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Hohe Ehrung für Katharina Kohse-Höinghaus

Hohe Ehrung für Katharina Kohse-Höinghaus

Die Physikochemikerin und GDNÄ-Gruppenvorsitzende erhielt die Ehrenmitgliedschaft der Bunsen-Gesellschaft

Bei der Jahresversammlung der Deutschen Bunsen-Gesellschaft für physikalische Chemie, der Bunsen-Tagung 2026 in Dresden, wurde Seniorprofessorin Katharina Kohse-Höinghaus für ihre Verdienste um die Gesellschaft mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet. Wie Professorin Melanie Schnell (DESY Hamburg und Universität Kiel) in ihrer Laudatio hervorhob, ist Kohse-Höinghaus die erste Frau unter den bisher 58 Ehrenmitgliedern in mehr als 130 Jahren. Die Bunsen-Tagung 2026 fand vom 30. März bis 1. April zum Thema „Properties and Processes under Confinement” statt.

 © DBG / Heike Kolossa

Festliche Verleihung: Der Präsident der Deutschen Bunsen-Gesellschaft, Professor Robert Franke, überreicht Professorin Katharina Kohse-Höinghaus die Ehrenmitgliedschafts-Urkunde.

Die Ehrenmitgliedschaft wird seit 1894 vergeben für, so die Website der Gesellschaft, „richtungweisende, erfolgreiche, national und international herausragende Arbeiten, für hervorragende Wegbereiter der physikalisch-chemischen Wissenschaft und Technik und in Anerkennung besonderer Verdienste um die ideelle und materielle Förderung der physikalischen Chemie“. Namhafte und prägende Persönlichkeiten der Physik und Chemie wurden so geehrt, darunter Robert Wilhelm Bunsen, Svante Arrhenius, Max Planck, Walther Nernst und Otto Hahn sowie in jüngerer Zeit Manfred Eigen, Gerhard Ertl und Stefan Hell.

Katharina Kohse-Höinghaus ist der Bunsen-Gesellschaft seit vielen Jahren in prominenter Funktion verbunden. Hervorzuheben sind ihre Präsidentschaft in den Jahren 2007 und 2008 (ebenfalls als erste und bisher einzige Frau), die Mitorganisation der Bunsen-Tagung in Bielefeld 2010, die Verleihung der Wilhelm-Jost-Gedächtnisvorlesung der Gesellschaft zusammen mit der Niedersächsischen Akademie zu Göttingen 2012 und die Auszeichnung mit der Walther-Nernst-Denkmünze 2020.

Die Ehrenmitgliedschaft wurde erstmalig am 30. März, dem Geburtstag von Robert Wilhelm Bunsen, verliehen. „Es freut mich sehr, dass ich diese Auszeichnung 50 Jahre nach meiner ersten Teilnahme an einer Bunsen-Tagung im Jahr 1976, damals noch als Doktorandin, erhalten habe“, sagt Katharina Kohse-Höinghaus.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© Universität Bielefeld / Norma Langohr

Prof. Dr. Katharina Kohse-Höinghaus.

Zur Person

Katharina Kohse-Höinghaus ist Seniorprofessorin für Physikalische Chemie an der Universität Bielefeld. Die 74-Jährige ist international bekannt für die Diagnostik von Verbrennungsvorgängen mittels Laserspektroskopie und Massenspektrometrie.

Von 1994 bis 2017 leitete sie an der Universität Bielefeld einen Lehrstuhl für Physikalische Chemie. Zuvor forschte Kohse-Höinghaus an verschiedenen Institutionen im In- und Ausland 1992 habilitierte sie sich mit einem Thema aus der Energietechnik an der Universität Stuttgart. Auf Initiative von Katharina Kohse-Höinghaus wurde im Jahr 2000 eines der ersten deutschen Mitmachlabore, das teutolab, gegründet. Inzwischen gibt es Satellitenlabore in der Region Bielefeld, im europäischen Ausland und in Asien.

