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  • Über Wissenschaft in unsicheren Zeiten

    Über Wissenschaft in unsicheren Zeiten

    Wissenschaft befasst sich mit dem Unbekannten. Sie tastet sich in Neuland vor, verirrt sich dabei auch manchmal und nähert sich doch allmählich der Wahrheit an. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind vorläufig, aber jede neue Einsicht führt uns weiter.

    Viele Schlüsselfragen von Gesellschaft und Wissenschaft reichen weit über die Grenzen der Disziplinen hinaus: Wie bewältigen wir globale Krisen? Wie bleiben wir gesund? Wie werden wir wohnen, uns bewegen, miteinander kommunizieren? Das sind Fragen, die Klimaforscher, Mediziner, Sozial- und Naturwissenschaftler nicht allein beantworten können. Benötigt werden Plattformen für den interdisziplinären Dialog, den Austausch von Jung und Alt und den Wettstreit unterschiedlicher Argumente. Foren für offene, vernunftgeleitete Debatten – darin hat die GDNÄ eine große Tradition, das kann sie gut.

    Gerade heute, in Zeiten der Corona-Pandemie und des Klimawandels, brauchen wir das gesamte Fachwissen, um zu bestehen. Einseitige Ansätze führen meistens in die Irre. Sie sind oft blind für verborgene Wechselwirkungen, etwa zwischen Überbevölkerung und Gesundheit, Mobilität und Public Health und die Auswirkungen auf Gesellschaft, Volkswirtschaft und Politik. Erkennen können wir die tieferliegenden Muster nur, wenn wir unser wissenschaftliches Know-how bündeln. Daher möchte ich Sie einladen: Machen Sie mit! Lassen Sie uns gemeinsam Fragen stellen und nach Antworten suchen, Erkenntnisse teilen und sie zum öffentlichen Nutzen weitergeben – in der GDNÄ!

    Martin Lohse © David Ausserhofer

    Martin Lohse 2022 © MIKA-fotografie | Berlin

    Der Heidelberger Virologe über seinen Kurs in der Corona-Krise

    Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich

    Der Tag müsste gerade 48 Stunden haben für Hans-Georg Kräusslich. Eine Telefonkonferenz nach der anderen, Visiten am Krankenbett, Besprechungen im Labor – der Heidelberger Professor für Virologie hat immer viel zu tun, in der Corona-Krise ist er jedoch im Dauereinsatz. Am Uniklinikum Heidelberg steht GDNÄ-Mitglied Kräusslich nicht nur als Leiter des Zentrums für Infektionsmedizin im Mittelpunkt des Geschehens, als Dekan der Medizinischen Fakultät ist er auch dafür verantwortlich, dass die ganze Klinik funktioniert. Daneben treibt er als Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) Studien zu „SARS-CoV-2“ voran, dem Auslöser der weltweiten Pandemie.

    Neue Testmethoden zur Diagnose, antivirale Medikamente und ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus stehen am DZIF ganz oben auf der Agenda. Zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Infektiologie wird derzeit ein europaweites Fallregister aufgebaut, um klinische Daten von Infizierten zu sammeln. Das Register soll zum Beispiel zeigen, unter welchen Umständen Patienten nach einer Infektion schwer erkranken, wann sie mit leichten Symptomen davonkommen und welche Maßnahmen sich am besten bewähren. „Wir sind sehr zuversichtlich, einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen das Virus leisten zu können“, sagt Hans-Georg Kräusslich, der auch in diesen Zeiten größter Anspannung ruhig und besonnen wirkt.

    Aktuell engagiert er sich zusätzlich als Mitglied einer Expertengruppe, die einen Stufenplan für die Zeit nach dem Corona-Stillstand vorgelegt hat. „Als Gesellschaft müssen wir jetzt Szenarien für einen schrittweisen Weg zurück in die Normalität entwickeln“, begründet der Heidelberger Mediziner seinen Einsatz.

    Mitglied der GDNÄ ist Hans-Georg Kräusslich seit fast vierzig Jahren. Im September 1982 besuchte er als Medizinstudent die Versammlung in Mannheim, die unter dem Motto „Fortschrittsberichte aus Naturwissenschaft und Medizin“ tagte. Dort hörte der damals 24-Jährige eine Reihe von Vorträgen, wobei ihn der Beitrag des deutschstämmigen US-Virologen Peter K. Vogt besonders faszinierte. Vogt sprach in Mannheim über krebsauslösende Gene, sogenannte Onkogene. Diese Forschungsrichtung stand damals noch ganz am Anfang und Vogt zählte mit seinem Labor an der University of Southern California in Los Angeles zu den Pionieren. „Ich war sehr beeindruckt von den Neuigkeiten, die ich auf der GDNÄ-Versammlung erfuhr“, sagt Hans-Georg Kräusslich rückblickend. Sein Faible für die die Virologie sei damals geweckt worden – und habe sich in seiner Zeit als Postdoc in den USA weiter verstärkt.

