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  • Petra Schwille: „Die Grundprinzipien des Lebens verstehen“

    „Die Grundprinzipien des Lebens verstehen“

    Petra Schwille ist ein Star der synthetischen Biologie. Bei der GDNÄ-Versammlung in Bremen wird sie über ihre Suche nach der Essenz des Lebens berichten.

    Frau Professorin Schwille, Sie werden Ihrem Publikum bei der GDNÄ-Versammlung in Bremen erklären, wie einfach lebende Systeme sein können. Ganz so einfach ist das Thema vermutlich nicht. Wie viel Vorwissen braucht man zum Verständnis?
    Wer ungefähr weiß, wie eine Zelle funktioniert und mit dem Begriff Protein etwas anfangen kann, wird den Vortrag gut verstehen. Ich werde darin meine Forschung beschreiben und über neueste Ergebnisse aus meinem Labor berichten. 

    Wo stehen Sie denn aktuell mit Ihrer Suche nach dem biologischen Minimalsystem?
    Wir, das heißt mein Team und ich am Max-Planck-Institut für Biochemie, haben ein funktionierendes künstliches System für die Zellteilung geschaffen. Die Zellteilung ist natürlich nur ein Aspekt des Lebens – Stoffwechsel, Wachstum, Fortpflanzung, Evolution und andere charakteristische Lebensprozesse können wir noch nicht nachbilden. Das einzige heute bekannte System, das alle diese Prozesse umfasst, ist die Zelle. Rudolf Virchow hat sie im 19. Jahrhundert definiert als kleinste Einheit des Lebens, aus dem alle lebenden Systeme erwachsen. Das ist das Paradigma, auf dem unsere Arbeit basiert. Wir finden es nach wie vor sehr hilfreich, auch wenn es letztlich in eine Sackgasse führt, denn irgendwie muss ja auch die allererste Zelle einmal entstanden sein.

    © MPI für Biochemie/ Susanne Vondenbusch

    Das Max-Planck-Institut für Biochemie befindet sich auf dem Campus Martinsried. In Laufweite liegen das Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz, Einrichtungen der Ludwig-Maximilians-Universität München und das Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie.

    Wie können wir uns Ihr künstliches System vorstellen?
    Es besteht aus einer künstlichen Zellhülle sowie aktuell fünf bakteriellen Proteinen und der von außen eingebrachten Energiequelle Adenosintriphosphat, kurz: ATP. Von großer Bedeutung ist dabei die Zellhülle – eine Membran, die die Zelle nach außen begrenzt und an vielen zellulären Prozessen im Inneren beteiligt ist. Sie setzt sich aus unterschiedlichen Lipiden und Proteinen zusammen. Treibstoff jeder Zelle ist das ATP, das Energie chemisch speichert und auch in unseren Körperzellen für autonome Prozessabläufe sorgt. Damit sind Prozesse gemeint, die ohne Licht, Wärme oder andere Energien von außen auskommen. In unserem Labor bewerkstelligen bakterielle Proteine die Teilung der Membranblase. Sie lagern sich am Äquator der Zelle an und ziehen sich wie ein Gürtel zusammen – so fest, bis schließlich zwei Blasen vorliegen.

    Was sind die nächsten Etappen auf dem Weg zur Bonsai-Zelle?
    Als Nächstes wollen wir unser Modellsystem dazu bringen, dass es eigenständig ATP produziert und seinen Stoffwechsel selbst betreibt. Zudem wollen wir DNA einschleusen und damit die Weitergabe von Informationen bei der Zellteilung erreichen. Es geht also darum, aus unbelebten Bestandteilen wie Proteinen und biologischen Membranen eine unter dem Mikroskop gut sichtbare künstliche Zelle herzustellen, die immer mehr Teilaspekte des Lebens zeigt. Dieses Ziel verfolgen wir zusammen mit einem Team um den Biochemiker Bert Poolman von der Universität Groningen im Projekt MetaDivide. Dafür konnten wir Ende 2024 beim Europäischen Forschungsrat einen ERC Synergy Grant mit einer Fördersumme von fünf Millionen Euro einwerben. MetaDivide soll uns ein neues Verständnis der Grundprinzipien des Lebens liefern.

