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Expertengruppe: Stufenplan für die Zeit nach dem Shutdown

Expertengruppe: Stufenplan für die Zeit nach dem Shutdown

Die geltenden Beschränkungen in Gesellschaft und Wirtschaft allmählich zu lockern und dabei die medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung zu sichern – dafür plädiert jetzt eine interdisziplinäre Gruppe renommierter Wissenschaftler. In ihrem Positionspapier zeigen die Forscher um ifo-Präsident Clemens Fuest und Martin Lohse, Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Wege zu diesem Ziel auf.

München, 2. April 2020 – Die Strategie sieht vor, derzeitige Einschränkungen differenziert und unter kontinuierlicher Abwägung der Risiken nach und nach zu lockern. Priorität haben dabei Beschränkungen, die hohe wirtschaftliche Kosten verursachen oder zu starken sozialen und gesundheitlichen Belastungen führen. Regionen mit niedrigen Infektionsraten und freien Kapazitäten im Gesundheitssystem könnten, so der Vorschlag der 14 Experten aus deutschen Universitäten und Forschungsinstituten, beim allmählichen Neubeginn vorangehen. Beginnen sollten zudem Sektoren mit niedriger Ansteckungsgefahr wie zum Beispiel hochautomatisierte Fabriken sowie Bereiche mit weniger gefährdeten Personen, etwa in Schulen und Hochschulen.

 „Die aktuellen Beschränkungen sind sinnvoll und zeigen erste Wirkung“, sagt Martin Lohse, Mediziner und Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). Allerdings hätten die Maßnahmen neben hohen wirtschaftlichen und sozialen Kosten auch gravierende medizinische Folgen, etwa für Patienten mit anderen schweren Erkrankungen. „Weil wir damit rechnen müssen, dass die Pandemie uns noch viele Monate beschäftigt und letztlich nur unser Immunsystem uns schützen kann, brauchen wir eine flexible, nach Risiken gestaffelte Strategie – ein genereller Shutdown ist keine langfristige Lösung“, sagt Martin Lohse.

„Gesundheit und eine stabile Wirtschaft schließen sich keineswegs aus“, sagt Clemens Fuest, Ökonom und Präsident des Münchener ifo-Instituts. Beides bedinge sich vielmehr gegenseitig: „So wie eine positive wirtschaftliche Entwicklung bei unkontrollierter Ausbreitung des Virus nicht möglich ist, lässt sich auch die Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitswesens ohne eine funktionierende Wirtschaft nicht aufrechterhalten“, sagt Clemens Fuest.

„Bei der Planung, in welchen Schritten die massiven Einschränkungen des privaten und öffentlichen Lebens aufgehoben werden, müssen die Menschen im Mittelpunkt stehen“, sagt Christiane Woopen, Professorin für Ethik und Theorie der Medizin an der Universität zu Köln. Dabei seien gesundheitliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Risiken zu berücksichtigen. Allen werde derzeit viel zugemutet. Woopen: „Nun müssen die Starken für die Schwachen da sein.“

Wichtig seien jetzt großflächige Tests, um zuverlässigere Erkenntnisse über die Ausbreitung des Erregers zu erhalten, schreiben die Wissenschaftler aus den Bereichen Innere Medizin, Infektionsforschung, Pharmakologie, Epidemiologie, Ökonomie, Verfassungsrecht, Psychologie und Ethik. Auch die Sicherung der Produktion von Schutzkleidung, Schutzmasken, Medikamenten und künftiger Impfstoffe zähle zu den vordringlichen Maßnahmen. Weiterhin empfehlen die Wissenschaftler, neue Kapazitäten zur Bewältigung der sozialen und psychischen Folgeschäden der aktuellen Maßnahmen zu schaffen.

Die GDNÄ trauert um ihren Altpräsidenten Professor Reimar Lüst.

Nachruf

Die GDNÄ trauert um ihren Altpräsidenten Professor Reimar Lüst.

Der ehemalige Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ), der Astrophysiker Professor Reimar Lüst, ist im Alter von 97 Jahren in Hamburg verstorben. Reimar Lüst führte die Gesellschaft in den Jahren 1985/1986 und leitete die GDNÄ-Versammlung 1986 in München. Er sprach dort zum Thema „Beobachtungen und Experimente im Weltraum“.

