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  • Stuart Parkin – Junge Leute ermuntern, ihren scheinbar verrückten Ideen zu folgen

    „Ermuntern wir junge Leute mit scheinbar verrückten Ideen!“

    Warum Stuart Parkin, Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik, seinen Spitzenjob in Kalifornien aufgab, wie er der Datenverarbeitung auf die Sprünge hilft und welche Zukunft er für Deutschland sieht.  

    Herr Professor Parkin,  vor einigen Jahren waren Sie noch bei IBM im Silicon Valley, jetzt arbeiten Sie in Halle an der Saale. War das ein guter Tausch?
    Ich denke ja, auch wenn die beiden Stationen sehr unterschiedlich sind. Sie ähneln sich jedoch in einem Punkt, der mir sehr wichtig ist und das ist die wissenschaftliche Freiheit. Die hatte ich als Forschungsdirektor bei IBM und auch hier im Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle kann ich meinen Kurs selbst bestimmen.

    Und doch ist es ein großer Sprung, den Sie gemacht haben: von der Industrieforschung in ein öffentlich finanziertes Institut, von Kalifornien nach Sachsen-Anhalt. Was hat Sie dazu bewogen?
    Die Liebe zu meiner Frau Claudia Felser. Wir haben uns in Stanford kennengelernt und vor ein paar Jahren beschlossen, gemeinsam nach Deutschland zu gehen. Sie ist Chemie-Professorin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden. Von unserem Zuhause haben wir es nicht weit zu unseren Instituten. Fachlich verbindet uns nicht nur die Faszination für neue Materialien, wir arbeiten auch in Projekten zusammen.

    © Max Planck Institut fuer Mikrostrukturphysik

    Das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik wurde 1992 als erstes Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Ostdeutschland gegründet. Im Forschungsfokus stehen neuartige Materialien mit nützlichen Funktionalitäten. Heute bietet das Institut rund 150 Mitarbeitern Platz.

    Um was genau geht es in Ihrer Forschung?
    Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Ich erschaffe völlig neue Materialien für die Informationsverarbeitung. Sie werden dringend benötigt, denn wir stehen am Ende des Silizium-Zeitalters und brauchen nun Grundstoffe für eine schnellere, effizientere Datenwelt. Unsere Materialien bestehen  aus hauchdünnen magnetischen Schichten.  Sie erlauben es, das magnetische Moment des Elektrons zur Speicherung und Verarbeitung digitaler Daten zu nutzen und nicht nur, wie früher in der Halbleiterelektronik üblich, dessen elektrische Ladung. Spintronik lautet der entsprechende Fachbegriff. Ihr habe ich den größten Teil meines Berufslebens gewidmet und konnte in dieser Zeit wesentlich dazu beitragen, dass magnetische Laufwerke heute Standard sind. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.

    Wie geht sie weiter?
    Eine wichtige Spintronik-Anwendung sind die von mir erfundenen Spin Valves. Das sind Dünnschicht-Leseköpfe, die sehr kleine magnetische Domänen auf Festplatten aufspüren und deren Speicherkapazität deutlich erhöhen können. Vor mehr als zehn Jahren wurden unter meiner Leitung der sogenannte Racetrack-Speicher entwickelt. Diese auf Magnetoelektronik basierende Technik verarbeitet digitale Informationen eine Million mal schneller als herkömmliche Festplatten. Aktuell forsche ich zusammen mit meiner Frau an Skyrmionen und Antiskyrmionen, also an nanometergroßen magnetischen Objekten, die den Weg in eine ultaschnelle und zugleich stromsparende Datenverarbeitung der Zukunft ebnen könnten. Unsere Ergebnisse sind hochrangig publiziert, zuletzt 2020 im Fachblatt Nature.

    Wenn es um effiziente Informationsverarbeitung geht, ist das menschliche Gehirn unerreicht. Lassen Sie sich davon inspirieren?
    Selbstverständlich. Mit ersten Studien habe ich schon bei IBM begonnen und auch in Halle arbeiten wir auf diesem extrem spannenden Gebiet. Wir wollen verstehen, wie das Gehirn es schafft, mittels winziger Ionenströme stoffliche Reaktionen auszulösen. Das ist Elektrochemie vom Feinsten. Unser Ziel ist es,  die unglaublich ökonomische und präzise Arbeitsweise des Gehirns nachzuahmen. Kurzfristig ist das nicht zu schaffen, da braucht man einen langen Atem. 

    Was lässt sich in den nächsten Jahre erreichen?
    Mir geht es darum, die Erfindung neuer Materialien zu beschleunigen. Deshalb habe ich das Institut in Halle komplett umgebaut und bin dabei vom Land Sachsen-Anhalt, der Max-Planck-Gesellschaft und der Alexander von Humboldt-Stiftung hervorragend unterstützt worden. Heute arbeiten wir hier in einem großen Team von Physikern, Chemikern und Biologen – um nur einige Fachrichtungen zu nennen. Uns steht modernste Bildgebungstechnik zur Verfügung und wir haben einen neuen Reinraum, in dem wir feinste Nanostrukturen herstellen können.  Das meiste davon haben wir selbst gebaut, so etwas kann man nicht auf dem Markt kaufen.

    © burckhardt+partner

    Forschungsneubau für die Chiptechnik von morgen (virtuelle Ansicht): Mit einer Investition von 50 Millionen Euro wird das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle um moderne Labore und Büros erweitert. Bis Ende 2024 soll der Neubau mit einer Nutzfläche von 5.500 Quadratmetern fertig sein. Das Institut wird dann bis zu 300 Mitarbeitern Platz bieten können.

    Ihre Forschung dürfte von großem Interesse für die Industrie sein?
    So ist es. Kooperationen gibt es zum Beispiel mit dem koreanischen IT-Unternehmen Samsung. Auch andere Firmen beobachten aufmerksam, was sich bei uns tut. Unter anderem der amerikanische Chiphersteller Intel, der kürzlich Milliardeninvestitionen in Europa ankündigte.

    Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen für Ihre Forschung in Deutschland?
    Wir haben wirklich gute Bedingungen. Ein großer Pluspunkt ist, dass Deutschland viel in die Grundlagenforschung investiert, und zwar deutlich mehr als andere Länder in Europa. Es gibt hervorragende Fachkräfte im Land und ehrgeizige junge Leute mit guten Ideen.

    Wo sehen Sie Deutschland im Vergleich im internationalen Vergleich?
    Da ist noch einiges aufzuholen. Nehmen wir das Beispiel USA: Dort ist die Digitalisierung wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, in Deutschland sehe ich das noch nicht so. Die mächtigen und reichen Unternehmen im Silicon Valley können Fachleuten hohe Gehälter zahlen, da können wir oft nicht mithalten. Überdies liegen viele Patentrechte in den USA – auch das erschwert den Wettbewerb. Wie groß die Unterschiede zwischen den Ländern sind, hat die Pandemie vor Augen geführt. Auf einmal waren Videokonferenzen en vogue und US-amerikanische Anbieter wie Zoom oder MS-Teams ganz vorn dabei. Warum, frage ich mich, spielt ein deutsches Unternehmen wie SAP da nicht mit? Die Voraussetzungen wären durchaus gegeben.

    Wie kann Deutschland Boden gutmachen?
    Am besten durch Investitionen in junge Leute. Wir sollten sie ermuntern, auch scheinbar verrückten Ideen zu folgen und Risiken einzugehen. An den Universitäten sollte man lernen können, wie Innovation funktioniert und wie man erfolgreich im Wettbewerb besteht. Einige asiatische Länder weisen bestimmte Zonen aus, in denen Firmengründer zehn Jahre lang keine Steuern zahlen müssen. Das könnte auch für uns ein Modell sein, gerade auch in Ostdeutschland, wo es noch viele freie Flächen gibt.

    Die Bundestagswahlen liegen hinter uns, die Koalitionsverhandlungen laufen. Was erwarten Sie auf Ihrem Gebiet von der nächsten Bundesregierung?
    Einen starken Schub für die Digitalisierung. Als führende Volkswirtschaft sollte Deutschland in diesem Bereich vorangehen und dazu beitragen, dass Europa mit einer Stimme spricht. Das wäre wichtig, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen und wichtige Werte wie Datensicherheit durchzusetzen. 

    Sie engagieren sich in zahlreichen Fachgesellschaften. Welchen Stellenwert hat Ihre Arbeit in der GDNÄ für Sie?
    Ich bin Europäer und möchte dazu beitragen, dass unser Kontinent wettbewerbsfähiger wird. Die GDNÄ kann da einen wichtige Rolle spielen, zum Beispiel durch die Förderung junger Leute. Aber auch,  indem sie zur kontroversen, kultivierten Diskussion über aktuelle Wissenschaftsthemen einlädt. Ich kenne das aus Großbritannien und würde mir auch hierzulande mehr öffentlichen Disput dieser Art wünschen. Gegen die zunehmende Wissenschaftsskepsis in der Gesellschaft könnte das ein gutes Mittel sein.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Sven Doering

    Stuart S. P. Parkin

    Zur Person
    Stuart S. P. Parkin kam 1955 im britischen Watford zur Welt. Im Anschluss an seine Promotion im Bereich Festkörperphysik an der University of Cambridge kam er als Postdoktorand zu IBM, wo er 1999 zum Fellow ernannt wurde und damit die höchste technische Auszeichnung des Unternehmens erhielt. Zwischen 2004 und 2006 forschte er mit einem Humboldt-Forschungspreis an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Professor Parkin leitete das IBM Almaden Research Center in San Jose, und war Direktor des 2004 gegründeten Spintronic Science and Applications Centers (SpinAps). Zudem war er Professor an der Stanford University. Er ist Mitglied zahlreicher internationaler Akademien wie der Royal Society und der American Academy of Arts and Sciences und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den mit 200.000 Dollar dotierten König-Faisal-Preis 2021. Der Physiker mit drei Staatsbürgerschaften in Großbritannien, USA und Deutschland hat rund 400 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und hält mehr als 90 Patente. Seit 2014 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle, wo er die experimentelle Abteilung Nanosysteme aus Ionen, Spins und Elektronen (NISE) leitet. Zusätzlich lehrt er als Alexander-von-Humboldt-Professor am Institut für Physik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In der GDNÄ wurde Stuart Parkin zum Fachvertreter Ingenieurwissenschaften gewählt. 

