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  • Rainer Blatt: Die Quantentechnologie entwickelt sich stürmisch

    „Die Quantentechnologie entwickelt sich stürmisch“

    Für seine Leistungen auf dem Gebiet der Quantenphysik erhält Anton Zeilinger den Physiknobelpreis 2022. Wie Österreich zu einem Hotspot dieser Forschungsrichtung wurde und wie man jetzt in Deutschland aufholen will, schildert in diesem Interview Professor Rainer Blatt. Er ist vielen GDNÄ-Mitgliedern durch seine Vorträge und Publikationen bekannt und arbeitet seit Langem eng mit Anton Zeilinger zusammen. 

    Herr Professor Blatt, wie viele Interviews haben Sie seit Anfang Oktober gegeben?
    Es werden fünf oder sechs gewesen sein. Die Anfragen kamen von nationalen und internationalen Agenturen und Zeitungen. 

    Um was ging es in den Gesprächen?
    Anlass war natürlich der Nobelpreis für die Quantenforschung, der meinem Kollegen Anton Zeilinger zusammen mit dem Franzosen Alain Aspect und dem US-Amerikaner John Clauser zugesprochen wurde. Das Themenspektrum reichte von Fragen der Grundlagenforschung bis zu meiner Verbindung zu Anton Zeilinger.  

    Das interessiert auch uns: Wie lange kennen Sie Anton Zeilinger und was verbindet Sie beide?
    Wir kennen uns seit 35 Jahren und haben bald nach meiner Ankunft an der Universität Innsbruck im Jahr 1995 mit unserer Zusammenarbeit begonnen. Uns verbindet die quantenphysikalische Forschung, wobei sich unsere Ansätze unterscheiden, aber gut ergänzen. Anton Zeilinger widmet sich den Grundlagen der Quantenmechanik und arbeitet mit Photonen, ich habe mich auf Atome und Ionen spezialisiert und nehme stärker die Anwendungen in den Blick. Zusammen gründeten wir mit Peter Zoller und weiteren Kollegen im Jahr 2003 in Innsbruck das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation, kurz: IQOQI. Unser Vorbild war das berühmte JILA, ein US-Institut für Atomphysik und Astrophysik in Boulder, Colorado. Dort hatten Peter Zoller und ich wunderbare Forschungsaufenthalte verbracht. Zurück in Österreich konnten wir die hiesige Akademie der Wissenschaften für den Aufbau einer ähnlichen Institution in unserem Land gewinnen. Inzwischen hat sich das IQOQI, das kann man ohne Übertreibung sagen, zu einem Leuchtturm der Forschung entwickelt.

    Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI). © IQOQI/M.R.Knabl

    © IQOQI/M.R.Knabl

    Exklusive Lage den Tiroler Alpen: das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI).

    Wie können wir uns das Institut vorstellen?
    Wir arbeiten an zwei Standorten: Hier in Innsbruck forschen inzwischen mehr als 200 Wissenschaftler aus über 20 Ländern, ähnlich groß und international ist das Team um den Leiter Markus Aspelmeyer in Wien. Trotz unterschiedlicher Forschungsschwerpunkte arbeiten wir eng zusammen und unsere Arbeitsgruppen treffen sich regelmäßig, um sich auszutauschen. In den ersten Jahren habe ich das Institut als Gründungsdirektor geleitet, seither fungiere ich als wissenschaftlicher Direktor. 

    Könnte man das IQOQI demnach als Keimzelle für den Quantenphysik-Nobelpreis 2022 bezeichnen?
    Durchaus. Zwar sind viele der mit dem Preis gewürdigten Arbeiten bereits vor der Gründung des Instituts entstanden, das IQOQI hat jedoch die Sichtbarkeit der Quantenphysik in Österreich sehr befördert.  

    Welche Bedeutung hat die Auszeichnung für Ihr Fachgebiet in Österreich?
    Der Nobelpreis ist auch eine Anerkennung für die immense Aufbauleistung der letzten 25 Jahre. Sie hat dazu geführt, dass in der Quanteninformation hierzulande eine kritische Masse entstanden ist. Mit seinen Pro-Kopf-Ausgaben für diesen Bereich ist Österreich weltweit führend. Dafür gesorgt haben unsere Förderagenturen, allen voran der Wissenschaftsfonds FWF, das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und die Österreichische Akademie der Wissenschaften – ihnen gilt unser ganz besonderer Dank. 

    Wie steht es um die praktische Anwendung der Forschungsergebnisse, etwa im Bereich Quantencomputer?
    Es gibt erste Prototypen, die mit einigen zehn Quantenbits, sogenannten Qubits, rechnen können. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt, dass ein Quantencomputer im Prinzip schon mit fünfzig Qubits die Leistungsfähigkeit eines heutigen Supercomputers erreichen kann. Voraussetzung ist allerdings, dass die Quantenrechnungen sich beliebig lange fortsetzen lassen und dabei keinerlei Fehler passieren. Davon sind wir noch weit entfernt, doch an Fehlerkorrektur und Skalierbarkeit wird derzeit weltweit intensiv gearbeitet. Überhaupt entwickelt sich das Feld stürmisch, das Potenzial ist extrem groß und viele junge Leute mit frischen Ideen stoßen neu hinzu.

    Labor im Innsbrucker Institut für Quantenoptik und Quanteninformation © IQOQI/M.R.Knabl

    © IQOQI/M.R.Knabl

    Blick in ein Labor im Innsbrucker Institut für Quantenoptik und Quanteninformation.

    Oft heißt es, dass Quantencomputer mit gigantischen Rechenleistungen klassische Computer schon bald ganz verdrängen werden. Sehen Sie das auch so?
    Nein, denn Quantencomputer eignen sich besonders gut für die Lösung von speziellen Problemen, zum Beispiel für die Berechnung der Quanteneigenschaften von Materialien, was in der Chemie sehr wichtig ist und wofür heute rund die Hälfte der weltweiten Rechenleistung verbraucht wird. Klassische Computer benötigen für solche Operationen sehr viel mehr Speicherkapazität als Quantencomputer. Übrigens wies schon in den 1980er-Jahren der US-Nobelpreisträger Richard Feynman darauf hin, dass es doch sehr viel sinnvoller sei, für solche Aufgaben Computer zu verwenden, die mit Quanteneigenschaften rechnen und somit das Quantenverhalten automatisch berücksichtigen, als dies auf einem klassischen Rechner kompliziert zu programmieren. Klassische Computer werden weiterhin Standardberechnungen und Routinearbeiten durchführen und haben ihre Berechtigung, wenn es zum Beispiel um Big-Data-Anwendungen geht, etwa in der Klimaforschung. Hier gelten die Regeln der klassischen Mechanik, das ist nicht das Terrain der Quantenrechner.

    Mit zwei Milliarden Euro fördert die Bundesregierung die Entwicklung von Quantencomputern „Made in Germany“. Bayern legte noch einmal 300 Millionen Euro drauf und startete Anfang 2022 das ehrgeizige Projekt „Munich Quantum Valley“, in dem auch Sie sich engagieren. Was passiert da gerade?
    Es geht darum, die Quantentechnologie insgesamt sowie wettbewerbsfähige Quantencomputer in Bayern zu entwickeln und zu betreiben. Die beiden Münchner Universitäten und die Universität Erlangen-Nürnberg beteiligen sich, dazu die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Im Munich Quantum Valley mit seinen gut 350 Mitarbeitern laufen die Fäden zusammen. Derzeit bauen wir Quantencomputer auf drei unterschiedlichen Plattformen auf. Schon jetzt setzt das Projekt international Maßstäbe. Ich widme ihm als Berater und Koordinator inzwischen die Hälfte meiner Arbeitszeit.

    Das Munich Quantum Valley hat sich vorgenommen, die Öffentlichkeit über aktuelle Themen der Quantenforschung zu informieren. Eine gute Idee?
    Ich halte das für extrem wichtig. Die wissenschaftliche Arbeit und die Forscher werden von der Gesellschaft bezahlt, das Forschungsumfeld wird von ihr bereitgestellt – also haben wir auch die Pflicht zu erklären, was und wofür wir das tun.

    Wie gehen Sie dabei vor? Leichte Kost ist die Quantenphysik ja nicht gerade.
    Ich nehme die Leute ernst und versuche, sie dort abzuholen, wo sie gerade sind. Was ich sage, muss nicht wissenschaftlich klingen. Es sollte die Dinge so einfach wie möglich auf den Punkt bringen, darf aber nicht falsch sein. Ich benutze gern Bilder, Analogien und Beispiele. Und manchmal zitiere ich meine Mutter mit einem ihrer Lieblingssätze: „Von nix kommt nix“. Da sind wir dann mitten in der Physik und schnell bei meinen Themen.

    Rainer Blatt, Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck. © C. Lackner

    © C. Lackner

    Rainer Blatt, Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck.

