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Thomas Zurbuchen „Mit einem Durchbruch rechne ich schon bald“

„Mit einem Durchbruch rechne ich schon bald“

Der Schweizer Astrophysiker Thomas Zurbuchen leitete jahrelang große Weltraummissionen der NASA. Auf der GDNÄ-Versammlung in Bremen spricht er über die Fahndung nach außerirdischem Leben und stellt die neuesten Methoden kosmischer Spurensuche vor.

Herr Professor Zurbuchen, wie weit sind wir gekommen bei der Suche nach Leben im All?
Wenn wir die Drake-Gleichung von 1961 als Ausgangspunkt nehmen, sind wir auf gutem Weg. Die Formel des US-Astrophysiker Frank Drake ist ein bis heute gültiger Leitfaden zur Abschätzung der Anzahl intelligenter Zivilisationen in unserer Milchstraße. Von sieben Faktoren der Gleichung konnte Drake damals nur den ersten Faktor, die Sternentstehungrate, abschätzen. Alle anderen Variablen blieben rätselhaft, weil exakte Daten fehlten. Dank moderner Teleskope auf der Erde und im Weltraum sind wir heute weiter. Sehr hilfreich sind auch neue Techniken zur Modellierung der Lebensentstehung auf der frühen Erde. Sie zeigen uns, auf was wir achten sollen, wenn wir extraterrestrisches Leben suchen. Wir schauen nicht mehr halbblind ins All, sondern können unsere Aufmerksamkeit gezielt auf vielversprechende Adressen richten. 

Wo stehen wir jetzt auf diesem Weg?
Noch haben wir kein Leben jenseits der Erde entdeckt. Aber als in den 1990er-Jahren die ersten Exoplaneten, also Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, gefunden wurden, war das ein gewaltiger Fortschritt. Heute kennen wir mehr als sechstausend Exoplaneten. Einige von ihnen könnten Leben beherbergen, auf die richten wir unsere Weltraumteleskope aus: aktuell das James-Webb-Teleskop und in einigen Jahren voraussichtlich seinen Nachfolger, das Habitable World Observatory. 

Wann rechnen Sie mit einem Durchbruch? 
Falls Leben wirklich weit verteilt ist, wie wir es heute vermuten, sollten wir es in unserem Sonnensystem in zehn bis zwanzig Jahren finden. Vielleicht finden wir auch in Atmosphären von Exoplaneten überzeugende Anzeichen dafür. Hier sprechen wir natürlich von einfachem bakteriellem Leben, sogenannten mikrobiellen Biosignaturen – und nicht von intelligenten Aliens.

© NASA/Aubrey Gemignani

Thomas Zurbuchen gratuliert Alex Mather zu seinem Sieg in einem Schulwettbewerb. Der US-Schüler hatte den Namen „Perseverance“ (Beharrlichkeit) für einen Mars-Rover der NASA vorgeschlagen. Die Idee war aus 28.000 Einreichungen ausgewählt worden. Perseverance landete am 18. Februar 2021 auf dem Roten Planeten und sammelt dort seither Boden- und Atmosphärenproben. 

Die Suche nach extraterrestrischem Leben war ein Schwerpunkt in Ihrer Zeit als Wissenschaftsdirektor der NASA. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht? 
Die NASA ist nach wie vor führend auf vielen Gebieten, auch wenn Konkurrenten wie China und aus anderen Regionen immer stärker werden. Die NASA ist auch deshalb so gut, weil sie mit tollen Unternehmen zusammenarbeitet. Und weil dort Menschen in hervorragenden Teams zusammenfinden. Die Kompetenz und der Zusammenhalt der Gruppe entscheidet sehr darüber, ob eine Mission gelingt oder nicht – das habe ich als Wissenschaftsdirektor oft erlebt. Allerdings haben große und betagte Organisationen wie die NASA auch ihre Schwächen, dazu zählt eine manchmal ausufernde Bürokratie. 

Was waren die Höhepunkte Ihrer NASA-Zeit? 
Das größte und wichtigste Projekt war das James-Webb-Weltraumteleskop. Es startete 2021   als Projekt der Infrarotastronomie in den Weltraum und hat bereits erstaunliche Einblicke in die Geschichte des Universums geliefert. Als Nächstes kommt das, was wir auf dem Mars machen: mit dem Perseverance-Rover Proben sammeln und diese in gemeinsamer Mission mit den Europäern zurückbringen. Die Perseverance-Mission habe ich gestartet – sie hat wirklich spektakulär interessante Proben erbracht. Drittens ist die Parker Solar Probe zu nennen, eine Mission, die seit 2018 die Sonne aus noch nie zuvor erreichter Nähe erforscht. Sehr wichtig sind viertens die vielen Erdmissionen, mit denen wir unseren Planeten von oben beobachten. 

Mit welchen Highlights rechnen Sie in den nächsten Jahren? 
Das James-Webb-Teleskop liefert hochinteressante Daten, von denen wir sehr viel über das Universum lernen können. Gespannt bin ich auf die Proben, die hoffentlich vom Mars zurückgebracht werden. In vier, fünf Jahren werden zwei Missionen beim Jupiter ankommen und die interessanten Monde dort beobachten: die europäische Mission Juice und die US-Mission Europa Clipper. Und dann die US-Robotermission Dragonfly zum Saturnmond Titan: Sie soll 2028 starten und mit einem Quadrocopter die Oberfläche des Mondes fliegend erkunden.

In Ihrer Zeit bei der NASA haben Sie mit Elon Musk zusammengearbeitet. Sein Raumfahrtunternehmen Space X ging kürzlich erfolgreich an die Börse. Wie schätzen Sie Musk ein?
Er ist einer der begabtesten und erfolgreichsten Unternehmer überhaupt und hat unglaublich viel erreicht. Ein Wissenschaftler ist er nicht, aber er ist sehr interessiert an Forschung. Menschlich ist er kompliziert: Ich habe ihn als dünnhäutig, entschlossen und sehr mutig erlebt. Ein Beispiel: Anfangs reichte sein Geld nur für vier Raketen. Die ersten drei sind explodiert, da hätten viele andere aufgehört. Musk machte weiter, ließ auch die vierte Rakete starten und die funktionierte dann auch. Nach diesem Erfolg und weil seine Raketen sehr viel billiger sind als marktübliche Modelle begann die NASA eine Kooperation mit ihm. In meinen Jahren als NASA-Wissenschaftsdirektor haben wir 37 Raketen ins All geschossen, davon waren etwa 30 von SpaceX.

