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Martin Lohse Aufregende Zeiten für die Wissenschaft

„Aufregende Zeiten für die Wissenschaft“

Martin Lohse, Präsident der GDNÄ, lädt zur 200-Jahr-Feier in Leipzig ein.

Herr Professor Lohse, Anfang September 2022 wird die GDNÄ 200 Jahre alt. Wie wird das gefeiert?
200 Jahre: Das ist wirklich ein bedeutendes und wunderbares Jubiläum. Es sind 200 Jahre, in denen sich die Wissenschaft in der Welt und in Deutschland in unglaublicher Weise entwickelt hat – und in vielen Fällen aus der Mitte der GDNÄ heraus. Wir wollen das glanzvoll feiern: Zum Geburtstag und am Gründungsort Leipzig wird es im September eine große und feierliche Jubiläumstagung geben. Sie geht über vier Tage und findet in der wunderschön modernisierten Art-déco-Kongresshalle am Zoo statt.

Wer ist zur Festversammlung eingeladen?
Es sind sehr herzlich alle Mitglieder, die Teilnehmer des Schülerprogramms und ehemaligen Stipendiaten sowie zu etlichen Programmpunkten auch die Leipziger Öffentlichkeit eingeladen. Wir hoffen, dass der Bundespräsident, der sächsische Ministerpräsident und der Leipziger Oberbürgermeister uns die Ehre erweisen. Hochrangige Wissenschaftler aus dem In- und Ausland, darunter Nobelpreisträger, werden Vorträge halten und mit uns feiern. Angehende Wissenschaftsjournalistinnen und Wissenschaftsjournalisten sowie regionale und überregionale Medien werden uns öffentlichkeitswirksam begleiten.

Als Präsident konnten Sie das Schwerpunktthema der Versammlung auswählen. Warum haben Sie sich für „Wissenschaft im Bild“ entschieden?
Dieses Thema hat eine allgemeine, aber auch eine ganz persönliche Komponente. Beides wird man in der Tagung finden. Bilder haben schon immer zentrale Botschaften in und aus der Wissenschaft transportiert. Denken wir etwa an die vielen Zeichnungen, die Alexander von Humboldt auf seinen Reisen angefertigt hat, an die spektakulären Fotos von der MOSAiC-Expedition am Nordpol oder die fantastischen Aufnahmen der Weltraumteleskope. In meiner eigenen Forschung entstehen faszinierende Detailaufnahmen mit neuartigen Mikroskopen: Bilder von einzelnen Biomolekülen und aus dem Innersten von Zellen und Organismen. In diesem großen Spektrum werden wir uns bei der Jubiläumstagung auf den neuesten Stand bringen lassen.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Der letzte Kuss: Das Bild zeigt eine Zelle, die sich gerade in zwei Tochterzellen teilt. Die Zellkerne sind in Blau gehalten, die Mitochondrien in Grün und die Mikrotubuli in Orange. Aufnahme mit optischer Höchstauflösungs-Mikroskopie (Structured Illumination Microscopy). © Markus Sauer, Universität Würzburg

Die Vorbereitungen für das große Jubiläum laufen auf Hochtouren. Lassen Sie uns einen Blick hinter die Kulissen werfen!
Die Vorbereitungen zu den Tagungen der GDNÄ dauern immer länger als ein Jahr: Themen und Sprecher werden diskutiert und gefunden, die Tagungslogistik wird geplant, ein Rahmenprogramm organisiert. Mit den Planungen für die Jubiläumstagung haben wir vor gut zwei Jahren angefangen, weil alles noch schöner werden soll als sonst. Wir haben viele hervorragende Sprecherinnen und Sprecher aus aller Welt gewonnen. Die Tagungsräume im Kongresszentrum geben der Versammlung einen prächtigen Rahmen, die Zusammenarbeit mit dem Zoo ist sehr eng und engagiert und bietet viele Highlights, und das Rahmenprogramm wird die Tagung besonders reizvoll machen. 