Die international renommierte Wissenschaftlerin ist Mitglied mehrerer Akademien, darunter die Leopoldina und die acatech, sowie zahlreicher Gremien und Wissenschaftseinrichtungen im In- und Ausland. Sie erhielt viele Auszeichnungen, zum Beispiel das Bundesverdienstkreuz am Bande sowie Ehren- und Gastprofessuren in mehreren Ländern. Im Jahr 2007 wurde sie als erste Frau zur Präsidentin der Deutschen Bunsen-Gesellschaft gewählt. Als erste Europäerin war Katharina Kohse-Höinghaus von 2012 bis 2016 Präsidentin des International Combustion Institute. Sie ist seit vielen Jahren Mitglied der GDNÄ und zählt zu den Mitgestaltern der wissenschaftlichen Tagungsprogramme im Bereich Technikwissenschaften. Bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen ist sie Gruppenvorsitzende für den Bereich Ingenieurwissenschaften.

Sabine Oertelt-Prigione: „Aus Unterschieden können wir viel lernen“

„Aus Unterschieden können wir viel lernen“

Geschlechtersensible Medizin? Warum sie wichtig für eine gesündere Zukunft ist, erklärt Sabine Oertelt-Prigione bei der Versammlung in Bremen – und in diesem Interview.

Frau Professorin Oertelt-Prigione, Sie vertreten an der Universität Bielefeld das Fach Geschlechtersensible Medizin. Was genau können wir uns unter diesem Begriff vorstellen?
Es geht um den Einfluss von Geschlecht auf Gesundheit und Krankheit. In meiner Arbeitsgruppe in Bielefeld untersuchen wir zum Beispiel, ob sich das Geschlecht von Patienten auf die Wahl diagnostischer Verfahren und Therapien auswirkt und welche Rolle es in der Arzt-Patienten-Kommunikation spielt. Dafür werten wir internationale Studien aus und führen eigene Erhebungen durch. Andere Gruppen in der geschlechtersensiblen Forschung machen biomedizinische Nassforschung im Labor. Wir konzentrieren uns mehr auf die klinischen und sozialwissenschaftlichen Aspekte des Forschungsfeldes. 

Ist die geschlechtersensible Medizin das gleiche wie Gendermedizin oder gibt es da Unterschiede? 
Es handelt sich im Grunde genommen um zwei verschiedene Definitionen für ähnliche Ansätze. Ich selber präferiere geschlechtersensible Medizin, weil ich es im deutschen präziser finde. In der Medizin befassen wir uns nämlich mit dem biologischen und dem sozialen Geschlecht, sex und gender, und deren Einfluss. Bei dem Wort „Gendermedizin“ erscheint der Fokus mehr auf Gender, auch wenn dieser Aspekt in der Medizin viel weniger beforscht wird als biologische Unterschiede. 

Es ist noch nicht lange her, da überwog die Skepsis gegenüber geschlechtersensiblen Ansätzen in der Medizin. Heute ist das Image positiver. Woran liegt das?
Ein wichtiger Grund ist die bessere Datenlage. In den 1990er-Jahren erkannte man, dass Frauen häufiger am Herzinfarkt sterben, weil ihre Symptome nicht dem männlich geprägten Lehrbuchbild entsprechen und daher immer wieder übersehen werden. Der Befund ist inzwischen durch große, langjährige Studien abgesichert. Die Kardiologie hat der geschlechtersensiblen Medizin den Weg geebnet, aber seit einigen Jahren holen andere Bereiche wie Onkologie, Neurologie oder Infektionsmedizin auf.

© AG Geschlechtersensible Medzin Bielefeld

Dieses Modell für geschlechtersensible Lösungen in der ärztlichen Praxis haben Studierende von Oertelt-Prigione entworfen.

Bitte verdeutlichen Sie das an einem Beispiel.
Nehmen wir die Onkologie: Krebsmedikamente verursachen bei Frauen oft mehr Nebenwirkungen. Andererseits sind sie teils wirksamer als bei Männern. Checkpoint-Inhibitoren hingegen, die das körpereigene Immunsystem dazu bringen, den Tumor zu bekämpfen, funktionieren oft besser bei Männern. 

In der geschlechtersensiblen Medizin geht es also um mehr als um Frauengesundheit?
Ja, ganz eindeutig. Wir machen keine Forschung von Frauen nur für Frauen. Bei manchen Krankheiten sind Männer benachteiligt, denken wir an Osteoporose oder an Brustkrebs, an dem hierzulande jährlich rund 700 Männer erkranken. Bei diesen und anderen Erkrankungen interessieren wir uns zunächst für geschlechtsspezifische Unterschiede und die Mechanismen, die dem zugrunde liegen. Als Nächstes wollen wir die passenden Interventionen finden und die Versorgung optimieren. Es geht darum, aus den Unterschieden zu lernen, um die Medizin insgesamt besser zu machen. 