    Nach Deutschland zurückgekehrt baute der junge Mediziner am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine Gruppe auf, die Aidsviren erforschte. Mitte der 1990er-Jahre ging er ans Heinrich-Pette-Institut in Hamburg, dessen Direktor er bis 1999 war. Im Jahr 2000 wurde Kräusslich Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg und seit 2003 ist er Direktor des Zentrums für Infektiologie. Im Herbst 2019 wählten seine Kollegen ihn zum Dekan der Medizinischen Fakultät Heidelberg.

    „Gerade für Schüler und Studierende bietet die GDNÄ hervorragende Gelegenheiten, mit Wissenschaftlern in Kontakt zu kommen und aktuelle Forschungsrichtungen kennenzulernen“, sagt Hans-Georg Kräusslich. Ihm hat die Tagung vor fast vierzig Jahren den entscheidenden Impuls gegeben – auch deshalb ist er „seiner“ GDNÄ treu geblieben.

    Wolfgang Wahlster erhält Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Prag

    Wolfgang Wahlster erhält Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Prag

    Der Informatiker Prof. Dr. Wolfgang Wahlster, GDNÄ-Präsident 2017-2018 und Chefberater des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), hat die Ehrendoktorwürde der Tschechischen Technischen Universität (CTU) Prag entgegengenommen. Die Zeremonie fand in Anwesenheit des tschechischen Vizepremiers und Wirtschaftsministers Dr. Karel Havlíček im Januar 2020 in der Prager Betlehemskapelle statt.

    Wolfgang Wahlster erforscht die Interaktionen von Mensch und Technik sowie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ entwickelt er Schnittstellen, mit denen Menschen und Roboter reibungslos zusammenarbeiten können. Zentral sind hierbei Algorithmen, die ständig dazulernen und Prozesse optimieren.

    Wahlster arbeitet seit mehreren Jahrzehnten eng mit der Tschechischen Technischen Universität (CTU) zusammen. Aus der Kooperation von DFKI und CTU geht etwa auch das 2019 ins Leben gerufene Forschungs- und Innovationszentrum für fortgeschrittene industrielle Produktion (RICAIP) hervor, das mit rund 50 Millionen Euro von der EU gefördert wird.

    Die Ehrendoktorwürde der CTU Prag ist dritte internationaler Würdigung dieser Art, die Wolfgang Wahlster zugesprochen wurde.

    Prof. Wolfgang Wahlster in seiner Dankesrede am 21. Januar 2020 an der CTU.

    „Das Bedürfnis nach Fakten wächst“

    PREISVERLEIHUNG

    „Das Bedürfnis nach Fakten wächst“

    „Wir dürfen das Publikum nicht unterfordern“: Der Journalist Gert Scobel bei seiner Preisrede in Essen.

    Gert Scobel ist Fernsehjournalist, Wissenschaftsautor und Philosoph. Seit vielen Jahren moderiert er im Programm 3sat die wöchentliche Wissenschaftssendung „scobel“. Seit 2016 ist er zudem Honorarprofessor für Philosophie und Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Gert Scobel kam 1959 in Aachen zur Welt und studierte Philosophie und katholische Theologie in Frankfurt/Main und Berkeley/USA. Für seine Verdienste um die Vermittlung komplexer Wissenschaftsthemen wurde er am 10. Dezember 2019 mit der Lorenz-Oken-Medaille der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte ausgezeichnet.

    Gert Scobel, Fernsehmoderator und Lorenz-Oken-Preisträger, über das Besondere dieser Auszeichnung, seine Arbeitsweise als Journalist und seine Empfehlungen für kommunizierende Wissenschaftler.

    Herr Scobel, Sie haben schon viele Auszeichnungen bekommen. Was bedeutet Ihnen die Lorenz-Oken-Medaille der GDNÄ?
    Gert Scobel: Sie bedeutet mir sehr, sehr viel. Dass das auch für andere gilt, habe ich bei der Resonanz auf diesen Preis bemerkt, die erstaunlicherweise viel größer ist als bei anderen Auszeichnungen. Die Lorenz-Oken-Medaille hat für mich auch deshalb Bedeutung, weil es kein reiner Journalistenpreis ist. Ich fühle mich buchstäblich geadelt, weil ich jetzt in einer Reihe mit Wissenschaftlern stehe, die meine eigenen Helden sind.

