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  • Wilhelm Füßl: „Herr Geheimrat pflegt wieder nicht zu kommen“

    „Herr Geheimrat pflegt wieder nicht zu kommen“

    Er betreute das Erbe der GDNÄ drei Jahrzehnte lang, jetzt geht er in Rente: Archivleiter Wilhelm Füßl über kostbare Dokumente, Tücken des Urheberrechts und sein langes Ringen um die Rückgabe historischer Originale.

    Herr Dr. Füßl, das Deutsche Museum betreut zahlreiche Archive von wissenschaftlichen Institutionen, darunter auch das Archiv der GDNÄ. Welchen Stellenwert hat es?
    Es ist von großer nationaler Bedeutung. Die GDNÄ ist ja nicht nur die älteste interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands, sie ist auch die Mutter vieler Fachgesellschaften wie etwa der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Eine weitere Besonderheit: Viele Archive von Wissenschaftsinstitutionen wurden im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört, von der GDNÄ jedoch blieben wenigstens einige historische Bestände erhalten.

    Was sind die ältesten Dokumente?
    Das sind die Berichte und Verhandlungen der GDNÄ-Versammlungen. Allerdings existieren manche nur als Kopie in unserem Archiv.

    Haben Sie darin ein Lieblingsstück?
    Besonders interessant finde ich zum Beispiel das Kontobuch aus dem Jahr 1911, demzufolge ein Archivar mit mageren 72 Reichsmark entlohnt wurde; heute würde das einer Kaufkraft von knapp 300 Euro entsprechen. Was ich mir auch gern anschaue, ist das Tagebuch der 15-jährigen Ulrike Schwartzkopff, die ihren Vater 1964 zur Versammlung in Weimar begleitete und ihre Eindrücke und Gedanken auf sehr lebendige, differenzierte und angenehme Weise festhielt. Oder ein Mikrofilm zur Organisation der Berliner Versammlung, wo sich auf einem Brief von 1828 eine Randnotiz Alexander von Humboldts findet: „Herr Geheimrat pflegt wieder nicht zu kommen“. Gemeint war Goethe.

    Tagebuch der 15-jährigen Schülerin Ulrike Schwartzkopff von der Versammlung der 103. Versammlung der GDNÄ in Weimar 1964.

    Wie können wir uns das GDNÄ-Archiv insgesamt vorstellen?
    Es handelt sich vor allem um Tagungsbände mit Berichten von Versammlungen, um Vortragsmanuskripte, Geschäftsberichte des Vorstands, Akten der Geschäftsstelle und um einige Hundert Fotografien. Das Archivgut stammt zum überwiegenden Teil aus der Zeit nach 1945, wobei die Dichte ab 1960 stark zunimmt. Ältere Bestände wurden bei Kriegsende von sowjetischen Truppen beschlagnahmt und in Richtung Moskau abtransportiert. Sie sind bis heute verschollen. Die noch erhaltenen Alt-Akten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert waren im Privatbesitz von Vorstandsmitgliedern oder wurden von uns akquiriert. Ein Großteil dieser Dokumente stammt aus den Jahren 1893 bis 1921.

    Wo findet man das Archiv im Deutschen Museum?
    Es ist im obersten Stockwerk des Bibliotheksgebäudes untergebracht. Das GDNÄ-Archiv umfasst inzwischen stattliche 23 Regalmeter und ist damit eines unserer größten Institutionenarchive. Der Lesesaal liegt nur wenige Meter von den Magazinen entfernt, und bestellte Dokumente werden schnell herbeigeschafft. So lohnt sich der Weg auch für eilige Besucher.

    Wie groß ist das Interesse am GDNÄ-Archiv?
    In den letzten zwanzig Jahren wurden mehr als 500 Akten ausgeliehen. Das ist eine beachtliche Zahl, auch im Vergleich zur Nutzung ähnlicher Archive im Deutschen Museum.

    Wissen Sie Näheres über die Nutzer?
    Aus Gesprächen weiß ich, dass viele Wissenschaftler darunter sind. Aber das ist beileibe keine Voraussetzung. Alle Interessierten sind willkommen und können die Bestände kostenfrei lesen oder mit ihrer Digitalkamera für private Zwecke ablichten.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Mathematiker im Gruppenbild anlässlich der Versammlung der GDNÄ im Jahr 1890.

    Das klingt etwas umständlich. Sind die Unterlagen nicht auch online verfügbar?
    Dahin würden wir gern kommen, aber dem steht vor allem das Urheberrecht entgegen. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Urhebers – eines Vortragenden bei einer GDNÄ-Versammlung beispielsweise oder seiner Nachfahren –, darf das Werk erst siebzig Jahre nach seinem Tod frei genutzt werden. Für uns heißt das: Sofern keine Einverständniserklärung vorliegt, und das ist bei älteren Dokumenten selten der Fall, dürfen wir Vorträge, Briefe oder Berichte nur dann veröffentlichen, wenn sie aus der Zeit vor 1885 stammen. In die Zukunft gedacht könnte das für einen Vortrag, den eine 40-jährige Wissenschaftlerin bei der Jubiläumstagung 2022 in Leipzig hält, Folgendes bedeuten: Wird die Forscherin 90 Jahre alt, darf ihre schöne Rede frühestens im Jahr 2142 ohne Auflagen verbreitet werden. Das ist natürlich ein Witz.

    Gibt es da eine pragmatische Lösung?
    Bei neueren Dokumenten kaum. Ältere Publikationen könnte man über die Online-Dienste anderer Bibliotheken nutzen. Sobald nämlich ein Dokument im Internet steht, darf man sich darauf beziehen. Denkbar wäre es also, eine Liste mit Links zu solchen Quellen ins Netz zu stellen – und genau das wird derzeit erwogen.

    Ihre Arbeit geht also deutlich über das schnelle Herbeischaffen von Unterlagen hinaus. Was gehört alles dazu?
    Oh, da kommt einiges zusammen. Nehmen wir als Beispiel das GDNÄ-Archiv. Es kam 1989 hier an, also drei Jahre vor meinem Dienstantritt, und umfasste damals 13 Regalmeter. Im Jahr 2001 kamen weitere zehn Regalmeter dazu. So ein Bestand muss erst einmal fachlich geordnet und systematisch mit anderen Beständen vernetzt werden. Ein Ergebnis sind sogenannte Findbücher mit einem umfangreichen Inhaltsverzeichnis und vielen Schlagwörtern, die zu potenziell relevanten Informationen im gesamten Archivgut führen. Dann gibt es in vielen anderen Beständen unseres Archivs Material zur GNDÄ. Wer etwa über den Physiker Walther Gerlach forscht und dessen Nachlass durchforstet, erhält Hinweise auf Vorträge des GDNÄ-Mitglieds Gerlach in den 1950er-Jahren – nicht nur per Findbuch, sondern auch im Gespräch mit uns. Darüber hinaus pflegen wir den Kontakt zu wissenschaftshistorischen Instituten in ganz Deutschland und regen Forschungsarbeiten zu unseren Beständen an. Auf diese Weise ist beispielsweise eine Dissertation über das Wirken der GDNÄ zwischen 1822 und 1913 an der Universität Würzburg entstanden. Und, ganz wichtig: Wir durchstöbern regelmäßig wissenschaftliche Antiquariate und Auktionskataloge, um Lücken in unserem Bestand schließen zu können.

    Das verpackte GDNÄ-Archiv vor dem Abtransport in die Sowjetunion (um 1945).

    Wie weit sind Sie damit beim GDNÄ-Archiv gekommen?
    Manches ließ sich nachkaufen, aber den großen Verlust historischer Akten konnten wir nicht ausgleichen. Wir wissen, dass das GDNÄ-Archiv bis kurz vor Kriegsende am angestammten Platz im Leipziger Karl-Sudhoff-Institut war und dann zum Schutz ins nahegelegene Schloss Mutzschen ausgelagert wurde. Das nützte aber nichts: 1945 konfiszierten die Sowjets insgesamt 53 Kisten und eine Rolle mit den Archivnummern 34 bis 86 und brachten sie außer Landes. Ich bin seit 1992 an der Sache dran und habe über politische, akademische und persönliche Kanäle alles Mögliche versucht. Die Hoffnung war, wenigstens Mikrofilme von den GDNÄ-Beständen zu bekommen. Zunächst kam keine Reaktion. Was man denn wolle, hieß es später listig aus Moskau, man habe das Archiv der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde doch zurückgegeben. So ging das jahrzehntelang. Ich bin mir sicher, dass das Archiv der GDNÄ nicht zerstört wurde – es lagert wahrscheinlich irgendwo in einem russischen Museum. Wir müssen wohl auf politisches Tauwetter warten, um in der Sache voranzukommen.

    Enthält das verschollene Archiv auch Dokumente aus der NS-Zeit?
    Davon gehe ich aus. Uns liegt jedenfalls kein einziges Originaldokument aus diesen Jahren vor.

    Sie erwähnten die Versammlung 1964 in Weimar – die erste und einzige GDNÄ-Veranstaltung in der DDR. Wissen Sie darüber Näheres?
    Normalerweise nehmen wir keine Massenakten in unser Archiv auf, also zum Beispiel Geschäftskorrespondenzen mit Mitgliedern oder Teilnehmerverzeichnisse von Versammlungen. Für die DDR-Zeit haben wir bei der GDNÄ eine Ausnahme gemacht.  Wir wissen, dass die Tagungsbände über die Leopoldina in Ostdeutschland verteilt wurden und bis zur Wende sehr begehrt waren, auch wenn 1949 viele Ost-Mitglieder aus der GDNÄ ausgetreten waren. Das alles aufzuarbeiten, wäre ein hochinteressanter Beitrag zur Forschung.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Mitgliedskarte der GDNÄ für den bedeutenden Chemiker und Industriellen Carl Duisberg.