    Weitere Informationen:

    Jürgen Floege „Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

    „Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

    Jetzt sei die Politik gefordert, sagt Professor Jürgen Floege. Er leitet die Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten in Aachen, engagiert sich für mehr Forschung und blickt gern über die Tellerrand hinaus – auch in der GDNÄ.

    Herr Professor Floege, mit welchen Gedanken und Gefühlen sehen Sie als Klinikdirektor dem zweiten Pandemiewinter entgegen?
    Ich bin relativ entspannt. Mit einer Belastung, wie wir sie zu Beginn der Pandemie hatten, rechne ich in diesem Winter nicht. Im Frühjahr 2020 lagen viele Schwerstkranke auf den Stationen, was auch mit der geografischen Nähe zum damaligen Corona-Hotspot Heinsberg zu tun hatte. Aktuell betreuen wir rund ein Dutzend Covid-19-Patienten in unserer Klinik. Es handelt sich zu hundert Prozent um Ungeimpfte. Einige sind jung und ohne Vorerkrankungen, dennoch müssen sie jetzt künstlich beatmet werden. Das zeigt doch ganz eindeutig: Gegen diese Krankheit hilft kein noch so starkes Immunsystem, den besten Schutz bietet die Impfung.

    Sehen das auch die Beschäftigten in Ihrer Klinik so?
    Ja, die allermeisten sind zweifach geimpft. Inzwischen haben sich viele – ich zähle auch dazu – ein drittes Mal impfen lassen. Zwangsmaßnahmen gibt es bei uns nicht, wir appellieren aber an Vernunft und Rücksichtnahme. Damit sind wir bis jetzt gut gefahren. Sorgen bereitet uns derzeit ein ganz anderes Thema.

    Es hat auch mit der Pandemie zu tun?
    Sogar unmittelbar. Die Pandemie hat uns hohe Mehrausgaben aufgebürdet und uns tief in die roten Zahlen getrieben. Schon vor der Pandemie waren drei Viertel der deutschen Universitätsklinika defizitär, nun geht es fast allen wie uns. Jede dieser Kliniken versorgt Patienten, die kein anderes Krankenhaus behandeln kann oder will, zusätzlich sind wir in großem Stil für die Ausbildung jünger Ärztinnen und Ärzte zuständig. Das kostet Zeit und Geld und wird durch das aktuelle Vergütungssystem nicht ausreichend honoriert. Daher brauchen wir dringend Zuschläge, die die Politik aber bisher verweigert. An meinem Klinikum, aber auch in vielen Häusern andernorts, hat das zu einem Investitionsstau der Sonderklasse geführt. Wichtige Projekte müssen jetzt warten.

    © Peter Winandy

    Das Universitätsklinikum Aachen besteht seit 1985. Heute beschäftigt es rund 8.500 Mitarbeiter in 35 Fachkliniken, 30 Instituten und sechs fachübergreifenden Einheiten. Jährlich werden dort mehr als 50.000 Patienten stationär und gut 200.000 ambulant behandelt. Das Klinikum liegt im Westen Aachens in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gemeinde Vaals in den Niederlanden.

    Ihr Spezialgebiet ist die Niere – ein Organ, das medizinische Laien nicht unbedingt mit dem Coronavirus in Verbindung bringen.
    Dabei sind die Nieren nach Nasenschleimhaut und Lunge eines der am häufigsten befallenen Organe. Ein Drittel aller schwer an Covid-19 Erkrankten leidet unter Nierenversagen. Und es ist gar nicht so selten, dass eine Infektion zu Spätschäden in der Niere führt, die sich nicht zurückbilden.

    Wie häufig sind Nierenschäden hierzulande?
    Sehr häufig. Bei rund vier Millionen Menschen liegt die Nierenfunktion unter 30 Prozent der möglichen Kapazität. Und bei einer halben Million Menschen ist die Nierentätigkeit auf 15 Prozent oder weniger abgesunken. Geht die Funktion auf fünf bis sieben Prozent zurück, sind die Betroffenen auf eine Dialyse als Nierenersatztherapie angewiesen, sofern keine neue Niere für eine Transplantation zur Verfügung steht.

    Schätzungen besagen, dass Nierenkrankheiten im Jahr 2040 die fünfthäufigste Todesursache weltweit sein werden. Dennoch gibt es auf Ihrem Gebiet, der Nephrologie, aktuell die wenigsten klinischen Studien für neue Therapien. Woran liegt das?
    Es hat mit der Komplexität von Nierenkrankheiten zu tun. Sie sind schwer in den Griff zu bekommen und schwer zu beforschen. Die wenigsten Patienten haben nur Nierenprobleme, die meisten leiden zusätzlich an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge oder des Magen-Darm-Trakts, um nur einige Diagnosen zu nennen. Von Arzneimittelstudien werden Menschen mit ausgeprägten Nierenschäden oft ferngehalten, weil man dabei auf ein funktionierendes Organ angewiesen ist – immerhin werden die allermeisten Arzneimittelwirkstoffe über die Niere ausgeschieden. Hinzu kommt: Die Behandlung von Nierenpatienten ist hochindividuell, da gibt es kaum Standardrezepte. Und Medikamente, die bei Nierengesunden die beabsichtigte Wirkung zeigen, können bei schwer Nierenkranken in manchen Fällen völlig anders wirken.

    © J. Floege

    Die Visite bei Dialyse-Patienten gehört zum täglichen Pensum des Teams um Jürgen Floege.

    In Ihrer Klinik wird dennoch viel geforscht. Zu welchen Themen?
    Neben Nierenerkrankungen geht es um rheumatologisch-immunologische Erkrankungen. Wir initiieren und beteiligen uns an klinischen Studien, machen aber auch Grundlagenforschung. Erst kürzlich wurde der Sonderforschungsbereich „Mechanismen kardiovaskulärer Komplikationen bei chronischer Niereninsuffizienz“, den wir zusammen mit den hervorragenden Herzspezialisten unserer Hochschule betreiben, sehr gut bewertet und für eine zweite Förderperiode empfohlen. Wir engagieren uns zudem in der Covid-19-Forschung: Einige Kollegen sind gerade dabei, eine künstliche Niere im Reagenzglas zu erzeugen, um daran neue Therapieansätze zu erproben. Mit meiner eigenen Arbeitsgruppe will ich herausfinden, ob hochdosierte Gaben des Gerinnungsvitamins K Dialysepatienten helfen können. Es gibt Hinweise, dass insbesondere die Variante K2 die bei chronischen Nierenerkrankungen stark belasteten Blutgefäße schützt. K2 ist nur in sehr wenigen Lebensmitteln enthalten, etwa in dem japanischen Sojaprodukt Natto. Für unsere Studie verwenden wir synthetisch hergestelltes Vitamin.

    Was kann man selbst für gesunde Nieren tun?
    Wichtig sind Normalgewicht, Blutdruckwerte möglichst unter 130/80 Millimeter Quecksilbersäule und wenig Salz. Optimal sind bis zu fünf Gramm am Tag, was gerade mal einem Teelöffel entspricht – deutlich mehr ist ungesund. Darüber hinaus ist Diabetes mit einem erheblichen Risiko für Nierenleiden verbunden: Auch deshalb sollte man die Krankheit nach Möglichkeit vermeiden beziehungsweise den Blutzucker bei Erkrankung gut einstellen. 

    Gestatten Sie eine persönliche Frage: Wie kamen Sie selbst zur Nierenforschung?
    Dass ich Medizin machen wollte, stand für mich schon früh fest. Der Entschluss hatte auch mit dem frühen Tod meines Vaters zu tun. In den 1970er-Jahren konnte man gegen seine Herzinfarkte noch nicht viel ausrichten, da hat es zum Glück große Fortschritte gegeben. Meine Lehrjahre habe ich in Hannover, New York und Seattle verbracht und habe dabei immer mehr Interesse für die Nierenheilkunde entwickelt.

    © Peter Winandy

    Das Universitätsklinikum der RWTH Aachen (im Bild vorne links) ist eines der größten Krankenhausgebäude Europas. Nördlich davon liegt der Campus Melaten mit technologieorientierten Forschungseinrichtungen der RWTH und von Unternehmen.

    Seit mehr als zwanzig Jahren sind Sie nun in Aachen tätig. Wie arbeitet es sich als Mediziner an einer technischen Hochschule?
    Heute geht es mir hier sehr gut. Das war anders, als ich Ende der 1990er-Jahre meine Stelle antrat. Damals war die Medizin hier eher ein Anhängsel der technischen Fächer. Der Wissenschaftsrat hat sich das im Jahr 2000 angeschaut und dem Land Nordrhein-Westfalen die Schließung der medizinischen Fakultät empfohlen. Was dann folgte, war ein gewaltiger Ruck. Alle strengten sich an, es wurde viel frisches Forschungsgeld eingeworben, man berief gute Wissenschaftler und bis heute beleben tolle junge Leute den Betrieb – wir sind eine hochgeschätzte und -bewertete Fakultät innerhalb der RWTH Aachen geworden.

