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  • 200 Jahre GDNÄ Rückblick auf die Jubiläumsversammlung 2022

    200 Jahre GDNÄ

    Rückblick auf die Jubiläumsversammlung 2022

    Jetzt ist es vorüber, das glanzvolle Fest der Wissenschaften, das wir in der prächtigen Atmosphäre der Leipziger Kongresshalle am Zoo feiern konnten. Es waren vier Tage voller anregender Begegnungen und Veranstaltungen. Nach mehr als zwei Jahren Corona-Pause konnten wir, ganz  im Sinne der Gründer unserer Gesellschaft, endlich wieder persönlich zusammenkommen.

    Prominente Redner und Diskussionsteilnehmer stellten das Thema „Wissenschaft im Bild“ aus ihren unterschiedlichen Perspektiven dar. Es zeigte sich, wie interdisziplinär Wissenschaft heute ist und sein muss: Alle Wissenschaften streben danach, Bilder zu erzeugen, und sie nutzen dafür künstliche ebenso wie natürliche Intelligenz, den großen Instrumentenkasten der Informatik, ausgeklügelte Methoden der Physik und eigens konzipierte Bausteine der Chemie. Ein Beispiel: Um die Moleküle des Lebens immer genauer abzubilden, braucht es neue Farbstoffe und Markierungsstrategien, komplexe Licht- und Elektronenmikroskope, effiziente Algorithmen und einleuchtende Visualisierungen.

    Auf der Reise durch wissenschaftliche Bilderwelten durften wir an technologischen und inhaltlichen Durchbrüchen teilhaben, etwa bei der Suche nach Exoplaneten, dunkler Materie und schwarzen Löchern, bei rasend schneller NMR-Bildgebung und einer Lichtmikroskopie auf Nanometerskala und in der Forschung an einzelnen Molekülen und Atomen.

    Alle Redner waren wohlpräpariert zur Stelle, mit Vorträgen, die anspruchsvoll, verständlich und oft auch unterhaltsam waren. Und das nicht nur für die achthundert Gäste im Saal, sondern auch per Livestream, Instagram und Website-Tagebuch für viele andere, wie die beeindruckenden Nutzerzahlen zeigen. Sobald die Filme geschnitten sind, können Sie die Vorträge auf unserem Youtube-Kanal noch einmal anschauen.

    Belebend waren die Diskussionen auf dem Podium, die neben der Sichtweise einzelner Sprecher weitere interessante Perspektiven eröffneten. So etwa beim Festnachmittag zu den Bildern von den Humboldt‘schen Expeditionen und von Forschungsreisen in die Tiefsee und ins Universum; am Sonntag dann zur beginnenden Revolution der RNA-Medizin.

    Rund zweihundert Teilnehmer unseres Schülerprogramms brachten Frische und neue Impulse in die Diskussion. Die Dankbarkeit der jungen Menschen für dieses einzigartige Programm ist überwältigend! Auch das Gästebuch zeugt von glücklich-beseelter Resonanz: „konnten großartige Menschen kennenlernen“, „inspirierende Einblicke in Spitzenforschung", „neue Bilder – neues Weltbild“, „in Begeisterung schwelgend“, „auf dass der Funke überspringe“, „beste Tagung ever“, „komme gern wieder“ – das sind nur einige Beispiele aus vielen handschriftlichen Danksagungen.

    Allen, die zum Gelingen dieses Festes beigetragen haben, sei hier noch einmal gedankt: unseren Gästen, die von nah und fern anreisten, Mitgliedern und Nichtmitgliedern, Jüngeren und Älteren, allen Sprechern und Diskussionsteilnehmern, allen die bei der Vorbereitung und Durchführung halfen in Geschäftsstelle und Vorstand und im lokalen Team von Zoo und Kongresshalle um Jörg Junhold, der Stadt Leipzig und dem Land Sachsen für ihre Gastfreundschaft, der Nikolaikirche mit Sebastian Feydt, der an die friedliche Revolution von 1989 erinnerte, und den Musikern, die uns auf einen intensiven Streifzug durch die Musikgeschichte Leipzigs mitnahmen, den Schülerinnen und Schülern um Paul Mühlenhoff, dem Team Instagram aus Stuttgart um Alexander Mäder, dem Archiv der GDNÄ um Matthias Röschner und allen Ausstellern in der Expo, den Autoren und dem Team der Festschrift um Lilo Berg und Thomas Liebscher, allen Förderern, Spendern und Stiftern.