    © Adobe Stock

    Ziel des MetaDivide-Projektes ist, dass sich eine synthetische Zelle von der Größe eines Bakteriums selbstständig teilen kann.

    Die GDNÄ-Versammlung 2026 steht unter dem Motto „Wissen schafft Nutzen – Wissenschaft nutzen“. Daher sei die Frage erlaubt: Welchen Nutzen hat Ihre Forschung?
    Sie dient dem Erkenntnisgewinn. Vielleicht können wir dadurch besser verstehen, wie das Leben auf der Erde begann, vielleicht bekommen wir einen Schlüssel zum Auffinden außerirdischen Lebens. Wenn eines Tages bis ins Detail klar wird, wie einfachste Zellen Energie produzieren, könnte das regenerative Energie im Überfluss bedeuten. Vorstellbar sind auch Impulse für die Medizin und die Materialwissenschaften. Aber noch ist das alles Spekulation und das, was in unserem Labor passiert, lupenreine Grundlagenforschung.

    Was fasziniert Sie daran?
    Schon als Kind habe ich mich gefragt, woher das Leben kommt und wie alles Lebendige zusammenhängt. Ich habe dann Physik studiert und im Nebenfach Philosophie, aber im Grunde verlor ich die ursprünglichen Fragen im Studium aus den Augen. Wiedererwacht ist das Interesse während meiner Promotion bei dem Göttinger Chemienobelpreisträger Manfred Eigen, der sich zu der Zeit intensiv mit Fragen zur Evolution des Lebens beschäftigte. Er hatte eine interessante Arbeit zur Einzelmoleküldetektion zu vergeben, um die unfassbar komplexen Prozesse in biologischen Systemen besser erfassen und quantifizieren zu können. Dafür konnte ich eine Methode entwickeln, die bis heute genutzt wird. Schon damals, Mitte der 1990er-Jahre, träumte ich von einem lebenden System, das nicht so komplex ist, nur die wirklich essenziellen Eigenschaften hat und vielleicht sogar fähig zur  Evolution ist. Das wäre dann der Durchbruch.

    Taucht da am Horizont der Homunkulus auf, der künstlich geschaffene Mensch? Wie gehen Sie mit den philosophischen Fragen um, die Ihre Forschung aufwirft?
    Ich bin froh und glücklich, dass ich frei erforschen darf, was Leben ist und was es nicht ist. Mir geht es um naturwissenschaftliche Begründungen. Und letztlich auch um Demut gegenüber der unbelebten Natur. So fundamental ist der Unterschied zur belebten Natur nämlich nicht. Wir sollten das Leben nicht moralisch überhöhen, es mit einem Heiligenschein versehen.

    Ihr Mann ist evangelischer Pfarrer. Was sagt er dazu?
    Er ist am Sozialen und Menschlichen interessiert und kümmert sich um die Beziehungen zwischen Menschen und ihre Beziehung zu Gott. Wir haben da eine klare Arbeitsteilung.

    Ist Gott für Sie eine Größe?
    Nicht im Sinne einer bestimmten Religion. Es ist mehr ein Gefühl, dass eine treibende Kraft hinter allem steht, was sich in der Zeit und im Raum entwickelt – vom Universum bis zum menschlichen Leben. Und diese Kraft möchte ich eines Tages besser verstehen und vielleicht sogar quantifizieren können.

    Frau Professorin Schwille, vielen Dank für dieses Gespräch.

    Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

    © MPI für Biochemie/ Krause Schneitz

    Prof. Dr. Petra Schwille, Physikerin und Direktorin des Max-Planck-Instituts für Biochemie.

