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  • Rainer Blatt: Die Quantentechnologie entwickelt sich stürmisch

    „Die Quantentechnologie entwickelt sich stürmisch“

    Für seine Leistungen auf dem Gebiet der Quantenphysik erhält Anton Zeilinger den Physiknobelpreis 2022. Wie Österreich zu einem Hotspot dieser Forschungsrichtung wurde und wie man jetzt in Deutschland aufholen will, schildert in diesem Interview Professor Rainer Blatt. Er ist vielen GDNÄ-Mitgliedern durch seine Vorträge und Publikationen bekannt und arbeitet seit Langem eng mit Anton Zeilinger zusammen. 

    Herr Professor Blatt, wie viele Interviews haben Sie seit Anfang Oktober gegeben?
    Es werden fünf oder sechs gewesen sein. Die Anfragen kamen von nationalen und internationalen Agenturen und Zeitungen. 

    Um was ging es in den Gesprächen?
    Anlass war natürlich der Nobelpreis für die Quantenforschung, der meinem Kollegen Anton Zeilinger zusammen mit dem Franzosen Alain Aspect und dem US-Amerikaner John Clauser zugesprochen wurde. Das Themenspektrum reichte von Fragen der Grundlagenforschung bis zu meiner Verbindung zu Anton Zeilinger.  

    Das interessiert auch uns: Wie lange kennen Sie Anton Zeilinger und was verbindet Sie beide?
    Wir kennen uns seit 35 Jahren und haben bald nach meiner Ankunft an der Universität Innsbruck im Jahr 1995 mit unserer Zusammenarbeit begonnen. Uns verbindet die quantenphysikalische Forschung, wobei sich unsere Ansätze unterscheiden, aber gut ergänzen. Anton Zeilinger widmet sich den Grundlagen der Quantenmechanik und arbeitet mit Photonen, ich habe mich auf Atome und Ionen spezialisiert und nehme stärker die Anwendungen in den Blick. Zusammen gründeten wir mit Peter Zoller und weiteren Kollegen im Jahr 2003 in Innsbruck das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation, kurz: IQOQI. Unser Vorbild war das berühmte JILA, ein US-Institut für Atomphysik und Astrophysik in Boulder, Colorado. Dort hatten Peter Zoller und ich wunderbare Forschungsaufenthalte verbracht. Zurück in Österreich konnten wir die hiesige Akademie der Wissenschaften für den Aufbau einer ähnlichen Institution in unserem Land gewinnen. Inzwischen hat sich das IQOQI, das kann man ohne Übertreibung sagen, zu einem Leuchtturm der Forschung entwickelt.

    Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI). © IQOQI/M.R.Knabl

    © IQOQI/M.R.Knabl

    Exklusive Lage den Tiroler Alpen: das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI).

    Wie können wir uns das Institut vorstellen?
    Wir arbeiten an zwei Standorten: Hier in Innsbruck forschen inzwischen mehr als 200 Wissenschaftler aus über 20 Ländern, ähnlich groß und international ist das Team um den Leiter Markus Aspelmeyer in Wien. Trotz unterschiedlicher Forschungsschwerpunkte arbeiten wir eng zusammen und unsere Arbeitsgruppen treffen sich regelmäßig, um sich auszutauschen. In den ersten Jahren habe ich das Institut als Gründungsdirektor geleitet, seither fungiere ich als wissenschaftlicher Direktor. 

    Könnte man das IQOQI demnach als Keimzelle für den Quantenphysik-Nobelpreis 2022 bezeichnen?
    Durchaus. Zwar sind viele der mit dem Preis gewürdigten Arbeiten bereits vor der Gründung des Instituts entstanden, das IQOQI hat jedoch die Sichtbarkeit der Quantenphysik in Österreich sehr befördert.  

    Welche Bedeutung hat die Auszeichnung für Ihr Fachgebiet in Österreich?
    Der Nobelpreis ist auch eine Anerkennung für die immense Aufbauleistung der letzten 25 Jahre. Sie hat dazu geführt, dass in der Quanteninformation hierzulande eine kritische Masse entstanden ist. Mit seinen Pro-Kopf-Ausgaben für diesen Bereich ist Österreich weltweit führend. Dafür gesorgt haben unsere Förderagenturen, allen voran der Wissenschaftsfonds FWF, das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und die Österreichische Akademie der Wissenschaften – ihnen gilt unser ganz besonderer Dank. 

    Wie steht es um die praktische Anwendung der Forschungsergebnisse, etwa im Bereich Quantencomputer?
    Es gibt erste Prototypen, die mit einigen zehn Quantenbits, sogenannten Qubits, rechnen können. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt, dass ein Quantencomputer im Prinzip schon mit fünfzig Qubits die Leistungsfähigkeit eines heutigen Supercomputers erreichen kann. Voraussetzung ist allerdings, dass die Quantenrechnungen sich beliebig lange fortsetzen lassen und dabei keinerlei Fehler passieren. Davon sind wir noch weit entfernt, doch an Fehlerkorrektur und Skalierbarkeit wird derzeit weltweit intensiv gearbeitet. Überhaupt entwickelt sich das Feld stürmisch, das Potenzial ist extrem groß und viele junge Leute mit frischen Ideen stoßen neu hinzu.

    Labor im Innsbrucker Institut für Quantenoptik und Quanteninformation © IQOQI/M.R.Knabl

    © IQOQI/M.R.Knabl

    Blick in ein Labor im Innsbrucker Institut für Quantenoptik und Quanteninformation.