Welche Rolle spielen gesellschaftlichen Veränderungen für den Imagewandel Ihrer Forschungsrichtung?
Das Bewusstsein für die Unterschiede zwischen Menschen, für Vielfalt und Diversität, ist in den letzten Jahren gewachsen. Dafür engagiert sich insbesondere die junge Generation und das kommt auch uns zugute. Hinzu kam eine Wende bei den Förderorganisationen, die unsere Forschung zunehmend anerkennen und finanziell unterstützen. 

Anfang des Jahres haben die Bundesministerien für Gesundheit und Forschung neue Förderprogramme zum Thema Frauengesundheit angekündigt. Was versprechen Sie sich davon?
Das Programm des Bundesgesundheitsministeriums ist mit insgesamt zehn Millionen Euro ausgestattet und fokussiert stark auf gynäkologische Themen wie Endometriose und Wechseljahre. Diese Themen sind grundsätzlich sehr wichtig, aber für meine Forschung etwas weniger attraktiv, auch weil der Vergleich zwischen den Geschlechtern nur eine Nebenrolle spielt. Das Programm des Bundesforschungsministeriums ist da schon interessanter. Der Fördertopf enthält mit 90 Millionen Euro deutlich mehr Geld für Forschung zu neuen Verhütungsmitteln, zur Frauengesundheit, aber auch zum Gender Data Gap in klinischen Studien. Der Begriff weist darauf hin, dass viele wissenschaftliche Ergebnisse auf Studien mit Männern basieren. Nicht selten werden sie ohne weitere Überprüfung einfach auf Frauen übertragen, was fatale Konsequenzen haben kann. So reagieren Frauen auf manche Wirkstoffe anders als Männer oder sie benötigen abweichende Dosierungen. Der Gender Data Gap ist ein Thema, das uns in Bielefeld besonders interessiert.  

Die Probleme sind erkannt, sagen Sie. Wie geht die biomedizinische Forschung damit um?
In den letzten zehn Jahren hat sich vieles zum Besseren entwickelt. Entscheidend waren die Vorgaben von Förderorganisationen auf deutscher und europäischer Ebene. Heute muss schon im Förderantrag stehen, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Thema Geschlecht umgehen wollen. Das Geschlecht der Studienteilnehmer muss dokumentiert werden, aber auch das der Versuchstiere. Gegenüber früher ist das schon ein Riesenfortschritt.

@ Privat

Das Team um Sabine Oertelt-Prigione (Bildmitte) vor der Medizinischen Fakultät OWL der Universität Bielefeld.

Wird der Nachwuchs entsprechend geschult?
In der Pflichtlehre ist die geschlechtersensible Medizin noch kaum verankert, da warten wir auf die angekündigte Änderung der Approbationsordnung, die das Thema aufnehmen und somit eine Einbettung in die Curricula notwendig machen würde. Immerhin bieten viele deutsche Universitäten entsprechende Wahlfächer und Vorlesungsreihen an. Professuren gibt es inzwischen an der Charité, in Magdeburg und bei uns in Bielefeld. An diesen Universitäten ist die geschlechtersensible Medizin auch Teil der Pflichtlehre. 

Forschung ist das eine, aber gelangen die Ergebnisse auch in die Praxis?
Dafür spielen die Leitlinien der Fachgesellschaften eine große Rolle. Wir haben uns viele Leitlinien angeschaut und festgestellt, dass die meisten nicht geschlechtersensibel sind. Im Sommer werden wir dazu eine Studie veröffentlichen. Wir suchen auch das Gespräch mit den Fachgesellschaften. Hürden sind hier manchmal noch ein mangelndes Bewusstsein für das Thema, aber häufig auch fehlende Daten um Leitlinien geschlechtersensibel zu gestalten.   

Wie kamen Sie selbst auf das Thema geschlechtersensible Medizin?
Das war vor gut zwanzig Jahren in meiner Zeit als Post-Doc in den USA. Eher zufällig stieß ich dort auf die verblüffenden Geschlechterunterschiede bei Autoimmunerkrankungen. Ich habe dann meine fachärztliche Weiterbildung in der Inneren Medizin fortgesetzt und einen Master in Public Health gemacht. Eigentlich wollte ich ja Tropenmedizinerin werden, aber die geschlechtersensible Medizin hatte mich gepackt. Vertiefen konnte ich meine Kenntnisse an der Charité-Einrichtung „Geschlechterforschung in der Medizin“ und als Professorin in Bielefeld und Nijmegen kann ich seit zehn Jahren eigenständig zu der Forschungsrichtung beitragen.    