    Sie haben demnächst mehr Zeit…
    Das stimmt. Ende Mai gehe ich in den Ruhestand und übergebe die Geschäfte an meinen bisherigen Stellvertreter, den Historiker Dr. Matthias Röschner. Aber die Wissenschaftsgeschichte der DDR ist nicht mein Metier, da sind andere berufen. Ich bleibe meinen Themen treu und habe schon ein paar Buchprojekte im Sinn.

    Zum Beispiel?
    Eine Biografie des Ingenieurs Arthur Schönberg. Er war der erste Mitarbeiter des Gründers des Deutschen Museums Oskar von Miller. Über ihn habe ich 2005 eine Biografie veröffentlicht. An Arthur Schönberg, der 1943 im KZ Theresienstadt ums Leben kam, erinnert heute eine Ehrentafel im Deutschen Museum. 

    Steht auf Ihrem Plan auch ein Besuch der GDNÄ-Versammlung 2022 in Leipzig?
    Seit 1992 war ich bei den meisten Versammlungen dabei und habe sehr spannende Vorträge gehört. Einer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, es ging um die Ausdehnung des Universums. Was ich auch genossen habe, waren die Begegnungen mit großartigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Also, ja, ich denke, ich werde in Leipzig dabei sein.

    Schlechte Bezahlung im Jahr 1912: Zwei Archivare verdienen 71,85 Mark.

    Dr. Wilhelm Füßl
    Dr. Wilhelm Füßl

    Zur Person

    Dr. Wilhelm Füßl kam 1955 in der Oberpfalz zur Welt. Er studierte Geschichte, Germanistik und Sozialkunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wurde dort 1986 mit einer Arbeit über den Rechtsphilosophen Friedrich Julius Stahl promoviert. Nach Tätigkeiten im In- und Ausland wechselte er 1991 an das Deutsche Museum in München. 1992 übernahm er die Leitung des Archivs. In dieser Funktion ist Wilhelm Füßl bis zum Eintritt in den Ruhestand im Mai 2021 kooptiertes Vorstandsmitglied der GDNÄ – ein Amt, das Dr. Matthias Röschner als neuer Archivleiter übernimmt.

    Das Forschungsinteresse Dr. Füßls gilt der Geschichte technischer Sammlungen und den Wechselwirkungen zwischen Biografien und Wissenschafts- bzw. Technikgeschichte. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die Bücher „Geschichte des Deutschen Museums. Akteure, Artefakte, Ausstellungen“ (2003) und, im Jahr 2005 erschienen, „Oskar von Miller (1855–1934). Eine Biographie“. Einige Bücher wurden mit Preisen ausgezeichnet. Wilhelm Füßl konzipierte mehrere Ausstellungen, darunter eine Schau zur Geschichte des Deutschen Museums, die dauerhaft gezeigt wird.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Cover der Festschrift anlässlich der Versammlung in München 1899.

    Das Archiv des Deutschen Museums

    Das Archiv des Deutschen Museums zählt zu den weltweit führenden Spezialarchiven zur Geschichte der Naturwissenschaft und Technik. Auf 4,7 Regalkilometern im Bibliotheksgebäude auf der Münchener Museumsinsel werden Nachlässe bedeutender Wissenschaftler und Forscher, Handschriften und Urkunden, Pläne und technische Zeichnungen, umfangreiche Archive von Firmen und wissenschaftlichen Institutionen sowie mehr als eine Million Fotografien verwahrt und für Recherchen aufbereitet. Das Archiv steht allen offen, die sich für Technik- und Wissenschaftsgeschichte interessieren. Die Benutzung ist kostenfrei. 

    Blick in einen Magazinraum des Archivs des Deutschen Museums.

    Weiterführende Links:

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Bereits im Jahr 1900 engagierte sich die GDNÄ für die schulische Jugend. Hier ein Dokument zum Thema „Unterrichtsreform“.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Aufruf zur Sammlung von historischen Unterlagen zur GDNÄ, ca. 1921.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Bürgerrechtsurkunde für den Gründer der GDNÄ, Lorenz Oken, aus dem Jahr 1835.

    Wolfgang Lubitz: Wissenschaftler verändern die Welt

    „Wissenschaftler verändern die Welt“

    Eine nachhaltige Energieversorgung für die Menschheit – diesem visionären Ziel dient die Forschung des Max-Planck-Wissenschaftlers Wolfgang Lubitz. Auch für die GDNÄ hat er große Pläne.

    Herr Professor Lubitz, Sie sind Direktor emeritus am Mülheimer Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion. Wie können wir uns Ihren Alltag derzeit vorstellen?
    Ich bin noch oft im Institut, arbeite derzeit aber auch viel von zu Hause aus. Im Großen und Ganzen geht es darum, meine Forschungsprojekte allmählich abzuschließen. Ich bin jetzt seit fast vier Jahren emeritiert und will mehr Freiraum für anderes schaffen. Aktuell erledige ich die letzten Korrekturen an einem Buchkapitel.

    Um welches Thema geht es?
    Das Buch behandelt die chemische Energiespeicherung und ich beschreibe in einem Kapitel, wie in der Natur Sonnenenergie durch die Photosynthese umgewandelt und gespeichert wird.

    Warum ist dieser Prozess so interessant für Sie?
    Er ist das große Vorbild für eine nachhaltige Energiespeicherung – auch wenn von der einfallenden, reichlich vorhandenen Sonnenenergie viel verloren geht. An dieser Stelle möchte ich ein wenig ausholen, um die Zusammenhänge zu verdeutlichen: Wir verdanken der Photosynthese unsere gesamte Nahrung, alle nachwachsenden Rohstoffe und fossilen Brennstoffe auf der Erde. Ein zentraler Schritt in der Photosynthese ist die lichtinduzierte Spaltung des Wassers, wobei Sauerstoff als Abfallprodukt entsteht. Dieser hat zur Ausbildung unserer sauerstoffreichen Erdatmosphäre und auch der uns schützenden Ozonschicht in der Stratosphäre geführt und damit die Voraussetzung zur Entstehung höheren Lebens auf unserem Planeten geschaffen. Durch die Photosynthese werden enorme Mengen von Kohlendioxid aus der Luft aufgenommen und in Kohlenhydrate umgewandelt, in denen letztlich die Sonnenenergie gespeichert ist. Speicherung in chemischen Verbindungen – in Brennstoffen – ist bei weitem die effizienteste Speicherform für Energie.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Wolfgang Lubitz mit Nachwuchswissenschaftlern in einem Labor des Mülheimer Max-Planck-Instituts für Chemische Energiekonversion. Im Hintergrund sieht man Aufbauten einer Hochfeld-EPR-Maschine. Mit EPR-Techniken wurden wichtige Erkenntnisse zur elektronischen Struktur von Katalysatoren gewonnen.

    Soweit die Biochemie. Wie kommen wir nun zur technischen Nutzung?
    Die Idee ist, solche Verfahren zu verwenden, um zum Beispiel regenerativ erzeugten Strom zu speichern und über weite Strecken zu transportieren. Sonne und Wind liefern ja im Prinzip mehr als genug saubere Energie, um den weltweiten Bedarf zu decken, aber dort wo sie gebraucht werden, steht diese nicht immer in ausreichender Menge zur Verfügung. Daher suchen wir an unserem Institut nach Wegen, wie man Energie effizient in speicherbare und nutzbare Formen umwandeln kann. Die künstliche Photosynthese ist eine Möglichkeit, die von uns und vielen anderen Arbeitsgruppen intensiv erforscht wird.

    Wie weit sind Sie?
    Inzwischen haben wir eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie die natürliche Photosynthese funktioniert. Diese Erkenntnisse sind unter anderem wichtig, um eine effiziente Spaltung von Wasser in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff im Labor zu realisieren. Eine Schlüsselstellung nehmen dabei die notwendigen Katalysatoren ein: In der Natur sind das die Enzyme Wasseroxidase und die Hydrogenasen.  Im Groben ist die Photosynthese vielen noch aus dem Schulunterricht bekannt, in unserer Forschung geht es um die Feinheiten.

    Haben Sie ein Beispiel für uns?
    Die Natur verwendet für ihre Reaktionen Enzyme, die häufig vorkommende und preiswerte Metalle wie Mangan, Eisen und Nickel enthalten. Für den chemisch-technischen Einsatz jedoch werden heute fast ausschließlich Edelmetalle wie Platin als Katalysatoren eingesetzt, die sehr gut funktionieren, deren Vorkommen aber leider begrenzt sind. Dem Vorbild der Natur folgend suchen wir daher nach neuen Metall-Katalysatoren, um die künftige Erzeugung von Wasserstoff im großen Maßstab ebenso effizient wie umweltfreundlich zu machen. Das Ziel ist also der sogenannte grüne Wasserstoff, der nicht nur für die Energieversorgung der Zukunft eine zentrale Rolle spielt, sondern auch als einer der wichtigsten Grundstoffe in der Industrie.

    Gibt es bereits Ergebnisse?
    Katalytische Wasseroxidation und Wasserstofferzeugung sind weltweit sehr intensiv bearbeitete Forschungsgebiete, und es wurden in den letzten Jahren beachtliche Erfolge erzielt. Ein perfekter Katalysator, der alle Ansprüche bezüglich Effizienz, Stabilität, Skalierbarkeit, Umweltfreundlichkeit, Materialverfügbarkeit und Preis erfüllt und sich in der Praxis bewährt hat, existiert bisher allerdings noch nicht. Es bleibt damit noch viel Raum für gute Ideen und Entwicklungen auf diesem heißen Forschungsgebiet.

