„Die jungen Leute sind meine Hoffnung“

Kaum jemand kennt sich in der gesamtdeutschen Wissenschaftslandschaft so gut aus wie sie: Warum die Bilanz der Mikrobiologin Bärbel Friedrich dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung gemischt ausfällt, was sie vom europäischen Gentechnikrecht hält und wie Corona ihren Sommer bestimmt hat.

Frau Professorin Friedrich, in diesem Jahr feiern wir dreißig Jahre deutsche Einheit. Sind Ost und West im Wissenschaftsbereich wirklich zusammengekommen?
In Berlin gibt es keine großen Unterschiede mehr. Da sehe ich im Osten und im Westen viele gute Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Außerhalb Berlins, in den ostdeutschen Flächenländern, ist jedoch einiges aufzuholen. 

Sie waren zur Wendezeit Professorin für Mikrobiologie an der Freien Universität Berlin. Wie haben Sie diese Jahre erlebt?
An der FU ging schon bald nach dem Mauerfall die Angst um. Eine Freie Universität als Bollwerk der freien Welt brauchte man ja nun nicht mehr. Vor der Wende waren die Subventionen reichlich geflossen, doch das endete nun abrupt. Viele Kollegen unkten, die FU werde bald in die Humboldt-Universität integriert. Ich wechselte 1994 an die HU, um dort ein neues Fach, die naturwissenschaftliche Mikrobiologie, aufzubauen.

Die FU besteht nach wie vor und im Jahr 2007 erhielt sie sogar das Exzellenzsiegel – Jahre vor den anderen Berliner Universitäten.
Ja, das war eine riesige Überraschung, aber auch ein mächtiger Ansporn für die HU. Mit dem Exzellenzprogramm von Bund und Ländern änderte sich die Stimmung, die vorher von Konkurrenz bis hin zur Feindseligkeit geprägt war. Jetzt kam es auf Kooperation an und damit stellte sich auch der Erfolg ein. Es entstanden gemeinsame Sonderforschungsbereiche und Exzellenzcluster – in meinem Fachumfeld etwa der Katalyse-Cluster UniCat, das Berliner und Brandenburger Universitäten seit 2012 zusammen betreiben. Höhepunkt dieser Entwicklung ist sicherlich das erfolgreiche Abschneiden der Berliner Universitätsallianz im Exzellenzwettbewerb 2019.

Jenseits der Hauptstadt sieht es anders aus. Wie steht es um die akademische Einheit in den ostdeutschen Regionen?
Das Bild ist sehr gemischt. Es gibt einzelne Leuchttürme, doch in der Breite hinkt die universitäre Forschung in Ostdeutschland noch etwas hinterher. Im Förderranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Beispiel schneiden westdeutsche Universitäten deutlich besser ab. Wenn wir auf den letzten Exzellenzwettbewerb 2019 schauen, sehen wir, dass in Ostdeutschland neben Berlin nur die TU Dresden ganz oben mitspielt. Allerdings haben einige Hochschulen besondere Stärken entwickelt. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen. Als ich 1996 zum ersten Mal mit einer Delegation des Wissenschaftsrats nach Greifswald kam, hatte ich den Eindruck, man müsse das Chemie-Institut sofort schließen. Die Ausstattung war völlig veraltet, die wissenschaftliche Qualität am Boden.  Doch mit den Jahren hat sich das Niveau sehr verbessert und heute leistet die Universität Hervorragendes, vor allem in der Medizinforschung. Ich konnte das aus der Nähe beobachten, weil ich als Direktorin des Greifswalder Alfried Krupp-Wissenschaftskollegs viele Jahre eng mit der Universität kooperiert habe.

Wie erleben Sie im Alltag den persönlichen Umgang miteinander?
In Greifswald und vor allem an der Universität begegnet man sich unvoreingenommen.  Aber auf dem Land werde ich als Wessi immer noch kritisch beäugt. Ohne Touristen geht es nicht, das wissen alle, aber eigentlich bliebe man lieber unter sich. Für mein Gefühl drückt sich darin der Frust einer Verlierergeneration aus. Bei den jungen Leuten ist das anders, die sehen sich nicht mehr als Ossis, sondern als Deutsche. Die Jugend ist meine Hoffnung – mit ihr könnte sich die deutsche Spaltung auswachsen.

