Dr. Matthias Röschner: „Wir digitalisieren in großem Stil“

„Wir digitalisieren in großem Stil“

Dr. Matthias Röschner über die Online-Zukunft des GDNÄ-Archivs, wichtige Forschungsfragen und Glanzstücke der Sammlung.

Herr Dr. Röschner, das erste Jahr als Archivleiter im Deutschen Museum ist um – wie geht es Ihnen in der neuen Position?
Da ich bereits seit 2009 im Archiv tätig gewesen bin, ist der Übergang zum Archivleiter einigermaßen fließend verlaufen. Natürlich haben sich meine Aufgabenschwerpunkte verschoben und vermehrt, aber mein Vorgänger Herr Dr. Füßl hat mich wunderbar vorbereitet. Ich freue mich also, gemeinsam mit einem hochmotivierten Team die Zukunft des Archivs weiter gestalten zu können.

Wie können wir uns Ihre Tätigkeit vorstellen?
Sie ist abwechslungsreicher als manche vermuten. Ich bin befasst mit allen Abläufen im Archiv – von der Erwerbung von Archivalien über die Organisation ihrer Erschließung, konservatorischen Maßnahmen und der Digitalisierung bis hin zur Koordinierung der Nutzung. Neben der Forschung liegt mir auch die Öffentlichkeitsarbeit sehr am Herzen: Ich halte Vorträge, biete Führungen an und schreibe allgemeinverständliche Beiträge, um Interessierten die Archivarbeit und unsere wertvollen Archivalien näherzubringen. Viel Zeit verbringe ich mit dem Beantworten von wissenschaftlichen Anfragen.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Wenn etwa eine Forscherin aus Berlin fragt, welche Quellen wir zur Professionalisierung des Ingenieurwesens am Ende des 19. Jahrhunderts haben, recherchiere ich mit meinem Wissen über die Bestände etwa in den Nachlassunterlagen von Rudolf Diesel, Oskar von Miller, Franz Reuleaux, Walther von Dyck und anderen Personen und schicke ihr Listen zu relevanten Archivalien. Damit ist die Wissenschaftlerin für einen erfolgreichen Besuch bei uns im Lesesaal in München gut vorbereitet.

Ein ordentliches Pensum für eine Vollzeitstelle…
…da kommt noch einiges hinzu. Zum Beispiel die wichtige Gremienarbeit, etwa im Rahmen der Leibniz-Gemeinschaft, des Bayerischen Archivtags oder im Münchner Archivkreis, und Querschnittsaufgaben wie die Personalführung und die Kontaktpflege zu Universitäten und wissenschaftshistorischen Instituten. Für die GDNÄ durchforste ich regelmäßig wissenschaftliche Antiquariate und Auktionskataloge und verfolge vielversprechende Spuren, um Fehlendes ergänzen zu können.

Mit Erfolg?
Ja, durchaus. Wir konnten zum Beispiel einige Originaldokumente aus dem 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Privatbesitz von Vorstandsmitgliedern einwerben. Aber es gibt nach wie vor große Lücken, vor allem durch das gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von den Sowjets beschlagnahmte und seither verschollene Altarchiv.

Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

In herbstlichem Licht: Das Ausstellungsgebäude auf der Münchner Museumsinsel. © Deutsches Museum

Ihr Vorgänger, Herr Dr. Füßl, hat sich immer wieder für die Rückgabe der Sammlung eingesetzt. Werden Sie das auch tun?
Ja, wir behalten das natürlich weiter im Blick. Aber ich glaube nicht, dass wir unser Ziel schnell erreichen. Der Ukrainekrieg verdüstert die Aussichten zusätzlich. 

Welchen Stellenwert hat das Archiv der GDNÄ für Ihr Haus?
Die GDNÄ ist die älteste interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands und Mutter renommierter Fachgesellschaften im In- und Ausland – ihr Archiv ist daher von großer nationaler Bedeutung. Hinzu kommt: Im Unterschied zu anderen Wissenschaftsinstitutionen, deren Archive im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurden, sind von der GDNÄ wenigstens einige historische Stücke aus der Frühzeit erhalten geblieben.  

Was ist besonders eindrucksvoll?
Zum Beispiel der neunseitige Druck einer Rede von 1828, in der Alexander von Humboldt für die Einrichtung von Sektionen warb und damit die erste große Reform der GDNÄ einleitete. Oder die handschriftliche Teilnehmerliste von der Versammlung 1834 in Stuttgart. Auch der Brief von Albert Einstein aus dem Jahr 1913 ist sehr beeindruckend. Der Physiker bittet hierin, seinen Vortrag in einer gemeinsamen Sitzung für Mathematik und Physik halten zu dürften, da er auf „einige Formeln eingehe, damit das, was ich vorzubringen habe, nicht zu vag[e] sei.“ 

Im Internet findet man noch kaum etwas zum GDNÄ-Archiv im Deutschen Museum. Wollen Sie das ändern?
Ja, wir sind gerade dabei, unsere Bestände in großem Stil zu digitalisieren. In den nächsten Jahren wird man Erschließungsdaten für alle Archivalien im Netz finden, mit Angaben zu Titel, Umfang und zeitlicher Einordnung. Dadurch sind weltweite Recherchen zu Themen, Personen, Institutionen und Unternehmen möglich – und Verknüpfungen mit anderen Nachlässen und Beständen, die in der analogen Welt nicht vorstellbar sind. Wir werden auch Digitalisate zu den Archivalien online anbieten, sofern keine urheberrechtlichen Einwände bestehen. Das trifft zum Beispiel auf die Versammlungsberichte von 1822 bis 1900 zu, mit denen ich gerne ein eigenes Projekt zur Digitalisierung mit anschließender Volltexterkennung machen würde. 

Das klingt aufregend, aber auch nach viel Aufwand. Wie groß ist Ihr Team?
Mit mir arbeiten elf Archivarinnen und Archivare, die auch ohne Zusatzprojekte gut zu tun haben. Wir werden jedoch tatkräftig unterstützt von unserer hauseigenen Offensive „Deutsches Museum Digital“. Sie ist dabei, die wissenschaftlichen Bestände und Objektsammlungen des Museums über ein zentrales Online-Portal öffentlich verfügbar zu machen. Spätestens im Jahr 2025, zum hundertsten Geburtstag der Eröffnung der Münchner Museumsinsel, soll das Ziel erreicht sein, alle verfügbaren Daten und Digitalisate im Internet recherchieren zu können.

Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

Ein Ort für konzentriertes Arbeiten: der Lesesaal des Archivs. © DMA CD 65461a

Finden Sie noch Zeit für eigene Forschung?
Weniger als früher, aber ich interessiere mich aktuell sehr für die Provenienzforschung. Das heißt, wie und unter welchen Umständen kamen Objekte und Archivalien an das Deutsche Museum? Im Museum gibt es eine bereichsübergreifende Arbeitsgruppe, die diesen Forschungsfragen nachgeht und die ich zusammen mit einem Kollegen aus dem Bereich der Objektsammlungen koordiniere. Das Archiv spielt dabei eine tragende Rolle, weil hier die historischen Verwaltungsakten des Museums verwahrt werden. Geplant ist auch eine gemeinsame Publikation, in der ich mich mit der Provenienz von Archivbeständen einbringen möchte.

Welche offenen Forschungsfragen sehen Sie, wenn Sie an die jüngere GDNÄ-Geschichte denken?
Da gibt es einiges, zum Beispiel: Wie hat die GDNÄ es nach dem Krieg geschafft, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen? Welche persönlichen und thematischen Kontinuitäten gibt es zwischen NS- und Nachkriegszeit? Kaum aufgearbeitet ist auch das Thema Frauen und GDNÄ. Die bei uns vorhandenen Dokumente würden für solche Recherchen viel hergeben, davon bin ich überzeugt.

Bei der Jubiläumsversammlung in Leipzig wird Ihr Haus mit einem Stand vertreten sein. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
Wir zeigen in einer Posterausstellung einige Glanzstücke des GDNÄ-Archivs, darunter die Medaille zum hundertsten Jubiläum der GDNÄ mit einem Porträt von Lorenz Oken auf der Vorder- und der Stadtansicht von Leipzig auf der Rückseite und dazu die Festschrift zur Leipziger Versammlung 1922. Zu sehen sind auch kunstvoll im Jugendstil gestaltete Publikationen aus dem frühen 20. Jahrhundert und der erwähnte Einstein-Brief. Gern stehen wir für Gespräche zur Verfügung und freuen uns über Hinweise auf interessante neue Dokumente für die Sammlung. Zu finden sind wir im Markt der Wissenschaften im Untergeschoss der Leipziger Kongresshalle, wo auch mehrere wissenschaftliche Institute aus Leipzig mit Ständen vertreten sind.