    Nach der Tagung ist vor der Tagung: Die nächste Versammlung der GDNÄ wird im September 2024 in Potsdam stattfinden, dann unter der Leitung von Heribert Hofer. Für die Präsidentschaft 2025 und 2026 wurde Anke Kaysser-Pyzalla gewählt, die erste Ingenieurin, die der GDNÄ vorstehen wird. Die Planungen reichen also schon recht weit in die Zukunft.

    Die Festversammlung hat gezeigt, dass die GDNÄ gebraucht wird und ein Zukunftsmodell besitzt, das sie weiterentwickeln und ausbauen kann: für einen intensiven Dialog zwischen Disziplinen, für ein belebendes Schülerprogramm, und für Wissenschaftskommunikation im besten Sinne!

    Martin Lohse, Präsident der GDNÄ (2019-2022). 

     

     

    Martin Lohse 2022 © MIKA-fotografie | Berlin

    © MIKA-fotografie | Berlin

    Prof. Dr. Martin Lohse

    Zur Person

    Seit 2019 ist er Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte: Martin Lohse, Professor für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Würzburg und Geschäftsführer des bayerischen Forschungsunternehmens ISAR Bioscience in Martinsried. Martin Lohse prägte die 132. Versammlung der GDNÄ in Leipzig durch das von ihm stammende Tagungsthema „Wissenschaft im Bild“, durch seine Kontakte zu exzellenten Wissenschaftlern und nicht zuletzt durch Ansprachen und Moderationen auf dem Podium. Für seine Forschung über G-Protein gekoppelte Rezeptoren erhielt er den höchsten deutschen Wissenschaftspreis, den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Erst kürzlich machte ihn die Universität von Glasgow zu ihrem Ehrendoktor. Martin Lohse ist Herausgeber der Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der GDNÄ „Wenn der Funke überspringt“.

    Ausführlicher Lebenslauf unter: "Aufregende Zeiten für die Wissenschaft"

    GDNÄ wählt Anke Kaysser-Pyzalla in ihr Präsidium

    GDNÄ wählt Anke Kaysser-Pyzalla in ihr Präsidium

    Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) hat Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla im Rahmen der 200-Jahr-Feier in Leipzig zur Vizepräsidentin gewählt. Die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR) wird in den Jahren 2025 und 2026 Präsidentin der GDNÄ sein.

    Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) hat auf ihrer Mitgliederversammlung im Rahmen der 200-Jahr-Feier am Gründungsort Leipzig Professorin Dr.-Ing Kaysser-Pyzallla zur 2. Vizepräsidentin für die Jahre 2023 und 2024 gewählt. Sie wird in den Jahren 2025 und 2026 die Präsidentschaft der GDNÄ übernehmen und damit in der 200-jährigen Geschichte der Gesellschaft die dritte Frau nach Christiane Nüsslein-Volhard und Eva Maria Neher sein, die der GDNÄ vorsitzt. Heribert Hofer, der die Präsidentschaft der GDNÄ Anfang 2023 von Martin Lohse übernehmen wird, sagt: „Mit Anke Kaysser-Pyzalla kommt eine sehr engagierte Forscherin und Wissenschaftsmanagerin in das Präsidium der GDNÄ. Als Ingenieurin repräsentiert sie die Interdisziplinarität der modernen Wissenschaften.“

    Die GDNÄ ist die älteste interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands. Seit 1822 bringt sie Wissenschaftler, Wissenschaftlerinnen und an Wissenschaft Interessierte zum fächerübergreifenden Austausch zusammen. Der Dialog zwischen Naturwissenschaften, Medizin, Technik und Öffentlichkeit ist das Grundanliegen der GDNÄ. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung junger Menschen mit besonderem Interesse an den Naturwissenschaften. So nahmen an der 132. Versammlung und Festsitzung in Leipzig mehr als 200 Schülerinnen, Schüler und Studierende teil.

    Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

    © DLR

    Prof. Dr.-Ing. Anke Kaysser-Pyzalla

    Zur Person

    Anke Kaysser-Pyzalla hat in Bochum und Darmstadt Maschinenbau und Mechanik studiert. Sie promovierte und habilitierte an der Ruhr-Universität Bochum. Nach Forschungstätigkeiten am Hahn-Meitner-Institut (HMI) und an der TU Berlin forschte und lehrte sie von 2003 bis 2005 an der Technischen Universität Wien. 2005 wechselte sie als Wissenschaftliches Mitglied, Direktorin und Geschäftsführerin in die Leitung der Max-Planck-Institut für Eisenforschung GmbH nach Düsseldorf. 2008 folgte die Berufung zur Wissenschaftlichen Geschäftsführerin der Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH, die unter ihrer Leitung aus der Fusion von HMI und BESSY entstand. 2017 wurde Anke Kaysser-Pyzalla zur Präsidentin der Technischen Universität Braunschweig gewählt. Seit 2020 ist sie Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

    Tag 4 der Festversammlung in Leipzig: Sonntag, 11. September 2022

    Tag 4: Sonntag, 11. September 2022

    Bilder aus dem Körper, RNA-Medizin und Wissenschaft zum Anfassen

    Letzter Versammlungstag, großes Finale und die Stunde der Medizin: Am Vormittag berichtete Professor Jens Frahm vom Göttinger Max-Planck-Institut für multidisziplinäre Naturwissenschaften über einen Paradigmenwechsel in der medizinischen Bildgebung: die Magnetresonanztomografie in Echtzeit, um das schlagende Herz, den Blutfluss, das Schlucken und Sprechen in voller Dynamik abzubilden. Im Podium zur RNA-Medizin der Zukunft stellten Professorin Stefanie Dimmeler von der Universität Frankfurt und die Professoren Jörg Vogel und Lorenz Meinel von der Universität Würzburg die faszinierenden Möglichkeiten der Ribonukleinsäure-Medizin vor und diskutierten über das, was heute schon machbar ist und was sich für die Zukunft abzeichnet. (Bericht folgt)

    © GDNÄ

    Die ingenieurwissenschaftlerin Anke Kaysser-Pyzalla wurde zur 2. Vizepräsidentin für die Jahre 2023 bis 2024 gewählt – und damit zur GDNÄ-Präsidentin 2025 bis 2026.

    Die Jubiläumstagung habe gezeigt, wie sehr Physik und Technik, Biologie und Medizin heute ineinandergreifen, hob GDNÄ-Präsident Professor Martin Lohse in seinem Abschiedswort hervor. Ihm selbst wurde vom nächsten Präsidenten, Professor Heribert Hofer, für die „hervorragende Leitung“ der Naturforschergesellschaft gedankt – eine Aufgabe, die coronabedingt vier Jahre statt der üblichen zwei Jahre währte. Herzlichen Applaus gab es auch für Katja Diete und Sylvia Landeck von der GDNÄ-Geschäfsstelle für die anspruchsvolle Organisation der Tagung. Dann noch ein Blick ins Übermorgen: Die Ingenieurwissenschaftlerin Anke Kaysser-Pyzalla hat die Wahl der Mitgliederversammlung angenommen und wird GDNÄ-Präsidium in den Jahren 2025 bis 2026. Heribert Hofer lud alle Freundinnen und Freunde zur nächsten Versammlung ein, die für das zweite Wochenende im September 2024 in Potsdam geplant ist. Krönender Abschluss der Tagung war die Übergabe der Teilnahmeurkunden an die fast 200 Stipendiatinnen und Stipendiaten des Schülerprogramms. Finale Erkenntnis der Jubiläumstage in Leipzig: Die Bühne im schönen Art-Deco-Kongresssaal hielt, entgegen mancher Befürchtung, der Belastung stand!

    © GDNÄ

    Exzellente Organisation und Betreuung: Das Tagungsteam mit Katja Diete (Zweite von links) und Sylvia Landeck (Dritte von links).

     

     

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © GDNÄ

    Die Bühne in der Kongresshalle am Zoo Leipzig hielt dem Ansturm der Schülerinnen und Schüler stand.

    Versammlungshashtag: #gdnae200

    Weitere Informationen:

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © GDNÄ

    Zoe Klee vom Bielefelder Ratsgymnasium mit ihrer GDNÄ-Urkunde.

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © GDNÄ-Pedometer

    Tagungsmarathon: In der Versammlungswoche lief Sylvia Landeck von der GDNÄ-Geschäftsstelle mehr als sechzig Kilometer durch die Kongresshalle und sorgte mit dafür, dass alles wie am Schnürchen lief.