Sie sind schon eine Weile emeritiert, aber wissenschaftspolitisch noch sehr aktiv. Mit einigen Kollegen haben Sie unlängst Position gegen ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu genomeditierten Pflanzen bezogen. Warum?
Viele Wissenschaftler waren maßlos enttäuscht über das Urteil. Denn es führt dazu, dass eine zukunftsweisende gentechnische Methode in Europa im Nutzpflanzenbereich praktisch nicht eingesetzt wird. Mit CRISPR-Cas, so heißt die Technik, kann man einzelne Bausteine im Erbgut sehr einfach, präzise und kostengünstig verändern – wir Wissenschaftler sprechen von editieren. Die Methode ist ein echter Quantensprung. Sie hat sehr schnell die Labore der Welt erobert und dieser Tage hochverdient den Nobelpreis für Chemie erhalten.  Mit CRISPR-Cas ließen sich nicht nur größere Ernten erzielen, die Technik könnte auch den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden deutlich reduzieren. Auch Züchtungen von Pflanzen, die dem Klimawandel besser widerstehen, sind denkbar. 

Was hat der Europäische Gerichtshof gegen die Methode?
Sie wird als Risiko betrachtet und den komplexen und praxisfernen Auflagen für genetisch veränderte Organismen, kurz GVO genannt, unterworfen. Die Restriktionen haben dazu geführt, dass in Europa so gut wie keine Forschung in diesem Bereich mehr stattfindet. Wer auf dem Gebiet arbeiten und Pflanzen im Freiland testen will, muss ausweichen, zum Beispiel nach Kanada. Inzwischen gibt es viele genveränderte Pflanzen, die mit älteren Techniken hergestellt wurden, und auch schon mehr als hundert genomeditierte Pflanzen. Dazu zählen etwa Sojabohnen mit gesünderen Fettsäuren, glutenreduzierter Weizen und länger lagerfähige Kartoffelknollen. Die Veränderungen, die die neuen Sorten im Erbgut tragen, könnten auch zufällig oder durch konventionelle Züchtungsmethoden entstanden sein – ihr Ursprung ist meistens nicht mehr eindeutig zu bestimmen. Von schädlichen Folgen der GVOs, ein ganz wichtiger Punkt, ist noch nie berichtet worden.

Was ist zu tun?
Das europäische Gentechnikrecht ist veraltet und sollte überarbeitet werden. Zu diesem Schluss sind wir in einer gemeinsamen Stellungnahme der Nationalakademie Leopoldina und der Union der deutschen Akademien gekommen. Als kurzfristige Maßnahme schlagen wir vor, genomeditierte Pflanzen nur dann als GVO einzustufen, wenn artfremde genetische Information eingeschleust wird – also nur in Ausnahmefällen. Längerfristig plädieren wir für einen völlig neuen Rechtsrahmen, der die Risiken für Mensch und Umwelt nicht am verwendeten Verfahren festmacht, sondern an den Eigenschaften des erzeugten Produkts.  

Welche Chancen hat Ihr Vorstoß?
In der Politik ist die FDP ganz auf unserer Seite. Die Grünen werden allmählich aufgeschlossener. In den Medien haben wir viele Fürsprecher, zusätzliche Unterstützung erfahren wir von den Bauern. Übrigens, wenn auch zögerlich, auch von Biobauern, denen die Aussicht auf eine pestizidfreie Landwirtschaft auf den voraussichtlich trockeneren Böden der Zukunft zusagt.

Sie haben zahlreiche wissenschaftliche Stellungnahmen mit auf den Weg gebracht. In diesem Jahr waren es besonders viele. Wie kam es dazu?
Es begann am 12. März, ich fuhr gerade von einer Mikrobiologentagung in Leipzig zurück nach Berlin. Da kam ein Anruf aus dem Hauptstadtbüro der Leopoldina, ich solle gleich vorbeikommen, es sei eilig. In einem interdisziplinär besetzten Team haben wir dann sofort mit der ersten Stellungnahme zum Umgang mit der Corona-Pandemie begonnen, die bereits zehn Tage später erschien. Im Frühjahr und Sommer habe ich an vier weiteren Stellungnahmen mitgearbeitet – aus dem Homeoffice, praktisch nie in Präsenz. Alles in allem war es ein enormer Kraftakt, auch weil wir wussten, dass wir eine große Verantwortung tragen. Gut war die enge Zusammenarbeit mit der Politik, die ich in dieser Intensität vorher noch nie erlebt hatte. 

