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  • Über Wissenschaft in unsicheren Zeiten

    Über Wissenschaft in unsicheren Zeiten

    Wissenschaft befasst sich mit dem Unbekannten. Sie tastet sich in Neuland vor, verirrt sich dabei auch manchmal und nähert sich doch allmählich der Wahrheit an. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind vorläufig, aber jede neue Einsicht führt uns weiter.

    Viele Schlüsselfragen von Gesellschaft und Wissenschaft reichen weit über die Grenzen der Disziplinen hinaus: Wie bewältigen wir globale Krisen? Wie bleiben wir gesund? Wie werden wir wohnen, uns bewegen, miteinander kommunizieren? Das sind Fragen, die Klimaforscher, Mediziner, Sozial- und Naturwissenschaftler nicht allein beantworten können. Benötigt werden Plattformen für den interdisziplinären Dialog, den Austausch von Jung und Alt und den Wettstreit unterschiedlicher Argumente. Foren für offene, vernunftgeleitete Debatten – darin hat die GDNÄ eine große Tradition, das kann sie gut.

    Gerade heute, in Zeiten der Corona-Pandemie und des Klimawandels, brauchen wir das gesamte Fachwissen, um zu bestehen. Einseitige Ansätze führen meistens in die Irre. Sie sind oft blind für verborgene Wechselwirkungen, etwa zwischen Überbevölkerung und Gesundheit, Mobilität und Public Health und die Auswirkungen auf Gesellschaft, Volkswirtschaft und Politik. Erkennen können wir die tieferliegenden Muster nur, wenn wir unser wissenschaftliches Know-how bündeln. Daher möchte ich Sie einladen: Machen Sie mit! Lassen Sie uns gemeinsam Fragen stellen und nach Antworten suchen, Erkenntnisse teilen und sie zum öffentlichen Nutzen weitergeben – in der GDNÄ!

    Martin Lohse © David Ausserhofer

    Martin Lohse 2022 © MIKA-fotografie | Berlin

    „Das Bedürfnis nach Fakten wächst“

    PREISVERLEIHUNG

    „Das Bedürfnis nach Fakten wächst“

    „Wir dürfen das Publikum nicht unterfordern“: Der Journalist Gert Scobel bei seiner Preisrede in Essen.

    Gert Scobel ist Fernsehjournalist, Wissenschaftsautor und Philosoph. Seit vielen Jahren moderiert er im Programm 3sat die wöchentliche Wissenschaftssendung „scobel“. Seit 2016 ist er zudem Honorarprofessor für Philosophie und Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Gert Scobel kam 1959 in Aachen zur Welt und studierte Philosophie und katholische Theologie in Frankfurt/Main und Berkeley/USA. Für seine Verdienste um die Vermittlung komplexer Wissenschaftsthemen wurde er am 10. Dezember 2019 mit der Lorenz-Oken-Medaille der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte ausgezeichnet.

    Gert Scobel, Fernsehmoderator und Lorenz-Oken-Preisträger, über das Besondere dieser Auszeichnung, seine Arbeitsweise als Journalist und seine Empfehlungen für kommunizierende Wissenschaftler.

    Herr Scobel, Sie haben schon viele Auszeichnungen bekommen. Was bedeutet Ihnen die Lorenz-Oken-Medaille der GDNÄ?
    Gert Scobel: Sie bedeutet mir sehr, sehr viel. Dass das auch für andere gilt, habe ich bei der Resonanz auf diesen Preis bemerkt, die erstaunlicherweise viel größer ist als bei anderen Auszeichnungen. Die Lorenz-Oken-Medaille hat für mich auch deshalb Bedeutung, weil es kein reiner Journalistenpreis ist. Ich fühle mich buchstäblich geadelt, weil ich jetzt in einer Reihe mit Wissenschaftlern stehe, die meine eigenen Helden sind.

    An wen denken Sie dabei?
    Scobel: Zum Beispiel an den Quantenphysiker Anton Zeilinger und an Hermann Haken, den Begründer der Synergetik. Und an meinen Kollegen Harald Lesch.

