Was halten Sie von der aufsehenerregenden Vorhersage einer chinesischen Forschergruppe, dass eine Änderung der mittleren globalen Jahrestemperatur von 5,2 Grad Celsius unweigerlich zu massenhaftem Artensterben führt?
Die Studie ist seriös und sie wurde auch in den letzten Weltklimabericht aufgenommen. Aber die Ergebnisse sind bislang nicht durch weitere Studien bestätigt worden. Aktuell beträgt die Erderwärmung 1,2 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Wenn der Trend anhält, könnte der Wert gegen Ende des Jahrhunderts bei 3 Grad liegen und in 150 Jahren möglicherweise die 5,2-Grad-Marke erreichen.
Als Grundlagenforscher bringen Sie, ganz im Sinne der diesjährigen GDNÄ-Versammlung, Ihre Forschungsergebnisse auch zur Anwendung. Bitte geben Sie uns ein Beispiel.
Unser wohl angewandtetes Projekt heißt Ageless; wir betreiben es seit zwei Jahren zusammen mit den Universitäten Bremen und Oldenburg. Ageless ist Teil eines großen Programms des Bundesforschungsministeriums zum Schutz der Biodiversität im sogenannten Blauen Ozean. Das sind Areale in internationalen Gewässern, von denen schon bald 30 Prozent als UN-Schutzgebiete ausgewiesen werden sollen. Schon jetzt wissen wir: Schutzgebiete müssen überwiegend parallel zu den Längengraden ausgerichtet und dürfen nicht starr sein, weil besonders gefährdete Arten polwärts ziehen. Würden wir das nicht berücksichtigen, müssten unsere Nachfolger in zwanzig Jahren von vorn anfangen. Spannend ist die Zusammenarbeit mit Naturschutzorganisationen und Sozialwissenschaftlern im Co-Design. Das heißt, während wir forschen, werden erste Ergebnisse bereits umgesetzt. Bisher kam die Publikation zuerst und danach möglicherweise die Anwendung.
Mit Ihrem Institut sind Sie Teil des GeoZentrums Nordbayern. Auch hier ist das Ziel, die praktische Nutzung wissenschaftlicher Ergebnisse voranzubringen. Gelingt das?
Ja, da gibt es einige vielversprechende Projekte. In der Mineralogie werden zum Beispiel Beton auf Olivinbasis beforscht, der keine oder deutlich weniger Treibhausgase freisetzt als die heute meist verwendeten Karbonat-Zemente. In der Petrologie fahnden die Kollegen nach metallischen Rohstoffen im Erdinneren, um zur Deckung des wachsenden Bedarfs beizutragen – etwa im Bereich Seltener Erden.
Sie stammen aus Coburg, forschen, lehren in Erlangen und gelten als führender Experte für erdgeschichtliche Klimawandelfolgen in marinen Ökosystemen. Wie kommt ein Franke zur Meeresforschung mit dem Spezialgebiet Korallenriffe?
Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich muss nicht lange fahren, um einen Strand zu erreichen. Und zum nächsten Korallenriff habe ich es auch nicht weit, es liegt sozusagen vor meiner Haustür. Natürlich handelt es sich um fossile Umgebungen, zum Beispiel in der Fränkischen Schweiz oder in Niederbayern. Dort, in Saal an der Donau, habe ich kürzlich in einem Steinbruch Überreste von 150 Millionen Jahre alten tropischen Korallen entdeckt und ein paar Proben für unser Institut mitgenommen. Wer ein Auge dafür entwickelt, findet fast überall solche Spuren der Vergangenheit.
Was hat Ihr Interesse an dieser Forschungsrichtung geweckt?
Als Jugendlicher wollte ich unbedingt ein naturwissenschaftliches Fach studieren. Für Physik reichten meine Mathekenntnisse nicht, an Biologie störte mich das Sezieren. So kam ich zu den Geowissenschaften und über einen meiner Professoren schließlich zur Paläontologie. Er war dermaßen begeistert von seinem Fach, das hat sich auf mich übertragen. Bereut habe ich meine Fachwahl nie und seit ich selbst Professor bin, versuche ich, die Begeisterung weiterzugeben.