zwanzig Jahren in meiner Zeit als Post-Doc in den USA. Eher zufällig stieß ich dort auf die verblüffenden Geschlechterunterschiede bei Autoimmunerkrankungen. Ich habe dann meine fachärztliche Weiterbildung in der Inneren Medizin fortgesetzt und einen Master in Public Health gemacht. Eigentlich wollte ich ja Tropenmedizinerin werden, aber die geschlechtersensible Medizin hatte mich gepackt. Vertiefen konnte ich meine Kenntnisse an der Charité-Einrichtung „Geschlechterforschung in der Medizin“ und als Professorin in Bielefeld und Nijmegen kann ich seit zehn Jahren eigenständig zu der Forschungsrichtung beitragen.    

Haben Sie schon Ideen für Ihren Vortrag auf der GDNÄ-Tagung?
Ich werde einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand geben, aber auch praktische Anregungen für die Ärztinnen und Ärzte im Saal. Von Erkenntnissen der gendersensiblen Forschung können übrigens nicht nur Humanmediziner profitieren, sie sind auch relevant für die Veterinärmedizin. Ich freue mich sehr auf den Austausch in Bremen.  

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Erasmus University Rotterdam

Sabine Oertelt-Prigione bei einem Vortrag in Rotterdam.

Zur Person

Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione ist Internistin, Master of Public Health und systemische Organisationsberaterin. 2021 nahm sie den Ruf auf die neugeschaffene Professur für Geschlechtersensible Medizin im Bereich klinisch-theoretische Medizin der Universität Bielefeld an. Parallel führt sie ihren 2017 angetretenen Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care an der Radboud University im niederländischen Nijmegen. Von 2009 bis 2014 war Oertelt-Prigione an der Charité als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. In den Jahren 2015 und 2016 ließ sie sich am Artop-Institut der Humboldt-Universität Berlin zur systemischen Organisationsberaterin ausbilden und habilitierte sich 2016 in Innerer Medizin an der Charité.

Zur Welt kam Sabine Oertelt-Prigione 1978 in Nürnberg. Sie besuchte die deutsche Schule in Mailand und studierte an der dortigen Universität Medizin. Als Post-Doc forschte sie an der University of California at Davis; ihr Public-Health-Studium absolvierte sie an der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Die Medizinerin war Mitglied der EU-Kommission-Expertengruppen „Gendered Innovations“ und „Gender and COVID-19“. Sie ist Mitglied des Medizinausschusses des Wissenschaftsrats und der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Weitere Informationen:

>> Vortrag von Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione am Sonntag, 20. September 2026: „Die Bedeutung des Geschlechts in der biomedizinischen Forschung“