    Oft heißt es, dass Quantencomputer mit gigantischen Rechenleistungen klassische Computer schon bald ganz verdrängen werden. Sehen Sie das auch so?
    Nein, denn Quantencomputer eignen sich besonders gut für die Lösung von speziellen Problemen, zum Beispiel für die Berechnung der Quanteneigenschaften von Materialien, was in der Chemie sehr wichtig ist und wofür heute rund die Hälfte der weltweiten Rechenleistung verbraucht wird. Klassische Computer benötigen für solche Operationen sehr viel mehr Speicherkapazität als Quantencomputer. Übrigens wies schon in den 1980er-Jahren der US-Nobelpreisträger Richard Feynman darauf hin, dass es doch sehr viel sinnvoller sei, für solche Aufgaben Computer zu verwenden, die mit Quanteneigenschaften rechnen und somit das Quantenverhalten automatisch berücksichtigen, als dies auf einem klassischen Rechner kompliziert zu programmieren. Klassische Computer werden weiterhin Standardberechnungen und Routinearbeiten durchführen und haben ihre Berechtigung, wenn es zum Beispiel um Big-Data-Anwendungen geht, etwa in der Klimaforschung. Hier gelten die Regeln der klassischen Mechanik, das ist nicht das Terrain der Quantenrechner.

    Mit zwei Milliarden Euro fördert die Bundesregierung die Entwicklung von Quantencomputern „Made in Germany“. Bayern legte noch einmal 300 Millionen Euro drauf und startete Anfang 2022 das ehrgeizige Projekt „Munich Quantum Valley“, in dem auch Sie sich engagieren. Was passiert da gerade?
    Es geht darum, die Quantentechnologie insgesamt sowie wettbewerbsfähige Quantencomputer in Bayern zu entwickeln und zu betreiben. Die beiden Münchner Universitäten und die Universität Erlangen-Nürnberg beteiligen sich, dazu die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Im Munich Quantum Valley mit seinen gut 350 Mitarbeitern laufen die Fäden zusammen. Derzeit bauen wir Quantencomputer auf drei unterschiedlichen Plattformen auf. Schon jetzt setzt das Projekt international Maßstäbe. Ich widme ihm als Berater und Koordinator inzwischen die Hälfte meiner Arbeitszeit.

    Das Munich Quantum Valley hat sich vorgenommen, die Öffentlichkeit über aktuelle Themen der Quantenforschung zu informieren. Eine gute Idee?
    Ich halte das für extrem wichtig. Die wissenschaftliche Arbeit und die Forscher werden von der Gesellschaft bezahlt, das Forschungsumfeld wird von ihr bereitgestellt – also haben wir auch die Pflicht zu erklären, was und wofür wir das tun.

    Wie gehen Sie dabei vor? Leichte Kost ist die Quantenphysik ja nicht gerade.
    Ich nehme die Leute ernst und versuche, sie dort abzuholen, wo sie gerade sind. Was ich sage, muss nicht wissenschaftlich klingen. Es sollte die Dinge so einfach wie möglich auf den Punkt bringen, darf aber nicht falsch sein. Ich benutze gern Bilder, Analogien und Beispiele. Und manchmal zitiere ich meine Mutter mit einem ihrer Lieblingssätze: „Von nix kommt nix“. Da sind wir dann mitten in der Physik und schnell bei meinen Themen.

    Rainer Blatt, Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck. © C. Lackner

    © C. Lackner

    Rainer Blatt, Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck.

    Zur Person

    Rainer Blatt ist seit 1995 Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck und seit 2003 wissenschaftlicher Direktor am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Der 1952 in Idar-Oberstein geborene Forscher studierte in Mainz Mathematik und Physik. Seine akademische Laufbahn führte ihn anschließend nach Berlin, Hamburg und Göttingen. Prägend für seine Arbeit waren Forschungsaufenthalte am Joint Institute of Laboratory Astrophysics in Boulder/Colorado bei John L. Hall, der 2005 den Physiknobelpreis erhielt.

    Für seine Leistungen auf dem Gebiet der Quantenphysik erhielt Professor Blatt viele Auszeichnungen, darunter 2016 den International Quantum Communication Award und 2019, gemeinsam mit Anton Zeilinger und Peter Zoller, den Preis der chinesischen Micius Quantum Foundation. Seit 2021 koordiniert der Deutsch-Österreicher zusätzlich zu seiner Arbeit in Innsbruck das Munich Quantum Valley, eine Initiative zum Ausbau der Quantenwissenschaften in Bayern. 2021 wurde Rainer Blatt auch zum Ehrenprofessor der Technischen Universität München ernannt sowie zum auswärtigen Mitglied des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in Garching bei München berufen. Der GDNÄ ist Professor Blatt seit Jahren als Gastredner und Autor verbunden.

     

    Zur Vertiefung

    Für die Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der GDNÄ hat Rainer Blatt einen Beitrag über Quantencomputer verfasst („Mit Quanten muss man rechnen“). Der Innsbrucker Physikprofessor beschreibt darin den aktuellen Stand der Forschung und stellt die Arbeit seines Teams an der Universität Innsbruck vor.