    Zur Person

    Rainer Blatt ist seit 1995 Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck und seit 2003 wissenschaftlicher Direktor am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Der 1952 in Idar-Oberstein geborene Forscher studierte in Mainz Mathematik und Physik. Seine akademische Laufbahn führte ihn anschließend nach Berlin, Hamburg und Göttingen. Prägend für seine Arbeit waren Forschungsaufenthalte am Joint Institute of Laboratory Astrophysics in Boulder/Colorado bei John L. Hall, der 2005 den Physiknobelpreis erhielt.

    Für seine Leistungen auf dem Gebiet der Quantenphysik erhielt Professor Blatt viele Auszeichnungen, darunter 2016 den International Quantum Communication Award und 2019, gemeinsam mit Anton Zeilinger und Peter Zoller, den Preis der chinesischen Micius Quantum Foundation. Seit 2021 koordiniert der Deutsch-Österreicher zusätzlich zu seiner Arbeit in Innsbruck das Munich Quantum Valley, eine Initiative zum Ausbau der Quantenwissenschaften in Bayern. 2021 wurde Rainer Blatt auch zum Ehrenprofessor der Technischen Universität München ernannt sowie zum auswärtigen Mitglied des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in Garching bei München berufen. Der GDNÄ ist Professor Blatt seit Jahren als Gastredner und Autor verbunden.

     

    Zur Vertiefung

    Für die Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der GDNÄ hat Rainer Blatt einen Beitrag über Quantencomputer verfasst („Mit Quanten muss man rechnen“). Der Innsbrucker Physikprofessor beschreibt darin den aktuellen Stand der Forschung und stellt die Arbeit seines Teams an der Universität Innsbruck vor.

    >> „Mit Quanten muss man rechnen“ aus der Festschrift zum GDNÄ-Jubiläum (PDF)

    Bei der 130. Versammlung in Saarbrücken 2018 hielt Professor Blatt einen Vortrag zum Thema „Quantenphysik – Rechenkunst mit Quantenphysik“:

    >> zum Vortrag von Professor Blatt

    Weitere Informationen:

    RNA-Medizin. Einst unterschätzt, jetzt Hoffnungsträger

    RNA-Medizin

    Einst unterschätzt, jetzt Hoffnungsträger

    In der Corona-Pandemie stellten mRNA-Impfstoffe ihre Wirksamkeit und Sicherheit unter Beweis. Mit ihnen beginne eine neue Ära in der Medizin, sagt der Würzburger Infektionsbiologe Jörg Vogel. Er beschreibt den Siegeszug der Ribonukleinsäure in der Therapie bei der GDNÄ-Festversammlung in Leipzig – und hier im Interview. 

    Herr Professor Vogel, ein Themenschwerpunkt der Jubiläumstagung in Leipzig ist die RNA-Medizin. Was macht die neue Therapierichtung so interessant?
    Die begründete Hoffnung, dass bisher unheilbare Krankheiten endlich behandelt werden können. Auslöser waren die großartigen Erfolge der mRNA-Impfstoffe in der Corona-Pandemie. Die Impfstoffe konnten nicht nur sehr schnell entwickelt werden, sie haben sich auch als hochwirksam und sicher erwiesen. Weltweit herrscht derzeit eine unglaubliche Aufbruchstimmung, manche sprechen sogar von einer medizinischen Revolution. Jetzt geht es darum, das Wirkprinzip auf möglichst viele Krankheiten zu übertragen. 

    Welche Krankheiten kommen dafür infrage?
    Grenzen gibt es da kaum. Die Forschung konzentriert sich aktuell auf Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber auch andere Volkskrankheiten wie die Demenz sind mögliche Kandidaten. Und bei zahlreichen seltenen Erkrankungen, vor allem wenn sie auf Defekte in einem einzelnen Gen zurückgehen, könnte die RNA-Medizin endlich den Durchbruch bringen. Einige RNA-Medikamente sind in der EU bereits auf dem Markt und ich rechne schon bald mit vielen neuen Therapien. 

    Die RNA scheint ein Alleskönner zu sein. Wie schafft sie das?
    Das hat mit ihren vielen Fähigkeiten zu tun, die lange übersehen wurden. Früher konzentrierte sich fast alles auf die Messenger-RNA, kurz: mRNA, ein Botenmolekül, das genetische Baupläne aus dem Zellkern zu den Proteinfabriken im Zytosol bringt. Neben der ebenfalls schon länger bekannten tRNA, die Aminosäuren zu den Proteinfabriken, den Ribosomen, transportieren, und der rRNA, die ein Bestandteil dieser Proteinfabriken ist, hat man in den letzten Jahren viele weitere RNA-Klassen entdeckt. Sie erhielten Namen wie miRNA für micro RNA oder siRNA für small interfering RNA. Inzwischen sind mehr als ein Dutzend verschiedene RNA-Klassen bekannt, und es kommen ständig neue hinzu. Klar ist heute: RNA steuert lebenswichtige Prozesse in den Zellen und Fehler bei dieser Steuerung können Krankheiten verursachen. Oder, um ein bisschen zu übertreiben: Die RNA ist der wahre Akteur in unseren Zellen und Organen.

    Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

    © SciGraphix/Sandy Westermann

    Die moderne RNA-Medizin nutzt unter anderem therapeutische mRNA, Antisense-Strategien und CRISPR-Cas-Systeme zur Behandlung unterschiedlicher Krankheiten.

    Wie lässt sich das Wundermolekül medizinisch nutzen?
    Auf zweierlei Weise: in modifizierter Form als Wirkstoff und, wenn es um körpereigene RNA geht, als Angriffspunkt für maßgeschneiderte Wirkstoffe. mRNA-Impfungen sind ein gutes Beispiel für das erste Wirkprinzip. So enthält etwa der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer eine im Labor erzeugte mRNA-Variante des Stachelproteins von SARS-CoV-2. Nach der Impfung erzeugt der Körper diese Stachelprotein-Variante, was eine starke Immunantwort hervorruft. Der Impfstoff funktioniert als Antigen, das die Bildung von Antikörpern durch das Immunsystem anstößt. In ähnlicher Weise will man das Immunsystem mithilfe gezielt veränderter RNA zur Produktion von Antikörpern gegen Krebszellen anregen. Dazu laufen bereits etliche Studien. Man könnte auch die Lungenzellen von Mukoviszidose-Patienten mithilfe der CRISPR-Cas-Methode so verändern, dass sie ein lebenswichtiges Protein in der korrekten Form herstellen. Welche dieser Therapien sich unter medizinischen und Kosten-Gesichtspunkten durchsetzen wird, kann man heute noch nicht absehen.

    Bitte erläutern Sie auch das zweite Wirkprinzip an einem Beispiel.
    In der Herzmedizin wird beispielsweise daran geforscht, die Produktion krankmachender Proteine durch künstlich hergestellte siRNA zu unterbinden. Dafür werden RNA-Schnipsel im Labor erzeugt, die genau komplementär zur Sequenz der körpereigenen RNA aufgebaut sind – sogenannte Antisense-Moleküle. Die Idee ist, sie an kleine Fettbläschen zu koppeln und unter die Haut zu spritzen. Diese Liposomen sollen ins Herz gelangen, um ihre siRNA-Fracht in die Zellen einzuschleusen. Die Fracht, so der Plan, dockt an der körpereigenen RNA an und legt sie lahm. Auf ähnliche Weise könnte man nicht-kodierende RNA, die im Körper zwar keine Proteine herstellen, dafür aber viele Prozesse regeln, bei Fehlfunktionen in die gewünschte Richtung lenken. 

    Was kann, kurz gesagt, die RNA-Medizin, das herkömmliche Wirkstoffe nicht können?
    Ein großer Vorteil ist die Programmierbarkeit: Wirkstoffe lassen sich exakt nach Bedarf entwerfen. Ein weiterer Vorzug ist die Geschwindigkeit. Man kann ein Therapeutikum am Bildschirm in Minutenschnelle entwerfen und danach zügig herstellen, wenn die Produktionskapazität da ist. Denken wir an die mRNA-Impfstoffe, die ja sehr schnell zur Verfügung standen.

    Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

    © RVZ

    Alt und neu in ästhetischer Verbindung: Die umgebaute und erweiterte frühere Chirurgische Klinik der Würzburger Universität beherbergt jetzt zwei Forschungszentren, das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung und das Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin.

    Aber bewirken RNA-Therapien auch genau das, was sie sollen?
    Sie sind sehr spezifisch. Vielleicht sogar spezifischer als herkömmliche Arzneimittel, die gegen Proteine gerichtet sind. Zu tun hat das mit der exakten Basenpaarung bei Nukleinsäuren. 