    An wen denken Sie dabei?
    Scobel: Zum Beispiel an den Quantenphysiker Anton Zeilinger und an Hermann Haken, den Begründer der Synergetik. Und an meinen Kollegen Harald Lesch.

    Für Ihren Vortrag bei der Verleihungsfeier haben Sie Alexander von Humboldt als Thema gewählt. Warum?
    Scobel: Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens arbeitete Humboldt von Anfang an interdisziplinär. Zweitens hat er das, was er unter Bildung verstand, in Theorie und Forschung eingelöst. Drittens war er der größte Wissenschaftskommunikator seiner Zeit, möglicherweise sogar einer der größten bis heute. Und er hat ein Thema behandelt, das mir sehr am Herzen liegt, nämlich die Frage des Umgangs mit Komplexität.

    Werfen wir einen Blick auf Humboldt als Kommunikator. Es hat als Wissenschaftler viele öffentliche Vorträge gehalten. Ist er noch ein Vorbild für die Forscher von heute?
    Scobel: Übertragen auf die heutige Zeit könnte man sagen, Humboldt war der erste Youtuber. Ich weiß nicht, was genau er heute gemacht hätte, vielleicht hätte er gebloggt wie verrückt. Damals hat Humboldt alle Mittel genutzt, die ihm zur Verfügung standen. Humboldt hat übrigens die erste Infografik erstellt, die wirklich viral ging. Ich meine das berühmte Schaubild, in dem er Landschaften und Gebirgsprofile nach Klimazonen aufgeteilt hat. Das haben viele andere Forscher dann auch verwendet.

    Was würden Sie Wissenschaftlern raten, die mehr in der Öffentlichkeit kommunizieren wollen?
    Scobel: Sie müssen sich genau überlegen, welche Inhalte sie kommunizieren wollen und wem gegenüber. Beispielsweise kann ich als Wissenschaftler kommunizieren, weil ich für eine politische Idee eintrete, für die Demokratie etwa oder für ein vereintes Europa. Dann bin ich aber einer von vielen und werde nicht notwendigerweise als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin aktiv, es sei denn, die Politikwissenschaft wäre mein Fachgebiet. Diese Motivation sollte man unterscheiden von dem Wunsch, das eigene Fachgebiet besser zu vermitteln. Mein Rat lautet, sich mit Kommunikatoren an einen Tisch zu setzen, sich auszutauschen und dann zu versuchen, mit der breiteren Öffentlichkeit auf unterschiedlichen Wegen in Kontakt zu treten.

    Sollen Wissenschaftler die Kommunikation selbst übernehmen? Oder sollen sie lieber eigene Influencer anheuern, die sich über Youtube oder Instagram an die Menschen wenden?
    Scobel: Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass Influencer ein möglicher Weg sind. Doch nicht alle können auf diese Weise gut kommunizieren und es kann jämmerlich schief gehen. Überhaupt hat Kommunikation es ja an sich, leichter auszusehen als sie ist. Als Faustregel würde ich sagen, dass Kommunikatoren Wissenschaftler brauchen, um verstehen und einordnen zu können, was gerade in einem bestimmten Fachgebiet passiert. Umgekehrt wird es vielen Wissenschaftlern ähnlich gehen: Sie brauchen meiner Ansicht nach den Austausch mit uns Journalisten, um besser zu verstehen, welche Themen sie auf welche Weise kommunizieren sollten.

    Haben Wissenschaftler eine Verpflichtung, ihre Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit kundzutun – insbesondere, wenn diese Einfluss auf Entscheidungen der Politik haben können?
    Scobel: Da Wissenschaftler vom Staat, von den Bürgerinnen und Bürgern bezahlt werden, ist es ihre Pflicht, Auskunft zu geben, über das, was sie erkennen und was wichtig für die Allgemeinheit sein könnte. Aber meiner Ansicht nach haben sie nicht die Pflicht, jedes Ergebnis zu kommunizieren. Ich finde es übrigens schade, dass über fehlgeschlagene Ergebnisse so wenig gesprochen wird. Das sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel häufiger machen. Denn ein Großteil der Wissenschaft besteht doch aus dem Lernen von Fehlern und Experimenten, die nicht funktionieren.