    Zur Person

    Petra Schwille kam 1968 in Sindelfingen zur Welt und wuchs in Heilbronn auf. Sie studierte Physik und Philosophie an den Universitäten Stuttgart und Göttingen und wurde bei Nobelpreisträger Manfred Eigen am MPI für biophysikalische Chemie in Göttingen promoviert. Nach einem Postdoc-Aufenthalt an der Cornell University kehrte sie 1999 aus den USA zurück ans MPI für biophysikalische Chemie, wo sie ihre eigene Nachwuchsgruppe leitete. 2002 folgte sie einem Ruf auf den Lehrstuhl für Biophysik am Biotechnologischen Zentrum der Technischen Universität Dresden. Seit 2011 ist Petra Schwille Direktorin am MPI für Biochemie in München-Martinsried, wo sie die Forschungsabteilung „Zelluläre und molekulare Biophysik“ leitet. 2012 wurde sie zudem Honorarprofessorin an der Fakultät für Physik der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. Petra Schwille wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 2022 mit der Otto Warburg-Medaille und 2023 mit dem Manfred-Eigen-Preis. Sie ist Trägerin des bayerischen Maximiliansordens und des Verdienstkreuzes Erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland. Neben ihren wissenschaftlichen Tätigkeiten äußert sich Petra Schwille bei Kulturveranstaltungen zu naturwissenschaftlichen, philosophischen und gesellschaftlichen Fragen und engagiert sich im Mentoring für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

    Zum Weiterlesen:

    Lorenz-Oken-Medaille für Jacob Beautemps

    Lorenz-Oken-Medaille für Jacob Beautemps

    Am 3. Dezember 2025 wurde die Lorenz-Oken Medaille an den Wissenschafts-Youtuber Dr. Jacob Beautemps beim Forum Wissenschaftskommunikation in Stuttgart verliehen.

    Moderiert wurde die festliche Preisverleihung von Professor Michael Dröscher, Generalsekretär und Schatzmeister der GDNÄ. Deren Vizepräsident Professor Heribert Hofer übernahm die Einführung und übergab die Medaille. 

    Es folgte eine Laudatio, gehalten von zwei Vertretern des jungen Zielpublikums, beide Mitglieder des Jungen Netzwerks der GDNÄ. Kevin Yuan studiert im ersten Semester Medizin, Eric Andresen hat erfolgreich das Abitur bestanden und plant ein Physikstudium. Heribert Hofer: „Die beiden haben das mit großem Schwung gemacht, mit einem feinen Sinn für Humor, sehr kurzweilig und dennoch sehr informativ über den Preisträger und seine Aktivitäten.“ Es sei ein glänzender Auftritt gewesen, der auch den Geehrten sichtlich beeindruckt habe. 

    © Stefan Buchholz

    Nach der Preisverleihung: Eric Andresen, Jacob Beautemps und Kevin Yuan (v.l.).

    In seinem Festvortrag stellte Jacob Beautemps einige Regeln für den Einsatz von Social Media vor. Neben einer guten Visualisierung und Struktur sei unter anderem die Orientierung an den Fragen der Zielgruppe wichtig. 

    „Das Publikum zeigte sich sowohl von der Laudatio als auch vom Festvortrag beeindruckt“, berichtet Heribert Hofer. Nach dem Vortrag von Jacob Beautemps habe es eine hochinteressante Diskussion zwischen den sachkundigen Gästen und dem Geehrten gegeben.

    Lorenz-Oken-Medaille für Jacob Beautemps © Stefan Buchholz

    © Stefan Buchholz

    Die Lorenz-Oken-Medaille 2025 für Jacob Beautemps.
    Mit Urkunde: Die Professoren Heribert Hofer und Michael Dröscher (beide GDNÄ), Preisträger Dr. Jacob Beautemps und die Laudatoren Kevin Yuan und Eric Andresen.

    © Damian Gorczany/WiD

    Mit Urkunde: Die Professoren Heribert Hofer und Michael Dröscher (beide GDNÄ), Preisträger Dr. Jacob Beautemps und die Laudatoren Kevin Yuan und Eric Andresen.  

    Zur Person

    Jacob Beautemps kam 1993 zur Welt und wuchs in Essen auf. Nach dem Abitur studierte er Physik und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln. Neben dem Studium jobbte er bei der Produktionsfirma i&u TV von Günter Jauch. Sein 2018 gegründeter Youtube-Kanal Breaking Lab überschritt im Juni 2022 die Marke von 500.000 Abonnenten und hat Ende 2025 knapp 720.000 Abonnenten. Im Sommer 2022 erhielt Jacob Beautemps mit Science for Future ein eigenes Doku-Format in der ARD-Mediathek.