Was Sie über Ihre Arbeit berichten, passt so gar nicht zu den Vorstellungen von staubigen Akten und Ärmelschonern, die viele Laien mit Ihrem Beruf verbinden. Was hat Sie als junger Mensch animiert, in diese Richtung zu gehen?
Schon während meines Geschichtsstudiums war ich von den – im wahrsten Sinne des Wortes – einmaligen Archivquellen fasziniert. Es ist schon etwas ganz Besonderes, mit Briefen, Notizbüchern, Berichten und Zeichnungen zu arbeiten, die nur ein einziges Mal existieren und die vor mir oftmals nur eine Person, nämlich die Schreiberin oder der Schreiber, in Händen hielten. Ich habe in mehreren Praktika herausgefunden, dass der Beruf sehr zukunftsorientiert und mit viel Verantwortung verbunden ist. Denn nur diejenigen Unterlagen, die die Archivarin oder der Archivar als „archivwürdig“ bewertet und dann tatsächlich ins Archiv übernimmt, werden künftigen Generationen zur Verfügung stehen. Als Archivar kann ich die Faszination des Originals nicht nur für mich selbst entdecken, sondern auch an andere Menschen weitergeben. Neben meiner Aufgabe der Erwerbung und Bewahrung historischer Quellen verstehe ich mich vor allem als Vermittler von Informationen und Brückenbauer zwischen Geschichte und Gegenwart.

Matthias Röschner © Deutsches Museum

Matthias Röschner. © Privat

Zur Person

Dr. Matthias Röschner ist Leiter der Hauptabteilung Archiv des Deutschen Museums in München.  Zuvor war er Stellvertreter von Dr. Wilhelm Füßl, der 2021 in den Ruhestand wechselte. Röschner stammt aus Südhessen, studierte Latein und Geschichte und wurde 2001 mit einer Studie zur Krankenhausgeschichte promoviert. Anschließend absolvierte er ein Archivreferendariat und arbeitete von 2004 bis 2009 am Staatsarchiv Ludwigsburg. In seiner Forschung beschäftigt sich Matthias Röschner zum Beispiel mit der Geschichte des Deutschen Museums, der Provenienz von Archivbeständen und kolonialen Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft. Er ist der verantwortliche Redakteur von „ARCHIV-info“, der Archivzeitschrift des Deutschen Museums.

Archivplakat © Deutsches Museum

In Vorbereitung auf die 85. GDNÄ-Versammlung 1913 in Wien: handschriftlicher Brief des zum Vortrag eingeladenen Albert Einstein. © DMA FA 016 vorl. Nr. 1042

Weitere Informationen:

Archivplakat © Deutsches Museum

Titelblatt der berühmten Rede Alexander v. Humboldts vor der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte 1828 in Berlin. © DMA CD 86986

Archivplakat © Deutsches Museum

Plakat des Archivs im Deutschen Museum. @ DMA CD 71578

Martin Lohse Aufregende Zeiten für die Wissenschaft

„Aufregende Zeiten für die Wissenschaft“

Martin Lohse, Präsident der GDNÄ, lädt zur 200-Jahr-Feier in Leipzig ein.

Herr Professor Lohse, Anfang September 2022 wird die GDNÄ 200 Jahre alt. Wie wird das gefeiert?
200 Jahre: Das ist wirklich ein bedeutendes und wunderbares Jubiläum. Es sind 200 Jahre, in denen sich die Wissenschaft in der Welt und in Deutschland in unglaublicher Weise entwickelt hat – und in vielen Fällen aus der Mitte der GDNÄ heraus. Wir wollen das glanzvoll feiern: Zum Geburtstag und am Gründungsort Leipzig wird es im September eine große und feierliche Jubiläumstagung geben. Sie geht über vier Tage und findet in der wunderschön modernisierten Art-déco-Kongresshalle am Zoo statt.

Wer ist zur Festversammlung eingeladen?
Es sind sehr herzlich alle Mitglieder, die Teilnehmer des Schülerprogramms und ehemaligen Stipendiaten sowie zu etlichen Programmpunkten auch die Leipziger Öffentlichkeit eingeladen. Wir hoffen, dass der Bundespräsident, der sächsische Ministerpräsident und der Leipziger Oberbürgermeister uns die Ehre erweisen. Hochrangige Wissenschaftler aus dem In- und Ausland, darunter Nobelpreisträger, werden Vorträge halten und mit uns feiern. Angehende Wissenschaftsjournalistinnen und Wissenschaftsjournalisten sowie regionale und überregionale Medien werden uns öffentlichkeitswirksam begleiten.

Als Präsident konnten Sie das Schwerpunktthema der Versammlung auswählen. Warum haben Sie sich für „Wissenschaft im Bild“ entschieden?
Dieses Thema hat eine allgemeine, aber auch eine ganz persönliche Komponente. Beides wird man in der Tagung finden. Bilder haben schon immer zentrale Botschaften in und aus der Wissenschaft transportiert. Denken wir etwa an die vielen Zeichnungen, die Alexander von Humboldt auf seinen Reisen angefertigt hat, an die spektakulären Fotos von der MOSAiC-Expedition am Nordpol oder die fantastischen Aufnahmen der Weltraumteleskope. In meiner eigenen Forschung entstehen faszinierende Detailaufnahmen mit neuartigen Mikroskopen: Bilder von einzelnen Biomolekülen und aus dem Innersten von Zellen und Organismen. In diesem großen Spektrum werden wir uns bei der Jubiläumstagung auf den neuesten Stand bringen lassen.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies
Der letzte Kuss: Das Bild zeigt eine Zelle, die sich gerade in zwei Tochterzellen teilt. Die Zellkerne sind in Blau gehalten, die Mitochondrien in Grün und die Mikrotubuli in Orange. Aufnahme mit optischer Höchstauflösungs-Mikroskopie (Structured Illumination Microscopy). © Markus Sauer, Universität Würzburg

Die Vorbereitungen für das große Jubiläum laufen auf Hochtouren. Lassen Sie uns einen Blick hinter die Kulissen werfen!
Die Vorbereitungen zu den Tagungen der GDNÄ dauern immer länger als ein Jahr: Themen und Sprecher werden diskutiert und gefunden, die Tagungslogistik wird geplant, ein Rahmenprogramm organisiert. Mit den Planungen für die Jubiläumstagung haben wir vor gut zwei Jahren angefangen, weil alles noch schöner werden soll als sonst. Wir haben viele hervorragende Sprecherinnen und Sprecher aus aller Welt gewonnen. Die Tagungsräume im Kongresszentrum geben der Versammlung einen prächtigen Rahmen, die Zusammenarbeit mit dem Zoo ist sehr eng und engagiert und bietet viele Highlights, und das Rahmenprogramm wird die Tagung besonders reizvoll machen. 

Lassen Sie uns den Blick noch einmal zurückwenden. 1822 bis 2022, das ist viel Zeit: Wie hat die GDNÄ es geschafft, so lange zu überdauern?
Die zwei Jahrhunderte ihres Bestehens sind ganz ohne Zweifel die aufregendsten Zeiten, die die Wissenschaft je erlebt hat. Nie zuvor waren die Veränderungen in der Wissenschaft, aber auch die Veränderungen durch die Wissenschaft so groß – und zwar auf allen Gebieten, für die die GDNÄ steht. Viele Fachdisziplinen wurden in dieser Zeit geboren und haben sich in jeweils eigene Welten entwickelt. Die GDNÄ stand immer wieder im Zentrum der Entwicklungen und aus ihrer Mitte haben sich viele Fachgesellschaften entwickelt, von denen etliche heute weitaus größer sind als die GDNÄ selbst. Einige Alleinstellungsmerkmale hat sich die GDNÄ jedoch bis auf den heutigen Tag bewahrt. 

Welche Besonderheiten sind das?
Drei Aspekte charakterisieren die GDNÄ und machen sie in der Zusammenschau einzigartig: Erstens, die GDNÄ pflegt das interdisziplinäre Gespräch über ein weites Fächerspektrum hinweg – in einer Weise, wie es in den einzelnen Fachgesellschaften nicht stattfinden kann. Zweitens, die GDNÄ betreibt ein Schülerprogramm mit großem Zukunftspotenzial. Und drittens wendet sich die GDNÄ auch an die breite Öffentlichkeit: mit ihren Aktivitäten in der Wissenschaftskommunikation, über ihre Homepage und bei Versammlungen auch direkt an die Menschen in Stadt und Region. Alle drei Aspekte werden wir in Leipzig besonders herausstellen.

Blick in den Großen Saal des aufwändig sanierten Gründerzeitgebäude aus dem Jahr 1900. Insgesamt hat das Haus 15 Säle und Räume sowie Foyers und Lounges. © Leipziger Messe

Welche Rolle spielen junge Leute bei der Leipziger Tagung?
Wir laden mehr als zweihundert junge Menschen ein: Ausgewählte Schülerinnen und Schüler aus der Region, Kollegiaten, Preisträger der Wettbewerbe „Jugend forscht“ und „Jugend präsentiert“. Es wird Vorbereitungs-Workshops geben und eine Vorstellung der Ergebnisse auf der Eröffnungsveranstaltung. Dabei sollen die Erwartungen junger Menschen an die Wissenschaft erarbeitet und formuliert werden. Mit diesem Programm, das seit Langem überaus erfolgreich von Herrn Mühlenhoff verantwortet wird, wollen wir junge Menschen ansprechen und ihnen Wege in die Wissenschaft eröffnen. Und natürlich auch in die GDNÄ.