    Wie sind Sie GDNÄ-Mitglied geworden?
    Ich bin erst seit Kurzem dabei, und zwar auf Vorschlag des Würzburger Kardiologen, Professor Georg Ertl. Er hat mich auch dafür gewonnen, die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin zu übernehmen.

    Als Kliniker und Forscher leiden Sie nicht unter Arbeitsmangel. Was hat Sie bewogen, sich zusätzlich für die GDNÄ zu engagieren?
    Ich schaue gern über den Tellerrand meiner Disziplin hinaus und interessiere mich sehr für andere Bereiche der Naturwissenschaften. Diesem Bedürfnis kommt die GDNÄ mit ihrer Fächervielfalt entgegen. Was mich auch fasziniert, ist die großartige Tradition – das ist schon einzigartig.

    Haben Sie Ideen für die Zukunft der GDNÄ?
    Ich denke, wir brauchen eine „Junge GDNÄ“ parallel zur etablierten Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Vorbilder könnten die Jungen Internisten innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin sein oder auch die Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wisssenschaften und der Leopoldina. Wichtig ist, dass die jungen Leute sich selbst organisieren und unabhängig von den Älteren produktiv sein können.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © J. Floege

    Prof. Dr. Jürgen Floege

    Zur Person
    Seit 1999 leitet Professor Dr. med. Jürgen Floege die Medizinische Klinik II der Universitätsklinik RWTH Aachen (Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Rheumatologische und Immunologische Erkrankungen). Er studierte er an der Medizinischen Hochschule Hannover und am Albert Einstein College of Medicine in New York. In Hannover schloss er seine Facharztausbildung ab, habilitierte sich und trat 1995 eine Stelle als Oberarzt an. In den 1990er-Jahren arbeitete er zusätzlich drei Jahre als Gastwissenschaftler an der University of Washington in Seattle. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten, zu denen er mehr als 600 Originalartikel, Reviews, Editorials und Buchkapitel publiziert hat, gehören Nierenerkrankungen und ihre zentrale Bedeutung für die Innere Medizin, etwa bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Professor Floege ist Herausgeber des internationalen Bestseller-Lehrbuchs „Comprehensive Clinical Nephrology” und Mitherausgeber der führenden nephrologischen Fachzeitschrift „Kidney International“. Für seine Forschung erhielt der Aachender Nephrologe zahlreiche Ehrungen, darunter im Jahr 2020 die höchste Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), die Franz-Volhard-Medaille. Neben seiner Kliniktätigkeit engagiert sich Floege in renommierten Gesellschaften, Gremien und Organisationen. Er ist Gründungsmitglied und Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und im Leitungsgremium von KDIGO – einer Organisation, die weltweit gültige Leitlinien der Nephrologie erstellt. Der GDNÄ gehört Jürgen Floege seit 2019 an; er hat die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin übernommen.

    Weiterführende Links:

    Professor Dietrich von Engelhardt – „In freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit“

    „In freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit“

    Entstanden im Geist des Aufbruchs war die GDNÄ immer wieder ein Forum für große Debatten und nachdenkliche Analysen. Wie sie das über fast zwei Jahrhunderte geschafft hat, schildert hier der Wissenschaftshistoriker Dietrich von Engelhardt.

    Herr Professor von Engelhardt, im kommenden Jahr wird die GDNÄ 200 Jahre alt. So lange halten längst nicht alle Wissenschaftsorganisationen durch. Wie erklären Sie die Robustheit der GDNÄ?
    Vor allem mit ihrer Einzigartigkeit – auch im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Gesellschaften. Ihr Kernanliegen ist seit ihrer Gründung 1822 der interdisziplinäre Austausch zwischen Naturwissenschaftlern und Medizinern ebenso wie die Verbindung zu Philosophie und Gesellschaft. In den Geisteswissenschaften ist dieses Interesse an anderen Disziplinen nicht so ausgeprägt, eine vergleichbare übergreifende geisteswissenschaftliche Gesellschaft gibt es nicht. Was die GDNÄ auch stabilisiert hat, sind die großen wissenschaftlichen Debatten, die auf ihren Versammlungen geführt wurden und die weit in Gesellschaft und Kultur ausstrahlten.

    An welche Debatten denken Sie?
    Zum Beispiel an die Auseinandersetzungen über Naturwissenschaft und Naturphilosophie, über die Freiheit der Forschung, Darwins Evolutionslehre, Mechanismus und Vitalismus sowie über Popularisierung und Schulunterricht. Ich denke etwa an Emil du Bois-Reymonds Rede auf der 45. Versammlung 1872 in Leipzig über die „Die Grenzen des Naturerkennens“, in der es um die nach seiner Ansicht grundsätzlich naturwissenschaftlich nicht erkennbaren Beziehungen von Kraft und Stoff, von Leib und Seele ging. Die Rede provozierte Zustimmung und Widerspruch – ebenso wie Ernst Haeckels Eintreten für Darwin und den Darwinismus. Auch Rudolf Virchow löste mit seinem Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaft und für den Verzicht auf die Verbreitung von Unbewiesenem im Schulunterricht und in der Öffentlichkeit vielfältige Reaktionen aus.

    Die GDNÄ als Forum für große Debatten: Kann sie das heute noch?
    Heute gibt es viele weitere Plattformen für den Wettstreit der Ideen, die GDNÄ hat starke Konkurrenz bekommen. Ihre Glanzzeit lag sicher im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Aber auch in unserer Zeit sehe ich große Chancen für die GDNÄ, sei es im Bildungsbereich oder im Dialog der Disziplinen und in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft und Kultur. Die Resonanz vieler Versammlungen hat das eindrucksvoll gezeigt. Ein wichtiges und öffentlichkeitswirksames Thema ist in dieser Perspektive auch „Wissenschaft im Bild“, dem sich schwerpunktmäßig die Versammlung 2022 in Leipzig widmen wird.

    © Deutsches Museum, München, Archiv, CD79207

    Tagen in Sektionen: Die Abteilung Mathematik und Astronomie im Gruppenbild bei der GDNÄ-Versammlung 1890.

    Lassen Sie uns noch einmal zu den Anfängen zurückkehren. In Leipzig fand die erste Versammlung der GDNÄ statt, im Herbst des Jahres 1822. Um was ging es den Gründern?
    Treibende Kraft war der Naturforscher und Naturphilosoph Lorenz Oken. Er hatte eine Gruppe Gleichgesinnter um sich geschart, darunter den romantischen Naturphilosophen, Maler und Arzt Carl Gustav Carus und den Chemiker und Mythenforscher Johann Salomo Christoph Schweigger. Einmal im Jahr und immer in einer anderen Stadt, daher der Beiname Wandergesellschaft, wollte man sich gegenseitig über den Stand eigener Forschungen informieren – in freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit, aber auch in offener Auseinandersetzung. Den Gründern ging es um einen lebendigen Austausch, auch als Gegenentwurf zu den Ritualen der damals schon lange bestehenden Universitäten und Wissenschaftsakademien.

    Ist das von Anfang an gelungen?
    Soweit es sich aus den Quellen erschließen lässt, ja. Okens Aufrufen zur Versammlung der deutschen Naturforscher waren 1822 beim ersten Treffen 13 Naturforscher und Ärzte als Mitglieder gefolgt, insgesamt nahmen 60 Personen an den Vorträgen und Diskussionen teil. Später wurden es dann deutlich mehr, gelegentlich kamen 5000 bis 7000 Besucher. In der Gegenwart sind die Zahlen der Mitglieder und Besucher wieder zurückgegangen – jüngere Wissenschaftler setzen für ihre Laufbahn und ihre Forschung andere Akzente. In den Anfangsjahren ging es in den Vorträgen, ganz im Geist der romantischen Naturphilosophie, um die Einheit der Natur, die Verbindung von Natur und Geist, die Verantwortung des Menschen für die Natur und auch um soziales Engagement. Nach lebhaften und teils kontroversen Diskussionen klangen die Tage in geselliger Runde unter geistreichen Tischreden und gemeinsamen Gesängen aus.

    Ließ sich das so durchhalten?
    Nicht ganz. 1828 kam es zu einer tiefergehenden strukturellen Veränderung und durchaus auch zur ersten Krise. Alexander von Humboldt hatte sich in seiner Festrede bei der Versammlung in Berlin entschieden für die Bildung von Sektionen neben den allgemeinen Sitzungen ausgesprochen, um dem wissenschaftlichen Fortschritt in den einzelnen Disziplinen angemessen und in divergenter Debatte entsprechen zu können. Diese Initiative sollte sich als ungemein wichtig für den Fortbestand der Gesellschaft erweisen, stieß aber anfangs auch auf Widerstand. Manche befürchteten ein Auseinanderdriften der Disziplinen, also eine Entwicklung, der man mit der Gründung der GDNÄ hatte entgegenwirken wollen. Auch Lorenz Oken war keineswegs begeistert von der Einteilung in Sektionen, die sich dann aber doch durchsetzte. Vollständig aufgehoben wurde die Gemeinsamkeit jedoch keineswegs: So schrieb die örtliche Tageszeitung über das abendliche Zusammensein bei der 67. Versammlung 1895 in Lübeck: „Man speiste sektionsweise und sang gemeinschaftlich.“

    Wie hat Oken reagiert?
    Er zog sich etwas zurück und nahm nicht mehr an allen Versammlungen teil. Eigene Aktivitäten und Verpflichtungen beanspruchten ihn in jenen Jahren stark. Oken war ein engagierter, streitbarer Mensch, der ein einiges Deutschland anstrebte, für die Pressefreiheit kämpfte und seinen Gegnern mutig die Stirn bot – auch wenn sie Landesherren waren oder Johann Wolfgang von Goethe hießen. Er schrieb und publizierte sehr viel, setzte sich für einen naturwissenschaftlichen Unterricht an den Schulen ein, gab die erste fachübergreifende wissenschaftliche Publikation „Isis oder Encyclopädische Zeitung“ heraus – sie erschien von 1819 bis 1848 – und ging schließlich nach Zürich. Dort ernannte man ihn zum ersten Rektor der Universität und dort starb er 1851.