„Raimar Lüst war ein wunderbarer Mensch und Mentor“, sagt der heutige GDNÄ-Präsident Martin Lohse über seinen Vorgänger. „Er hat sich an so vielen Stellen für das deutsche und europäische Wissenschaftssystem eingesetzt und es geprägt. Und für die nachkommenden Generationen hatte er stets ein offenes Ohr und Herz.“

Der 1923 in Wuppertal-Barmen geborene Lüst gilt als Pionier der europäischen Weltraumforschung und als Wissenschaftsmanager von großem Format. Er promovierte 1951 in Göttingen in Theoretischer Physik bei Carl Friedrich von Weizsäcker an dem von Werner Heisenberg geleiteten Max-Planck-Institut für Physik. Die Jahre 1955 und 1956 verbrachte er mit einem Fulbright-Stipendium in Chicago und an der Princeton University. 1960 wurde er Mitglied des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in München, 1963 Direktor des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in München. Wenig später erhielt er Professuren an beiden Münchner Universitäten.

Reimar Lüst hat viele Positionen im Wissenschaftsmanagement bekleidet. Er war Direktor und später Vizepräsident der European Space Research Organisation (ESRO). Von 1969 bis 1972 war er Vorsitzender des Wissenschaftsrates, von 1972 bis 1984 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) sowie von 1984 bis 1990 Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). In diesen Positionen beeinflusste er die europäische Weltraumforschung maßgeblich. Von 1989 bis 1999 wirkte Lüst als Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH). Auch im Ruhestand war Reimar Lüst weiterhin im akademischen Bereich aktiv, wurde Ehrensenator der Nationalakademie Leopoldina und trug unter anderem zur Gründung der International University Bremen bei.

Die GDNÄ wird ihrem ehemaligen Präsidenten ein ehrendes Andenken bewahren.

Über Wissenschaft in unsicheren Zeiten

Über Wissenschaft in unsicheren Zeiten

Wissenschaft befasst sich mit dem Unbekannten. Sie tastet sich in Neuland vor, verirrt sich dabei auch manchmal und nähert sich doch allmählich der Wahrheit an. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind vorläufig, aber jede neue Einsicht führt uns weiter.

Viele Schlüsselfragen von Gesellschaft und Wissenschaft reichen weit über die Grenzen der Disziplinen hinaus: Wie bewältigen wir globale Krisen? Wie bleiben wir gesund? Wie werden wir wohnen, uns bewegen, miteinander kommunizieren? Das sind Fragen, die Klimaforscher, Mediziner, Sozial- und Naturwissenschaftler nicht allein beantworten können. Benötigt werden Plattformen für den interdisziplinären Dialog, den Austausch von Jung und Alt und den Wettstreit unterschiedlicher Argumente. Foren für offene, vernunftgeleitete Debatten – darin hat die GDNÄ eine große Tradition, das kann sie gut.

Gerade heute, in Zeiten der Corona-Pandemie und des Klimawandels, brauchen wir das gesamte Fachwissen, um zu bestehen. Einseitige Ansätze führen meistens in die Irre. Sie sind oft blind für verborgene Wechselwirkungen, etwa zwischen Überbevölkerung und Gesundheit, Mobilität und Public Health und die Auswirkungen auf Gesellschaft, Volkswirtschaft und Politik. Erkennen können wir die tieferliegenden Muster nur, wenn wir unser wissenschaftliches Know-how bündeln. Daher möchte ich Sie einladen: Machen Sie mit! Lassen Sie uns gemeinsam Fragen stellen und nach Antworten suchen, Erkenntnisse teilen und sie zum öffentlichen Nutzen weitergeben – in der GDNÄ!

Martin Lohse © David Ausserhofer

Martin Lohse 2022 © MIKA-fotografie | Berlin

Der Heidelberger Virologe über seinen Kurs in der Corona-Krise

Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich

Der Tag müsste gerade 48 Stunden haben für Hans-Georg Kräusslich. Eine Telefonkonferenz nach der anderen, Visiten am Krankenbett, Besprechungen im Labor – der Heidelberger Professor für Virologie hat immer viel zu tun, in der Corona-Krise ist er jedoch im Dauereinsatz. Am Uniklinikum Heidelberg steht GDNÄ-Mitglied Kräusslich nicht nur als Leiter des Zentrums für Infektionsmedizin im Mittelpunkt des Geschehens, als Dekan der Medizinischen Fakultät ist er auch dafür verantwortlich, dass die ganze Klinik funktioniert. Daneben treibt er als Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) Studien zu „SARS-CoV-2“ voran, dem Auslöser der weltweiten Pandemie.