    Und wenn gravierende Nebenwirkungen auftreten: Lässt sich die RNA wieder zurückholen?
    Das wissen wir noch nicht genau. Bisher war es nicht nötig, weil die mRNA schnell wieder aus dem Körper verschwindet. Für die Zukunft werden wir uns aber etwas überlegen müssen. Bis jetzt ist es nur eine Forschungsidee, Depots mit Ersatzproteinen im Körper anzulegen. Aber wenn das gelingt, muss man natürlich Schutzmechanismen für den Fall von Unverträglichkeiten  bereithalten. Ein prinzipielles Problem sehe ich aber nicht, denn man könnte auch hier ein Gegenmittel entwerfen. Etwa ein Anti-CRISPR-Cas-Molekül, das bei Bedarf verabreicht wird. 

    Anders als heutige Medikamente ist RNA sehr instabil. Wie verhindert man, dass sie im Körper schnell zerfällt und wirkungslos bleibt?
    Dafür muss man ihre chemische Struktur verändern. Ein passendes Beispiel liefert wieder der mRNA-Impfstoff. Dass er so gut wirkt, ist der Biochemikerin Katalin Karikó zu verdanken. Sie hat schon weit im Vorfeld zusammen mit dem Immunologen Drew Weissmann eine Variante der Base Uridin, das Pseudouridin, in die mRNA eingebaut. Das macht das Molekül nicht nur stabiler und effizienter, es reduziert auch das Risiko von Überreaktionen des Immunsystems. 

    Eine Pionierleistung, die die rettenden Impfstoffe erst ermöglichte?
    Ja, und ganz bestimmt nobelpreisverdächtig. Wenn man Versuche mit nicht-modifizierter mRNA dagegenhält, dann zeigt sich, dass es ohne diese Modifikation nicht geht. Das ist der Grund, warum manche andere Impfstoffkandidaten bisher gescheitert sind. 

    Lassen Sie uns ein paar technische Fragen klären. RNA-Moleküle sind groß und sehr negativ geladen. Wie bekommt man sie im Körper dorthin, wo man sie haben will?
    Bei der mRNA-Impfung funktioniert das ja sehr gut: Der in den Oberarmmuskel gespritzte Impfstoff wird im Muskel von bestimmten Immunzellen aufgenommen und führt von dort aus direkt zur Immunantwort. Es wird aber, wie schon erwähnt, auch über Depots in der Nähe von Zielorganen wie Lunge, Leber oder Nieren nachgedacht. Sprays sind ebenfalls in der Diskussion. Insgesamt ist das gerade ein großes Forschungsthema. Wichtig ist dabei immer auch die Compliance: Wie gut wird die Therapie von Patienten angenommen und wie treu bleiben sie ihr – all das spielt eine Rolle. 

    Heute werden RNA-Moleküle vor allem in Lipide verpackt, um sie in die Zellen zu schleusen. Ist das die beste Methode?
    Derzeit ja. Erprobt werden auch Nanocages, die man sich als Käfige aus DNA zum Transport der RNA vorstellen kann. Es kommt vor allem darauf an, die vergleichsweise großen RNA-Moleküle vor den Attacken des Immunsystems und dem Abbau durch Enzyme zu schützen – an diesen Kriterien müssen sich alle Verfahren messen lassen.  

    Wie lange hält die Wirkung einer RNA-Therapie an?
    Das kommt auf die Technologie an. Bei der mRNA-Therapie wird das Protein, ähnlich wie bei der Corona-Impfung, nach Verabreichung für einige Tage hergestellt – danach ist die mRNA abgebaut. Das Protein wiederum kann Tage bis Wochen im Körper existieren und seine Wirkung entfalten, bis es dann ebenfalls abgebaut wird. Ein Beispiel: Bei der Therapie der Spinalen Muskelatrophie SMA müssen die Medikamente, die die mRNA-Reifung fördern, alle zwei bis vier Monate gegeben werden. 

    Wie weit ist die Erprobung am Menschen?
    Mit am weitesten fortgeschritten ist eine CRISPR-Cas-Studie mit einem RNA-Wirkstoff zur Behandlung der Erbkrankheit Beta-Thalassämie. Bisher benötigen die Patienten regelmäßige Bluttransfusionen. Wenn die neue Therapie sich bewährt, ist das nicht mehr nötig. Dann produziert ihr Körper das fehlende Hämoglobin. In der klinischen Prüfung sind auch neue Impfstoffe auf mRNA-Basis, etwa gegen Influenza oder Malaria.

    Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

    © HIRI / Luisa Macharowsky

    An der anaeroben Werkbank im Labor des Helmholtz-Instituts für Infektionsforschung mit Professor Jörg Vogel (links).

    Warum ist die RNA-Medizin erst jetzt ein großes Thema geworden?
    Es brauchte die Pandemie, um Druck aufzubauen. Sie hat den nötigen Schub gebracht und gezeigt, dass mRNA-Impfstoffe und die RNA-Medizin insgesamt wirksam und sicher sind.  

    Sie gelten als Pionier der RNA-Medizin. Was hat Sie in diese Richtung gebracht?
    Ich habe Biochemie studiert und schon als Student in molekularbiologischen Laboren gearbeitet, unter anderem in der Pflanzengenetik. Dort habe ich dann auch promoviert, und zwar über molekulare Mechanismen von katalytischen RNA-Molekülen in den Chloroplasten der Gerste.  

    Seit mehr als fünf Jahren leiten Sie das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung. Wo stehen Sie heute?
    Das Institut hat sich prächtig entwickelt, und zwar parallel zur wachsenden Bedeutung der RNA-Forschung. Als wir anfingen, dachte man beim Thema Impfstoffe noch in erster Linie an Proteine als Wirkstoffe, nicht an RNA. Das hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert. Innovationen erwartet man heute vor allem von der RNA-Forschung. An unserem Institut profitieren wir sehr von der Hochdurchsatzsequenzierung: Dadurch können wir wie mit einem Mikroskop in die Zellen hineinschauen und sehen, welche RNA gerade produziert werden. Mittlerweile sind wir auch ziemlich gut darin, die RNA so zu modifizieren, dass sie medizinisch nützlich ist. 

    Ist der medizinische Nutzen ein großes Thema bei Ihnen?
    Wenn es um neue Ansätze geht, ja. Aber wir sind Grundlagenforscher. Die Weiterentwicklung ist Sache der Industrie. 

    Arbeitet Ihr Institut mit Pharmafirmen zusammen?
    Bisher kaum, aber das soll sich ändern. Derzeit bereiten wir die erste Ausgründung vor. Es geht um RNA-basierte Diagnostik und um Tests, die viele verschiedene Erreger gleichzeitig nachweisen können. 

    Gegen die gewöhnliche Erkältung ist bislang kein Kraut gewachsen. Ob die RNA-Medizin damit fertig wird?
    Warum nicht? Ideen hätten da schon! 

    Eine kürzere Version dieses Interviews findet sich in der Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der GDNÄ „Wenn der Funke überspringt“, Leipzig 2022, ISBN 978-3-95415-130-1.

    Impressionen vom Vorbereitungstreffen des Schülerprogramms im Juni 2022 in Leipzig.

    © HIRI

    Die RNA-Biologie ist sein Forschungsschwerpunkt: Professor Jörg Vogel

    Zur Person

    Jörg Vogel ist Professor für Molekulare Infektionsbiologie und Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) in Würzburg. Das Institut wird als Standort des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung zusammen mit der Universität Würzburg betrieben. Es ist das weltweit erste Institut, das RNA-Biologie und Infektionsforschung zusammenbringt. Parallel leitet Jörg Vogel das Institut für Molekulare Infektionsbiologie an der Universität Würzburg. Für seine Arbeiten zur RNA-Biologie erhielt er 2017 den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

    Ribonukleinsäure (RNA)

    Als mRNA sorgt die Ribonukleinsäure (RNA) dafür, dass die in der DNA gespeicherten Information in die lebensnotwendigen Proteine umgesetzt werden. Andere RNA-Klassen regulieren die Aktivität der Gene oder haben katalytische Funktionen. Im Aufbau ähnelt die RNA der DNA. Im Unterschied zu dieser ist sie in der Regel einsträngig, was sie zwar weniger stabil aber auch chemisch vielseitiger als DNA macht. Mit der RNA begann auf der Erde die chemische Evolution – aus ihr haben sich wahrscheinlich alle Organismen entwickelt.  

    Jörg Junhold: „Wir öffnen Fenster in die Natur“

    „Wir öffnen Fenster in die Natur“

    Wie Jörg Junhold den Leipziger Zoo von Grund auf modernisierte und der GDNÄ in seiner Heimatstadt viele Türen öffnete. Sein Engagement macht die 200-Jahr-Feier zu einem glanzvollen Fest. 

    Herr Professor Junhold, die Jubiläumsversammlung der GDNÄ naht. Was bedeutet das Naturforschertreffen für Ihren Zoo? 
    Es ist eine große Ehre für uns und wir sind sehr froh, dass die GDNÄ zur 200-Jahr-Feier an ihren Gründungsort zurückkehrt. Die Versammlung findet ja in direkter Nachbarschaft statt, in der Kongresshalle am Zoo Leipzig. Da hoffen wir natürlich, dass viele Tagungsbesucher die Gelegenheit nutzen und bei uns reinschauen – alle sind herzlich eingeladen. Wir sind auch Teil des offiziellen Programms: Der traditionelle Abendempfang für die Referenten und Sponsoren der Tagung findet in unserer Tropenerlebniswelt Gondwanaland statt, in Anwesenheit des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung.

    Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

    © Zoo Leipzig

    Die Kongresshalle, in der die GDNÄ ihr 200-jähriges Bestehen feiert, liegt direkt neben dem Zoo Leipzig. Das große helle Dach überwölbt die Tropenerlebniswelt Gondwanaland.

    Sie sind nicht nur Gastgeber während der Tagung, Sie sind auch im Vorstand der GDNÄ vertreten. Wie können wir uns Ihre Arbeit dort vorstellen? 
    Zwei Jahre haben wir im Vorstand auf die Versammlung hingearbeitet, mit regelmäßigen Treffen, die pandemiebedingt meistens digital stattfanden. Ich bin sehr herzlich aufgenommen worden und es hat großen Spaß gemacht, mit so vielen klugen Köpfen zusammenzuarbeiten. Als Geschäftsführer Wirtschaft war es meine Aufgabe in der Vorbereitungsphase, der GDNÄ hier in Leipzig Türen zu öffnen und Sponsoren für die Tagung zu gewinnen.

    Das ist Ihnen, wenn man sich das Programm anschaut, auch gut gelungen. Was ist Ihr Geheimnis? 
    Da gibt es kein großes Geheimnis. Ich bin ein begeisterter Leipziger, lebe seit 1985 in der Stadt und engagiere mich hier in vielen Gremien. Zum Beispiel im Stadtmarketing, Im Hochschulrat oder seit rund zwanzig Jahren auch im Vorstand der Kulturstiftung. Hinzu kommt: Die Leipziger lieben ihren Zoo, er wird wirklich getragen von der Bevölkerung und das strahlt dann auch auf unsere Anliegen und Projekte aus. 

    Am 1. November 1997 haben Sie als Direktor des Leipziger Zoos angefangen. Das ist jetzt fast ein Vierteljahrhundert her. Wie haben Sie den Zoo damals vorgefunden? 
    Er war in einer sehr schwierigen Situation. Die Tieranlagen waren völlig veraltet, die Besucherzahlen stark rückläufig und die Finanzen ein Desaster. Dem Zoo drohte die schrittweise Schließung. 

    Keine rosige Ausgangslage für einen neuen Direktor. Warum haben Sie die Aufgabe trotzdem übernommen? 
    Weil ich eine Riesenchance für den Zoo gesehen habe. Und es hat mich unglaublich gereizt, den Wandel der Stadt mitgestalten zu können.

    Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

    © Zoo Leipzig

    Im Leopardental geht ein Amurleopard auf Pirsch.

    Wo steht Ihr Zoo heute? 
    Er ist komplett umgestaltet und genießt großes Ansehen, sowohl bei den Besuchern als auch in der Fachwelt – das kann ich ohne Übertreibung sagen. Unser Zoo ist heute ein beliebter Freizeitort und wird gern für Events gebucht, von der Hochzeit über elegante Empfänge bis hin zu Firmenveranstaltungen. All das erhöht die Attraktivität Leipzigs als touristisches Ziel, als Messestadt und wirtschaftliches Zentrum weit über die Grenzen Mitteldeutschlands hinaus.   

    Wie ist das gelungen? 
    Eine zentrale Rolle spielt unser Masterplan „Zoo der Zukunft“. Als ich meinen Posten 1997 antrat, habe ich von der Stadt Leipzig etwas Zeit erbeten, um ein Erneuerungskonzept zu entwickeln. Das haben wir dann mit einem kleinen Team in gut zwei Jahren erarbeitet und am 14. Juni 2000 vorgestellt. Diesen Tag werde ich nie vergessen: Unsere Vision von einem modernen Zoo, der Tierbedürfnissen auf höchstem Niveau gerecht wird, Besuchern ein Fenster in die Natur öffnet und gleichzeitig als exzellenter Gastgeber überzeugt, wurde vom Stadtrat einstimmig angenommen. Für uns war das ein enormer Ansporn und seitdem setzen wir den Masterplan Schritt für Schritt um.

    Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

    © Zoo Leipzig

    In der 2011 eröffneten Tropenerlebniswelt Gondwanaland leben rund zweihundert Tierarten aus Asien, Afrika und Südamerika.

    Was haben Sie erreicht, was bleibt zu tun?
    Das meiste ist zum Glück geschafft. Ein Meilenstein war 2011 die Eröffnung der Tropenerlebniswelt Gondwanaland. Das ist eine riesige Halle mit vielen Tausend tropischen Pflanzen, fast zweihundert exotischen Tierarten und einem urwüchsigen Regenwald, wie er den Urkontinent Gondwana prägte. Gondwanaland ist unser Vorzeigeprojekt und hat uns internationale Anerkennung gebracht. Ein anderes Beispiel ist die weltweit einzigartige Menschenaffenanlage Pongoland, die wir in Kooperation mit dem ebenfalls in Leipzig beheimateten Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie geschaffe haben. Dieses Jahr konnten wir das neugestaltete Aquarium eröffnen und 2023 werden wir ein komplett modernisiertes Terrarium vorstellen. Intensiv gearbeitet wird auch am Feuerland-Projekt mit einem begehbaren Unterwassertunnel, in dem die Besucher Pinguine und Robben wie bei einem Tauchgang erleben können. Den Abschluss wird die Asiatische Inselwelt mit zahlreichen Volieren und einer Kranich-Anlage bilden.

    Erlauben Sie uns einen Blick hinter die Kulissen: Wie entstehen solche Projekte?
    Danke für die Frage, denn diesen kreativen Prozess liebe ich am meisten. Wir haben ein kleines Entwicklungsteam, bestehend aus Tierärzten, Biologen und Architekten. Steht ein neues Vorhaben an, schauen wir uns weltweit um, lassen uns von Lösungen anderer Zoos inspirieren und entwickeln eigene Vorstellungen. Geld spielt anfangs keine Rolle, die Ideen sollen erst einmal sprudeln – zurechtstutzen kann man die Pläne dann immer noch.

    In der Öffentlichkeit wird heute viel über Biodiversität und Artenschutz diskutiert. Welche Rolle spielen diese Themen für Ihren Zoo?
    Eine sehr große – nicht nur für uns, sondern für moderne Zoos in aller Welt. Die Lebensräume für wild lebende Tiere schrumpfen überall und entsprechend wächst die gesellschaftliche Bedeutung von Zoos als Zentren des Natur- und Artenschutzes. Unsere Populationen sind selbsterhaltend, was bedeutet: Wir entnehmen keine Tiere aus der freien Wildbahn mehr, sondern managen unsere Tierbestände durch sogenannte Erhaltungszuchtprogramme, an denen sich Zoos weltweit beteiligen. Für viele bedrohte Arten beherbergen wir Reservepopulationen und verfügen über die nötige Expertise zur Behandlung kranker Tiere, sei es im Zoo oder in der Wildnis. Und, ganz wichtig: Wir sensibilisieren die Menschen für die Biodiversitätskrise und ermutigen sie, etwas dagegen zu tun.

    Engagiert sich Ihr Zoo auch wissenschaftlich?
    Ja, das ist uns sogar ein großes Anliegen. Wir betreiben langfristige Artenschutzprojekte, die intensiv wissenschaftlich begleitet werden. Zum Beispiel in Vietnam, im Nationalpark Cuc Phuong. Dort bereiten wir Languren, die aus illegalen Haltungen stammen und beschlagnahmt wurden, auf die Auswilderung vor. Diese blätterfressenden Primaten sind endemisch in Vietnam beheimatet und inzwischen selten geworden. In Chile unterhalten wir gemeinsam mit der Universität Concepción eine Zuchtstation für eine bedrohte Froschart. Insgesamt verstehen wir uns als wissenschaftlich arbeitender Tiergarten, der von Biologen und Tierärzten als gemeinnützige Einrichtung geleitet wird und damit den Qualitätskriterien des Weltzooverbands entspricht. Kommerziell orientierte Safariparks erfüllen diese Standards nicht.

    Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

    © Zoo Leipzig

    Tauchgang im Elefantentempel Ganesha Mandir.

    Sie haben den internationalen Zooverband geleitet, gehören dem Vorstand des Europäischen Zooverbandes an und stehen jetzt dem deutschen Zooverband vor. Was bringt Ihnen diese Arbeit?
    Sie erweitert den Horizont, schärft den Blick für das Wesentliche und führt zu vielen guten Kontakten. Inzwischen geht hier bei uns in Leipzig die internationale Zoowelt ein und aus ­– das hat nicht zuletzt mit der Gremienarbeit zu tun.