    Beautemps tritt regelmäßig als Redner sowie als Gast in Fernsehsendungen auf. Sein 2025 erschienenes Buch Unsere Zukunft neu denken ist in Deutschland ein Bestseller. 2024 promovierte er am Institut für Physikdidaktik der Universität zu Köln zu der Frage, wie Erwachsene mithilfe von Youtube-Videos lernen. Für seine Beiträge erhielt er etliche Auszeichnungen, darunter 2024 die Medaille für naturwissenschaftliche Publizistik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Am 3. Dezember 2025 ehrte die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte Jacob Beautemps mit der Lorenz-Oken-Medaille für die exzellente Vermittlung von Wissenschaftsthemen an ein junges Publikum.

    Weitere Informationen:

    Jacob Beautemps: „Schön ist es, andere zu inspirieren“

    „Schön ist es, andere zu inspirieren“

    Jacob Beautemps, Wissenschafts-Youtuber und GDNÄ-Preisträger, über die Regeln guter Kommunikation und wie es kam, dass er nicht Lehrer wurde.

    Herr Dr. Beautemps, Sie sind 32 Jahre alt, haben schon mehrere Preise für Ihre Art der Wissenschaftskommunikation bekommen und erhalten am 3. Dezember zusätzlich die Lorenz-Oken-Medaille der GDNÄ. Was macht Sie so erfolgreich?
    Ob ich jetzt so erfolgreich bin, weiß ich nicht. Aber zumindest bin ich seit acht Jahren konstant auf verschiedenen Medienkanälen unterwegs und bisher sind mir keine großen Fehler unterlaufen. Als Science-Youtuber veröffentliche ich jede Woche zwei neue Videos zu Wissenschaftsthemen – immer basierend auf Studien und anderen seriösen Quellen, die ich so transparent wie in einem wissenschaftlichen Paper angebe. Meine Community mag das und die ist mittlerweile auf mehr als 700.000 Leute angewachsen. Ich mache auch Dokumentationen fürs Fernsehen wie zum Beispiel die Serie Science for Future im SWR oder Beiträge für die Kindersendung Tigerenten Club in der ARD. Anfang des Jahres ist mein erstes Buch mit dem Titel Unsere Zukunft neu denken erschienen. Naja, und überall versuche ich so exakt wie möglich zu arbeiten und transparent mit meinen Quellen zu sein. 

    Was ist Ihr liebstes Format?
    Ganz klar Youtube. Das Medium ist unkompliziert, schnell und flexibel. Ich bin völlig frei in der Gestaltung der Videos, es redet mir niemand rein. Was nicht heißen soll, dass ich nicht gern dazulerne – zum Beispiel von den Fernsehprofis, mit denen ich zusammenarbeite. Das neue Know-how nutze ich dann wieder für meine Videos. Seit einem Jahr betreibe ich auch einen englischsprachigen Kanal für das internationale Publikum. Schauen Sie mal unter The German Science Guy

    @ IdeenExpo

    Auf der Bühne der IdeenExpo 2024 in Hannover zeigt Jacob Beautemps wie man Eis mithilfe von Stickstoff herstellt. Die seit 2007 alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung will junge Menschen für Naturwissenschaften und Technik begeistern.

    Wie wählen Sie Ihre Themen aus?
    Mich interessieren vor allem Zukunftsthemen und Themen, die viel diskutiert werden, bei denen aber kaum jemand mal etwas tiefer reinschaut. Wichtig ist da immer der Bezug zu unserem Leben. Ein Beispiel ist die Wärmepumpe. Da wurde viel drüber gestritten und die meisten Leute wussten gar nicht, was das Prinzip dahinter ist. Hier habe ich dann einen Deep Dive gemacht, der fast 20 Minuten dauerte, dafür aber wirklich das Prinzip erklärt hat. Das Video haben sich am Ende mehr als 1,2 Millionen Menschen angeschaut. 