Neue Testmethoden zur Diagnose, antivirale Medikamente und ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus stehen am DZIF ganz oben auf der Agenda. Zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Infektiologie wird derzeit ein europaweites Fallregister aufgebaut, um klinische Daten von Infizierten zu sammeln. Das Register soll zum Beispiel zeigen, unter welchen Umständen Patienten nach einer Infektion schwer erkranken, wann sie mit leichten Symptomen davonkommen und welche Maßnahmen sich am besten bewähren. „Wir sind sehr zuversichtlich, einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen das Virus leisten zu können“, sagt Hans-Georg Kräusslich, der auch in diesen Zeiten größter Anspannung ruhig und besonnen wirkt.

Aktuell engagiert er sich zusätzlich als Mitglied einer Expertengruppe, die einen Stufenplan für die Zeit nach dem Corona-Stillstand vorgelegt hat. „Als Gesellschaft müssen wir jetzt Szenarien für einen schrittweisen Weg zurück in die Normalität entwickeln“, begründet der Heidelberger Mediziner seinen Einsatz.

Mitglied der GDNÄ ist Hans-Georg Kräusslich seit fast vierzig Jahren. Im September 1982 besuchte er als Medizinstudent die Versammlung in Mannheim, die unter dem Motto „Fortschrittsberichte aus Naturwissenschaft und Medizin“ tagte. Dort hörte der damals 24-Jährige eine Reihe von Vorträgen, wobei ihn der Beitrag des deutschstämmigen US-Virologen Peter K. Vogt besonders faszinierte. Vogt sprach in Mannheim über krebsauslösende Gene, sogenannte Onkogene. Diese Forschungsrichtung stand damals noch ganz am Anfang und Vogt zählte mit seinem Labor an der University of Southern California in Los Angeles zu den Pionieren. „Ich war sehr beeindruckt von den Neuigkeiten, die ich auf der GDNÄ-Versammlung erfuhr“, sagt Hans-Georg Kräusslich rückblickend. Sein Faible für die die Virologie sei damals geweckt worden – und habe sich in seiner Zeit als Postdoc in den USA weiter verstärkt.

Nach Deutschland zurückgekehrt baute der junge Mediziner am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine Gruppe auf, die Aidsviren erforschte. Mitte der 1990er-Jahre ging er ans Heinrich-Pette-Institut in Hamburg, dessen Direktor er bis 1999 war. Im Jahr 2000 wurde Kräusslich Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg und seit 2003 ist er Direktor des Zentrums für Infektiologie. Im Herbst 2019 wählten seine Kollegen ihn zum Dekan der Medizinischen Fakultät Heidelberg.

„Gerade für Schüler und Studierende bietet die GDNÄ hervorragende Gelegenheiten, mit Wissenschaftlern in Kontakt zu kommen und aktuelle Forschungsrichtungen kennenzulernen“, sagt Hans-Georg Kräusslich. Ihm hat die Tagung vor fast vierzig Jahren den entscheidenden Impuls gegeben – auch deshalb ist er „seiner“ GDNÄ treu geblieben.

Wolfgang Wahlster erhält Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Prag

Wolfgang Wahlster erhält Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Prag

Der Informatiker Prof. Dr. Wolfgang Wahlster, GDNÄ-Präsident 2017-2018 und Chefberater des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), hat die Ehrendoktorwürde der Tschechischen Technischen Universität (CTU) Prag entgegengenommen. Die Zeremonie fand in Anwesenheit des tschechischen Vizepremiers und Wirtschaftsministers Dr. Karel Havlíček im Januar 2020 in der Prager Betlehemskapelle statt.

Wolfgang Wahlster erforscht die Interaktionen von Mensch und Technik sowie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ entwickelt er Schnittstellen, mit denen Menschen und Roboter reibungslos zusammenarbeiten können. Zentral sind hierbei Algorithmen, die ständig dazulernen und Prozesse optimieren.

Wahlster arbeitet seit mehreren Jahrzehnten eng mit der Tschechischen Technischen Universität (CTU) zusammen. Aus der Kooperation von DFKI und CTU geht etwa auch das 2019 ins Leben gerufene Forschungs- und Innovationszentrum für fortgeschrittene industrielle Produktion (RICAIP) hervor, das mit rund 50 Millionen Euro von der EU gefördert wird.

Die Ehrendoktorwürde der CTU Prag ist dritte internationaler Würdigung dieser Art, die Wolfgang Wahlster zugesprochen wurde.

Prof. Wolfgang Wahlster in seiner Dankesrede am 21. Januar 2020 an der CTU.