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  • Michael Dröscher: „Wir haben noch viele gute Ideen“

    „Wir haben noch viele gute Ideen“

    Michael Dröscher, Generalsekretär und Schatzmeister der GDNÄ, über neuen Schwung für die Gesellschaft, Glanzlichter der Versammlung in Bremen und eigene Zukunftspläne.

    Herr Professor Dröscher, wir führen dieses Gespräch Anfang 2026. Sie tragen schon lange Verantwortung für die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte: seit elf Jahren als ihr Generalsekretär und seit neun Jahren als ihr Schatzmeister. Wo steht die GDNÄ heute?
    Die Mitgliederzahlen sind nicht nur stabil, wir dürfen sogar auf Zuwachs hoffen. Der positive Trend ist keineswegs selbstverständlich. Die meisten wissenschaftlichen Gesellschaften kämpfen heute mit sinkenden Mitgliederzahlen und oft fehlt der Nachwuchs. So war es lange Zeit auch bei uns. 

    Was hat zur Trendwende geführt?
    Entscheidend war die Gründung des Jungen Netzwerks der GDNÄ, kurz jGDNÄ genannt. Das Netzwerk steht Naturwissenschaftlern und Medizinern bis 32 Jahre offen und entwickelt sich prächtig. Ein erster selbst organisierter Kongress fand im Juni 2025 in Heidelberg statt, der nächste ist für 2027 geplant. Die Nachwuchsmitglieder sind sehr engagiert und bringen neuen Schwung in unsere altehrwürdige Gesellschaft.

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Michael Dröscher mit jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der GDNÄ-Versammlung in Potsdam 2024.

    Wie gelingt ihnen das?
    Sie bespielen zum Beispiel unseren LinkedIn-Kanal, der unter dem Namen „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte“ firmiert. Ich empfehle allen Mitgliedern, sich das mal anzuschauen und Follower zu werden. Der jGDNÄ verdanken wir auch den Hinweis auf den Youtuber und Buchautor Jacob Beautemps, dem wir im Dezember die Oken-Medaille für seine hervorragenden Beiträge zur Wissenschaftskommunikation verliehen haben. Derzeit sind die jungen Mitglieder auch dabei, regionale Strukturen aufzubauen – mit Gruppen in Aachen, in Heidelberg, Bochum und Greifswald. Gemeinsam haben wir eine Geschäftsordnung entworfen, die Rechte und Pflichten der jGDNÄ definiert. Das Regelwerk soll bei der nächsten Versammlung in Bremen beschlossen werden. 

    Was motiviert die jungen Leute?
    Sie spüren, glaube ich, dass wir uns über sie freuen. Bei uns haben sie große Freiräume und wir beteiligen sie, wo immer es geht. So sind bei Vorstandsratssitzungen immer auch Vertreterinnen und Vertreter der jGDNÄ dabei. Viele schätzen die Kontakte zu etablierten GDNÄ-Mitgliedern und nutzen die Gelegenheiten, sich fortzubilden. Derzeit entwickeln wir zum Beispiel ein Pilotprojekt zur Medizinkommunikation mit zweitägigen Workshops für unsere jungen Leute. Das Format passt gut zum Thema des Wissenschaftsjahres 2026 „Medizin der Zukunft“.

    Die meisten Mitglieder sind älter als 32 Jahre. Was sind Ihre Argumente, um diese Gruppe in der GDNÄ zu halten? Und um neue Mitglieder aus der Altersklasse zu gewinnen?
    Da gibt es eine ganze Reihe von guten Argumenten. So fördert jeder Mitgliedsbeitrag, jede Spende und jedes Vermächtnis junge Leute in den Naturwissenschaften und in der Medizin, sei es in unserem Schülerprogramm oder in der jGDNÄ. Mit den Beiträgen finanzieren wir unsere kleine, aber sehr effizient arbeitende Geschäftsstelle, die unsere vielen Aktivitäten erst möglich macht. Ich denke zum Beispiel an die feierliche Verleihung der Lorenz-Oken-Medaille beim Wissenschaftsforum in Stuttgart, die sehr gut besucht war und uns in wichtigen Zielgruppen bekannter macht. Mit unserer Website, mit den Videos von Vorträgen bei den Versammlungen tragen wir zur Wissenschaftskommunikation bei – all das kostet natürlich Geld. Darüber hinaus profitieren unsere Mitglieder direkt von Vergünstigungen, etwa bei den Versammlungen und beim Bezug unseres Vereinsorgans, der Naturwissenschaftlichen Rundschau. Sie werden auch zu unseren Regionaltreffen eingeladen, die wir jetzt verstärkt anbieten wollen.