    Tag 3 der Festversammlung in Leipzig: Samstag, 10. September 2022

    Tag 3: Samstag, 10. September 2022

    Von extrasolaren Planeten, Koryphäen in spe und Bilder aus Hollywood

    Der dritte Versammlungstag ist den Bildern aus Physik, Technik und Informatik gewidmet und führt am Vormittag zum Beispiel geradewegs in galaktische Weiten. Als kundige Reiseleiterin überzeugt Professorin Heike Rauer, Direktorin des Instituts für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Sie hat nicht nur ein faszinierendes Vortragsthema – die Vielfalt extrasolarer Planeten –, sie kann es auch verständlich und inspirierend vermitteln.

    Die Reise führt über das bekannte Sonnensystem mit seinen acht Planeten hinaus in extrasolare Dimensionen, deren Erkundung mit den in den 1970-er Jahren gestarteten amerikanischen Voyager-Sonden begann. 1995 konnte mit „51 Pegasus b“ der erste extrasolare Planet dingfest gemacht werden, und zwar am französischen Observatorium Haute Provence. Die Entdeckung machte weltweit Schlagzeilen und brachte den beiden Forschern, Michel Mayor und Didier Queloz, im Jahr 2019 den Physiknobelpreis ein.

    Inzwischen seien mehr als fünftausend Planeten um Sterne jenseits unseres Sonnensystems bekannt, sagt Heike Rauer. „Wir sind die erste Generation von Menschen, die Planeten um einen anderen Stern sehen können – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, das ist einfach fantastisch.“ Damit einher gehe allerdings auch die Einsicht, dass unser Sonnensystem vielleicht gar nicht so einzigartig ist, wie man lange glaubte. Rauer: „Was sich natürlich auch aufdrängt, ist die alte Menschheitsfrage: Gibt es da draußen Leben? Sind wir nicht allein auf dieser Welt?“

    Doch wie schafft man es, Bilder von Planeten zu machen? Schließlich sind ihre Sterne millionenfach heller als die Trabanten. Um dennoch etwas zu sehen, decke man das Licht mit Blenden ab, berichtet Heike Rauer – ähnlich wie ein Mensch, der sich im grellen Licht die Hand vor die Augen hält. Mit der Methode der „Koronografie“ können wir tatsächlich ein Bild von Planeten außerhalb des Sonnensystems bekommen, auch wenn diese aufgrund der großen Entfernung nur als Punkte sichtbar sind. Leider sei dies aber bisher für nur sehr wenige Planeten möglich. Die zurzeit erfolgreichste Methode sei die sogenannte fotometrische Transitmethode: Mit ihr lassen sich Planeten entdecken, sobald der umlaufende Planet von der Erde aus gesehen vor dem Stern vorbeizieht und ihn dabei entsprechend seiner Größe verdunkelt.

    Als Beobachtungsplattformen dienen Satelliten. Den ersten künstlichen Trabanten brachte die französisch-europäische Mission CoRoT ins All; es folgten die NASA-Missionen Kepler/K2 und TESS sowie die ESA-Missionen CHEOPS und in Zukunft PLATO.  „Die Kepler- und TESS-Missionen haben auch Citizen-Science-Projekte“, sagt Heike Rauer. Frische Daten würden sofort ins Netz gestellt, um allen Interessierten, auch Amateuren, die Planetensuche zu ermöglichen. Ihre Mitarbeiterin habe in diesen Daten „GJ367b“ entdeckt – „ein extrem schneller, sehr sternnaher und für Menschen leider unbewohnbarer Planet, der hauptsächlich aus Eisen zu bestehen scheint.“

    Das große Ziel ihrer Zunft sei es, habitable Gesteinsplaneten zu finden. „Kleine Planeten entdecken wir immer wieder, aber bisher leider keine zweite Erde – auch wenn das in den Medien oft suggeriert wird.“ Um in der planetaren Vielfalt eines Tages vielleicht doch noch fündig zu werden, sei jetzt die Zeit für eine große Bestandsaufnahme gekommen. Diesem Ziel dient das ESA-Weltraumteleskop PLATO, dessen Instrumentenkonsortium Heike Rauer leitet. PLATO soll von Ende 2026 an die Milchstraße nach erdähnlichen Planeten absuchen, und zwar mit 26 Kameras, die kleinste Schwankungen der Sternhelligkeit hochgenau messen können. Rauer: „Das ist die die bisher größte Fläche an lichtempfindlichen Sensoren, die jemals gebaut wurde." Nachfolgende Missionen sollen, so der Plan, die Atmosphären der gefundenen erdähnlichen Planeten untersuchen, um mehr über ihre Bewohnbarkeit herauszufinden.

