Wolfgang Kießling „Das nächste Korallenriff liegt vor meiner Haustür““
„Das nächste Korallenriff liegt vor meiner Haustür“
Was uns die Urzeit für die Zukunft lehrt, verrät der Erlanger Paläontologe Wolfgang Kießling bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.
Herr Professor Kießling, bitte erläutern Sie an einem Beispiel, wie Daten aus der Erdgeschichte uns helfen können, künftige Herausforderungen zu meistern.
Nehmen wir die aktuell kontrovers diskutierte Frage, welche Arten durch den Klimawandel besonders bedroht sind. Da kann mein Fachgebiet zur Antwort beitragen. Urzeitliche Funde zeigen uns, dass Arten, die an den Polen oder am Äquator leben, am stärksten gefährdet sind. In den mittleren Breiten ist ein Massenaussterben von Arten am unwahrscheinlichsten.
Also leben wir in Deutschland und Europa auf der sicheren Seite?
Noch sind wir im Vorteil, absolut sicher jedoch keineswegs. Auch in unseren Regionen lässt sich derzeit eine klimabedingte Artenwanderung in Richtung der Pole beobachten. Betroffen sind Organismen, denen es in ihren Ursprungsgebieten zu warm wird. Sie weichen in Regionen aus, die ihnen bislang zu kalt waren, nun aber infolge der Erderwärmung gute Bedingungen bieten. Bei weiter steigenden Temperaturen ist mit einer Zunahme dieser Arealverschiebungen zu rechnen.

© W. Kiessling
Ein fossiles Korallenriff an der Küste des Roten Meeres.
Welche Arten können sich gut anpassen, welche sind besonders empfindlich gegenüber Klimastressoren?
Schnecken und Austern sind relativ unempfindlich. Fische liegen im Mittelfeld. Und Korallen sind sehr empfindlich.
Klimawandel gab es schon immer und irgendwie ist die Erde damit zurechtgekommen – so argumentieren Klimaskeptiker. Wie reagieren Sie darauf?
Ja, in der Erdgeschichte gab es immer wieder Wärmekrisen mit massenhaftem Artensterben. Es stimmt auch, dass die Erde sich davon erholt hat. Allerdings hat die Erholung Millionen von Jahren gedauert. Beim wärmebedingten Massenaussterben am Ende des Erdzeitalters Perm, das vor 250 Millionen Jahren endete, sind mehr 80 Prozent aller Arten ausgestorben. Damals hat es fünf Millionen Jahre gedauert, bis Artenvielfalt und Funktionalität von Ökosystemen wiederhergestellt waren.
Woher wissen Sie das so genau?
Wir stützen uns auf sorgfältige wissenschaftliche Auswertungen sehr vieler urzeitlicher Funde. Die meisten dieser Befunde sind online frei zugänglich in der nicht-kommerziellen Paleobiology Database, die über mehr als zwei Millionen Fossilfunde in aller Welt Auskunft gibt. Ich habe die Datenbank in meiner Postdoc-Zeit in Chicago kennengelernt. Damals war das noch ein ganz kleines Projekt. Heute wird es von rund vierhundert Wissenschaftlern überwiegend ehrenamtlich betrieben und kann mehr als 550 offizielle Publikationen vorweisen.
Ehrenamtlich war auch Ihr Engagement als Leitautor im Weltklimarat IPCC von 2017 bis 2023. Wie können wir uns Ihre Arbeit dort vorstellen?
Ich war Leitautor für den sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats und zuständig für eine von drei Arbeitsgruppen. Meine Gruppe beschäftigte sich mit Folgen des Klimawandels, mit Anpassungen daran und Verwundbarkeiten. Ich habe Daten aus der Paläontologie beigesteuert. Für mich waren es sehr inspirierende Jahre, aber auch unglaublich viel Arbeit. Wir Leitautoren mussten Berge von Literatur sichten und bewerten, um im Sachstandsbericht belastbare Aussagen zu Klimaanpassungen machen zu können. Für die Treffen mit Kolleginnen und Kollegen bin ich oftmals um die Welt geflogen, heute finden die Diskussionen in der Regel online statt. Jede Arbeitsgruppe zählte fast dreihundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zum Schluss einen insgesamt neuntausend Seiten starken Bericht plus Synthesebericht veröffentlichten. So ein Werk ist fürs Archiv gedacht, das liest niemand ganz durch. Für Politiker und die interessierte Öffentlichkeit werden die Kernaussagen immer zusammengefasst – eine sehr nützliche Sache.