    >> „Mit Quanten muss man rechnen“ aus der Festschrift zum GDNÄ-Jubiläum (PDF)

    Bei der 130. Versammlung in Saarbrücken 2018 hielt Professor Blatt einen Vortrag zum Thema „Quantenphysik – Rechenkunst mit Quantenphysik“:

    >> zum Vortrag von Professor Blatt

    Weitere Informationen:

    Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim mit Lorenz-Oken-Medaille geehrt

    AUSGEZEICHNET

    Mai Thi Nguyen-Kim mit Lorenz-Oken-Medaille geehrt

    Für ihre außergewöhnlichen Leistungen in der Vermittlung von Wissenschaft – auch an Zielgruppen, die sonst wenig Zugang zu Wissenschaft haben – zeichnet die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) Mai Thi Nguyen-Kim mit der Lorenz-Oken-Medaille aus. Als Wissenschaftsjournalistin, Fernsehmoderatorin, Chemikerin, Autorin und YouTuberin erreicht Nguyen-Kim Millionen Menschen. Verliehen wurde die Ehrung im Rahmen des Forums Wissenschaftskommunikation am 5. Oktober 2022 in Hannover.
    Mai Thi Nguyen-Kim © David Ausserhofer/Wissenschaft im Dialog

    © David Ausserhofer/Wissenschaft im Dialog

    Medaille und Urkunde: Die Preisträgerin mit GDNÄ-Präsident Martin Lohse (links) und GDNÄ-Schatzmeister und Generalsekretär Professor Michael Dröscher.
    Die Vermittlung von Wissenschaft erfordert gerade in Zeiten von Desinformation und Fake News neue Ansätze. Mit ihren Formaten in sozialen Medien, Fernsehen und Hörfunk spricht Dr. Mai Thi Nguyen Kim insbesondere junge Menschen an sowie Zielgruppen, die bisher keinen Zugang zu fundierten Informationen aus der Wissenschaft hatten. Als promovierte Chemikerin vermittelt sie Forschungsthemen hochkompetent und breitenwirksam und erreicht mit ihrem YouTube-Kanal maiLab mehr als 1,4 Millionen Abonnenten. Nguyen-Kim trägt wesentlich zum Meinungsbildungsprozess in der Gesellschaft bei und steht damit in der Tradition von Lorenz Oken, der die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte im Jahre 1822 gründete, um den freundschaftlichen Austausch zwischen Naturforschern und Ärzten sowie zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern.
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    Per Video zugeschaltet: Mai Thi Nguyen-Kim auf der Festversammlung 2022 in Leipzig.

    Der Präsident der GDNÄ, Professor Martin Lohse, sagte in Hannover: „Mit ihrem erfolgreichen Einsatz für die Kommunikation zwischen Wissenschaft und insbesondere jungen Menschen ist Mai Thi Nguyen-Kim eine würdige Trägerin der Lorenz-Oken-Medaille.“ Die Ehrung erfolgte im Rahmen des Forums Wissenschaftskommunikation am 5. Oktober in Hannover. Die Laudatio hielt der Präsident der Universität Göttingen, Professor Metin Tolan. Die Preisträgerin antwortete mit einen Impulsvortrag über die Bedeutung der sozialen Medien in der Wissenschaftskommunikation.
    Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

    © David Ausserhofer/Wissenschaft im Dialog

    Die Laudatio hielt Professor Metin Tolan, Physiker, Präsident der Universität Göttingen und Communicator-Preisträger.
    Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

    © David Ausserhofer/Wissenschaft im Dialog

    Preisträgerin Mai Thi Nguyen-Kim am 5. Oktober 2022 in Hannover.

    Zur Person

    Mai Thi Nguyen-Kims Eltern stammen aus Vietnam. Ihr Vater ist Chemiker und arbeitete bei der BASF. Nach dem Abitur studierte sie Chemie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und absolvierte einen Forschungsaufenthalt am Massachusetts Institute of Technology. Während ihres Studiums war sie Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. 2017 wurde sie über ein Thema aus der Polymerchemie an der Universität Potsdam promoviert. In ihrer Promotionszeit an der RWTH Aachen und der Universität Potsdam verbrachte Nguyen-Kim ein Forschungsjahr an der Harvard University und am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung.

    Im Jahr 2015 startete sie den YouTube-Kanal The Secret Life of Scientists, um Stereotype über (Natur-)Wissenschaftler infrage zu stellen und einem jungen Publikum naturwissenschaftliche Themen zu vermitteln. Im Oktober 2016 ging ihr YouTube-Kanal schönschlau online. Zeitweise moderierte sie den Kanal Auf Klo und Lernvideos für die Fächer Chemie und Mathematik im Format musstewissen. Ihr Kanal schönschlau wurde 2018 in maiLab umbenannt. Nguyen-Kim ist Moderatorin im Wissenschaft-im-Dialog- Projekt Die Debatte und gehört mit Harald Lesch, Jasmina Neudecker und Suzanna Randall zum Team von Terra X Lesch & Co. Von 2018 bis 2021 war sie im Moderatorenteam der Sendung Quarks.

    Nguyen-Kim veröffentlichte zwei Bücher: Komisch, alles chemisch! (2019) und mit Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit (2021) einen Titel, der noch im Erscheinungsmonat Platz eins der Spiegel- Bestsellerliste eroberte.

    200-Jahr-Feier der GDNÄ: ein glanzvolles Fest der Wissenschaften

    200-Jahr-Feier der GDNÄ: ein glanzvolles Fest der Wissenschaften

    von Prof. Dr. Michael Dröscher, Schatzmeister und Generalsekretär

    Wie vital und zukunftsfähig die fachübergreifende Forschergesellschaft bis heute ist, stellte sie bei ihrer 200-Jahr-Feier am Gründungsort Leipzig unter Beweis. Es war ein prachtvolles Fest der Wissenschaften, das die Gesellschaft Deutscher Naturwissenschaftler und Ärzte (GDNÄ) vom 8. bis 11. September 2022 in der schönen Atmosphäre der Leipziger Kongresshalle am Zoo unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ausrichtete. Rund 800 GDNÄ-Mitglieder und Gäste, darunter mehr als 200 Schülerinnen und Schüler sowie Studierende, waren gekommen, um den Geburtstag der Gesellschaft mit einem hochkarätigen Programm zum Thema „Wissenschaft im Bild“ zu feiern. 