    Wo rangiert der Leipziger Zoo heute im internationalen Vergleich?
    Wir gehören zur Spitzengruppe. Im europaweiten Zoo-Ranking des britischen Experten Anthony Sheridan liegen wir aktuell auf Platz zwei hinter Wien und vor Zürich und sind in Deutschland die Nummer eins.

    In ein paar Jahren wird der Masterplan vollendet sein. Ist der 150. Geburtstag Ihres Zoos im Jahr 2028 das nächste Großprojekt?
    Wir werden den Geburtstag natürlich groß feiern, zusammen mit unseren Besucherinnen und Besuchern. Ideen gibt es schon viele – aber noch wird nichts verraten.

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © Zoo Leipzig

    Professor Jörg Junhold

    Zur Person

    Professor Jörg Junhold ist seit 1997 Geschäftsführer und Direktor des Zoo Leipzig. Der heute 58-Jährige stammt aus der brandenburgischen Stadt Ortrand und studierte in Leipzig Veterinärmedizin, wo er 1994 promoviert wurde. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete der approbierte Tierarzt bereits bei Europas größtem Hersteller von Tierfuttermitteln, der Effem GmbH – zunächst im Außendienst, später im Marketing. 1997 wurde er zum Leiter des Zoos Leipzig bestellt. Sein im Juni 2000 vorgestelltes Strategiekonzept „Zoo der Zukunft“ ist bis heute wegweisend. Seit 2013 ist Jörg Junhold Honorarprofessor an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Verdienstorden des Freistaats Sachsen. Junhold war Präsident des internationalen Dachverbands größerer Zoos und Aquarien, der World Association of Zoos and Aquaria, und dessen europäischem Pendant. Seit 2019 ist er Präsident des Verbandes der Zoologischen Gärten Deutschlands e.V.

    Archivplakat © Deutsches Museum

    © Zoo Leipzig

    Schimpansenjungtiere im Pongoland

    Zoo Leipzig in Zahlen 

    Gründung: im Jahr 1878 von Ernst Pinkert
    Fläche: 27 Hektar, davon 2,1 Hektar Wasserfläche
    Mitarbeiter: rund 260
    Tierarten: etwa 630
    Investitionen: 200 Millionen Euro (2000-2021)
    Besucherzahlen: rund zwei Millionen im Jahr
    (Stand: Anfang 2022)

    Weitere Informationen:

    Archivplakat © Deutsches Museum

    © Zoo Leipzig

    Herumtollende Löwenjungtiere.

    Dr. Matthias Röschner: „Wir digitalisieren in großem Stil“

    „Wir digitalisieren in großem Stil“

    Dr. Matthias Röschner über die Online-Zukunft des GDNÄ-Archivs, wichtige Forschungsfragen und Glanzstücke der Sammlung.

    Herr Dr. Röschner, das erste Jahr als Archivleiter im Deutschen Museum ist um – wie geht es Ihnen in der neuen Position?
    Da ich bereits seit 2009 im Archiv tätig gewesen bin, ist der Übergang zum Archivleiter einigermaßen fließend verlaufen. Natürlich haben sich meine Aufgabenschwerpunkte verschoben und vermehrt, aber mein Vorgänger Herr Dr. Füßl hat mich wunderbar vorbereitet. Ich freue mich also, gemeinsam mit einem hochmotivierten Team die Zukunft des Archivs weiter gestalten zu können.

    Wie können wir uns Ihre Tätigkeit vorstellen?
    Sie ist abwechslungsreicher als manche vermuten. Ich bin befasst mit allen Abläufen im Archiv – von der Erwerbung von Archivalien über die Organisation ihrer Erschließung, konservatorischen Maßnahmen und der Digitalisierung bis hin zur Koordinierung der Nutzung. Neben der Forschung liegt mir auch die Öffentlichkeitsarbeit sehr am Herzen: Ich halte Vorträge, biete Führungen an und schreibe allgemeinverständliche Beiträge, um Interessierten die Archivarbeit und unsere wertvollen Archivalien näherzubringen. Viel Zeit verbringe ich mit dem Beantworten von wissenschaftlichen Anfragen.

    Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
    Wenn etwa eine Forscherin aus Berlin fragt, welche Quellen wir zur Professionalisierung des Ingenieurwesens am Ende des 19. Jahrhunderts haben, recherchiere ich mit meinem Wissen über die Bestände etwa in den Nachlassunterlagen von Rudolf Diesel, Oskar von Miller, Franz Reuleaux, Walther von Dyck und anderen Personen und schicke ihr Listen zu relevanten Archivalien. Damit ist die Wissenschaftlerin für einen erfolgreichen Besuch bei uns im Lesesaal in München gut vorbereitet.

    Ein ordentliches Pensum für eine Vollzeitstelle…
    …da kommt noch einiges hinzu. Zum Beispiel die wichtige Gremienarbeit, etwa im Rahmen der Leibniz-Gemeinschaft, des Bayerischen Archivtags oder im Münchner Archivkreis, und Querschnittsaufgaben wie die Personalführung und die Kontaktpflege zu Universitäten und wissenschaftshistorischen Instituten. Für die GDNÄ durchforste ich regelmäßig wissenschaftliche Antiquariate und Auktionskataloge und verfolge vielversprechende Spuren, um Fehlendes ergänzen zu können.

    Mit Erfolg?
    Ja, durchaus. Wir konnten zum Beispiel einige Originaldokumente aus dem 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Privatbesitz von Vorstandsmitgliedern einwerben. Aber es gibt nach wie vor große Lücken, vor allem durch das gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von den Sowjets beschlagnahmte und seither verschollene Altarchiv.

    Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

    In herbstlichem Licht: Das Ausstellungsgebäude auf der Münchner Museumsinsel. © Deutsches Museum

    Ihr Vorgänger, Herr Dr. Füßl, hat sich immer wieder für die Rückgabe der Sammlung eingesetzt. Werden Sie das auch tun?
    Ja, wir behalten das natürlich weiter im Blick. Aber ich glaube nicht, dass wir unser Ziel schnell erreichen. Der Ukrainekrieg verdüstert die Aussichten zusätzlich. 

    Welchen Stellenwert hat das Archiv der GDNÄ für Ihr Haus?
    Die GDNÄ ist die älteste interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands und Mutter renommierter Fachgesellschaften im In- und Ausland – ihr Archiv ist daher von großer nationaler Bedeutung. Hinzu kommt: Im Unterschied zu anderen Wissenschaftsinstitutionen, deren Archive im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurden, sind von der GDNÄ wenigstens einige historische Stücke aus der Frühzeit erhalten geblieben.  

    Was ist besonders eindrucksvoll?
    Zum Beispiel der neunseitige Druck einer Rede von 1828, in der Alexander von Humboldt für die Einrichtung von Sektionen warb und damit die erste große Reform der GDNÄ einleitete. Oder die handschriftliche Teilnehmerliste von der Versammlung 1834 in Stuttgart. Auch der Brief von Albert Einstein aus dem Jahr 1913 ist sehr beeindruckend. Der Physiker bittet hierin, seinen Vortrag in einer gemeinsamen Sitzung für Mathematik und Physik halten zu dürften, da er auf „einige Formeln eingehe, damit das, was ich vorzubringen habe, nicht zu vag[e] sei.“ 

    Im Internet findet man noch kaum etwas zum GDNÄ-Archiv im Deutschen Museum. Wollen Sie das ändern?
    Ja, wir sind gerade dabei, unsere Bestände in großem Stil zu digitalisieren. In den nächsten Jahren wird man Erschließungsdaten für alle Archivalien im Netz finden, mit Angaben zu Titel, Umfang und zeitlicher Einordnung. Dadurch sind weltweite Recherchen zu Themen, Personen, Institutionen und Unternehmen möglich – und Verknüpfungen mit anderen Nachlässen und Beständen, die in der analogen Welt nicht vorstellbar sind. Wir werden auch Digitalisate zu den Archivalien online anbieten, sofern keine urheberrechtlichen Einwände bestehen. Das trifft zum Beispiel auf die Versammlungsberichte von 1822 bis 1900 zu, mit denen ich gerne ein eigenes Projekt zur Digitalisierung mit anschließender Volltexterkennung machen würde. 

    Das klingt aufregend, aber auch nach viel Aufwand. Wie groß ist Ihr Team?
    Mit mir arbeiten elf Archivarinnen und Archivare, die auch ohne Zusatzprojekte gut zu tun haben. Wir werden jedoch tatkräftig unterstützt von unserer hauseigenen Offensive „Deutsches Museum Digital“. Sie ist dabei, die wissenschaftlichen Bestände und Objektsammlungen des Museums über ein zentrales Online-Portal öffentlich verfügbar zu machen. Spätestens im Jahr 2025, zum hundertsten Geburtstag der Eröffnung der Münchner Museumsinsel, soll das Ziel erreicht sein, alle verfügbaren Daten und Digitalisate im Internet recherchieren zu können.