©-Carola Radke, Museum für Naturkunde Berlin
Am Polarisationsmikroskop untersucht Wolfgang Kießling hauchdünne Gesteinsproben, sogenannte Dünnschliffe, um deren genaue Zusammensetzung, Entstehungsgeschichte und mechanischen Eigenschaften zu ermitteln. Das Bild entstand in Kießlings Zeit am Berliner Naturkundemuseum.
Inzwischen ist der Klimawandel als öffentliches Debattenthema in den Hintergrund gerückt. Wie ist das für Sie?
Es ist frustrierend, aber angesichts der vielen globalen Krisen nicht verwunderlich. Dennoch dürfen wir nicht aufgeben, der Klimawandel schreitet schnell voran. Aktuell sehe ich stark gegenläufige Entwicklungen, zum Beispiel in China: Das Land emittiert extrem viel Treibhausgas, ist andererseits aber auch sehr aktiv in der Bekämpfung und beim Ausbau regenerativer Energien. Die chinesische Regierung hört auf die Wissenschaft, das habe ich in meiner IPCC-Zeit immer wieder erlebt. In Deutschland ist das im Prinzip auch so, andere Länder tun sich da schwerer.
Wenn es um die Auswirkungen der aktuellen Erderwärmung auf Ökosysteme geht, ist immer wieder die Rede von kurz bevorstehenden Kippeffekten. Wie zuverlässig sind solche Vorhersagen?
Kippeffekte vorherzusagen ist extrem schwierig. Für Korallenriffe, also für mein Spezialgebiet, gab es etliche solcher Prognosen und bisher hat sich keine bewahrheitet. Ich bin da sehr skeptisch und glaube auch nicht an das völlige Verschwinden der Riffe, vor dem gelegentlich gewarnt wird. Vielen Riffen geht es aktuell nicht gut, aber in einigen Weltgegenden sind sie noch weitgehend intakt. Das gilt etwa für das Rote Meer, aber auch für Indonesien, obwohl dort zum Teil noch mit Dynamit gefischt wird. Anders sieht es wahrscheinlich beim Golfstrom aus, der Nordeuropa ein relativ mildes Klima beschert. Da halte ich Kippeffekte für durchaus realistisch.