    Im Jahr 1822 von freisinnigen Köpfen in Leipzig auf Einladung von Lorenz Oken gegründet, hat sich die GDNÄ im Laufe ihrer 132 Versammlungen vom Treffen der naturwissenschaftlich-medizinischen Elite Europas hin zu einem Austausch hochrangiger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit an den Naturwissenschaften interessierten Menschen entwickelt. In den allgemeinverständlichen Vorträ- gen aus Chemie, Physik, Biologie, Informatik und Medizin zeigte sich, wie interdisziplinär Wissenschaft heute ist und sein muss.

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Beim Festabend nach dem ersten Versammlungstag: Michael Dröscher begrüßt die Gäste mit launigen Worten (hinter ihm v.l.n.r.: Ronald Werner, Jörg Junhold, Martin Lohse).

    Zur besonderen Feier des Jubiläums war das Programm nicht nur auf vier Tage ausgedehnt, sondern bot den Teilnehmern auch eine wissenschaftliche Ausstellung mit Mitmachaktivitäten und eine deutli- che Ausweitung des Schülerprogramms. Die Schülerinnen, Schüler und Studierenden nahmen nicht nur am kompletten wissenschaftlichen Programm teil. Sie bestritten durch ihre Fragen an die Wissen- schaft wesentliche Programmpunkte mit, gestalteten einen begeistert aufgenommenen Science Slam, nahmen die Gelegenheit zur Studienberatung wahr und tauschten sich freimütig mit Rednern und Gästen aus.

    Der Eröffnungstag stand im Zeichen der Festsitzung, eingestimmt und umrahmt vom Albero-Streich- quartett mit Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Maurice Ravel und Ludwig van Beethoven.

    GDNÄ-Präsident Professor Martin Lohse und der örtliche Geschäftsführer und Gastgeber Zoodirektor Professor Jörg Junhold eröffneten die Festsitzung in der Kongresshalle. Mit den Worten „Die GDNÄ steht für Austausch und Offenheit“, begrüßte die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bettina Stark-Watzinger, die Festgesellschaft in ihrer Videobotschaft. Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler wies in seinem Grußwort auf die enge Verbindung Sachsens mit der GDNÄ hin, die zum neunten Mal im Freistaat tagte und hob die Förderung des Dialogs der Wissenschaft und der Öffentlichkeit heraus. Auf die große Bedeutung des Wissenschaftsstandorts Leipzig wies Bürgermeister Professor Thomas Fabian hin.

    Die GDNÄ lebt vom Engagement ihrer Mitglieder. Deshalb verleiht sie alle zwei Jahre die Alexander von-Humboldt-Medaille für besondere Beiträge zur Entwicklung der Gesellschaft. Im Rahmen der Festsitzung ehrte sie Professor Joachim Treusch für seine Verdienste als Vorstandsmitglied, Präsident und langjähriger Begleiter des Vorstands. In ihrer Laudatio sagte Professorin Eva-Maria Neher: „Unser heutiger Laureat, Joachim Treusch, gehört mit Alexander von Humboldt zu den ‚Weitblickern‘, die nicht nur die GDNÄ gestaltet, sondern mit und als Teil von ihr die Wissenschaften geprägt, die Kommunikation in die Gesellschaft vorangetrieben und die Politik maßgeblich überzeugt haben, Innovationen und Veränderungen zu fördern.“ Die Medaille würdigt insbesondere den Beitrag des Preisträgers zur Umsetzung des Schülerprogramms und seine Verknüpfung der Gesellschaft mit den Netzwerken der Wissenschaft. Als Gründungspräsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Senatsmitglied der Leopoldina und Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften hat Professor Treusch viele Verbindungen zur GDNÄ mitgestaltet.

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Schülerinnen und Schüler umringen Physik-Nobelpreisträger Reinhard Genzel nach seinem Vortrag „Eine 40-jährige Reise zum Zentrum der Milchstraße“.

    Im Mittelpunkt der Festsitzung stand der Austausch von Schülerinnen und Schülern mit der Wissenschaft. Rund 200 Teilnehmer des mit Stipendien geförderten Schülerprogramms, das zum wiederholten Mal unter der kompetenten Leitung von Studienrat Paul Mühlenhoff stand, hatten sich in Vorbereitungstreffen auf Kernfragen zum Thema „Wir haben nur eine Welt“ an die Wissenschaft geeinigt. Drei der sechs Fachgebietsgruppen stellten ihre Fragen bei der Eröffnungsfeier auf dem Podium vor. Eingeführt wurde das Thema durch eine Videobotschaft von Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Sie erhält am 5. Oktober 2022 im Rahmen des Forums Wissenschaftskommunikation in Hannover die Lorenz-Oken-Medaille der GDNÄ, um ihre Verdienste für die Kommunikation von Wissenschaft in die Gesellschaft zu würdigen.