    Wir leben in einer Zeit des Medienumbruchs. Das Internet konkurriert mit den klassischen Medien. Wissenschaftler reden von Fakten, gleichzeitig nehmen Fake News zu. Seichte Serien werden beliebter, seriöse Magazine haben Schwierigkeiten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung als jemand, der lange in der Branche ist?
    Scobel: Es stimmt nicht, dass harte Fakten die Verlierer sind. Meiner Ansicht nach gibt es sogar ein leicht steigendes Bedürfnis nach Fakten, übrigens auch in Medien wie Youtube. Dass die Menschen vom Fernsehen zu einem anderen Ausstrahlungsmodus, beispielsweise zu Youtube, wechseln, ist nicht per se schlecht. Ich sehe da durchaus Chancen. Die Arbeit ist vielleicht etwas anstrengender geworden als früher. Aber Wissenschaftsleugner gab es schon immer, den politischen Widerstand gegen Forschung auch, genauso wie es Nationalisten gab, die eine deutsche Wissenschaft wollten – was auch immer das sein soll. Die Situation ist insofern schwieriger geworden, als wir es heute nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Algorithmen und Bots zu tun haben. Aber es gibt eine Chance für die Wahrheit und wir sollten nicht übertreiben und zu viel herumjammern.

    Sie sagen mit Ihrer Erfahrung, dass die Art und Weise, wie man Wissenschaft präsentieren muss, sich in den letzten Jahren gar nicht so viel verändert hat?
    Scobel: Klar hat sich was verändert, aber ich würde nicht den Fehler machen, nur auf die sozialen Netzwerke zu schauen. Es gibt viele positive Entwicklungen, denken wir an die TED-Talks. Es ist heute für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel einfacher und leichter, mit echter Neugierde und Spaß zu kommunizieren als früher, weil es Medien gibt, die dies transportieren können. Dass man sich Gedanken darüber macht, wie man die Fakten, die man als Forscher erarbeitet hat, optimal kommunizieren kann, ist kein Fehler.

    Nach welchen Kriterien wählen Sie die Themen für Ihre Sendung aus?
    Scobel: Wir wählen Themen aus, von denen wir denken, es wäre notwendig, darüber tiefgehend zu berichten und sie kritisch zu beleuchten. Das sind Themen, die nicht nur für die wissenschaftsinterne Diskussion Bedeutung haben, sondern ebenso für unsere Gesellschaft.

    Auch wenn es dabei um komplizierte Fragen geht?
    Scobel: Das sind sogar oft komplizierte Sachen. Wir haben beispielsweise eine Sendung über Blockchain-Technologie gemacht, die mich an den Rand dessen gebracht hat, was ich mit meinem kleinen Kopf verstehen kann. Trotzdem war es eine sehr notwendige und sehr gute Sendung, durch die ich viel gelernt habe – und die Zuschauerinnen und Zuschauer hoffentlich auch.

    Bekommen Sie eine andere Resonanz, wenn Sie komplizierte Themen bearbeiten? Viele TV-Formate verzichten bewusst auf schwierige Themen, weil sie um ihre Zuschauer fürchten.
    Scobel: Mein Credo war schon immer und ist es noch, an der Grenze zur Überforderung zu arbeiten. Wir hängen die Messlatte bewusst lieber einen Tick höher als tiefer. Interessanterweise wird das honoriert. Ein Teil unserer Zuschauerinnen und Zuschauer hat, wie man das erwarten kann, einen akademischen Abschluss. Aber der andere Teil – und der ist relativ groß – hat keinen akademischen Abschluss. Diese Gruppe nutzt unsere Sendung bewusst, um sich zu bilden. Deshalb sage ich meinen Gästen vor der Sendung: Wir machen das jetzt, damit unser Publikum hinterher schlauer ist als vorher. Das ist unser Ziel. Wir erreichen es nicht immer, aber doch sehr oft.