Haben Sie schon Ideen für Ihren Vortrag auf der GDNÄ-Tagung?
Ich werde einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand geben, aber auch praktische Anregungen für die Ärztinnen und Ärzte im Saal. Von Erkenntnissen der gendersensiblen Forschung können übrigens nicht nur Humanmediziner profitieren, sie sind auch relevant für die Veterinärmedizin. Ich freue mich sehr auf den Austausch in Bremen.  

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Erasmus University Rotterdam

Sabine Oertelt-Prigione bei einem Vortrag in Rotterdam.

Zur Person

Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione ist Internistin, Master of Public Health und systemische Organisationsberaterin. 2021 nahm sie den Ruf auf die neugeschaffene Professur für Geschlechtersensible Medizin im Bereich klinisch-theoretische Medizin der Universität Bielefeld an. Parallel führt sie ihren 2017 angetretenen Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care an der Radboud University im niederländischen Nijmegen. Von 2009 bis 2014 war Oertelt-Prigione an der Charité als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. In den Jahren 2015 und 2016 ließ sie sich am Artop-Institut der Humboldt-Universität Berlin zur systemischen Organisationsberaterin ausbilden und habilitierte sich 2016 in Innerer Medizin an der Charité.

Zur Welt kam Sabine Oertelt-Prigione 1978 in Nürnberg. Sie besuchte die deutsche Schule in Mailand und studierte an der dortigen Universität Medizin. Als Post-Doc forschte sie an der University of California at Davis; ihr Public-Health-Studium absolvierte sie an der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Die Medizinerin war Mitglied der EU-Kommission-Expertengruppen „Gendered Innovations“ und „Gender and COVID-19“. Sie ist Mitglied des Medizinausschusses des Wissenschaftsrats und der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Weitere Informationen:

>> Vortrag von Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione am Sonntag, 20. September 2026: „Die Bedeutung des Geschlechts in der biomedizinischen Forschung“

Kai Brüggemann: „Das Interesse an der GDNÄ ist groß“

„Das Interesse an der GDNÄ ist groß“

Er ist Firmenchef, Industrie-Club-Präsident und Geschäftsführer der 134. Versammlung: Kai Brüggemann über den Wirtschaftsstandort Bremen und warum sein Unternehmen künftig auch in Indien produzieren will.

Herr Dr. Brüggemann, für die nächste Versammlung der GDNÄ in Bremen 2026 haben Sie das Amt des Geschäftsführers im Bereich Wirtschaft übernommen. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Ich bin beeindruckt von der großartigen Geschichte der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Sie existiert seit mehr als zweihundert Jahren und bringt die Crème de la Crème der Wissenschaft zusammen. Was mir auch gefällt, ist das interdisziplinäre Anliegen und das Motto der diesjährigen Tagung „Wissen schafft Nutzen, Wissenschaft nutzen“. Wissenschaft und Wirtschaft sollen zusammengebracht werden – das ist etwas, was Deutschland gerade dringend braucht.  

Welche Aufgaben verbinden Sie mit Ihrem GDNÄ-Amt?
Ich möchte diese tolle Gesellschaft ein bisschen bekannter machen. Viele haben noch nie von ihr gehört und sind begeistert, wenn sie von ihrer Geschichte und den heutigen Aktivitäten erfahren. Das ist mir letzthin wieder aufgefallen, als ich die GDNÄ-Versammlung im Bremer Industrie-Club angekündigt habe. Das Interesse an der Veranstaltung war groß und bestimmt werden etliche Mitglieder im Herbst dabei sein. Vertiefen ließe sich das Engagement vielleicht durch eine Infoveranstaltung im Vorfeld, zu der die GDNÄ mit dem Vortrag eines namhaften Wissenschaftlers zu einem aktuellen Thema beiträgt. So etwas zieht erfahrungsgemäß viele Mitglieder an.

