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    Coronakrise: Vertrauen in die Wissenschaft steigt

    In der Corona-Pandemie sind Einschätzungen aus der Wissenschaft sehr gefragt. Repräsentative Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung den Aussagen in hohem Maße vertraut und sich noch mehr Informationen wünscht.

    In der Coronakrise ist die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft deutlich gestiegen. Bei einer repräsentativen Umfrage für das Wissenschaftsbarometer 2020 gaben 66 Prozent der Befragten an, Wissenschaft und Forschung zu vertrauen. Bei ähnlichen Befragungen der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ in den Jahren 2017 bis 2019 hatten nur rund 50 Prozent diese Einstellung vertreten.

    Auch das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte 2020 einen klaren Vertrauenszuwachs für die Forschung. Demnach verlassen sich 43 Prozent der Befragten bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern darauf, dass sie die Wahrheit sagen. Im Jahr 2015 lag dieser Wert in der Allensbach-Umfrage nur bei 30 Prozent. Die Berufsgruppe der Forscher liegt damit in punkto Glaubwürdigkeit auf Rang drei. Nur die langjährigen Spitzenreiter, Ärzte und Richter, schneiden besser ab.

    Für einen konstruktiven Dialog

    Forscher werden nicht nur für ihre Beiträge zur Beratung von Politik und Bevölkerung geschätzt. Der Allensbach-Studie zufolge nimmt jeder zweite Deutsche (54 Prozent) die Naturwissenschaften auch als wichtigen Impulsgeber für die Zukunft wahr. Das Ansehen von Parteien und Politikern als gestaltende Kräfte ist demnach von 25 auf 31 Prozent gestiegen. Zurückgegangen ist hingegen der wahrgenommene Einfluss von Journalisten (von 26 auf 19 Prozent) und von Bürgerbewegungen (von 42 auf 29 Prozent).

    „Die Zahlen zeigen, dass der Großteil der Bevölkerung gerade in kritischen Zeiten der Wissenschaft vertraut“, sagt Martin Lohse, Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). Die Wissenschaft dürfe dieses Vertrauen jedoch nicht als selbstverständlich betrachten. Die GDNÄ sehe sich daher in der Verantwortung, den konstruktiven Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft zu fördern, ergänzt Lohse.

    Bei der Vermittlung von Wissenschaft besteht großer Nachholbedarf. Das belegen andere repräsentative Umfragen, wie zum Beispiel das Technikradar 2020. In dieser Erhebung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und der Körber-Stiftung zeigen sich lediglich 15 Prozent der rund zweitausend Befragten zufrieden mit der Art und Weise, wie die Politik über Technikfolgen informiert. Immerhin 70 Prozent fordern eine stärkere Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern bei der Einführung neuer Techniken.

    Kritik an fossilen Rohstoffen

    Im Fokus des Technikradars 2020 steht das Thema Bioökonomie. Der Begriff bezieht sich auf neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen, die zu einem nachhaltigeren und zukunftsfähigen Wirtschaftssystem beitragen. „Herkömmliche Lösungen für Energieerzeugung, Mobilität und industrielle Produktion, die auf fossilen Rohstoffen basieren, geraten in der Bevölkerung zunehmend unter Rechtfertigungsdruck“, heißt es im Technikradar-Bericht. So sprechen sich beispielsweise mehr als Hälfte der Deutschen in der Befragung dafür aus, dass die Politik Maßnahmen für den Klimaschutz durchsetzt, auch wenn die Wirtschaft darunter leidet.

    Die Bewertung einzelner Themenfelder der Bioökonomie fällt unterschiedlich aus. 88 Prozent der Befragten befürworten den Ersatz von Kunststoffen durch Bioprodukte. Dreiviertel findet Gentherapien bei Erwachsenen gut. 60 Prozent plädieren für mehr Forschungsförderung zur Entwicklung von Bio-Sprit. Aber nur jeder Vierte kann sich mit dem Verzehr von Fleisch aus dem Labor anfreunden. Noch geringer fällt die Zustimmung für gentechnisch veränderte Pflanzen aus.