    Für Ihren Vortrag bei der Verleihungsfeier haben Sie Alexander von Humboldt als Thema gewählt. Warum?
    Scobel: Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens arbeitete Humboldt von Anfang an interdisziplinär. Zweitens hat er das, was er unter Bildung verstand, in Theorie und Forschung eingelöst. Drittens war er der größte Wissenschaftskommunikator seiner Zeit, möglicherweise sogar einer der größten bis heute. Und er hat ein Thema behandelt, das mir sehr am Herzen liegt, nämlich die Frage des Umgangs mit Komplexität.

    Werfen wir einen Blick auf Humboldt als Kommunikator. Es hat als Wissenschaftler viele öffentliche Vorträge gehalten. Ist er noch ein Vorbild für die Forscher von heute?
    Scobel: Übertragen auf die heutige Zeit könnte man sagen, Humboldt war der erste Youtuber. Ich weiß nicht, was genau er heute gemacht hätte, vielleicht hätte er gebloggt wie verrückt. Damals hat Humboldt alle Mittel genutzt, die ihm zur Verfügung standen. Humboldt hat übrigens die erste Infografik erstellt, die wirklich viral ging. Ich meine das berühmte Schaubild, in dem er Landschaften und Gebirgsprofile nach Klimazonen aufgeteilt hat. Das haben viele andere Forscher dann auch verwendet.

    Was würden Sie Wissenschaftlern raten, die mehr in der Öffentlichkeit kommunizieren wollen?
    Scobel: Sie müssen sich genau überlegen, welche Inhalte sie kommunizieren wollen und wem gegenüber. Beispielsweise kann ich als Wissenschaftler kommunizieren, weil ich für eine politische Idee eintrete, für die Demokratie etwa oder für ein vereintes Europa. Dann bin ich aber einer von vielen und werde nicht notwendigerweise als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin aktiv, es sei denn, die Politikwissenschaft wäre mein Fachgebiet. Diese Motivation sollte man unterscheiden von dem Wunsch, das eigene Fachgebiet besser zu vermitteln. Mein Rat lautet, sich mit Kommunikatoren an einen Tisch zu setzen, sich auszutauschen und dann zu versuchen, mit der breiteren Öffentlichkeit auf unterschiedlichen Wegen in Kontakt zu treten.

    Sollen Wissenschaftler die Kommunikation selbst übernehmen? Oder sollen sie lieber eigene Influencer anheuern, die sich über Youtube oder Instagram an die Menschen wenden?
    Scobel: Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass Influencer ein möglicher Weg sind. Doch nicht alle können auf diese Weise gut kommunizieren und es kann jämmerlich schief gehen. Überhaupt hat Kommunikation es ja an sich, leichter auszusehen als sie ist. Als Faustregel würde ich sagen, dass Kommunikatoren Wissenschaftler brauchen, um verstehen und einordnen zu können, was gerade in einem bestimmten Fachgebiet passiert. Umgekehrt wird es vielen Wissenschaftlern ähnlich gehen: Sie brauchen meiner Ansicht nach den Austausch mit uns Journalisten, um besser zu verstehen, welche Themen sie auf welche Weise kommunizieren sollten.

    Haben Wissenschaftler eine Verpflichtung, ihre Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit kundzutun – insbesondere, wenn diese Einfluss auf Entscheidungen der Politik haben können?
    Scobel: Da Wissenschaftler vom Staat, von den Bürgerinnen und Bürgern bezahlt werden, ist es ihre Pflicht, Auskunft zu geben, über das, was sie erkennen und was wichtig für die Allgemeinheit sein könnte. Aber meiner Ansicht nach haben sie nicht die Pflicht, jedes Ergebnis zu kommunizieren. Ich finde es übrigens schade, dass über fehlgeschlagene Ergebnisse so wenig gesprochen wird. Das sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel häufiger machen. Denn ein Großteil der Wissenschaft besteht doch aus dem Lernen von Fehlern und Experimenten, die nicht funktionieren.