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist. Wie engagiert die GDNÄ sich in diesem Bereich?
Die Corona-Pandemie hat Stärken aber auch Schwächen unserer Gesellschaft überaus deutlich gemacht. Zu den Stärken gehören zahlreiche schnell erarbeitete Forschungsergebnisse, die vor allem zur Bereitstellung von Impfstoffen in weniger als einem Jahr führten. Deutlich wurde aber auch, wie schwer es ist, mit Forschungswissen die gesamte Bevölkerung zu erreichen, und wie viel Grundwissen nötig ist, um in Gespräche über die Krankheit und sinnvolle Gegenmaßnahmen eintreten zu können. Die GDNÄ informiert darüber auf ihrer Homepage, sie hat sich frühzeitig an der Diskussion über Risiko-adaptierte Maßnahmen beteiligt und zusammen mit Wissenschaftsakademien und Forschungseinrichtungen versucht, die Politik dafür zu gewinnen. Einige ihrer Mitglieder wirkten zum Beispiel an einem Symposium der Hamburger Wissenschaftsakademie mit, das infektionsmedizinische Fragen im gesellschaftlichen Kontext untersuchte. Gemeinsam mit deutschen Wissenschaftsakademien wollen wir uns nun zunehmend der Nachlese widmen und uns zwei großen Fragen stellen: Wie haben wir als Gesellschaft und wie hat die Wissenschaft in dieser Krise bestanden? Und was können wir für die Zukunft daraus lernen – für künftige Pandemien und andere Notsituationen, aber auch für die Wissenschaftskommunikation?

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie bei der Festversammlung?
Corona wird auf der Leipziger Tagung nicht im Mittelpunkt stehen. Es ist schon so viel dazu gesagt worden, dass dies uns nicht sinnvoll erschien. Aber die RNA-Medizin, die uns die bisher besten Impfstoffe gebracht hat und ganz neue Chancen für unser Gesundheitswesen eröffnet, wird in Leipzig ein zentrales Thema der Sitzung „Medizin“ am Sonntagvormittag sein.

Was wünschen Sie der GDNÄ für die nächsten Jahre?
Von allen Wünschen, die ich für die GDNÄ habe, ist einer zentral: dass sie auch weiterhin eine wichtige Rolle im Gespräch der Wissenschaften untereinander, mit der Öffentlichkeit und vor allem mit jungen Menschen spielen möge. Und das für 200 weitere Jahre!

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

Prof. Dr. Martin Lohse © Bettina Flitner

Zur Person
Seit 2019 ist Prof. Dr. Martin Lohse Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). In diesem Ehrenamt ist er verantwortlich für das Programm der Versammlung zur Feier des 200-jährigen Bestehens der Wissenschaftsvereinigung. Im Hauptberuf ist der renommierte Pharmakologe seit 1993 Professor an der Universität Würzburg und seit 2020 Chairman des Inkubators ISAR Bioscience Institut in Planegg/München. Schwerpunkt seiner Forschung sind Rezeptoren und ihre Signale; sie stellen die wichtigsten Angriffspunkte für Arzneimittel dar.
Martin Lohse studierte Medizin und Philosophie an den Universitäten Göttingen, London und Paris und promovierte in Göttingen an der Abteilung für Neurobiologie des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie. Nach Stationen bei Ulrich Schwabe in der Pharmakologie in Bonn und Heidelberg forschte er im Labor des späteren Nobelpreisträgers Bob Lefkowitz an der Duke University, wo er Assistant Professor wurde. Von 1990 bis 1993 leitete er eine Arbeitsgruppe am von Ernst-Ludwig Winnacker aufgebauten Genzentrum in Martinsried/München. In Würzburg gründete er 2001 das Rudolf-Virchow-Zentrum, eines der ersten drei DFG-Forschungszentren, und die Graduiertenschulen der Universität. Nach sechs Jahren als Vizepräsident für Forschung an der Universität Würzburg in den Jahren 2009 bis 2015 war er von 2016 bis 2019 Vorstandsvorsitzender des Max-Delbrück-Centrums in der Helmholtz-Gemeinschaft in Berlin. Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Leibniz-Preis der DFG, den Ernst-Jung-Preis für Medizin und zwei Grants des European Research Council. Vier Biotechnologiefirmen hat er mitgegründet. Er hat zahlreiche Ehrenämter in der Wissenschaft im In- und Ausland übernommen; so war er von 2009 bis 2019 Vizepräsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Die Kongresshalle am Zoo Leipzig ist ein modernes Tagungszentrum in historischem Ambiente. © Leipziger Messe

Weitere Informationen:

Stuart Parkin – Junge Leute ermuntern, ihren scheinbar verrückten Ideen zu folgen

„Ermuntern wir junge Leute mit scheinbar verrückten Ideen!“

Warum Stuart Parkin, Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik, seinen Spitzenjob in Kalifornien aufgab, wie er der Datenverarbeitung auf die Sprünge hilft und welche Zukunft er für Deutschland sieht.  

Herr Professor Parkin,  vor einigen Jahren waren Sie noch bei IBM im Silicon Valley, jetzt arbeiten Sie in Halle an der Saale. War das ein guter Tausch?
Ich denke ja, auch wenn die beiden Stationen sehr unterschiedlich sind. Sie ähneln sich jedoch in einem Punkt, der mir sehr wichtig ist und das ist die wissenschaftliche Freiheit. Die hatte ich als Forschungsdirektor bei IBM und auch hier im Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle kann ich meinen Kurs selbst bestimmen.

Und doch ist es ein großer Sprung, den Sie gemacht haben: von der Industrieforschung in ein öffentlich finanziertes Institut, von Kalifornien nach Sachsen-Anhalt. Was hat Sie dazu bewogen?
Die Liebe zu meiner Frau Claudia Felser. Wir haben uns in Stanford kennengelernt und vor ein paar Jahren beschlossen, gemeinsam nach Deutschland zu gehen. Sie ist Chemie-Professorin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden. Von unserem Zuhause haben wir es nicht weit zu unseren Instituten. Fachlich verbindet uns nicht nur die Faszination für neue Materialien, wir arbeiten auch in Projekten zusammen.

© Max Planck Institut fuer Mikrostrukturphysik

Das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik wurde 1992 als erstes Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Ostdeutschland gegründet. Im Forschungsfokus stehen neuartige Materialien mit nützlichen Funktionalitäten. Heute bietet das Institut rund 150 Mitarbeitern Platz.

Um was genau geht es in Ihrer Forschung?
Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Ich erschaffe völlig neue Materialien für die Informationsverarbeitung. Sie werden dringend benötigt, denn wir stehen am Ende des Silizium-Zeitalters und brauchen nun Grundstoffe für eine schnellere, effizientere Datenwelt. Unsere Materialien bestehen  aus hauchdünnen magnetischen Schichten.  Sie erlauben es, das magnetische Moment des Elektrons zur Speicherung und Verarbeitung digitaler Daten zu nutzen und nicht nur, wie früher in der Halbleiterelektronik üblich, dessen elektrische Ladung. Spintronik lautet der entsprechende Fachbegriff. Ihr habe ich den größten Teil meines Berufslebens gewidmet und konnte in dieser Zeit wesentlich dazu beitragen, dass magnetische Laufwerke heute Standard sind. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.

Wie geht sie weiter?
Eine wichtige Spintronik-Anwendung sind die von mir erfundenen Spin Valves. Das sind Dünnschicht-Leseköpfe, die sehr kleine magnetische Domänen auf Festplatten aufspüren und deren Speicherkapazität deutlich erhöhen können. Vor mehr als zehn Jahren wurden unter meiner Leitung der sogenannte Racetrack-Speicher entwickelt. Diese auf Magnetoelektronik basierende Technik verarbeitet digitale Informationen eine Million mal schneller als herkömmliche Festplatten. Aktuell forsche ich zusammen mit meiner Frau an Skyrmionen und Antiskyrmionen, also an nanometergroßen magnetischen Objekten, die den Weg in eine ultaschnelle und zugleich stromsparende Datenverarbeitung der Zukunft ebnen könnten. Unsere Ergebnisse sind hochrangig publiziert, zuletzt 2020 im Fachblatt Nature.

Wenn es um effiziente Informationsverarbeitung geht, ist das menschliche Gehirn unerreicht. Lassen Sie sich davon inspirieren?
Selbstverständlich. Mit ersten Studien habe ich schon bei IBM begonnen und auch in Halle arbeiten wir auf diesem extrem spannenden Gebiet. Wir wollen verstehen, wie das Gehirn es schafft, mittels winziger Ionenströme stoffliche Reaktionen auszulösen. Das ist Elektrochemie vom Feinsten. Unser Ziel ist es,  die unglaublich ökonomische und präzise Arbeitsweise des Gehirns nachzuahmen. Kurzfristig ist das nicht zu schaffen, da braucht man einen langen Atem. 

