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  • Leopoldina empfiehlt bundesweite Strategie zur Luftreinhaltung

    Leopoldina empfiehlt bundesweite Strategie zur Luftreinhaltung

    Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert zusätzliche Anstrengungen, um die Konzentration von Schadstoffen in der Luft weiter zu reduzieren. Dabei solle der Schwerpunkt mehr auf Feinstaub als auf Stickstoffoxiden liegen. Von kurzfristigen oder kleinräumigen Maßnahmen, etwa von Fahrverboten, sei keine wesentliche Entlastung zu erwarten. Vielmehr sei eine bundesweite ressortübergreifende Strategie zur Luftreinhaltung erforderlich, heißt es in der heute veröffentlichten Stellungnahme „Saubere Luft ‒ Stickstoffoxide und Feinstaub in der Atemluft: Grundlagen und Empfehlungen“. Die Wissenschaftler unter Leitung von GDNÄ-Präsident und Leopoldina-Vizepräsident Martin Lohse weisen in dem Papier darauf hin, dass beim Verkehr vor allem der Ausstoß von Treibhausgasen problematisch ist. Sie rufen deshalb zu einer nachhaltigen Verkehrswende auf.

    Auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse hat Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte bei der Luftreinhaltung erzielt. Den rechtlichen Rahmen für die deutsche Luftreinhaltepolitik und damit auch der Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub gibt eine 2008 beschlossene EU-Richtlinie vor. Die Grenzwerte sollen dem vorsorglichen Gesundheitsschutz der Bevölkerung dienen. In Deutschland kommt es bei Stickstoffoxiden zu Überschreitungen des relativ strengen Grenzwerts, der weniger strenge Grenzwert für Feinstaub wird jedoch so gut wie flächendeckend eingehalten, so das Papier. Stickstoffoxide können die Symptome von Lungenerkrankungen wie Asthma verschlimmern und tragen zur Bildung von Feinstaub und Ozon bei. Feinstäube können unter anderem Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Lungenkrebs verursachen.

    Die derzeitige Verengung der Debatte auf Stickstoffdioxid sei nicht zielführend, heißt es in der Stellungnahme. Denn Feinstaub sei deutlich schädlicher für die Gesundheit. Daher plädieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dafür, die Anstrengungen zur Luftreinhaltung auf die Feinstaub-Reduktion zu konzentrieren. In der Stellungnahme wird allerdings darauf hingewiesen, dass weder für Stickstoffdioxid noch für Feinstaub eine exakte Grenzziehung zwischen gefährlich und ungefährlich im Sinne eines Schwellenwertes möglich sei, unterhalb dessen keine Gesundheitseffekte zu erwarten sind. Dies erschwere die Abwägung zwischen vorsorgendem Gesundheitsschutz und gesellschaftlichen Kosten, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Aus epidemiologischen Untersuchungen könne man verschiedene, sich gegenseitig ergänzende Maßzahlen für die gesundheitliche Belastung berechnen, zum Beispiel den Verlust von Lebenszeit durch das Einatmen von Schadstoffen.

    Im Straßenverkehr sind Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren nicht die einzige Quelle für Feinstaub, er wird auch durch Abrieb von Reifen, Straßenbelag und Bremsbelägen erzeugt. Zur Belastung tragen auch Verbrennungsprozesse im Zusammenhang mit Energieversorgung und Haushalt, Landwirtschaft und Industrie bei. Einige dieser Bereiche seien bisher nicht gesetzlich geregelt. Die Vielfalt teils auch kleiner Verursacher von Feinstaub und anderen Luftschadstoffen lege eine bundesweite ressortübergreifende Strategie zur Luftreinhaltung nahe. Angesichts früherer konzertierter Maßnahmen, etwa zur Verbesserung der Brennstoffqualität und der Abgasreinigung, die über die vergangenen Jahrzehnte hinweg in Deutschland zu einer stetig besseren Luftqualität geführt hätten, sei dies ein vielversprechender Ansatz. Kleinräumige und kurzfristige Maßnahmen, z. B. Fahrverbote, halten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dagegen für weniger erfolgversprechend.

    Die Messungen von Stickstoffdioxid und Feinstaub sind genormt und die Aufstellung der Messstationen ist gesetzlich geregelt. In der Stellungnahme weisen die Forscherinnen und Forscher aber darauf hin, dass auch kleine Änderungen der Aufstellungsorte, die innerhalb gesetzlicher Spielräume liegen, bereits zu Unterschieden in den Ergebnissen führen können. International gebe es zudem unterschiedliche Aufstellungsbedingungen, was die Vergleichbarkeit schmälert. Hier empfiehlt die Stellungnahme Harmonisierungen der Messtechniken und Aufstellungsbedingungen.

    Der Straßenverkehr ist nur eine der Quellen von Luftschadstoffen. Er führt aber neben weiteren Belastungen vor allem zur Emission von Treibhausgasen. Deutschland werde seine internationalen Verpflichtungen zur Reduktion von Treibhausgasen nur mit einer nachhaltigen Verkehrswende erreichen können, wird in der Stellungnahme betont. Diese erfordere die Entwicklung von weiteren emissionsarmen Formen der Mobilität. Eine nachhaltige Verkehrswende werde nicht nur zur Minderung verkehrsbedingter Belastungen beitragen, sondern könne auch die Wirtschaft voranbringen.