    Ein heißes Thema ist derzeit die gesamte Wasserstoffwirtschaft. Welche Chancen räumen Sie ihr ein?
    Wir sind inzwischen sehr gut darin, regenerativen Strom zu erzeugen, etwa mithilfe der Photovoltaik (PV), die heute Wirkungsgrade um die 25 Prozent für Siliziumzellen und mehr als 45 Prozent für komplexere PV-Zellen erzielt. Ein Problem bleibt die Speicherung. Batterien sind gesellschaftlich zwar weithin akzeptiert, beispielsweise in der Elektromobilität, aber sie sind nicht sehr effizient und auch nicht umweltfreundlich. Wasserstoff kann ein Vielfaches an Energie speichern und bei seiner Verbrennung entsteht ausschließlich Wasser.  Er eignet sich für die großtechnische Nutzung und bildet eine sehr gute Brücke vom fossilen in ein nachhaltiges Energiezeitalter.

    Ihre Forschung in diesem spannenden Bereich läuft, wie Sie sagten, allmählich aus. Heißt das, Sie haben künftig mehr Zeit für die GDNÄ?
    Ja, und darauf freue ich mich. Als Mitglied des Vorstandsrats arbeite ich zum Beispiel sehr gern an der Vorbereitung der 200-Jahr-Feier mit, die 2022 in Leipzig stattfinden soll. Da werden gerade tolle Ideen zusammengetragen. Ich will noch nicht zu viel verraten, aber die Vorträge und Diskussionen werden im attraktiven Kongresszentrum der Messestadt und das Rahmenprogramm zum Teil im berühmten Leipziger Zoo stattfinden. Es gibt ein Schüler- und Besuchsprogramm und viele hochinteressante Vorträge aus unterschiedlichen Disziplinen. Für den Nobelpreisträgervortrag haben wir Reinhard Genzel eingeladen, der das gigantische Schwarze Loch im Herzen unserer Milchstraße entdeckt hat.

    Untersuchung von Proben der Photosynthese bei Grünlicht mithilfe der Paramagnetischen Elektronen-Resonanz (EPR)-Spektroskopie.

    Gegründet 1822 in Leipzig hat die GDNÄ eine lange Tradition. Was bedeutet sie Ihnen?
    Sehr viel. Für die deutsche Wissenschaft hat die GDNÄ Großartiges geleistet. Auf ihren Versammlungen wurden bedeutende naturwissenschaftliche Erkenntnisse vorgestellt und debattiert; es gab viele Auseinandersetzungen, aber auch Konsens. Die GDNÄ hat die gesamte Ära der Industrialisierung begleitet und maßgeblich dazu beigetragen, dass die Öffentlichkeit neue Forschungsergebnisse kennenlernte und annahm. Eine Zäsur war die NS-Zeit. Was diese Jahre für die GDNÄ bedeuteten, sollte meiner Ansicht nach näher beleuchtet werden. Das Jubiläum im kommenden Jahr wäre dazu ein geeigneter Anlass.

    Welche Zukunft sehen Sie für die GDNÄ?
    Es warten große Aufgaben auf sie. Da ist zum einen der immens wichtige Dialog mit der Öffentlichkeit, aber auch der interdisziplinäre Dialog zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen, an dem es in Deutschland immer noch hapert.  Die Fördermittelgeber fordern das verstärkt, und da könnte die GDNÄ wichtige Anstöße liefern.  Ein weiterer Punkt ist die Zusammenarbeit mit Schulen. Meiner Erfahrung nach wächst das Interesse an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, denn viele junge Leute erkennen, wie wichtig diese Fächer für die Zukunft sind. Die GDNÄ engagiert sich hier bereits mit ihrem Schülerprogramm. In Kooperation mit anderen wissenschaftlichen Gesellschaften könnten wir aber noch deutlich mehr tun.

    Ein großes Programm, das Sie da skizzieren…
    …Moment, bitte, ich bin noch nicht fertig. Ich würde mir auch wünschen, dass die GDNÄ die mögliche Tragweite wissenschaftlicher Erkenntnisse verstärkt zur Sprache bringt. Oft führten diese zu historischen Umwälzungen, denken wir nur an die Entdeckung der Uranspaltung und ihre Folgen in Gestalt der Atombombe und der Kernkraft. Unser ganzes modernes Leben ist von Forschung und Technik geprägt – ohne sie gäbe es weder Internet noch moderne Telekommunikation, keine Antibiotika und Impfstoffe und keinerlei Erkenntnisse zum Umwelt- und Klimaschutz oder zu erneuerbaren Energien. Es ist also nicht vermessen zu sagen: Wissenschaftler verändern die Welt. Was mir auch am Herzen liegt, ist mehr Verständnis für die Methodik der Wissenschaft. Ihre Ergebnisse entwickeln sich in sorgfältig geplanten und durchgeführten Experimenten, die oft fehlerbehaftet sind und mehrfach validiert werden müssen, bis ein zuverlässiges Ergebnis vorliegt. Auf Knopfdruck funktioniert das alles nicht, es braucht seine Zeit. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen und Vertrauen in die Wissenschaft aufzubauen, dazu trage ich gerne bei – zusammen mit der GDNÄ.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies
    Wolfgang Lubitz

    Zur Person

    Professor Wolfgang Lubitz (71) ist Direktor emeritus des Max-Planck-Instituts für Chemische Energiekonversion in Mülheim an der Ruhr. Seine Leitungsposition, die er seit dem Jahr 2000 innehatte, gab er mit der Emeritierung 2017 ab. Vor seiner Zeit als Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft wirkte der gebürtige Berliner von 1991 bis 2000 als Professor für Physikalische Chemie an der Technischen Universität Berlin, von 1989 bis 1991 als Professor für Experimentalphysik an der Universität Stuttgart und von 1986 bis 1989 als Professor für Organische Chemie an der Freien Universität Berlin, wo er auch Chemie und Physik studiert, promoviert und sich habilitiert hatte. Von 1983 bis 1984 forschte Lubitz an der University of California San Diego in der Biophysik.

    Einen sehr persönlichen Lebensrückblick hat der Wissenschaftler anlässlich seines 65. Geburtstags auf Anfrage des „Journal of Physical Chemistry“ verfasst. Darin schildert er seinen Weg, der ihn aus einfachen Verhältnissen im Berlin der Nachkriegszeit in eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere führte, mit vielen interessanten Persönlichkeiten zusammenbrachte und ihm lebenslange Freundschaften bescherte (siehe PDF).

    In seiner Forschung beschäftigt sich Wolfgang Lubitz mit der Energiekonversion in der natürlichen und künstlichen Photosynthese und der Wasserspaltung, Wasserstofferzeugung und -nutzung. Ein weiteres Forschungsfeld ist die Entwicklung und Anwendung von spektroskopischen Verfahren, insbesondere der Magnetischen Resonanz. Seine Ergebnisse sind in mehr als fünfhundert wissenschaftlichen Arbeiten publiziert und mit vielen Preisen ausgezeichnet worden.

    Mitglied der GDNÄ ist Wolfgang Lubitz seit vielen Jahren; seit 2017 ist er Mitglied des Vorstandsrats der Gesellschaft. Darüber hinaus engagiert er sich seit bald zwei Jahrzehnten im Kuratorium der Lindauer Nobelpreisträgertagungen, dessen Vizepräsident er seit 2014 ist.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Mit der Präsidentin des Kuratoriums der Lindauer Nobelpreisträgertagungen, Gräfin Bettina Bernadotte.

    Weiterführende Links:

    „Es gibt kein schöneres Leben“

    „Es gibt kein schöneres Leben“

    Er ist ein international bekannter Herz-Kreislauf-Forscher, hochdekorierter Wissenschaftsmanager – und ehemaliger GDNÄ-Präsident: Im Gespräch erzählt Detlev Ganten von seinen Jahren als Wessi in einem Ost-Institut, dem Aufschwung der Wissenschaft und seinen Plänen für die dritte Lebenshälfte.  

    Herr Professor Ganten, die Leitung des World Health Summit haben Sie gerade abgegeben, in Kürze erscheint ein neues Sachbuch aus Ihrer Schreibwerkstatt und zwischendurch engagieren Sie sich für das Wissenschaftsjahr Berlin 2021. Demnächst steht Ihr achtzigster Geburtstag an – finden Sie überhaupt Zeit, ihn zu feiern?
    Zeit hat man immer für alles, was man für wichtig hält. Und mit Freunden gemeinsam zu feiern, aus welchem Anlass auch immer, hat in meinem Leben immer einen hohen Stellenwert gehabt. Ich hoffe diese besondere Zeit mit COVID-19 erlaubt das fröhliche Feiern im Freundes- und Kollegenkreis.

    In einer Phase, in der viele es beruflich ruhiger angehen lassen, haben Sie Ihre hohe Taktzahl kaum reduziert. Was treibt Sie an?
    Die Freude an der Aufgabe. Wissenschaftler haben ja das unschätzbar große Privileg, sich ihre Aufgabe selber auszuwählen. Es gibt kein schöneres Leben. Dazu kommt die Hoffnung, man könnte ja vielleicht etwas Bedeutsames erforschen und realisieren.