    Im Fachgebiet Biologie diskutierten junge Leute die Frage „Wie müsste eine Alge verändert und eingesetzt werden, um möglichst schnell, praktikabel, zuverlässig und risikofrei Treibhausgase, wie das atmosphärische und im Meerwasser gelöste CO2, in nutzbares organisches Material umzuwandeln und wie könnte das technisch realisiert werden?“ mit Professorin Antje Boetius, der Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. „Was halten Sie für notwendig, um Individualmedizin für jeden Menschen zeitnah realisieren zu können?“ – so lautete die Frage des Medizin-Teams an Professor Patrick Cramer, ab 2023 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. „Wie realisiert die Wissenschaft die perfekte Stadt von morgen?“ wurde Professor Johann-Dietrich Wörner, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, von der Fachgruppe Technik/Ingenieurwissenschaften gefragt. Das von Martin Lohse moderierte Gespräch findet sich, ebenso wie alle Vorträge auf dem Videokanal der Gesellschaft.

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Der Vortrag des Physik-Nobelpreisträgers Professor Reinhard Genzel lockte viele Leipzigerinnen und Leipziger in die Kongresshalle am Zoo.

    Ebenfalls auf der großen Bühne präsentierten drei weitere Schülergruppen ihre Fragen am nächsten Tag im Rahmen der Biologie-Session. Vizepräsident Professor Heribert Hofer moderierte die zweite Runde. „Muss die Chemie Plastik neu erfinden, um die Vorteile zu erhalten sowie die bekannten Nach- teile zu eliminieren und kann die Wissenschaft bereits vorhandenen Plastikmüll beseitigen und dies ökonomisch attraktiv gestalten?“, wurde Professor Michael Buchmeiser, Direktor des Instituts für Polymerchemie der Universität Stuttgart, gefragt. Die Frage der Mathematik/Informatik-Gruppe „Wie kann die Informatik trotz fortschreitender Digitalisierung den Energie- und Ressourcenverbrauch der Datenspeicherung und Kommunikation auf ein Minimum reduzieren?“ richtete sich an Professor Wolfgang Wahlster, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Auf die von der Physik-Gruppe gestellte Frage zur Wissenschaftskommunikation „Wie kann die Wissenschaft es erreichen, die dringendsten Probleme so verständlich zu kommunizieren, dass sie zu direkten Handlungen führt?“ antwortete Professorin Katharina Kohse-Höinghaus, Universität Bielefeld.

    Zurück zur Festsitzung: Bilder und Reisen war das Thema des Podiums im zweiten Teil. Präsident Lohse führte in das Tagungsthema ein. „Alle Wissenschaften streben danach, genaue Bilder zu er- zeugen. Sie nutzen dafür künstliche ebenso wie natürliche Intelligenz, den großen Instrumentenkasten der Informatik, ausgeklügelte Methoden der Physik und eigens konzipierte Bausteine der Chemie. Um etwa die Moleküle des Lebens immer exakter abzubilden werden optimierte Farbstoffe und Markierungsstrategien, komplexe Licht- und Elektronenmikroskope, effiziente Algorithmen und einleuchtende Visualisierungen gebraucht. Impulse für die Podiumsdiskussion gaben Professor Oliver Lubrich, Universität Bern, zu „Alexander von Humboldts Bilder der Wissenschaft“, Professorin Antje Boetius mit einem Bericht über die MOSAiC-Expedition, die zusätzlich durch Bilder in der Ausstellung dokumentiert wurde, sowie Professor Günther Hasinger, European Space Agency, mit seinem Blick auf Schwarze Löcher und das Schicksal des Universums.

    Mit einem Glas Sekt in der Hand eröffneten Professor Jörg Junhold und Dr. Ronald Werner, der Vertreter der Sächsischen Staatsregierung, den Festabend im Konzertgarten des Zoos. Mit Musik vom Alberto Quartet und einem Flying Buffet wurde gebührend gefeiert.

    Aber nicht nur das. Um 19.30 Uhr war im Weißen Saal „Wissenschaft in 5 Minuten“ angesetzt. Dieses Format fand zum dritten Mal statt, immer moderiert von Vizepräsident Professor Heribert Hofer. Vor vollem Saal traten 13 junge Menschen, einzeln oder in Teams, an. Mit ihren Themen „Alkylpolyglucoside und Konservierungsstoffe mal anders“, „Geschlecht in der Medizin“, „Einsatz von Lehm im kommerziellen Bauwesen – ein signifikanter Beitrag zu Wegen aus der Klimakrise“, „Fullerene und der medizinische Einsatz“, „Wird KI unsere Welt übernehmen?“, „Warum lässt sich aus zwei kollidierenden Blöcken die Zahl Pi berechnen?“, „Spannung oder Strom, was ist der Killer?“, „Wie können tonnenschwere Maschinen fliegen?“, „Das Periodensystem der Elemente – tödlicher als Du denkst“ sowie „Interstellare Reisen“ konnten die jungen Rednerinnen und Redner das Publikum so begeistern und zu Beifallstürmen hinreißen, dass es am Ende 5 erste und 5 zweite Plätze gab, die mit jeweils 200 beziehungsweise 100 Euro belohnt wurden.

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Gut besucht, gern genutzt: Die Studienberatung durch ausgewiesene Experten am Samstag, 10. Oktober.

    Der zweite Tag begann mit der von Professorin Tina Romeis geleiteten Biologie-Session. Verborgenen Wildtieren tropischer Regenwälder war Dr. Andreas Wilting auf der Spur, während Professor Markus Sauer in die „Neuesten Entwicklungen der Super-Resolutions-Mikroskopie“, einführte.