    Professor Martin Lohse übernimmt Präsidentschaft

    Professor Martin Lohse übernimmt Präsidentschaft

    Der neue Präsident leitet die 131. Versammlung an der Universität Würzburg. Die Tagung hat den Schwerpunkt „Wissenschaft im Bild“. Bilder zeigen neu Entdecktes, erklären Ergebnisse, verdeutlichen Hypothesen. In allen Wissenschaften ist das Erzeugen von Bildern von überragender Bedeutung und ständig werden neue Techniken entwickelt, um auf immer raffiniertere Weise Bilder zu gewinnen – von einzelnen Atomen bis zum Aufbau des Universums. Hochkarätige Wissenschaftler werden das Hauptthema aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Zu der Versammlung werden rund 150 Schüler mit Stipendien eingeladen. Nobel-Vortrag und Leopoldina-Lecture sollen Höhepunkte des Vortragsprogramms sein.

    Martin Lohse © David Ausserhofer

    Präsident Martin Lohse lädt die Mitglieder der GDNÄ nach Würzburg ein © MIKA-fotografie | Berlin

    Alle Beiträge zur 130. Versammlung der GDNÄ sind jetzt als Videos abrufbar

    Alle Beiträge zur 130. Versammlung der GDNÄ sind jetzt als Videos abrufbar

    Alle Grußworte, Festvorträge, Plenarübersichten und Plenarvorträge sind jetzt als Videostreams abrufbar, wobei die gezeigten PowerPoint-Präsentation zusätzlich zu den Sprecherinnen und Sprecher gezeigt werden.

    In Kombination mit dem Überblicksvideo mit diversen Interviews und Eindrücken vom Rahmenprogramm, den Labortouren und den Kulturabenden ist damit eine umfangreiche multimediale Dokumentation der Saarbrücker Versammlung der GDNÄ unter der Präsidentschaft von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Wahlster im Internet verfügbar.

    Videoüberblick zur 130. Versammlung in Saarbrücken steht bereit

    Videoüberblick zur 130. Versammlung in Saarbrücken steht bereit

    Ab sofort kann eine Zusammenfassung unserer sehr erfolgreichen 130. Versammlung in Saarbrücken als Videostream abgerufen werden. Das Video zeigt einen Überblick zu allen Plenarsitzungen, öffentlichen Abendvorträgen und Kulturveranstaltungen. Durch Interviews der Gruppenvorsitzenden und der örtlichen Geschäftsführer werden wichtige Gesichtspunkte und Ergebnisse der Versammlung festgehalten.

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    Nobelpreisträger von Klitzing erklärt das neue Kilo

    Nobelpreisträger von Klitzing erklärt das neue Kilo

    Im Rahmen des traditionellen Nobel-Vortrags hat der Physiker und Nobelpreisträger Klaus von Klitzing im voll gefüllten Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken das Publikum der 130. Versammlung der GDNÄ begeistert. Mit Humor und Esprit beschrieb von Klitzing die Geschichte seiner wissenschaftlichen Arbeit und erklärte auf auch für Nicht-Physiker verständliche Weise die Grundlagen für die Revolution, die seine Forschung bei der Neudefinition des Kilogramms spielt.

    Der Titel seines Vortrags lautete: Vom Nobelpreis zu einer neuen Definition des Kilogramms - Eine Idee von Max Planck wird Wirklichkeit.

    Klaus v. Klitzing erhielt den Nobelpreis für Physik 1985 für die Entdeckung des Quanten-Hall-Effektes. Von Beginn an war klar, dass hier ein neuer elektrischer Widerstand entdeckt wurde, dessen Wert nur von Naturkonstanten abhängt und heute durch die von-Klitzing-Konstante charakterisiert ist. 33 Jahre später, am 16. November 2018, wurde diese Konstante Teil eines neuen, auf Naturkonstanten beruhenden globalen Maßsystems. An diesem Tag stimmten die Delegierten der Generalkonferenz für Maß und Gewicht in Versailles über ein neues Einheitensystem ab, wobei auch das Kilogramm durch eine Naturkonstante ersetzt wurde. Das Ergebnis dieser Sitzung wurde von manchen als größte Revolution seit der Französischen Revolution bezeichnet. Im Jahr 1799 wurde nämlich mit der Herstellung eines Ur-Meters und Ur-Kilogramms die Grundlage für ein weltumfassendes Einheitensystem geschaffen, welches der Vorgabe ‚A tous les temps, à tous les peuples‘ am ehesten entsprach. Diese Einheiten sind jedoch heutzutage nicht mehr stabil genug.

    Nobelpreisträger von Klitzing begeistert mit seiner engagierten Rede.

    Schon im Jahr 1900 hat Max Planck einen Vorschlag gemacht, Naturkonstanten für zeitlich und örtlich stabile Maßeinheiten zu verwenden, aber erst experimentelle Durchbrüche in der Quantenphysik machen es möglich, diese Vision zu realisieren. Die Entdeckung des Quanten-Hall-Effektes hat die erwartete Einführung eines neuen internationalen Einheitensystems wesentlich beeinflusst.

    Der Nobel-Vortrag wurde durch eine Aufführung des Saarländischen Staatsballetts abgerundet. Das Werk 27'52'' des mittlerweile 71-jährigen tschechischen Choreografen Jiri Kylian machte den Abend dank der außergewöhnlichen tänzerischen Leistung des Ensembles auch zu einem besonderen sinnlichen Erlebnis.

    Präsident Wolfgang Wahlster überreicht dem Tanzensemble des Saarländischen Staatstheaters Blumen zum Dank.

    Der sich füllende Saal des Saarländischen Staatstheaters.