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Im Auditorium der Versammlung 2024 in Potsdam: Martin Lohse, Michael Dröscher und Paul Mühlenhoff (v.l.n.r.).

    Ein Regionaltreffen fand im Sommer 2025 in Leipzig statt. Wie geht es weiter?
    Das Leipziger Treffen war ein guter Auftakt. Am 13. März setzen wir die Serie in Bremen fort, die Einladungen wurden dieser Tage verschickt. Unser Geschäftsführer Wissenschaft für die nächste GDNÄ-Versammlung, Professor Michal Kucera, wird einen Vortrag über seine klimawissenschaftliche Forschung halten und mit den Teilnehmern diskutieren. Gastgeber der Veranstaltung ist das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz Bremen. Weitere Regionaltreffen sind in Planung.

    Vom 17. bis 20. September findet die 134. Versammlung der GDNÄ statt. Wie weit sind die Vorbereitungen gediehen?
    Das Programm (PDF) steht, die Vorarbeiten sind in vollem Gange. Wir haben wieder tolle Vorträge und ein Begleitprogramm vom Feinsten. Ein Highlight ist sicher der öffentliche Vortrag von Professor Ben List, dem Chemie-Nobelpreisträger 2021, am Abend des 19. September. Auch zum Vortrag von Professor Thomas Zurbuchen von der ETH Zürich zum Thema Luft- und Raumfahrt ist die Öffentlichkeit eingeladen. Er spricht am Vorabend der Eröffnung, an dem wir auch zum beliebten Science Slam „Wissenschaft in 5 Minuten“ einladen. Bei der Eröffnungsveranstaltung spricht die Bremer Wissenschaftssenatorin ein Grußwort. Wir haben wieder ein Schülerprogramm organisiert – mit rund hundert Schülerinnen und Schülern aus der Region und etwa fünfzig Studierenden. Im Foyer ist eine Poster-Ausstellung vorgesehen, für die beiden besten Poster gibt es Preise. Apropos: Wir verleihen wieder die Alexander-von-Humboldt-Medaille für herausragende Verdienste um die GDNÄ und die Gesellschaft Deutscher Chemiker überreicht die Liebig-Denkmünze. Die jGDNÄ organisiert zum ersten Mal ein Studierenden-Café in Eigenregie. Es wird eine Versammlung der kurzen Wege sein, alle Veranstaltungen finden auf einer Ebene statt. Das Congress Centrum ist nur zehn Fußminuten vom Bremer Zentrum entfernt. Eins noch: Das Schlusswort soll diesmal wirklich am Sonntagmittag gesprochen werden, damit alle beizeiten nach Hause kommen.

    Es wird Ihre letzte Versammlung als Generalsekretär sein. Warum eigentlich?

    Ich gehe auf die Achtzig zu und ziehe mich allmählich aus meinen Ehrenämtern in Kuratorien und anderen Gremien von Wissenschaftseinrichtungen zurück. Mein Amt als GDNÄ-Generalsekretär übernimmt Professor Stefan Buchholz, mit dem ich in den vergangenen Monaten viele Termine gemeinsam absolviert habe. GDNÄ-Schatzmeister werde ich noch bis Ende 2027 bleiben. So lange geht auch mein Amt als Vorsitzender des Verwaltungsrats des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung. Für die Zeit danach freue ich mich auf mehr Zeit für die Familie und mehr Ruhe.