    Wir leben in einer Zeit des Medienumbruchs. Das Internet konkurriert mit den klassischen Medien. Wissenschaftler reden von Fakten, gleichzeitig nehmen Fake News zu. Seichte Serien werden beliebter, seriöse Magazine haben Schwierigkeiten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung als jemand, der lange in der Branche ist?
    Scobel: Es stimmt nicht, dass harte Fakten die Verlierer sind. Meiner Ansicht nach gibt es sogar ein leicht steigendes Bedürfnis nach Fakten, übrigens auch in Medien wie Youtube. Dass die Menschen vom Fernsehen zu einem anderen Ausstrahlungsmodus, beispielsweise zu Youtube, wechseln, ist nicht per se schlecht. Ich sehe da durchaus Chancen. Die Arbeit ist vielleicht etwas anstrengender geworden als früher. Aber Wissenschaftsleugner gab es schon immer, den politischen Widerstand gegen Forschung auch, genauso wie es Nationalisten gab, die eine deutsche Wissenschaft wollten – was auch immer das sein soll. Die Situation ist insofern schwieriger geworden, als wir es heute nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Algorithmen und Bots zu tun haben. Aber es gibt eine Chance für die Wahrheit und wir sollten nicht übertreiben und zu viel herumjammern.

    Sie sagen mit Ihrer Erfahrung, dass die Art und Weise, wie man Wissenschaft präsentieren muss, sich in den letzten Jahren gar nicht so viel verändert hat?
    Scobel: Klar hat sich was verändert, aber ich würde nicht den Fehler machen, nur auf die sozialen Netzwerke zu schauen. Es gibt viele positive Entwicklungen, denken wir an die TED-Talks. Es ist heute für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel einfacher und leichter, mit echter Neugierde und Spaß zu kommunizieren als früher, weil es Medien gibt, die dies transportieren können. Dass man sich Gedanken darüber macht, wie man die Fakten, die man als Forscher erarbeitet hat, optimal kommunizieren kann, ist kein Fehler.

    Nach welchen Kriterien wählen Sie die Themen für Ihre Sendung aus?
    Scobel: Wir wählen Themen aus, von denen wir denken, es wäre notwendig, darüber tiefgehend zu berichten und sie kritisch zu beleuchten. Das sind Themen, die nicht nur für die wissenschaftsinterne Diskussion Bedeutung haben, sondern ebenso für unsere Gesellschaft.

    Auch wenn es dabei um komplizierte Fragen geht?
    Scobel: Das sind sogar oft komplizierte Sachen. Wir haben beispielsweise eine Sendung über Blockchain-Technologie gemacht, die mich an den Rand dessen gebracht hat, was ich mit meinem kleinen Kopf verstehen kann. Trotzdem war es eine sehr notwendige und sehr gute Sendung, durch die ich viel gelernt habe – und die Zuschauerinnen und Zuschauer hoffentlich auch.

    Bekommen Sie eine andere Resonanz, wenn Sie komplizierte Themen bearbeiten? Viele TV-Formate verzichten bewusst auf schwierige Themen, weil sie um ihre Zuschauer fürchten.
    Scobel: Mein Credo war schon immer und ist es noch, an der Grenze zur Überforderung zu arbeiten. Wir hängen die Messlatte bewusst lieber einen Tick höher als tiefer. Interessanterweise wird das honoriert. Ein Teil unserer Zuschauerinnen und Zuschauer hat, wie man das erwarten kann, einen akademischen Abschluss. Aber der andere Teil – und der ist relativ groß – hat keinen akademischen Abschluss. Diese Gruppe nutzt unsere Sendung bewusst, um sich zu bilden. Deshalb sage ich meinen Gästen vor der Sendung: Wir machen das jetzt, damit unser Publikum hinterher schlauer ist als vorher. Das ist unser Ziel. Wir erreichen es nicht immer, aber doch sehr oft.