@ Industrie-Club Bremen

Mit der Zukunftswerkstatt Industrie 4.0 veranstaltet der Industrie-Club Bremen einen Ideenwettbewerb, bei dem sich junge Leute aus den Bremer Hochschulen in dreiminütigen Pitches präsentieren. Für den besten Pitch gibt es ein Preisgeld. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer können von dem Feedback erfahrener Unternehmer und Führungskräfte aus Bremen profitieren.

Seit 2019 sind Sie Präsident des Bremer Industrie-Clubs. Können Sie den Club bitte kurz vorstellen?
Wir bringen Menschen zusammen, die in der Bremer Wirtschaft aktiv sind: Unternehmerinnen und Unternehmer, Managerinnen und Manager, aber auch Wirtschaftsanwälte und andere Dienstleister. Wir organisieren Veranstaltungen, von denen viele schnell ausgebucht sind. Beliebt sind Fortbildungsformate wie zum Beispiel „KI für Führungskräfte“, Vorträge von Experten aus Politik und Wissenschaft oder auch das Format „ICB on tour“, das uns in Unternehmen von Mitgliedern führt. Als Vertreter des produzierenden Gewerbes in Bremen und im Bremer Umland äußern wir uns gelegentlich vorsichtig zu politischen Themen.

Wie geht es der Bremer Wirtschaft in diesen unruhigen politischen Zeiten?
Als stark exportorientierte, global vernetzte Wirtschaft leidet sie unter den US-Zöllen und den Lieferkettenabbrüchen infolge kriegerischer Auseinandersetzungen. Das betrifft praktisch alle Schwerpunktbereiche: Automobil, Luft- und Raumfahrt, Hafen und Logistik und die traditionsreiche Bremer Nahrungsmittelindustrie, denken wir nur an die Kaffeeröstereien. Im Grunde haben wir hier aber eine stabile wirtschaftliche Basis mit Hidden Champions im Mittelstand, einer zunehmend digitalen Ausrichtung und interessanten Neugründungen.

Sie sind Geschäftsführer der Deharde GmbH, eines Zulieferers für die Luft- und Raumfahrtindustrie im Bremer Umland. Wie macht sich Ihre Firma?
Wir planen, die bestehende Zusammenarbeit mit einem Unternehmen im indischen Silicon Valley, in Bangalore, auszubauen und weitere Kooperationen zu prüfen. In Deutschland können wir die Hightech-Bauteile für Kunden wie Airbus nicht mehr kostengünstig produzieren und leiden unter dem Mangel an Fachkräften. Der ist in Indien kein Thema. Einige Hochschulen des Landes haben Weltniveau erreicht und bilden hervorragende Ingenieure in großer Zahl aus. In Deutschland dagegen sinkt das Interesse an den MINT-Fächern seit Jahren – das wird uns noch zu schaffen machen.

Sie haben in Österreich, in der Schweiz und an verschiedenen Orten in Deutschland gearbeitet, Ihren Lebensmittelpunkt aber immer in Bremen behalten. Wie kam es dazu?
Das hat mit der Familie zu tun. Meine Frau und die Kinder haben immer gesagt: Du kannst arbeiten, wo Du willst, wir wohnen hier.

@ Deharde GmbH

Mit einem Team vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) besuchte die DLR-Chefin und derzeitige GDNÄ-Präsidentin Prof. Anke Kaysser-Pyzalla das Zulieferunternehmen Deharde GmbH in Varel (die Aufnahme entstand 2024).

Im September werden viele GDNÄ-Mitglieder zur Versammlung in Bremen kommen. Auf was dürfen sich die Besucherinnen und Besucher freuen?
Auf eine Stadt, in der Wirtschaft und Wissenschaft gut zusammenarbeiten. Auf eine hochkarätige Wissenschaftslandschaft mit drei namhaften Hochschulen und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie und mehreren Fraunhofer-Instituten. Stolz sind wir auch auf unseren europaweit einzigartigen Fallturm für Experimente in der Schwerelosigkeit am Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation der Universität Bremen. Apropos Universität: Wer noch das Bild von der roten Kaderschmiede mit fragwürdigem wissenschaftlichem Rang im Kopf hat, wird überrascht sein. Unsere Universität ist 2012 erstmals Exzellenzuni geworden und bewirbt sich gerade erneut um den Titel. Die Wissenschaftsstadt Bremen hat so viele Attraktionen und wir freuen uns darauf, sie der GDNÄ zeigen zu können.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© Privat

Dr. Kai Brüggemann, Präsident des Industrie-Clubs Bremen und Geschäftsführer Wirtschaft der 134. Versammlung der GDNÄ.