Wie kam es, dass Sie 2023 nach 27 Jahren in den USA in die Schweiz zurückgekehrt sind?
Ich will meinem Heimatland etwas zurückgeben. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, zu Hause war nicht viel Geld übrig für Schulbücher und Studienkosten. Das haben die schweizerischen Steuerzahler übernommen, ihnen verdanke ich meine Ausbildung. Zwei Wochen nach meiner Promotion bin ich in die USA gegangen, wo ich meinen Weg machen konnte. Bisher gibt es in der Schweiz kaum Programme, um in den Weltraum zu kommen. Das möchte ich ändern – mit meinem Team an der ETH und vielen anderen im Land.

© NASA/Bill Ingalls

Vor der ULA-Rakete „Delta IV Heavy“ mit der Parker-Solar-Sonde an Bord (von links): Thomas Zurbuchen mit dem Sonnenastrophysiker und Missions-Namensgeber Eugene Parker und Tory Bruno, Präsident und Vorstandsvorsitzender der United Launch Alliance. Die „Parker Solar Probe“ ist die erste Mission der Menschheit in einen Teil der Sonnenatmosphäre, der als Korona bezeichnet wird. Dort erforscht sie Sonnenprozesse, die für das Verständnis und die Vorhersage von Weltraumwetterereignissen entscheidend sind und die das Leben auf der Erde beeinflussen können.

Sie leiten die Initiative ETH Zürich Space. Wie weit sind Sie und was haben Sie vor?
ETH Zürich Space ist ein Raumfahrtforschungsprogramm, das wir seit drei Jahren zusammen mit Wirtschaftsunternehmen aufbauen. Ein Projekt heißt Life Mission, da fahnden wir nach Lebensspuren im Weltall. Parallel versuchen wir, die sehr frühe Erde zu modellieren, um die im kosmischen Maßstab unglaublich schnelle Entstehung von Leben nachvollziehen zu können – also den Übergang von Chemie und Physik zur Biologie. Ein anderes Projekt entwickelt Roboter für die Monderkundung. Unser Prototyp namens LunarLeaper könnte Astronauten als eine Art Roboterhund dienen und ihnen bei ihrer Arbeit helfen. Bis 2030 wollen wir fertig sein mit der Entwicklung. Dann wäre LunarLeaper bereit, auf einer künftigen Artemis-Mission mitzufliegen. Genau so wichtig sind die Ausbildungsprogramme, die wir entwickelt haben, insbesondere der Masterstudiengang Space Systems.

Viele Länder haben in den vergangenen Jahren Raumfahrtprogramme aufgebaut. Wie kommt es zu diesem Boom?
Dafür sehe ich drei Gründe: Erkenntnisinteresse, aber auch wirtschaftliche und militärische Interessen. Wir Menschen wollen wissen, ob es noch andere Lebensformen im All gibt – das wäre der erste Antrieb. Wirtschaftliche und militärische Nutzung hängen oft eng zusammen, denken wir nur an Satelliten für die Mobilkommunikation oder für die Erdbeobachtung. Derzeit wächst die wirtschaftliche Nutzung des Weltraums um bis zu zehn Prozent pro Jahr, das erreichen nur wenige andere Branchen.

© ETH Zürich

Mit seinem Team an der ETH Zürich entwickelt Thomas Zurbuchen den Erkundungsroboter für Mondmissionen „LunarLeaper“ (hier eine künstlerische Darstellung). Um 2030 soll der 15 Kilogramm schwere Laufroboter einsatzbereit sein. Er soll Astronauten helfen, die Strukturen unter der Mondoberfläche untersuchen. 

Gibt es etwas, das Sie der Raumfahrtnation Deutschland empfehlen würden?
Deutschlands Stärken liegen unter anderem in den Bereichen Erdbeobachtung, Robotik und biomedizinische Schwerelosigkeitsforschung – drei Gebiete, die zunehmend wichtig werden. Das Land hat unglaublich gute Technikwissenschaftler. Besonders positive Entwicklungen sehe ich in Bayern, etwa mit ISAR Aerospace, aber auch in anderen deutschen Regionen. Aber weil die internationale Konkurrenz gewaltig ist, müssen wir besser werden – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Ein großes Defizit ist der Mangel an Raketenstartplätzen. Die vorhandenen Basen in Französisch-Guyana und in Nordschweden reichen für die Zukunft nicht aus.  Vom notwendigen Ausbau hängt auch die Sicherheit Deutschlands und Europas ab.

Welches Vorgehen schlagen Sie konkret vor?
Es ist wichtig, dass wir unsere Entwicklungsarbeit beschleunigen. Das bedeutet zum einen mehr Geld für Forschung und Entwicklung im Bereich Space: Die USA geben dafür fast sechsmal mehr Geld aus als Europa. Zum anderen müssen wir agiler werden und die Bürokratie zurückfahren. Wichtig ist drittens, dass wir unsere jungen Firmen unterstützen und ihre Produkte und Services auch kaufen. So ging die USA in die Führung, oft mit Hilfe von Spitzenleuten aus Europa.

Eine letzte Frage noch: In der Raumfahrt-Community kennt man Sie auch als Dr. Z. Wie kamen Sie zu dem Spitznamen?
Amerikaner tun sich schwer, meinen Nachnamen auszusprechen. Irgendwann erfand jemand die Abkürzung Dr. Z.. Sie setzte sich schnell durch und jeder weiß, wer gemeint ist. Ich finde das, auf gut Schweizerisch gesagt, tipptopp.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© NASA

Professor Dr. Thomas H. Zurbuchen ist Professor für Weltraumwissenschaft und -technologie an der ETH und leitet die Initiative ETH Zürich Space. 