    „Was wir heute wissen, ist: Das Sonnensystem ist nicht die Norm, vielmehr haben wir da draußen eine große Vielfalt“, sagt die Astrophysikerin. In ihrer Disziplin sei es gerade ein bisschen wie in der Botanik, als die ersten Forscher in die Natur gingen, um Pflanzen zu sammeln und zu ordnen. Heike Rauer: „Wir sind wie Kinder, die staunen und Fragen über Fragen haben.“

     

     

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © ESA - C. Carreau

    Die Welt extrasolarer Planeten als künstlerische Impression.

    Versammlungshashtag: #gdnae200

    Weitere Informationen:

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © GDNÄ

    Heike Rauer bei ihrer Vorlesung über die Vielfalt extrasolarer Planeten.

    Fünf Fragen an Liv und Finn Hille

    Mit seinen 20 Jahren ist Finn Hille bereits Alt-Kollegiat. Der Medizinstudent im fünften Semester war das erste Mal 2018 beim Schülerprogramm in Saarbrücken dabei und macht, weil es ihm damals so ausnehmend gut gefallen hat, in Leipzig zum zweiten Mal mit. Mit ihm sind gut zwanzig weitere Ehemalige angereist. „Viele haben einen weiten Weg auf sich genommen, um jetzt wieder dabei zu sein – das spricht für eine große Begeisterung“, sagt der Bonner Student.  Seine Schwester Liv Hille, 16 Jahre, steht neben ihm. Sie ist Schülerin am Bonner Clara-Schumann-Gymnasium und hat sich, nachdem ihr Bruder zu Hause so angeregt über seine Saarbrücker Erfahrung berichtet hatte, direkt bei der GDNÄ-Geschäftsstelle um einen Platz im diesjährigen Schülerprogramm beworben. Liv hat schon recht klare Vorstellungen von ihrer Zukunft: „Ich will Humanmedizin studieren, vielleicht auch Chemie“, sagt die junge Frau. „Auf jeden Fall möchte ich Wissenschaftlerin werden.“

    Wie gefällt es Ihnen hier auf der Tagung?

    Liv: Ich bin sehr beeindruckt und habe großen Respekt vor allen, die hier vortragen. Das ist ja ein Gefühl, das man schnell als junger Mensch bekommen kann, aber hier muss ich nicht schüchtern sein und kann mit berühmten Wissenschaftlern ins Gespräch kommen. Mir macht das Mut, selbst eine Koryphäe in einem Fach zu werden. Die meisten Mitkollegiaten haben schon ihre fachlichen Schwerpunkte, aber alle sind sehr offen und wir haben viele gute Diskussionen.

    Finn: Ich bin völlig von den Socken, was die Interdiszplinarität auf dieser Versammlung angeht. In der Medizin kommen ja viele grundlegende Erkenntnisse aus den Grenzbereichen und hier erhalte ich so viele Impulse aus anderen Gebieten, über die ich noch lange nachdenken kann. Was mir hier auch besonders gut gefällt, ist die große Diskursfreude – unter den Vortragenden, den Besuchern und im Schülerprogramm. Die GDNÄ ist ein Modell für die Zukunft, ein Ideal: So sollte Wissenschaft sein.

    Die Vorträge sollen, so das Ziel, anspruchsvoll und verständlich sein. Gelingt das und was machen Sie, wenn Sie etwas mal nicht direkt verstehen? 

    Liv: Bei manchen Vorträgen wird ein großes Grundwissen vorausgesetzt, das ich so noch nicht haben kann. Wenn Schwierigkeiten auftauchen, dann versuche ich den Vortrag anhand der Beispiele, die vorgestellt werden, wenigstens im Ansatz zu verstehen. Sollte das nicht gelingen, konzentriere ich mich auf das, was ich verstehe, und kann mir darüber oft vieles andere erschließen. Ich finde, es ist normal, nicht alles sofort zu verstehen. Ich knie mich dann rein und lerne dazu.