    Sie bewegen sich seit Langem im deutschen Wissenschaftssystem und kennen es aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: als Pharmakologie-Professor in Heidelberg und als Gründungsdirektor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin im Osten Berlins, als Vorstandsvorsitzender der Helmholtz-Gemeinschaft und als Chef der Charité, um nur einige Ihrer Stationen zu nennen. Wie hat sich das System in dieser Zeit verändert?
    Es ist erfreulicherweise vieles besser geworden. Deutschland hat in den letzten fünfzig Jahren wieder an seine große Wissenschaftstradition angeschlossen. In den Nachkriegsjahren hatte der wirtschaftliche Wiederaufbau zunächst Vorrang.  Mit Forschung und Wissenschaft ging es erst wieder in den 1970er-Jahren richtig los und die Wiedervereinigung brachte nochmal einen erheblichen Schub. Die finanzielle Förderung war gut und zuverlässig. Inzwischen ist auch die „Versäulung“ der Wissenschaft, also die Trennung von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, nicht mehr so ausgeprägt wie früher, das System ist durchlässiger geworden. Wenn es um die wissenschaftliche Produktivität geht, rangiert Deutschland heute im internationalen Vergleich auf Platz vier. Das Land hat sich insgesamt wieder zu einem sehr guten, attraktiven Wissenschaftsstandort entwickelt.

    Willkommen in Berlin: Beim World Health Summit empfing Gründungspräsident Detlev Ganten zwischen 2009 bis 2020 alljährlich Tausende Experten aus Politik und Gesundheitswesen in der Bundeshauptstadt.

    Sie sind 1991 aus dem beschaulichen Heidelberg weggegangen, um im Ostteil Berlins das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin aufzubauen. Ein großer Schritt, persönlich wie beruflich. Wie sind Sie die neue Aufgabe angegangen?
    Nach meiner Ernennung zum Gründungsdirektor am 5. September 1991 bin ich sofort nach Berlin-Buch gefahren, um mich persönlich vorzustellen. Es herrschte eine angespannte Stimmung, die circa 2500 Mitarbeiter waren damals stark verunsichert. In ihren Augen war ich der unbekannte Wessi mit dem Auftrag, aus den drei Zentralinstituten der Akademie der Wissenschaften der DDR vor Ort etwas Neues zu formen. Das erregte natürlich Misstrauen, aber gleichzeitig spürte ich eine große Bereitschaft, die Chance der friedlichen Wiedervereinigung, die im Osten Deutschlands ihren Ursprung hatte, zu ergreifen und einen neuen Weg gemeinsam zu gehen. Für einige Wochen habe ich dann praktisch rund um die Uhr Gespräche geführt. Mein Büro war für alle Mitarbeiter jederzeit offen, abends gab es Flensburger Bier oder Rotwein und so haben wir uns auch persönlich besser kennengelernt. In dieser offenen Atmosphäre entstanden gemeinsame Konzepte und eine Aufbruchsstimmung, die alle erfasste und eine unglaubliche Kreativität freisetzte. 1992 konnten wir das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch feierlich gründen – auch der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker kam zum Festakt. Ich bin zwölf Jahre am MDC geblieben. Beruflich und menschlich war es eine der herausforderndsten und prägendsten Zeiten meines Lebens.

    Flensburger Bier und Rotwein haben sicher dazu beigetragen: Aber was war es im Kern, das Ihre anfangs skeptischen Mitarbeiter umgestimmt hat? Anders gefragt: Wie wurde aus Misstrauen Aufbruchsgeist?
    Wichtig waren der gegenseitige Respekt und das Zuhören. Ich wusste ja anfangs auch nicht genau, wie der Weg aussehen würde und war darauf angewiesen, ihn gemeinsam zu finden. Das habe ich meinen Mitarbeitern und Kollegen auch offen gesagt und das hat enorme Energien freigesetzt: Alle wollten zum Erfolg beitragen, auch die von Wissenschaftlern oft so gern gescholtene Verwaltung. Hinzu kommt die einmalige Geschichte des Standorts mit seinen weltberühmten Kaiser-Wilhelm-Instituten und später dann mit dem biomedizinischen Komplex rund um die Akademie-Institute der DDR ­– Buch war schon immer bekannt für seine wissenschaftliche Qualität. Den Kollegen dort war diese Tradition sehr bewusst und auch für mich wurde sie ein Kraftquell. Was sehr zum Erfolg beigetragen hat, waren die großen Freiheiten, die wir in den Aufbaujahren genossen: Die Politik ließ uns viel Spielraum bei unseren Entscheidungen.  

    Das MDC sollte eine Forschungseinrichtung neuen Stils werden. Ist das gelungen?
    Ich denke schon – aber das müssen andere beurteilen. Unser Konzept, die Erforschung von molekularen Grundlagen und zellulären Basismechanismen zusammen mit Klinikern zum besseren Verständnis von Gesundheit und Krankheit zu nutzen, hat sich bewährt. Mit flachen Hierarchien, vielen unabhängigen, jungen Arbeitsgruppen und der Möglichkeit, sich um Drittmittel bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen Fördermittelgebern zu bewerben, haben wir ein modernes, attraktives, agiles MDC geschaffen. Wir haben auch dafür gesorgt, dass Ergebnisse aus der Grundlagenforschung zügig Patienten zugutekommen und wirtschaftlich genutzt werden können. Die Zusammenarbeit mit der Charité Universitätsmedizin Berlin klappt hervorragend.  Direkt neben den Forschungslaboren ist ein Biotechnologie-Campus entstanden, der heute zu den bedeutendsten in Deutschland zählt.

    In Ihrer Zeit als MDC-Chef haben Sie viele zusätzliche Aufgaben übernommen: Mehr oder weniger parallel waren Sie Mitglied des Wissenschaftsrats, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft und, von 1996 bis 1998, auch Präsident der GDNÄ. Wie kam es zu dieser Ämterfülle?
    Diese zusätzlichen Aufgaben habe ich angenommen, weil dadurch neue Synergien für die Entwicklung des MDC möglich wurden. Die Erneuerung der Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen zur Helmholtz-Gemeinschaft war ein Segen für uns und die gesamte deutsche Gesundheitsforschung. Und die Präsidentschaft der hochangesehenen GDNÄ empfand ich als Anerkennung für das neue MDC.

    In Ihre Amtszeit fiel der 175. Geburtstag der GDNÄ, der mit einem großen Symposium in Lübeck gefeiert wurde. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie zurückdenken?
    Die wunderbare, gesellige, kollegiale Atmosphäre, die großartigen Gäste. Die Tradition, der lebendige Geist und die ausgewählten Vorträge auf höchstem Niveau: Das prägt bis heute mein Bild von der GDNÄ. Der Wissenschaftshistoriker Dietrich von Engelhardt hatte die Tagung vorbereitet und sie verlief glanzvoll. Sehr gern erinnere ich mich an die Teilnahme der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. Praktisch alle Präsidenten der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen waren gekommen und es sind neue Freundschaften entstanden. Virchow, Helmholtz, die Humboldts – sie hätten Ihre Freude an dieser Tagung gehabt.

    Ein Jahr später, im Jahr 1998, richteten Sie in Berlin die 120. Versammlung der GDNÄ aus. Sie trug den Titel „Informationswelt – Unsere Welten der Information“ – um was ging es genau?
    Ein Schwerpunkt war zum Beispiel die Genomforschung. Neue Methoden der Gensequenzierung bei Modellorganismen und des Menschen ergaben eine bis dahin unbekannte Datenmenge mit neuen Möglichkeiten in der molekularen Medizin.  Über deren Chancen und Risiken wurde Ende der 1990er-Jahre ja weltweit sehr intensiv diskutiert. Deutschland war damals in einem Selbstfindungsprozess, es war eine Zeit des Umbruchs. Nach der Wiedervereinigung wurde Berlin 1999 ja Sitz der Bundesregierung.  Damals ging es auch um die neue Corporate Identity der Nation: „Großdeutschland“ oder „Land der Dichter und Denker“ – zwischen diesen Polen changierte die öffentliche Debatte. Berlin als eine Art Laboratorium der Wiedervereinigung war vor diesem Hintergrund natürlich ein hervorragender Ort für die Versammlung.

    Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die 200-Jahr-Feier der GDNÄ im Jahr 2022. Wie sehen Sie die Zukunft der traditionsreichen Gesellschaft?
    Der fachübergreifende Austausch unter Wissenschaftlern und mit der Öffentlichkeit – das ist ja der GDNÄ-Markenkern – ist heute wichtiger denn je. Auch andere Wissenschaftsinstitutionen veranstalten jetzt große Tagungen mit öffentlichen Anteilen, ich denke zum Beispiel an die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft oder an die Leopoldina und die Länderakademien. Das ist eine gute Entwicklung.  Was die GDNÄ jedoch von anderen Wissenschaftsorganisationen unterscheidet: Sie hat Lehrer, Schüler und interessierte Bürger als Mitglieder. Mein Vorschlag wäre, künftig noch mehr nach außen zu gehen: mit hochwertigen Angeboten für die Mitglieder und starken Impulsen in die Gesellschaft. Da sehe ich einen großen Bedarf und zu solchen Initiativen leiste ich sehr gerne meinen Beitrag.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies
    Professor Detlev Ganten.