Lassen Sie uns den Blick noch einmal zurückwenden. 1822 bis 2022, das ist viel Zeit: Wie hat die GDNÄ es geschafft, so lange zu überdauern?
Die zwei Jahrhunderte ihres Bestehens sind ganz ohne Zweifel die aufregendsten Zeiten, die die Wissenschaft je erlebt hat. Nie zuvor waren die Veränderungen in der Wissenschaft, aber auch die Veränderungen durch die Wissenschaft so groß – und zwar auf allen Gebieten, für die die GDNÄ steht. Viele Fachdisziplinen wurden in dieser Zeit geboren und haben sich in jeweils eigene Welten entwickelt. Die GDNÄ stand immer wieder im Zentrum der Entwicklungen und aus ihrer Mitte haben sich viele Fachgesellschaften entwickelt, von denen etliche heute weitaus größer sind als die GDNÄ selbst. Einige Alleinstellungsmerkmale hat sich die GDNÄ jedoch bis auf den heutigen Tag bewahrt. 

Welche Besonderheiten sind das?
Drei Aspekte charakterisieren die GDNÄ und machen sie in der Zusammenschau einzigartig: Erstens, die GDNÄ pflegt das interdisziplinäre Gespräch über ein weites Fächerspektrum hinweg – in einer Weise, wie es in den einzelnen Fachgesellschaften nicht stattfinden kann. Zweitens, die GDNÄ betreibt ein Schülerprogramm mit großem Zukunftspotenzial. Und drittens wendet sich die GDNÄ auch an die breite Öffentlichkeit: mit ihren Aktivitäten in der Wissenschaftskommunikation, über ihre Homepage und bei Versammlungen auch direkt an die Menschen in Stadt und Region. Alle drei Aspekte werden wir in Leipzig besonders herausstellen.

Blick in den Großen Saal des aufwändig sanierten Gründerzeitgebäude aus dem Jahr 1900. Insgesamt hat das Haus 15 Säle und Räume sowie Foyers und Lounges. © Leipziger Messe

 

Welche Rolle spielen junge Leute bei der Leipziger Tagung?
Wir laden mehr als zweihundert junge Menschen ein: Ausgewählte Schülerinnen und Schüler aus der Region, Kollegiaten, Preisträger der Wettbewerbe „Jugend forscht“ und „Jugend präsentiert“. Es wird Vorbereitungs-Workshops geben und eine Vorstellung der Ergebnisse auf der Eröffnungsveranstaltung. Dabei sollen die Erwartungen junger Menschen an die Wissenschaft erarbeitet und formuliert werden. Mit diesem Programm, das seit Langem überaus erfolgreich von Herrn Mühlenhoff verantwortet wird, wollen wir junge Menschen ansprechen und ihnen Wege in die Wissenschaft eröffnen. Und natürlich auch in die GDNÄ.

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist. Wie engagiert die GDNÄ sich in diesem Bereich?
Die Corona-Pandemie hat Stärken aber auch Schwächen unserer Gesellschaft überaus deutlich gemacht. Zu den Stärken gehören zahlreiche schnell erarbeitete Forschungsergebnisse, die vor allem zur Bereitstellung von Impfstoffen in weniger als einem Jahr führten. Deutlich wurde aber auch, wie schwer es ist, mit Forschungswissen die gesamte Bevölkerung zu erreichen, und wie viel Grundwissen nötig ist, um in Gespräche über die Krankheit und sinnvolle Gegenmaßnahmen eintreten zu können. Die GDNÄ informiert darüber auf ihrer Homepage, sie hat sich frühzeitig an der Diskussion über Risiko-adaptierte Maßnahmen beteiligt und zusammen mit Wissenschaftsakademien und Forschungseinrichtungen versucht, die Politik dafür zu gewinnen. Einige ihrer Mitglieder wirkten zum Beispiel an einem Symposium der Hamburger Wissenschaftsakademie mit, das infektionsmedizinische Fragen im gesellschaftlichen Kontext untersuchte. Gemeinsam mit deutschen Wissenschaftsakademien wollen wir uns nun zunehmend der Nachlese widmen und uns zwei großen Fragen stellen: Wie haben wir als Gesellschaft und wie hat die Wissenschaft in dieser Krise bestanden? Und was können wir für die Zukunft daraus lernen – für künftige Pandemien und andere Notsituationen, aber auch für die Wissenschaftskommunikation?