Konnte Ihr Team dabei seine wissenschaftliche Unabhängigkeit bewahren?
Wir waren stets bemüht, auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse Handlungsempfehlungen auszusprechen, wohl wissend, dass die Politik letztlich nach eigenen Kriterien zu entscheiden hat. Hier gibt es eine klare Grenzziehung, die uns die Unabhängigkeit bewahrt.   

Sie kennen und gestalten die deutsche Wissenschaftslandschaft seit vielen Jahren. Welchen Platz hat darin die GDNÄ?
Sie hat besondere Stärken, die in dieser Kombination sonst nicht zu finden sind. Auf ihren Versammlungen und immer mehr auch auf ihrer Website vermittelt die GDNÄ aktuelles Wissen auf hohem Niveau, aus interdisziplinärer Sicht und gut verständlich. Ein großer Pluspunkt sind die Schülerprogramme und die Kooperationen mit Lehrkräften. Die ältere Bevölkerung ist bei Zukunftsthemen oft verängstigt. Um hier voranzukommen, müssen wir Wissenschaftler in die Öffentlichkeit, vornehmlich auch in die Schulen gehen und die nächste Generation gewinnen. Hier sehe ich ein großes Potenzial für die GDNÄ.

Prof. Dr. Bärbel Friedrich

2008 im Wissenschaftskolleg Greifswald: Bärbel Friedrich, umringt von Fellows und Mitarbeitern sowie, rechts neben ihr, Berthold Beitz, damaliger Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

Biografisches
Bärbel Friedrich kam 1945 in Göttingen zur Welt. Nach ihrer Promotion in Mikrobiologie an der dortigen Universität ging sie für zwei Jahre als Postdoktorandin ans Massachusetts Institute of Technology (MIT) und habilitierte sich anschließend in Göttingen. 1985 wurde sie Professorin für Mikrobiologie an der Freien Universität Berlin; 1994 wechselte sie an die Humboldt-Universität. Von 2008 bis 2018 war sie Wissenschaftliche Direktorin des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs, das die Universität Greifwald und den gesamten Wissenschaftsstandort fördert. Bärbel Friedrich engagierte sich in vielen wissenschaftlichen Institutionen und Gremien. Unter anderem war sie Vizepräsidentin der Leopoldina (2005 bis 2015), Mitglied der Bundestags-Enquetekommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ (2003 bis 2005), Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1997 bis 2003) und Mitglied des Wissenschaftsrats (1997 bis 2003). Sie erhielt zahlreiche Ehrungen, darunter das Bundesverdienstkreuz für ihr wissenschaftliches Engagement in den neuen Bundesländern und die Verdienstmedaille der Leopoldina.

Die Wissenschaftlerin
In ihrer Forschung untersucht Bärbel Friedrich unter anderem, wie sich Bakterien zur Gewinnung und Umsetzung von Wasserstoff nutzen lassen. Im Exzellenzcluster Unifying Concepts in Catalysis (UniCat) gelang es ihrem Team, Cyanobakterien gentechnisch so zu verändern, dass sie Wasserstoff aus Wasser synthetisieren. Für die Massenproduktion von Wasserstoff im Rahmen der Energiewende sei das Verfahren zu aufwändig, sagt die Mikrobiologin, hier sei die Elektrolyse das geeignetere Verfahren. „Im Rahmen der Grünen Chemie ist biologisch oder elektrolytisch erzeugter Wasserstoff jedoch sehr wertvoll, zum Beispiel zur Herstellung von Grund- und Wertstoffen.“ Dabei spielen Biokatalysatoren, wie sie Friedrich mit ihrer Arbeitsgruppe erforscht – sogenannte sauerstofftolerante Hydrogenasen –, eine vielversprechende Rolle.

Weiterführende Links:

Auch an dieser Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina zur Corona-Pandemie wirkte Bärbel Friedrich mit.