    Ihr Spektrum reicht vom Polio-Impfstoff über Krachmacher im Urwald bis zum Strom aus Regen. Wie schaffen Sie es, über all diese Themen kompetent zu berichten? 
    Zum Glück habe ich ein tolles Team, das mir bei Recherche und Umsetzung hilft. Wir sind momentan zu fünft in der Redaktion. Unser Ziel ist immer, wissenschaftlich fundierte Videos auf dem neuesten Forschungsstand zu produzieren.

    Und wenn einmal ein Fehler passiert?
    Das kommt vor und dann ist es wichtig, transparent damit umzugehen. Ich spreche den Fehler in einem der nächsten Videos an und stelle die Sache richtig. Das schafft Vertrauen.

     Wie reagiert das Publikum auf Ihre Beiträge?
    Bei Youtube zuerst mit Klickzahlen, derzeit sind es im Schnitt 4,5 Millionen Aufrufe pro Monat. Ich habe das Glück, mit Anfeindungen kaum zu tun zu haben. Und wenn doch, dann bekriege ich mich nicht mit den Leuten, sondern verweise auf die Quellen, welche ich ja immer angebe. Schön ist es, wenn ich andere inspirieren kann. Da gibt es dann Kommentare wie: Hey, durch Dich bin ich auf das Thema erneuerbare Energien gekommen, das studiere ich jetzt. Oder: Ich berichte über ein Start-up, besuche es später noch einmal und treffe dort Leute, die durch mich auf die Firma aufmerksam wurden und jetzt dort arbeiten.

    Es gibt auch andere erfolgreiche Science-Youtuber in Deutschland. Unliebsame Konkurrenz für Sie?
    Ganz im Gegenteil, wir profitieren voneinander. Wer zum Beispiel ein Video von Mai Thi anschaut, hängt anschließend oft noch eins von mir dran – und umgekehrt. Außerdem haben wir unterschiedliche Schwerpunkte. Bei mir geht es meistens um Innovationen, bei anderen Science-Youtubern vielleicht eher um Ernährung oder Medizin. Das ist das Schöne an YouTube: Man muss nicht wie im TV um Sendeplätze kämpfen, sondern fördert sich gegenseitig.

    @ Beautemps

    Jacob Beautemps im Interview mit Bill Gates und Polio-Überlebenden. In dem 2023 geführten Gespräch ging es um die internationale Polio-Initiative, die Gates maßgeblich unterstützt.

    Bei der Preisverleihung in Stuttgart werden Sie eine Rede halten und einige Regeln erfolgreicher Wissensvermittlung vorstellen. Welche sind das?
    Ich kann ein paar Beispiele geben. Aus der Forschung wissen wir, wie hilfreich es ist, mit Fragen zu arbeiten. Hierbei geht es nicht nur darum, mit Fragen neugierig zu machen. Experimente konnten zeigen, dass das gezielte Thematisieren von falschen Vorstellungen sehr dabei hilft, diese aufzulösen. Ohne diese Fragen, das ergaben die gleichen Experimente, findet kaum ein Lerneffekt statt. Größtmögliche Transparenz ist weiterer Punkt. Dazu gehört, dass man sich mit der eigenen Expertise vorstellt und darlegt, woher die präsentierten Informationen kommen. So entsteht Vertrauen und das ist das A und O guter Kommunikation. Besonders einprägsam werden Botschaften durch Visualisieren und Emotionalisieren. Es gibt da ganz viele Tricks – in Stuttgart werde ich ein paar Beispiele nennen.

    Wie kamen Sie eigentlich zur Wissenschaftskommunikation?
    Das war ein totaler Zufall. Eigentlich wollte ich Lehrer werden. Während meines Studiums in Physik und Sozialwissenschaften habe ich bei der Kölner Produktionsfirma von Günther Jauch gejobbt, immer hinter der Kamera. Als ich gefragt wurde, ob ich einen Youtube-Kanal für die Firma aufbauen könne, habe ich das gemacht. Auch hier blieb ich hinter der Kamera. Irgendwann kam die Frage, ob ich nicht auch mal vor die Kamera gehen wolle. Zuerst sagte ich, nee, eigentlich nicht, aber mit Mitte Zwanzig habe ich es doch gemacht. Dann ergab eins das andere.