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie bei der Festversammlung?
Corona wird auf der Leipziger Tagung nicht im Mittelpunkt stehen. Es ist schon so viel dazu gesagt worden, dass dies uns nicht sinnvoll erschien. Aber die RNA-Medizin, die uns die bisher besten Impfstoffe gebracht hat und ganz neue Chancen für unser Gesundheitswesen eröffnet, wird in Leipzig ein zentrales Thema der Sitzung „Medizin“ am Sonntagvormittag sein.

Was wünschen Sie der GDNÄ für die nächsten Jahre?
Von allen Wünschen, die ich für die GDNÄ habe, ist einer zentral: dass sie auch weiterhin eine wichtige Rolle im Gespräch der Wissenschaften untereinander, mit der Öffentlichkeit und vor allem mit jungen Menschen spielen möge. Und das für 200 weitere Jahre!

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Prof. Dr. Martin Lohse © Bettina Flitner

Zur Person
Seit 2019 ist Prof. Dr. Martin Lohse Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). In diesem Ehrenamt ist er verantwortlich für das Programm der Versammlung zur Feier des 200-jährigen Bestehens der Wissenschaftsvereinigung. Im Hauptberuf ist der renommierte Pharmakologe seit 1993 Professor an der Universität Würzburg und seit 2020 Chairman des Inkubators ISAR Bioscience Institut in Planegg/München. Schwerpunkt seiner Forschung sind Rezeptoren und ihre Signale; sie stellen die wichtigsten Angriffspunkte für Arzneimittel dar.
Martin Lohse studierte Medizin und Philosophie an den Universitäten Göttingen, London und Paris und promovierte in Göttingen an der Abteilung für Neurobiologie des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie. Nach Stationen bei Ulrich Schwabe in der Pharmakologie in Bonn und Heidelberg forschte er im Labor des späteren Nobelpreisträgers Bob Lefkowitz an der Duke University, wo er Assistant Professor wurde. Von 1990 bis 1993 leitete er eine Arbeitsgruppe am von Ernst-Ludwig Winnacker aufgebauten Genzentrum in Martinsried/München. In Würzburg gründete er 2001 das Rudolf-Virchow-Zentrum, eines der ersten drei DFG-Forschungszentren, und die Graduiertenschulen der Universität. Nach sechs Jahren als Vizepräsident für Forschung an der Universität Würzburg in den Jahren 2009 bis 2015 war er von 2016 bis 2019 Vorstandsvorsitzender des Max-Delbrück-Centrums in der Helmholtz-Gemeinschaft in Berlin. Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Leibniz-Preis der DFG, den Ernst-Jung-Preis für Medizin und zwei Grants des European Research Council. Vier Biotechnologiefirmen hat er mitgegründet. Er hat zahlreiche Ehrenämter in der Wissenschaft im In- und Ausland übernommen; so war er von 2009 bis 2019 Vizepräsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Die Kongresshalle am Zoo Leipzig ist ein modernes Tagungszentrum in historischem Ambiente. © Leipziger Messe

Weitere Informationen:

Hohe Auszeichnung aus China für Katharina Kohse-Höinghaus

Hohe Auszeichnung aus China für Katharina Kohse-Höinghaus

Chinesische Akademie der Wissenschaften nimmt die Chemikerin und GDNÄ-Vorstandsrätin als auswärtiges Mitglied auf

Katharina Kohse-Höinghaus ist Seniorprofessorin für Physikalische Chemie an der Universität Bielefeld und frühere Präsidentin des Combustion Institute. Sie vertritt den Bereich Ingenieurwissenschaften im Vorstandsrat der GDNÄ. Am 18. November 2021 teilte die Chinesische Akademie der Wissenschaften (CAS) mit, dass Katharina Kohse-Höinghaus als neues auswärtiges Mitglied zugewählt worden ist. Die langjährige Liste der ausländischen Mitglieder umfasst insgesamt nur etwa 100 Personen. Dazu zählen der Physiker Klaus von Klitzing, der Biochemiker Hartmut Michel sowie der Mathematiker Martin Grötschel. Gleichzeitig mit Kohse-Höinghaus wurde der Biologe Herbert Jäckle zugewählt.