Was lässt sich in den nächsten Jahre erreichen?
Mir geht es darum, die Erfindung neuer Materialien zu beschleunigen. Deshalb habe ich das Institut in Halle komplett umgebaut und bin dabei vom Land Sachsen-Anhalt, der Max-Planck-Gesellschaft und der Alexander von Humboldt-Stiftung hervorragend unterstützt worden. Heute arbeiten wir hier in einem großen Team von Physikern, Chemikern und Biologen – um nur einige Fachrichtungen zu nennen. Uns steht modernste Bildgebungstechnik zur Verfügung und wir haben einen neuen Reinraum, in dem wir feinste Nanostrukturen herstellen können.  Das meiste davon haben wir selbst gebaut, so etwas kann man nicht auf dem Markt kaufen.

© burckhardt+partner

Forschungsneubau für die Chiptechnik von morgen (virtuelle Ansicht): Mit einer Investition von 50 Millionen Euro wird das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle um moderne Labore und Büros erweitert. Bis Ende 2024 soll der Neubau mit einer Nutzfläche von 5.500 Quadratmetern fertig sein. Das Institut wird dann bis zu 300 Mitarbeitern Platz bieten können.

Ihre Forschung dürfte von großem Interesse für die Industrie sein?
So ist es. Kooperationen gibt es zum Beispiel mit dem koreanischen IT-Unternehmen Samsung. Auch andere Firmen beobachten aufmerksam, was sich bei uns tut. Unter anderem der amerikanische Chiphersteller Intel, der kürzlich Milliardeninvestitionen in Europa ankündigte.

Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen für Ihre Forschung in Deutschland?
Wir haben wirklich gute Bedingungen. Ein großer Pluspunkt ist, dass Deutschland viel in die Grundlagenforschung investiert, und zwar deutlich mehr als andere Länder in Europa. Es gibt hervorragende Fachkräfte im Land und ehrgeizige junge Leute mit guten Ideen.

Wo sehen Sie Deutschland im Vergleich im internationalen Vergleich?
Da ist noch einiges aufzuholen. Nehmen wir das Beispiel USA: Dort ist die Digitalisierung wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, in Deutschland sehe ich das noch nicht so. Die mächtigen und reichen Unternehmen im Silicon Valley können Fachleuten hohe Gehälter zahlen, da können wir oft nicht mithalten. Überdies liegen viele Patentrechte in den USA – auch das erschwert den Wettbewerb. Wie groß die Unterschiede zwischen den Ländern sind, hat die Pandemie vor Augen geführt. Auf einmal waren Videokonferenzen en vogue und US-amerikanische Anbieter wie Zoom oder MS-Teams ganz vorn dabei. Warum, frage ich mich, spielt ein deutsches Unternehmen wie SAP da nicht mit? Die Voraussetzungen wären durchaus gegeben.

Wie kann Deutschland Boden gutmachen?
Am besten durch Investitionen in junge Leute. Wir sollten sie ermuntern, auch scheinbar verrückten Ideen zu folgen und Risiken einzugehen. An den Universitäten sollte man lernen können, wie Innovation funktioniert und wie man erfolgreich im Wettbewerb besteht. Einige asiatische Länder weisen bestimmte Zonen aus, in denen Firmengründer zehn Jahre lang keine Steuern zahlen müssen. Das könnte auch für uns ein Modell sein, gerade auch in Ostdeutschland, wo es noch viele freie Flächen gibt.

Die Bundestagswahlen liegen hinter uns, die Koalitionsverhandlungen laufen. Was erwarten Sie auf Ihrem Gebiet von der nächsten Bundesregierung?
Einen starken Schub für die Digitalisierung. Als führende Volkswirtschaft sollte Deutschland in diesem Bereich vorangehen und dazu beitragen, dass Europa mit einer Stimme spricht. Das wäre wichtig, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen und wichtige Werte wie Datensicherheit durchzusetzen. 

Sie engagieren sich in zahlreichen Fachgesellschaften. Welchen Stellenwert hat Ihre Arbeit in der GDNÄ für Sie?
Ich bin Europäer und möchte dazu beitragen, dass unser Kontinent wettbewerbsfähiger wird. Die GDNÄ kann da einen wichtige Rolle spielen, zum Beispiel durch die Förderung junger Leute. Aber auch,  indem sie zur kontroversen, kultivierten Diskussion über aktuelle Wissenschaftsthemen einlädt. Ich kenne das aus Großbritannien und würde mir auch hierzulande mehr öffentlichen Disput dieser Art wünschen. Gegen die zunehmende Wissenschaftsskepsis in der Gesellschaft könnte das ein gutes Mittel sein.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© Sven Doering

Stuart S. P. Parkin

Zur Person
Stuart S. P. Parkin kam 1955 im britischen Watford zur Welt. Im Anschluss an seine Promotion im Bereich Festkörperphysik an der University of Cambridge kam er als Postdoktorand zu IBM, wo er 1999 zum Fellow ernannt wurde und damit die höchste technische Auszeichnung des Unternehmens erhielt. Zwischen 2004 und 2006 forschte er mit einem Humboldt-Forschungspreis an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Professor Parkin leitete das IBM Almaden Research Center in San Jose, und war Direktor des 2004 gegründeten Spintronic Science and Applications Centers (SpinAps). Zudem war er Professor an der Stanford University. Er ist Mitglied zahlreicher internationaler Akademien wie der Royal Society und der American Academy of Arts and Sciences und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den mit 200.000 Dollar dotierten König-Faisal-Preis 2021. Der Physiker mit drei Staatsbürgerschaften in Großbritannien, USA und Deutschland hat rund 400 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und hält mehr als 90 Patente. Seit 2014 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle, wo er die experimentelle Abteilung Nanosysteme aus Ionen, Spins und Elektronen (NISE) leitet. Zusätzlich lehrt er als Alexander-von-Humboldt-Professor am Institut für Physik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In der GDNÄ wurde Stuart Parkin zum Fachvertreter Ingenieurwissenschaften gewählt. 

Weitere Informationen:

Jürgen Floege „Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

„Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

Jetzt sei die Politik gefordert, sagt Professor Jürgen Floege. Er leitet die Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten in Aachen, engagiert sich für mehr Forschung und blickt gern über die Tellerrand hinaus – auch in der GDNÄ.

Herr Professor Floege, mit welchen Gedanken und Gefühlen sehen Sie als Klinikdirektor dem zweiten Pandemiewinter entgegen?
Ich bin relativ entspannt. Mit einer Belastung, wie wir sie zu Beginn der Pandemie hatten, rechne ich in diesem Winter nicht. Im Frühjahr 2020 lagen viele Schwerstkranke auf den Stationen, was auch mit der geografischen Nähe zum damaligen Corona-Hotspot Heinsberg zu tun hatte. Aktuell betreuen wir rund ein Dutzend Covid-19-Patienten in unserer Klinik. Es handelt sich zu hundert Prozent um Ungeimpfte. Einige sind jung und ohne Vorerkrankungen, dennoch müssen sie jetzt künstlich beatmet werden. Das zeigt doch ganz eindeutig: Gegen diese Krankheit hilft kein noch so starkes Immunsystem, den besten Schutz bietet die Impfung.

Sehen das auch die Beschäftigten in Ihrer Klinik so?
Ja, die allermeisten sind zweifach geimpft. Inzwischen haben sich viele – ich zähle auch dazu – ein drittes Mal impfen lassen. Zwangsmaßnahmen gibt es bei uns nicht, wir appellieren aber an Vernunft und Rücksichtnahme. Damit sind wir bis jetzt gut gefahren. Sorgen bereitet uns derzeit ein ganz anderes Thema.

Es hat auch mit der Pandemie zu tun?
Sogar unmittelbar. Die Pandemie hat uns hohe Mehrausgaben aufgebürdet und uns tief in die roten Zahlen getrieben. Schon vor der Pandemie waren drei Viertel der deutschen Universitätsklinika defizitär, nun geht es fast allen wie uns. Jede dieser Kliniken versorgt Patienten, die kein anderes Krankenhaus behandeln kann oder will, zusätzlich sind wir in großem Stil für die Ausbildung jünger Ärztinnen und Ärzte zuständig. Das kostet Zeit und Geld und wird durch das aktuelle Vergütungssystem nicht ausreichend honoriert. Daher brauchen wir dringend Zuschläge, die die Politik aber bisher verweigert. An meinem Klinikum, aber auch in vielen Häusern andernorts, hat das zu einem Investitionsstau der Sonderklasse geführt. Wichtige Projekte müssen jetzt warten.

© Peter Winandy

Das Universitätsklinikum Aachen besteht seit 1985. Heute beschäftigt es rund 8.500 Mitarbeiter in 35 Fachkliniken, 30 Instituten und sechs fachübergreifenden Einheiten. Jährlich werden dort mehr als 50.000 Patienten stationär und gut 200.000 ambulant behandelt. Das Klinikum liegt im Westen Aachens in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gemeinde Vaals in den Niederlanden.