    Viele dieser Entwicklungen bergen großes Potenzial in einer Welt, die vor drängenden Fragen steht: Wie bewältigen wir globale Krisen? Wie bleiben wir gesund? Wie werden wir wohnen, uns fortbewegen und miteinander kommunizieren? „Diese Fragen können nicht allein von Klimaforschern, Medizinern, Sozial- und Naturwissenschaftlern beantwortet werden“, sagt Martin Lohse.  „Auch deshalb werden Plattformen wie die GDNÄ für einen vernunftgeleiteten und interdisziplinären Dialog der Wissenschaft mit der Gesellschaft und für den Austausch zwischen Jung und Alt immer wichtiger.“

    Technik wird positiv gesehen

    Die Vorrausetzungen für einen Dialog scheinen gut zu sein. So berichtet der Technikradar 2020 von einer breiten Zustimmung in der Bevölkerung für Wissenschaft und technischen Fortschritt. 48,7 Prozent der Befragten glauben, dass die technische Entwicklung nachfolgenden Generationen eine höhere Lebensqualität bescheren wird. Nur 16 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu.

    Die allgemeine Technikfreundlichkeit ist bei 52 Prozent der Befragten stark oder sehr stark ausgeprägt und nur bei elf Prozent gering oder sehr gering. Dabei mache es keinen Unterschied, ob die Befragten in Ost- oder in Westdeutschland, in einer Großstadt oder auf dem Land leben, heißt es in der Auswertung. Männer seien im Durchschnitt noch immer technikaffiner als Frauen. Und je höher der Schulabschluss sei, desto stärker sei auch das Interesse an Technik.

    Was das Technikradar auch zeigt: Ein besseres Verständnis von wissenschaftlichen Ergebnissen erhöht nicht notwendigerweise die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu ändern. Zwar tragen die Aussagen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Corona-Pandemie entscheidend dazu bei, dass Einschränkungen des täglichen Lebens weithin akzeptiert werden. Für den Umwelt- und Klimaschutz gilt das aber nicht. Finanzielle Mehrbelastungen für sich selbst lehnen die meisten Befragten ab und staatlichen Zwang zum umweltgerechten Handeln befürwortet nur ein Drittel.

    Abbildung aus dem „Wissenschaftsbarometer 2020“

    Titelblatt des Technikradars 2020, einer repräsentativen Befragung zur Einstellung gegenüber Wissenschaft und Technik

    Weitere Informationen:

    Reinhard Hüttl: Die eigentliche Krise bleibt der Klimawandel

    „Die eigentliche Krise bleibt der Klimawandel“

    Der Geowissenschaftler Reinhard Hüttl über Forschung in Corona-Zeiten, die Energieversorgung von morgen und den Wert guter Wissenschaftskommunikation

    Herr Professor Hüttl, Ihr Helmholtz-Zentrum beschäftigt knapp 1300 Mitarbeiter. Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Ihr Haus aus?
    Die Arbeit findet nach wie vor zu einem beträchtlichen Teil im Home Office statt. Nur etwa die Hälfte der Beschäftigten arbeitet auf dem Berg, wie wir sagen – also in unseren Büros und Labors auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Reisen ins Ausland sind nur eingeschränkt möglich, Inlandsfahrten nur unter Beachtung des Infektionsschutzes.