    Zur Person

    Prof. Dr. Ganten kam im März 1941 in Lüneburg zur Welt. Er studierte Medizin in Würzburg, Montpellier und Tübingen und erwarb den Titel „Philosophical Doctor, PhD“ an der McGill Universität in Montreal/Kanada. 1973 kehrte er nach Deutschland zurück, um eine Professur am Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg anzutreten. Nach dem Fall der Mauer wurde er 1991 als Gründungsdirektor an das Max- Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) nach Berlin-Buch berufen. Von 2004 bis 2008 war Ganten Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Von 1993 bis 1998 wirkte er als Mitglied des Wissenschaftsrats und von 1997 bis 2001 als Vorsitzender der Helmholtz-Gemeinschaft. Von 2002 bis 2007 war Detlev Ganten Mitglied im Nationalen Ethikrat, von 1992 bis 1998 Präsident der World Hypertension League und von 1996 bis 1998 Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Von 2009 bis 2020 leitete er als Gründungspräsident den World Health Summit.

    Die Bluthochdruckforschung ist der wissenschaftliche Schwerpunkt Gantens. Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Ehrungen im In- und Ausland, darunter 1990 den Max-Planck-Forschungspreis, den japanischen Okamoto-Preis sowie den CIBA-Preis des Council für High Blood Pressure Research der American Heart Association (1992). Ihm wurde die Ehrendoktorwürde mehrerer Universitäten im In- und Ausland zuerkannt. Im Jahre 1997 erhielt er den Verdienstorden des Landes Berlin, 2000 das Bundesverdienstkreuz und 2003 die Ernennung zum Ritter der französischen Ehrenlegion. Detlev Ganten ist Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und weiterer Akademien.

    Neben seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat Detlev Ganten mehrere populärwissenschaftliche Bücher (mit-)verfasst: „Leben, Natur, Wissenschaft: Alles, was man wissen muss“ (2005), „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“ (2009) und „Die Gesundheitsformel“ (2014). Sein neues Buch, eine zusammen mit Ernst Fischer erstellte Doppelbiografie über Hermann von Helmholtz und Rudolf Virchow, erscheint 2021 unter dem Titel „Die Idee des Humanen“.

    Meister ihres Fachs: Vor dem zentralen Gebäude des MDC in Berlin-Buch erinnert eine Büste an den Genetiker, Biophysiker und Nobelpreisträger Max Delbrück, der bis 1937 in Berlin forschte und dann in die USA auswanderte.

    Weiterführende Links:

    „Kreativität entfalten, mit Freude lernen“

    „Kreativität entfalten, mit Freude lernen“

    Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Telekom-Stiftung, über die Schwachstellen heutiger Schulen, ein neuartiges Ökosystem der Bildung und seinen außergewöhnlichen Start in der GDNÄ

    Herr Dr. Winter, die Corona-Krise weitet sich aus, einzelne Schulen schließen und stellen zeitweise auf Home-Schooling um. Wissen wir eigentlich, wie sich das auf Schülerinnen und Schüler auswirkt?
    Wir haben im April, also während der bundesweiten Schulschließungen, gut tausend 10- bis 16-Jährige und ihre Eltern befragt. Im Ergebnis sind die meisten von ihnen gut mit dem Lernen zu Hause zurechtgekommen. Es zeigte sich aber auch, dass den Kindern und Jugendlichen der Kontakt zu Mitschülern und Lehrkräften sehr fehlt. Die meisten Schülerinnen und Schüler haben zu Hause ein eigenes Zimmer und können dort in Ruhe arbeiten. Auch die Technikausstattung mit Computern, Laptops und Smartphones ist überwiegend gut.

    Beste Voraussetzungen also für das Home-Schooling?
    Leider nein. Neben der Tatsache, dass einer kleineren, aber zahlenmäßig nicht unerheblichen Gruppe von Schülerinnen und Schülern die genannten Voraussetzungen gänzlich fehlen, gibt es Schwachstellen vor allem bei Schulen und Lehrkräften. Von ihnen wünschten sich die befragten Kinder, Jugendlichen und Eltern deutlich mehr Unterstützung. Nur die Hälfte der Schülerinnen und Schüler erhielt Rückmeldungen zu eingesandten Arbeiten und viele von ihnen beklagten, dass die Lehrkräfte für Fragen nicht erreichbar gewesen seien. Hinzu kommt: Kreative Wissensvermittlung über echten Fernunterricht, Erklär-Videos oder digitale Gruppenarbeit fand kaum statt, stattdessen verschickten die Lehrer Aufgaben und Arbeitsblätter per E-Mail und ließen ihre Schüler Texte lesen und schreiben.

    Welche Folgen hat das zum Beispiel für den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht, für den Ihre Stiftung sich ja primär stark macht?
    In den sogenannten MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, haben die 10- bis 16-Jährigen den größten Unterstützungsbedarf. Denn hier werden Aufgabenstellungen oft nicht so gut verstanden wie in den Gesellschaftswissenschaften oder Fremdsprachen. Zudem bleibt das so wichtige experimentelle Arbeiten, wie unsere Studie zeigt, im Online-Unterricht fast komplett auf der Strecke. Dabei wäre heute vieles möglich. Trauriges Fazit: Die Defizite im Home-Schooling gehen stark zu Lasten des MINT-Bereichs.

    Seit Ihrer Befragung ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Viel Zeit also zur Umstellung.  Wurde sie genutzt?
    Ich habe nicht den Eindruck, dass im Sommer viel passiert ist in den Schulen. Nur an wenigen Orten sind zum Beispiel Formate des hybriden Lernens mit Präsenz- und Online-Anteilen entwickelt worden. Bei den Hochschulen ist das komplett anders: Dort wurden in den vergangenen Monaten der überwiegende Teil des Lehrangebots für die digitale Vermittlung aufbereitet.

    Warum geht das nicht auch in den Schulen?
    Den meisten Lehrkräften fehlt schlicht und ergreifend das Know-how für einen zeitgemäßen Online-Unterricht. Ein weiterer Grund ist die ausufernde Bildungsbürokratie, die grundlegende Veränderungen erschwert. Und die Schulleitungen müssen sich neben ihren eigentlichen Aufgaben mit zu vielen anderen Dingen beschäftigen – zum Beispiel mit Lüftungsanlagen.

    Bei der Eröffnung des Berliner Science Centers „Futurium“: Ekkehard Winter spielt mit Kindern ein Brettspiel zur künstlichen Intelligenz.

    Ein dickes Brett also. Kommt man da überhaupt durch?
    Wir haben keine andere Wahl. Die Corona-Krise führt die Schwachstellen des Schulsystems gnadenlos vor Augen – einfach wegsehen und sich verstecken geht jetzt nicht mehr. Dabei sind die Defizite seit Jahren bekannt. Etwa durch die internationale Vergleichsstudie ICILS 2018, in der es um Medienkompetenz ging. Deutschlands Schülerinnen und Schüler landeten im Ländervergleich auf den hinteren Plätzen. Schlecht abgeschnitten haben auch die technische Ausstattung der Schulen und die Digitalkompetenz der Lehrkräfte. Technisch wird in Deutschland jetzt aufgerüstet, da fließt momentan viel Geld rein. Weiter mangelhaft ist jedoch die pädagogische Kompetenz.

    Gilt das für alle Schulen oder gibt es nicht doch einige lobenswerte Ausnahmen?
    Es gibt zum Glück sogar viele gute Beispiele dafür, wie Lehrkräfte digitale Medien produktiv und mit hohem pädagogisch-didaktischen Mehrwert einsetzen. Wir und andere Stiftungen und Verbünde wie das Forum Bildung Digitalisierung versuchen, diese Best-Practice-Beispiele bekannt zu machen und sie als Vorbilder zu nutzen. Das ist aber schwierig, auch weil viele Lehrkräfte, die jetzt an den Schulen arbeiten, die neuen Möglichkeiten weder in ihrer Ausbildung kennengelernt haben noch in geeigneten Fortbildungen einüben konnten. Das gilt übrigens für ältere und jüngere Lehrerinnen und Lehrer gleichermaßen.

    Was muss denn passieren, um echte Veränderungen herbeizuführen?
    Wir brauchen nichts weniger als einen Kulturwandel im Bildungssystem. Eine positive Grundhaltung dem Neuen gegenüber und Lust am Lernen über das gesamte Berufsleben hinweg. Wichtig sind starke Schulleitungen und Kollegien, die sich als Team verstehen und diesen Spirit auch in den Unterricht tragen. Das heute noch vorherrschende Einzelkämpfertum bei den Lehrkräften hat sich überlebt. Für die Welt von morgen brauchen wir junge Menschen, die ihre Kreativität entfalten und mit Freude gemeinsam lernen.

    Ihre Stiftung konzentriert sich auf die 10- bis 16-Jährigen. Gerade in dieser Altersgruppe scheint die Lust am Lernen zu versiegen.
    Das stimmt.  Aber die Flamme ist noch da. Man muss sie nur anpusten, dann machen Jugendliche die tollsten Sachen, wie wir aus vielen Projekten wissen.  Sie beißen sich regelrecht fest, wenn etwas sie wirklich interessiert und es ihnen wichtig für ihr Leben erscheint. So wünschen sie sich auch die Schule, das haben wir in unserer neuen Studie „Wie lernen Kinder und Jugendliche heute?“ gesehen. Die Schule wird derzeit zwar als der zentrale Lernort verstanden, aber sie ist nicht der Ort, an dem man gern lernt. Deshalb setzt unsere Stiftung zunehmend auf das außerschulische Lernen, sei es in modernen Bibliotheken und Museen, Jugendhäusern oder Projektwerkstätten wie etwa Makerspaces. Wir propagieren ein Bildungs-Ökosystem, in dem die Schule Teil eines großen Netzwerks ist.