Ihr Spezialgebiet ist die Niere – ein Organ, das medizinische Laien nicht unbedingt mit dem Coronavirus in Verbindung bringen.
Dabei sind die Nieren nach Nasenschleimhaut und Lunge eines der am häufigsten befallenen Organe. Ein Drittel aller schwer an Covid-19 Erkrankten leidet unter Nierenversagen. Und es ist gar nicht so selten, dass eine Infektion zu Spätschäden in der Niere führt, die sich nicht zurückbilden.

Wie häufig sind Nierenschäden hierzulande?
Sehr häufig. Bei rund vier Millionen Menschen liegt die Nierenfunktion unter 30 Prozent der möglichen Kapazität. Und bei einer halben Million Menschen ist die Nierentätigkeit auf 15 Prozent oder weniger abgesunken. Geht die Funktion auf fünf bis sieben Prozent zurück, sind die Betroffenen auf eine Dialyse als Nierenersatztherapie angewiesen, sofern keine neue Niere für eine Transplantation zur Verfügung steht.

Schätzungen besagen, dass Nierenkrankheiten im Jahr 2040 die fünfthäufigste Todesursache weltweit sein werden. Dennoch gibt es auf Ihrem Gebiet, der Nephrologie, aktuell die wenigsten klinischen Studien für neue Therapien. Woran liegt das?
Es hat mit der Komplexität von Nierenkrankheiten zu tun. Sie sind schwer in den Griff zu bekommen und schwer zu beforschen. Die wenigsten Patienten haben nur Nierenprobleme, die meisten leiden zusätzlich an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge oder des Magen-Darm-Trakts, um nur einige Diagnosen zu nennen. Von Arzneimittelstudien werden Menschen mit ausgeprägten Nierenschäden oft ferngehalten, weil man dabei auf ein funktionierendes Organ angewiesen ist – immerhin werden die allermeisten Arzneimittelwirkstoffe über die Niere ausgeschieden. Hinzu kommt: Die Behandlung von Nierenpatienten ist hochindividuell, da gibt es kaum Standardrezepte. Und Medikamente, die bei Nierengesunden die beabsichtigte Wirkung zeigen, können bei schwer Nierenkranken in manchen Fällen völlig anders wirken.

© J. Floege

Die Visite bei Dialyse-Patienten gehört zum täglichen Pensum des Teams um Jürgen Floege.

In Ihrer Klinik wird dennoch viel geforscht. Zu welchen Themen?
Neben Nierenerkrankungen geht es um rheumatologisch-immunologische Erkrankungen. Wir initiieren und beteiligen uns an klinischen Studien, machen aber auch Grundlagenforschung. Erst kürzlich wurde der Sonderforschungsbereich „Mechanismen kardiovaskulärer Komplikationen bei chronischer Niereninsuffizienz“, den wir zusammen mit den hervorragenden Herzspezialisten unserer Hochschule betreiben, sehr gut bewertet und für eine zweite Förderperiode empfohlen. Wir engagieren uns zudem in der Covid-19-Forschung: Einige Kollegen sind gerade dabei, eine künstliche Niere im Reagenzglas zu erzeugen, um daran neue Therapieansätze zu erproben. Mit meiner eigenen Arbeitsgruppe will ich herausfinden, ob hochdosierte Gaben des Gerinnungsvitamins K Dialysepatienten helfen können. Es gibt Hinweise, dass insbesondere die Variante K2 die bei chronischen Nierenerkrankungen stark belasteten Blutgefäße schützt. K2 ist nur in sehr wenigen Lebensmitteln enthalten, etwa in dem japanischen Sojaprodukt Natto. Für unsere Studie verwenden wir synthetisch hergestelltes Vitamin.

Was kann man selbst für gesunde Nieren tun?
Wichtig sind Normalgewicht, Blutdruckwerte möglichst unter 130/80 Millimeter Quecksilbersäule und wenig Salz. Optimal sind bis zu fünf Gramm am Tag, was gerade mal einem Teelöffel entspricht – deutlich mehr ist ungesund. Darüber hinaus ist Diabetes mit einem erheblichen Risiko für Nierenleiden verbunden: Auch deshalb sollte man die Krankheit nach Möglichkeit vermeiden beziehungsweise den Blutzucker bei Erkrankung gut einstellen. 

Gestatten Sie eine persönliche Frage: Wie kamen Sie selbst zur Nierenforschung?
Dass ich Medizin machen wollte, stand für mich schon früh fest. Der Entschluss hatte auch mit dem frühen Tod meines Vaters zu tun. In den 1970er-Jahren konnte man gegen seine Herzinfarkte noch nicht viel ausrichten, da hat es zum Glück große Fortschritte gegeben. Meine Lehrjahre habe ich in Hannover, New York und Seattle verbracht und habe dabei immer mehr Interesse für die Nierenheilkunde entwickelt.

© Peter Winandy

Das Universitätsklinikum der RWTH Aachen (im Bild vorne links) ist eines der größten Krankenhausgebäude Europas. Nördlich davon liegt der Campus Melaten mit technologieorientierten Forschungseinrichtungen der RWTH und von Unternehmen.

Seit mehr als zwanzig Jahren sind Sie nun in Aachen tätig. Wie arbeitet es sich als Mediziner an einer technischen Hochschule?
Heute geht es mir hier sehr gut. Das war anders, als ich Ende der 1990er-Jahre meine Stelle antrat. Damals war die Medizin hier eher ein Anhängsel der technischen Fächer. Der Wissenschaftsrat hat sich das im Jahr 2000 angeschaut und dem Land Nordrhein-Westfalen die Schließung der medizinischen Fakultät empfohlen. Was dann folgte, war ein gewaltiger Ruck. Alle strengten sich an, es wurde viel frisches Forschungsgeld eingeworben, man berief gute Wissenschaftler und bis heute beleben tolle junge Leute den Betrieb – wir sind eine hochgeschätzte und -bewertete Fakultät innerhalb der RWTH Aachen geworden.

Wie sind Sie GDNÄ-Mitglied geworden?
Ich bin erst seit Kurzem dabei, und zwar auf Vorschlag des Würzburger Kardiologen, Professor Georg Ertl. Er hat mich auch dafür gewonnen, die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin zu übernehmen.

Als Kliniker und Forscher leiden Sie nicht unter Arbeitsmangel. Was hat Sie bewogen, sich zusätzlich für die GDNÄ zu engagieren?
Ich schaue gern über den Tellerrand meiner Disziplin hinaus und interessiere mich sehr für andere Bereiche der Naturwissenschaften. Diesem Bedürfnis kommt die GDNÄ mit ihrer Fächervielfalt entgegen. Was mich auch fasziniert, ist die großartige Tradition – das ist schon einzigartig.

Haben Sie Ideen für die Zukunft der GDNÄ?
Ich denke, wir brauchen eine „Junge GDNÄ“ parallel zur etablierten Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Vorbilder könnten die Jungen Internisten innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin sein oder auch die Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wisssenschaften und der Leopoldina. Wichtig ist, dass die jungen Leute sich selbst organisieren und unabhängig von den Älteren produktiv sein können.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© J. Floege

Prof. Dr. Jürgen Floege

Zur Person
Seit 1999 leitet Professor Dr. med. Jürgen Floege die Medizinische Klinik II der Universitätsklinik RWTH Aachen (Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Rheumatologische und Immunologische Erkrankungen). Er studierte er an der Medizinischen Hochschule Hannover und am Albert Einstein College of Medicine in New York. In Hannover schloss er seine Facharztausbildung ab, habilitierte sich und trat 1995 eine Stelle als Oberarzt an. In den 1990er-Jahren arbeitete er zusätzlich drei Jahre als Gastwissenschaftler an der University of Washington in Seattle. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten, zu denen er mehr als 600 Originalartikel, Reviews, Editorials und Buchkapitel publiziert hat, gehören Nierenerkrankungen und ihre zentrale Bedeutung für die Innere Medizin, etwa bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Professor Floege ist Herausgeber des internationalen Bestseller-Lehrbuchs „Comprehensive Clinical Nephrology” und Mitherausgeber der führenden nephrologischen Fachzeitschrift „Kidney International“. Für seine Forschung erhielt der Aachender Nephrologe zahlreiche Ehrungen, darunter im Jahr 2020 die höchste Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), die Franz-Volhard-Medaille. Neben seiner Kliniktätigkeit engagiert sich Floege in renommierten Gesellschaften, Gremien und Organisationen. Er ist Gründungsmitglied und Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und im Leitungsgremium von KDIGO – einer Organisation, die weltweit gültige Leitlinien der Nephrologie erstellt. Der GDNÄ gehört Jürgen Floege seit 2019 an; er hat die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin übernommen.

Weiterführende Links:

Professor Dietrich von Engelhardt – „In freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit“

„In freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit“

Entstanden im Geist des Aufbruchs war die GDNÄ immer wieder ein Forum für große Debatten und nachdenkliche Analysen. Wie sie das über fast zwei Jahrhunderte geschafft hat, schildert hier der Wissenschaftshistoriker Dietrich von Engelhardt.