    Lesesaal des Archivs © Deutsches Museum

    Ein Ort für konzentriertes Arbeiten: der Lesesaal des Archivs. © DMA CD 65461a

    Finden Sie noch Zeit für eigene Forschung?
    Weniger als früher, aber ich interessiere mich aktuell sehr für die Provenienzforschung. Das heißt, wie und unter welchen Umständen kamen Objekte und Archivalien an das Deutsche Museum? Im Museum gibt es eine bereichsübergreifende Arbeitsgruppe, die diesen Forschungsfragen nachgeht und die ich zusammen mit einem Kollegen aus dem Bereich der Objektsammlungen koordiniere. Das Archiv spielt dabei eine tragende Rolle, weil hier die historischen Verwaltungsakten des Museums verwahrt werden. Geplant ist auch eine gemeinsame Publikation, in der ich mich mit der Provenienz von Archivbeständen einbringen möchte.

    Welche offenen Forschungsfragen sehen Sie, wenn Sie an die jüngere GDNÄ-Geschichte denken?
    Da gibt es einiges, zum Beispiel: Wie hat die GDNÄ es nach dem Krieg geschafft, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen? Welche persönlichen und thematischen Kontinuitäten gibt es zwischen NS- und Nachkriegszeit? Kaum aufgearbeitet ist auch das Thema Frauen und GDNÄ. Die bei uns vorhandenen Dokumente würden für solche Recherchen viel hergeben, davon bin ich überzeugt.

    Bei der Jubiläumsversammlung in Leipzig wird Ihr Haus mit einem Stand vertreten sein. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
    Wir zeigen in einer Posterausstellung einige Glanzstücke des GDNÄ-Archivs, darunter die Medaille zum hundertsten Jubiläum der GDNÄ mit einem Porträt von Lorenz Oken auf der Vorder- und der Stadtansicht von Leipzig auf der Rückseite und dazu die Festschrift zur Leipziger Versammlung 1922. Zu sehen sind auch kunstvoll im Jugendstil gestaltete Publikationen aus dem frühen 20. Jahrhundert und der erwähnte Einstein-Brief. Gern stehen wir für Gespräche zur Verfügung und freuen uns über Hinweise auf interessante neue Dokumente für die Sammlung. Zu finden sind wir im Markt der Wissenschaften im Untergeschoss der Leipziger Kongresshalle, wo auch mehrere wissenschaftliche Institute aus Leipzig mit Ständen vertreten sind.

    Was Sie über Ihre Arbeit berichten, passt so gar nicht zu den Vorstellungen von staubigen Akten und Ärmelschonern, die viele Laien mit Ihrem Beruf verbinden. Was hat Sie als junger Mensch animiert, in diese Richtung zu gehen?
    Schon während meines Geschichtsstudiums war ich von den – im wahrsten Sinne des Wortes – einmaligen Archivquellen fasziniert. Es ist schon etwas ganz Besonderes, mit Briefen, Notizbüchern, Berichten und Zeichnungen zu arbeiten, die nur ein einziges Mal existieren und die vor mir oftmals nur eine Person, nämlich die Schreiberin oder der Schreiber, in Händen hielten. Ich habe in mehreren Praktika herausgefunden, dass der Beruf sehr zukunftsorientiert und mit viel Verantwortung verbunden ist. Denn nur diejenigen Unterlagen, die die Archivarin oder der Archivar als „archivwürdig“ bewertet und dann tatsächlich ins Archiv übernimmt, werden künftigen Generationen zur Verfügung stehen. Als Archivar kann ich die Faszination des Originals nicht nur für mich selbst entdecken, sondern auch an andere Menschen weitergeben. Neben meiner Aufgabe der Erwerbung und Bewahrung historischer Quellen verstehe ich mich vor allem als Vermittler von Informationen und Brückenbauer zwischen Geschichte und Gegenwart.

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    Matthias Röschner. © Privat

    Zur Person

    Dr. Matthias Röschner ist Leiter der Hauptabteilung Archiv des Deutschen Museums in München.  Zuvor war er Stellvertreter von Dr. Wilhelm Füßl, der 2021 in den Ruhestand wechselte. Röschner stammt aus Südhessen, studierte Latein und Geschichte und wurde 2001 mit einer Studie zur Krankenhausgeschichte promoviert. Anschließend absolvierte er ein Archivreferendariat und arbeitete von 2004 bis 2009 am Staatsarchiv Ludwigsburg. In seiner Forschung beschäftigt sich Matthias Röschner zum Beispiel mit der Geschichte des Deutschen Museums, der Provenienz von Archivbeständen und kolonialen Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft. Er ist der verantwortliche Redakteur von „ARCHIV-info“, der Archivzeitschrift des Deutschen Museums.

    Archivplakat © Deutsches Museum

    In Vorbereitung auf die 85. GDNÄ-Versammlung 1913 in Wien: handschriftlicher Brief des zum Vortrag eingeladenen Albert Einstein. © DMA FA 016 vorl. Nr. 1042

    Weitere Informationen:

    Archivplakat © Deutsches Museum

    Titelblatt der berühmten Rede Alexander v. Humboldts vor der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte 1828 in Berlin. © DMA CD 86986

    Archivplakat © Deutsches Museum

    Plakat des Archivs im Deutschen Museum. @ DMA CD 71578

    Martin Lohse Aufregende Zeiten für die Wissenschaft

    „Aufregende Zeiten für die Wissenschaft“

    Martin Lohse, Präsident der GDNÄ, lädt zur 200-Jahr-Feier in Leipzig ein.

    Herr Professor Lohse, Anfang September 2022 wird die GDNÄ 200 Jahre alt. Wie wird das gefeiert?
    200 Jahre: Das ist wirklich ein bedeutendes und wunderbares Jubiläum. Es sind 200 Jahre, in denen sich die Wissenschaft in der Welt und in Deutschland in unglaublicher Weise entwickelt hat – und in vielen Fällen aus der Mitte der GDNÄ heraus. Wir wollen das glanzvoll feiern: Zum Geburtstag und am Gründungsort Leipzig wird es im September eine große und feierliche Jubiläumstagung geben. Sie geht über vier Tage und findet in der wunderschön modernisierten Art-déco-Kongresshalle am Zoo statt.

    Wer ist zur Festversammlung eingeladen?
    Es sind sehr herzlich alle Mitglieder, die Teilnehmer des Schülerprogramms und ehemaligen Stipendiaten sowie zu etlichen Programmpunkten auch die Leipziger Öffentlichkeit eingeladen. Wir hoffen, dass der Bundespräsident, der sächsische Ministerpräsident und der Leipziger Oberbürgermeister uns die Ehre erweisen. Hochrangige Wissenschaftler aus dem In- und Ausland, darunter Nobelpreisträger, werden Vorträge halten und mit uns feiern. Angehende Wissenschaftsjournalistinnen und Wissenschaftsjournalisten sowie regionale und überregionale Medien werden uns öffentlichkeitswirksam begleiten.

    Als Präsident konnten Sie das Schwerpunktthema der Versammlung auswählen. Warum haben Sie sich für „Wissenschaft im Bild“ entschieden?
    Dieses Thema hat eine allgemeine, aber auch eine ganz persönliche Komponente. Beides wird man in der Tagung finden. Bilder haben schon immer zentrale Botschaften in und aus der Wissenschaft transportiert. Denken wir etwa an die vielen Zeichnungen, die Alexander von Humboldt auf seinen Reisen angefertigt hat, an die spektakulären Fotos von der MOSAiC-Expedition am Nordpol oder die fantastischen Aufnahmen der Weltraumteleskope. In meiner eigenen Forschung entstehen faszinierende Detailaufnahmen mit neuartigen Mikroskopen: Bilder von einzelnen Biomolekülen und aus dem Innersten von Zellen und Organismen. In diesem großen Spektrum werden wir uns bei der Jubiläumstagung auf den neuesten Stand bringen lassen.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies
    Der letzte Kuss: Das Bild zeigt eine Zelle, die sich gerade in zwei Tochterzellen teilt. Die Zellkerne sind in Blau gehalten, die Mitochondrien in Grün und die Mikrotubuli in Orange. Aufnahme mit optischer Höchstauflösungs-Mikroskopie (Structured Illumination Microscopy). © Markus Sauer, Universität Würzburg

    Die Vorbereitungen für das große Jubiläum laufen auf Hochtouren. Lassen Sie uns einen Blick hinter die Kulissen werfen!
    Die Vorbereitungen zu den Tagungen der GDNÄ dauern immer länger als ein Jahr: Themen und Sprecher werden diskutiert und gefunden, die Tagungslogistik wird geplant, ein Rahmenprogramm organisiert. Mit den Planungen für die Jubiläumstagung haben wir vor gut zwei Jahren angefangen, weil alles noch schöner werden soll als sonst. Wir haben viele hervorragende Sprecherinnen und Sprecher aus aller Welt gewonnen. Die Tagungsräume im Kongresszentrum geben der Versammlung einen prächtigen Rahmen, die Zusammenarbeit mit dem Zoo ist sehr eng und engagiert und bietet viele Highlights, und das Rahmenprogramm wird die Tagung besonders reizvoll machen. 