    © Deutsches Museum, München, Archiv, CD85577

    Blick ins Auditorium bei der Feier zum 150-jährigen Bestehen der GDNÄ in München im Oktober 1972.

    Zu diesem Zeitpunkt war die GDNÄ dreißig Jahre alt. Wie stand es um sie?
    Es ging ihr sehr gut. Ihre Versammlungen waren Höhepunkte des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, wer als Naturforscher oder Arzt auf sich hielt, war Mitglied der GDNÄ. Sie vereinte die naturwissenschaftlich-medizinische Elite Europas. In den Vorträgen, die in Verhandlungsbänden abgedruckt wurden, spiegelte sich die Entwicklung der Naturwissenschaften und Medizin im 19. Jahrhundert wider. Zu den Versammlungen kamen Forscher aus Italien, England, Frankreich, Russland und anderen Ländern, auch wenn das für einige politisch nicht ungefährlich war. Angeregt durch das Vorbild der GDNÄ entstanden ähnliche Gesellschaften im Ausland: 1831 die British Association for the Advancement of Science oder zwei Jahre später die Congrès Scientifiques de France und 1839 die italienischen Riunioni degli Scienziati Italiani. In Deutschland gingen aus der GDNÄ zahlreiche naturwissenschaftliche und medizinische Fachgesellschaften hervor – in der Physik ebenso wie in Chemie, Pharmazie, Pathologie, Gynäkologie, Chirurgie und Psychiatrie.

    Das 20. Jahrhundert war gezeichnet von Krieg und Wiederaufbau. Wie wirkte sich das auf die GDNÄ aus?
    Während beider Weltkriege setzten die Versammlungen aus. Während des Dritten Reiches war die Situation in den drei Versammlungen 1934 in Hannover, 1936 in Dresden und 1938 in Berlin ausgesprochen komplex. In ihren Begrüßungsreden bejahten die Ersten Vorsitzenden in teils opportunistischer Rhetorik, teils mit innerer Überzeugung die neue nationalsozialistische Zeit. Sie beschäftigten sich in unterschiedlicher Akzentuierung mit dem Verhältnis von deutscher und internationaler Forschung, sprachen von einer Orientierung am Volkswohl und dem Nutzen für die Menschheit und hoben zugleich dankbar die Teilnahme ausländischer Wissenschaftler hervor.  Die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachvorträge waren überwiegend frei von nationalsozialistischer Ideologie, wobei die erbbiologischen Vorträge durchaus den rasseideologischen Diskussionen der Zeit entsprachen. Übergreifende Vorträge wie zum Beispiel von Werner Heisenberg über die „Wandlungen der Grundlagen der exakten Naturwissenschaften in jüngster Zeit“ im Jahr 1934, von Walter Gerlach zum Thema „Theorie und Experiment in der exakten Wissenschaft“ im Jahr 1936 oder von Ludwig Aschoff 1936 über „Pathologie und Biologie“ fielen rein wissenschaftlich und theoretisch aus und ausdrücklich ohne jede Verbindung zur Welt der Politik. Die erste Nachkriegsversammlung fand erst wieder 1950 in München statt – mit einer Festrede des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss.

    Seitdem sind mehr als siebzig Jahre vergangen. Gibt es in diesem langen Zeitraum eine prägende, bis heute spürbare Entwicklung, die Sie herausgreifen würden?
    Ja, sie hat mit dem ungestümen Fortschrittsoptimismus zu tun, der das ausgehendende 19. Jahrhundert und beginnende 20. Jahrhundert kennzeichnete und der spätestens in den 1970er-Jahren problematisiert wurde. Der Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges umriss die neue Haltung 1972, anlässlich des 150jährigen Bestehens der GDNÄ, wie ich finde sehr treffend: „Wir erwarten am Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht mehr, dass mit dem Fortschreiten naturwissenschaftlicher Entdeckungen und Erfindungen eine rationale gesellschaftliche Entwicklung gekoppelt sei.“ Allerdings, so fügte er hinzu: „Wir bleiben überzeugt, dass Wissenschaft immer noch das zuverlässigste Instrument ist zur Bewältigung des Fortschritts.“

    Welche Bedeutung kommt der GDNÄ heute zu? Welche Funktion kann sie im Spektrum der Wissenschaftsorganisationen übernehmen?
    Wichtig ist der Dialog mit der Öffentlichkeit, den die GDNÄ immer gepflegt hat. Im 19. Jahrhundert schrieben führende Naturforscher wie der Naturforscher und Naturphilosoph Gotthelf Heinrich von Schubert naturwissenschaftliche Bücher für den Schulunterricht. Heute gibt es so etwas leider nicht mehr. Eine Bildungskommission der GDNÄ hatte Mitte der 1990er-Jahre überzeugende Konzepte für die naturwissenschaftliche Allgemeinbildung als, wie sie es formulierte, „fachübergreifenden Fachunterricht“ entwickelt. Die Umsetzung in Lehrerbildung und schulischem Alltag steht allerdings noch aus. Zudem ist die GDNÄ als unabhängige Einrichtung hervorragend geeignet, für Gesellschaft und Kultur zentrale und umstrittene Fragen aus den Naturwissenschaften und der Medizin aufzugreifen und in die öffentliche Diskussion zu bringen. Nicht zuletzt wünsche ich mir einen Brückenschlag zu den Geisteswissenschaften, auch um Zusammenhänge zwischen Welt- und Selbsterkenntnis zu beleuchten und einen Beitrag zur Lösung ethischer und juristischer Herausforderungen der Gegenwart zu leisten.

    Eine Frage zum Abschluss: Heute klingt die Bezeichnung „Naturforscher“ im GDNÄ-Namen etwas antiquiert. Was verstand man vor zweihundert Jahren darunter?
    Wenn wir die naturphilosophischen Dimensionen weglassen, meinte Naturforschung damals ungefähr das, was wir heute unter Naturwissenschaften verstehen. Dass dieser Begriff sich schließlich durchsetzte, hat mit Einflüssen aus dem Ausland und der englischen Sprache zu tun. Ich halte den Begriff „Naturforscher“ weiterhin für sinnvoll, attraktiv und keineswegs für antiquiert. Er betont im Unterschied zu „Naturwissenschaft“ und in Übereinstimmung mit dem französischen „recherche“ und englischen „research“ das Suchende, Fragende, ins Unbekannte Aufbrechende. Darum geht es ja im Kern, heute ebenso wie damals bei der Gründung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher im Jahr 1822.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung Lübeck

    Der Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Dietrich von Engelhardt

    Zur Person
    Dietrich von Engelhardt kam 1941 in Göttingen zur Welt. Er studierte Philosophie, Geschichte und Slawistik in Tübingen, München und Heidelberg, wurde 1969 promoviert, war mehrere Jahre in der Kriminologie und Kriminaltherapie tätig und habilitierte sich 1976 in der Naturwissenschaftlich-Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Von 1983 bis 2007 war er Ordinarius für Geschichte der Medizin und Allgemeine Wissenschaftsgeschichte an der Universität Lübeck, von 2008 bis 2011 Kommissarischer Direktor des vergleichbaren Instituts der Technischen Universität München (TUM). Dietrich von Engelhardt übernahm viele weitere Aufgaben, unter anderem als Prorektor der Universität (1993 bis 1996), Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin (1998 bis 2002), Vorsitzender der Ethikkommission für medizinische Forschung und des Klinischen Ethikkomitees der Universität Lübeck (2000 bis 2007) sowie als Vizepräsident des Landeskomitees für Ethik in Südtirol (2001 bis 2010). 1997 initiierte und organisierte er in Lübeck ein Symposium aus Anlass des 175-jährigen Bestehens der GDNÄ.

    Dietrich von Engelhardt wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa durch die Aufnahme in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina im Jahr 1995 und in andere nationale und internationale Wissenschaftsakademien. Er erhielt 2004 die Georg-Maurer-Medaille der TUM-Fakultät für Medizin und ebenfalls 2004 den Preis der Züricher Margrit Egnér-Stiftung. Im Jahr 2016 wurde er für seine Forschungen zur Geschichte der GDNÄ mit der Alexander-von-Humboldt-Medaille geehrt.

    Zu den wissenschaftlichen Schwerpunkten Dietrich von Engelhardts zählen: Theorie der Medizin; medizinische Ethik; Medizin in der Literatur der Neuzeit; Botanik des 16. Jahrhunderts: Naturphilosophie, Naturwissenschaft und Medizin in Idealismus und Romantik; Geschichte der Psychiatrie; naturwissenschaftlich-medizinische Reisen in der Neuzeit; europäische Wissenschaftsbeziehungen; Umgang des Kranken mit der Krankheit; Bibliotherapie; Biografien  und Pathografien  von Naturwissenschaftlern, Medizinern und Künstlern.

    Weiterführende Links:
    Bücher (Hg. Dietrich von Engelhardt)
    >> Forschung und Fortschritt, Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Stuttgart 1997 (Sammelband mit wegweisenden Reden von Lorenz Oken bis Hubert Markl; antiquarisch erhältlich)
    >> Zwei Jahrhunderte Wissenschaft und Forschung in Deutschland, Entwicklungen – Perspektiven“, Stuttgart 1998 (Tagungsband zum 175-jährigen Bestehen der GDNÄ; antiquarisch erhältlich)

    © G. C. Wilder / Stadtmuseum Fembo-Haus, Nürnberg

    Anlässlich der 23. Versammlung der „Herren Naturforscher und Ärzte“ im Jahr 1845 lud die Stadt Nürnberg zum Festmahl im Rathaussaal ein.