    In dem auch die Wissenschaft eine Aufgabe hat?
    Eine sehr große sogar, gerade im MINT-Bereich. Ich habe selten so viel Begeisterung für Physik erlebt wie bei einer Direktschalte zwischen einer Schule und Wissenschaftlern am Genfer CERN. Mit gigantischen Teilchenbeschleunigern wird dort der Aufbau der Materie erforscht. Was an MINT Spaß macht, trägt also nicht das Etikett MINT, sondern heißt CERN – oder auch GDNÄ. Dass die GDNÄ Schüler und Lehrkräfte zu ihren Versammlungen einlädt und spezielle Programme im Bildungsbereich anbietet, ist vorbildlich für das Bildungssystem der Zukunft.

    Vor Ihrem Engagement im Bildungssektor brachten Sie beim Stifterverband den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft voran. Ein Feld, auf dem auch die GDNÄ aktiv ist…
    …und auch in den 1990er-Jahren schon eine wichtige Rolle spielte, vor allem in Gestalt ihrer Präsidenten Joachim Treusch und Detlev Ganten. Deutsche Journalisten und Wissenschaftler pilgerten damals alljährlich zu den Jahrestagungen der American Association for the Advancement of Science, kurz Triple AS genannt. Detlev Ganten hatte die Idee, ein europäisches Pendant zu schaffen. Es herrschte eine tolle Aufbruchsstimmung. Zusammen mit Kollegen konnte ich damals zur Gründung der gesamteuropäischen Wissenschaftskonferenz EuroScience Open Forum beitragen. Inzwischen ist ESOF zu einer Institution geworden – die nächste Tagung soll 2022 in Leiden stattfinden.

    Wie sind Sie zur GDNÄ gekommen?
    Ich hatte beruflich in Konstanz zu tun und wollte bei der Gelegenheit den damaligen GDNÄ-Präsidenten Hubert Markl um einen Rat bitten. Wir trafen uns also in seinem Institut und ich trug mein Anliegen vor. „Den Rat kann ich Ihnen gern geben“, sagte Markl, „aber unter der Bedingung, dass Sie Mitglied der GDNÄ werden.“ Er reichte mir ein Formular, ich unterschrieb und zog mit ein paar guten Tipps von dannen. Tja, so ging Mitgliederwerbung damals. 

    Ekkehard Winter vor der Kamera: Szene eines Interviews für einen Social-Media-Kanal der Telekom-Stiftung.

    Faszination 3D-Drucker: Impression von einem Schulprojekt der Telekom-Stiftung in Bonn.

    Zur Person
    Dr. Ekkehard Winter (62) ist seit 2005 Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung. Nach einem Studium der Biologie und seiner Promotion am Institut für Genetik der Universität Köln ging Winter als wissenschaftlicher Referent zur damals neu gegründeten Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Zwei Jahre später wechselte er zum Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft nach Essen. Er war dort zuständig für Programme zur Hochschulreform und betreute eine Reihe von Stiftungen im Bereich Natur- und Biowissenschaften. Im Jahr 1999 arbeitete Winter am Engineering and Physical Sciences Research Council (EPSRC), der größten britischen Einrichtung zur Forschungsförderung. Ein Jahr später übernahm er beim Stifterverband die Leitung des Bereichs „Programm und Förderung“ und wurde 2003 stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes. Seit 2017 ist er Co-Sprecher des Nationalen MINT-Forums. Ekkehard Winter ist Mitbegründer der bundesweiten Initiative „Wissenschaft im Dialog“ (WiD), zu der sich im Jahr 2000 alle deutschen Wissenschaftsorganisationen zusammengeschlossen haben, und des Euro Science Open Forum (ESOF). Er leitete bis Februar 2020 den Arbeitskreis „Bildung und Ausbildung“ des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und ist Mitglied zahlreicher anderer Gremien im Bildungs-, Wissenschafts- und Stiftungsbereich.

    Deutsche Telekom Stiftung
    Im Jahr 2003 von der Deutschen Telekom ins Leben gerufen, gehört die Telekom-Stiftung heute mit einem Kapital von 150 Millionen Euro zu den großen Bildungsstiftungen in Deutschland. Die Telekom Stiftung engagiert sich für ein zukunftsfähiges Bildungssystem in einer digitalen Welt und konzentriert sich dabei auf die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (die sogenannten MINT-Fächer). Für Projekte in diesem Bereich stellt sie jährlich rund zehn Millionen Euro zur Verfügung. Die Stiftung mit Sitz in Bonn beschäftigt 20 Mitarbeiter. Vorstandsvorsitzender ist seit 2018 der frühere CDU-Politiker und Bundesminister a.D. Dr. Thomas de Maizière.

    Weiterführende Links:

    GDNÄ-Schülerprogramm: Berichte aus dem Unterricht in Corona-Zeiten

    Zeit zum Nachdenken

    Wie Feline Lohkamp ihr Pensum im Ausnahmezustand schafft.
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    Abi im Corona-Jahrgang

    Hoffentlich kommen bald Lockerungen, sagt Eda Siakir Oglou.
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    Schule in der Datenwolke

    Wie Paul Mühlenhoff in Krisenzeiten Deutsch und Bio unterrichtet.
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    „Die jungen Leute sind meine Hoffnung“

    „Die jungen Leute sind meine Hoffnung“

    Kaum jemand kennt sich in der gesamtdeutschen Wissenschaftslandschaft so gut aus wie sie: Warum die Bilanz der Mikrobiologin Bärbel Friedrich dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung gemischt ausfällt, was sie vom europäischen Gentechnikrecht hält und wie Corona ihren Sommer bestimmt hat.

    Frau Professorin Friedrich, in diesem Jahr feiern wir dreißig Jahre deutsche Einheit. Sind Ost und West im Wissenschaftsbereich wirklich zusammengekommen?
    In Berlin gibt es keine großen Unterschiede mehr. Da sehe ich im Osten und im Westen viele gute Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Außerhalb Berlins, in den ostdeutschen Flächenländern, ist jedoch einiges aufzuholen. 

    Sie waren zur Wendezeit Professorin für Mikrobiologie an der Freien Universität Berlin. Wie haben Sie diese Jahre erlebt?
    An der FU ging schon bald nach dem Mauerfall die Angst um. Eine Freie Universität als Bollwerk der freien Welt brauchte man ja nun nicht mehr. Vor der Wende waren die Subventionen reichlich geflossen, doch das endete nun abrupt. Viele Kollegen unkten, die FU werde bald in die Humboldt-Universität integriert. Ich wechselte 1994 an die HU, um dort ein neues Fach, die naturwissenschaftliche Mikrobiologie, aufzubauen.

    Die FU besteht nach wie vor und im Jahr 2007 erhielt sie sogar das Exzellenzsiegel – Jahre vor den anderen Berliner Universitäten.
    Ja, das war eine riesige Überraschung, aber auch ein mächtiger Ansporn für die HU. Mit dem Exzellenzprogramm von Bund und Ländern änderte sich die Stimmung, die vorher von Konkurrenz bis hin zur Feindseligkeit geprägt war. Jetzt kam es auf Kooperation an und damit stellte sich auch der Erfolg ein. Es entstanden gemeinsame Sonderforschungsbereiche und Exzellenzcluster – in meinem Fachumfeld etwa der Katalyse-Cluster UniCat, das Berliner und Brandenburger Universitäten seit 2012 zusammen betreiben. Höhepunkt dieser Entwicklung ist sicherlich das erfolgreiche Abschneiden der Berliner Universitätsallianz im Exzellenzwettbewerb 2019.

    Jenseits der Hauptstadt sieht es anders aus. Wie steht es um die akademische Einheit in den ostdeutschen Regionen?
    Das Bild ist sehr gemischt. Es gibt einzelne Leuchttürme, doch in der Breite hinkt die universitäre Forschung in Ostdeutschland noch etwas hinterher. Im Förderranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Beispiel schneiden westdeutsche Universitäten deutlich besser ab. Wenn wir auf den letzten Exzellenzwettbewerb 2019 schauen, sehen wir, dass in Ostdeutschland neben Berlin nur die TU Dresden ganz oben mitspielt. Allerdings haben einige Hochschulen besondere Stärken entwickelt. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen. Als ich 1996 zum ersten Mal mit einer Delegation des Wissenschaftsrats nach Greifswald kam, hatte ich den Eindruck, man müsse das Chemie-Institut sofort schließen. Die Ausstattung war völlig veraltet, die wissenschaftliche Qualität am Boden.  Doch mit den Jahren hat sich das Niveau sehr verbessert und heute leistet die Universität Hervorragendes, vor allem in der Medizinforschung. Ich konnte das aus der Nähe beobachten, weil ich als Direktorin des Greifswalder Alfried Krupp-Wissenschaftskollegs viele Jahre eng mit der Universität kooperiert habe.

    Wie erleben Sie im Alltag den persönlichen Umgang miteinander?
    In Greifswald und vor allem an der Universität begegnet man sich unvoreingenommen.  Aber auf dem Land werde ich als Wessi immer noch kritisch beäugt. Ohne Touristen geht es nicht, das wissen alle, aber eigentlich bliebe man lieber unter sich. Für mein Gefühl drückt sich darin der Frust einer Verlierergeneration aus. Bei den jungen Leuten ist das anders, die sehen sich nicht mehr als Ossis, sondern als Deutsche. Die Jugend ist meine Hoffnung – mit ihr könnte sich die deutsche Spaltung auswachsen.