    Wie sehr beeinträchtigt das die Forschung?
    Bisher ist noch kein Projekt wegen der Pandemie gescheitert, aber es gibt durchaus erhebliche Verzögerungen. Bestimmte Messungen, die wir nur im Frühjahr durchführen können, mussten in diesem Jahr ausfallen. Das war zum Beispiel bei unserem Projekt in der Lausitz der Fall. Dort untersuchen wir die Auswirkungen des Klimawandels auf Böden und Wälder und testen neue Wege der Landnutzung. Die Corona-Einschränkungen machen vor allem unserem wissenschaftlichen Nachwuchs zu schaffen. Praktika mussten abgesagt werden und den Doktoranden fehlen jetzt Daten für ihre Arbeiten. Die für ihr berufliches Fortkommen so wichtigen Tagungen wurden verschoben oder fallen ganz aus.

    Wie gehen Sie mit dem Problem um?
    Wir wollen auf jeden Fall verhindern, dass wissenschaftliche Karrieren durch die Krise beschädigt werden. Deshalb wurden zum Beispiel die Fristen für Abschlussarbeiten verlängert. Wichtig ist jetzt vor allem das weitere Hochfahren der Forschung. Unser Krisenstab hat dafür ein Konzept für einen eingeschränkten Präsenzbetrieb erarbeitet. Es regelt, wie Labor- und Feldarbeiten unter Beachtung des Infektionsschutzes aufgenommen werden können. Dadurch werden jahreszeitlich bedingte Messungen wieder möglich, aber auch Wartungsarbeiten an Instrumenten.

    Lässt sich die Rückkehr zum Normalbetrieb schon absehen?
    Leider nicht, dafür ist es noch zu früh. Wir gehen davon aus, dass das Infektionsgeschehen unsere Arbeit längerfristig beeinflusst und wir uns im eingeschränkten Präsenzbetreib einrichten müssen. Aber das wird schon klappen. Das Hauptproblem ist ein anderes.

    Welches?
    Die eigentliche Krise ist nach wie vor der Klimawandel. Hitzewellen, Dürren, Starkregen und andere Extremereignisse führen uns das immer deutlicher vor Augen. Bewältigen werden wir die Herausforderung nur durch eine Doppelstrategie. Einerseits müssen wir den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen drastisch senken. Andererseits kommen wir als Gesellschaft und als Industrienation nicht umhin, uns an die Folgen der regionalspezifischen Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. Etwa durch einen Umbau unserer Wälder, eine widerstandsfähigere Landwirtschaft, Maßnahmen für Hochwasserereignisse und eine klimaneutrale Energieversorgung. Hier kann das GFZ mit seinem Wissen und seinen innovativen Technologien maßgebliche Beiträge leisten.

    Haben Sie dafür ein Beispiel?
    Nehmen wir die Thematik verlässliche Energiespeicherung. Wie schnell Lieferketten abbrechen können und wie wichtig eigene Reserven sind, hat uns die Coronakrise aktuell vor Augen geführt. Doch gerade in Deutschland liegt die Lösung nah. Wir verfügen nämlich über große unterirdische Gasspeicher – die viertgrößten in der Welt und die größten innerhalb der EU. Dort können wir Nutzgas über lange Zeit halten und bei Bedarf entnehmen. Die Speicher werden seit Jahrzehnten sicher betrieben. Ihre Zuverlässigkeit hat sich auch in zahlreichen Untersuchungen des GFZ erwiesen.

    Unterirdisch gespeichert wird heute vor allem das Treibhausgas Methan. Wo bleibt da der Klimaschutz?
    Es wird nicht allein bei Methan bleiben. Auch Wasserstoff als völlig kohlenstofffreier Energieträger lässt sich in Salzkavernen wie auch in porösen Gesteinsformationen lagern. Diese Gesteine eignen sich darüber hinaus zur Speicherung von synthetischem klimaneutralem Erdgas, das als zuverlässiger Energieträger helfen kann, die schwankenden Erträge von Wind- und Sonnenkraft auszugleichen. Noch ist die Speicherung eine Schwachstelle der Energiewende, die wir für eine klimafreundliche Zukunft so dringend brauchen. Ein weiterer Pluspunkt unterirdischer Speicher: Dort lässt sich auch Kohlendioxid sicher deponieren, wie wir am GFZ überzeugend nachweisen konnten. Das Gas gelangt nicht in die Atmosphäre, kann jedoch für industrielle Anwendungen je nach Bedarf entnommen werden.