Zur Person

Prof. Dr. Thomas Zurbuchen ist ein schweizerisch-US-amerikanischer Astrophysiker. Er kam 1968 in einem kleinen Bergdorf im Kanton Bern zur Welt und studierte Physik und Mathematik an der Universität Bern. Dort wurde er 1996 in Astrophysik promoviert. Gleich darauf wechselte er an die University of Michigan, wo er sich vom wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Professor für Weltraumwissenschaften und Luft- und Raumfahrttechnik hocharbeitete. Er ist Mitbegründer des Michigan Center for Entrepreneurship, eine der weltweit führenden Adressen in der Gründer- und Innovationsausbildung. Von 2016 bis 2022 war Thomas Zurbuchen Wissenschaftsdirektor der US-Raumfahrtbehörde NASA. In dieser Position leitete er wegweisende Missionen wie das James-Webb-Weltraumteleskop und die Marssonden. Seit 2023 ist er als Professor für Weltraumwissenschaft und -technologie an der ETH tätig, wo er die Initiative ETH Zürich Space leitet.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© NASA/Chris Gunn

Ingenieure betrachten den Hauptspiegel des James-Webb-Weltraumteleskops, das am 25. Dezember 2021 gestartet wurde.

Weitere Informationen

Mit einem Probenröhrchen, in dem Probenkerne aus der Marsoberfläche aufbewahrt werden: Thomas Zurbuchen bei einer Pressekonferenz am 17. Februar 2021, kurz vor der Landung des NASA-Mars-Rovers „Perseverance“ auf dem Roten Planeten. Ein zentrales Ziel der Mission ist die Suche nach Anzeichen für urzeitliches mikrobielles Leben.

Wolfgang Kießling „Das nächste Korallenriff liegt vor meiner Haustür““

„Das nächste Korallenriff liegt vor meiner Haustür“

Was uns die Urzeit für die Zukunft lehrt, verrät der Erlanger Paläontologe Wolfgang Kießling bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.

Herr Professor Kießling, bitte erläutern Sie an einem Beispiel, wie Daten aus der Erdgeschichte uns helfen können, künftige Herausforderungen zu meistern.
Nehmen wir die aktuell kontrovers diskutierte Frage, welche Arten durch den Klimawandel besonders bedroht sind. Da kann mein Fachgebiet zur Antwort beitragen. Urzeitliche Funde zeigen uns, dass Arten, die an den Polen oder am Äquator leben, am stärksten gefährdet sind. In den mittleren Breiten ist ein Massenaussterben von Arten am unwahrscheinlichsten.  

Also leben wir in Deutschland und Europa auf der sicheren Seite? 
Noch sind wir im Vorteil, absolut sicher jedoch keineswegs. Auch in unseren Regionen lässt sich derzeit eine klimabedingte Artenwanderung in Richtung der Pole beobachten. Betroffen sind Organismen, denen es in ihren Ursprungsgebieten zu warm wird. Sie weichen in Regionen aus, die ihnen bislang zu kalt waren, nun aber infolge der Erderwärmung gute Bedingungen bieten. Bei weiter steigenden Temperaturen ist mit einer Zunahme dieser Arealverschiebungen zu rechnen.

© W. Kießling

Ein fossiles Korallenriff an der Küste des Roten Meeres. 

Welche Arten können sich gut anpassen, welche sind besonders empfindlich gegenüber Klimastressoren?
Schnecken und Austern sind relativ unempfindlich. Fische liegen im Mittelfeld. Und Korallen sind sehr empfindlich.

Klimawandel gab es schon immer und irgendwie ist die Erde damit zurechtgekommen – so argumentieren Klimaskeptiker. Wie reagieren Sie darauf?
Ja, in der Erdgeschichte gab es immer wieder Wärmekrisen mit massenhaftem Artensterben. Es stimmt auch, dass die Erde sich davon erholt hat. Allerdings hat die Erholung Millionen von Jahren gedauert. Beim wärmebedingten Massenaussterben am Ende des Erdzeitalters Perm, das vor 250 Millionen Jahren endete, sind mehr 80 Prozent aller Arten ausgestorben. Damals hat es fünf Millionen Jahre gedauert, bis Artenvielfalt und Funktionalität von Ökosystemen wiederhergestellt waren.

Woher wissen Sie das so genau?
Wir stützen uns auf sorgfältige wissenschaftliche Auswertungen sehr vieler urzeitlicher Funde. Die meisten dieser Befunde sind online frei zugänglich in der nicht-kommerziellen Paleobiology Database, die über mehr als zwei Millionen Fossilfunde in aller Welt Auskunft gibt. Ich habe die Datenbank in meiner Postdoc-Zeit in Chicago kennengelernt. Damals war das noch ein ganz kleines Projekt. Heute wird es von rund vierhundert Wissenschaftlern überwiegend ehrenamtlich betrieben und kann mehr als 550 offizielle Publikationen vorweisen.

Ehrenamtlich war auch Ihr Engagement als Leitautor im Weltklimarat IPCC von 2017 bis 2023. Wie können wir uns Ihre Arbeit dort vorstellen?
Ich war Leitautor für den sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats und zuständig für eine von drei Arbeitsgruppen. Meine Gruppe beschäftigte sich mit Folgen des Klimawandels, mit Anpassungen daran und Verwundbarkeiten. Ich habe Daten aus der Paläontologie beigesteuert. Für mich waren es sehr inspirierende Jahre, aber auch unglaublich viel Arbeit. Wir Leitautoren mussten Berge von Literatur sichten und bewerten, um im Sachstandsbericht belastbare Aussagen zu Klimaanpassungen machen zu können. Für die Treffen mit Kolleginnen und Kollegen bin ich oftmals um die Welt geflogen, heute finden die Diskussionen in der Regel online statt. Jede Arbeitsgruppe zählte fast dreihundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zum Schluss einen insgesamt neuntausend Seiten starken Bericht plus Synthesebericht veröffentlichten. So ein Werk ist fürs Archiv gedacht, das liest niemand ganz durch. Für Politiker und die interessierte Öffentlichkeit werden die Kernaussagen immer zusammengefasst – eine sehr nützliche Sache.

© Carola Radke, Museum für Naturkunde Berlin

Am Polarisationsmikroskop untersucht Wolfgang Kießling hauchdünne Gesteinsproben, sogenannte Dünnschliffe, um deren genaue Zusammensetzung, Entstehungsgeschichte und mechanischen Eigenschaften zu ermitteln. Das Bild entstand in Kießlings Zeit als Professor in Berlin.