    Der Wissenschaftsmarkt war am Freitag und Samstag von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Er bot nicht nur interessante Einblicke, etwa in die MOSAiC-Ausstellung „Into the Ice“ und die Ausstellung „Faszination Wissenschaft“ der Fotografin Herlinde Koelbl, sondern auch Mitmachaktivitäten. Vertreten waren das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (Forschungsstätte von Professor Svante Pääbo, Medizin-Nobelpreisträger 2022), die Leibniz-Institute für Photonische Technologien, Jena, Troposphärenforschung und Länderkunde, beide aus Leipzig, sowie das Leipziger Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften. Der Archivar der Gesellschaft, Dr. Matthias Röschner, hatte einige besonders interessante Stücke aus dem GDNÄ-Archiv im Deutschen Museum mitgebracht.

    Im acatech „Science and Technology Café“ lud Privatdozent Marc-Denis Weitze in der Mittagspause zum Thema „In welcher Welt wollen wir leben/Wissenschaft für morgen“ ein. Parallel dazu moderierte Lilo Berg ein Gespräch zur Geschichte der GDNÄ mit Professor Dietrich von Engelhardt und dem Archivar Dr. Matthias Röschner.

    Der Nachmittag begann im Rahmen der von Professor Wolfgang Lubitz geleiteten Chemie-Session mit der Verleihung der Liebig-Denkmünze der Gesellschaft Deutscher Chemiker durch den GDCh-Präsidenten Dr. Karsten Danielmeier an Professorin Claudia Felser, Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe. Die Laudatorin, Professorin Barbara Albert, Rektorin der Universität Duisburg-Essen, lobte die Preisträgerin als Visionärin der festen Materialien. In ihrem Vortrag berichtete Claudia Felser über „Chiralität und Topologie“. Beiträge zur NMR-unterstützten Strukturbiologie von Professor Bernd Reif, Einblicken in die molekulare Architektur von Zellen durch Professor Wolfgang Baumeister und Begegnungen mit Nanomaschinen bei der Arbeit, vermittelt durch Professor Helmut Grubmüller, vollendeten die Chemie-Session.

    Der öffentliche Abendvortrag des Physik-Nobelpreisträgers Reinhard Genzel über seine 40-jährige Reise zum Zentrum der Milchstraße lockte außer den Tagungsteilnehmern auch viele Bürgerinnen und Bürger aus Leipzig an. Professor Genzel nahm sich nach dem Vortrag viel Zeit, um mit den Schülerinnen und Schülern zu sprechen. Anschließend strömten die Tagungsteilnehmer zur Nikolaikirche, um Werke von Georg Phillip Telemann, Johann Sebastian Bach, Max Reger und Richard Wagner zu hören. Unter der Leitung des Universitätsmusikdirektors David Timm (Orgel) musizierten Viktorija Kaminskaite (Gesang), Alexander Bernhard (Trompete) und Reiko Brockelt (Altsaxophon). Zwischen den Musikstücken erläuterte Superintendent Sebastian Feydt die Bedeutung der Nikolaikirche für die Friedliche Revolution 1989.

    Nach der frühen GDNÄ-Mitgliederversammlung begann der Samstagmorgen mit der von Professor Thomas Elsässer geleiteten Physik-Session. Mit Bildern aus der Nanowelt, zeitaufgelöster Röntgenkristallografie und der Vielfalt der extrasolaren Planeten beindruckten Professor Roland Wiesendanger, Professorin Petra Fromme und Professorin Heike Rauer die Zuhörer.

    Das Thema des gut besuchten acatech „Science and Technology Cafés“ in der Mittagspause war die Digitalisierung der Medizin. Gleichzeitig ließen sich die Schülerinnen und Schüler in großer Zahl von den Mitgliedern des Vorstandsrats der GDNÄ über die Studienmöglichkeiten in den Naturwissenschaften, in Informatik, Medizin und Veterinärmedizin beraten.

    Der Nachmittag war Themen aus Technik und Informatik gewidmet und stand unter Leitung von Professor Johannes Buchmann. Professor Stefan Roth berichtete über Bildanalysen und das Bildverstehen für das autonome Fahren und Professor Christian Theobalt über Maschinelles Lernen in Computergrafik und Bilderkennung. Mit dem Thema Echtzeit-Strahlverfolgung für die fotorealistische Visualisierung schloss Professor Philipp Slusallek den Informatikteil ab.

    Zum darauf folgenden öffentlichen Leopoldina-Vortrag von Markus Gross, Informatikprofessor an der ETH Zürich und Direktor von Disney Research, über computergenerierte Hollywood-Filme mit beindrucken- den Bildern und Technologien strömten erneut viele Bürgerinnen und Bürger Leipzigs in die Kongresshalle am Zoo.

    Nach dem Vortrag waren die Referentinnen und Referenten von Oberbürgermeister und Zoodirektor in das Gondwanaland des Zoos zu einem Abend in tropischer Umgebung eingeladen.

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Magnetresonanztomografie in Echtzeit: Professor Jens Frahm zeigte faszinierende Aufnahmen, darunter Innenansichten eines Hornisten.

    Der Sonntag war der Medizin gewidmet, eingeführt von Professor Jürgen Floege. Den Auftakt machte Professor Jens Frahm mit beeindruckenden Bildern der Echtzeit-Magnetresonanz-Tomografie. Künstler beim Trompetespiel und Singen von innen betrachten zu können war beeindruckend.

    Anschließend stand die neue RNA-Medizin im Mittelpunkt. Professor Jörg Vogel, Professor Lorenz Meinel und Professorin Stefanie Dimmeler führten in das Gebiet ein und diskutierten über künftige Entwicklungen zusammen mit GDNÄ-Präsident Professor Martin Lohse.