    Finn: Natürlich stoße ich bei einigen Vorträgen auf Verständnisgrenzen. Dann mache ich es so wie ich es der Uni auch mache: Ich trete einen Schritt zurück und arbeite mich am roten Faden des Vortrags zurück bis zu einem Punkt, an dem ich wieder anknüpfen kann. Das ist meistens möglich, weil die GDNÄ-Vorträge hervorragend strukturiert sind. Sollte mir die erste Strategie nicht weiterhelfen, versuche ich, mich auf Aspekte zu konzentrieren, die ich einordnen kann und suche dann Bezüge zu meinem eigenen Fach.

    Auf dieser Tagung wird Deutsch gesprochen. Wie finden Sie das?

    Liv: Für meine Generation macht das den Zugang leichter. Wir sprechen alle ganz gut Englisch, aber auf Deutsch kommt man schneller und besser ins Gespräch.

    Finn: Ich finde das angemessen für eine große Wissenschaftsnation, auch Tagungen in der Muttersprache abzuhalten und pflege diese Tradition gern mit. Bei Fachtagungen ist das etwas anderes. Da ist es wichtig, dass Experten aus vielen Länder sich in einer Sprache austauschen und das ist praktischerweise Englisch.

    Auf der GDNÄ-Versammlung sind viele Generationen vertreten. Wie ist das für Sie?

    Liv: Es ist beeindruckend, dass viele ältere Menschen von weither anreisen. Ich finde den Dialog zwischen den Generationen hier sehr gelungen und diskutiere gern mi erfahrenen Wissenschaftlern. Ich hatte zum Beispiel eine interessante Unterhaltung über Wissenschaftskommunikation mit einer Geologin im Vortragssaal.

    Finn: Nicht nur die hier Vortragenden haben eine spannende Lebensgeschichte. In der Frühstückspause setzte sich beispielsweise ein älteres Pärchen zu uns. Die beiden kommen aus der Nähe von Stuttgart, er ist Chemiker – wir haben uns über den Vortrag über Biodiversität unterhalten, aus dem wir alle gerade kamen.

    Wie bleibt die GDNÄ auch in Zukunft attraktiv?

    Finn: Ich würde mir wünschen, dass die GDNÄ sich mehr einmischt in öffentliche Debatten. Sie hat da auch eine große Verantwortung. Ich denke da zum Beispiel an Initiativen zur Prävention von Infektionskrankheiten, die ein globales Risiko darstellen.

    Liv:  Die GDNÄ hat so viel zu sagen. Ganz bestimmt wären auch an den Universitäten viele junge Menschen begeistert, hier mitzumachen. Aber noch fehlt es vielleicht an der direkten Einladung.

     

     

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © GDNÄ

    Liv Hille, 16 Jahre

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © GDNÄ

    Finn Hille, 20 Jahre

    Aladin © The Walt Disney Company

    © The Walt Disney Company

    Szene aus dem Disney-Film „Aladdin“ (2019).

    Bilder aus Hollywood

    Zum Abschluss des dritten Versammlungstages lädt Professor Markus Gross von der ETH Zürich das Publikum ein, ihm hinter die Kulissen des Filmbetriebs zu folgen. Für seinen Vortrag „Informatik für die Bilder aus Hollywood“ erntet er enthusiastischen Applaus. (Bericht folgt)

     

     

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © GDNÄ

    Markus Gross bei seinem Vortrag in Leipzig.

    Tag 2 der Festversammlung in Leipzig: Freitag, 9. September 2022

    Tag 2: Freitag, 9. September 2022

    Von Mini-Hirschen, Kamerafallen und neuen Materialien

    So viele spannende Vorträge an einem Tag, so viele schöne Begegnungen auf dem Flur, dazu der Markt der Wissenschaften mit tollen Exponaten – gar nicht so einfach, alles in einen Tag zu packen. Deshalb reicht es an dieser Stelle, wie gestern auch schon, nur für einige Impressionen – mit einem viel reicheren Programm im Hintergrund. Nussschokoladensplitter sozusagen, um es in Anlehnung an den schönen Beton-Vergleich von Jan Wörner gestern Nachmittag zu sagen.