Herr Professor von Engelhardt, im kommenden Jahr wird die GDNÄ 200 Jahre alt. So lange halten längst nicht alle Wissenschaftsorganisationen durch. Wie erklären Sie die Robustheit der GDNÄ?
Vor allem mit ihrer Einzigartigkeit – auch im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Gesellschaften. Ihr Kernanliegen ist seit ihrer Gründung 1822 der interdisziplinäre Austausch zwischen Naturwissenschaftlern und Medizinern ebenso wie die Verbindung zu Philosophie und Gesellschaft. In den Geisteswissenschaften ist dieses Interesse an anderen Disziplinen nicht so ausgeprägt, eine vergleichbare übergreifende geisteswissenschaftliche Gesellschaft gibt es nicht. Was die GDNÄ auch stabilisiert hat, sind die großen wissenschaftlichen Debatten, die auf ihren Versammlungen geführt wurden und die weit in Gesellschaft und Kultur ausstrahlten.

An welche Debatten denken Sie?
Zum Beispiel an die Auseinandersetzungen über Naturwissenschaft und Naturphilosophie, über die Freiheit der Forschung, Darwins Evolutionslehre, Mechanismus und Vitalismus sowie über Popularisierung und Schulunterricht. Ich denke etwa an Emil du Bois-Reymonds Rede auf der 45. Versammlung 1872 in Leipzig über die „Die Grenzen des Naturerkennens“, in der es um die nach seiner Ansicht grundsätzlich naturwissenschaftlich nicht erkennbaren Beziehungen von Kraft und Stoff, von Leib und Seele ging. Die Rede provozierte Zustimmung und Widerspruch – ebenso wie Ernst Haeckels Eintreten für Darwin und den Darwinismus. Auch Rudolf Virchow löste mit seinem Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaft und für den Verzicht auf die Verbreitung von Unbewiesenem im Schulunterricht und in der Öffentlichkeit vielfältige Reaktionen aus.

Die GDNÄ als Forum für große Debatten: Kann sie das heute noch?
Heute gibt es viele weitere Plattformen für den Wettstreit der Ideen, die GDNÄ hat starke Konkurrenz bekommen. Ihre Glanzzeit lag sicher im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Aber auch in unserer Zeit sehe ich große Chancen für die GDNÄ, sei es im Bildungsbereich oder im Dialog der Disziplinen und in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft und Kultur. Die Resonanz vieler Versammlungen hat das eindrucksvoll gezeigt. Ein wichtiges und öffentlichkeitswirksames Thema ist in dieser Perspektive auch „Wissenschaft im Bild“, dem sich schwerpunktmäßig die Versammlung 2022 in Leipzig widmen wird.

© Deutsches Museum, München, Archiv, CD79207

Tagen in Sektionen: Die Abteilung Mathematik und Astronomie im Gruppenbild bei der GDNÄ-Versammlung 1890.

Lassen Sie uns noch einmal zu den Anfängen zurückkehren. In Leipzig fand die erste Versammlung der GDNÄ statt, im Herbst des Jahres 1822. Um was ging es den Gründern?
Treibende Kraft war der Naturforscher und Naturphilosoph Lorenz Oken. Er hatte eine Gruppe Gleichgesinnter um sich geschart, darunter den romantischen Naturphilosophen, Maler und Arzt Carl Gustav Carus und den Chemiker und Mythenforscher Johann Salomo Christoph Schweigger. Einmal im Jahr und immer in einer anderen Stadt, daher der Beiname Wandergesellschaft, wollte man sich gegenseitig über den Stand eigener Forschungen informieren – in freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit, aber auch in offener Auseinandersetzung. Den Gründern ging es um einen lebendigen Austausch, auch als Gegenentwurf zu den Ritualen der damals schon lange bestehenden Universitäten und Wissenschaftsakademien.

Ist das von Anfang an gelungen?
Soweit es sich aus den Quellen erschließen lässt, ja. Okens Aufrufen zur Versammlung der deutschen Naturforscher waren 1822 beim ersten Treffen 13 Naturforscher und Ärzte als Mitglieder gefolgt, insgesamt nahmen 60 Personen an den Vorträgen und Diskussionen teil. Später wurden es dann deutlich mehr, gelegentlich kamen 5000 bis 7000 Besucher. In der Gegenwart sind die Zahlen der Mitglieder und Besucher wieder zurückgegangen – jüngere Wissenschaftler setzen für ihre Laufbahn und ihre Forschung andere Akzente. In den Anfangsjahren ging es in den Vorträgen, ganz im Geist der romantischen Naturphilosophie, um die Einheit der Natur, die Verbindung von Natur und Geist, die Verantwortung des Menschen für die Natur und auch um soziales Engagement. Nach lebhaften und teils kontroversen Diskussionen klangen die Tage in geselliger Runde unter geistreichen Tischreden und gemeinsamen Gesängen aus.

Ließ sich das so durchhalten?
Nicht ganz. 1828 kam es zu einer tiefergehenden strukturellen Veränderung und durchaus auch zur ersten Krise. Alexander von Humboldt hatte sich in seiner Festrede bei der Versammlung in Berlin entschieden für die Bildung von Sektionen neben den allgemeinen Sitzungen ausgesprochen, um dem wissenschaftlichen Fortschritt in den einzelnen Disziplinen angemessen und in divergenter Debatte entsprechen zu können. Diese Initiative sollte sich als ungemein wichtig für den Fortbestand der Gesellschaft erweisen, stieß aber anfangs auch auf Widerstand. Manche befürchteten ein Auseinanderdriften der Disziplinen, also eine Entwicklung, der man mit der Gründung der GDNÄ hatte entgegenwirken wollen. Auch Lorenz Oken war keineswegs begeistert von der Einteilung in Sektionen, die sich dann aber doch durchsetzte. Vollständig aufgehoben wurde die Gemeinsamkeit jedoch keineswegs: So schrieb die örtliche Tageszeitung über das abendliche Zusammensein bei der 67. Versammlung 1895 in Lübeck: „Man speiste sektionsweise und sang gemeinschaftlich.“

Wie hat Oken reagiert?
Er zog sich etwas zurück und nahm nicht mehr an allen Versammlungen teil. Eigene Aktivitäten und Verpflichtungen beanspruchten ihn in jenen Jahren stark. Oken war ein engagierter, streitbarer Mensch, der ein einiges Deutschland anstrebte, für die Pressefreiheit kämpfte und seinen Gegnern mutig die Stirn bot – auch wenn sie Landesherren waren oder Johann Wolfgang von Goethe hießen. Er schrieb und publizierte sehr viel, setzte sich für einen naturwissenschaftlichen Unterricht an den Schulen ein, gab die erste fachübergreifende wissenschaftliche Publikation „Isis oder Encyclopädische Zeitung“ heraus – sie erschien von 1819 bis 1848 – und ging schließlich nach Zürich. Dort ernannte man ihn zum ersten Rektor der Universität und dort starb er 1851.

© Deutsches Museum, München, Archiv, CD85577

Blick ins Auditorium bei der Feier zum 150-jährigen Bestehen der GDNÄ in München im Oktober 1972.

Zu diesem Zeitpunkt war die GDNÄ dreißig Jahre alt. Wie stand es um sie?
Es ging ihr sehr gut. Ihre Versammlungen waren Höhepunkte des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, wer als Naturforscher oder Arzt auf sich hielt, war Mitglied der GDNÄ. Sie vereinte die naturwissenschaftlich-medizinische Elite Europas. In den Vorträgen, die in Verhandlungsbänden abgedruckt wurden, spiegelte sich die Entwicklung der Naturwissenschaften und Medizin im 19. Jahrhundert wider. Zu den Versammlungen kamen Forscher aus Italien, England, Frankreich, Russland und anderen Ländern, auch wenn das für einige politisch nicht ungefährlich war. Angeregt durch das Vorbild der GDNÄ entstanden ähnliche Gesellschaften im Ausland: 1831 die British Association for the Advancement of Science oder zwei Jahre später die Congrès Scientifiques de France und 1839 die italienischen Riunioni degli Scienziati Italiani. In Deutschland gingen aus der GDNÄ zahlreiche naturwissenschaftliche und medizinische Fachgesellschaften hervor – in der Physik ebenso wie in Chemie, Pharmazie, Pathologie, Gynäkologie, Chirurgie und Psychiatrie.