Zur Person

Dr. Kai Brüggemann hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert und wurde im Bereich Maschinenbau promoviert. Vor Antritt seiner heutigen Position als Vorsitzender der Geschäftsführung der Deharde GmbH in Varel war er als Vorstandsmitglied der DB Fernverkehr AG in Frankfurt am Main und als Geschäftsführer der ÖBB Technische Services in Wien tätig. Davor war er insgesamt fast zwanzig Jahre in führenden Positionen bei Airbus in Bremen und Hamburg tätig, unterbrochen durch ein zweijähriges Intermezzo bei der schweizerischen RUAG-Aerospace. Seit 2012 ist Kai Brüggemann Vorstandsmitglied im Industrie-Club Bremen und seit 2019 dessen Präsident. Das GDNÄ-Amt als Geschäftsführer Wirtschaft übt er bis zur 134. Versammlung der Naturforschergesellschaft vom 17.-20. September 2026 aus.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

@ Industrie-Club Bremen

Jeden zweiten Freitag im November lädt der Industrie-Club Bremen seine Mitglieder und Gäste zum traditionellen Roland-Essen ins Alte Rathaus ein. Hier ein Blick in den Festsaal mit Club-Präsident Kai Brüggemann am Rednerpult.

Weitere Informationen:

Petra Schwille: „Die Grundprinzipien des Lebens verstehen“

„Die Grundprinzipien des Lebens verstehen“

Petra Schwille ist ein Star der synthetischen Biologie. Bei der GDNÄ-Versammlung in Bremen wird sie über ihre Suche nach der Essenz des Lebens berichten.

Frau Professorin Schwille, Sie werden Ihrem Publikum bei der GDNÄ-Versammlung in Bremen erklären, wie einfach lebende Systeme sein können. Ganz so einfach ist das Thema vermutlich nicht. Wie viel Vorwissen braucht man zum Verständnis?
Wer ungefähr weiß, wie eine Zelle funktioniert und mit dem Begriff Protein etwas anfangen kann, wird den Vortrag gut verstehen. Ich werde darin meine Forschung beschreiben und über neueste Ergebnisse aus meinem Labor berichten. 

Wo stehen Sie denn aktuell mit Ihrer Suche nach dem biologischen Minimalsystem?
Wir, das heißt mein Team und ich am Max-Planck-Institut für Biochemie, haben ein funktionierendes künstliches System für die Zellteilung geschaffen. Die Zellteilung ist natürlich nur ein Aspekt des Lebens – Stoffwechsel, Wachstum, Fortpflanzung, Evolution und andere charakteristische Lebensprozesse können wir noch nicht nachbilden. Das einzige heute bekannte System, das alle diese Prozesse umfasst, ist die Zelle. Rudolf Virchow hat sie im 19. Jahrhundert definiert als kleinste Einheit des Lebens, aus dem alle lebenden Systeme erwachsen. Das ist das Paradigma, auf dem unsere Arbeit basiert. Wir finden es nach wie vor sehr hilfreich, auch wenn es letztlich in eine Sackgasse führt, denn irgendwie muss ja auch die allererste Zelle einmal entstanden sein.

© MPI für Biochemie/ Susanne Vondenbusch

Das Max-Planck-Institut für Biochemie befindet sich auf dem Campus Martinsried. In Laufweite liegen das Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz, Einrichtungen der Ludwig-Maximilians-Universität München und das Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie.

Wie können wir uns Ihr künstliches System vorstellen?
Es besteht aus einer künstlichen Zellhülle sowie aktuell fünf bakteriellen Proteinen und der von außen eingebrachten Energiequelle Adenosintriphosphat, kurz: ATP. Von großer Bedeutung ist dabei die Zellhülle – eine Membran, die die Zelle nach außen begrenzt und an vielen zellulären Prozessen im Inneren beteiligt ist. Sie setzt sich aus unterschiedlichen Lipiden und Proteinen zusammen. Treibstoff jeder Zelle ist das ATP, das Energie chemisch speichert und auch in unseren Körperzellen für autonome Prozessabläufe sorgt. Damit sind Prozesse gemeint, die ohne Licht, Wärme oder andere Energien von außen auskommen. In unserem Labor bewerkstelligen bakterielle Proteine die Teilung der Membranblase. Sie lagern sich am Äquator der Zelle an und ziehen sich wie ein Gürtel zusammen – so fest, bis schließlich zwei Blasen vorliegen.