    Lange Vorrede, los geht’s: Der Freitag begann mit einem Vortrag von Dr. Andreas Wilting zum Thema „Verborgenen Wildtieren tropischer Regenwälder auf der Spur“. Andreas Wilting ist Tropenbiologe und forscht am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin-Friedrichsfelde. Mit Blick auf das Tagungsthema „Wissenschaft im Bild“ stellte er in Leipzig zunächst seine Arbeit mit Kamerafallen vor, die ihm ganz neue Einblicke in die Lebenswelt tropischer Regenwälder erlaubt. „Wir dachten zum Beispiel, wir wissen alles über Orang-Utans und waren uns sehr sicher, dass die Tiere sich hauptsächlich in den Baumwipfeln aufhalten.“ Die Kamerafallen auf Borneo aber zeigten den Forschern um Andreas Wilting, dass Orang-Utans sich oft auf dem Boden aufhalten und sich dort, wie man sehen kann, auch sehr wohlfühlen. „Unser bisheriges Weltbild stimmte nicht“, räumt der 43-Jährige ein.

    Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

    © IZW / Re:wild / SIE / NCNP

    Mit der Kamerafalle ertappt: ein Vietnam-Kantschil.

    Kamerafallen ermöglichten vor einigen Jahren auch die spektakuläre Wiederentdeckung einer Art, des Vietnam-Kantschils. Die erstaunlich kleine Hirschart hatte man für ausgestorben gehalten (siehe Interview in der Randspalte) – die Wiederbegegnung machte weltweit Schlagzeilen. 

    In einem weiteren Schritt bringen die Berliner Forscher Kamerafallendaten mit hochauflösenden Satellitendaten zusammen, um funktionelle Karten zur Verbreitung von Arten zu erstellen. So konnten sie beispielsweise zeigen, dass der Klimawandel auch in Tropen bereits schlimme Folgen für die Artenvielfalt hat. Auf Borneo wurden mit der Methode bestimmte Gebiete kartiert, die besonderen Schutz brauchen. 

    Angeheizt werde der Verlust von Säugetieren neben dem Klimawandel vor allem durch Waldrodungen und illegale Jagd, vor allem mithilfe von Drahtschlingen, berichtete Andreas Wilting. Zwar würden Ranger im Auftrag von Naturschutzorganisationen immer wieder Drahtschlingen entfernen, aber angesichts von schätzungsweise 13 Millionen dieser Tierfallen allein in Vietnam, Kambodscha und Laos sei der Kampf ziemlich hoffnungslos. Der große Hunger auf Wildtierfleisch, vor allem in asiatischen Großstädten, sei ungebrochen und noch gelte die illegale Jagd als Kavaliersdelikt.

    Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

    © Green Viet

    Aufstellung einer Kamerafalle in Vietnam.

    Neuerdings kombiniert das Team um Wilting die Daten aus Kamerafallen mit genetischen Daten, gewonnen aus Blutegeln, die in der Umgebung von Fotofallen gefangen werden. „Unsere Blutegelproben enthalten die DNA von mehreren Säugetieren und auch Viren dieser Tiere. Über die Blutegel können wir mögliche neue, noch unbekannte Viren finden können“, sagt der Berliner Forscher. 

    Was die Wildtierforscher noch planen? Eine immer großflächigere Erfassung sei das eine, berichtet Andreas Wilting, mehr Tempo das andere: „Wir müssen schneller werden. Oft dauert es Jahre von der Probennahme bis zur Analyse. Wir brauchen eine Fast-Echtzeit-Erfassung der Wildtiere, um sie besser schützen zu können.“

     

     

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © GDNÄ

    Dr. Andreas Wilting

    Drei Fragen an Andreas Wilting

    Wie kamen Sie zu dieser Forschung?
    Entscheidend für meine spezielle Ausrichtung war ein Auslandsjahr während meines Studiums in Nepal und Malaysia. In Nepal konnte ich in verschiedene Artenschutz- und Naturschutzprojekte reinschnuppern, etwa zum Schutz von Tigern. Wir haben das zusammen mit der lokalen Bevölkerung gemacht, das finde ich wichtig. In Malaysia gab es eine gute Kooperation mit einheimischen Fachleuten aus der Forstwirtschaft. Bis heute ist mir der enge Bezug zu den Nutzern meiner Forschung wichtig. 