Das 20. Jahrhundert war gezeichnet von Krieg und Wiederaufbau. Wie wirkte sich das auf die GDNÄ aus?
Während beider Weltkriege setzten die Versammlungen aus. Während des Dritten Reiches war die Situation in den drei Versammlungen 1934 in Hannover, 1936 in Dresden und 1938 in Berlin ausgesprochen komplex. In ihren Begrüßungsreden bejahten die Ersten Vorsitzenden in teils opportunistischer Rhetorik, teils mit innerer Überzeugung die neue nationalsozialistische Zeit. Sie beschäftigten sich in unterschiedlicher Akzentuierung mit dem Verhältnis von deutscher und internationaler Forschung, sprachen von einer Orientierung am Volkswohl und dem Nutzen für die Menschheit und hoben zugleich dankbar die Teilnahme ausländischer Wissenschaftler hervor.  Die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachvorträge waren überwiegend frei von nationalsozialistischer Ideologie, wobei die erbbiologischen Vorträge durchaus den rasseideologischen Diskussionen der Zeit entsprachen. Übergreifende Vorträge wie zum Beispiel von Werner Heisenberg über die „Wandlungen der Grundlagen der exakten Naturwissenschaften in jüngster Zeit“ im Jahr 1934, von Walter Gerlach zum Thema „Theorie und Experiment in der exakten Wissenschaft“ im Jahr 1936 oder von Ludwig Aschoff 1936 über „Pathologie und Biologie“ fielen rein wissenschaftlich und theoretisch aus und ausdrücklich ohne jede Verbindung zur Welt der Politik. Die erste Nachkriegsversammlung fand erst wieder 1950 in München statt – mit einer Festrede des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss.

Seitdem sind mehr als siebzig Jahre vergangen. Gibt es in diesem langen Zeitraum eine prägende, bis heute spürbare Entwicklung, die Sie herausgreifen würden?
Ja, sie hat mit dem ungestümen Fortschrittsoptimismus zu tun, der das ausgehendende 19. Jahrhundert und beginnende 20. Jahrhundert kennzeichnete und der spätestens in den 1970er-Jahren problematisiert wurde. Der Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges umriss die neue Haltung 1972, anlässlich des 150jährigen Bestehens der GDNÄ, wie ich finde sehr treffend: „Wir erwarten am Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht mehr, dass mit dem Fortschreiten naturwissenschaftlicher Entdeckungen und Erfindungen eine rationale gesellschaftliche Entwicklung gekoppelt sei.“ Allerdings, so fügte er hinzu: „Wir bleiben überzeugt, dass Wissenschaft immer noch das zuverlässigste Instrument ist zur Bewältigung des Fortschritts.“

Welche Bedeutung kommt der GDNÄ heute zu? Welche Funktion kann sie im Spektrum der Wissenschaftsorganisationen übernehmen?
Wichtig ist der Dialog mit der Öffentlichkeit, den die GDNÄ immer gepflegt hat. Im 19. Jahrhundert schrieben führende Naturforscher wie der Naturforscher und Naturphilosoph Gotthelf Heinrich von Schubert naturwissenschaftliche Bücher für den Schulunterricht. Heute gibt es so etwas leider nicht mehr. Eine Bildungskommission der GDNÄ hatte Mitte der 1990er-Jahre überzeugende Konzepte für die naturwissenschaftliche Allgemeinbildung als, wie sie es formulierte, „fachübergreifenden Fachunterricht“ entwickelt. Die Umsetzung in Lehrerbildung und schulischem Alltag steht allerdings noch aus. Zudem ist die GDNÄ als unabhängige Einrichtung hervorragend geeignet, für Gesellschaft und Kultur zentrale und umstrittene Fragen aus den Naturwissenschaften und der Medizin aufzugreifen und in die öffentliche Diskussion zu bringen. Nicht zuletzt wünsche ich mir einen Brückenschlag zu den Geisteswissenschaften, auch um Zusammenhänge zwischen Welt- und Selbsterkenntnis zu beleuchten und einen Beitrag zur Lösung ethischer und juristischer Herausforderungen der Gegenwart zu leisten.

Eine Frage zum Abschluss: Heute klingt die Bezeichnung „Naturforscher“ im GDNÄ-Namen etwas antiquiert. Was verstand man vor zweihundert Jahren darunter?
Wenn wir die naturphilosophischen Dimensionen weglassen, meinte Naturforschung damals ungefähr das, was wir heute unter Naturwissenschaften verstehen. Dass dieser Begriff sich schließlich durchsetzte, hat mit Einflüssen aus dem Ausland und der englischen Sprache zu tun. Ich halte den Begriff „Naturforscher“ weiterhin für sinnvoll, attraktiv und keineswegs für antiquiert. Er betont im Unterschied zu „Naturwissenschaft“ und in Übereinstimmung mit dem französischen „recherche“ und englischen „research“ das Suchende, Fragende, ins Unbekannte Aufbrechende. Darum geht es ja im Kern, heute ebenso wie damals bei der Gründung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher im Jahr 1822.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung Lübeck

Der Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Dietrich von Engelhardt

Zur Person
Dietrich von Engelhardt kam 1941 in Göttingen zur Welt. Er studierte Philosophie, Geschichte und Slawistik in Tübingen, München und Heidelberg, wurde 1969 promoviert, war mehrere Jahre in der Kriminologie und Kriminaltherapie tätig und habilitierte sich 1976 in der Naturwissenschaftlich-Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Von 1983 bis 2007 war er Ordinarius für Geschichte der Medizin und Allgemeine Wissenschaftsgeschichte an der Universität Lübeck, von 2008 bis 2011 Kommissarischer Direktor des vergleichbaren Instituts der Technischen Universität München (TUM). Dietrich von Engelhardt übernahm viele weitere Aufgaben, unter anderem als Prorektor der Universität (1993 bis 1996), Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin (1998 bis 2002), Vorsitzender der Ethikkommission für medizinische Forschung und des Klinischen Ethikkomitees der Universität Lübeck (2000 bis 2007) sowie als Vizepräsident des Landeskomitees für Ethik in Südtirol (2001 bis 2010). 1997 initiierte und organisierte er in Lübeck ein Symposium aus Anlass des 175-jährigen Bestehens der GDNÄ.

Dietrich von Engelhardt wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa durch die Aufnahme in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina im Jahr 1995 und in andere nationale und internationale Wissenschaftsakademien. Er erhielt 2004 die Georg-Maurer-Medaille der TUM-Fakultät für Medizin und ebenfalls 2004 den Preis der Züricher Margrit Egnér-Stiftung. Im Jahr 2016 wurde er für seine Forschungen zur Geschichte der GDNÄ mit der Alexander-von-Humboldt-Medaille geehrt.

Zu den wissenschaftlichen Schwerpunkten Dietrich von Engelhardts zählen: Theorie der Medizin; medizinische Ethik; Medizin in der Literatur der Neuzeit; Botanik des 16. Jahrhunderts: Naturphilosophie, Naturwissenschaft und Medizin in Idealismus und Romantik; Geschichte der Psychiatrie; naturwissenschaftlich-medizinische Reisen in der Neuzeit; europäische Wissenschaftsbeziehungen; Umgang des Kranken mit der Krankheit; Bibliotherapie; Biografien  und Pathografien  von Naturwissenschaftlern, Medizinern und Künstlern.

Weiterführende Links:
Bücher (Hg. Dietrich von Engelhardt)
>> Forschung und Fortschritt, Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Stuttgart 1997 (Sammelband mit wegweisenden Reden von Lorenz Oken bis Hubert Markl; antiquarisch erhältlich)
>> Zwei Jahrhunderte Wissenschaft und Forschung in Deutschland, Entwicklungen – Perspektiven“, Stuttgart 1998 (Tagungsband zum 175-jährigen Bestehen der GDNÄ; antiquarisch erhältlich)

© G. C. Wilder / Stadtmuseum Fembo-Haus, Nürnberg

Anlässlich der 23. Versammlung der „Herren Naturforscher und Ärzte“ im Jahr 1845 lud die Stadt Nürnberg zum Festmahl im Rathaussaal ein.

Tina Romeis – Faszinierend und wunderschön

„Faszinierend und wunderschön“

Sie liefern Sauerstoff und Nahrungsmittel und schaffen eine gesunde Umwelt: Pflanzen sind lebenswichtig und doch zunehmend bedroht. Wie sich ihre Widerstandskraft gegen Trockenheit und andere Stressfaktoren gezielt verbessern lässt, erforscht Professorin Tina Romeis am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle.

Frau Professorin Romeis, der Klimawandel setzt der Pflanzenwelt weltweit zu. Auch in unseren Breiten sind Bäume, Sträucher und viele andere Gewächse von den Dürren der letzten Jahre gezeichnet. Beschäftigt Sie das in Ihrer Forschung?
Ja, der Trockenstress ist für mich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen hier am Institut ein großes Thema. Als Grundlagenforscher wollen wir bis in die molekularen Details hinein verstehen, was bei anhaltendem Wassermangel in den Pflanzen geschieht. Mit diesem Wissen sollte es gelingen, ihre Widerstandskraft gezielt zu erhöhen.

Wie gehen Sie das Problem an?
Unser Institut ist spezialisiert auf kleine Moleküle. Wir konzentrieren uns auf bestimmte Stoffwechselprodukte, sogenannte Metaboliten, die entscheidend zur Resistenz einer Pflanze gegenüber Trockenheit beitragen. Solche Metaboliten bestimmen wir in Pflanzen, die unterschiedlich gut mit Wassermangel zurechtkommen. Bäume wie Buchen und Eichen weisen noch eine recht hohe Trockentoleranz auf, Nadelbäume haben große Probleme damit. Darüber hinaus identifizieren wir die kleinen Moleküle in Signalwegen, über die sich Informationen über Umweltbedingungen innerhalb einer Pflanze verbreiten. Über diese Wege mobilisiert die Pflanze auch ihre Abwehrkräfte, zum Beispiel bei Wassermangel.