    Lassen Sie uns den Blick noch einmal zurückwenden. 1822 bis 2022, das ist viel Zeit: Wie hat die GDNÄ es geschafft, so lange zu überdauern?
    Die zwei Jahrhunderte ihres Bestehens sind ganz ohne Zweifel die aufregendsten Zeiten, die die Wissenschaft je erlebt hat. Nie zuvor waren die Veränderungen in der Wissenschaft, aber auch die Veränderungen durch die Wissenschaft so groß – und zwar auf allen Gebieten, für die die GDNÄ steht. Viele Fachdisziplinen wurden in dieser Zeit geboren und haben sich in jeweils eigene Welten entwickelt. Die GDNÄ stand immer wieder im Zentrum der Entwicklungen und aus ihrer Mitte haben sich viele Fachgesellschaften entwickelt, von denen etliche heute weitaus größer sind als die GDNÄ selbst. Einige Alleinstellungsmerkmale hat sich die GDNÄ jedoch bis auf den heutigen Tag bewahrt. 

    Welche Besonderheiten sind das?
    Drei Aspekte charakterisieren die GDNÄ und machen sie in der Zusammenschau einzigartig: Erstens, die GDNÄ pflegt das interdisziplinäre Gespräch über ein weites Fächerspektrum hinweg – in einer Weise, wie es in den einzelnen Fachgesellschaften nicht stattfinden kann. Zweitens, die GDNÄ betreibt ein Schülerprogramm mit großem Zukunftspotenzial. Und drittens wendet sich die GDNÄ auch an die breite Öffentlichkeit: mit ihren Aktivitäten in der Wissenschaftskommunikation, über ihre Homepage und bei Versammlungen auch direkt an die Menschen in Stadt und Region. Alle drei Aspekte werden wir in Leipzig besonders herausstellen.

    Blick in den Großen Saal des aufwändig sanierten Gründerzeitgebäude aus dem Jahr 1900. Insgesamt hat das Haus 15 Säle und Räume sowie Foyers und Lounges. © Leipziger Messe

    Welche Rolle spielen junge Leute bei der Leipziger Tagung?
    Wir laden mehr als zweihundert junge Menschen ein: Ausgewählte Schülerinnen und Schüler aus der Region, Kollegiaten, Preisträger der Wettbewerbe „Jugend forscht“ und „Jugend präsentiert“. Es wird Vorbereitungs-Workshops geben und eine Vorstellung der Ergebnisse auf der Eröffnungsveranstaltung. Dabei sollen die Erwartungen junger Menschen an die Wissenschaft erarbeitet und formuliert werden. Mit diesem Programm, das seit Langem überaus erfolgreich von Herrn Mühlenhoff verantwortet wird, wollen wir junge Menschen ansprechen und ihnen Wege in die Wissenschaft eröffnen. Und natürlich auch in die GDNÄ.

    Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist. Wie engagiert die GDNÄ sich in diesem Bereich?
    Die Corona-Pandemie hat Stärken aber auch Schwächen unserer Gesellschaft überaus deutlich gemacht. Zu den Stärken gehören zahlreiche schnell erarbeitete Forschungsergebnisse, die vor allem zur Bereitstellung von Impfstoffen in weniger als einem Jahr führten. Deutlich wurde aber auch, wie schwer es ist, mit Forschungswissen die gesamte Bevölkerung zu erreichen, und wie viel Grundwissen nötig ist, um in Gespräche über die Krankheit und sinnvolle Gegenmaßnahmen eintreten zu können. Die GDNÄ informiert darüber auf ihrer Homepage, sie hat sich frühzeitig an der Diskussion über Risiko-adaptierte Maßnahmen beteiligt und zusammen mit Wissenschaftsakademien und Forschungseinrichtungen versucht, die Politik dafür zu gewinnen. Einige ihrer Mitglieder wirkten zum Beispiel an einem Symposium der Hamburger Wissenschaftsakademie mit, das infektionsmedizinische Fragen im gesellschaftlichen Kontext untersuchte. Gemeinsam mit deutschen Wissenschaftsakademien wollen wir uns nun zunehmend der Nachlese widmen und uns zwei großen Fragen stellen: Wie haben wir als Gesellschaft und wie hat die Wissenschaft in dieser Krise bestanden? Und was können wir für die Zukunft daraus lernen – für künftige Pandemien und andere Notsituationen, aber auch für die Wissenschaftskommunikation?

    Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie bei der Festversammlung?
    Corona wird auf der Leipziger Tagung nicht im Mittelpunkt stehen. Es ist schon so viel dazu gesagt worden, dass dies uns nicht sinnvoll erschien. Aber die RNA-Medizin, die uns die bisher besten Impfstoffe gebracht hat und ganz neue Chancen für unser Gesundheitswesen eröffnet, wird in Leipzig ein zentrales Thema der Sitzung „Medizin“ am Sonntagvormittag sein.

    Was wünschen Sie der GDNÄ für die nächsten Jahre?
    Von allen Wünschen, die ich für die GDNÄ habe, ist einer zentral: dass sie auch weiterhin eine wichtige Rolle im Gespräch der Wissenschaften untereinander, mit der Öffentlichkeit und vor allem mit jungen Menschen spielen möge. Und das für 200 weitere Jahre!

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Prof. Dr. Martin Lohse © Bettina Flitner

    Zur Person
    Seit 2019 ist Prof. Dr. Martin Lohse Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). In diesem Ehrenamt ist er verantwortlich für das Programm der Versammlung zur Feier des 200-jährigen Bestehens der Wissenschaftsvereinigung. Im Hauptberuf ist der renommierte Pharmakologe seit 1993 Professor an der Universität Würzburg und seit 2020 Chairman des Inkubators ISAR Bioscience Institut in Planegg/München. Schwerpunkt seiner Forschung sind Rezeptoren und ihre Signale; sie stellen die wichtigsten Angriffspunkte für Arzneimittel dar.
    Martin Lohse studierte Medizin und Philosophie an den Universitäten Göttingen, London und Paris und promovierte in Göttingen an der Abteilung für Neurobiologie des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie. Nach Stationen bei Ulrich Schwabe in der Pharmakologie in Bonn und Heidelberg forschte er im Labor des späteren Nobelpreisträgers Bob Lefkowitz an der Duke University, wo er Assistant Professor wurde. Von 1990 bis 1993 leitete er eine Arbeitsgruppe am von Ernst-Ludwig Winnacker aufgebauten Genzentrum in Martinsried/München. In Würzburg gründete er 2001 das Rudolf-Virchow-Zentrum, eines der ersten drei DFG-Forschungszentren, und die Graduiertenschulen der Universität. Nach sechs Jahren als Vizepräsident für Forschung an der Universität Würzburg in den Jahren 2009 bis 2015 war er von 2016 bis 2019 Vorstandsvorsitzender des Max-Delbrück-Centrums in der Helmholtz-Gemeinschaft in Berlin. Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Leibniz-Preis der DFG, den Ernst-Jung-Preis für Medizin und zwei Grants des European Research Council. Vier Biotechnologiefirmen hat er mitgegründet. Er hat zahlreiche Ehrenämter in der Wissenschaft im In- und Ausland übernommen; so war er von 2009 bis 2019 Vizepräsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

    Die Kongresshalle am Zoo Leipzig ist ein modernes Tagungszentrum in historischem Ambiente. © Leipziger Messe

    Weitere Informationen:

    Stuart Parkin – Junge Leute ermuntern, ihren scheinbar verrückten Ideen zu folgen

    „Ermuntern wir junge Leute mit scheinbar verrückten Ideen!“

    Warum Stuart Parkin, Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik, seinen Spitzenjob in Kalifornien aufgab, wie er der Datenverarbeitung auf die Sprünge hilft und welche Zukunft er für Deutschland sieht.  

    Herr Professor Parkin,  vor einigen Jahren waren Sie noch bei IBM im Silicon Valley, jetzt arbeiten Sie in Halle an der Saale. War das ein guter Tausch?
    Ich denke ja, auch wenn die beiden Stationen sehr unterschiedlich sind. Sie ähneln sich jedoch in einem Punkt, der mir sehr wichtig ist und das ist die wissenschaftliche Freiheit. Die hatte ich als Forschungsdirektor bei IBM und auch hier im Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle kann ich meinen Kurs selbst bestimmen.

    Und doch ist es ein großer Sprung, den Sie gemacht haben: von der Industrieforschung in ein öffentlich finanziertes Institut, von Kalifornien nach Sachsen-Anhalt. Was hat Sie dazu bewogen?
    Die Liebe zu meiner Frau Claudia Felser. Wir haben uns in Stanford kennengelernt und vor ein paar Jahren beschlossen, gemeinsam nach Deutschland zu gehen. Sie ist Chemie-Professorin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden. Von unserem Zuhause haben wir es nicht weit zu unseren Instituten. Fachlich verbindet uns nicht nur die Faszination für neue Materialien, wir arbeiten auch in Projekten zusammen.