    Eine Promotion ist für Ihren Beruf nicht unbedingt erforderlich. Sie haben sich dennoch dafür entschieden. Warum?
    Aus purer Neugier. Mich interessierte die Frage, warum und wie die Leute Lernvideos nutzen und was solche Videos erfolgreich werden lässt. Dazu habe ich dann eine Studie mit rund fünftausend Erwachsenen aus Deutschland gemacht, die häufig Wissenschaftsvideos anschauen und bin zu ein paar interessanten Ergebnissen gekommen. Zum Beispiel: Ein wichtiger Grund für das Publikum, sich mit einem Thema zu beschäftigen, ist die Person vor der Kamera. Da entsteht eine parasoziale Beziehung, das Gefühl, den anderen zu kennen, auch wenn man sich nie persönlich begegnet ist. Man verbringt Zeit miteinander, mit der Zeit entwickelt sich Vertrauen. Aus meinen Ergebnissen habe ich einen Leitfaden mit 17 Regeln für die bestmögliche Produktion von Lernvideos abgeleitet. Im Prinzip kann die Studie aber allen, die kompetent kommunizieren wollen, von Nutzen sein. Denn die gleichen Regeln gelten auch, wenn ich eine Präsentation mache, einen Kurs halte oder sonst wo etwas erklären will, das nicht ganz trivial ist. 

    Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
    Viele, wobei mir gerade ein Vorhaben besonders am Herzen liegt: Im nächsten Jahr will ich zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaftskommunikation einen Preis für Innovationen made in Germany ins Leben rufen. Deutschland ist ein hochinnovatives Land, das möchten wir einem großen Publikum zeigen. Aktuell sind viele Leute hier zu pessimistisch. Es wird Auszeichnungen in verschiedenen Kategorien geben, zum Beispiel für Neuerungen in den Bereichen Medizin, Energie und Mobilität. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen wird uns helfen, unter den hoffentlich vielen Bewerbungen die überzeugendsten Projekte zu identifizieren. Die stellen wir dann in Videos vor und lassen unsere Communities über die Preisträger abstimmen. Aktuell suchen wir nach Partnern und bitten Unternehmen und Wissenschaftsinstitutionen um Unterstützung.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Boris Breuer

    Dr. Jacob Beautemps

    Zur Person

    Jacob Beautemps kam 1993 zur Welt und wuchs in Essen auf. Nach dem Abitur studierte er Physik und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln. Neben dem Studium jobbte er bei der Produktionsfirma i&u TV von Günter Jauch. Sein 2018 gegründeter Youtube-Kanal Breaking Lab überschritt im Juni 2022 die Marke von 500.000 Abonnenten und hat Ende 2025 knapp 720.000 Abonnenten. Im Sommer 2022 erhielt Jacob Beautemps mit Science for Future ein eigenes Doku-Format in der ARD-Mediathek.

    Beautemps tritt regelmäßig als Redner sowie als Gast in Fernsehsendungen auf. Sein 2025 erschienenes Buch Unsere Zukunft neu denken ist in Deutschland ein Bestseller. 2024 promovierte er am Institut für Physikdidaktik der Universität zu Köln zu der Frage, wie Erwachsene mithilfe von Youtube-Videos lernen. Für seine Beiträge erhielt er etliche Auszeichnungen, darunter 2024 die Medaille für naturwissenschaftliche Publizistik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Am 3. Dezember 2025 ehrt die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte Jacob Beautemps mit der Lorenz-Oken-Medaille für die exzellente Vermittlung von Wissenschaftsthemen an ein junges Publikum.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    @ IdeenExpo

    Moderator Jacob Beautemps bei der Show „Wissen live“ auf der IdeenExpo 2024.
    Weitere Informationen:

    Michal Kucera: „Willkommen in einer stolzen Wissenschaftsstadt“

    „Willkommen in einer stolzen Wissenschaftsstadt“

    Professor Michal Kucera, Konrektor für Forschung und Transfer an der Universität Bremen, über sein Engagement für die GDNÄ-Tagung 2026 und Wissenschaft in einer Stadt der kurzen Wege.