    Tina Romeis – Faszinierend und wunderschön

    „Faszinierend und wunderschön“

    Sie liefern Sauerstoff und Nahrungsmittel und schaffen eine gesunde Umwelt: Pflanzen sind lebenswichtig und doch zunehmend bedroht. Wie sich ihre Widerstandskraft gegen Trockenheit und andere Stressfaktoren gezielt verbessern lässt, erforscht Professorin Tina Romeis am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle.

    Frau Professorin Romeis, der Klimawandel setzt der Pflanzenwelt weltweit zu. Auch in unseren Breiten sind Bäume, Sträucher und viele andere Gewächse von den Dürren der letzten Jahre gezeichnet. Beschäftigt Sie das in Ihrer Forschung?
    Ja, der Trockenstress ist für mich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen hier am Institut ein großes Thema. Als Grundlagenforscher wollen wir bis in die molekularen Details hinein verstehen, was bei anhaltendem Wassermangel in den Pflanzen geschieht. Mit diesem Wissen sollte es gelingen, ihre Widerstandskraft gezielt zu erhöhen.

    Wie gehen Sie das Problem an?
    Unser Institut ist spezialisiert auf kleine Moleküle. Wir konzentrieren uns auf bestimmte Stoffwechselprodukte, sogenannte Metaboliten, die entscheidend zur Resistenz einer Pflanze gegenüber Trockenheit beitragen. Solche Metaboliten bestimmen wir in Pflanzen, die unterschiedlich gut mit Wassermangel zurechtkommen. Bäume wie Buchen und Eichen weisen noch eine recht hohe Trockentoleranz auf, Nadelbäume haben große Probleme damit. Darüber hinaus identifizieren wir die kleinen Moleküle in Signalwegen, über die sich Informationen über Umweltbedingungen innerhalb einer Pflanze verbreiten. Über diese Wege mobilisiert die Pflanze auch ihre Abwehrkräfte, zum Beispiel bei Wassermangel.

    Das deutsche Tiefsee-Forschungsschiff „Sonne" © Thomas Walter

    © IPB

    Im Foyer des Leibniz-Instituts für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle.

    Wie können wir uns pflanzliche Abwehrkräfte vorstellen?
    Wenn Pflanzen angegriffen werden, beispielsweise durch Bakterien oder Fraßinsekten, aktivieren sie Abwehrmechanismen und -stoffe, mit denen sie sich bei künftigen Attacken wehren können. Daran sind Kalzium-abhängige Proteinkinasen beteiligt, für die ich mich in meiner Forschung ganz besonders interessiere. Es handelt sich um Enzyme, die nicht nur wichtig für die Immunabwehr von Pflanzen sind, sie prägen auch die pflanzliche Stresstoleranz gegenüber Trockenheit, Kälte und Nährstoffmangel. Interessanterweise gibt es im menschlichen Gehirn ähnliche, durch Kalzium regulierte Proteinkinasen, die entscheidend für das Lernen und das Gedächtnis sind.

    Können auch Pflanzen sich erinnern?
    Ja, das kann man durchaus sagen. Natürlich haben Pflanzen kein Gehirn oder ein Nervensystem wie wir Menschen. Aber sie verfügen über eine Art molekulares Gedächtnis. Wie es genau funktioniert, welche Informationen Pflanzen kurz- oder langfristig speichern und welche Faktoren das Vergessen von Informationen regulieren, all das erforscht meine Arbeitsgruppe.

    Was tun Sie mit Erkenntnissen, die für die Anwendung interessant sein könnten?
    Wenn das der Fall ist, wenden wir uns an das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung im nahegelegenen Gatersleben. Der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen unseren Instituten klappt hervorragend und die Rollenverteilung ist einvernehmlich geregelt: Wir am IPB sind zuständig für die biochemische Grundlagenforschung, Gatersleben verfügt über  artenreiche Saatgutbanken, die sich hervorragend für Neuzüchtungen oder gezielte genetische Veränderungen eignen.

     Für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung im Klimawandel sind solche Entwicklungen sehr wichtig. Wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
    Zwar betreiben wir keine Pflanzenzüchtung, liefern also nicht direkt anwendbare Lösungen. Doch die Fragen, die wir in unserer biochemischen Grundlagenforschung stellen, sind natürlich von globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel geleitet. Dass diese Forschungsfragen dringend beantwortet werden müssen, sieht man auch daran, dass die Wissenschaft in unserem Feld weltweit boomt. In Deutschland stehen wir aktuell noch recht gut da. Was die Zukunft angeht, bin ich jedoch etwas skeptisch. Viele junge Leute wollen nach dem Studium nicht mehr promovieren. Bei ihnen beobachte ich ein starkes Interesse für Naturschutz, Umweltmanagement und ökologische Bildung – die Grundlagenforschung ist nicht ihr Hauptanliegen.

    War das der Grund, warum Sie vor drei Jahren von der Freien Universität Berlin an das Leibniz-Forschungsinstitut nach Halle wechselten?
    Ich wollte mich auf die Forschung konzentrieren und dafür sind die Bedingungen am IPB ideal. Von der apparativen Ausstattung, die uns hier zur Verfügung steht, kann man an den meisten Unis nur träumen. Ein Beispiel ist unser Massenspektrometer, mit dem wir die Massen von Atomen und Molekülen in Pflanzen bestimmen, ein anderes das konfokale Mikroskop, das winzige pflanzliche Reaktionen sichtbar macht. Und mithilfe der sogenannten FRET-Mikroskopie können wir biochemische Prozesse in der Pflanze live beobachten.

    © IPB

    Mit diesem Konfokalmikroskop untersuchen die Wissenschaftler um Professorin Romeis das Verhalten lebender Pflanzen unter verschiedenen Bedingungen wie zum Beispiel großer Trockenheit. Zu sehen ist immer dasselbe Blatt der zu Forschungszwecken häufig genutzten Ackerschmalwand Arabidopsis. Gezeigt werden einzelne Schließzellen (Stomata) an der Unterseite eines Blattes, die den Gasaustausch und den Wasserhaushalt in der Pflanze steuern. Das Mikroskop führt die biochemischen Prozesse vor Augen, die zum Öffnen der Zellen bei günstigen  Bedingungen und zum Schließen bei Trockenheit führen.  

    Das klingt nach guten Voraussetzungen für Erfolgsgeschichten.
    Die gibt es immer wieder, auch fächerübergreifend. Erst vor wenigen Monaten wurde ein spektakulärer Fund publiziert, zu dem die Forschung bei uns am Institut beigetragen hat. Es ging um den Auslöser einer mysteriösen neurodegenerativen Krankheit bei Weißkopfseeadlern, der nach jahrelanger gemeinsamer Forschung mit amerikanischen Wissenschaftlern identifiziert werden konnte. Seit den 1990er-Jahren waren an der Krankheit viele Vögel, Reptilien und Fische im Süden der USA gestorben. Ursache war ein Gift, das von Cyanobakterien gebildet wird, die auf bestimmten Wasserpflanzen in den betroffenen Gegenden gedeihen. Die Studie wurde als Titelgeschichte im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht und trug der Pflanzenforschung in Halle großes Renommee ein. Meinen Kollegen am Institut ist jetzt gerade die chemische Totalsynthese dieses Gifts gelungen, es handelt sich um einen toxischen Metaboliten.

    Auch deutsche Publikumsmedien berichteten über die Studie. Lag das am attraktiven Thema oder ist das Interesse der Öffentlichkeit an Wissenschaftsthemen generell groß?
    Es hatte viel mit der besonderen Thematik zu tun. Generell beobachte ich eher eine zunehmende Wissenschaftsmüdigkeit und einen Vertrauensverlust. Die vielen Plagiatsaffären haben dem Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft doch sehr geschadet. Da haben wir einiges aufzuholen und gutzumachen.

    Welche Rolle kann die GDNÄ dabei spielen? Immerhin ist der Austausch mit der Gesellschaft eines ihrer großen Anliegen.
    Ich glaube, die GDNÄ kann hier viel bewirken. Sie ist eine neutrale Instanz und vertritt keine spezifischen Fachinteressen. Das ist eine gute Basis für einen vertrauensvollen Dialog mit der Öffentlichkeit.

    In der GDNÄ vertreten Sie seit Kurzem das Fach Biologie. Was möchten Sie in dieser Funktion erreichen?
    Pflanzen sind extrem wichtig für unser Leben, für die Energieversorgung und das gesamte Ökosystem und sie werden immer wichtiger. Außerdem sind Pflanzen wunderschön und faszinierend. Das würde ich gern stärker ins Bewusstsein rücken und auch der nächsten Generation vermitteln. Die Programme der GDNÄ für Schüler und Lehrer bieten dafür hervorragende Möglichkeiten.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © IPB

    Prof. Dr. Tina Romeis

    © IPB

    Eine Forschungseinrichtung im Grünen.
    Zur Person
    Seit 2019 leitet Tina Romeis die Abteilung „Biochemie pflanzlicher Interaktionen“ am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle an der Saale. Gleichzeitig wurde die damals 54-Jährige als Professorin an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berufen.  Zuvor hatte Tina Romeis 15 Jahre lang den Lehrstuhl für Pflanzenbiochemie an der Freien Universität Berlin geleitet. Dem Ruf nach Berlin ging eine Forschungstätigkeit am Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln voraus. Dort hatte sie sich dank des 2001 zuerkannten, hoch dotierten Sofia-Kovalevskaja-Preises der Alexander-von-Humboldt-Stiftung als unabhängige Gruppenleiterin etablieren können. Ihre Habilitation in Genetik und Molekularer Phytopathologie erfolgte am Institut für Genetik der Ludwig-Maximilians-Universtiät München. Weitere Meilensteine ihrer Laufbahn waren Forschungsaufenthalte in München und am John-Innes-Centre im britischen Norwich und davor die Promotion am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. In Tübingen, an der Eberhard-Karls-Universität, hatte Tina Romeis Biochemie, Organische Chemie und Pflanzenphysiologie studiert. Aufgewachsen ist die in Würzburg geborene Fränkin im Steigerwald.