    Viele beklagen, dass die Wissenschaftsskepsis zunimmt. Denken wir an die Impfpflicht, an Klimawandelleugner. Sie haben gerade gesagt, dass Sie die Skepsis so nicht erleben. Aber oft ist die wissenschaftliche Evidenz ganz klar – und doch wird sie massiv angezweifelt. Wie kann die Wissenschaft sich wehren?
    Scobel: Ich habe kein Patentrezept, das wäre auch völlig anmaßend. Ich kann nur auf die Meta-Ebene verweisen: Ich glaube, dass das grundlegende Problem in der Kommunikation von Komplexität liegt. Wir alle verstehen Komplexität nicht sehr gut, weil wir gewohnt sind, linear zu denken. Wir denken nach dem Input-Output-Schema, anstatt auf verborgene Rückkopplungsschleifen zu achten. Mit denen hat zum Beispiel die Klimadebatte viel zu tun. Diese Prozesse bewusst zu machen, ist entscheidend. Die meisten Menschen betrachten die Welt auf eine Weise, die von der Newtonschen Schulphysik geprägt ist. Dieses Modell der Welt reicht, wenn es um Autos und Maschinen geht – aber nicht, wenn man die Komplexität biologischer oder klimatischer Prozesse verstehen will. Wir müssen also überlegen, wie wir es besser hinbekommen, Komplexität verständlich zu machen.

    Sie brechen eine Lanze dafür, sich dieser Herausforderung zu stellen?
    Scobel: Absolut. Die Messlatte nach unten zu hängen, weil nicht alle folgen können, verlagert nur das Problem und macht die Leute, die es genauer wissen wollen, nicht schlauer. Wenn wir unseren Bildungsauftrag ernstnehmen, sollten wir uns stattdessen bemühen, Komplexität noch besser verständlich zu machen. Am Ende geht es darum, die Welt besser zu verstehen – nur so kommen wir besser in ihr zurecht. Deshalb muss man nicht dröge und humorlos werden oder Unterhaltung und Kunst geringschätzen. Es geht darum, all das mit Erkenntnisgewinn zu verbinden. Und zwar so, dass wir, frei nach dem Montessori-Prinzip, an der Grenze zur Überforderung arbeiten, statt mit Unterforderung zu langweilen.

    Lorenz-Oken-Preisträger Gert Scobel:
    „Das Verständnis des komplexen Ganzen fördern“

    Lorenz-Oken-Preisträger Gert Scobel

    „Das Verständnis des komplexen Ganzen fördern“

    Der Andrang war groß bei der Verleihung der Lorenz-Oken-Medaille im Kongresszentrum der Messe Essen. Bei der anschließenden Diskussion stand das gesellschaftliche und politische Engagement von Wissenschaftlern im Fokus.

    Er ist der 19. Träger der Lorenz-Oken-Medaille der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ): Gert Scobel, Fernsehmoderator, Wissenschaftsjournalist und Philosoph. Scobel erhielt die Auszeichnung von Professor Martin Lohse, Präsident der GDNÄ. Im vollbesetzten Saal entwickelte sich ein inspirierendes Gespräch über Forschung heute und die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an die Öffentlichkeit.

    Martin Lohse erinnerte an die Anfänge der GDNÄ. Lorenz Oken habe die Gesellschaft 1822 gegründet, damit Menschen, die an naturwissenschaftlicher und medizinischer Forschung interessiert sind, zusammenkommen und über die jeweiligen Spezialgebiete hinaus miteinander diskutieren. „Die GDNÄ steht bis heute für den übergreifenden Dialog zwischen den Wissenschaften und zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit“, betonte Lohse. Gert Scobel gelinge es seit vielen Jahren, Forschung kenntnisreich und begeisternd zu vermitteln. „Damit verkörpert er in vorbildlicher Weise die Ziele unserer Gesellschaft“, sagte der GDNÄ-Präsident.

    Professorin Julika Griem griff in ihrer Laudatio ein Zitat von Harald Schmidt auf. Der Satiriker hatte Scobel einmal als den „letzten Universalgelehrten des deutschen Fernsehens“ bezeichnet. Die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) betonte, dass Scobels „wissenschaftsjournalistischen Aktivitäten eine beeindruckende fachliche Bandbreite“ abdeckten. Als Theologe und Philosoph sehe er zudem die Pflicht, „gerade dort Skepsis und Zweifel zu kultivieren, wo allzu schnell naive Wahrheiten und Wahrhaftigkeitsversprechen gemacht werden“, ergänzte sie.

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    Übergabe der Lorenz-Oken-Medaille 2019 an Fernsehmoderator Gert Scobel (v.l.n.r. GDNÄ-Präsident Martin Lohse, Preisträger Gert Scobel, GDNÄ-Generalsekretär Michael Dröscher, Laudatorin und DFG-Vizepräsidentin Julika Griem)

    Einer, der hohe Standards setzt

    „Gert Scobel setzt in völlig unverkrampfter, aber sehr anspruchsvoller Weise auf Sprache und Diskurs“, sagte Griem. Er lasse sich nicht von populären Denkmodellen oder dem Streben nach schnellen Klicks leiten. „Seine Arbeit gründet auf einer differenzierten Kenntnis der Unterschiede zwischen Medien, Formaten und ihren Möglichkeiten, auf der sorgfältigen Beherrschung eines Handwerks, mit dem er hohe Standards setzt, Unterscheidungen vornimmt und die Pluralität unserer Wissensgesellschaft respektiert“, analysierte die Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.