    Der Präsident dankte zum Abschluss den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die von nah und fern angereist waren, den Sprecherinnen und Sprechern sowie den Podiumsgästen, den Mitgliedern des Vorstands und des Vorstandsrats sowie den lokalen Teams von Zoo und Kongresshalle um Professor Jörg Junhold. Er hob den großen Einsatz derjenigen hervor, die bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Tagung geholfen haben. Er dankte insbesondere den Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle, Frau Landeck und Frau Diete, die von den Teilnehmern mit großem Beifall bedacht wurden.

    Der Dank des Präsidenten galt darüber hinaus der Stadt Leipzig und dem Land Sachsen für ihre Gastfreundschaft, dem Superintendenten der Nikolaikirche, Sebastian Feydt, sowie den Musikern des Jubiläumskonzerts, den Schülerinnen und Schülern um Studienrat Paul Mühlenhoff, dem Team Instagram aus Stuttgart um Professor Alexander Mäder, dem Archiv der GDNÄ um Matthias Röschner und allen Ausstellern im tagungsbegleitenden „Markt der Wissenschaften“, dem Autorenteam der Festschrift um Lilo Berg und Thomas Liebscher sowie allen Förderern, Spendern und Stiftern.

    Die nächste Versammlung der GDNÄ wird im September 2024 in Potsdam stattfinden, dann unter der Leitung des Berliner Zoologen Professor Heribert Hofer.

    Alle Vorträge wurden im Livestream übertragen und stehen über www.gdnae.de als Video zur Verfügung. Eine Fotogalerie, das Versammlungs-Tagebuch und viele weitere Beiträge auf der Website erinnern an die glanzvolle 200-Jahr-Feier der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte im September 2022 in Leipzig.

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Das Jubiläumskonzert in der Nikolaikirche – ein unvergessliches Erlebnis zum Abschluss des zweiten Versammlungstages.

    Weitere Informationen:

    200 Jahre GDNÄ Rückblick auf die Jubiläumsversammlung 2022

    200 Jahre GDNÄ

    Rückblick auf die Jubiläumsversammlung 2022

    Jetzt ist es vorüber, das glanzvolle Fest der Wissenschaften, das wir in der prächtigen Atmosphäre der Leipziger Kongresshalle am Zoo feiern konnten. Es waren vier Tage voller anregender Begegnungen und Veranstaltungen. Nach mehr als zwei Jahren Corona-Pause konnten wir, ganz  im Sinne der Gründer unserer Gesellschaft, endlich wieder persönlich zusammenkommen.

    Prominente Redner und Diskussionsteilnehmer stellten das Thema „Wissenschaft im Bild“ aus ihren unterschiedlichen Perspektiven dar. Es zeigte sich, wie interdisziplinär Wissenschaft heute ist und sein muss: Alle Wissenschaften streben danach, Bilder zu erzeugen, und sie nutzen dafür künstliche ebenso wie natürliche Intelligenz, den großen Instrumentenkasten der Informatik, ausgeklügelte Methoden der Physik und eigens konzipierte Bausteine der Chemie. Ein Beispiel: Um die Moleküle des Lebens immer genauer abzubilden, braucht es neue Farbstoffe und Markierungsstrategien, komplexe Licht- und Elektronenmikroskope, effiziente Algorithmen und einleuchtende Visualisierungen.

    Auf der Reise durch wissenschaftliche Bilderwelten durften wir an technologischen und inhaltlichen Durchbrüchen teilhaben, etwa bei der Suche nach Exoplaneten, dunkler Materie und schwarzen Löchern, bei rasend schneller NMR-Bildgebung und einer Lichtmikroskopie auf Nanometerskala und in der Forschung an einzelnen Molekülen und Atomen.

    Alle Redner waren wohlpräpariert zur Stelle, mit Vorträgen, die anspruchsvoll, verständlich und oft auch unterhaltsam waren. Und das nicht nur für die achthundert Gäste im Saal, sondern auch per Livestream, Instagram und Website-Tagebuch für viele andere, wie die beeindruckenden Nutzerzahlen zeigen. Sobald die Filme geschnitten sind, können Sie die Vorträge auf unserem Youtube-Kanal noch einmal anschauen.

    Belebend waren die Diskussionen auf dem Podium, die neben der Sichtweise einzelner Sprecher weitere interessante Perspektiven eröffneten. So etwa beim Festnachmittag zu den Bildern von den Humboldt‘schen Expeditionen und von Forschungsreisen in die Tiefsee und ins Universum; am Sonntag dann zur beginnenden Revolution der RNA-Medizin.

    Rund zweihundert Teilnehmer unseres Schülerprogramms brachten Frische und neue Impulse in die Diskussion. Die Dankbarkeit der jungen Menschen für dieses einzigartige Programm ist überwältigend! Auch das Gästebuch zeugt von glücklich-beseelter Resonanz: „konnten großartige Menschen kennenlernen“, „inspirierende Einblicke in Spitzenforschung“, „neue Bilder – neues Weltbild“, „in Begeisterung schwelgend“, „auf dass der Funke überspringe“, „beste Tagung ever“, „komme gern wieder“ – das sind nur einige Beispiele aus vielen handschriftlichen Danksagungen.