    Wie beurteilen Sie die Nationale Wasserstoffstrategie, die die Bundesregierung jetzt verabschiedet hat?
    Ich begrüße die Strategie ausdrücklich. Sie verbindet Klimaschutz und technologische Innovation und berücksichtigt zudem die erforderlichen Importe. Wasserstoff wird das neue Öl und das neue Gas sein – das haben andere Technologienationen wie Japan, Australien und China längst erkannt. Noch kann Deutschland eine führende Rolle erringen und dafür werden wir uns innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft mit aller Kraft engagieren.

    Aktuell geht es in der öffentlichen Diskussion eher um E-Autos und Ladestationen. Wie passt das zur Wasserstoffstrategie?
    Ich bedaure, dass wir in Deutschland noch so stark auf E-Mobilität und die elektrochemische Energiespeicherung in Batterien setzen. Der enorme Ressourcenverbrauch einschließlich des CO2-Fußabdrucks wird bei diesen Technologien, auch im Vergleich zu konventionellen Antrieben, oft nicht mit eingerechnet. Ein Beispiel: Unter Berücksichtigung aller Umweltbelastungen erreicht ein e-Fahrzeug erst nach etlichen Jahren das Niveau eines vergleichbaren modernen Diesel-Fahrzeugs. Für Industrie, Flugzeuge und Schiffe reicht das Potenzial rein elektrischer Lösungen ohnehin nicht aus. Für eine umweltschonende Kreislaufwirtschaft und zugleich sichere Versorgung brauchen wir klimaneutralen Wasserstoff. Er ist die weitaus bessere Alternative und muss vor allem dort erzeugt werden, wo günstige Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien existieren.

    Herr Professor Hüttl, vielen Dank für das Gespräch.

    Das Gespräch fand im Mai 2020 statt.

    Prof. Dr. Reinhard Hüttl

    Zur Person
    Prof. Dr. Reinhard Hüttl war von 2007 bis 2021 Wissenschaftlicher Vorstand am Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum (GFZ). Nach seiner Habilitation an der Universität Freiburg lehrte und forschte der aus Regensburg stammende Forst- und Bodenwissenschaftler ein Jahr lang in Hawaii, bevor er 1993 auf den Lehrstuhl für Bodenschutz und Rekultivierung an der Brandenburgischen-Technischen Universität in Cottbus berufen wurde. Reinhard Hüttl engagiert sich in vielen wissenschaftlichen Gremien und Institutionen. Er ist Mitglied verschiedener nationaler und internationaler Akademien, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ehrendoktor der Universität für Bodenkultur in Wien. Von 2008 bis 2017 war er Präsident von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.

    Forschung am GFZ
    Das GFZ ist das nationale Forschungszentrum für Geowissenschaften in Deutschland. Grundlagenforschung zur Dynamik der festen Erde ist ein zentrales Anliegen am GFZ; Lösungen für große Herausforderungen der Gesellschaft zu entwickeln, ein weiteres. Die Forschung ist in einer Matrixstruktur mit vier disziplinären Departments und fünf interdisziplinären Forschungseinheiten organisiert. Dabei geht es beispielsweise um die Wechselwirkungen zwischen Erdoberfläche und Klima, aber auch um die ganzheitliche Nutzung von Georessourcen und Geoenergie. Das GFZ beteiligt sich darüber hinaus am GEOFON-Netzwerk zur weltweiten Erdbebenbeobachtung, erfasst die Teilchenstrahlung der Sonne und stellt Satellitendienste zur Verfügung, von denen unter anderem das Funktionieren von Navigationssystemen abhängt. Das GFZ beschäftigt knapp 1300 Mitarbeiter, darunter gut 900 Wissenschaftler. Finanziert wird das Zentrum zu 90 Prozent vom Bund und zu 10 Prozent vom Land Brandenburg. Im Jahr 2020 steht ein Budget von 110 Millionen Euro zur Verfügung.