Inzwischen ist der Klimawandel als öffentliches Debattenthema in den Hintergrund gerückt. Wie ist das für Sie?
Es ist frustrierend, doch angesichts der vielen globalen Krisen nicht verwunderlich. Allerdings verschwindet das Problem nicht, wenn wir es ignorieren. Der Klimawandel schreitet schnell voran und führt schon jetzt weltweit zu massiven Schäden. Aktuell sehe ich stark gegenläufige Entwicklungen, zum Beispiel in China. Das Land emittiert extrem viel Treibhausgas, ist andererseits aber auch sehr aktiv in der Bekämpfung des Klimawandels und beim Ausbau regenerativer Energien. In China und zum Glück auch anderswo auf der Welt fließen wissenschaftliche Erkenntnisse durchaus in politische Entscheidungen ein. Das gibt Hoffnung.

Wenn es um die Auswirkungen der aktuellen Erderwärmung auf Ökosysteme geht, ist immer wieder die Rede von kurz bevorstehenden Kippeffekten. Wie zuverlässig sind solche Vorhersagen?
Kippeffekte vorherzusagen ist extrem schwierig. Für Korallenriffe, also für mein Spezialgebiet, gab es etliche solcher Prognosen und bisher hat sich keine bewahrheitet. Ich bin da sehr skeptisch und glaube auch nicht an das völlige Verschwinden der Riffe, vor dem gelegentlich gewarnt wird. Vielen Riffen geht es aktuell nicht gut, aber in einigen Weltgegenden sind sie noch weitgehend intakt. Das gilt etwa für das Rote Meer, aber auch für Indonesien, obwohl dort  zum Teil noch mit Dynamit gefischt wird. Anders sieht es wahrscheinlich beim Golfstrom aus, der Nordeuropa ein relativ mildes Klima beschert. Da halte ich Kippeffekte für durchaus realistisch.

© W. Kießling

Feldforschung an einem fossilen Korallenriff in Apulien.

Was halten Sie von der aufsehenerregenden Vorhersage einer chinesischen Forschergruppe, dass eine Änderung der mittleren globalen Jahrestemperatur von 5,2 Grad Celsius unweigerlich zu massenhaftem Artensterben führt?
Die Studie ist seriös und sie wurde auch in den letzten Weltklimabericht aufgenommen. Aber die Ergebnisse sind bislang nicht durch weitere Studien bestätigt worden. Aktuell beträgt die Erderwärmung 1,2 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Wenn der Trend anhält, könnte der Wert gegen Ende des Jahrhunderts bei 3 Grad liegen und in 150 Jahren möglicherweise die 5,2-Grad-Marke erreichen.

Als Grundlagenforscher bringen Sie, ganz im Sinne der diesjährigen GDNÄ-Versammlung, Ihre Forschungsergebnisse auch zur Anwendung. Bitte geben Sie uns ein Beispiel.
Unser wohl angewandtetes Projekt heißt Ageless; wir betreiben es seit zwei Jahren zusammen mit den Universitäten Bremen und Oldenburg. Ageless ist Teil eines großen Programms des Bundesforschungsministeriums zum Schutz der Biodiversität im sogenannten Blauen Ozean. Das sind Areale in internationalen Gewässern, von denen schon bald 30 Prozent als UN-Schutzgebiete ausgewiesen werden sollen. Schon jetzt wissen wir: Schutzgebiete müssen überwiegend parallel zu den Längengraden ausgerichtet und dürfen nicht starr sein, weil besonders gefährdete Arten polwärts ziehen. Würden wir das nicht berücksichtigen, müssten unsere Nachfolger in zwanzig Jahren von vorn anfangen. Spannend ist die Zusammenarbeit mit Naturschutzorganisationen und Sozialwissenschaftlern im Co-Design. Das heißt, während wir forschen, werden erste Ergebnisse bereits umgesetzt. Bisher kam die Publikation zuerst und danach möglicherweise die Anwendung. 

Mit Ihrem Institut sind Sie Teil des GeoZentrums Nordbayern. Auch hier ist das Ziel, die praktische Nutzung wissenschaftlicher Ergebnisse voranzubringen. Gelingt das?
Ja, da gibt es einige vielversprechende Projekte. In der Mineralogie werden zum Beispiel Beton auf Olivinbasis beforscht, der keine oder deutlich weniger Treibhausgase freisetzt als die heute meist verwendeten Karbonat-Zemente. In der Petrologie fahnden die Kollegen nach metallischen Rohstoffen im Erdinneren, um zur Deckung des wachsenden Bedarfs beizutragen – etwa im Bereich Seltener Erden. 

Sie stammen aus Coburg, forschen, lehren in Erlangen und gelten als führender Experte für erdgeschichtliche Klimawandelfolgen in marinen Ökosystemen. Wie kommt ein Franke zur Meeresforschung mit dem Spezialgebiet Korallenriffe?
Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich muss nicht lange fahren, um einen Strand zu erreichen. Und zum nächsten Korallenriff habe ich es auch nicht weit, es liegt sozusagen vor meiner Haustür. Natürlich handelt es sich um fossile Umgebungen, zum Beispiel in der Fränkischen Schweiz oder in Niederbayern. Dort, in Saal an der Donau, habe ich kürzlich in einem Steinbruch Überreste von 150 Millionen Jahre alten tropischen Korallen entdeckt und ein paar Proben für unser Institut mitgenommen. Wer ein Auge dafür entwickelt, findet fast überall solche Spuren der Vergangenheit.

Was hat Ihr Interesse an dieser Forschungsrichtung geweckt?
Als Jugendlicher wollte ich unbedingt ein naturwissenschaftliches Fach studieren. Für Physik reichten meine Mathekenntnisse nicht, an Biologie störte mich das Sezieren. So kam ich zu den Geowissenschaften und über einen meiner Professoren schließlich zur Paläontologie. Er war dermaßen begeistert von seinem Fach, das hat sich auf mich übertragen. Bereut habe ich meine Fachwahl nie und seit ich selbst Professor bin, versuche ich, die Begeisterung weiterzugeben.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© David Hartfield

Professor Dr. Wolfgang Kießling ist Inhaber des Lehrstuhls für Paläoumwelt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist einer der führenden Experten für die Auswirkungen des Klimawandels auf marine Ökosysteme in der Urzeit.