    Sie sind schon eine Weile emeritiert, aber wissenschaftspolitisch noch sehr aktiv. Mit einigen Kollegen haben Sie unlängst Position gegen ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu genomeditierten Pflanzen bezogen. Warum?
    Viele Wissenschaftler waren maßlos enttäuscht über das Urteil. Denn es führt dazu, dass eine zukunftsweisende gentechnische Methode in Europa im Nutzpflanzenbereich praktisch nicht eingesetzt wird. Mit CRISPR-Cas, so heißt die Technik, kann man einzelne Bausteine im Erbgut sehr einfach, präzise und kostengünstig verändern – wir Wissenschaftler sprechen von editieren. Die Methode ist ein echter Quantensprung. Sie hat sehr schnell die Labore der Welt erobert und dieser Tage hochverdient den Nobelpreis für Chemie erhalten.  Mit CRISPR-Cas ließen sich nicht nur größere Ernten erzielen, die Technik könnte auch den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden deutlich reduzieren. Auch Züchtungen von Pflanzen, die dem Klimawandel besser widerstehen, sind denkbar. 

    Was hat der Europäische Gerichtshof gegen die Methode?
    Sie wird als Risiko betrachtet und den komplexen und praxisfernen Auflagen für genetisch veränderte Organismen, kurz GVO genannt, unterworfen. Die Restriktionen haben dazu geführt, dass in Europa so gut wie keine Forschung in diesem Bereich mehr stattfindet. Wer auf dem Gebiet arbeiten und Pflanzen im Freiland testen will, muss ausweichen, zum Beispiel nach Kanada. Inzwischen gibt es viele genveränderte Pflanzen, die mit älteren Techniken hergestellt wurden, und auch schon mehr als hundert genomeditierte Pflanzen. Dazu zählen etwa Sojabohnen mit gesünderen Fettsäuren, glutenreduzierter Weizen und länger lagerfähige Kartoffelknollen. Die Veränderungen, die die neuen Sorten im Erbgut tragen, könnten auch zufällig oder durch konventionelle Züchtungsmethoden entstanden sein – ihr Ursprung ist meistens nicht mehr eindeutig zu bestimmen. Von schädlichen Folgen der GVOs, ein ganz wichtiger Punkt, ist noch nie berichtet worden.

    Was ist zu tun?
    Das europäische Gentechnikrecht ist veraltet und sollte überarbeitet werden. Zu diesem Schluss sind wir in einer gemeinsamen Stellungnahme der Nationalakademie Leopoldina und der Union der deutschen Akademien gekommen. Als kurzfristige Maßnahme schlagen wir vor, genomeditierte Pflanzen nur dann als GVO einzustufen, wenn artfremde genetische Information eingeschleust wird – also nur in Ausnahmefällen. Längerfristig plädieren wir für einen völlig neuen Rechtsrahmen, der die Risiken für Mensch und Umwelt nicht am verwendeten Verfahren festmacht, sondern an den Eigenschaften des erzeugten Produkts.  

    Welche Chancen hat Ihr Vorstoß?
    In der Politik ist die FDP ganz auf unserer Seite. Die Grünen werden allmählich aufgeschlossener. In den Medien haben wir viele Fürsprecher, zusätzliche Unterstützung erfahren wir von den Bauern. Übrigens, wenn auch zögerlich, auch von Biobauern, denen die Aussicht auf eine pestizidfreie Landwirtschaft auf den voraussichtlich trockeneren Böden der Zukunft zusagt.

    Sie haben zahlreiche wissenschaftliche Stellungnahmen mit auf den Weg gebracht. In diesem Jahr waren es besonders viele. Wie kam es dazu?
    Es begann am 12. März, ich fuhr gerade von einer Mikrobiologentagung in Leipzig zurück nach Berlin. Da kam ein Anruf aus dem Hauptstadtbüro der Leopoldina, ich solle gleich vorbeikommen, es sei eilig. In einem interdisziplinär besetzten Team haben wir dann sofort mit der ersten Stellungnahme zum Umgang mit der Corona-Pandemie begonnen, die bereits zehn Tage später erschien. Im Frühjahr und Sommer habe ich an vier weiteren Stellungnahmen mitgearbeitet – aus dem Homeoffice, praktisch nie in Präsenz. Alles in allem war es ein enormer Kraftakt, auch weil wir wussten, dass wir eine große Verantwortung tragen. Gut war die enge Zusammenarbeit mit der Politik, die ich in dieser Intensität vorher noch nie erlebt hatte. 

    Konnte Ihr Team dabei seine wissenschaftliche Unabhängigkeit bewahren?
    Wir waren stets bemüht, auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse Handlungsempfehlungen auszusprechen, wohl wissend, dass die Politik letztlich nach eigenen Kriterien zu entscheiden hat. Hier gibt es eine klare Grenzziehung, die uns die Unabhängigkeit bewahrt.   

    Sie kennen und gestalten die deutsche Wissenschaftslandschaft seit vielen Jahren. Welchen Platz hat darin die GDNÄ?
    Sie hat besondere Stärken, die in dieser Kombination sonst nicht zu finden sind. Auf ihren Versammlungen und immer mehr auch auf ihrer Website vermittelt die GDNÄ aktuelles Wissen auf hohem Niveau, aus interdisziplinärer Sicht und gut verständlich. Ein großer Pluspunkt sind die Schülerprogramme und die Kooperationen mit Lehrkräften. Die ältere Bevölkerung ist bei Zukunftsthemen oft verängstigt. Um hier voranzukommen, müssen wir Wissenschaftler in die Öffentlichkeit, vornehmlich auch in die Schulen gehen und die nächste Generation gewinnen. Hier sehe ich ein großes Potenzial für die GDNÄ.

    Prof. Dr. Bärbel Friedrich

    2008 im Wissenschaftskolleg Greifswald: Bärbel Friedrich, umringt von Fellows und Mitarbeitern sowie, rechts neben ihr, Berthold Beitz, damaliger Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

    Biografisches
    Bärbel Friedrich kam 1945 in Göttingen zur Welt. Nach ihrer Promotion in Mikrobiologie an der dortigen Universität ging sie für zwei Jahre als Postdoktorandin ans Massachusetts Institute of Technology (MIT) und habilitierte sich anschließend in Göttingen. 1985 wurde sie Professorin für Mikrobiologie an der Freien Universität Berlin; 1994 wechselte sie an die Humboldt-Universität. Von 2008 bis 2018 war sie Wissenschaftliche Direktorin des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs, das die Universität Greifwald und den gesamten Wissenschaftsstandort fördert. Bärbel Friedrich engagierte sich in vielen wissenschaftlichen Institutionen und Gremien. Unter anderem war sie Vizepräsidentin der Leopoldina (2005 bis 2015), Mitglied der Bundestags-Enquetekommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ (2003 bis 2005), Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1997 bis 2003) und Mitglied des Wissenschaftsrats (1997 bis 2003). Sie erhielt zahlreiche Ehrungen, darunter das Bundesverdienstkreuz für ihr wissenschaftliches Engagement in den neuen Bundesländern und die Verdienstmedaille der Leopoldina.

    Die Wissenschaftlerin
    In ihrer Forschung untersucht Bärbel Friedrich unter anderem, wie sich Bakterien zur Gewinnung und Umsetzung von Wasserstoff nutzen lassen. Im Exzellenzcluster Unifying Concepts in Catalysis (UniCat) gelang es ihrem Team, Cyanobakterien gentechnisch so zu verändern, dass sie Wasserstoff aus Wasser synthetisieren. Für die Massenproduktion von Wasserstoff im Rahmen der Energiewende sei das Verfahren zu aufwändig, sagt die Mikrobiologin, hier sei die Elektrolyse das geeignetere Verfahren. „Im Rahmen der Grünen Chemie ist biologisch oder elektrolytisch erzeugter Wasserstoff jedoch sehr wertvoll, zum Beispiel zur Herstellung von Grund- und Wertstoffen.“ Dabei spielen Biokatalysatoren, wie sie Friedrich mit ihrer Arbeitsgruppe erforscht – sogenannte sauerstofftolerante Hydrogenasen –, eine vielversprechende Rolle.

    Weiterführende Links:

    Auch an dieser Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina zur Corona-Pandemie wirkte Bärbel Friedrich mit.

    Bienen halten Picasso und Monet auseinander

    „Bienen halten Picasso und Monet auseinander“

    In der GDNÄ ist Jürgen Tautz seit seiner Doktorarbeit, zur Bienenforschung kam er erst viel später. Wie die überaus talentierten Insekten sich untereinander verständigen, begeistert den Zoologen, Imker und bekannten Sachbuchautor bis heute.

    Herr Professor Tautz, wie geht es den Bienen?
    Gar nicht so schlecht, zumindest nicht in Deutschland. Hierzulande gibt es etwa eine Million Bienenvölker und rund hunderttausend Imker. Die Imkerschaft wächst von Jahr zu Jahr und sie wird zunehmend jünger, weiblicher und städtischer. In den letzten zehn Jahren sind Bienen zu außerordentlich beliebten Tieren geworden und inzwischen haben sie weltweit eine starke Lobby – viel stärker als andere Insekten.

    Aber das hat doch vor allem mit dem Bienensterben zu tun?
    Ein allgemeines Bienensterben gibt es nicht. Wir haben es mit regional sehr unterschiedlichen Gefahren zu tun, etwa durch Parasiten wie die Varroa-Milbe, Krankheiten oder einen Mangel an Blühpflanzen. Dadurch bedroht sind vor allem die zahlreichen weniger bekannten Wildbienenarten, die keine Staaten bilden, sondern überwiegend solitär leben. Die bei uns weit verbreitete westliche Honigbiene ist nicht gefährdet, solange eine engagierte Imkerschaft sich um sie kümmert.