    Allen, die zum Gelingen dieses Festes beigetragen haben, sei hier noch einmal gedankt: unseren Gästen, die von nah und fern anreisten, Mitgliedern und Nichtmitgliedern, Jüngeren und Älteren, allen Sprechern und Diskussionsteilnehmern, allen die bei der Vorbereitung und Durchführung halfen in Geschäftsstelle und Vorstand und im lokalen Team von Zoo und Kongresshalle um Jörg Junhold, der Stadt Leipzig und dem Land Sachsen für ihre Gastfreundschaft, der Nikolaikirche mit Sebastian Feydt, der an die friedliche Revolution von 1989 erinnerte, und den Musikern, die uns auf einen intensiven Streifzug durch die Musikgeschichte Leipzigs mitnahmen, den Schülerinnen und Schülern um Paul Mühlenhoff, dem Team Instagram aus Stuttgart um Alexander Mäder, dem Archiv der GDNÄ um Matthias Röschner und allen Ausstellern in der Expo, den Autoren und dem Team der Festschrift um Lilo Berg und Thomas Liebscher, allen Förderern, Spendern und Stiftern.

    Nach der Tagung ist vor der Tagung: Die nächste Versammlung der GDNÄ wird im September 2024 in Potsdam stattfinden, dann unter der Leitung von Heribert Hofer. Für die Präsidentschaft 2025 und 2026 wurde Anke Kaysser-Pyzalla gewählt, die erste Ingenieurin, die der GDNÄ vorstehen wird. Die Planungen reichen also schon recht weit in die Zukunft.

    Die Festversammlung hat gezeigt, dass die GDNÄ gebraucht wird und ein Zukunftsmodell besitzt, das sie weiterentwickeln und ausbauen kann: für einen intensiven Dialog zwischen Disziplinen, für ein belebendes Schülerprogramm, und für Wissenschaftskommunikation im besten Sinne!

    Martin Lohse, Präsident der GDNÄ

     

    Martin Lohse 2022 © MIKA-fotografie | Berlin

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Prof. Dr. Martin Lohse

    Zur Person

    Seit 2019 ist er Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte: Martin Lohse, Professor für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Würzburg und Geschäftsführer des bayerischen Forschungsunternehmens ISAR Bioscience in Martinsried. Martin Lohse prägte die 132. Versammlung der GDNÄ in Leipzig durch das von ihm stammende Tagungsthema „Wissenschaft im Bild“, durch seine Kontakte zu exzellenten Wissenschaftlern und nicht zuletzt durch Ansprachen und Moderationen auf dem Podium. Für seine Forschung über G-Protein gekoppelte Rezeptoren erhielt er den höchsten deutschen Wissenschaftspreis, den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Erst kürzlich machte ihn die Universität von Glasgow zu ihrem Ehrendoktor. Martin Lohse ist Herausgeber der Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der GDNÄ „Wenn der Funke überspringt“.

    Ausführlicher Lebenslauf unter: „Aufregende Zeiten für die Wissenschaft“

    GDNÄ wählt Anke Kaysser-Pyzalla in ihr Präsidium

    GDNÄ wählt Anke Kaysser-Pyzalla in ihr Präsidium

    Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) hat Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla im Rahmen der 200-Jahr-Feier in Leipzig zur Vizepräsidentin gewählt. Die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR) wird in den Jahren 2025 und 2026 Präsidentin der GDNÄ sein.

    Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) hat auf ihrer Mitgliederversammlung im Rahmen der 200-Jahr-Feier am Gründungsort Leipzig Professorin Dr.-Ing Kaysser-Pyzallla zur 2. Vizepräsidentin für die Jahre 2023 und 2024 gewählt. Sie wird in den Jahren 2025 und 2026 die Präsidentschaft der GDNÄ übernehmen und damit in der 200-jährigen Geschichte der Gesellschaft die dritte Frau nach Christiane Nüsslein-Volhard und Eva Maria Neher sein, die der GDNÄ vorsitzt. Heribert Hofer, der die Präsidentschaft der GDNÄ Anfang 2023 von Martin Lohse übernehmen wird, sagt: „Mit Anke Kaysser-Pyzalla kommt eine sehr engagierte Forscherin und Wissenschaftsmanagerin in das Präsidium der GDNÄ. Als Ingenieurin repräsentiert sie die Interdisziplinarität der modernen Wissenschaften.“

    Die GDNÄ ist die älteste interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands. Seit 1822 bringt sie Wissenschaftler, Wissenschaftlerinnen und an Wissenschaft Interessierte zum fächerübergreifenden Austausch zusammen. Der Dialog zwischen Naturwissenschaften, Medizin, Technik und Öffentlichkeit ist das Grundanliegen der GDNÄ. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung junger Menschen mit besonderem Interesse an den Naturwissenschaften. So nahmen an der 132. Versammlung und Festsitzung in Leipzig mehr als 200 Schülerinnen, Schüler und Studierende teil.

    Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

    © DLR

    Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla

    Zur Person

    Anke Kaysser-Pyzalla hat in Bochum und Darmstadt Maschinenbau und Mechanik studiert. Sie promovierte und habilitierte an der Ruhr-Universität Bochum. Nach Forschungstätigkeiten am Hahn-Meitner-Institut (HMI) und an der TU Berlin forschte und lehrte sie von 2003 bis 2005 an der Technischen Universität Wien. 2005 wechselte sie als Wissenschaftliches Mitglied, Direktorin und Geschäftsführerin in die Leitung der Max-Planck-Institut für Eisenforschung GmbH nach Düsseldorf. 2008 folgte die Berufung zur Wissenschaftlichen Geschäftsführerin der Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH, die unter ihrer Leitung aus der Fusion von HMI und BESSY entstand. 2017 wurde Anke Kaysser-Pyzalla zur Präsidentin der Technischen Universität Braunschweig gewählt. Seit 2020 ist sie Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).