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Kießling kam 1965 in Coburg zur Welt. Er studierte Paläoontologie an der an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Dort wurde er 1995 promoviert. Nach einem Forschungsaufenthalt von 2000 bis 2001 an der University of Chicago habilitierte er sich 2005 an der Freien Universität Berlin und arbeitete anschließend als Professor für Evolutionäre Palökologie an der Humboldt-Universität und am Museum für Naturkunde in Berlin. 2012 kehrte er an die FAU zurück, wo er seither den Lehrstuhl für Paläoumwelt leitet. Wolfgang Kießling erforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf Tierarten und Ökosysteme über lange Zeiträume. Sein Hauptaugenmerk gilt der Entwicklung und Evolution von Korallenriffen. Er gehörte dem Weltklimarat IPCC von 2016 bis 2023 an und war einer der Hauptautoren des Weltklimaberichts 2022 mit dem Titel „Impacts, Adaptation and Vulnerability“. Kießling ist der am häufigsten zitierte Paläontologe in Deutschland. 2026 wurde er zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© Sven Stolzenwald

Anfertigung von Gesteinsdünnschliffen für die nachfolgende mikroskopische Analyse.

Zur Vertiefung

Thomas Kühlein: „Nicht alles medizinisch Machbare mitmachen“

„Nicht alles medizinisch Machbare mitmachen“

Wie die Evidenzbasierte Medizin zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen kann, erläutert Thomas Kühlein, Professor für Allgemeinmedizin in Erlangen, bei der  GDNÄ-Versammlung 2026.

Herr Professor Kühlein, laut Konferenzprogramm werden Sie in Bremen über Wahrheit und Wissenschaft sprechen. Ein weites Feld – worum geht es genau? 
Um eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung, also eine Medizin, die auf den besten verfügbaren Forschungsergebnissen und der Erfahrung praktisch tätiger Ärzte basiert und dabei auch die Patientenperspektive berücksichtigt. So sollte gute Medizin sein, dachte ich vor mehr als zwanzig Jahren, als ich, damals noch als niedergelassener Hausarzt auf dem Land, meine erste Fortbildung in dieser Richtung machte – und so denke ich bis heute. Aber leider wird die Evidenzbasierte Medizin oft missverstanden, fehlinterpretiert oder ignoriert. 

Wo beobachten Sie das?
Zum Beispiel bei den Programmen zur Krebsfrüherkennung wie die Krankenkassen sie für Brustkrebs, Darmkrebs, Hautkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Prostatakrebs und neuerdings auch für Lungenkrebs anbieten. Mit diesen Screeningprogrammen, so heißen sie in der Fachsprache, will man Tumore im Anfangsstadium aufspüren. Also dann, wenn sie oft gut heilbar sind und die Betroffenen noch keine Beschwerden haben. Soweit die Theorie. Die in Studien beobachtete Wirklichkeit sieht anders aus. Die Risiken und der erwartbare Nutzen für die Einzelnen sind in der Regel kleiner als gedacht und mögliche Nachteile durch sogenannte Überdiagnosen bisweilen sogar wahrscheinlicher als der Nutzen. Das wird aber häufig nicht fair kommuniziert. Insgesamt wären vermutlich spezielle Programme für Risikogruppen viel effizienter.

© Uniklinik Erlangen.

Das Institut für Allgemeinmedizin ist verantwortlich für die fachliche Forschung und Lehre an der Universitätsklinik Erlangen. Hier eine Außenansicht.

Genau das wird aktuell für das Hautkrebsscreening diskutiert.
Ja, wir begrüßen das ausdrücklich. Deutschland ist das einzige Land mit einem flächendeckenden, nicht-risikobasierten Screening auf Hautkrebs. Versicherte ab einem Alter von 35 Jahren haben alle zwei Jahre Anspruch auf diese Früherkennungsuntersuchung. Das Programm hat erwartbar dazu geführt, dass die Zahl der Hautkrebsdiagnosen gestiegen ist, aber nicht, dass weniger Menschen an Hautkrebs sterben – die vorliegenden Studien zeigen das ganz klar und genau das nennt bezeichnet man als Überdiagnostik. Es wird also höchste Zeit für einen Kurswechsel: weg vom Gießkannenprinzip, hin zu einem Screening für Personen mit hohem Hautkrebsrisiko. Dazu zählen sehr hellhäutige Menschen sowie beispielsweise Land- oder Straßenarbeiter. Ein weiterer Vorteil des risikoadaptierten Vorgehens: Wenn fragwürdige Screeninguntersuchungen entfallen, haben Ärzte mehr Zeit für wirklich kranke Patienten. 

Kleinere Screeningprogramme tragen vielleicht auch dazu bei, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken.   Derzeit sucht die Bundesregierung fast schon verzweifelt nach weiteren Sparmöglichkeiten. Wo sehen Sie die größten Potenziale?
Erstens im geplanten Primärarztsystem. Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, die Bundesregierung will es schrittweise einführen. Gesetzlich Versicherte sollen, so der Plan, im Krankheitsfall zuerst zum Hausarzt gehen, der die Behandlung dann entweder selbst übernimmt oder gezielt an Spezialisten überweist. So könnten unnötige Arztkosten vermieden werden. 

Das setzt viele Hausärzte voraus. Aber die fehlen heute schon an allen Ecken und Enden.
Inzwischen wurden an fast allen medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet. Die tragen dazu bei, dass Studierende die Allgemeinmedizin von Anfang an als interessantes Fach wahrnehmen. Es braucht freilich seine Zeit, bis die Studierenden dann auch in der Praxis ankommen. Ein weiterer Ansatz ist die Entlastung der Hausärzte von Aufgaben, die von anderen Mitgliedern im primärmedizinischen Team erledigt werden können. Das hat viel mit Honorarsystemen zu tun. Auch hier ist in den letzten Jahren bereits einiges passiert.

© Uniklinik Erlangen.

Zusammen mit seinem Team am Allgemeinmedizinischen Institut Erlangen untersucht Thomas Kühlen (obere Reihe, rechts) die wissenschaftlichen Grundlagen eine guten Patientenversorgung.  