    Julika Griem lobte Scobels oft ungewöhnliche Ansätze und zitierte aus einem aktuellen Buch des Preisträgers: „Der moderne Mensch selbst stellt das Risiko dar, das er ausschließen wollte. Es liegt daher zutiefst in der Logik der Moderne, den Menschen abzuschaffen und durch immer umfassendere Algorithmen und autonome Systeme zu ersetzen.“ In seiner natürlichen, unbearbeiteten biologischen Standardform sei der Mensch der eigentliche Feind der Moderne, die er selbst geschaffen habe, heißt es weiter in Scobels 2017 erschienenem Buch „Der fliegende Teppich. Eine Diagnose der Moderne“. Nach Ansicht des Autors kämpft der Mensch gegen sich selbst, in dem er versucht, seine eigene Unberechenbarkeit durch Technologie in den Griff zu bekommen. „Das ist kein einfaches Denkprogramm“, kommentierte Griem.

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    Blick in den Veranstaltungssaal der Messe Essen bei der Preisrede von Gert Scobel.

    In der Tradition Humboldts

    Gert Scobel erinnerte in seinem Vortrag an eine Rede von Alexander von Humboldt vor der GDNÄ in Berlin im Jahr 1828. Humboldt sei in vielfacher Hinsicht ein Pionier gewesen: Er gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die unermüdlich die Interdisziplinarität der Wissenschaften einforderten – und zwar in Theorie und Forschungspraxis. Humboldt habe die Wissenschaft immer als globales Netzwerk-Projekt verstanden. Zudem sei er ein Meister der Kommunikation auf verschiedenen Kanälen gewesen. Er habe durch sein Wissen und seine Fähigkeit zur Einordnung begeistert, sagte Gert Scobel.

    Der Publizist warb dafür, Humboldts Ideen wieder stärker zu folgen. Es gehe erstens darum, die Komplexität der Welt, in der wir leben, zu verstehen und zweitens diese komplexe Welt durch unser Handeln gut, nachhaltig und im Idealfall sogar weise zu steuern. Scobel kritisierte, dass die Idee einer umfassenden Bildung an Universitäten noch immer nicht verwirklicht worden sei und schlug vor: „Wir sollten mehr Energie in eine Ausbildung stecken, die neben einer fundierten Fachausbildung auch Wert legt auf ein Verständnis des komplexen Ganzen.“

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    Fest im Griff: Die Lorenz-Oken-Medaille 2019 in den Händen des Preisträgers.

    Text der Urkunde

    Gert Scobel steht mit großem Engagement für die Leitmotive des Wissenschaftsjournalismus: Aufklärung, gesellschaftliche Emanzipation und Stärkung der Urteilskraft. Das ist gerade in Zeiten von „Fake News“ besonders wichtig. Gert Scobel nutzt das Massenmedium Fernsehen in vorbildlicher Weise, um den Meinungsbildungsprozess in der Gesellschaft zu stärken. Dabei versteht er es immer wieder hervorragend, die Brücke zwischen Wissenschaft und medialer Vermittlung zu schlagen.

    Lorenz Oken hat im Jahr 1822 die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte gegründet, um den freundschaftlichen Austausch zwischen Naturforschern und Ärzten, aber auch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern.

    Mit seinem erfolgreichen Einsatz für die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist Gert Scobel im Sinne von Oken ein würdiger Träger der Lorenz-Oken-Medaille.

    Eintreten für die Demokratie

    In der anschließenden Diskussion wurde die zunehmende Bedeutung einer guten Wissenschaftskommunikation hervorgehoben. Nicht nur das Wissen selbst müsse thematisiert werden, sondern auch die Wirkung der Wissenschaft in die Gesellschaft hinein, hieß es auf dem Podium. Dabei gelte es Zeichen zu setzen, sagte der GDNÄ-Präsident Martin Lohse: „Aufklärung und Demokratie müssen auch heute immer wieder verteidigt werden.“ Gert Scobel machte sich stark für eine bessere Diskussionskultur: „Wir haben es verlernt, auf eine freundliche Art und Weise miteinander zu streiten.“