    Wie sehen Sie die Zukunft der GDNÄ?
    Der Trend ist, wie gesagt, positiv – jetzt müssen wir alles dafür tun, damit das anhält. Die GDNÄ behauptet sich seit 204 Jahren in der Welt der Wissenschaft, sie hat Glanzzeiten erlebt und Krisen überstanden. Heute kämpfen auch große wissenschaftliche Gesellschaften um die Aufmerksamkeit des Publikums, das macht es für uns nicht leichter. Aber wir haben viele gute Ideen, die wir umsetzen möchten und für die wir Mittel brauchen. Als Schatzmeister werde ich deshalb nicht müde, an die Großzügigkeit unserer Mitglieder zu appellieren. Es ist gut angelegtes Geld, dafür stehe ich mit meinem Namen.

    Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Prof. Dr. Michael Dröscher, Generalsekretär und Schatzmeister der GDNÄ.

    Zur Person

    Seit 2017 ist Professor Michael Dröscher Schatzmeister und Vorstandsmitglied der GDNÄ und seit 2015 deren Generalsekretär. Er kam 1949 in Kirn an der Nahe zur Welt, absolvierte ein Chemiestudium in Mainz und schloss dort auch seine Promotion ab.  Anschließend nahm er eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Freiburg an und habilitierte sich mit nur 31 Jahren für das Fach Makromolekulare Chemie. Seine akademische Laufbahn setzte er zunächst als Privatdozent und von 1988 an als außerplanmäßiger Professor an der Universität Münster fort.

    Mehr noch als für die Grundlagenforschung interessiert sich Michael Dröscher für die Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse und so führte ihn sein Weg in die Industrie. Er startete 1982 als Laborleiter und 1984 als Abteilungsleiter bei der Hüls AG im nordrhein-westfälischen Marl. Bei Hüls und den Nachfolgeunternehmen Degussa-Hüls und Evonik-Industries AG sollte er in wechselnden Funktionen 27 Jahre bleiben. 1997 wurde Michael Dröscher zum Geschäftsführer der damals neu gegründeten Hüls-Tochter Creavis Gesellschaft für Technologie und Innovation mbH berufen. Fünf Jahre später, im Jahr 2002, wurde Michael Dröscher Innovationsmanager der Degussa AG, die später Teil der Evonik wurde.

    Darüber hinaus engagierte sich Michael Dröscher in Fachgesellschaften, unter anderem als Vorsitzender der Deutschen Bunsengesellschaft (2005 bis 2006) und von 2010 bis 2011 als Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker und als Manager des Clusters CHEMIE.NRW.

    Er ist Vorsitzender des Verwaltungsrats des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung in Mülheim und war Mitglied mehrerer Kuratorien und Beiräte der Max-Planck-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und von Hochschulinstituten.

    Außenansicht des Congress Centrums Bremen. © M3B GmbH

    @ M3B GmbH

    Außenansicht des Bremer Congress Centrums, in dem die 134. Versammlung der GDNÄ vom 17.-20. September 2026 stattfindet.
    Zum Weiterlesen:

    Ferdi Schüth ist neuer Vizepräsident der Leopoldina

    Ferdi Schüth ist neuer Vizepräsident der Leopoldina

    Auszeichnung für den Chemiker, Katalyseforscher und künftigen Präsidenten der GDNÄ

    Bei der Jahresversammlung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopolina in Halle wurde Professor Ferdi Schüth neu in das Präsidium der Akademie gewählt. Der Chemiker und Katalyseforscher ist Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim. Als derzeitiger Vizepräsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte wird er die Präsidentschaft der GDNÄ im Januar 2027 übernehmen. 

    Neben Ferdi Schüth wurden bei der Leopoldina-Jahresversammlung am 25. und 26. September auch die Professoren Thomas Lengauer sowie der Immunbiologe Thomas Boehm zu Vizepräsidenten gewählt. Der Mathematiker und Informatiker Lengauer hielt die Leopoldina Lecture bei der GDNÄ-Jahresversammlung 2018 in Saarbrücken zum Thema statistische Datenanalyse in der Zeit von Big Data. Thematischer Schwerpunkt der Leopoldina-Jahresversammlung 2025 war die künstliche Intelligenz. 