Was sind die nächsten Etappen auf dem Weg zur Bonsai-Zelle?
Als Nächstes wollen wir unser Modellsystem dazu bringen, dass es eigenständig ATP produziert und seinen Stoffwechsel selbst betreibt. Zudem wollen wir DNA einschleusen und damit die Weitergabe von Informationen bei der Zellteilung erreichen. Es geht also darum, aus unbelebten Bestandteilen wie Proteinen und biologischen Membranen eine unter dem Mikroskop gut sichtbare künstliche Zelle herzustellen, die immer mehr Teilaspekte des Lebens zeigt. Dieses Ziel verfolgen wir zusammen mit einem Team um den Biochemiker Bert Poolman von der Universität Groningen im Projekt MetaDivide. Dafür konnten wir Ende 2024 beim Europäischen Forschungsrat einen ERC Synergy Grant mit einer Fördersumme von fünf Millionen Euro einwerben. MetaDivide soll uns ein neues Verständnis der Grundprinzipien des Lebens liefern.

© Adobe Stock

Ziel des MetaDivide-Projektes ist, dass sich eine synthetische Zelle von der Größe eines Bakteriums selbstständig teilen kann.

Die GDNÄ-Versammlung 2026 steht unter dem Motto „Wissen schafft Nutzen – Wissenschaft nutzen“. Daher sei die Frage erlaubt: Welchen Nutzen hat Ihre Forschung?
Sie dient dem Erkenntnisgewinn. Vielleicht können wir dadurch besser verstehen, wie das Leben auf der Erde begann, vielleicht bekommen wir einen Schlüssel zum Auffinden außerirdischen Lebens. Wenn eines Tages bis ins Detail klar wird, wie einfachste Zellen Energie produzieren, könnte das regenerative Energie im Überfluss bedeuten. Vorstellbar sind auch Impulse für die Medizin und die Materialwissenschaften. Aber noch ist das alles Spekulation und das, was in unserem Labor passiert, lupenreine Grundlagenforschung.

Was fasziniert Sie daran?
Schon als Kind habe ich mich gefragt, woher das Leben kommt und wie alles Lebendige zusammenhängt. Ich habe dann Physik studiert und im Nebenfach Philosophie, aber im Grunde verlor ich die ursprünglichen Fragen im Studium aus den Augen. Wiedererwacht ist das Interesse während meiner Promotion bei dem Göttinger Chemienobelpreisträger Manfred Eigen, der sich zu der Zeit intensiv mit Fragen zur Evolution des Lebens beschäftigte. Er hatte eine interessante Arbeit zur Einzelmoleküldetektion zu vergeben, um die unfassbar komplexen Prozesse in biologischen Systemen besser erfassen und quantifizieren zu können. Dafür konnte ich eine Methode entwickeln, die bis heute genutzt wird. Schon damals, Mitte der 1990er-Jahre, träumte ich von einem lebenden System, das nicht so komplex ist, nur die wirklich essenziellen Eigenschaften hat und vielleicht sogar fähig zur  Evolution ist. Das wäre dann der Durchbruch.

Taucht da am Horizont der Homunkulus auf, der künstlich geschaffene Mensch? Wie gehen Sie mit den philosophischen Fragen um, die Ihre Forschung aufwirft?
Ich bin froh und glücklich, dass ich frei erforschen darf, was Leben ist und was es nicht ist. Mir geht es um naturwissenschaftliche Begründungen. Und letztlich auch um Demut gegenüber der unbelebten Natur. So fundamental ist der Unterschied zur belebten Natur nämlich nicht. Wir sollten das Leben nicht moralisch überhöhen, es mit einem Heiligenschein versehen.

Ihr Mann ist evangelischer Pfarrer. Was sagt er dazu?
Er ist am Sozialen und Menschlichen interessiert und kümmert sich um die Beziehungen zwischen Menschen und ihre Beziehung zu Gott. Wir haben da eine klare Arbeitsteilung.