    © Max Planck Institut fuer Mikrostrukturphysik

    Das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik wurde 1992 als erstes Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Ostdeutschland gegründet. Im Forschungsfokus stehen neuartige Materialien mit nützlichen Funktionalitäten. Heute bietet das Institut rund 150 Mitarbeitern Platz.

    Um was genau geht es in Ihrer Forschung?
    Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Ich erschaffe völlig neue Materialien für die Informationsverarbeitung. Sie werden dringend benötigt, denn wir stehen am Ende des Silizium-Zeitalters und brauchen nun Grundstoffe für eine schnellere, effizientere Datenwelt. Unsere Materialien bestehen  aus hauchdünnen magnetischen Schichten.  Sie erlauben es, das magnetische Moment des Elektrons zur Speicherung und Verarbeitung digitaler Daten zu nutzen und nicht nur, wie früher in der Halbleiterelektronik üblich, dessen elektrische Ladung. Spintronik lautet der entsprechende Fachbegriff. Ihr habe ich den größten Teil meines Berufslebens gewidmet und konnte in dieser Zeit wesentlich dazu beitragen, dass magnetische Laufwerke heute Standard sind. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.

    Wie geht sie weiter?
    Eine wichtige Spintronik-Anwendung sind die von mir erfundenen Spin Valves. Das sind Dünnschicht-Leseköpfe, die sehr kleine magnetische Domänen auf Festplatten aufspüren und deren Speicherkapazität deutlich erhöhen können. Vor mehr als zehn Jahren wurden unter meiner Leitung der sogenannte Racetrack-Speicher entwickelt. Diese auf Magnetoelektronik basierende Technik verarbeitet digitale Informationen eine Million mal schneller als herkömmliche Festplatten. Aktuell forsche ich zusammen mit meiner Frau an Skyrmionen und Antiskyrmionen, also an nanometergroßen magnetischen Objekten, die den Weg in eine ultaschnelle und zugleich stromsparende Datenverarbeitung der Zukunft ebnen könnten. Unsere Ergebnisse sind hochrangig publiziert, zuletzt 2020 im Fachblatt Nature.

    Wenn es um effiziente Informationsverarbeitung geht, ist das menschliche Gehirn unerreicht. Lassen Sie sich davon inspirieren?
    Selbstverständlich. Mit ersten Studien habe ich schon bei IBM begonnen und auch in Halle arbeiten wir auf diesem extrem spannenden Gebiet. Wir wollen verstehen, wie das Gehirn es schafft, mittels winziger Ionenströme stoffliche Reaktionen auszulösen. Das ist Elektrochemie vom Feinsten. Unser Ziel ist es,  die unglaublich ökonomische und präzise Arbeitsweise des Gehirns nachzuahmen. Kurzfristig ist das nicht zu schaffen, da braucht man einen langen Atem. 

    Was lässt sich in den nächsten Jahre erreichen?
    Mir geht es darum, die Erfindung neuer Materialien zu beschleunigen. Deshalb habe ich das Institut in Halle komplett umgebaut und bin dabei vom Land Sachsen-Anhalt, der Max-Planck-Gesellschaft und der Alexander von Humboldt-Stiftung hervorragend unterstützt worden. Heute arbeiten wir hier in einem großen Team von Physikern, Chemikern und Biologen – um nur einige Fachrichtungen zu nennen. Uns steht modernste Bildgebungstechnik zur Verfügung und wir haben einen neuen Reinraum, in dem wir feinste Nanostrukturen herstellen können.  Das meiste davon haben wir selbst gebaut, so etwas kann man nicht auf dem Markt kaufen.

    © burckhardt+partner

    Forschungsneubau für die Chiptechnik von morgen (virtuelle Ansicht): Mit einer Investition von 50 Millionen Euro wird das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle um moderne Labore und Büros erweitert. Bis Ende 2024 soll der Neubau mit einer Nutzfläche von 5.500 Quadratmetern fertig sein. Das Institut wird dann bis zu 300 Mitarbeitern Platz bieten können.

    Ihre Forschung dürfte von großem Interesse für die Industrie sein?
    So ist es. Kooperationen gibt es zum Beispiel mit dem koreanischen IT-Unternehmen Samsung. Auch andere Firmen beobachten aufmerksam, was sich bei uns tut. Unter anderem der amerikanische Chiphersteller Intel, der kürzlich Milliardeninvestitionen in Europa ankündigte.

    Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen für Ihre Forschung in Deutschland?
    Wir haben wirklich gute Bedingungen. Ein großer Pluspunkt ist, dass Deutschland viel in die Grundlagenforschung investiert, und zwar deutlich mehr als andere Länder in Europa. Es gibt hervorragende Fachkräfte im Land und ehrgeizige junge Leute mit guten Ideen.

    Wo sehen Sie Deutschland im Vergleich im internationalen Vergleich?
    Da ist noch einiges aufzuholen. Nehmen wir das Beispiel USA: Dort ist die Digitalisierung wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, in Deutschland sehe ich das noch nicht so. Die mächtigen und reichen Unternehmen im Silicon Valley können Fachleuten hohe Gehälter zahlen, da können wir oft nicht mithalten. Überdies liegen viele Patentrechte in den USA – auch das erschwert den Wettbewerb. Wie groß die Unterschiede zwischen den Ländern sind, hat die Pandemie vor Augen geführt. Auf einmal waren Videokonferenzen en vogue und US-amerikanische Anbieter wie Zoom oder MS-Teams ganz vorn dabei. Warum, frage ich mich, spielt ein deutsches Unternehmen wie SAP da nicht mit? Die Voraussetzungen wären durchaus gegeben.

    Wie kann Deutschland Boden gutmachen?
    Am besten durch Investitionen in junge Leute. Wir sollten sie ermuntern, auch scheinbar verrückten Ideen zu folgen und Risiken einzugehen. An den Universitäten sollte man lernen können, wie Innovation funktioniert und wie man erfolgreich im Wettbewerb besteht. Einige asiatische Länder weisen bestimmte Zonen aus, in denen Firmengründer zehn Jahre lang keine Steuern zahlen müssen. Das könnte auch für uns ein Modell sein, gerade auch in Ostdeutschland, wo es noch viele freie Flächen gibt.

    Die Bundestagswahlen liegen hinter uns, die Koalitionsverhandlungen laufen. Was erwarten Sie auf Ihrem Gebiet von der nächsten Bundesregierung?
    Einen starken Schub für die Digitalisierung. Als führende Volkswirtschaft sollte Deutschland in diesem Bereich vorangehen und dazu beitragen, dass Europa mit einer Stimme spricht. Das wäre wichtig, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen und wichtige Werte wie Datensicherheit durchzusetzen. 

    Sie engagieren sich in zahlreichen Fachgesellschaften. Welchen Stellenwert hat Ihre Arbeit in der GDNÄ für Sie?
    Ich bin Europäer und möchte dazu beitragen, dass unser Kontinent wettbewerbsfähiger wird. Die GDNÄ kann da einen wichtige Rolle spielen, zum Beispiel durch die Förderung junger Leute. Aber auch,  indem sie zur kontroversen, kultivierten Diskussion über aktuelle Wissenschaftsthemen einlädt. Ich kenne das aus Großbritannien und würde mir auch hierzulande mehr öffentlichen Disput dieser Art wünschen. Gegen die zunehmende Wissenschaftsskepsis in der Gesellschaft könnte das ein gutes Mittel sein.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Sven Doering

    Stuart S. P. Parkin

    Zur Person
    Stuart S. P. Parkin kam 1955 im britischen Watford zur Welt. Im Anschluss an seine Promotion im Bereich Festkörperphysik an der University of Cambridge kam er als Postdoktorand zu IBM, wo er 1999 zum Fellow ernannt wurde und damit die höchste technische Auszeichnung des Unternehmens erhielt. Zwischen 2004 und 2006 forschte er mit einem Humboldt-Forschungspreis an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Professor Parkin leitete das IBM Almaden Research Center in San Jose, und war Direktor des 2004 gegründeten Spintronic Science and Applications Centers (SpinAps). Zudem war er Professor an der Stanford University. Er ist Mitglied zahlreicher internationaler Akademien wie der Royal Society und der American Academy of Arts and Sciences und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den mit 200.000 Dollar dotierten König-Faisal-Preis 2021. Der Physiker mit drei Staatsbürgerschaften in Großbritannien, USA und Deutschland hat rund 400 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und hält mehr als 90 Patente. Seit 2014 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle, wo er die experimentelle Abteilung Nanosysteme aus Ionen, Spins und Elektronen (NISE) leitet. Zusätzlich lehrt er als Alexander-von-Humboldt-Professor am Institut für Physik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In der GDNÄ wurde Stuart Parkin zum Fachvertreter Ingenieurwissenschaften gewählt. 

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