    Herr Professor Kucera, Sie haben das Amt des wissenschaftlichen Geschäftsführers für die GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen übernommen. Was hat Sie daran gereizt?
    Ich kenne die GDNÄ aus meiner Zeit an der Universität Tübingen. An die von der Medizin-Nobelpreisträgerin und damaligen GDNÄ-Präsidentin Christiane Nüsslein-Volhard ausgerichtete Versammlung kann ich mich noch gut erinnern. Mit ihren fachübergreifenden Vorträgen und ihrem Schülerprogramm war die Tagung für mich ein Vorbild für moderne Wissenschaftskommunikation. Zur Wissenschaftsstadt Bremen, in der ich seit dreizehn Jahren arbeite, passt das alles sehr gut. Ich habe daher gern zugesagt, als mich die heutige Präsidentin der GDNÄ bat, die Aufgabe zu übernehmen. 

    Wie können wir uns Ihre Tätigkeit als wissenschaftlicher Geschäftsführer vorstellen?
    Ich bereite der GDNÄ die Bühne vor Ort und unterstütze sie mit meinen Kontakten in der Bremer Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturszene. Da geht es um die Gewinnung von Vortragenden, gute Adressen für das Begleitprogramm oder auch um Kontakte zu Schulen und zur Stadtverwaltung. Die Zeit und Kraft dafür investiere ich gern. Für uns ist die GDNÄ-Versammlung eine willkommene Gelegenheit, die Stärken des Wissenschaftsstandorts Bremen unter Beweis zu stellen.

      © DHI Bremen

    Professor Michal Kucera stellt die KI-Forschung seiner Universität bei einer Tagung in der Bremer Messehalle vor. Nebenan im Congress Centrum wird die 134. Versammlung der GDNÄ stattfinden.

    Welche Stärken sind das?
    Der Stifterverband kürte Bremen im Jahr 2005 zur ersten deutschen „Stadt der Wissenschaft“. Das zeugt von der rasanten Entwicklung, die Hochschulen, Institute und die gesamte Wissenschaftsszene in Bremen und Bremerhaven in den letzten 50 Jahren gemacht haben. Ich selbst war immer von der großen Dichte an wissenschaftlichen Einrichtungen beeindruckt, die rund um unseren Campus im Technologiepark angesiedelt und miteinander stark vernetzt sind. Im Zentrum steht die Universität, drumherum scharen sich Hightech-Firmen und außeruniversitäre Institute. Die Wege sind kurz, gemeinsamer Treffpunkt ist oft die Mensa – das fördert Kooperationen. Mit unseren Schwerpunkten in der Meeresforschung, in künstlicher Intelligenz und Robotik, aber auch in den Sozialwissenschaften können wir international mithalten. Zudem ist Bremen eine tolle Stadt, die viel zu bieten hat. Die Menschen hier sind stolz darauf, in einer Stadt der Wissenschaft zu leben und sie kommen gern zu Vorträgen, Ausstellungen oder Diskussionsveranstaltungen. Die Bedeutung und der Nutzen von Wissenschaft für die Gesellschaft ist den Bremerinnen und Bremern bewusst.

    Das passt zum Motto der Versammlung 2026: Wissen schafft Nutzen – Wissenschaft nutzen.
    Ja, auch mit Blick auf die Anwendung von Forschung ist Bremen ein sehr geeigneter Tagungsort für die GDNÄ.

    Als Konrektor für Forschung und Transfer an der Universität Bremen sind Sie zuständig für den Anwendungsbezug von Forschung. Wie gehen Sie vor?
    Es ist mir wichtig, unsere Forschenden bei ihrem Engagement für Transfer zu unterstützen und unsere Wertschätzung für sie klar zu kommunizieren. Ich versuche zu verstehen, was Transfer fördert und was hinderlich wirkt. Dazu führe ich sehr viele Gespräche und versuche, Kolleginnen und Kollegen in der ganzen fachlichen Breite der Universität einzubinden. Wichtig ist uns auch, Kontakt zu lokalen Akteuren in Bremen zu pflegen, von der Kulturszene bis zu Wirtschaftsverbänden wie der Handelskammer und dem Industrieclub. Die enge Vernetzung ist der Schlüssel zum Erfolg für den Standort insgesamt.