    Was war Ihre faszinierendste Entdeckung?
    Wenn ich das nicht allein auf mich beziehen darf, sondern auf meine Arbeitsgruppe: Das Beeindruckendste war die Wiederentdeckung des Vietnam-Kantschils. Vor hundert Jahren wurde diese kaninchengroße Hirschart erstmals beschrieben, vor dreißig Jahren auf einem asiatischen Wildtiermarkt erneut gesichtet. Meine Arbeitsgruppe hat den Fund 2019 in einem Nature-Journal publiziert. Mithilfe von Kamerafallen konnten wir inzwischen drei Populationen in drei Provinzen Vietnams entdecken. Wir suchen jetzt nach weiteren Kantschil-Populationen und setzen mit vietnamesischen Kollegen alles daran, die seltene Tierart zu schützen. Dass uns ähnliche Wiederentdeckungen bei anderen verschollenen Tierarten gelingen, halte ich für unwahrscheinlich. 

    Thema Biodiversität: Wo stehen wir in zehn Jahren?
    Ich befürchte, dass wir den Artenschwund in diesem Zeitraum nicht aufhalten können, trotz neuer Methoden zur Bestandserfassung. Die Belastungsfaktoren sich einfach zu groß, vor allem durch illegale Jagd, Waldverlust und Klimawandel. Bis die Populationen sich wieder erholen, dauert es mindestens dreißig, vierzig Jahre – falls sich auf vielen Ebenen sehr viel ändert.  

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © WWF Viet Nam

    Ein Ranger mit eingesammelten Drahtschlingen.

    Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

    Liebig-Denkmünze for Claudia Felser 

    Traditionell verleiht die Gesellschaft Deutscher Chemiker ihre Liebig-Denkmünze für hervorragende Leistungen auf dem gesamten Gebiet der Chemie auf den Versammlungen der GDNÄ. In diesem Jahr ging sie an Professorin Claudia Felser, Direktorin am Max-Planck-Institut für die Chemische Physik fester Körper in Dresden. Ausgezeichnet wurde die Chemikerin unter anderem für Design, Synthese und die physikalische Untersuchung neuer Quantenmaterialien.

    Drei Fragen an Claudia Felser

    Sie sind die erste Frau, die die Liebig-Denkmünze allein erhält. Es gibt diese Auszeichnung seit 117 Jahren. Was sagt Ihnen das?
    Wir brauchen mehr Frauen in den Naturwissenschaften und insgesamt in akademischen Führungspersonen. Es wäre toll, schon bald weitere Kolleginnen als Preisträgerinnen zu sehen. Ich bin für den Tenure-Track nach amerikanischem Vorbild, der es ermöglicht, die eigene Karriere langfristig zu planen. Meine Tochter zum Beispiel ist Ingenieurin und promoviert gerade in Deutschland. Sie strebt keine wissenschaftliche Karriere an, weil sie nicht so oft umziehen möchte.

    Wie sind Sie denn auf Ihren Weg gekommen?
    Ich sollte eigentlich nicht aufs Gymnasium gehen, sondern wurde von meiner Mutter auf die Realschule geschickt. Aber ich war sehr gut in Mathe und Physik und ein Lehrer hat dann dafür gesorgt, dass ich doch aufs Gymnasium kam – in der achten Klasse. Auf der neuen Schule gab es einen Chemielehrer, der mich begeisterte. Er hat mich dann bestärkt, Chemie und Physik zu studieren. Aber das habe ich mir zu dem Zeitpunkt nicht zugetraut, vielmehr machte ich zuerst einen typischen Frauen-Umweg und studierte Sonderpädagogik. Was mich später sehr vorangebracht hat, war die große Freiheit, die ich in meiner Forschung hatte, mein wissenschaftlicher Fokus an der Grenze zwischen Physik und Chemie – und vor allem meine fabelhaften Mentoren, denen ich sehr dankbar bin.

    Was begeistert Sie an Ihrer Forschung?
    Das Grundlegende und die Anwendungsnähe, beides. Wir machen Experimente mit anorganischen Materialien, um ganz neue Eigenschaften zu entdecken, die nützlich sein könnten, um zum Beispiel Abwärme in Strom zu verwandeln. Abwärme von Autos, von Häusern oder von Kraftwerken. Wir machen außerdem Experimente, von denen wir Auskunft über den Ursprung des Lebens und des Universums erwarten.

     

     

    Versammlungshashtag: #gdnae200

    Weitere Informationen:

    Matthias Röschner © Deutsches Museum

    © GDNÄ

    Prof. Dr. Claudia Felser

    Museumsinsel Ansicht Herbst © Deutsches Museum

    © Paul Mühlenhoff

    Physiknobelpreisträger Professor Reinhard Genzel nach seinem Vortrag bei der GDNÄ, umringt von Schülerinnen und Schülern.