    Viele beklagen, dass die Wissenschaftsskepsis zunimmt. Denken wir an die Impfpflicht, an Klimawandelleugner. Sie haben gerade gesagt, dass Sie die Skepsis so nicht erleben. Aber oft ist die wissenschaftliche Evidenz ganz klar – und doch wird sie massiv angezweifelt. Wie kann die Wissenschaft sich wehren?
    Scobel: Ich habe kein Patentrezept, das wäre auch völlig anmaßend. Ich kann nur auf die Meta-Ebene verweisen: Ich glaube, dass das grundlegende Problem in der Kommunikation von Komplexität liegt. Wir alle verstehen Komplexität nicht sehr gut, weil wir gewohnt sind, linear zu denken. Wir denken nach dem Input-Output-Schema, anstatt auf verborgene Rückkopplungsschleifen zu achten. Mit denen hat zum Beispiel die Klimadebatte viel zu tun. Diese Prozesse bewusst zu machen, ist entscheidend. Die meisten Menschen betrachten die Welt auf eine Weise, die von der Newtonschen Schulphysik geprägt ist. Dieses Modell der Welt reicht, wenn es um Autos und Maschinen geht – aber nicht, wenn man die Komplexität biologischer oder klimatischer Prozesse verstehen will. Wir müssen also überlegen, wie wir es besser hinbekommen, Komplexität verständlich zu machen.

    Sie brechen eine Lanze dafür, sich dieser Herausforderung zu stellen?
    Scobel: Absolut. Die Messlatte nach unten zu hängen, weil nicht alle folgen können, verlagert nur das Problem und macht die Leute, die es genauer wissen wollen, nicht schlauer. Wenn wir unseren Bildungsauftrag ernstnehmen, sollten wir uns stattdessen bemühen, Komplexität noch besser verständlich zu machen. Am Ende geht es darum, die Welt besser zu verstehen – nur so kommen wir besser in ihr zurecht. Deshalb muss man nicht dröge und humorlos werden oder Unterhaltung und Kunst geringschätzen. Es geht darum, all das mit Erkenntnisgewinn zu verbinden. Und zwar so, dass wir, frei nach dem Montessori-Prinzip, an der Grenze zur Überforderung arbeiten, statt mit Unterforderung zu langweilen.

    Großes Vertrauen in die Wissenschaft

    Großes Vertrauen in die Wissenschaft

    Die Menschen in Deutschland vertrauen Wissenschaft und Forschung in hohem Maße, insbesondere auch im Vergleich zu anderen Gesellschaftsbereichen. Dies ergab eine repräsentative Umfrage von Wissenschaft im Dialog (WID), einer Initiative zur Förderung des öffentlichen Austauschs, bei der die GDNÄ als Gesellschafterin mitwirkt.

    Dem neuen Wissenschaftsbarometer zufolge vertrauen 46 Prozent der Befragten Wissenschaft und Forschung, 27 Prozent der Wirtschaft. 18 Prozent den Medien und lediglich 17 Prozent der Politik. Gut die Hälfte der Studienteilnehmer ist der Ansicht, dass politische Entscheidungen generell auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen sollten und drei Viertel von ihnen wünschen sich eine stärkere Einmischung von Wissenschaftlern in die Politik – etwa beim Thema Klimawandel.

    Broschuere Wissenschaftsbar

    Broschüre Wissenschaftsbar 2019

    Experten fordern Sofortmaßnahmen zum Klimaschutz

    Experten fordern Sofortmaßnahmen zum Klimaschutz

    Deutschland und die Weltgemeinschaft haben sich im Pariser Klimaabkommen 2015 dazu verpflichtet, die menschengemachte globale Erwärmung der Erde auf weniger als 2°C zu beschränken. Dieses Ziel ist nur noch zu erreichen, wenn sofort sowohl nationale wie auch internationale Vereinbarungen eingehalten werden. In der Ad-hoc-Stellungnahme „Klimaziele 2030: Wege zu einer nachhaltigen Reduktion der CO₂-Emissionen“ fordert ein Expertenteam der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina deshalb einen unmittelbaren Transformationsschub und beschreibt Sofortmaßnahmen zum Schutz des Klimas, die schnell sozialverträglich und innovationsfördernd Wirkung entfalten können. Zu den Autoren gehört Professor Martin Lohse, Präsident der GDNÄ und Vizepräsident der Leopoldina.