© W. Kiessling.
Feldforschung an einem fossilen Korallenriff in Apulien.
Was halten Sie von der aufsehenerregenden Vorhersage einer chinesischen Forschergruppe, dass eine Änderung der mittleren globalen Jahrestemperatur von 5,2 Grad Celsius unweigerlich zu massenhaftem Artensterben führt?
Die Studie ist seriös und sie wurde auch in den letzten Weltklimabericht aufgenommen. Aber die Ergebnisse sind bislang nicht durch weitere Studien bestätigt worden. Aktuell beträgt die Erderwärmung 1,2 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Wenn der Trend anhält, könnte der Wert gegen Ende des Jahrhunderts bei 3 Grad liegen und in 150 Jahren möglicherweise die 5,2-Grad-Marke erreichen.
Als Grundlagenforscher bringen Sie, ganz im Sinne der diesjährigen GDNÄ-Versammlung, Ihre Forschungsergebnisse auch zur Anwendung. Bitte geben Sie uns ein Beispiel.
Unser wohl angewandtetes Projekt heißt Ageless; wir betreiben es seit zwei Jahren zusammen mit den Universitäten Bremen und Oldenburg. Ageless ist Teil eines großen Programms des Bundesforschungsministeriums zum Schutz der Biodiversität im sogenannten Blauen Ozean. Das sind Areale in internationalen Gewässern, von denen schon bald 30 Prozent als UN-Schutzgebiete ausgewiesen werden sollen. Schon jetzt wissen wir: Schutzgebiete müssen überwiegend parallel zu den Längengraden ausgerichtet und dürfen nicht starr sein, weil besonders gefährdete Arten polwärts ziehen. Würden wir das nicht berücksichtigen, müssten unsere Nachfolger in zwanzig Jahren von vorn anfangen. Spannend ist die Zusammenarbeit mit Naturschutzorganisationen und Sozialwissenschaftlern im Co-Design. Das heißt, während wir forschen, werden erste Ergebnisse bereits umgesetzt. Bisher kam die Publikation zuerst und danach möglicherweise die Anwendung.
Mit Ihrem Institut sind Sie Teil des GeoZentrums Nordbayern. Auch hier ist das Ziel, die praktische Nutzung wissenschaftlicher Ergebnisse voranzubringen. Gelingt das?
Ja, da gibt es einige vielversprechende Projekte. In der Mineralogie werden zum Beispiel Beton auf Olivinbasis beforscht, der keine oder deutlich weniger Treibhausgase freisetzt als die heute meist verwendeten Karbonat-Zemente. In der Petrologie fahnden die Kollegen nach metallischen Rohstoffen im Erdinneren, um zur Deckung des wachsenden Bedarfs beizutragen – etwa im Bereich Seltener Erden.
Sie stammen aus Coburg, forschen, lehren in Erlangen und gelten als führender Experte für erdgeschichtliche Klimawandelfolgen in marinen Ökosystemen. Wie kommt ein Franke zur Meeresforschung mit dem Spezialgebiet Korallenriffe?
Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich muss nicht lange fahren, um einen Strand zu erreichen. Und zum nächsten Korallenriff habe ich es auch nicht weit, es liegt sozusagen vor meiner Haustür. Natürlich handelt es sich um fossile Umgebungen, zum Beispiel in der Fränkischen Schweiz oder in Niederbayern. Dort, in Saal an der Donau, habe ich kürzlich in einem Steinbruch Überreste von 150 Millionen Jahre alten tropischen Korallen entdeckt und ein paar Proben für unser Institut mitgenommen. Wer ein Auge dafür entwickelt, findet fast überall solche Spuren der Vergangenheit.
Was hat Ihr Interesse an dieser Forschungsrichtung geweckt?
Als Jugendlicher wollte ich unbedingt ein naturwissenschaftliches Fach studieren. Für Physik reichten meine Mathekenntnisse nicht, an Biologie störte mich das Sezieren. So kam ich zu den Geowissenschaften und über einen meiner Professoren schließlich zur Paläontologie. Er war dermaßen begeistert von seinem Fach, das hat sich auf mich übertragen. Bereut habe ich meine Fachwahl nie und seit ich selbst Professor bin, versuche ich, die Begeisterung weiterzugeben.

© David Hartfield.
Professor Dr. Wolfgang Kießling ist Inhaber des Lehrstuhls für Paläoumwelt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist einer der führenden Experten für die Auswirkungen des Klimawandels auf marine Ökosysteme in der Urzeit.
Zur Person
Prof. Dr. Wolfgang Kießling kam 1965 in Coburg zur Welt. Er studierte Paläoontologie an der an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Dort wurde er 1995 promoviert. Nach einem Forschungsaufenthalt von 2000 bis 2001 an der University of Chicago habilitierte er sich 2005 an der Freien Universität Berlin und arbeitete anschließend als Professor für Evolutionäre Palökologie an der Humboldt-Universität und am Museum für Naturkunde in Berlin. 2012 kehrte er an die FAU zurück, wo er seither den Lehrstuhl für Paläoumwelt leitet. Wolfgang Kießling erforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf Tierarten und Ökosysteme über lange Zeiträume. Sein Hauptaugenmerk gilt der Entwicklung und Evolution von Korallenriffen. Er gehörte dem Weltklimarat IPCC von 2016 bis 2023 an und war einer der Hauptautoren des Weltklimaberichts 2022 mit dem Titel „Impacts, Adaptation and Vulnerability“. Kießling ist der am häufigsten zitierte Paläontologe in Deutschland. 2026 wurde er zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

© Sven Stolzenwald
Anfertigung von Gesteinsdünnschliffen für die nachfolgende mikroskopische Analyse.
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