    Ferdi Schüth forscht unter anderem zur Wasserstoffspeicherung. Er entwickelte innovative Speicherlösungen und Materialien, die eine sichere und effiziente Lagerung von Wasserstoff ermöglichen und damit den Einsatz von Brennstoffzellen und erneuerbaren Energien unterstützen. 

    Die Leopoldina wird durch einen Vorstand und ein Präsidium geleitet. Das Präsidium trifft sich mindestens vier Mal im Jahr und bereitet alle wichtigen Entscheidungen der Akademie vor. Die Mitglieder des Präsidiums werden vom Senat gewählt, ihre Amtszeit beträgt fünf Jahre. Eine einmalige Wiederwahl ist möglich. Den Vorstand bilden die Präsidentin oder der Präsident und die Vizepräsidentinnen und -präsidenten. Diese werden für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt. Eine einmalige Wiederwahl ist möglich.

    DLR_Anke_Kaysser-Pyzalla

    © Frank Vinken für MPI für Kohlenforschung

    Professor Dr. Ferdi Schüth

    Zum Weiterlesen:

    Anke Kaysser-Pyzalla: „Nachwuchsgewinnung auf Platz eins“

    „Nachwuchsgewinnung auf Platz eins“

    Die Präsidentin der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ), Professorin Anke Kaysser-Pyzalla, über neue Chancen für junge Leute und den Wert interdisziplinären Denkens und Handelns.

    Frau Professorin Kaysser-Pyzalla, das Motto der 133. Versammlung der GDNÄ war „Wissenschaft für unser Leben von morgen. In welchen Bereichen sehen Sie hier die größten Herausforderungen und Chancen für die Wissenschaft?
    Unser Leben von morgen wird bestimmt durch die gesellschaftlichen Entwicklungen. Die größte Herausforderung für die Wissenschaft ist es, ihre eigene Relevanz für die Gesellschaft verständlich darzustellen. Auch wir als GDNÄ müssen zeigen, welchen Anteil die Forschung an der Zukunft der Gesellschaft und ihrer wirtschaftlich-technologischen Grundlagen hat. Die größte Chance für die Wissenschaft besteht darin, ihre Ergebnisse und Methoden, aber auch ihre Grenzen zu kommunizieren. Zu sagen: „Wir sind für die Gesellschaft da“. Unsere Aufgabe ist es, Wissenschaft erkennbar zu machen, in dem was sie hervorbringt. Forschung ist damit eine der Grundlagen für Entscheidungen in unserer Demokratie.

    Nicht alle diese Aufgabengebiete sind für den wissenschaftlichen Nachwuchs in gleicher Weise attraktiv. Gibt es Bereiche, die Ihnen Sorgen machen?
    Sorgen bereiten mir die geringen Studierendenzahlen in den technischen Fächern. Doch Potsdam hat gezeigt, dass der Nachwuchs die neuen Herausforderungen verstanden hat. Er setzt sich mit Fragestellungen auseinander, die sich mit aktuellen Entwicklungen oder historischen Fehlentwicklungen beschäftigen und eine hohe Relevanz für die Gesellschaft haben. Als GDNÄ müssen wir unserem Nachwuchs die Sinnhaftigkeit und Interdisziplinarität der Forschung für seine Entwicklung vermitteln. Die Fähigkeit zur Teamarbeit sowie eine klare Analyse- und Bewertungsfähigkeit sind zudem gute Voraussetzungen für Karrieren in der Forschung, die in die Wirtschaft führen und wieder zurück.

    © Dima-Juschkow

    Junge Mitglieder der GDNÄ auf der Versammlung 2024 in Potsdam, zusammen mit Nobelpreisträger Professor Ben Feringa (vordere Reihe, Mitte).