    Die Leopoldina unterstützt die in aktuellen Expertengutachten enthaltene Forderung nach einem einheitlichen und sektorenübergreifenden Preis für Treibhausgasemissionen. Der anfängliche CO₂-Preis müsse dabei erheblich höher liegen als der aktuelle Preis im europäischen Emissionshandel, der momentan bei 25 Euro/t CO₂ liegt. Zudem solle der Preis in den kommenden Jahren schrittweise steigen. Die Politik sei gefordert, die gewählte CO₂-Bepreisung regelmäßig zu überprüfen und bei Bedarf nachzujustieren. Das Instrument der CO₂-Bepreisung müsse als unverrückbare klimapolitische Strategie erkennbar sein.

    In der Stellungnahme wird darauf hingewiesen, dass ein CO₂-Preis alleine jedoch nicht ausreicht, um die Klimaziele 2030 zu erreichen. Dafür sollten unter anderem die Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung transparent reinvestiert werden in eine kohlenstoffarme Infrastruktur und Allgemeingüter, in die relative Absenkung des Strompreises und in den sozialen Ausgleich in Form einer „Klimadividende“. Ziel sei es, Anreize für ein klimaschützendes Wirtschaften und Verhalten zu setzen. Klimaschützendes Verhalten könne dann sogar zu einem finanziellen Gewinn für Konsumentinnen und Konsumenten führen, vor allem bei niedrigeren Einkommensgruppen.

    Eine wirksame Bepreisung von CO₂ werde einen früheren Kohleausstieg wahrscheinlicher machen, so die Autorinnen und Autoren der Stellungnahme. Technisch sei dies in Deutschland möglich, vor allem gemeinsam mit den europäischen Partnern. Voraussetzungen seien Investitionen in erneuerbare Energien, in ein modernes Stromnetz und in Speichertechnologien (Power-to-gas, Batterien, Power-to-liquid). Im Bereich Verkehr, der rund 20 Prozent der CO₂-Emissionen verursacht, wird in der Stellungnahme eine massive Elektrifizierung empfohlen. Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV), der Schienenfernverkehr und der Gütertransport auf der Schiene müssten erheblich ausgebaut und qualitativ verbessert werden. Hinsichtlich privater Pkw sei die Umstellung auf stark hybridisierte und batterieelektrische Fahrzeuge ein wirkungsvoller, kurzfristiger Hebel. In den Städten solle dem ÖPNV, Fahrradverkehr sowie Fußgängerinnen und Fußgängern Priorität eingeräumt werden. Die Autorinnen und Autoren der Stellungnahme weisen zudem darauf hin, dass die aktuellen Transportkosten im Güterverkehr den Umweltverbrauch nicht hinreichend berücksichtigen. Sie empfehlen den internationalen Flug- und Schiffsverkehr über entsprechende Abkommen mit einem CO₂-Preis zu belegen.

    Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben zur Beschränkung des Klimawandels konkrete und rechtlich verbindliche Ziele für 2020 und 2030 vereinbart und für einige Bereiche länderspezifische Zielvorgaben definiert. Nach heutigem Stand wird Deutschland die Ziele für 2020 nicht erreichen. Die Bundesregierung hat bisher im Klimaschutzplan 2050 verschiedene Maßnahmen vorgesehen und Reduktionsziele für einzelne Sektoren definiert. Demnach soll der durchschnittliche CO₂-Ausstoß bis spätestens 2030 für alle Sektoren zusammen um mindestens 55% gegenüber 1990 sinken. Die nationale Klimapolitik braucht dazu jetzt eine konsequentere, transparentere und zügigere Umsetzungsstrategie, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie müsse Bürgerinnen und Bürgern, Städten und ländlichen Regionen sowie der Wirtschaft insgesamt Planungssicherheit geben und schnell Weichen stellen, um den immer teureren und ungerechten „Business as usual-Pfad“ zu verlassen und auf den Pfad einer nachhaltigen Entwicklung zu gelangen. Mit dem derzeitigen Rückenwind aus der Bevölkerung habe die Politik jetzt die einmalige Chance, die Herausforderung zu meistern.