    Würzburg 2021 | Nächste GDNÄ-Tagung findet vom 10. bis 12. September 2021 statt

    Würzburg 2021

    Nächste GDNÄ-Tagung: 10.-12.9.2021

    Angesichts der gegenwärtigen Corona-Lage hat sich der Vorstand der GDNÄ entschlossen, die Jahresversammlung in das Jahr 2021 zu verschieben. Neuer Termin ist der 10. bis 12. September 2021. Das Thema „Wissenschaft im Bild“ und das Programm sollen so weit wie möglich erhalten bleiben. Das genaue Programm wird im Herbst 2020 auf dieser Website bekannt gegeben sowie im Frühjahr 2021 an die Mitglieder versandt werden. Wir freuen uns, Sie dann 2021 bei einer spannenden Tagung begrüßen zu dürfen. 

    Zusammen mit der Versammlung müssen auch die nächste Mitgliederversammlung und die dort geplanten Wahlen auf dieses Datum verschoben werden.

    Die 132. Versammlung der GDNÄ ist im gewohnten Rhythmus für das Jahr 2022 vorgesehen. In Leipzig, dem Gründungsort der GDNÄ, feiern wir dann das 200-jährige Bestehen unserer Gesellschaft.

    Wissen aus erster Hand

    Wissen aus erster Hand

    Von Quantencomputern und künstlicher Intelligenz über personalisierte Therapien in der Medizin bis zur digitalen Transformation der chemischen Industrie: Wegweisende, attraktiv aufbereitete Vorträge der Versammlung 2018 zum Thema „Digitalisierung der Wissenschaften“ sind im Magazin Naturwissenschaftliche Rundschau erschienen und stehen hier exklusiv zum Download zur Verfügung. Die Beiträge sind reich bebildert und wurden ergänzt durch Kurzporträts der Referenten.

    Die Naturwissenschaftliche Rundschau ist das Organ der Gesellschaft deutscher Naturwissenschaftler und Ärzte. Hier erscheinen die sogenannten Verhandlungsbände als Sonderhefte – immer im Jahr zwischen den Versammlungen. Die Hefte enthalten die Vorträge und Kurzreferate der letzten Versammlung. Die Texte sind so geschrieben, dass sie für interessierte Laien verständlich sind und dabei gleichzeitig hohen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

    Die Naturwissenschaftliche Rundschau wurde 1948 gegründet und erscheint monatlich. Sie veröffentlicht Übersichtsbeiträge von namhaften Wissenschaftlern und Kurzberichte aus Naturwissenschaften und Medizin. Die Zeitschrift versteht sich, ebenso wie die GDNÄ, als Mittlerin zwischen den Disziplinen.

    Hoffentlich kommen bald Lockerungen

    „Hoffentlich kommen bald Lockerungen“

    Eda Siakir Oglou macht ihr Abitur im Corona-Jahrgang 2020. Was das bedeutet und wie ihre Schule im hessischen Schwalbach am Taunus darauf vorbereitet ist, schildert die 18-Jährige im Interview.

    Frau Siakir Oglou, Sie haben gerade Ihr Abitur geschrieben – mitten in der Coronakrise. Fühlten Sie sich dadurch beeinträchtigt?
    Eigentlich nicht. Wir hatten in den Monaten vorher schon vieles von dem, was im Abitur-Erlass Hessen steht, im Unterricht behandelt. Zusätzlich hatte ich die Original-Prüfungsaufgaben mit Lösungen aus dem letzten Abi-Jahrgang durchgearbeitet – vor allem in meinen Leistungskursen Biologie und Kunst. Ich fühlte mich gut vorbereitet und tatsächlich lief dann in der Prüfung auch alles glatt.