Wir sind noch beim ersten Sparvorschlag. Wie geht es weiter?
Mein zweiter Vorschlag zielt auf eine bessere digitale Vernetzung von Ärzten, Patienten, Kassen und anderen Akteuren im Gesundheitswesen. Ein Beispiel: Die elektronische Patientenakte kann Dopplungen teurer Diagnostik verhindern und Laborkosten senken, wir müssen sie nur endlich konsequent nutzen. Und drittens: Evidenzbasiertes Denken und Handeln muss noch stärker verankert werden – in der Medizinerausbildung und im ärztlichen Alltag. Nicht alles was statistisch signifikant ist, ist auch relevant. Wenn die Studienlage dafür spricht, können wir Dinge auch mal weglassen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Patienten da mitgehen, wenn ich es ihnen richtig erkläre.  

Für Einzelne mag das gelten. Aber glauben Sie, dass ein Großteil der Bevölkerung bereit ist für eine Kultur des Weglassens?
Nein, so etwas geht nicht auf einen Schlag. Offen für solche Gespräche sind heute vor allem ältere Menschen, die nicht mehr alles medizinisch Machbare mitmachen wollen. Das ist keine Frage des Geldes, sondern eine, die mit unserer Einstellung zum Leben und zum Lebensende zu tun hat. Als Gesellschaft haben wir ja eher ein verkorkstes Verhältnis zur Sterblichkeit. Das fördert den Machbarkeitswahn und die Überversorgung im Gesundheitssystem, dessen sollten wir Ärzte uns stets bewusst sein.  Uns kommt in diesem System eine Schlüsselrolle zu und zusammen mit unseren Patienten können wir viel bewirken. Wichtig ist die gemeinsame Entscheidungsfindung: wissenschaftlich fundiert, an den Bedürfnissen der Patienten orientiert und abschließend gut dokumentiert. 

Lassen Sie uns auf den Titel Ihres GDNÄ-Vortrags zurückkommen. Welchen Wahrheitsanspruch kann die Wissenschaft aus Sicht der evidenzbasierten Medizin erheben?
Wissenschaft ist bestenfalls eine Annäherung an die Wahrheit. Ihre Ergebnisse haben so lange Bestand, bis sie durch neue Erkenntnisse widerlegt werden. Naturgesetzliche Wahrheiten liefert die Art von Studien, die in der Evidenzbasierten Medizin genutzt werden, nie. Was ich in diesem Kontext ganz wichtig finde: Die Wissenschaft kann bestmögliche Entscheidungsgrundlagen liefern, mehr nicht. Entscheiden und die Entscheidungen verantworten müssen wir selbst. Wie all das zur einer besseren Medizin beitragen kann, werde ich in Bremen erläutern.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© Uniklinik Erlangen.

Prof. Dr. Thomas Kühlein ist Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen-Nürnberg und ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums im mittelfränkischen Eckental.

Zur Person

Prof. Dr. Thomas Kühlein (64) ist Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen-Nürnberg. Er ist zudem ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums in Eckental, das Teil eines Tochterunternehmens des Erlanger Klinikums ist. Nach seinem Medizinstudium in Würzburg und München war Thomas Kühlein als Arzt in west- und ostdeutschen Kliniken und Praxen tätig, zuletzt in einer ländlichen Gemeinschaftspraxis in Oberfranken. 1995 wurde er in München im Fachgebiet Psychiatrie promoviert, 2012 habilitierte er sich in Heidelberg mit einer Arbeit in der Allgemeinmedizin. 2013 wechselte er nach Erlangen, um einen der beiden ersten regulären Lehrstühle für Allgemeinmedizin in Bayern aufzubauen. Kühlein ist Mitglied im Vorstand des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Wissenschaftlich beschäftigt er sich mit Versorgungsforschung, insbesondere mit dem Thema Überversorgung.

Zum Weiterlesen

Benjamin List: „Wow, das könnte etwas Großes werden“

„Wow, das könnte etwas Großes werden“

Asymmetrische organische Katalyse? Wie er auf die verrückte Idee kam und was sie für unsere Zukunft bedeutet, berichtet Nobelpreisträger Benjamin List bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.

Herr Professor List, im Dezember 2021 erhielten Sie den Nobelpreis für Chemie. Hat sich Ihr Leben seither verändert?
Ja, das hat es – vor allem am Anfang. Fernsehauftritte gehörten vorher nicht zu meinem normalen Alltag. Auch nicht die vielen öffentlichen Vorträge, ob bei „Jugend forscht“, im Kulturhaus Heidelberg oder in Uni-Hörsälen. In den ersten zwei, drei Jahren war es sehr intensiv. Inzwischen konnte ich mein Leben normalisieren und habe endlich wieder genug Zeit für meine große Arbeitsgruppe am Institut in Mülheim. Es ist ja nicht so, dass man als Nobelpreisträger nicht mehr forscht. 

An was arbeiten Sie aktuell?
Da würde ich gern zwei Projekte herausgreifen. Zum einen versuchen wir, das Treibhausgas CO2 aus der Atmosphäre zu holen, indem wir CO2 mit Hilfe von Sonnenlicht und Katalysatoren in O2 und C aufspalten. Der Sauerstoff O2 geht problemlos zurück in die Atmosphäre, übrig bleibt Kohlenstoff. Der ließe sich als eine Art solare Kohle für alle möglichen Prozesse in der chemischen Industrie verwenden. Überschüssige Kohle könnte man verbuddeln, zum Beispiel in Stollen an Rhein und Ruhr. Das Ganze könnte helfen, das Energieproblem der Menschheit zu lösen und wäre gleichzeitig klimaneutral. Noch stehen wir vor ein paar kniffligen Problemen, aber in zehn Jahren sind die hoffentlich gelöst. Völlig abwegig ist unsere Idee nicht, schließlich findet die CO2-Spaltung auf dem Mars bereits statt, wenn auch nur in geringen Mengen. 