    Klimaziele 2030: Wege zu einer nachhaltigen Reduktion der CO₂-Emissionen“, Ad-hoc-Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina

    Leopoldina empfiehlt bundesweite Strategie zur Luftreinhaltung

    Leopoldina empfiehlt bundesweite Strategie zur Luftreinhaltung

    Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert zusätzliche Anstrengungen, um die Konzentration von Schadstoffen in der Luft weiter zu reduzieren. Dabei solle der Schwerpunkt mehr auf Feinstaub als auf Stickstoffoxiden liegen. Von kurzfristigen oder kleinräumigen Maßnahmen, etwa von Fahrverboten, sei keine wesentliche Entlastung zu erwarten. Vielmehr sei eine bundesweite ressortübergreifende Strategie zur Luftreinhaltung erforderlich, heißt es in der heute veröffentlichten Stellungnahme „Saubere Luft ‒ Stickstoffoxide und Feinstaub in der Atemluft: Grundlagen und Empfehlungen“. Die Wissenschaftler unter Leitung von GDNÄ-Präsident und Leopoldina-Vizepräsident Martin Lohse weisen in dem Papier darauf hin, dass beim Verkehr vor allem der Ausstoß von Treibhausgasen problematisch ist. Sie rufen deshalb zu einer nachhaltigen Verkehrswende auf.

    Auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse hat Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte bei der Luftreinhaltung erzielt. Den rechtlichen Rahmen für die deutsche Luftreinhaltepolitik und damit auch der Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub gibt eine 2008 beschlossene EU-Richtlinie vor. Die Grenzwerte sollen dem vorsorglichen Gesundheitsschutz der Bevölkerung dienen. In Deutschland kommt es bei Stickstoffoxiden zu Überschreitungen des relativ strengen Grenzwerts, der weniger strenge Grenzwert für Feinstaub wird jedoch so gut wie flächendeckend eingehalten, so das Papier. Stickstoffoxide können die Symptome von Lungenerkrankungen wie Asthma verschlimmern und tragen zur Bildung von Feinstaub und Ozon bei. Feinstäube können unter anderem Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Lungenkrebs verursachen.

    Die derzeitige Verengung der Debatte auf Stickstoffdioxid sei nicht zielführend, heißt es in der Stellungnahme. Denn Feinstaub sei deutlich schädlicher für die Gesundheit. Daher plädieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dafür, die Anstrengungen zur Luftreinhaltung auf die Feinstaub-Reduktion zu konzentrieren. In der Stellungnahme wird allerdings darauf hingewiesen, dass weder für Stickstoffdioxid noch für Feinstaub eine exakte Grenzziehung zwischen gefährlich und ungefährlich im Sinne eines Schwellenwertes möglich sei, unterhalb dessen keine Gesundheitseffekte zu erwarten sind. Dies erschwere die Abwägung zwischen vorsorgendem Gesundheitsschutz und gesellschaftlichen Kosten, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Aus epidemiologischen Untersuchungen könne man verschiedene, sich gegenseitig ergänzende Maßzahlen für die gesundheitliche Belastung berechnen, zum Beispiel den Verlust von Lebenszeit durch das Einatmen von Schadstoffen.

    Im Straßenverkehr sind Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren nicht die einzige Quelle für Feinstaub, er wird auch durch Abrieb von Reifen, Straßenbelag und Bremsbelägen erzeugt. Zur Belastung tragen auch Verbrennungsprozesse im Zusammenhang mit Energieversorgung und Haushalt, Landwirtschaft und Industrie bei. Einige dieser Bereiche seien bisher nicht gesetzlich geregelt. Die Vielfalt teils auch kleiner Verursacher von Feinstaub und anderen Luftschadstoffen lege eine bundesweite ressortübergreifende Strategie zur Luftreinhaltung nahe. Angesichts früherer konzertierter Maßnahmen, etwa zur Verbesserung der Brennstoffqualität und der Abgasreinigung, die über die vergangenen Jahrzehnte hinweg in Deutschland zu einer stetig besseren Luftqualität geführt hätten, sei dies ein vielversprechender Ansatz. Kleinräumige und kurzfristige Maßnahmen, z. B. Fahrverbote, halten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dagegen für weniger erfolgversprechend.