Prof. Dr. Katharina Kohse-Höinghaus. © Foto Norma Langohr, Universität Bielefeld

Wolfgang Wahlster ist neues auswärtiges Mitglied in der Tschechischen Akademie der Technikwissenschaften

Wolfgang Wahlster ist neues auswärtiges Mitglied in der Tschechischen Akademie der Technikwissenschaften

Am 23. November 2021 wurde der GDNÄ-Altpräsident Professor Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Wahlster als auswärtiges Mitglied in die Tschechische Akademie der Technikwissenschaften (Cena Inženýrské akademie České republiky, EACR) in Prag aufgenommen.

Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ist in Tschechien als wissenschaftlicher Pionier im Bereich Industrie 4.0 und Künstlicher Intelligenz bekannt. Sowohl für die Tschechische Republik als auch für Deutschland hat die industrielle Produktion große wirtschaftliche Bedeutung. In beiden Ländern wird die industrielle Künstliche Intelligenz als Innovationsmotor wahrgenommen.

Seit vielen Jahren kooperiert Wahlster mit Professor Vladimír Mařík in Prag, dem Gründer des Tschechischen Instituts für Informatik, Robotik und Kybernetik (CIIRC) der Tschechischen Technischen Universität Prag (CTU). Zusammen haben die beiden Wissenschaftler das mit 50 Millionen Euro geförderte Research and Innovation Centre on Advanced Industrial Production (RICAIP) ins Leben gerufen.

Die technikwissenschaftliche Akademie Tschechiens EACR ist eine Partnerorganisation der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und vertritt Tschechien in Euro-CASE, der europäischen Vereinigung aller technikwissenschaftlichen Akademien.

Wahlster © GDNÄE

GDNÄ-Altpräsident Professor Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Wahlster. © DFKI

Hohe Glaubwürdigkeit erneut bestätigt

Hohe Glaubwürdigkeit erneut bestätigt

Das Vertrauen in Wissenschaft und Forschung ist ungebrochen stark, gerade in der Corona-Pandemie. Aber es gibt auch skeptische Stimmen. Dies ergab eine repräsentative Umfrage von Wissenschaft im Dialog (WiD), einer gemeinnützigen Organisation, in der die GDNÄ als Gesellschafterin mitwirkt.

Die Menschen in Deutschland verlassen sich mehrheitlich auf Wissenschaft und Forschung. So gaben 61 Prozent der Befragten in der aktuellen Meinungsumfrage „Wissenschaftsbarometer 2021“ an, der Wissenschaft eher oder voll und ganz zu vertrauen. Das sind ähnlich viele wie bei der vorherigen Erhebung im November 2020 (60 %) und mehr als vor Beginn der Corona-Pandemie (2019: 46 %, 2018: 54 %, 2017: 50 %).

Nur in den Corona-Spezial-Erhebungen im April und Mai 2020 war die Zustimmung mit 73 respektive 66 Prozent höher. 32 Prozent der Befragten sind aktuell unentschieden. Das geht aus bevölkerungsrepräsentativen Daten des Wissenschaftsbarometers hervor, mit dem die gemeinnützige Organisation Wissenschaft im Dialog (WiD) seit 2014 die öffentliche Meinung zu Wissenschaft und Forschung in Deutschland erhebt. Förderer und Unterstützer des Projekts sind die Robert Bosch Stiftung und die Fraunhofer-Gesellschaft. Die GDNÄ unterstützt die Ziele und vielfältigen Aktivitäten von WID seit vielen Jahren als Gesellschafterin.

Das Vertrauen der Deutschen in Wissenschaft und Forschung hat mit der Corona-Pandemie stark zugenommen. © WiD

Das hohe Vertrauen in Wissenschaft und Forschung spiegelt sich auch im Wunsch nach wissenschaftlicher Politikberatung. So sind mehr als zwei Drittel der Befragten (69 %) der Ansicht, dass politische Entscheidungen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen sollten. 75 Prozent finden, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich öffentlich äußern sollten, wenn politische Entscheidungen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht berücksichtigen. Eine aktive Einmischung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in die Politik wünschen sich 32 Prozent der Befragten. Die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Politik im konkreten Kontext der Corona-Pandemie bestimmte Entscheidungen empfehlen sollten.

Unklar ist vielen Befragten (53 %) allerdings, wie in Deutschland Politikberatung zu Corona funktioniert.  „Die Menschen wünschen sich noch mehr Informationen darüber, wann und wie wissenschaftliche Erkenntnisse die Politik beeinflussen“, sagt Markus Weißkopf, Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog.

Was Mediziner und Wissenschaftler zu Corona sagen, wird am ehesten geglaubt. © WiD

 

Im Kontext der Corona-Pandemie ist das Vertrauen in die Aussagen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besonders hoch: 2021: 73 %, November 2020: 73 %, April 2020: 71 %. Einzig das Vertrauen in Aussagen von Ärztinnen und Ärzten und medizinischem Personal zu Corona ist noch höher (2021: 79 %, November 2020: 80 %, April 2020: 78 %). Den Aussagen der Vertreterinnen und Vertreter von Behörden und Ämtern sowie von Journalistinnen und Journalisten und von Politikerinnen und Politikern wird im Vergleich wesentlich weniger Vertrauen entgegengebracht (2021: 34 %, 21 % und 18 %).

Trotz des großen Vertrauens in Medizin und Wissenschaft finden auch skeptische Positionen zur Corona-Pandemie Zustimmung. So stimmten 39 Prozent folgender Aussage eher oder voll und ganz zu: „Wissenschaftler sagen uns nicht alles, was sie über das Coronavirus wissen“ (19 % unentschieden, 40 % stimmen eher nicht oder nicht zu). 26 Prozent stimmen der Aussage zu, dass aus der Pandemie eine größere Sache gemacht wird, als diese eigentlich ist (12 % unentschieden, 61 % stimmen nicht oder eher nicht zu).

„Die Ergebnisse zeigen, dass eine Minderheit an der Wissenschaft zweifelt – allerdings eine Minderheit, die während der Pandemie lauter geworden ist”, sagt Prof. Dr. Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Wissenschaftsbarometers. 

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Neue Umfrage von „Wissenschaft im Dialog“. © WiD

Weitere Informationen:

Stuart Parkin – Junge Leute ermuntern, ihren scheinbar verrückten Ideen zu folgen

„Ermuntern wir junge Leute mit scheinbar verrückten Ideen!“

Warum Stuart Parkin, Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik, seinen Spitzenjob in Kalifornien aufgab, wie er der Datenverarbeitung auf die Sprünge hilft und welche Zukunft er für Deutschland sieht.  

Herr Professor Parkin,  vor einigen Jahren waren Sie noch bei IBM im Silicon Valley, jetzt arbeiten Sie in Halle an der Saale. War das ein guter Tausch?
Ich denke ja, auch wenn die beiden Stationen sehr unterschiedlich sind. Sie ähneln sich jedoch in einem Punkt, der mir sehr wichtig ist und das ist die wissenschaftliche Freiheit. Die hatte ich als Forschungsdirektor bei IBM und auch hier im Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle kann ich meinen Kurs selbst bestimmen.

Und doch ist es ein großer Sprung, den Sie gemacht haben: von der Industrieforschung in ein öffentlich finanziertes Institut, von Kalifornien nach Sachsen-Anhalt. Was hat Sie dazu bewogen?
Die Liebe zu meiner Frau Claudia Felser. Wir haben uns in Stanford kennengelernt und vor ein paar Jahren beschlossen, gemeinsam nach Deutschland zu gehen. Sie ist Chemie-Professorin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden. Von unserem Zuhause haben wir es nicht weit zu unseren Instituten. Fachlich verbindet uns nicht nur die Faszination für neue Materialien, wir arbeiten auch in Projekten zusammen.

© Max Planck Institut fuer Mikrostrukturphysik

Das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik wurde 1992 als erstes Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Ostdeutschland gegründet. Im Forschungsfokus stehen neuartige Materialien mit nützlichen Funktionalitäten. Heute bietet das Institut rund 150 Mitarbeitern Platz.

Um was genau geht es in Ihrer Forschung?
Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Ich erschaffe völlig neue Materialien für die Informationsverarbeitung. Sie werden dringend benötigt, denn wir stehen am Ende des Silizium-Zeitalters und brauchen nun Grundstoffe für eine schnellere, effizientere Datenwelt. Unsere Materialien bestehen  aus hauchdünnen magnetischen Schichten.  Sie erlauben es, das magnetische Moment des Elektrons zur Speicherung und Verarbeitung digitaler Daten zu nutzen und nicht nur, wie früher in der Halbleiterelektronik üblich, dessen elektrische Ladung. Spintronik lautet der entsprechende Fachbegriff. Ihr habe ich den größten Teil meines Berufslebens gewidmet und konnte in dieser Zeit wesentlich dazu beitragen, dass magnetische Laufwerke heute Standard sind. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.

Wie geht sie weiter?
Eine wichtige Spintronik-Anwendung sind die von mir erfundenen Spin Valves. Das sind Dünnschicht-Leseköpfe, die sehr kleine magnetische Domänen auf Festplatten aufspüren und deren Speicherkapazität deutlich erhöhen können. Vor mehr als zehn Jahren wurden unter meiner Leitung der sogenannte Racetrack-Speicher entwickelt. Diese auf Magnetoelektronik basierende Technik verarbeitet digitale Informationen eine Million mal schneller als herkömmliche Festplatten. Aktuell forsche ich zusammen mit meiner Frau an Skyrmionen und Antiskyrmionen, also an nanometergroßen magnetischen Objekten, die den Weg in eine ultaschnelle und zugleich stromsparende Datenverarbeitung der Zukunft ebnen könnten. Unsere Ergebnisse sind hochrangig publiziert, zuletzt 2020 im Fachblatt Nature.

Wenn es um effiziente Informationsverarbeitung geht, ist das menschliche Gehirn unerreicht. Lassen Sie sich davon inspirieren?
Selbstverständlich. Mit ersten Studien habe ich schon bei IBM begonnen und auch in Halle arbeiten wir auf diesem extrem spannenden Gebiet. Wir wollen verstehen, wie das Gehirn es schafft, mittels winziger Ionenströme stoffliche Reaktionen auszulösen. Das ist Elektrochemie vom Feinsten. Unser Ziel ist es,  die unglaublich ökonomische und präzise Arbeitsweise des Gehirns nachzuahmen. Kurzfristig ist das nicht zu schaffen, da braucht man einen langen Atem. 

Was lässt sich in den nächsten Jahre erreichen?
Mir geht es darum, die Erfindung neuer Materialien zu beschleunigen. Deshalb habe ich das Institut in Halle komplett umgebaut und bin dabei vom Land Sachsen-Anhalt, der Max-Planck-Gesellschaft und der Alexander von Humboldt-Stiftung hervorragend unterstützt worden. Heute arbeiten wir hier in einem großen Team von Physikern, Chemikern und Biologen – um nur einige Fachrichtungen zu nennen. Uns steht modernste Bildgebungstechnik zur Verfügung und wir haben einen neuen Reinraum, in dem wir feinste Nanostrukturen herstellen können.  Das meiste davon haben wir selbst gebaut, so etwas kann man nicht auf dem Markt kaufen.

© burckhardt+partner

Forschungsneubau für die Chiptechnik von morgen (virtuelle Ansicht): Mit einer Investition von 50 Millionen Euro wird das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle um moderne Labore und Büros erweitert. Bis Ende 2024 soll der Neubau mit einer Nutzfläche von 5.500 Quadratmetern fertig sein. Das Institut wird dann bis zu 300 Mitarbeitern Platz bieten können.

Ihre Forschung dürfte von großem Interesse für die Industrie sein?
So ist es. Kooperationen gibt es zum Beispiel mit dem koreanischen IT-Unternehmen Samsung. Auch andere Firmen beobachten aufmerksam, was sich bei uns tut. Unter anderem der amerikanische Chiphersteller Intel, der kürzlich Milliardeninvestitionen in Europa ankündigte.

Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen für Ihre Forschung in Deutschland?
Wir haben wirklich gute Bedingungen. Ein großer Pluspunkt ist, dass Deutschland viel in die Grundlagenforschung investiert, und zwar deutlich mehr als andere Länder in Europa. Es gibt hervorragende Fachkräfte im Land und ehrgeizige junge Leute mit guten Ideen.

Wo sehen Sie Deutschland im Vergleich im internationalen Vergleich?
Da ist noch einiges aufzuholen. Nehmen wir das Beispiel USA: Dort ist die Digitalisierung wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, in Deutschland sehe ich das noch nicht so. Die mächtigen und reichen Unternehmen im Silicon Valley können Fachleuten hohe Gehälter zahlen, da können wir oft nicht mithalten. Überdies liegen viele Patentrechte in den USA – auch das erschwert den Wettbewerb. Wie groß die Unterschiede zwischen den Ländern sind, hat die Pandemie vor Augen geführt. Auf einmal waren Videokonferenzen en vogue und US-amerikanische Anbieter wie Zoom oder MS-Teams ganz vorn dabei. Warum, frage ich mich, spielt ein deutsches Unternehmen wie SAP da nicht mit? Die Voraussetzungen wären durchaus gegeben.

Wie kann Deutschland Boden gutmachen?
Am besten durch Investitionen in junge Leute. Wir sollten sie ermuntern, auch scheinbar verrückten Ideen zu folgen und Risiken einzugehen. An den Universitäten sollte man lernen können, wie Innovation funktioniert und wie man erfolgreich im Wettbewerb besteht. Einige asiatische Länder weisen bestimmte Zonen aus, in denen Firmengründer zehn Jahre lang keine Steuern zahlen müssen. Das könnte auch für uns ein Modell sein, gerade auch in Ostdeutschland, wo es noch viele freie Flächen gibt.

Die Bundestagswahlen liegen hinter uns, die Koalitionsverhandlungen laufen. Was erwarten Sie auf Ihrem Gebiet von der nächsten Bundesregierung?
Einen starken Schub für die Digitalisierung. Als führende Volkswirtschaft sollte Deutschland in diesem Bereich vorangehen und dazu beitragen, dass Europa mit einer Stimme spricht. Das wäre wichtig, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen und wichtige Werte wie Datensicherheit durchzusetzen. 

Sie engagieren sich in zahlreichen Fachgesellschaften. Welchen Stellenwert hat Ihre Arbeit in der GDNÄ für Sie?
Ich bin Europäer und möchte dazu beitragen, dass unser Kontinent wettbewerbsfähiger wird. Die GDNÄ kann da einen wichtige Rolle spielen, zum Beispiel durch die Förderung junger Leute. Aber auch,  indem sie zur kontroversen, kultivierten Diskussion über aktuelle Wissenschaftsthemen einlädt. Ich kenne das aus Großbritannien und würde mir auch hierzulande mehr öffentlichen Disput dieser Art wünschen. Gegen die zunehmende Wissenschaftsskepsis in der Gesellschaft könnte das ein gutes Mittel sein.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© Sven Doering

Stuart S. P. Parkin

Zur Person
Stuart S. P. Parkin kam 1955 im britischen Watford zur Welt. Im Anschluss an seine Promotion im Bereich Festkörperphysik an der University of Cambridge kam er als Postdoktorand zu IBM, wo er 1999 zum Fellow ernannt wurde und damit die höchste technische Auszeichnung des Unternehmens erhielt. Zwischen 2004 und 2006 forschte er mit einem Humboldt-Forschungspreis an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Professor Parkin leitete das IBM Almaden Research Center in San Jose, und war Direktor des 2004 gegründeten Spintronic Science and Applications Centers (SpinAps). Zudem war er Professor an der Stanford University. Er ist Mitglied zahlreicher internationaler Akademien wie der Royal Society und der American Academy of Arts and Sciences und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den mit 200.000 Dollar dotierten König-Faisal-Preis 2021. Der Physiker mit drei Staatsbürgerschaften in Großbritannien, USA und Deutschland hat rund 400 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und hält mehr als 90 Patente. Seit 2014 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle, wo er die experimentelle Abteilung Nanosysteme aus Ionen, Spins und Elektronen (NISE) leitet. Zusätzlich lehrt er als Alexander-von-Humboldt-Professor am Institut für Physik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In der GDNÄ wurde Stuart Parkin zum Fachvertreter Ingenieurwissenschaften gewählt. 

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