    Mit der Gründung des  Jungen Netzwerks der GDNÄ sollen junge Menschen schon früh gezielt an wissenschaftliches Denken und Arbeiten herangeführt werden. Welchen Stellenwert hat die Jugendarbeit innerhalb der GDNÄ als Ganzes?
    Die Nachwuchsgewinnung muss auf Platz eins stehen. Ohne befähigten, engagierten und motivierten Nachwuchs ist Deutschland nicht konkurrenzfähig. Es gibt viele Jugendliche, die von sehr guten Lehrerinnen und Lehrern für die Naturwissenschaften begeistert werden. Der Bereich Technik kommt aber oft viel zu kurz. Wir als GDNÄ müssen Vorbild sein – wissenschaftliche Werte repräsentieren, diese neu denken und den Nutzen für die Gesellschaft in Sinn erklären. Wie kann es uns gelingen, durch attraktive Angebote, junge Menschen an wissenschaftliches Denken und Arbeiten heranzuführen? Die GDNÄ gibt dem Nachwuchs die Chance, Netzwerke aufzubauen und neue Leute, vor allem aber auch neue Themen kennenzulernen.

    Bei jungen Menschen scheint es keine Geschlechterdisparität im Interesse für die Wissenschaft zu geben, was ja auch bei der jGDNÄ zu sehen ist. Doch in den fortgeschrittenen akademischen und Industrie-Karrieren sinkt der Anteil der Frauen oft dramatisch. Ist dies eine „Altlast, die sich durch bessere Nachwuchsförderung lösen lässt, oder sehen Sie hier strukturelle Probleme, die gelöst werden müssen?
    Ich sehe hier immer noch strukturelle Probleme, ergo eine Altlast. Der Anteil von Studentinnen steigt stetig. Viele beenden erfolgreich ihr Studium, wählen teils eine wissenschaftliche Laufbahn. Doch wie ist es dann bestellt um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Diese Vereinbarkeit, die für Frauen wie auch für Männer gilt, muss im wissenschaftlichen Alltag ankommen, so dass sie die erwarteten Ergebnisse erbringt. Alle haben die gleichen Chancen. Und es zeigt sich, dass es funktionieren kann. Zunehmend sind es Frauen, die sich in Bereichen etablieren, in denen sie bisher unterrepräsentiert waren. Auch in der GDNÄ ist zu spüren, dass sich junge Kolleginnen stark in unsere Arbeit einbringen und engagieren. 

    Wissenschaft im 21. Jahrhundert ist in den meisten Fällen hochspezialisiert, Forscherinnen und Forscher sind oft auf sehr enge Interessengebiete fixiert. Doch die Herausforderungen für „unser Leben von morgen“ sind komplex. Welche Rolle sehen Sie hier für die GDNÄ, um den Austausch zwischen den Disziplinen zu stimulieren und interdisziplinäres Denken zu fördern?
    Die Rolle der GDNÄ muss zunehmend die eines Taktgebers in der deutschen Wissenschaftslandschaft sein. Es muss uns gelingen, interdisziplinäres Denken zu stärken. Versetzen wir uns zum Beispiel in die Rolle einer Raumfahrtingenieurin. Aus ihrem Spezialgebiet, nehmen wir die Orbitalmechanik heraus, ist sie gezwungen, viele Aspekte einer komplexen Mission zu beachten. Dies kann ihr nur gelingen, wenn sie bereit ist, über die Grenzen ihres Fachgebiets hinaus zu denken und zu handeln. Sie muss kollektives Wissen bündeln und erweitern, neue Ideen fördern und zudem die Zusammenarbeit verbessern. Dies mit einem hohen Maß an Interdisziplinarität im Kontext mit komplexen Systemen. Dann hat sie, dann haben wir Erfolg.

    So wichtig der Dialog innerhalb der Wissenschaften ist – mindestens ebenso wichtig ist der Dialog der Wissenschaft mit und in der Gesellschaft. Doch bei Themen wie Klimawandel oder der Pandemiebekämpfung hat sich gezeigt, dass dieser Dialog nicht immer funktioniert. Das aktuelle Beispiel in den USA, wo anti- und pseudowissenschaftliche Positionen die Politik zu dominieren scheinen, zeigt auf geradezu dramatische Weise, wie   dadurch nicht nur der wissenschaftliche Fortschritt, sondern sogar der wissenschaftliche Status quo, also das bereits Erreichte, aufs Spiel gesetzt werden kann. Wie kann und muss die Wissenschaft im Allgemeinen und die GDNÄ im Besonderen darauf reagieren?
    Die GDNÄ ist die Summe ihrer Mitglieder. Jedes Mitglied sollte sich in Gesprächen und Diskussionen klar für die Sache der Wissenschaft positionieren. Leider müssen wir in den Medien beobachten, wie sich auch prominente Personen daran beteiligen, pseudowissenschaftliche Thesen zu vertreten. Dem können wir durch unsere Auftritte in der Öffentlichkeit entgegenwirken. Die GDNÄ steht für Erklärbarkeit. Dazu gehört, das vorhandene Wissen zu übersetzen, für jeden verständlich und nachvollziehbar. So wie es der letzte Preisträger der Lorenz-Oken-Medaille, Armin Maiwald, viele Jahrzehnte erfolgreich getan hat. Damit stärkt die GDNÄ die Akzeptanz wissenschaftlicher Ergebnisse, wie etwa denen zum menschengemachten Klimawandel. Wir erklären die Unsicherheiten von wissenschaftlichen Ergebnissen und erklären, wozu Wissenschaft gut ist. Denn Wissenschaft entwickelt sich, ebenso wie die GDNÄ, immer weiter.

    DLR_Anke_Kaysser-Pyzalla

    © DLR

    Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla, GDNÄ-Präsidentin 2025/2026 und Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

    Leseempfehlung

    Dieser Beitrag gibt ein Interview mit Professorin Anke Kaysser-Pyzalla wider, das  Jürgen Schönstein, Chefredakteur der Naturwissenschaftlichen Rundschau, für das Heft 9/10 (2025) führte. Die Naturwissenschaftliche Rundschau ist seit vielen Jahren das Organ der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Die aktuelle Oktober-Ausgabe dokumentiert die Fachvorträge der 133. Versammlung der GDNÄ 2024 in Potsdam:

    >> Naturwissenschaftlichen Rundschau, Ausgabe 9/10 (2025)

    Zur Person

    Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla hat in Bochum und Darmstadt Maschinenbau und Mechanik studiert. Sie wurde an der Ruhr-Universität Bochum promoviert und habilitierte sich dort. Nach Forschungstätigkeiten am Hahn-Meitner-Institut (HMI) und an der Technischen Universität Berlin forschte und lehrte sie von 2003 bis 2005 an der Technischen Universität Wien. 2005 wechselte sie als Wissenschaftliches Mitglied, Direktorin und Geschäftsführerin in die Leitung des Max-Planck-Instituts für Eisenforschung GmbH nach Düsseldorf. 2008 folgte die Berufung zur Wissenschaftlichen Geschäftsführerin der Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH, die unter ihrer Leitung aus der Fusion von HMI und der Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung (BESSY) hervorging. 2017 wurde Anke Kaysser-Pyzalla Präsidentin der Technischen Universität Braunschweig; seit 2020 ist sie Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Zur Präsidentin der GDNÄ wurde sie für die Amtsjahre 2025 und 2026 gewählt.

    Anke Kaysser-Pyzalla: „Wichtig ist mir der Dialog zwischen den Generationen“

    „Wichtig ist mir der Dialog zwischen den Generationen“

    Am 1. Januar 2025 hat die Ingenieurwissenschaftlerin und Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Professorin Anke Kaysser-Pyzalla, die Präsidentschaft der GDNÄ übernommen.

    Kaysser-Pyzalla wurde von den Mitgliedern der GDNÄ für zwei Jahre in das Amt gewählt. In der mehr als zweihundertjährigen Geschichte der Naturforschergesellschaft ist die Ingenieurwissenschaftlerin die dritte Frau in dieser Funktion. Ihr Vorgänger, der Berliner Zoologe Professor Heribert Hofer, bleibt der Naturforschergesellschaft bis Ende 2026 als Erster Vizepräsident verbunden.

    Als GDNÄ-Präsidentin ist Anke Kaysser-Pyzalla verantwortlich für das wissenschaftliche Programm der 134. Versammlung der Gesellschaft. Sie wird im September 2026 unter dem Titel „Wissen schafft Nutzen – Wissenschaft nutzen“ in Bremen stattfinden. „Die Stadt bietet eine herausragende Kongress-Infrastruktur und, zusammen mit Bremerhaven, eine Fülle von renommierten Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen“, sagt die neue Präsidentin.

    Die Tagungen der GDNÄ sind seit jeher Foren des persönlichen Austauschs zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftsbegeisterten. „In Bremen werden wir noch mehr Raum für Interaktion schaffen“, kündigt Kaysser-Pyzalla an. Die von Heribert Hofer initiierte und kürzlich gegründete Jugendorganisation der Gesellschaft, die Junge GDNÄ, werde sich mit frischen Ideen in die Programmgestaltung einbringen. In den letzten Jahren seien neue Formate für die Diskussion zwischen etablierten Wissenschaftlern und jungen Talenten entstanden, die allen Beteiligten zugute kämen, sagt die gelernte Maschinenbau-Ingenieurin: „Die Generationen können viel voneinander lernen und diesen Prozess werde ich im Interesse der GDNÄ fördern.“

    Mit ihrer interdisziplinären Ausrichtung sei die GDNÄ hervorragend geeignet, die komplexen Herausforderungen der Zeit fächerübergreifend zu erörtern. Wichtig sei ihr aufzuzeigen, wie aus Forschung Innovationen und Technologien mit dem Ziel gesellschaftlichen Nutzens entstehen, sagt die neue Präsidentin. Mehr junge Frauen für einen Beruf im naturwissenschaftlich-technischen Spektrum begeistern: Diesem Ziel ist Kaysser-Pyzalla seit Jahren verpflichtet und auch ihn ihrer neuen Funktion will sie sich dafür einsetzen.

    Die Angebote der GDNÄ sollten nach Ansicht der neuen Präsidentin möglichst niedrigschwellig sein und Bürgerinnen und Bürgern eine echte Teilhabe an den Wissenschaften erlauben: „Auch damit tragen wir zur Stabilität unserer Demokratie bei.“

    „Ich freue mich auf die neue Aufgabe, die Zusammenarbeit mit tollen Kolleginnen und Kollegen im Vorstand sowie den hocheffizienten Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle“, sagt Anke Kaysser-Pyzalla.

    DLR_Anke_Kaysser-Pyzalla

    © DLR

    Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla

    Zur Person

    Prof. Dr. Anke Kaysser-Pyzalla hat in Bochum und Darmstadt Maschinenbau und Mechanik studiert. Sie wurde an der Ruhr-Universität Bochum promoviert und habilitierte sich dort. Nach Forschungstätigkeiten am Hahn-Meitner-Institut (HMI) und an der Technischen Universität Berlin forschte und lehrte sie von 2003 bis 2005 an der Technischen Universität Wien. 2005 wechselte sie als Wissenschaftliches Mitglied, Direktorin und Geschäftsführerin in die Leitung des Max-Planck-Instituts für Eisenforschung GmbH nach Düsseldorf. 2008 folgte die Berufung zur Wissenschaftlichen Geschäftsführerin der Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH, die unter ihrer Leitung aus der Fusion von HMI und der Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung (BESSY) hervorging. 2017 wurde Anke Kaysser-Pyzalla zur Präsidentin der Technischen Universität Braunschweig gewählt. Seit 2020 ist sie Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Präsidentin der GDNÄ ist sie seit dem 1. Januar 2025.

    Weitere Informationen:

    Wolfgang T. Donner: Die GDNÄ nimmt Abschied von ihrem ehemaligen Generalsekretär

    Wolfgang T. Donner

    Die GDNÄ nimmt Abschied von ihrem früheren Generalsekretär

    Von 1999 bis 2004 war Dr. Wolfgang Donner Generalsekretär der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). In dieser Funktion verantwortete der ehemalige Direktor der Bayer AG die organisatorische Vorbereitung und Durchführung bedeutender GDNÄ-Versammlungen. Am 5. Mai 2021 starb Wolfgang Donner im Alter von 86 Jahren im Kreis seiner Familie in Köln.

    Der Präsident der GDNÄ, Professor Martin Lohse, sagt: „Wolfgang Donner hat die GDNÄ mit großem Engagement und zuverlässig als Generalsekretär geführt. Die gelungenen Versammlungen unserer Gesellschaft in Berlin, Bonn, Halle/Saale und Passau trugen seine Handschrift. Später stand er dem Vorstand beratend zur Seite und stellte seine Erfahrungen und Netzwerke in den Dienst der GDNÄ. Wir bleiben ihm und seiner Familie in Dank und Anteilnahme verbunden.“

    Aus Breslau stammend, war Wolfgang Donner nach dem Krieg über zahlreiche Stationen zum Physikstudium nach Hamburg gekommen, wo er 1962 die Diplomprüfung ablegte. Dann zog es ihn an die Universität Frankfurt. Dort promovierte er und forschte einige Jahre als Assistent am Institut für Theoretische Physik. 1967 brach er, zusammen mit seiner Frau, per Frachtschiff nach Australien auf. Als Gastwissenschaftler an der Universität in Perth begann Donner mit der Arbeit an dem zweibändigen Fachbuch „Theorie der Kernspektren“ und baute sein computerwissenschaftliches Know-how aus. Seine berufliche Heimat sollte er bei der Bayer AG in Leverkusen finden, wo er 1968 eintrat und bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1997 blieb. Sein Arbeitsgebiet verlagerte sich in dieser Zeit immer mehr in Richtung Chemie, wobei er sich sehr für die Digitalisierung der Forschung einsetzte. 1987 wurde er dafür mit der Otto-Bayer-Medaille geehrt; 1990 folgte die Aufnahme ins Bayer-Direktorium.

    Die GDNÄ wird Wolfgang T. Donner ein ehrendes Andenken bewahren.

    Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

    Wolfgang T. Donner

    Die GDNÄ trauert um ihr Mitglied, den Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

    Er entdeckte das Ozonloch

    Die GDNÄ trauert um ihr Mitglied,
    den Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

    Das langjährige Mitglied der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) Professor Paul J. Crutzen ist am 28. Januar 2021 im Alter von 87 Jahren verstorben. Paul Crutzen erhielt 1995 gemeinsam mit Mario J. Molina und F. Sherwood Rowland den Nobelpreis für Chemie für die Erklärung, wie Stickoxide die Ozonschicht zerstören und durch welche chemischen Prozesse das Ozonloch entsteht. 

    „Paul Crutzen hat früh den Einfluss der Zivilisation auf die Umwelt in den Blick genommen, und wichtige Beiträge zur Erforschung des menschengemachten Klimawandels geleistet,“ sagt Martin Lohse, Präsident der GDNÄ. „Er hat als Erster gezeigt, wie menschliche Aktivitäten die Ozonschicht schädigen, und damit die Grundlage für das weltweite Verbot von ozonabbauenden Substanzen geschaffen.“ 

    Paul Crutzen prägte zudem den Begriff Anthropozän, um das aktuelle Zeitalter zu beschreiben, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf atmosphärische, biologische und geologische Prozesse auf der Erde geworden ist und die Entwicklung des Planeten prägt. Er war ein großer Mahner angesichts zunehmend spürbarer Folgen von Eingriffen in die Umwelt. In den letzten Jahren fragte er sich besorgt, ob die Menschheit es noch früh genug schafft, den Klimawandel als ernsthaftes Problem zu erkennen und anzugehen. Auch deshalb war Crutzen ein überzeugter Vermittler zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. 

    Die GDNÄ wird Paul J. Crutzen ein ehrendes Andenken bewahren.

    Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

    Nobelpreisträger Paul J. Crutzen