Und Ihr zweites Projekt?
Wir gründen gerade eine Firma, die reine Duftstoffe herstellt. Auf molekularer Ebene bestehen Duftstoffe normalerweise aus zwei Varianten, sogenannten Enantiomeren. Sie passen wie Bild und Spiegelbild zusammen, haben aber biologisch unterschiedliche Effekte. Das Bild kann zum Beispiel nach Minze riechen, das Spiegelbild nach Kümmel – zusammen ergibt das eine seltsame Mischung. In der industriellen Produktion werden daher reine Duftstoffe mit nur einem dieser molekularen Zwillinge angestrebt. Bis dato gelingt das nur mit aufwändigen Verfahren. Mithilfe unserer Patente lässt sich die Herstellung vereinfachen und verbilligen. Ich denke, dass wir noch in diesem Jahr anfangen können. Ich bin ja Grundlagenforscher, aber die Industriewelt kennenzulernen ist spannend.

© David Ausserhofer

Bei der Arbeit: Benjamin List leitet ein rund vierzigköpfiges Team von Forscherinnen und Forschern aus der ganzen Welt. Teamwork wird in der Arbeitsgruppe List großgeschrieben.

Den Nobelpreis haben Sie für die Entdeckung der asymmetrischen organischen Katalyse bekommen. Was macht das Verfahren so bedeutsam?
Die Katalyse als solche ist sehr, sehr wichtig für unser Leben. Nur ein Beispiel: Ohne das Haber-Bosch-Verfahren, diesen Klassiker der Katalyse, gäbe es keine Düngemittel. Wir wären dann keine acht Milliarden Menschen, sondern mangels ausreichender Ernährung vielleicht nur vier Milliarden. Ich halte die Katalyse für die wichtigste Menschheitstechnologie.  Insgesamt gab es schon einige Nobelpreise für die Katalyseforschung und fast alle waren sie für metallische Katalysatoren. Die haben leider auch Nachteile: Viele von ihnen sind teuer, selten und dazu noch giftig. Ich habe dann 1999 mit einem kleinen Molekül experimentiert, der Aminosäure Prolin, und entdeckt, dass sie nicht nur katalytisch wirkt, sondern auch noch gezielt das gewünschte Enantiomer erzeugt. Als ich das Anfang 2000 publizierte, war die Überraschung in der Fachwelt groß: Ein organisches Molekül, das im menschlichen Körper vorkommt, wirkt hochselektiv katalytisch – Wahnsinn! 

Sie teilen sich den Nobelpreis mit dem aus Schottland stammenden US-Forscher David MacMillan, der unabhängig von Ihnen zu ähnlichen Ergebnissen kam. Lag die Entdeckung in der Luft?
Im Nachhinein kann man das so sehen. David und ich wussten tatsächlich nichts voneinander. Die entscheidenden Entdeckungen hat jeder für sich 1999 gemacht. Als gleich mein erstes Prolin-Experiment klappte, dachte ich: Wow, das könnte etwas Großes werden. Dabei war die Idee an sich gar nicht so neu. Auch andere Chemiker hatten sich daran versucht. Als die ersten Versuchsergebnisse aus den 1960er- und 1970er-Jahren nicht wirklich verstanden wurden, verlor man das Interesse daran. David MacMillan und ich haben es dann auf eine andere Weise versucht und hatten Erfolg. Viele Chemiker rieben sich damals die Augen und fragten: Wie konnten wir das übersehen?

@ David Ausserhofer

Szene im Labor der Abteilung „Homogene Katalyse“ von Benjamin List am Mülheimer Max-Planck-Institut für Kohlenforschung.

Wird die Organokatalyse heute technisch eingesetzt?
Ja, in vielen Bereichen, unter anderem auch für die Herstellung von Medikamenten. Ein Beispiel ist Darunavir zur Behandlung von HIV. Der Wirkstoff, ein sogenannter Proteasehemmer, unterbindet bei infizierten Menschen die Vermehrung des Aidsvirus. Die Weltgesundheitsorganisation hat ihn in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel aufgenommen. 

Braucht es mehr öffentliches Geld für die Katalyseforschung?
Ja, das wäre gut angelegtes Geld. Derzeit rennen wir Künstlicher Intelligenz, Quanten- und Fusionstechnologien hinterher, weit abgeschlagen hinter den USA und China. Die Katalyse ist nicht so populär, aber eine große Chance für Deutschland. Wir haben eine lange Tradition auf dem Gebiet und viel Expertise im Land. 

Lassen Sie uns einen Blick zurückwerfen: Wie kam es, dass Sie Chemiker wurden?
Das begann, als ich elf Jahre alt war. Zusammen mit zwei Freunden hatte ich ein kleines Labor in einem Keller in Frankfurt eingerichtet, die nötigen Chemikalien kauften wir bei einem benachbarten Apotheker. Damals hatte ich noch keinen Chemieunterricht. Später hatte ich ein paar begnadete Lehrer, die mich bestärkten. Aber da war mein Interesse an dem Fach schon sehr groß und kein Lehrer hätte mich von dem Pfad abbringen können. 

Die GDNÄ hat eine eigene Jugendorganisation, die jGDNÄ. Gibt es etwas, das Sie jungen Leuten mit Interesse für die Naturwissenschaften raten?
Folgt Eurer Begeisterung! Lasst Euch nicht beirren, auch wenn die Eltern sagen: Ich sehe Dich als Anwalt oder Arzt. In den Naturwissenschaften gibt es gute Karrierechancen, sowohl im akademischen Bereich als auch in der Industrie. Die Welt hat erkannt, wie wichtig Forschung ist. Und es ist ein Glücksfall, wenn man sich dafür interessiert. Es macht diebische Freude, der Natur ein paar Geheimnisse entreißen zu können und damit vielleicht die Welt zu verändern. 

Am 19. September halten Sie bei der GDNÄ-Versammlung in Bremen den öffentlichen Nobel-Vortrag zum Thema „Organokatalyse für unsere Welt“. Welche Vorbildung braucht man, um Ihnen folgen zu können?
Interesse am Thema sollte ausreichen. Ich versuche, so allgemeinverständlich wie möglich zu sprechen. 

Was wollen Sie Ihrem Publikum mit auf den Weg geben?
Die Organokatalyse kann beides sein, Grundlagenforschung und Anwendung. Beides ist reizvoll und das möchte ich vermitteln. Und dabei auch ein bisschen für die Max- Planck-Gesellschaft werben. Ihre großartige Grundlagenforschung ist vielen bekannt, aber dass sie auch die erfolgreichste Gründerorganisation hierzulande ist, wissen längst nicht alle. Eine Botschaft hätte ich noch: Wichtig ist Enthusiasmus für das, was man tut. Egal, ob in der Forschung oder in anderen Lebensbereichen. 