    Das Forschungsinteresse von Professorin Romeis richtet sich insbesondere auf Kalzium-abhängige Proteinkinasen. Diese Enzyme sind nicht nur wichtig für die Immunabwehr von Pflanzen, sie prägen auch deren Stresstoleranz gegenüber Trockenheit, Kälte und Nährstoffmangel. Die Biochemikerin will ihre Grundlagenforschung in Kooperation mit Forschungseinrichtungen in der Region nutzbar machen: sowohl für die Land- und Forstwirtschaft wie auch für das Verständnis ökologischer Zusammenhänge.

    Weiterführende Links:

    Thomas Elsässer – Schnappschüsse von zuckenden Molekülen

    Schnappschüsse von zuckenden Molekülen

    Mit ultrakurzen Lichtimpulsen macht der Berliner Experimentalphysiker Thomas Elsässer winzige Bewegungen der Materie sichtbar. Was er mit seinem Team erforscht, ist von großem praktischen Nutzen für die Entwicklung neuer Werkstoffe, für Medizin und Biologie – und für ein schnelles, stabiles Internet. 

    Herr Professor Elsässer, Sie leiten das Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie.  Das klingt ziemlich kompliziert. Können Sie es einfach erklären?
    Wir erzeugen ultrakurze und ultraintensive Lichtimpulse und untersuchen deren Wechselwirkung mit Materie. Auf diese Weise können wir extrem schnell ablaufende Prozesse in Atomen und Molekülen abbilden und genau untersuchen.

    Sie betreiben also Speed Imaging in einer Welt, die dem menschlichen Auge normalerweise verborgen bleibt?
    Ja, so kann man es ausdrücken. Tatsächlich lassen sich heute Elektronenbewegungen in Festkörpern, molekulare Bewegungen in Flüssigkeiten oder die Abläufe chemischer Reaktionen in Echtzeit verfolgen. Dabei wird zuerst der zu untersuchende Prozess durch einen ultrakurzen Lichtimpuls ausgelöst, um dann im nächsten Schritt mit einem zweiten Lichtimpuls den aktuellen Wert einer optischen Messgröße zu ermitteln, zum Beispiel die momentane Reflexion einer molekularen Probe. Durch wiederholte Messungen ergibt sich eine Abfolge von Schnappschüssen, die ähnlich wie ein Kinofilm einen Bewegungsablauf zeigen. Es geht aber nicht nur um das Beobachten und Abbilden: Mit maßgeschneiderten ultrakurzen Lichtimpulsen lassen sich Prozesse auch gezielt steuern, um etwa chemische Reaktionen zu optimieren.

    Ultrakurze Impulse sind offenbar der Dreh- und Angelpunkt: Was ist damit genau gemeint?
    Es geht um Lichtblitze von wenigen Femtosekunden Dauer. Eine Femtosekunde ist ein Milliardstel einer Millionstel Sekunde. Solche unvorstellbar kurzen Lichtimpulse, in denen für sehr kurze Zeit eine Leistung von mehreren Millionen Megawatt konzentriert ist, erzeugen wir in speziellen Lasern. Nur so gelingt es, ultrakurze Vorgänge in der Materie zu erforschen.

    Das deutsche Tiefsee-Forschungsschiff „Sonne" © Thomas Walter

    © Max-Born-Institut

    Eine experimentelle Anordnung zur Erzeugung intensiver Femtosekundenimpulse im infraroten Bereich bei einer Wellenlänge von fünf Mikrometern. Am Max-Born-Institut wird das System zur Erzeugung ultrakurzer harter Röntgenimpulse eingesetzt.

    Lassen sich die Erkenntnisse auch praktisch anwenden?
    Ja, es gibt bereits eine Vielzahl von Anwendungen im technischen und medizinischen Bereich und es kommen laufend neue hinzu. Ein Beispiel ist das Internet, dessen Hauptstrang heute  aus Glasfaserkabeln besteht. Dort werden riesige Datenmengen mit Lichtimpulsen im Pikosekundenbereich – eine Pikosekunde ist ein Millionstel einer Millionstel Sekunde – übertragen. Ein anderes Beispiel kommt aus der Materialwissenschaft: Bearbeitet man Werkstoffe mit einem Femtosekundenlaser, dann lassen sich hochpräzise Bohrungen ohne Ausfransen der Ränder erzeugen. Damit hat man sehr gute Erfahrungen in der Produktion von Einspritzdüsen gemacht. Oder nehmen wir die Medizin: Hier trägt die Forschung auf meinem Gebiet zu immer genaueren Bildgebungsverfahren und passgenauen Lasertherapien bei, etwa für das Netzhautschweißen in der Augenheilkunde.

    Was sind die großen Trends in Ihrem Feld?
    Derzeit wird international massiv in Großmaschinen investiert, um mit ultrakurzen Röntgenimpulsen ultraschnelle Strukturänderungen in Materie zu erfassen. Die Anwendungsbereiche reichen von Physik, Chemie und Materialforschung bis hin zur Biologie. In Stanford, Hamburg, Rüschlikon und einigen asiatischen Ländern gibt es bereits solche Großmaschinen, andernorts sind weitere Maschinen im Aufbau. Schon jetzt ist klar dass die Bestimmung momentaner atomarer Strukturen zusammen mit Ergebnissen der Ultrakurzzeitspektroskopie die Dynamik von Materie bis ins kleinste Detail erfassen kann.

    Wo liegen derzeit die Schwerpunkte an Ihrem Institut?
    In meiner Arbeitsgruppe geht es aktuell vor allem um das Projekt BIOVIB, für das ich 2019 einen zweiten ERC-Grant erhalten habe, verbunden mit einer Fördersumme von 2,5 Millionen Euro. Mit BIOVIB versuchen wir, dynamische elektrische Wechselwirkungen in biologischen Makromolekülen aufzuklären. Im Fokus steht aktuell die Transfer-RNA, kurz: tRNA genannt, die in der Zelle wie ein Lesekopf  Information aus der Messenger-RNA (mRNA) ausliest und die Synthese von Proteinen aus Aminosäuren ermöglicht. Die Struktur der tRNA wird durch elektrische Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung stabilisiert, die wir im Detail verstehen möchten. Wenn wir hier die richtigen Ansatzpunkte finden, sind auch gezielte Veränderungen im Sinne eines Moleceular Engineering denkbar. Andere Gruppen am Institut beschäftigen sich zum Beispiel mit der Dynamik von Elektronen im Sub-Femtosekundenzeitbereich und ultraschnellen magnetischen Prozessen.

    Das Max-Born-Institut ist heute eine vitale, renommierte Forschungseinrichtung. War das 1993, als Sie in den Berliner Südosten kamen, schon vorherzusehen?
    Gehofft habe ich es natürlich, aber abgezeichnet hat es sich damals noch nicht. Der Forschungsstandort Adlershof war Anfang der 1990er-Jahre noch nicht wettbewerbsfähig und sah phasenweise aus wie eine Sandwüste mit ziemlich maroden Gebäuden. Unser Institut war aus Teilen des Zentralinstituts für Optik und Spektroskopie der Akademie der Wissenschaften der DDR hervorgegangen und verwandelte sich im Laufe der Jahre in eine international konkurrenzfähige Forschungseinrichtung. Wir haben auf unserem Weg viel Unterstützung bekommen, auch durch die hervorragende Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen in der Region. Unsere Grundfinanzierung von Bund- und Länderseite und hier maßgeblich durch das Land Berlin ist gut. Als Wissenschaftler habe ich alle Freiheiten. Ich kann mich wirklich nicht beschweren.

    Also uneingeschränkt zufrieden?
    Nicht ganz. Kritisch sehen wir das geplante neue Hochschulgesetz für Berlin, das dem Senat deutlich mehr Einfluss einräumt, zum Beispiel bei Berufungen von Professoren. Probleme bereitet uns generell die zunehmende Regelungsdichte in Forschung und Verwaltung: Das nimmt oft kafkaeske Züge an, verzögert unter anderem die Zuwendung von Forschungsgeldern und beschädigt damit unsere Wettbewerbsfähigkeit. Die Mittelknappheit an den Berliner Unis ist auch für die außeruniversitäre Forschung ein großes Problem, denn die Hochschulen sind sehr wichtige Partner für uns. In der Berliner Verwaltung herrscht leider an manchen Stellen eine ausgeprägte Misstrauenskultur, durchaus im Unterschied zu anderen Bundesländern. Der Wissenschaft tut das überhaupt nicht gut.

    Sie engagieren sich weit über Ihr Institut hinaus für Wissenschaft und Forschung. Was treibt Sie an?
    Es macht mir einfach Spaß, auch mal über den fachlichen Tellerrand hinauszuschauen und eigene Erfahrungen einzubringen. Zum Beispiel in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wo ich derzeit an mehreren Projekten beteiligt bin. Wir setzen uns zum Beispiel mit Wissenschaftsfreiheit und Cancel Culture im akademischen Bereich auseinander, also mit dem Trend zum Ausschluss von Wissenschaftlern mit abweichenden Meinungen. Häufig halte ich auch Schulvorträge in Brandenburg und spreche mit den jungen Leuten über meine Forschung, das Leben als Wissenschaftler und ihre Zukunftsideen.

    Sie sind seit vielen Jahren Mitglied der GDNÄ und engagieren sich als Vertreter des Fachs Physik. Gibt es etwas, das Sie in dieser Funktion erreichen möchten?
    Es wäre wunderbar, wenn wir die Öffentlichkeit und vor allem junge Leute noch stärker einbeziehen könnte – dazu würde ich sehr gern beitragen. Dass die GDNÄ in der Wissenschaft ein hervorragendes Image hat, konnte ich erleben, als wir Fachkollegen zu Vorträgen bei der 200-Jahr-Feier in Leipzig eingeladen haben: Es gab nur Zusagen. Eine gute Idee, um zwischen den Versammlungen den Zusammenhalt der Mitglieder zu stärken, sind Regionaltreffen. Und die jetzt schon hervorragenden Programme für Schülerinnen und Schüler können wir sicher noch weiter ausbauen. Zum Beispiel mit kostenfreien Zoom-Vorträgen für junge Leute –  ich würde mich daran sofort beteiligen. Für Erwachsene könnten wir Infoflyer zu relevanten, aktuellen Themen ins Netz stellen, etwa zu Fragen des Stromtransports von den Küsten nach Süden, zum Klimawandel oder zu Themen rund ums Internet. Das Fachwissen dafür hat die GDNÄ in hohem Maße.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Max-Born-Institut / Ralf Günther

    Prof. Dr. Thomas Elsässer

    Zur Person
    Prof. Dr. Thomas Elsässer ist Direktor am Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie in Berlin-Adlershof und Professor für Experimentalphysik an der Humboldt-Universität. Nach Berlin kam er im Jahr 1993, als Adlershof noch „wie eine Sandwüste mit DDR-Gebäuden aussah“, berichtet der gebürtige Tübinger im Interview. Er hatte sich bewusst für die Pionierarbeit im Berliner Südosten entschieden und Rufe an die Universitäten Zürich und Stuttgart abgelehnt.

    Im Jahr 1991 hatte Thomas Elsässer sich habilitiert – an der Technischen Universität München, wo er nach dem Physik-Diplom mit einer Arbeit im Bereich der Pikosekunden-Spektroskopie promoviert und einige Jahre geforscht hatte. 1990 verbrachte er als Postdoc an den berühmten Bell-Labs in New Jersey.

    Der heute 63-jährige Wissenschaftler hat viele Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter zwei der begehrten Advanced Grants des European Research Council (ERC) in den Jahren 2009 und 2019. Diese Fördergelder in Millionenhöhe werden an Spitzenforscher in Europa für bahnbrechende Hochrisiko-Projekte vergeben. 2013 lehnte Thomas Elsässer ein Angebot aus Stanford ab.

    Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie. In der GDNÄ engagiert er sich seit 2014 als Fachvertreter Physik.

    © Max-Born-Institut

    Eine feste Größe auf dem Wissenschaftscampus Adlershof im Berliner Südosten: Das Max-Born-Institut, das mit seinen Büros, Laboren, Seminarräumen und einem Hörsaal in mehreren Gebäuden untergebracht ist.

    Das Institut

    Das Max Born Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie (MBI) ist eine wissenschaftlich selbständige Forschungseinrichtung. Sie ist Teil des Forschungsverbunds Berlin e.V. und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und wird institutionell je zur Hälfte vom Bund und von den Ländern, insbesondere von Berlin, gefördert.

    Das MBI pflegt enge wissenschaftliche Verbindungen zu den Berliner Universitäten. Seine Direktoren wurden mit je einer der Berliner Universitäten gemeinsam berufen. Marc Vrakking ist Professor an der FU Berlin, Stefan Eisebitt an der TU Berlin und Thomas Elsässer an der HU Berlin.

    Das Institut wurde Ende 1991 gegründet und hat knapp 200 Mitarbeiter, von denen fast die Hälfte als Wissenschaftler tätig sind. Das Jahresbudget beläuft sich auf etwa 23 Millionen Euro.

    Max Born, der Namensgeber des Instituts, zählt zu den bedeutendsten Wegbereitern der modernen Physik. Born erhielt (zusammen mit Walther Bothe) 1954 den Nobelpreis für Physik für seine Grundlagenforschung in der Quantenmechanik.

    Angelika Brandt: „Fünf Wochen ohne Internet sind gar nicht so übel“

    „Fünf Wochen ohne Internet sind gar nicht so übel“

    In der Tiefsee ist es finster und bitterkalt – und doch ist sie voller Leben. Die Meeresbiologin Angelika Brandt erforscht diese geheimnisvolle Welt und macht immer wieder faszinierende Entdeckungen.

    Frau Professorin Brandt, Ihre Forschung lebt von Reisen in ferne Meeresregionen. Wo überall waren Sie schon auf Expedition?
    Viele meiner Forschungsreisen gingen in die Polarregionen. In der Antarktis war ich zehn Mal und im Europäischen Nordmeer und im Nordwestpazifik acht Mal – immer für mehrere Wochen.

    Sind solche Forschungsreisen auch in Corona-Zeiten möglich?
    Unmöglich sind sie nicht. Ein aktuelles Beispiel: Nach langem Hin und Her mit Genehmigungen, Logistik, Visa und den ganzen Gesundheitsvorkehrungen bekamen wir vor ein paar Wochen endlich grünes Licht für eine deutsch-russische Expedition ins Beringmeer. Der Antrag läuft immerhin schon seit 2016. Jetzt sollte die Expedition am 4. Juni in Petropawlowsk Kamtschatski auf der Halbinsel Kamtschatka starten und bis 12. Juli gehen. Kurzfristig gibt es nun technische Probleme. Es müsste schon ein Wunder passieren, damit wir doch noch auslaufen können. Forschungsexpeditionen sind ungeheuer komplexe Unternehmungen, da kann immer etwas dazwischenkommen – wobei die Störanfälligkeit in Pandemiezeiten natürlich zunimmt.

    Das deutsche Tiefsee-Forschungsschiff „Sonne" © Thomas Walter

    © Thomas Walter

    Das deutsche Tiefsee-Forschungsschiff „Sonne“. Es hat modernste Meerestechnik an Bord, darunter autonome und ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge, Landefähren, geschleppte Geräte sowie Greifersysteme.

    Und wenn es bei der Absage bleibt?
    Dann wird die deutsch-russische Forschungsfahrt auf derzeit noch ungewisse Zeit verschoben. Uns bleibt dann erstmal nur die Hoffnung auf die übernächste Expedition. Sie soll 2022 mit dem deutschen Tiefsee-Forschungsschiff Sonne unter meiner Fahrtleitung in den nordpazifischen Aleutengraben führen.

    Welche Bedeutung haben die Expeditionen für Ihre Arbeit?
    Sie liefern die Grundlage für unsere Forschungsarbeit. Von einer mehrwöchigen Expedition bringen wir in der Regel sehr umfangreiches Tiermaterial und erste Daten mit nach Hause. In unseren Laboren unterziehen wir die Proben dann aufwändigen morphologischen, anatomischen und genetischen Analysen. Auf diese Weise sind schon viele Doktorarbeiten entstanden und Publikationen mit vielbeachteten Entdeckungen und Erkenntnissen.

    Haben Sie ein Beispiel für uns?
    Im Nordwestpazifik konnten wir Hunderte bisher unbekannte Arten in der Tiefsee identifizieren. In 8700 Meter Tiefe entdeckten wir zum Beispiel einen Muschelkrebs, der bis dahin nur aus Tiefen von rund 4000 Metern bekannt war. Der Fund war auch deshalb so überraschend, weil man angenommen hatte, dass diese Tiere unter dem enormen Wasserdruck im Hadal – so nennen wir die Sphäre ab 6000 Meter unter dem Meeresspiegel – nicht existieren können. Ein Irrtum, wie unsere Expeditionen zeigen.

    Wie sieht die Umwelt für Lebewesen in diesen Tiefen insgesamt aus?
    Unterhalb von 1000 Metern ist es ziemlich finster, die Temperatur liegt in der Regel bei ein bis zwei Grad Celsius, auf jedem Quadratzentimeter liegt ein Druck von mehr als einer Tonne und das Nahrungsangebot ist karg. Und doch finden sich in der Tiefsee reiche Lebensgemeinschaften. Meist steigen die Artenzahlen bis in Tiefen von 4000 Metern an, in Tiefseegräben ab 6000 Meter nehmen sie wieder ab. Die in großen Tiefen vertretenen Arten sind oft riesengroß. Diesen Trend zum Gigantismus mit zunehmender Tiefe konnten wir sowohl im nordwestpazifischen Kurilen-Kamtschatka-Graben wie auch im Südpolarmeer beobachten.

    © Nils Brenke

    Tiefseegarnele im Nordwestpazifik in 5378 Meter Tiefe.

    Muschelkrebse erwähnten Sie bereits: Welche anderen Arten gibt es dort unten?
    Borstenwürmer, Hakenrüssler, Furchenfüßer, Seegurken – und immer wieder Meeresasseln. Sie sind meine Lieblingsart und sie finden sich sogar noch in den tiefsten Ozeangräben, also mehr als zehn Kilometer unter dem Meeresspiegel. Einer unserer besonders interessanten Funde im Nordwestpazifik war ein Urmollusk, ein lebendes Fossil. Eine erste Bestandsaufnahme der biologischen Vielfalt im Nordwestpazifik habe ich im Jahr 2020 zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus rund vierzig Ländern veröffentlicht. In unserem Online-Tiefsee-Atlas beschreiben wir mehr als 500 Tiefsee-Arten, die wir bei vier Expeditionen in dieser Region gefunden haben.

    Was macht den Nordwestpazifik so interessant für Ihre Forschung?
    Er ist einer der fruchtbarsten, nährstoffreichsten und artenreichsten Ozeane der Welt. Es gibt dort Seebecken unterschiedlicher Tiefe und miteinander verbundene oder isolierte Lebensräume wie das Japanische Meer und das Ochotskische Meer. Außerdem existieren für diese Regionen hervorragende Vergleichsdaten, die wir elf russischen Expeditionen mit dem Forschungsschiff Witjas zwischen 1950 und 1977 verdanken. Vor diesem Hintergrund können wir Veränderungen der Biodiversität im Verlauf von Jahrzehnten erkennen und Zusammenhänge erforschen: etwa mit dem Klimawandel oder bestimmten menschlichen Aktivitäten.

    Welche Veränderungen beobachten Sie und wie sind sie erklären?
    Unsere Erkenntnisse über die Fauna des Nordwestpazifiks haben wir kürzlich zusammengetragen und 2020 in einem Fachjournal veröffentlicht. Sie bestätigen, was die Forschung seit Jahren zeigt: In den Ozeanen führt vor allem der Klimawandel zu großen Umbrüchen: Das Wasser wird wärmer, Eisschelfe schmelzen, der Meeresspiegel steigt und Meeresströmungen verändern sich. All das hat Konsequenzen für das Nahrungsgefüge und die Lebenswelt im Ozean. Rasante Veränderungen sehen wir im Nordpolarmeer. Dort wandern gerade viele Arten aus südlicheren Regionen ein, zum Beispiel Krebse und Weichtiere. Umgekehrt migrieren zahlreiche Arten aus dem arktischen Ozean südwärts. Auch im Südpolarmeer hat der Umbruch mit aller Macht begonnen. Durch das Abschmelzen gewaltiger Eisschelfe wird dort Lebensraum für neue Arten frei. Für andere Arten hingegen wird die Nahrung knapp. Das hat mit den Algen zu tun, die unter dem Eis wachsen und von denen sich zum Beispiel der Krill ernährt. Das sind winzige, in riesigen Mengen vorkommende Krebse, die wiederum Walen, Robben, Pinguinen und vielen anderen Arten als Hauptnahrung dienen. Weniger Meereis bedeutet also weniger Algen, weniger Krill und weniger Großfauna. Die antarktische Tierwelt wird schon bald eine andere sein, davon sind wir überzeugt.

    Und was passiert dann?
    Das ist eine der großen Forschungsfragen, um die es bei unseren Expeditionen geht.

    Wie kommen Sie an die Proben, die Sie für Ihre Beobachtungen benötigen?
    Mit Schleppnetzen, etwa mit dem sogenannten Agassiztrawl, oder mit Epibenthosschlitten. Das sind Sammelgeräte, die über den Grund gezogen werden, um die Organismen im Tiefseeschlamm aufzunehmen. Häufig setzen wir auch Greifersysteme ein, die Stücke aus dem Meeresboden ausstanzen. Mithilfe eines großen Kastengreifers können wir zum Beispiel einen Viertelquadratmeter Sediment vom Ozeanboden mit den darin befindlichen Lebewesen an Deck holen. Übrigens ist auch in den entlegensten Ozeanregionen immer eine Menge Plastikmüll dabei: Treibnetze, Säcke, Schuhsohlen, Pillendosen und viel Mikroplastik, das sich selbst in Tiefen von mehr als 9000 Metern noch ansammelt.

    © Thomas Walter

    Bereit für die wissenschaftliche Untersuchung: Sediment und Organismen vom Meeresgrund.

    Wie können wir uns den Alltag an Bord eines Forschungsschiffs vorstellen?
    (Angelika Brandt lacht): Man arbeitet ständig und fällt abends bleischwer ins Bett. Meine Energie reicht dann höchstens noch für ein paar Seiten im aktuellen Lieblingskrimi. Während eine Schicht schläft, ist die andere an Deck und nimmt Proben – das geht rund um die Uhr so und ist ganz schön anstrengend. Meistens haben wir keine oder nur eine sehr schlechte Internet-Verbindung. Folglich gibt es auch keine Videokonferenzen und Ähnliches – für ein paar Wochen ist das gar nicht so übel. Die Abgeschiedenheit, die konzentrierte Forschung tun mir persönlich immer gut. Zusammen mit der Crew, meistens sind wir so um die siebzig Personen, sorge ich dafür, dass Proben aus dem Meer entnommen, sortiert, konserviert und für spätere Analysen sorgfältig vorbereitet werden. Zurück im Hafen wird das Material dann in Kühlcontainer gepackt und in die heimischen Labore gebracht.

    Wie klappt das Miteinander internationaler Besatzungen auf engem Raum?
    Jeder hat eigene Forschungsfragen, aber alle ziehen an einem Strang und verfolgen ein gemeinsames übergeordnetes Ziel. Da geht es zum Beispiel um Veränderungen in der Tierwelt einer Meeresregion vor dem Hintergrund des globalen Wandels. Das kann man an unterschiedlichen Tiergruppen und mit verschiedensten Methoden erforschen. Idealerweise sind Experten für möglichst viele, vor allem aber für die häufigsten Organismengruppen wie etwa Fadenwürmer, Krebse, Weichtiere und Stachelhäuter an Bord. Wir versuchen immer, die Besten aus aller Welt zu rekrutieren. An Bord verständigen wir uns untereinander auf Englisch.

    © Thomas Walter

    Bei Tiefsee-Expeditionen wird im Schichtbetrieb gearbeitet – jedes Wochenende und auch nachts.

    Die UN-Dekade der Ozeanforschung 2021-2030 hat gerade begonnen. Welche Hoffnungen verbinden Sie damit?
    Dass wir die Ökosystemfunktionen der biologischen Vielfalt der Meere besser verstehen lernen, auch in ihrer Bedeutung für den Menschen.  Nur so können wir die Gefahren für die marine Biodiversität abwenden. Ein großes Risiko sehe ich im Tiefseebergbau, der sich vermutlich kaum noch verhindern lässt. Dabei werden mit dem Sediment, in dem wertvolle Rohstoffe lagern, großflächig auch viele Arten entnommen und Lebensgemeinschaften zerstört. Es wäre besser, vieles, was derzeit erwogen wird, gar nicht erst zuzulassen. Wenn es doch stattfindet, ist ein sehr sorgfältiges biologisches Monitoring unverzichtbar. 

    Sie sind seit rund dreißig Jahren in der GDNÄ. Was bedeutet sie Ihnen?
    Ich war schon als Doktorandin fasziniert von der großartigen Tradition der GDNÄ und ihrer wissenschaftlichen Diversität. Besonders engagiert habe ich mich bisher nicht, aber das ändert sich gerade. Als Gruppenvorsitzende Biologie, und hier speziell als Vertreterin der Meeresforschung, werde ich die Jubiläumstagung 2022 mitgestalten. 

    Was ist Ihnen dabei wichtig?
    Anspruchsvolle, aktuelle, gut verständliche Vorträge und lebhafte Diskussionen. Und ein spannendes Programm für Schülerinnen und Schüler. Ich finde es toll, dass die GDNÄ so breit aufgestellt ist, so viel für junge Leute tut und überhaupt nicht elitär ist.

    Zum Schluss bitte noch ein Blick in die Glaskugel: Wie sehen Sie die Zukunft der GDNÄ?
    In meinem Forschungsgebiet denken wir in großen Zeiträumen. Aufgrund ihrer wissenschaftlichen Breite und der thematischen Aktualität würde ich sagen: Die GDNÄ wird es auch in 500 Jahren noch geben!

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Privat

    Die Meeresbiologin Angelika Brandt.

    Zur Person
    Die Meeresbiologin Prof. Dr. Angelika Brandt leitet die Abteilung Marine Zoologie am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Makrofauna der Tiefsee und der Polarregionen. Die 1961 in Minden geborene Wissenschaftlerin kam über ein Studium der Biologie und Pädagogik zur Meeresforschung. 1991 promovierte sie an der Universität Kiel mit einer Arbeit über die Besiedlungsgeschichte des antarktischen Schelfes und wurde 1995 auf eine Professur für spezielle Zoologie an der Universität Hamburg berufen. Von 2004 bis 2009 war sie Direktorin des Zoologischen Museums der Universität Hamburg. Im Jahr 2017 wechselte sie an das Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main. Dort hat sie gleichzeitig eine Professur für Marine Zoologie an der Goethe-Universität inne.

    Angelika Brandt organisierte und leitete zahlreiche Expeditionen mit Forschungsschiffen. Über ihre Entdeckungen und Erkenntnisse zur Tiefseebiologie berichtete sie in renommierten Fachzeitschriften. Eine Nature-Veröffentlichung über die Biodiversität im Südpolarmeer wurde vom Time Magazine als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen des Jahres 2007 ausgezeichnet. Brandt erhielt den Preis der National Geographic Society als „Adventurer of the Year 2007“ und die SCAR-Medaille für hervorragende Leistungen in den Polarwissenschaften.

    © Thomas Walter

    Ein Epibenthosschlitten wird an Bord gehievt. Das Sammelgerät war über den Meeresboden gezogen worden und bringt nun, zusammen mit einer Menge Tiefseeschlamm, Organismen für wissenschaftliche Untersuchungen an Deck.

    © Senckenberg

    Buchcover „Tiefsee – Vielfalt in der Dunkelheit“.

    Weiterführende Links:

    © Thomas Walter

    Autorität ohne Uniform: Expeditionsleiterin Angelika Brandt. 

    © Torben Riehl

    Die räuberische Assel Glyptonotus antarcticus wird bis zu 17 Zentimeter groß.