    Das klingt, als hätten Sie den Unterricht auf der Endstrecke nicht allzu sehr vermisst.
    Ja, so könnte man sagen. Ich arbeite gern eigenständig und kann mir den Stoff über Bücher und per Internet gut selbst erschließen. In der Vorbereitungszeit war jeder Tag durchgeplant mit Abi-Vorbereitung bis mittags und einer Freizeitaktivität am Nachmittag. Insgesamt hatte ich mehr Zeit für mich als vorher, weil durch die Schulschließung zwei Stunden Busfahrt wegfielen. Mein Alltag war weniger stressig – ich habe die Zeit ziemlich genossen.

    Gab es Kontakt zu den Lehrern?
    Ja, einige Lehrer haben uns Aufgaben oder Tipps fürs Lernen geschickt. Das lief meistens per E-Mail. In die Schul-Cloud, die es seit gut einem halben Jahr gibt, wurde kaum etwas eingestellt. Das geht erst jetzt ganz langsam los.

    In den Medien wird derzeit die mangelnde Digitalisierung deutscher Schulen beklagt. Zu Recht?
    Ich kann das nur für meine Schule sagen und da trifft die Kritik teilweise zu. Immerhin gibt es bei uns Computerräume, in denen wir gelegentlich in Gruppen arbeiten. Wir haben Beamer, um Powerpoint-Präsentationen anzuschauen oder auch mal einen Schulfilm in Biologie.  Einige Lehrer benutzen noch Overheadprojektoren im Unterricht. Arbeitsblätter werden massenhaft ausgedruckt und kopiert – da könnte man durch den Einsatz digitaler Medien sehr viel Papier sparen. Toll fände ich es, wenn der Lernstoff in der Schul-Cloud stehen würde. Das wäre für alle viel transparenter und zuverlässiger als jetzt mit E-Mails – da weiß man nie, ob sie auch wirklich angekommen sind.

    Wie halten Sie in diesen Wochen Kontakt zu Ihren Freunden?
    Vor allem über WhatsApp. Am Anfang der Coronakrise haben wir uns noch persönlich getroffen, später fiel das dann weg. Ich vermisse meine Freunde sehr, den Austausch in den Pausen, den direkten Kontakt – das können soziale Medien nicht ersetzen. Deshalb hoffe ich, dass wir uns bald Lockerungen erlauben können.

    Ihre Schulzeit ist in wenigen Wochen vorbei. Gibt es schon Pläne für danach?
    Ja, klar. Am liebsten würde ich Biomedizin an einer deutschen Universität studieren. Für den Fall, dass das nicht klappt, habe mich um ein Studienstipendium im Fach Biologie in der Türkei beworben.

    Sie sind der GDNÄ seit 2018 verbunden – als Teilnehmerin des Schülerprogramms in Saarbrücken. Es ging um die Digitalisierung der Wissenschaften. Können Sie sich noch an Details erinnern?
    Und ob. Ich erinnere mich an anspruchsvolle, faszinierende Vorträge und dass ich, wenn es um Biologie ging, sehr gut mitkam – dank der tollen Vorbereitung im Leistungskurs. Unvergesslich ist der Auftritt von Nobelpreisträger Klaus von Klitzing. Die Labortouren haben mir besonders gut gefallen, aber auch das Format „Wissenschaft in fünf Minuten“, weil Schüler da selbst etwas gestalten können. Und natürlich das Kulturprogramm mit Ballett und Konzert – uns wurde viel geboten und ich fühlte mich sehr geehrt.

    Können Sie sich vorstellen, die Verbindung aufrechtzuerhalten?
    Ja, auf jeden Fall. Ich würde die Versammlungen sehr gern weiterhin besuchen. Und wer weiß, vielleicht ergeben sich ja noch ganz neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

    Noch Schülerin, bald Studierende: Eda Siakir Oglou macht gerade Abitur an der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach am Taunus.