Gestatten Sie zum Abschluss eine Frage zu einem besonderen Foto, das Sie mit verschränkten Beinen auf Ihren Händen stehend im Labor zeigt. Wie kam es dazu?
Das Bild ist ein paar Jahre vor dem Nobelpreis entstanden, bei einem Interview mit meiner Studienkollegin Catarina Pietschmann, die als freie Journalistin in Berlin arbeitet. Man muss gelegentlich in eine andere Richtung schwimmen, hatte ich in dem Gespräch gesagt, vielleicht auch mal auf dem Kopf stehen. So entstand die Idee mit dem Handstand in Lotuspose. Meine Frau war gerade im Labor, sie hat mich gehalten. Frei im Handstand stehen, das bringe ich allein noch nicht fertig. 

Sie praktizieren Yoga?
Ja, Yoga ist wichtig für mich, um frisch im Kopf zu bleiben. Ich mache das seit vielen Jahren so, täglich ein bis zwei Stunden und meistens ohne Anleitung. Inzwischen kann ich es ja ein wenig.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Henning Kretschmer

Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Benjamin List ist Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung und Nobelpreisträger für Chemie.

Zur Person

Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Benjamin List ist Chemiker und einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Dort leitet er die Abteilung für Homogene Katalyse. Außerdem ist er Professor für organische Chemie an den Universitäten Köln und Hokkaido.

Zur Welt kam Benjamin List am 11. Januar 1968 in Frankfurt am Main. Als Kind einer Familie von Wissenschaftlern und Künstlern verbrachte er seine Kindheit und Jugend mit seiner Mutter und zwei Brüdern. Sein Chemie-Studium an der Freien Universität Berlin schloss er 1993 mit dem Diplom ab. In Frankfurt am Main wurde er 1997 mit einer Arbeit über die Synthese eines Vitamin-B12-Semicorrins promoviert. 1997 ging Ben List, wie viele ihn nennen, in die USA, um bis 2003 am Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla zu forschen. Zurück in Deutschland leitete er von 2003 bis 2005 eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Dort arbeitet er seit 2005 als Direktor und Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft.

Benjamin List wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2016 mit dem höchstrangigen deutschen Forschungspreis, dem Leibniz-Preis. 2021 erhielt er gemeinsam mit dem gleichaltrigen David MacMillan den Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung der asymmetrischen Organokatalyse. 2022 verlieh der Bundespräsident ihm das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Frank Vinken/MPG

Handstand im Labor: So etwas macht Benjamin List nur für Fotografen. Das Bild entstand ein paar Jahre vor dem Nobelpreis; die Pose gelang mithilfe seiner Frau.

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XLAB Göttingen mit neuem Kommunikationszentrum

XLAB Göttingen mit neuem Kommunikationszentrum

Das Göttinger Experimentallabor für junge Leute hat Mitte April 2026 ein neues Begegnungszentrum mit integriertem Wohntrakt für Nachwuchsforscher eröffnet.

Der neue Gebäudekomplex erweitert das bestehende XLAB-Experimentallabor auf dem Campus der Universität Göttingen und erleichtert die Durchführung von mehrtägigen Kursen, Science Camps und anderen Bildungsformaten. Iniatorin des Projekts ist die Gründerin und Vorsitzende der XLAB-Stiftung, Professorin Eva-Maria Neher. Die Biochemikerin ist der GDNÄ seit vielen Jahren eng verbunden, unter anderem als deren Präsidentin in den Jahren 2015-2016.

 © Stefan Rampfel

Vor dem neuen XLAB-Begegnungszentrum (von links): Der niedersächsische Wissenschaftsminister Falko Mohrs, Göttingens Oberbürgermeisterin Petra Broistedt, XLAB-Gründerin Eva-Maria Neher und Universitätspräsident Axel Schölmerich.

„Mit dem Begegnungszentrum wird ein lange verfolgter Wunsch Wirklichkeit“, sagte Neher bei der Eröffnung am 15. April 2026, zu der Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs, die Göttinger Oberbürgermeisterin Petra Broistedt und Axel Schölmerich, der Interims-Präsident der Universität Göttingen gekommen waren. Schölmerich dankte insbesondere Eva-Maria Neher für ihr langjähriges Engagement und die große Energie, die sie kontinuierlich in das XLAB und das neue Gästehaus einbringe.

Jährlich besuchen bis zwölftausend Schülerinnen und Schüler das XLAB. Bei mehrtägigen Veranstaltungen waren viele von ihnen auf Hotels oder Jugendherbergen angewiesen, was den Austausch untereinander erschwerte. Bessere Voraussetzungen schafft das neue Begegnungszentrum. In zwei markanten Türmen bietet es nicht nur XLAB-Gästen Platz, sondern auch Gastprofessoren, Promovierenden und Lehrkräften. Eva-Maria Neher: „Hier können junge Menschen Wissenschaft nicht nur im Labor erfahren, sondern auch im Dialog miteinander und mit den Forschenden.“

Die Anfänge des Projekts reichen bis ins Jahr 2006 zurück. Anfangs rechnete man mit Baukosten von 4,4 Millionen Euro, daraus wurden am Ende 8,1 Millionen Euro. Davon trugen der Bund und das Land Niedersachsen rund sechs Millionen Euro, den restlichen Anteil übernahm die XLAB-Stiftung.

Das XLAB zählt zu den größten Schülerlaboren Deutschlands im MINT-Bereich. In den Fächern Physik, Chemie, Biologie, Mathematik und Informatik bietet es praxisnahe Experimentalkurse für Schulklassen, vertiefende Programme für besonders interessierte Jugendliche und Fortbildungen für Lehrkräfte an. Seit vielen Jahren fördert das XLAB erfolgreich den Dialog zwischen Schule und Wissenschaft.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© Stefan Rampfel

Der Neubau bietet Nachwuchsforschern eine Bleibe auf dem Göttinger Unicampus. Er soll auch zum Austausch untereinander und mit Wissenschaftlern und Lehrkräften anregen

Weitere Informationen: