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Wolfgang Kießling „Das nächste Korallenriff liegt vor meiner Haustür““

„Das nächste Korallenriff liegt vor meiner Haustür“

Was uns die Urzeit für die Zukunft lehrt, verrät der Erlanger Paläontologe Wolfgang Kießling bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.

Herr Professor Kießling, bitte erläutern Sie an einem Beispiel, wie Daten aus der Erdgeschichte uns helfen können, künftige Herausforderungen zu meistern.
Nehmen wir die aktuell kontrovers diskutierte Frage, welche Arten durch den Klimawandel besonders bedroht sind. Da kann mein Fachgebiet zur Antwort beitragen. Urzeitliche Funde zeigen uns, dass Arten, die an den Polen oder am Äquator leben, am stärksten gefährdet sind. In den mittleren Breiten ist ein Massenaussterben von Arten am unwahrscheinlichsten.  

Also leben wir in Deutschland und Europa auf der sicheren Seite? 
Noch sind wir im Vorteil, absolut sicher jedoch keineswegs. Auch in unseren Regionen lässt sich derzeit eine klimabedingte Artenwanderung in Richtung der Pole beobachten. Betroffen sind Organismen, denen es in ihren Ursprungsgebieten zu warm wird. Sie weichen in Regionen aus, die ihnen bislang zu kalt waren, nun aber infolge der Erderwärmung gute Bedingungen bieten. Bei weiter steigenden Temperaturen ist mit einer Zunahme dieser Arealverschiebungen zu rechnen.

© W. Kiessling

Ein fossiles Korallenriff an der Küste des Roten Meeres. 

Welche Arten können sich gut anpassen, welche sind besonders empfindlich gegenüber Klimastressoren?
Schnecken und Austern sind relativ unempfindlich. Fische liegen im Mittelfeld. Und Korallen sind sehr empfindlich.

Klimawandel gab es schon immer und irgendwie ist die Erde damit zurechtgekommen – so argumentieren Klimaskeptiker. Wie reagieren Sie darauf?
Ja, in der Erdgeschichte gab es immer wieder Wärmekrisen mit massenhaftem Artensterben. Es stimmt auch, dass die Erde sich davon erholt hat. Allerdings hat die Erholung Millionen von Jahren gedauert. Beim wärmebedingten Massenaussterben am Ende des Erdzeitalters Perm, das vor 250 Millionen Jahren endete, sind mehr 80 Prozent aller Arten ausgestorben. Damals hat es fünf Millionen Jahre gedauert, bis Artenvielfalt und Funktionalität von Ökosystemen wiederhergestellt waren.

Woher wissen Sie das so genau?
Wir stützen uns auf sorgfältige wissenschaftliche Auswertungen sehr vieler urzeitlicher Funde. Die meisten dieser Befunde sind online frei zugänglich in der nicht-kommerziellen Paleobiology Database, die über mehr als zwei Millionen Fossilfunde in aller Welt Auskunft gibt. Ich habe die Datenbank in meiner Postdoc-Zeit in Chicago kennengelernt. Damals war das noch ein ganz kleines Projekt. Heute wird es von rund vierhundert Wissenschaftlern überwiegend ehrenamtlich betrieben und kann mehr als 550 offizielle Publikationen vorweisen.

Ehrenamtlich war auch Ihr Engagement als Leitautor im Weltklimarat IPCC von 2017 bis 2023. Wie können wir uns Ihre Arbeit dort vorstellen?
Ich war Leitautor für den sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats und zuständig für eine von drei Arbeitsgruppen. Meine Gruppe beschäftigte sich mit Folgen des Klimawandels, mit Anpassungen daran und Verwundbarkeiten. Ich habe Daten aus der Paläontologie beigesteuert. Für mich waren es sehr inspirierende Jahre, aber auch unglaublich viel Arbeit. Wir Leitautoren mussten Berge von Literatur sichten und bewerten, um im Sachstandsbericht belastbare Aussagen zu Klimaanpassungen machen zu können. Für die Treffen mit Kolleginnen und Kollegen bin ich oftmals um die Welt geflogen, heute finden die Diskussionen in der Regel online statt. Jede Arbeitsgruppe zählte fast dreihundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zum Schluss einen insgesamt neuntausend Seiten starken Bericht plus Synthesebericht veröffentlichten. So ein Werk ist fürs Archiv gedacht, das liest niemand ganz durch. Für Politiker und die interessierte Öffentlichkeit werden die Kernaussagen immer zusammengefasst – eine sehr nützliche Sache.

©-Carola Radke, Museum für Naturkunde Berlin

Am Polarisationsmikroskop untersucht Wolfgang Kießling hauchdünne Gesteinsproben, sogenannte Dünnschliffe, um deren genaue Zusammensetzung, Entstehungsgeschichte und mechanischen Eigenschaften zu ermitteln. Das Bild entstand in Kießlings Zeit am Berliner Naturkundemuseum.

Inzwischen ist der Klimawandel als öffentliches Debattenthema in den Hintergrund gerückt. Wie ist das für Sie?
Es ist frustrierend, aber angesichts der vielen globalen Krisen nicht verwunderlich. Dennoch dürfen wir nicht aufgeben, der Klimawandel schreitet schnell voran. Aktuell sehe ich stark gegenläufige Entwicklungen, zum Beispiel in China: Das Land emittiert extrem viel Treibhausgas, ist andererseits aber auch sehr aktiv in der Bekämpfung und beim Ausbau regenerativer Energien. Die chinesische Regierung hört auf die Wissenschaft, das habe ich in meiner IPCC-Zeit immer wieder erlebt. In Deutschland ist das im Prinzip auch so, andere Länder tun sich da schwerer.

Wenn es um die Auswirkungen der aktuellen Erderwärmung auf Ökosysteme geht, ist immer wieder die Rede von kurz bevorstehenden Kippeffekten. Wie zuverlässig sind solche Vorhersagen?
Kippeffekte vorherzusagen ist extrem schwierig. Für Korallenriffe, also für mein Spezialgebiet, gab es etliche solcher Prognosen und bisher hat sich keine bewahrheitet. Ich bin da sehr skeptisch und glaube auch nicht an das völlige Verschwinden der Riffe, vor dem gelegentlich gewarnt wird. Vielen Riffen geht es aktuell nicht gut, aber in einigen Weltgegenden sind sie noch weitgehend intakt. Das gilt etwa für das Rote Meer, aber auch für Indonesien, obwohl dort  zum Teil noch mit Dynamit gefischt wird. Anders sieht es wahrscheinlich beim Golfstrom aus, der Nordeuropa ein relativ mildes Klima beschert. Da halte ich Kippeffekte für durchaus realistisch.

© W. Kiessling.

Feldforschung an einem fossilen Korallenriff in Apulien.

Was halten Sie von der aufsehenerregenden Vorhersage einer chinesischen Forschergruppe, dass eine Änderung der mittleren globalen Jahrestemperatur von 5,2 Grad Celsius unweigerlich zu massenhaftem Artensterben führt?
Die Studie ist seriös und sie wurde auch in den letzten Weltklimabericht aufgenommen. Aber die Ergebnisse sind bislang nicht durch weitere Studien bestätigt worden. Aktuell beträgt die Erderwärmung 1,2 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Wenn der Trend anhält, könnte der Wert gegen Ende des Jahrhunderts bei 3 Grad liegen und in 150 Jahren möglicherweise die 5,2-Grad-Marke erreichen.

Als Grundlagenforscher bringen Sie, ganz im Sinne der diesjährigen GDNÄ-Versammlung, Ihre Forschungsergebnisse auch zur Anwendung. Bitte geben Sie uns ein Beispiel.
Unser wohl angewandtetes Projekt heißt Ageless; wir betreiben es seit zwei Jahren zusammen mit den Universitäten Bremen und Oldenburg. Ageless ist Teil eines großen Programms des Bundesforschungsministeriums zum Schutz der Biodiversität im sogenannten Blauen Ozean. Das sind Areale in internationalen Gewässern, von denen schon bald 30 Prozent als UN-Schutzgebiete ausgewiesen werden sollen. Schon jetzt wissen wir: Schutzgebiete müssen überwiegend parallel zu den Längengraden ausgerichtet und dürfen nicht starr sein, weil besonders gefährdete Arten polwärts ziehen. Würden wir das nicht berücksichtigen, müssten unsere Nachfolger in zwanzig Jahren von vorn anfangen. Spannend ist die Zusammenarbeit mit Naturschutzorganisationen und Sozialwissenschaftlern im Co-Design. Das heißt, während wir forschen, werden erste Ergebnisse bereits umgesetzt. Bisher kam die Publikation zuerst und danach möglicherweise die Anwendung. 

Mit Ihrem Institut sind Sie Teil des GeoZentrums Nordbayern. Auch hier ist das Ziel, die praktische Nutzung wissenschaftlicher Ergebnisse voranzubringen. Gelingt das?
Ja, da gibt es einige vielversprechende Projekte. In der Mineralogie werden zum Beispiel Beton auf Olivinbasis beforscht, der keine oder deutlich weniger Treibhausgase freisetzt als die heute meist verwendeten Karbonat-Zemente. In der Petrologie fahnden die Kollegen nach metallischen Rohstoffen im Erdinneren, um zur Deckung des wachsenden Bedarfs beizutragen – etwa im Bereich Seltener Erden. 

Sie stammen aus Coburg, forschen, lehren in Erlangen und gelten als führender Experte für erdgeschichtliche Klimawandelfolgen in marinen Ökosystemen. Wie kommt ein Franke zur Meeresforschung mit dem Spezialgebiet Korallenriffe?
Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich muss nicht lange fahren, um einen Strand zu erreichen. Und zum nächsten Korallenriff habe ich es auch nicht weit, es liegt sozusagen vor meiner Haustür. Natürlich handelt es sich um fossile Umgebungen, zum Beispiel in der Fränkischen Schweiz oder in Niederbayern. Dort, in Saal an der Donau, habe ich kürzlich in einem Steinbruch Überreste von 150 Millionen Jahre alten tropischen Korallen entdeckt und ein paar Proben für unser Institut mitgenommen. Wer ein Auge dafür entwickelt, findet fast überall solche Spuren der Vergangenheit.

Was hat Ihr Interesse an dieser Forschungsrichtung geweckt?
Als Jugendlicher wollte ich unbedingt ein naturwissenschaftliches Fach studieren. Für Physik reichten meine Mathekenntnisse nicht, an Biologie störte mich das Sezieren. So kam ich zu den Geowissenschaften und über einen meiner Professoren schließlich zur Paläontologie. Er war dermaßen begeistert von seinem Fach, das hat sich auf mich übertragen. Bereut habe ich meine Fachwahl nie und seit ich selbst Professor bin, versuche ich, die Begeisterung weiterzugeben.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© David Hartfield.

Professor Dr. Wolfgang Kießling ist Inhaber des Lehrstuhls für Paläoumwelt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist einer der führenden Experten für die Auswirkungen des Klimawandels auf marine Ökosysteme in der Urzeit.

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Kießling kam 1965 in Coburg zur Welt. Er studierte Paläoontologie an der an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Dort wurde er 1995 promoviert. Nach einem Forschungsaufenthalt von 2000 bis 2001 an der University of Chicago habilitierte er sich 2005 an der Freien Universität Berlin und arbeitete anschließend als Professor für Evolutionäre Palökologie an der Humboldt-Universität und am Museum für Naturkunde in Berlin. 2012 kehrte er an die FAU zurück, wo er seither den Lehrstuhl für Paläoumwelt leitet. Wolfgang Kießling erforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf Tierarten und Ökosysteme über lange Zeiträume. Sein Hauptaugenmerk gilt der Entwicklung und Evolution von Korallenriffen. Er gehörte dem Weltklimarat IPCC von 2016 bis 2023 an und war einer der Hauptautoren des Weltklimaberichts 2022 mit dem Titel „Impacts, Adaptation and Vulnerability“. Kießling ist der am häufigsten zitierte Paläontologe in Deutschland. 2026 wurde er zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© Sven Stolzenwald

Anfertigung von Gesteinsdünnschliffen für die nachfolgende mikroskopische Analyse.

Zur Vertiefung

Thomas Kühlein: „Nicht alles medizinisch Machbare mitmachen“

„Nicht alles medizinisch Machbare mitmachen“

Wie die Evidenzbasierte Medizin zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen kann, erläutert Thomas Kühlein, Professor für Allgemeinmedizin in Erlangen, bei der  GDNÄ-Versammlung 2026.

Herr Professor Kühlein, laut Konferenzprogramm werden Sie in Bremen über Wahrheit und Wissenschaft sprechen. Ein weites Feld – worum geht es genau? 
Um eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung, also eine Medizin, die auf den besten verfügbaren Forschungsergebnissen und der Erfahrung praktisch tätiger Ärzte basiert und dabei auch die Patientenperspektive berücksichtigt. So sollte gute Medizin sein, dachte ich vor mehr als zwanzig Jahren, als ich, damals noch als niedergelassener Hausarzt auf dem Land, meine erste Fortbildung in dieser Richtung machte – und so denke ich bis heute. Aber leider wird die Evidenzbasierte Medizin oft missverstanden, fehlinterpretiert oder ignoriert. 

Wo beobachten Sie das?
Zum Beispiel bei den Programmen zur Krebsfrüherkennung wie die Krankenkassen sie für Brustkrebs, Darmkrebs, Hautkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Prostatakrebs und neuerdings auch für Lungenkrebs anbieten. Mit diesen Screeningprogrammen, so heißen sie in der Fachsprache, will man Tumore im Anfangsstadium aufspüren. Also dann, wenn sie oft gut heilbar sind und die Betroffenen noch keine Beschwerden haben. Soweit die Theorie. Die in Studien beobachtete Wirklichkeit sieht anders aus. Die Risiken und der erwartbare Nutzen für die Einzelnen sind in der Regel kleiner als gedacht und mögliche Nachteile durch sogenannte Überdiagnosen bisweilen sogar wahrscheinlicher als der Nutzen. Das wird aber häufig nicht fair kommuniziert. Insgesamt wären vermutlich spezielle Programme für Risikogruppen viel effizienter.

© Uniklinik Erlangen.

Das Institut für Allgemeinmedizin ist verantwortlich für die fachliche Forschung und Lehre an der Universitätsklinik Erlangen. Hier eine Außenansicht.

Genau das wird aktuell für das Hautkrebsscreening diskutiert.
Ja, wir begrüßen das ausdrücklich. Deutschland ist das einzige Land mit einem flächendeckenden, nicht-risikobasierten Screening auf Hautkrebs. Versicherte ab einem Alter von 35 Jahren haben alle zwei Jahre Anspruch auf diese Früherkennungsuntersuchung. Das Programm hat erwartbar dazu geführt, dass die Zahl der Hautkrebsdiagnosen gestiegen ist, aber nicht, dass weniger Menschen an Hautkrebs sterben – die vorliegenden Studien zeigen das ganz klar und genau das nennt bezeichnet man als Überdiagnostik. Es wird also höchste Zeit für einen Kurswechsel: weg vom Gießkannenprinzip, hin zu einem Screening für Personen mit hohem Hautkrebsrisiko. Dazu zählen sehr hellhäutige Menschen sowie beispielsweise Land- oder Straßenarbeiter. Ein weiterer Vorteil des risikoadaptierten Vorgehens: Wenn fragwürdige Screeninguntersuchungen entfallen, haben Ärzte mehr Zeit für wirklich kranke Patienten. 

Kleinere Screeningprogramme tragen vielleicht auch dazu bei, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken.   Derzeit sucht die Bundesregierung fast schon verzweifelt nach weiteren Sparmöglichkeiten. Wo sehen Sie die größten Potenziale?
Erstens im geplanten Primärarztsystem. Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, die Bundesregierung will es schrittweise einführen. Gesetzlich Versicherte sollen, so der Plan, im Krankheitsfall zuerst zum Hausarzt gehen, der die Behandlung dann entweder selbst übernimmt oder gezielt an Spezialisten überweist. So könnten unnötige Arztkosten vermieden werden. 

Das setzt viele Hausärzte voraus. Aber die fehlen heute schon an allen Ecken und Enden.
Inzwischen wurden an fast allen medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet. Die tragen dazu bei, dass Studierende die Allgemeinmedizin von Anfang an als interessantes Fach wahrnehmen. Es braucht freilich seine Zeit, bis die Studierenden dann auch in der Praxis ankommen. Ein weiterer Ansatz ist die Entlastung der Hausärzte von Aufgaben, die von anderen Mitgliedern im primärmedizinischen Team erledigt werden können. Das hat viel mit Honorarsystemen zu tun. Auch hier ist in den letzten Jahren bereits einiges passiert.

© Uniklinik Erlangen.

Zusammen mit seinem Team am Allgemeinmedizinischen Institut Erlangen untersucht Thomas Kühlen (obere Reihe, rechts) die wissenschaftlichen Grundlagen eine guten Patientenversorgung.  

Wir sind noch beim ersten Sparvorschlag. Wie geht es weiter?
Mein zweiter Vorschlag zielt auf eine bessere digitale Vernetzung von Ärzten, Patienten, Kassen und anderen Akteuren im Gesundheitswesen. Ein Beispiel: Die elektronische Patientenakte kann Dopplungen teurer Diagnostik verhindern und Laborkosten senken, wir müssen sie nur endlich konsequent nutzen. Und drittens: Evidenzbasiertes Denken und Handeln muss noch stärker verankert werden – in der Medizinerausbildung und im ärztlichen Alltag. Nicht alles was statistisch signifikant ist, ist auch relevant. Wenn die Studienlage dafür spricht, können wir Dinge auch mal weglassen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Patienten da mitgehen, wenn ich es ihnen richtig erkläre.  

Für Einzelne mag das gelten. Aber glauben Sie, dass ein Großteil der Bevölkerung bereit ist für eine Kultur des Weglassens?
Nein, so etwas geht nicht auf einen Schlag. Offen für solche Gespräche sind heute vor allem ältere Menschen, die nicht mehr alles medizinisch Machbare mitmachen wollen. Das ist keine Frage des Geldes, sondern eine, die mit unserer Einstellung zum Leben und zum Lebensende zu tun hat. Als Gesellschaft haben wir ja eher ein verkorkstes Verhältnis zur Sterblichkeit. Das fördert den Machbarkeitswahn und die Überversorgung im Gesundheitssystem, dessen sollten wir Ärzte uns stets bewusst sein.  Uns kommt in diesem System eine Schlüsselrolle zu und zusammen mit unseren Patienten können wir viel bewirken. Wichtig ist die gemeinsame Entscheidungsfindung: wissenschaftlich fundiert, an den Bedürfnissen der Patienten orientiert und abschließend gut dokumentiert. 

Lassen Sie uns auf den Titel Ihres GDNÄ-Vortrags zurückkommen. Welchen Wahrheitsanspruch kann die Wissenschaft aus Sicht der evidenzbasierten Medizin erheben?
Wissenschaft ist bestenfalls eine Annäherung an die Wahrheit. Ihre Ergebnisse haben so lange Bestand, bis sie durch neue Erkenntnisse widerlegt werden. Naturgesetzliche Wahrheiten liefert die Art von Studien, die in der Evidenzbasierten Medizin genutzt werden, nie. Was ich in diesem Kontext ganz wichtig finde: Die Wissenschaft kann bestmögliche Entscheidungsgrundlagen liefern, mehr nicht. Entscheiden und die Entscheidungen verantworten müssen wir selbst. Wie all das zur einer besseren Medizin beitragen kann, werde ich in Bremen erläutern.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© Uniklinik Erlangen.

Prof. Dr. Thomas Kühlein ist Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen-Nürnberg und ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums im mittelfränkischen Eckental.

Zur Person

Prof. Dr. Thomas Kühlein (64) ist Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen-Nürnberg. Er ist zudem ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums in Eckental, das Teil eines Tochterunternehmens des Erlanger Klinikums ist. Nach seinem Medizinstudium in Würzburg und München war Thomas Kühlein als Arzt in west- und ostdeutschen Kliniken und Praxen tätig, zuletzt in einer ländlichen Gemeinschaftspraxis in Oberfranken. 1995 wurde er in München im Fachgebiet Psychiatrie promoviert, 2012 habilitierte er sich in Heidelberg mit einer Arbeit in der Allgemeinmedizin. 2013 wechselte er nach Erlangen, um einen der beiden ersten regulären Lehrstühle für Allgemeinmedizin in Bayern aufzubauen. Kühlein ist Mitglied im Vorstand des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Wissenschaftlich beschäftigt er sich mit Versorgungsforschung, insbesondere mit dem Thema Überversorgung.

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Benjamin List: „Wow, das könnte etwas Großes werden“

„Wow, das könnte etwas Großes werden“

Asymmetrische organische Katalyse? Wie er auf die verrückte Idee kam und was sie für unsere Zukunft bedeutet, berichtet Nobelpreisträger Benjamin List bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.

Herr Professor List, im Dezember 2021 erhielten Sie den Nobelpreis für Chemie. Hat sich Ihr Leben seither verändert?
Ja, das hat es – vor allem am Anfang. Fernsehauftritte gehörten vorher nicht zu meinem normalen Alltag. Auch nicht die vielen öffentlichen Vorträge, ob bei „Jugend forscht“, im Kulturhaus Heidelberg oder in Uni-Hörsälen. In den ersten zwei, drei Jahren war es sehr intensiv. Inzwischen konnte ich mein Leben normalisieren und habe endlich wieder genug Zeit für meine große Arbeitsgruppe am Institut in Mülheim. Es ist ja nicht so, dass man als Nobelpreisträger nicht mehr forscht. 

An was arbeiten Sie aktuell?
Da würde ich gern zwei Projekte herausgreifen. Zum einen versuchen wir, das Treibhausgas CO2 aus der Atmosphäre zu holen, indem wir CO2 mit Hilfe von Sonnenlicht und Katalysatoren in O2 und C aufspalten. Der Sauerstoff O2 geht problemlos zurück in die Atmosphäre, übrig bleibt Kohlenstoff. Der ließe sich als eine Art solare Kohle für alle möglichen Prozesse in der chemischen Industrie verwenden. Überschüssige Kohle könnte man verbuddeln, zum Beispiel in Stollen an Rhein und Ruhr. Das Ganze könnte helfen, das Energieproblem der Menschheit zu lösen und wäre gleichzeitig klimaneutral. Noch stehen wir vor ein paar kniffligen Problemen, aber in zehn Jahren sind die hoffentlich gelöst. Völlig abwegig ist unsere Idee nicht, schließlich findet die CO2-Spaltung auf dem Mars bereits statt, wenn auch nur in geringen Mengen. 

Und Ihr zweites Projekt?
Wir gründen gerade eine Firma, die reine Duftstoffe herstellt. Auf molekularer Ebene bestehen Duftstoffe normalerweise aus zwei Varianten, sogenannten Enantiomeren. Sie passen wie Bild und Spiegelbild zusammen, haben aber biologisch unterschiedliche Effekte. Das Bild kann zum Beispiel nach Minze riechen, das Spiegelbild nach Kümmel – zusammen ergibt das eine seltsame Mischung. In der industriellen Produktion werden daher reine Duftstoffe mit nur einem dieser molekularen Zwillinge angestrebt. Bis dato gelingt das nur mit aufwändigen Verfahren. Mithilfe unserer Patente lässt sich die Herstellung vereinfachen und verbilligen. Ich denke, dass wir noch in diesem Jahr anfangen können. Ich bin ja Grundlagenforscher, aber die Industriewelt kennenzulernen ist spannend.

© David Ausserhofer

Bei der Arbeit: Benjamin List leitet ein rund vierzigköpfiges Team von Forscherinnen und Forschern aus der ganzen Welt. Teamwork wird in der Arbeitsgruppe List großgeschrieben.

Den Nobelpreis haben Sie für die Entdeckung der asymmetrischen organischen Katalyse bekommen. Was macht das Verfahren so bedeutsam?
Die Katalyse als solche ist sehr, sehr wichtig für unser Leben. Nur ein Beispiel: Ohne das Haber-Bosch-Verfahren, diesen Klassiker der Katalyse, gäbe es keine Düngemittel. Wir wären dann keine acht Milliarden Menschen, sondern mangels ausreichender Ernährung vielleicht nur vier Milliarden. Ich halte die Katalyse für die wichtigste Menschheitstechnologie.  Insgesamt gab es schon einige Nobelpreise für die Katalyseforschung und fast alle waren sie für metallische Katalysatoren. Die haben leider auch Nachteile: Viele von ihnen sind teuer, selten und dazu noch giftig. Ich habe dann 1999 mit einem kleinen Molekül experimentiert, der Aminosäure Prolin, und entdeckt, dass sie nicht nur katalytisch wirkt, sondern auch noch gezielt das gewünschte Enantiomer erzeugt. Als ich das Anfang 2000 publizierte, war die Überraschung in der Fachwelt groß: Ein organisches Molekül, das im menschlichen Körper vorkommt, wirkt hochselektiv katalytisch – Wahnsinn! 

Sie teilen sich den Nobelpreis mit dem aus Schottland stammenden US-Forscher David MacMillan, der unabhängig von Ihnen zu ähnlichen Ergebnissen kam. Lag die Entdeckung in der Luft?
Im Nachhinein kann man das so sehen. David und ich wussten tatsächlich nichts voneinander. Die entscheidenden Entdeckungen hat jeder für sich 1999 gemacht. Als gleich mein erstes Prolin-Experiment klappte, dachte ich: Wow, das könnte etwas Großes werden. Dabei war die Idee an sich gar nicht so neu. Auch andere Chemiker hatten sich daran versucht. Als die ersten Versuchsergebnisse aus den 1960er- und 1970er-Jahren nicht wirklich verstanden wurden, verlor man das Interesse daran. David MacMillan und ich haben es dann auf eine andere Weise versucht und hatten Erfolg. Viele Chemiker rieben sich damals die Augen und fragten: Wie konnten wir das übersehen?

@ David Ausserhofer

Szene im Labor der Abteilung „Homogene Katalyse“ von Benjamin List am Mülheimer Max-Planck-Institut für Kohlenforschung.

Wird die Organokatalyse heute technisch eingesetzt?
Ja, in vielen Bereichen, unter anderem auch für die Herstellung von Medikamenten. Ein Beispiel ist Darunavir zur Behandlung von HIV. Der Wirkstoff, ein sogenannter Proteasehemmer, unterbindet bei infizierten Menschen die Vermehrung des Aidsvirus. Die Weltgesundheitsorganisation hat ihn in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel aufgenommen. 

Braucht es mehr öffentliches Geld für die Katalyseforschung?
Ja, das wäre gut angelegtes Geld. Derzeit rennen wir Künstlicher Intelligenz, Quanten- und Fusionstechnologien hinterher, weit abgeschlagen hinter den USA und China. Die Katalyse ist nicht so populär, aber eine große Chance für Deutschland. Wir haben eine lange Tradition auf dem Gebiet und viel Expertise im Land. 

Lassen Sie uns einen Blick zurückwerfen: Wie kam es, dass Sie Chemiker wurden?
Das begann, als ich elf Jahre alt war. Zusammen mit zwei Freunden hatte ich ein kleines Labor in einem Keller in Frankfurt eingerichtet, die nötigen Chemikalien kauften wir bei einem benachbarten Apotheker. Damals hatte ich noch keinen Chemieunterricht. Später hatte ich ein paar begnadete Lehrer, die mich bestärkten. Aber da war mein Interesse an dem Fach schon sehr groß und kein Lehrer hätte mich von dem Pfad abbringen können. 

Die GDNÄ hat eine eigene Jugendorganisation, die jGDNÄ. Gibt es etwas, das Sie jungen Leuten mit Interesse für die Naturwissenschaften raten?
Folgt Eurer Begeisterung! Lasst Euch nicht beirren, auch wenn die Eltern sagen: Ich sehe Dich als Anwalt oder Arzt. In den Naturwissenschaften gibt es gute Karrierechancen, sowohl im akademischen Bereich als auch in der Industrie. Die Welt hat erkannt, wie wichtig Forschung ist. Und es ist ein Glücksfall, wenn man sich dafür interessiert. Es macht diebische Freude, der Natur ein paar Geheimnisse entreißen zu können und damit vielleicht die Welt zu verändern. 

Am 19. September halten Sie bei der GDNÄ-Versammlung in Bremen den öffentlichen Nobel-Vortrag zum Thema „Organokatalyse für unsere Welt“. Welche Vorbildung braucht man, um Ihnen folgen zu können?
Interesse am Thema sollte ausreichen. Ich versuche, so allgemeinverständlich wie möglich zu sprechen. 

Was wollen Sie Ihrem Publikum mit auf den Weg geben?
Die Organokatalyse kann beides sein, Grundlagenforschung und Anwendung. Beides ist reizvoll und das möchte ich vermitteln. Und dabei auch ein bisschen für die Max- Planck-Gesellschaft werben. Ihre großartige Grundlagenforschung ist vielen bekannt, aber dass sie auch die erfolgreichste Gründerorganisation hierzulande ist, wissen längst nicht alle. Eine Botschaft hätte ich noch: Wichtig ist Enthusiasmus für das, was man tut. Egal, ob in der Forschung oder in anderen Lebensbereichen. 

Gestatten Sie zum Abschluss eine Frage zu einem besonderen Foto, das Sie mit verschränkten Beinen auf Ihren Händen stehend im Labor zeigt. Wie kam es dazu?
Das Bild ist ein paar Jahre vor dem Nobelpreis entstanden, bei einem Interview mit meiner Studienkollegin Catarina Pietschmann, die als freie Journalistin in Berlin arbeitet. Man muss gelegentlich in eine andere Richtung schwimmen, hatte ich in dem Gespräch gesagt, vielleicht auch mal auf dem Kopf stehen. So entstand die Idee mit dem Handstand in Lotuspose. Meine Frau war gerade im Labor, sie hat mich gehalten. Frei im Handstand stehen, das bringe ich allein noch nicht fertig. 

Sie praktizieren Yoga?
Ja, Yoga ist wichtig für mich, um frisch im Kopf zu bleiben. Ich mache das seit vielen Jahren so, täglich ein bis zwei Stunden und meistens ohne Anleitung. Inzwischen kann ich es ja ein wenig.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Henning Kretschmer

Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Benjamin List ist Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung und Nobelpreisträger für Chemie.

Zur Person

Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Benjamin List ist Chemiker und einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Dort leitet er die Abteilung für Homogene Katalyse. Außerdem ist er Professor für organische Chemie an den Universitäten Köln und Hokkaido.

Zur Welt kam Benjamin List am 11. Januar 1968 in Frankfurt am Main. Als Kind einer Familie von Wissenschaftlern und Künstlern verbrachte er seine Kindheit und Jugend mit seiner Mutter und zwei Brüdern. Sein Chemie-Studium an der Freien Universität Berlin schloss er 1993 mit dem Diplom ab. In Frankfurt am Main wurde er 1997 mit einer Arbeit über die Synthese eines Vitamin-B12-Semicorrins promoviert. 1997 ging Ben List, wie viele ihn nennen, in die USA, um bis 2003 am Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla zu forschen. Zurück in Deutschland leitete er von 2003 bis 2005 eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Dort arbeitet er seit 2005 als Direktor und Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft.

Benjamin List wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2016 mit dem höchstrangigen deutschen Forschungspreis, dem Leibniz-Preis. 2021 erhielt er gemeinsam mit dem gleichaltrigen David MacMillan den Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung der asymmetrischen Organokatalyse. 2022 verlieh der Bundespräsident ihm das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Frank Vinken/MPG

Handstand im Labor: So etwas macht Benjamin List nur für Fotografen. Das Bild entstand ein paar Jahre vor dem Nobelpreis; die Pose gelang mithilfe seiner Frau.

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Sabine Oertelt-Prigione: „Aus Unterschieden können wir viel lernen“

„Aus Unterschieden können wir viel lernen“

Geschlechtersensible Medizin? Warum sie wichtig für eine gesündere Zukunft ist, erklärt Sabine Oertelt-Prigione bei der Versammlung in Bremen – und in diesem Interview.

Frau Professorin Oertelt-Prigione, Sie vertreten an der Universität Bielefeld das Fach Geschlechtersensible Medizin. Was genau können wir uns unter diesem Begriff vorstellen?
Es geht um den Einfluss von Geschlecht auf Gesundheit und Krankheit. In meiner Arbeitsgruppe in Bielefeld untersuchen wir zum Beispiel, ob sich das Geschlecht von Patienten auf die Wahl diagnostischer Verfahren und Therapien auswirkt und welche Rolle es in der Arzt-Patienten-Kommunikation spielt. Dafür werten wir internationale Studien aus und führen eigene Erhebungen durch. Andere Gruppen in der geschlechtersensiblen Forschung machen biomedizinische Nassforschung im Labor. Wir konzentrieren uns mehr auf die klinischen und sozialwissenschaftlichen Aspekte des Forschungsfeldes. 

Ist die geschlechtersensible Medizin das gleiche wie Gendermedizin oder gibt es da Unterschiede? 
Es handelt sich im Grunde genommen um zwei verschiedene Definitionen für ähnliche Ansätze. Ich selber präferiere geschlechtersensible Medizin, weil ich es im deutschen präziser finde. In der Medizin befassen wir uns nämlich mit dem biologischen und dem sozialen Geschlecht, sex und gender, und deren Einfluss. Bei dem Wort „Gendermedizin“ erscheint der Fokus mehr auf Gender, auch wenn dieser Aspekt in der Medizin viel weniger beforscht wird als biologische Unterschiede. 

Es ist noch nicht lange her, da überwog die Skepsis gegenüber geschlechtersensiblen Ansätzen in der Medizin. Heute ist das Image positiver. Woran liegt das?
Ein wichtiger Grund ist die bessere Datenlage. In den 1990er-Jahren erkannte man, dass Frauen häufiger am Herzinfarkt sterben, weil ihre Symptome nicht dem männlich geprägten Lehrbuchbild entsprechen und daher immer wieder übersehen werden. Der Befund ist inzwischen durch große, langjährige Studien abgesichert. Die Kardiologie hat der geschlechtersensiblen Medizin den Weg geebnet, aber seit einigen Jahren holen andere Bereiche wie Onkologie, Neurologie oder Infektionsmedizin auf.

© AG Geschlechtersensible Medzin Bielefeld

Dieses Modell für geschlechtersensible Lösungen in der ärztlichen Praxis haben Studierende von Oertelt-Prigione entworfen.

Bitte verdeutlichen Sie das an einem Beispiel.
Nehmen wir die Onkologie: Krebsmedikamente verursachen bei Frauen oft mehr Nebenwirkungen. Andererseits sind sie teils wirksamer als bei Männern. Checkpoint-Inhibitoren hingegen, die das körpereigene Immunsystem dazu bringen, den Tumor zu bekämpfen, funktionieren oft besser bei Männern. 

In der geschlechtersensiblen Medizin geht es also um mehr als um Frauengesundheit?
Ja, ganz eindeutig. Wir machen keine Forschung von Frauen nur für Frauen. Bei manchen Krankheiten sind Männer benachteiligt, denken wir an Osteoporose oder an Brustkrebs, an dem hierzulande jährlich rund 700 Männer erkranken. Bei diesen und anderen Erkrankungen interessieren wir uns zunächst für geschlechtsspezifische Unterschiede und die Mechanismen, die dem zugrunde liegen. Als Nächstes wollen wir die passenden Interventionen finden und die Versorgung optimieren. Es geht darum, aus den Unterschieden zu lernen, um die Medizin insgesamt besser zu machen. 

Welche Rolle spielen gesellschaftlichen Veränderungen für den Imagewandel Ihrer Forschungsrichtung?
Das Bewusstsein für die Unterschiede zwischen Menschen, für Vielfalt und Diversität, ist in den letzten Jahren gewachsen. Dafür engagiert sich insbesondere die junge Generation und das kommt auch uns zugute. Hinzu kam eine Wende bei den Förderorganisationen, die unsere Forschung zunehmend anerkennen und finanziell unterstützen. 

Anfang des Jahres haben die Bundesministerien für Gesundheit und Forschung neue Förderprogramme zum Thema Frauengesundheit angekündigt. Was versprechen Sie sich davon?
Das Programm des Bundesgesundheitsministeriums ist mit insgesamt zehn Millionen Euro ausgestattet und fokussiert stark auf gynäkologische Themen wie Endometriose und Wechseljahre. Diese Themen sind grundsätzlich sehr wichtig, aber für meine Forschung etwas weniger attraktiv, auch weil der Vergleich zwischen den Geschlechtern nur eine Nebenrolle spielt. Das Programm des Bundesforschungsministeriums ist da schon interessanter. Der Fördertopf enthält mit 90 Millionen Euro deutlich mehr Geld für Forschung zu neuen Verhütungsmitteln, zur Frauengesundheit, aber auch zum Gender Data Gap in klinischen Studien. Der Begriff weist darauf hin, dass viele wissenschaftliche Ergebnisse auf Studien mit Männern basieren. Nicht selten werden sie ohne weitere Überprüfung einfach auf Frauen übertragen, was fatale Konsequenzen haben kann. So reagieren Frauen auf manche Wirkstoffe anders als Männer oder sie benötigen abweichende Dosierungen. Der Gender Data Gap ist ein Thema, das uns in Bielefeld besonders interessiert.  

Die Probleme sind erkannt, sagen Sie. Wie geht die biomedizinische Forschung damit um?
In den letzten zehn Jahren hat sich vieles zum Besseren entwickelt. Entscheidend waren die Vorgaben von Förderorganisationen auf deutscher und europäischer Ebene. Heute muss schon im Förderantrag stehen, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Thema Geschlecht umgehen wollen. Das Geschlecht der Studienteilnehmer muss dokumentiert werden, aber auch das der Versuchstiere. Gegenüber früher ist das schon ein Riesenfortschritt.

@ Privat

Das Team um Sabine Oertelt-Prigione (Bildmitte) vor der Medizinischen Fakultät OWL der Universität Bielefeld.

Wird der Nachwuchs entsprechend geschult?
In der Pflichtlehre ist die geschlechtersensible Medizin noch kaum verankert, da warten wir auf die angekündigte Änderung der Approbationsordnung, die das Thema aufnehmen und somit eine Einbettung in die Curricula notwendig machen würde. Immerhin bieten viele deutsche Universitäten entsprechende Wahlfächer und Vorlesungsreihen an. Professuren gibt es inzwischen an der Charité, in Magdeburg und bei uns in Bielefeld. An diesen Universitäten ist die geschlechtersensible Medizin auch Teil der Pflichtlehre. 

Forschung ist das eine, aber gelangen die Ergebnisse auch in die Praxis?
Dafür spielen die Leitlinien der Fachgesellschaften eine große Rolle. Wir haben uns viele Leitlinien angeschaut und festgestellt, dass die meisten nicht geschlechtersensibel sind. Im Sommer werden wir dazu eine Studie veröffentlichen. Wir suchen auch das Gespräch mit den Fachgesellschaften. Hürden sind hier manchmal noch ein mangelndes Bewusstsein für das Thema, aber häufig auch fehlende Daten um Leitlinien geschlechtersensibel zu gestalten.   

Wie kamen Sie selbst auf das Thema geschlechtersensible Medizin?
Das war vor gut zwanzig Jahren in meiner Zeit als Post-Doc in den USA. Eher zufällig stieß ich dort auf die verblüffenden Geschlechterunterschiede bei Autoimmunerkrankungen. Ich habe dann meine fachärztliche Weiterbildung in der Inneren Medizin fortgesetzt und einen Master in Public Health gemacht. Eigentlich wollte ich ja Tropenmedizinerin werden, aber die geschlechtersensible Medizin hatte mich gepackt. Vertiefen konnte ich meine Kenntnisse an der Charité-Einrichtung „Geschlechterforschung in der Medizin“ und als Professorin in Bielefeld und Nijmegen kann ich seit zehn Jahren eigenständig zu der Forschungsrichtung beitragen.    

Haben Sie schon Ideen für Ihren Vortrag auf der GDNÄ-Tagung?
Ich werde einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand geben, aber auch praktische Anregungen für die Ärztinnen und Ärzte im Saal. Von Erkenntnissen der gendersensiblen Forschung können übrigens nicht nur Humanmediziner profitieren, sie sind auch relevant für die Veterinärmedizin. Ich freue mich sehr auf den Austausch in Bremen.  

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Erasmus University Rotterdam

Sabine Oertelt-Prigione bei einem Vortrag in Rotterdam.

Zur Person

Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione ist Internistin, Master of Public Health und systemische Organisationsberaterin. 2021 nahm sie den Ruf auf die neugeschaffene Professur für Geschlechtersensible Medizin im Bereich klinisch-theoretische Medizin der Universität Bielefeld an. Parallel führt sie ihren 2017 angetretenen Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care an der Radboud University im niederländischen Nijmegen. Von 2009 bis 2014 war Oertelt-Prigione an der Charité als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. In den Jahren 2015 und 2016 ließ sie sich am Artop-Institut der Humboldt-Universität Berlin zur systemischen Organisationsberaterin ausbilden und habilitierte sich 2016 in Innerer Medizin an der Charité.

Zur Welt kam Sabine Oertelt-Prigione 1978 in Nürnberg. Sie besuchte die deutsche Schule in Mailand und studierte an der dortigen Universität Medizin. Als Post-Doc forschte sie an der University of California at Davis; ihr Public-Health-Studium absolvierte sie an der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Die Medizinerin war Mitglied der EU-Kommission-Expertengruppen „Gendered Innovations“ und „Gender and COVID-19“. Sie ist Mitglied des Medizinausschusses des Wissenschaftsrats und der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Weitere Informationen:

>> Vortrag von Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione am Sonntag, 20. September 2026: „Die Bedeutung des Geschlechts in der biomedizinischen Forschung“

Kai Brüggemann: „Das Interesse an der GDNÄ ist groß“

„Das Interesse an der GDNÄ ist groß“

Er ist Firmenchef, Industrie-Club-Präsident und Geschäftsführer der 134. Versammlung: Kai Brüggemann über den Wirtschaftsstandort Bremen und warum sein Unternehmen künftig auch in Indien produzieren will.

Herr Dr. Brüggemann, für die nächste Versammlung der GDNÄ in Bremen 2026 haben Sie das Amt des Geschäftsführers im Bereich Wirtschaft übernommen. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Ich bin beeindruckt von der großartigen Geschichte der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Sie existiert seit mehr als zweihundert Jahren und bringt die Crème de la Crème der Wissenschaft zusammen. Was mir auch gefällt, ist das interdisziplinäre Anliegen und das Motto der diesjährigen Tagung „Wissen schafft Nutzen, Wissenschaft nutzen“. Wissenschaft und Wirtschaft sollen zusammengebracht werden – das ist etwas, was Deutschland gerade dringend braucht.  

Welche Aufgaben verbinden Sie mit Ihrem GDNÄ-Amt?
Ich möchte diese tolle Gesellschaft ein bisschen bekannter machen. Viele haben noch nie von ihr gehört und sind begeistert, wenn sie von ihrer Geschichte und den heutigen Aktivitäten erfahren. Das ist mir letzthin wieder aufgefallen, als ich die GDNÄ-Versammlung im Bremer Industrie-Club angekündigt habe. Das Interesse an der Veranstaltung war groß und bestimmt werden etliche Mitglieder im Herbst dabei sein. Vertiefen ließe sich das Engagement vielleicht durch eine Infoveranstaltung im Vorfeld, zu der die GDNÄ mit dem Vortrag eines namhaften Wissenschaftlers zu einem aktuellen Thema beiträgt. So etwas zieht erfahrungsgemäß viele Mitglieder an.

@ Industrie-Club Bremen

Mit der Zukunftswerkstatt Industrie 4.0 veranstaltet der Industrie-Club Bremen einen Ideenwettbewerb, bei dem sich junge Leute aus den Bremer Hochschulen in dreiminütigen Pitches präsentieren. Für den besten Pitch gibt es ein Preisgeld. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer können von dem Feedback erfahrener Unternehmer und Führungskräfte aus Bremen profitieren.

Seit 2019 sind Sie Präsident des Bremer Industrie-Clubs. Können Sie den Club bitte kurz vorstellen?
Wir bringen Menschen zusammen, die in der Bremer Wirtschaft aktiv sind: Unternehmerinnen und Unternehmer, Managerinnen und Manager, aber auch Wirtschaftsanwälte und andere Dienstleister. Wir organisieren Veranstaltungen, von denen viele schnell ausgebucht sind. Beliebt sind Fortbildungsformate wie zum Beispiel „KI für Führungskräfte“, Vorträge von Experten aus Politik und Wissenschaft oder auch das Format „ICB on tour“, das uns in Unternehmen von Mitgliedern führt. Als Vertreter des produzierenden Gewerbes in Bremen und im Bremer Umland äußern wir uns gelegentlich vorsichtig zu politischen Themen.

Wie geht es der Bremer Wirtschaft in diesen unruhigen politischen Zeiten?
Als stark exportorientierte, global vernetzte Wirtschaft leidet sie unter den US-Zöllen und den Lieferkettenabbrüchen infolge kriegerischer Auseinandersetzungen. Das betrifft praktisch alle Schwerpunktbereiche: Automobil, Luft- und Raumfahrt, Hafen und Logistik und die traditionsreiche Bremer Nahrungsmittelindustrie, denken wir nur an die Kaffeeröstereien. Im Grunde haben wir hier aber eine stabile wirtschaftliche Basis mit Hidden Champions im Mittelstand, einer zunehmend digitalen Ausrichtung und interessanten Neugründungen.

Sie sind Geschäftsführer der Deharde GmbH, eines Zulieferers für die Luft- und Raumfahrtindustrie im Bremer Umland. Wie macht sich Ihre Firma?
Wir planen, die bestehende Zusammenarbeit mit einem Unternehmen im indischen Silicon Valley, in Bangalore, auszubauen und weitere Kooperationen zu prüfen. In Deutschland können wir die Hightech-Bauteile für Kunden wie Airbus nicht mehr kostengünstig produzieren und leiden unter dem Mangel an Fachkräften. Der ist in Indien kein Thema. Einige Hochschulen des Landes haben Weltniveau erreicht und bilden hervorragende Ingenieure in großer Zahl aus. In Deutschland dagegen sinkt das Interesse an den MINT-Fächern seit Jahren – das wird uns noch zu schaffen machen.

Sie haben in Österreich, in der Schweiz und an verschiedenen Orten in Deutschland gearbeitet, Ihren Lebensmittelpunkt aber immer in Bremen behalten. Wie kam es dazu?
Das hat mit der Familie zu tun. Meine Frau und die Kinder haben immer gesagt: Du kannst arbeiten, wo Du willst, wir wohnen hier.

@ Deharde GmbH

Mit einem Team vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) besuchte die DLR-Chefin und derzeitige GDNÄ-Präsidentin Prof. Anke Kaysser-Pyzalla das Zulieferunternehmen Deharde GmbH in Varel (die Aufnahme entstand 2024).

Im September werden viele GDNÄ-Mitglieder zur Versammlung in Bremen kommen. Auf was dürfen sich die Besucherinnen und Besucher freuen?
Auf eine Stadt, in der Wirtschaft und Wissenschaft gut zusammenarbeiten. Auf eine hochkarätige Wissenschaftslandschaft mit drei namhaften Hochschulen und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie und mehreren Fraunhofer-Instituten. Stolz sind wir auch auf unseren europaweit einzigartigen Fallturm für Experimente in der Schwerelosigkeit am Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation der Universität Bremen. Apropos Universität: Wer noch das Bild von der roten Kaderschmiede mit fragwürdigem wissenschaftlichem Rang im Kopf hat, wird überrascht sein. Unsere Universität ist 2012 erstmals Exzellenzuni geworden und bewirbt sich gerade erneut um den Titel. Die Wissenschaftsstadt Bremen hat so viele Attraktionen und wir freuen uns darauf, sie der GDNÄ zeigen zu können.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© Privat

Dr. Kai Brüggemann, Präsident des Industrie-Clubs Bremen und Geschäftsführer Wirtschaft der 134. Versammlung der GDNÄ.

Zur Person

Dr. Kai Brüggemann hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert und wurde im Bereich Maschinenbau promoviert. Vor Antritt seiner heutigen Position als Vorsitzender der Geschäftsführung der Deharde GmbH in Varel war er als Vorstandsmitglied der DB Fernverkehr AG in Frankfurt am Main und als Geschäftsführer der ÖBB Technische Services in Wien tätig. Davor war er insgesamt fast zwanzig Jahre in führenden Positionen bei Airbus in Bremen und Hamburg tätig, unterbrochen durch ein zweijähriges Intermezzo bei der schweizerischen RUAG-Aerospace. Seit 2012 ist Kai Brüggemann Vorstandsmitglied im Industrie-Club Bremen und seit 2019 dessen Präsident. Das GDNÄ-Amt als Geschäftsführer Wirtschaft übt er bis zur 134. Versammlung der Naturforschergesellschaft vom 17.-20. September 2026 aus.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Industrie-Club Bremen

Jeden zweiten Freitag im November lädt der Industrie-Club Bremen seine Mitglieder und Gäste zum traditionellen Roland-Essen ins Alte Rathaus ein. Hier ein Blick in den Festsaal mit Club-Präsident Kai Brüggemann am Rednerpult.

Weitere Informationen:

GDNÄ-Tagung 2024: Jugend und etablierte Wissenschaft im persönlichen Austausch

GDNÄ-Tagung 2024: Jugend und etablierte Wissenschaft im persönlichen Austausch

Mehr als fünfhundert Teilnehmer, darunter hundertfünfzig Schülerinnen, Schüler und Studierende, hochkarätige Vorträge zu aktuellen Themen aus Chemie, Biologie, Informatik, Physik, Technikwissenschaften und Medizin, dazu ein lebendiger fachübergreifender, persönlicher Austausch – so lautet eine erste Bilanz der Tagung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) 2024 in Potsdam.

Vom 12. bis zum 15. September 2024 hat sich die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte zu ihrer 133. Versammlung im Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam getroffen. Viele, die nicht vor Ort sein konnten, nahmen per Livestream an der Tagung teil.Im Mittelpunkt der Tagung stand das Thema „Wissenschaft für unser Leben von morgen“. Das Schülerprogramm mit Schülerinnen und Schüler aus der Region und Studierenden ist seit  Jahren ein fester Programmpunkt der GDNÄ-Tagungen. Durch die Gründung der Jungen GDNÄ während der Konferenz in Potsdam steigt der Stellenwert junger Menschen in der 202 Jahre alten Forschergesellschaft. Bei der 133. Versammlung diskutierten die jungen Leute mit namhaften Wissenschaftlern, darunter der Nobelpreisträger Ben Feringa. 

„Ich finde es großartig, wie uns jungen Leuten hier eine Bühne geboten wird. Und dass wir kostenfrei und mit großer Wertschätzung an der Konferenz teilnehmen dürfen – im Hörsaal, bei Podiumsdiskussionen und in Gesprächen am Rande“, sagt Anne Marie Bobes. Die 18-jährige Abiturientin und künftige Maschinenbaustudentin siegte im GDNÄ-Science-Slam „Wissenschaft in 5 Minuten“. 

Paul Mühlenhoff, der pädagogische Leiter des GDNÄ-Schülerprogramms, sagt: „In diesem Jahr hatten wir einen ganz besonders starken Zusammenhalt und eine enorm hohe Begeisterungsfähigkeit in der Gruppe. Die Junge GDNÄ hat sich intensiv auf alle Vorträge vorbereitet und war mehr denn je in das Programm integriert. Chapeau!” 

GDNÄ-Präsident Professor Heribert Hofer sagt: „Die jungen Menschen, unsere Junge GDNÄ, finden bei uns exzellente Wissenschaft und Interdisziplinarität und das direkte Gespräch mit den Vortragenden. Das macht das Besondere an den GDNÄ-Tagungen aus. Und wer diesmal den Livestream verpasst hat, kann bald auf unserer Homepage alle Vorträge als Video anschauen.“ 

Die 134. Versammlung findet im September 2026 in Bremen statt.

Professorin Eva-Maria Neher © Universität Göttingen/Peter Heller

© MIKA-fotografie | Berlin

GDNÄ-Präsident Professor Heribert Hofer bei der Eröffnung der Tagung an der Universität Potsdam.