    Wie wirken sich Unkrautbekämpfungsmittel wie Glyphosat auf die Bienen aus?
    Der negative Einfluss von Glyphosat und anderen Herbiziden ist meist indirekter Natur. Glyphosat zum Beispiel schädigt die bakterielle Darmflora der Bienen, was letzten Endes ihr Immunsystem schwächen kann. Zudem verknappt dieses Herbizid das Nahrungsangebot für viele Insekten, da außer gentechnisch veränderten Nutzpflanzen alle Pflanzen abgetötet werden.

    Sammelbiene im Anflug auf eine Goldrautenblüte.
    Wenn Käfer, Ameisen oder Hornissen darunter leiden, interessiert das nur wenige Menschen. Warum ist das bei Bienen anders?
    Im ersten Moment ist das tatsächlich erstaunlich. Immerhin sind in einem Bienenstock rund fünfzigtausend Giftstacheln versammelt. Aber unserer Bienenliebe tut das keinen Abbruch. Das hat geschichtliche Gründe, denke ich. In allen Kulturen ist Honig eine Speise der Götter, denken wir nur an Ambrosia in der griechischen Mythologie. Für unsere Vorfahren war es immer ein Fest, wenn sie ein Bienennest mit Honig fanden. Wie wichtig die Bienen für Naturhaushalt und Landwirtschaft sind, erkannte man aber erst Ende des 18. Jahrhunderts. Damals beobachtete der Berliner Theologe Christian Konrad Sprengel, dass Bienen die Pflanzen bestäuben und damit befruchten. Man kann also sagen, die Bienen sind ein Schlüsselorganismus und ein wunderbarer Brückenbauer zwischen Umwelt und Mensch.

    Sie sind Zoologe. Was genau hat Sie zur Bienenforschung gebracht?
    Ich habe mich erst mit 45 Jahren in diese Richtung spezialisiert. Vorher ging es in meiner Forschung um Schmetterlingsraupen, Krebse, Frösche, Fische und andere Organismen. Nach ersten Einblicken in die Kommunikationsbiologie der Biene war ich dann aber absolut fasziniert und bin nicht mehr davon losgekommen.

    Was beeindruckt Sie so an der Biene?
    Bienen sind unglaublich belastbar und verfügen über verblüffende Fähigkeiten. Die Honigbiene zum Beispiel kann bis vier zählen, hat eine Vorstellung vom Konzept der Zahl Null und kann die Malstile von Picasso und Monet auseinanderhalten. Das ist alles experimentell belegt. Faszinierend ist auch die Kulturgeschichte: So hat man erst im 18. Jahrhundert entdeckt, dass ein Bienenvolk von einer Königin angeführt wird und nicht, wie Jahrtausende behauptet wurde, von einem König. Wir haben es tatsächlich mit einem Frauenstaat zu tun, der hervorragend funktioniert, nicht zuletzt durch die ausgeklügelte Kommunikation untereinander.

    Welche Bedeutung hat dabei die Tanzsprache der Bienen?
    Sie spielt eine wichtige Rolle, wie schon die Forschungsarbeit des Nobelpreisträgers Karl von Frisch zeigt. Er hatte beobachtet, wie Arbeitsbienen ihren Artgenossinnen durch tanzartige Bewegungen im Bienenstock, den sogenannten Schwänzeltanz, den Weg zur Nahrung wiesen. Die dabei mitgeteilte Information liefert jedoch nur eine grobe Orientierung, wie wir heute wissen. Um den genauen Futterplatz zu finden, braucht die Honigbiene weitere Informationen, die sie während des Flugs erhält – unter anderem durch die unterwegs nicht abreißende Kommunikation mit Artgenossinnen.

    Pollensammelnde Honigbiene an einer Kirschblüte.
    „Die Bedeutung des Bienentanzes wird überschätzt“ – Mit diesem Satz wurden Sie vor Jahren in einer Tageszeitung zitiert, was eine heftige Kontroverse in der Fachwelt auslöste. Wie stehen Sie heute dazu?
    Die Kontroverse wäre in dieser Form nicht nötig gewesen. Meine Sicht der Dinge hat sich seither nicht verändert: Im Schwänzeltanz sehe ich den Beginn einer lückenlosen Kommunikation, die die Arbeiterinnen ausgehend vom Bienenstock und ergänzt durch weitere Informationen treffsicher zur Nahrungsquelle führt. Diese Einschätzung wird durch viele internationale Forschungsergebnisse gestützt.

    Sie haben viel für den Dialog mit der Öffentlichkeit getan und sind für Ihre vorbildliche Vermittlungsleistung im Jahr 2012 mit dem renommierten Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Stifterverbands ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen die Ehrung?
    Die Mitmenschen für Dinge interessieren und begeistern zu dürfen, die man selbst für wichtig hält, ist wunderbar. Aber es kostet auch Ressourcen, die der eigentlichen Forschungsarbeit entgehen. Da ist der Communicator-Preis schon eine sehr motivierende Anerkennung.

    Diese wildlebenden Honigbienen haben in einer alten Schwarzspechthöhle eine Wohnstätte gefunden. Anders als Honigbienen, die vom Imker gehalten werden, sind Wildbienen der natürlichen Selekton ausgesetzt. Eine Folge: Sie können sich flexibel an veränderte Lebensbedingungen anpassen.
    Als Professor im Ruhestand engagieren Sie sich heute vor allem in der schulischen Bildungsarbeit. Was treibt Sie dabei an?
    Mein Team und ich wollen junge und ältere Leute mit einem modernen Projekt persönlich und nicht nur digital zusammenbringen. Bei uns können Fridays-for-Future-Anhänger konkret etwas für Umwelt und Klima tun. Nach den guten Erfahrungen mit einem Onlineprojekt an der Universität Würzburg namens Honeybee Online Studies, kurz HOBOS, haben wir vor Kurzem mit we4bee ein neues Vorhaben gestartet. Im Zentrum stehen dabei Hightech-Bienenstöcke zur eigenständigen Umweltforschung.

    Wie können wir uns die Schulforschung vorstellen?
    Derzeit haben deutschlandweit mehr als hundert Schulen solche Bienenstöcke bei uns ausgeliehen. Dank eines großzügigen Förderers, der Audi-Stiftung für Umwelt, ist das für die Schulen kostenfrei. Jeder Stock beherbergt ein Bienenvolk, dessen Zustand und Verhalten mit im Nest installierten Kameras und Sensoren rund um die Uhr aufgezeichnet wird und per App beobachtet werden kann. Zusätzlich werden Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wetterlage und andere Umgebungsparameter dokumentiert. Die Schülerinnen und Schüler tragen alle Daten zusammen und schicken sie zur Auswertung an unser Team an der Universität Würzburg. Was braucht ein Bienenvolk, um gesund zu bleiben? Und schadet das neue Mobilfunknetz 5G den Bienen? Das sind nur zwei der Fragen, die wir anhand der Daten hoffentlich bald besser beantworten können. Die Ergebnisse wollen wir aber nicht nur mit den jungen Leuten diskutieren, sondern alle Generationen im Gespräch über die Bienen zusammenbringen. Auch Imker sollen davon profitieren, damit sie ihren Völkern bestmögliche Lebensbedingungen schaffen können.

    Wie geht es Ihren eigenen Bienen und welche Zukunftshoffnung haben Sie als Imker?
    Meine eigenen fünf Bienenvölker sind wohlauf. Für die Zukunft hoffe ich auf Umweltbedingungen, die für die Bienen insgesamt zuträglich sind. Dann geht es auch einem riesigen Netzwerk in der Natur gut und letztlich auch uns Menschen.

    Forschung am Futterplatz: Diese Sammelbienen wurden nach der Geburt mit einem RFID-Chip versehen, der ihre Flugaktivität erfasst.

    Der Zoologe und Bienenforscher Professor Jürgen Tautz.

    Zur Person
    Jürgen Tautz ist Verhaltensforscher, Bienenforscher und Imker. Als Professor am Biozentrum der Universität Würzburg im Jahr 2015 emeritiert, leitet er heute we4bee, ein Netzwerk zur Umweltforschung und Umweltbildung in Schulen. We4bee schließt an HOBOS (Honeybee Online Studies) an, eine internetbasierte Lehr- und Lernplattform zur Honigbiene, die Tautz 2006 gründete. Der 1949 in Heppenheim geborene Zoologe studierte an der Technischen Universität Darmstadt Biologie, Geographie und Physik. Nach seiner Dissertation in Konstanz bei Hubert Markl kam er über Stationen in Canberra/Australien und Stanford/Kalifornien im Jahr 1990 an die Universität Würzburg. Neben rund 400 Fachpublikationen veröffentlichte Jürgen Tautz mehrere Sachbücher, darunter Bestseller wie „Phänomen Honigbiene“. Das 2007 erstmals erschienene Werk wurde in zwanzig Sprachen übersetzt. Derzeit arbeitet er an einem Buch, das die Sprache der Bienen und deren Erforschung aus einem neuen Blickwinkel betrachtet; erscheinen soll es im Frühjahr 2021.

    Weitere Informationen:

    Der Hightech-Bienenstock der St.-Ursula-Schule Würzburg: Der Stockeingang wird permanent von einer Mini-Videokamera beobachtet. Der grüne Kasten, auf dem die Bienen stehen, ist eine Waage. Die an einem Mast befestigte Wetterstation erfasst Temperatur, Luftfeuchte, Regen, Sonnenschein, Wind und die Belastung mit Feinstaub. Alle Daten (auch die aus dem Inneren des Bienenstocks, dessen Messsysteme hier nicht zu sehen sind) laufen kontinuierlich am Institut für Informatik der Universität Würzburg zusammen. Dort werden sie analysiert, aufbereitet und für alle Interessierten abrufbar ins Netz gestellt.