Ist Gott für Sie eine Größe?
Nicht im Sinne einer bestimmten Religion. Es ist mehr ein Gefühl, dass eine treibende Kraft hinter allem steht, was sich in der Zeit und im Raum entwickelt – vom Universum bis zum menschlichen Leben. Und diese Kraft möchte ich eines Tages besser verstehen und vielleicht sogar quantifizieren können.

Frau Professorin Schwille, vielen Dank für dieses Gespräch.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© MPI für Biochemie/ Krause Schneitz

Prof. Dr. Petra Schwille, Physikerin und Direktorin des Max-Planck-Instituts für Biochemie.

Zur Person

Petra Schwille kam 1968 in Sindelfingen zur Welt und wuchs in Heilbronn auf. Sie studierte Physik und Philosophie an den Universitäten Stuttgart und Göttingen und wurde bei Nobelpreisträger Manfred Eigen am MPI für biophysikalische Chemie in Göttingen promoviert. Nach einem Postdoc-Aufenthalt an der Cornell University kehrte sie 1999 aus den USA zurück ans MPI für biophysikalische Chemie, wo sie ihre eigene Nachwuchsgruppe leitete. 2002 folgte sie einem Ruf auf den Lehrstuhl für Biophysik am Biotechnologischen Zentrum der Technischen Universität Dresden. Seit 2011 ist Petra Schwille Direktorin am MPI für Biochemie in München-Martinsried, wo sie die Forschungsabteilung „Zelluläre und molekulare Biophysik“ leitet. 2012 wurde sie zudem Honorarprofessorin an der Fakultät für Physik der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. Petra Schwille wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 2022 mit der Otto Warburg-Medaille und 2023 mit dem Manfred-Eigen-Preis. Sie ist Trägerin des bayerischen Maximiliansordens und des Verdienstkreuzes Erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland. Neben ihren wissenschaftlichen Tätigkeiten äußert sich Petra Schwille bei Kulturveranstaltungen zu naturwissenschaftlichen, philosophischen und gesellschaftlichen Fragen und engagiert sich im Mentoring für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Zum Weiterlesen:

Fraunhofer-Medaille für Michael Dröscher

Fraunhofer-Medaille für Michael Dröscher

Der GDNÄ-Generalsekretär wird für seine Verdienste um die Fraunhofer-Gesellschaft geehrt.

Die Fraunhofer-Gesellschaft ehrt Professor Michael Dröscher mit der Fraunhofer-Medaille 2026. Der Generalsekretär und Schatzmeister der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte wurde Anfang 2026 für seine besonderen Verdienste um die Fraunhofer-Gesellschaft ausgezeichnet. Als Vertreter des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft wirkte Michael Dröscher 25 Jahre lang in der Jury für die Vergabe des Joseph-von-Fraunhofer-Preises, der höchsten Auszeichnung der anwendungsorientierten deutschen Forschungsorganisation. Er habe der Fraunhofer-Gesellschaft wichtige Impulse gegeben und sei als Vorsitzender mehrerer wissenschaftlicher Fachgesellschaften beharrlich für die engere Verzahnung von Wissenschaft und Industrie eingetreten, schreibt Fraunhofer-Präsident Professor Holger Hanselka auf LinkedIn.

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist eine der führenden deutschen Organisationen für anwendungsorientierte Forschung. Knapp 32 000 Mitarbeitende an 75 Instituten und selbstständigen Forschungseinrichtungen in Deutschland erarbeiten das jährliche Finanzvolumen von 3,6 Milliarden Euro. Davon entfallen 3,1 Milliarden Euro auf das zentrale Geschäftsmodell von Fraunhofer, die Vertragsforschung.

In diesem Jahr feiert die Fraunhofer-Gesellschaft den 200. Todestag ihres Namensgebers Joseph von Fraunhofer (1787-1826). Der Münchener Gelehrte war als Wissenschaftler, Erfinder und Unternehmer gleichermaßen erfolgreich.

Die Fraunhofer-Medaille wurde am 6. März 1987 anlässlich des 200. Geburtstages von Joseph von Fraunhofer entworfen. Die Vorderseite ziert das Portrait Fraunhofers, die Rückseite eine Ansicht seiner Geburtsstadt Straubing.

Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

© MIKA-fotografie | Berlin

Prof. Dr. Michael Dröscher, Generalsekretär und Schatzmeister der GDNÄ.

Zum Weiterlesen:

© FHG

Fraunhofer-Medaille