    Die Messungen von Stickstoffdioxid und Feinstaub sind genormt und die Aufstellung der Messstationen ist gesetzlich geregelt. In der Stellungnahme weisen die Forscherinnen und Forscher aber darauf hin, dass auch kleine Änderungen der Aufstellungsorte, die innerhalb gesetzlicher Spielräume liegen, bereits zu Unterschieden in den Ergebnissen führen können. International gebe es zudem unterschiedliche Aufstellungsbedingungen, was die Vergleichbarkeit schmälert. Hier empfiehlt die Stellungnahme Harmonisierungen der Messtechniken und Aufstellungsbedingungen.

    Der Straßenverkehr ist nur eine der Quellen von Luftschadstoffen. Er führt aber neben weiteren Belastungen vor allem zur Emission von Treibhausgasen. Deutschland werde seine internationalen Verpflichtungen zur Reduktion von Treibhausgasen nur mit einer nachhaltigen Verkehrswende erreichen können, wird in der Stellungnahme betont. Diese erfordere die Entwicklung von weiteren emissionsarmen Formen der Mobilität. Eine nachhaltige Verkehrswende werde nicht nur zur Minderung verkehrsbedingter Belastungen beitragen, sondern könne auch die Wirtschaft voranbringen.

    Nobelpreisträger von Klitzing erklärt das neue Kilo

    Nobelpreisträger von Klitzing erklärt das neue Kilo

    Im Rahmen des traditionellen Nobel-Vortrags hat der Physiker und Nobelpreisträger Klaus von Klitzing im voll gefüllten Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken das Publikum der 130. Versammlung der GDNÄ begeistert. Mit Humor und Esprit beschrieb von Klitzing die Geschichte seiner wissenschaftlichen Arbeit und erklärte auf auch für Nicht-Physiker verständliche Weise die Grundlagen für die Revolution, die seine Forschung bei der Neudefinition des Kilogramms spielt.

    Der Titel seines Vortrags lautete: Vom Nobelpreis zu einer neuen Definition des Kilogramms - Eine Idee von Max Planck wird Wirklichkeit.

    Klaus v. Klitzing erhielt den Nobelpreis für Physik 1985 für die Entdeckung des Quanten-Hall-Effektes. Von Beginn an war klar, dass hier ein neuer elektrischer Widerstand entdeckt wurde, dessen Wert nur von Naturkonstanten abhängt und heute durch die von-Klitzing-Konstante charakterisiert ist. 33 Jahre später, am 16. November 2018, wurde diese Konstante Teil eines neuen, auf Naturkonstanten beruhenden globalen Maßsystems. An diesem Tag stimmten die Delegierten der Generalkonferenz für Maß und Gewicht in Versailles über ein neues Einheitensystem ab, wobei auch das Kilogramm durch eine Naturkonstante ersetzt wurde. Das Ergebnis dieser Sitzung wurde von manchen als größte Revolution seit der Französischen Revolution bezeichnet. Im Jahr 1799 wurde nämlich mit der Herstellung eines Ur-Meters und Ur-Kilogramms die Grundlage für ein weltumfassendes Einheitensystem geschaffen, welches der Vorgabe ‚A tous les temps, à tous les peuples‘ am ehesten entsprach. Diese Einheiten sind jedoch heutzutage nicht mehr stabil genug.

    Nobelpreisträger von Klitzing begeistert mit seiner engagierten Rede.

    Schon im Jahr 1900 hat Max Planck einen Vorschlag gemacht, Naturkonstanten für zeitlich und örtlich stabile Maßeinheiten zu verwenden, aber erst experimentelle Durchbrüche in der Quantenphysik machen es möglich, diese Vision zu realisieren. Die Entdeckung des Quanten-Hall-Effektes hat die erwartete Einführung eines neuen internationalen Einheitensystems wesentlich beeinflusst.

    Der Nobel-Vortrag wurde durch eine Aufführung des Saarländischen Staatsballetts abgerundet. Das Werk 27'52'' des mittlerweile 71-jährigen tschechischen Choreografen Jiri Kylian machte den Abend dank der außergewöhnlichen tänzerischen Leistung des Ensembles auch zu einem besonderen sinnlichen Erlebnis.

    Präsident Wolfgang Wahlster überreicht dem Tanzensemble des Saarländischen Staatstheaters Blumen zum Dank.

    Der sich füllende Saal des Saarländischen Staatstheaters.