Das deutsche Tiefsee-Forschungsschiff „Sonne" © Thomas Walter

© IPB

Im Foyer des Leibniz-Instituts für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle.

Wie können wir uns pflanzliche Abwehrkräfte vorstellen?
Wenn Pflanzen angegriffen werden, beispielsweise durch Bakterien oder Fraßinsekten, aktivieren sie Abwehrmechanismen und -stoffe, mit denen sie sich bei künftigen Attacken wehren können. Daran sind Kalzium-abhängige Proteinkinasen beteiligt, für die ich mich in meiner Forschung ganz besonders interessiere. Es handelt sich um Enzyme, die nicht nur wichtig für die Immunabwehr von Pflanzen sind, sie prägen auch die pflanzliche Stresstoleranz gegenüber Trockenheit, Kälte und Nährstoffmangel. Interessanterweise gibt es im menschlichen Gehirn ähnliche, durch Kalzium regulierte Proteinkinasen, die entscheidend für das Lernen und das Gedächtnis sind.

Können auch Pflanzen sich erinnern?
Ja, das kann man durchaus sagen. Natürlich haben Pflanzen kein Gehirn oder ein Nervensystem wie wir Menschen. Aber sie verfügen über eine Art molekulares Gedächtnis. Wie es genau funktioniert, welche Informationen Pflanzen kurz- oder langfristig speichern und welche Faktoren das Vergessen von Informationen regulieren, all das erforscht meine Arbeitsgruppe.

Was tun Sie mit Erkenntnissen, die für die Anwendung interessant sein könnten?
Wenn das der Fall ist, wenden wir uns an das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung im nahegelegenen Gatersleben. Der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen unseren Instituten klappt hervorragend und die Rollenverteilung ist einvernehmlich geregelt: Wir am IPB sind zuständig für die biochemische Grundlagenforschung, Gatersleben verfügt über  artenreiche Saatgutbanken, die sich hervorragend für Neuzüchtungen oder gezielte genetische Veränderungen eignen.

 Für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung im Klimawandel sind solche Entwicklungen sehr wichtig. Wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
Zwar betreiben wir keine Pflanzenzüchtung, liefern also nicht direkt anwendbare Lösungen. Doch die Fragen, die wir in unserer biochemischen Grundlagenforschung stellen, sind natürlich von globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel geleitet. Dass diese Forschungsfragen dringend beantwortet werden müssen, sieht man auch daran, dass die Wissenschaft in unserem Feld weltweit boomt. In Deutschland stehen wir aktuell noch recht gut da. Was die Zukunft angeht, bin ich jedoch etwas skeptisch. Viele junge Leute wollen nach dem Studium nicht mehr promovieren. Bei ihnen beobachte ich ein starkes Interesse für Naturschutz, Umweltmanagement und ökologische Bildung – die Grundlagenforschung ist nicht ihr Hauptanliegen.

War das der Grund, warum Sie vor drei Jahren von der Freien Universität Berlin an das Leibniz-Forschungsinstitut nach Halle wechselten?
Ich wollte mich auf die Forschung konzentrieren und dafür sind die Bedingungen am IPB ideal. Von der apparativen Ausstattung, die uns hier zur Verfügung steht, kann man an den meisten Unis nur träumen. Ein Beispiel ist unser Massenspektrometer, mit dem wir die Massen von Atomen und Molekülen in Pflanzen bestimmen, ein anderes das konfokale Mikroskop, das winzige pflanzliche Reaktionen sichtbar macht. Und mithilfe der sogenannten FRET-Mikroskopie können wir biochemische Prozesse in der Pflanze live beobachten.

© IPB

Mit diesem Konfokalmikroskop untersuchen die Wissenschaftler um Professorin Romeis das Verhalten lebender Pflanzen unter verschiedenen Bedingungen wie zum Beispiel großer Trockenheit. Zu sehen ist immer dasselbe Blatt der zu Forschungszwecken häufig genutzten Ackerschmalwand Arabidopsis. Gezeigt werden einzelne Schließzellen (Stomata) an der Unterseite eines Blattes, die den Gasaustausch und den Wasserhaushalt in der Pflanze steuern. Das Mikroskop führt die biochemischen Prozesse vor Augen, die zum Öffnen der Zellen bei günstigen  Bedingungen und zum Schließen bei Trockenheit führen.  

Das klingt nach guten Voraussetzungen für Erfolgsgeschichten.
Die gibt es immer wieder, auch fächerübergreifend. Erst vor wenigen Monaten wurde ein spektakulärer Fund publiziert, zu dem die Forschung bei uns am Institut beigetragen hat. Es ging um den Auslöser einer mysteriösen neurodegenerativen Krankheit bei Weißkopfseeadlern, der nach jahrelanger gemeinsamer Forschung mit amerikanischen Wissenschaftlern identifiziert werden konnte. Seit den 1990er-Jahren waren an der Krankheit viele Vögel, Reptilien und Fische im Süden der USA gestorben. Ursache war ein Gift, das von Cyanobakterien gebildet wird, die auf bestimmten Wasserpflanzen in den betroffenen Gegenden gedeihen. Die Studie wurde als Titelgeschichte im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht und trug der Pflanzenforschung in Halle großes Renommee ein. Meinen Kollegen am Institut ist jetzt gerade die chemische Totalsynthese dieses Gifts gelungen, es handelt sich um einen toxischen Metaboliten.

Auch deutsche Publikumsmedien berichteten über die Studie. Lag das am attraktiven Thema oder ist das Interesse der Öffentlichkeit an Wissenschaftsthemen generell groß?
Es hatte viel mit der besonderen Thematik zu tun. Generell beobachte ich eher eine zunehmende Wissenschaftsmüdigkeit und einen Vertrauensverlust. Die vielen Plagiatsaffären haben dem Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft doch sehr geschadet. Da haben wir einiges aufzuholen und gutzumachen.

Welche Rolle kann die GDNÄ dabei spielen? Immerhin ist der Austausch mit der Gesellschaft eines ihrer großen Anliegen.
Ich glaube, die GDNÄ kann hier viel bewirken. Sie ist eine neutrale Instanz und vertritt keine spezifischen Fachinteressen. Das ist eine gute Basis für einen vertrauensvollen Dialog mit der Öffentlichkeit.

In der GDNÄ vertreten Sie seit Kurzem das Fach Biologie. Was möchten Sie in dieser Funktion erreichen?
Pflanzen sind extrem wichtig für unser Leben, für die Energieversorgung und das gesamte Ökosystem und sie werden immer wichtiger. Außerdem sind Pflanzen wunderschön und faszinierend. Das würde ich gern stärker ins Bewusstsein rücken und auch der nächsten Generation vermitteln. Die Programme der GDNÄ für Schüler und Lehrer bieten dafür hervorragende Möglichkeiten.

Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

© IPB

Prof. Dr. Tina Romeis

© IPB

Eine Forschungseinrichtung im Grünen.
Zur Person
Seit 2019 leitet Tina Romeis die Abteilung „Biochemie pflanzlicher Interaktionen“ am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle an der Saale. Gleichzeitig wurde die damals 54-Jährige als Professorin an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berufen.  Zuvor hatte Tina Romeis 15 Jahre lang den Lehrstuhl für Pflanzenbiochemie an der Freien Universität Berlin geleitet. Dem Ruf nach Berlin ging eine Forschungstätigkeit am Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln voraus. Dort hatte sie sich dank des 2001 zuerkannten, hoch dotierten Sofia-Kovalevskaja-Preises der Alexander-von-Humboldt-Stiftung als unabhängige Gruppenleiterin etablieren können. Ihre Habilitation in Genetik und Molekularer Phytopathologie erfolgte am Institut für Genetik der Ludwig-Maximilians-Universtiät München. Weitere Meilensteine ihrer Laufbahn waren Forschungsaufenthalte in München und am John-Innes-Centre im britischen Norwich und davor die Promotion am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. In Tübingen, an der Eberhard-Karls-Universität, hatte Tina Romeis Biochemie, Organische Chemie und Pflanzenphysiologie studiert. Aufgewachsen ist die in Würzburg geborene Fränkin im Steigerwald.

Das Forschungsinteresse von Professorin Romeis richtet sich insbesondere auf Kalzium-abhängige Proteinkinasen. Diese Enzyme sind nicht nur wichtig für die Immunabwehr von Pflanzen, sie prägen auch deren Stresstoleranz gegenüber Trockenheit, Kälte und Nährstoffmangel. Die Biochemikerin will ihre Grundlagenforschung in Kooperation mit Forschungseinrichtungen in der Region nutzbar machen: sowohl für die Land- und Forstwirtschaft wie auch für das Verständnis ökologischer Zusammenhänge.

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