    Sie sind seit drei Jahren im Amt. Was hat sich beim Transfer getan?
    Wir konnten einiges erreichen. Ein Beispiel ist der Digital Hub INDUSTRY, in dem wir zusammen mit kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Region maßgeschneiderte digitale Lösungen für die Industrie von Morgen entwickeln. Ein weiteres Beispiel ist das im Dezember 2024 gegründete Transferzentrum für nachhaltige Materialien, das matena innovate! center. Wir konnten uns in hartem Wettbewerb durchsetzen und die Hamburger Joachim Herz Stiftung für die Förderung unseres Standorts gewinnen. Hier entwickeln Forschungsteams der Universität und unserer Partnerinstitute neue Ansätze aus der Forschung bis zur Anwendungsreife. Im Fokus stehen Themen wie die stationäre Energiespeicherung für regenerative Energien, nachhaltige Futtermittel für die Aquakultur oder Sensormaterialien für die Wasserstoffwirtschaft. Zugute kommt uns eine veränderte Großwetterlage, wenn es um Transfer geht: Ihre Bedeutung wird gesellschaftlich zunehmend erkannt, ihr Image ist in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden.

    © Volker Diekamp, Universität Bremen

    Expedition MSM 111 in der Baffin Bay: Im Besprechungsraum des Forschungsschiffs Maria S. Merian diskutieren Wissenschaftler über die ersten Ergebnisse einer Tiefseebohrung. Gemeinsam versuchen sie, die Schichtung des Ozeanbodens zu verstehen. „Wie sich später herausstellen sollte, lagen wir mit unseren ersten Interpretationen völlig daneben“, sagt der damalige Expeditionsleiter Michal Kucera (Bildmitte) heute.

    Sie sind Tscheche, haben in Prag studiert, in Schweden promoviert und Ihre wissenschaftliche Laufbahn führte sie über die USA, Großbritannien an mehrere Universitäten in Deutschland. Wie beurteilen Sie die deutsche Wissenschaftsszene im internationalen Vergleich?
    Die Freiheit der Forschung an deutschen Universitäten ist großartig. Sie müssen sich nicht durch Studiengebühren finanzieren und sind deshalb weniger kommerziell ausgerichtet als Hochschulen im angelsächsischen Raum. Dort hat die Lehre eine größere Bedeutung als in Deutschland, es gibt viele Tutorien für Studierende und die Gestaltung des Curriculums ist flexibler als in Deutschland. Während es hierzulande oft um das Einhalten von Regeln gilt, etwa bei der Lehrverpflichtung, wird in Großbritannien die Lehre bedarfsgerecht und flexibel im Kollektiv der Lehrenden verteilt. Große Pluspunkte für Deutschland sind wiederum die hervorragende Forschungsförderung und die weltweit einmalige Forschungsinfrastruktur. Sie machen das Land zu einer wissenschaftlichen Großmacht. Ich zum Beispiel profitiere sehr von Zugang zu exzellenten meereswissenschaftlichen Geräten und hochmodernen Forschungsschiffen. 

    Haben Sie noch Zeit für eigene Forschung?
    Ja, aber leider nicht mehr so viel wie früher. Deshalb starte ich derzeit keine neuen Großprojekte, sondern konzentriere mich auf die Auswertung der Ergebnisse vergangener Expeditionen. Da sind zum Beispiel Proben aus einer Tiefseebohrung, die wir 2022 bei einer von mir geleiteten Expedition in der Baffin Bay gewonnen haben. Hier erwarten wir neue Erkenntnisse zum Abschmelzverhalten der grönländischen Eiskappe in der Vergangenheit, die wichtig für unsere Zukunft in einem wärmeren Erdklima sind. Bei dieser Ausfahrt haben wir auch Sedimentkerne in Südgrönland gewonnen, die wertvolle Informationen über das Klima der letzten zehntausend Jahre enthalten. Sie werden uns helfen zu verstehen, warum die Wikinger ihre Siedlungen auf Grönland im 15. Jahrhundert verließen, nachdem sie vierhundert Jahre dort gelebt hatten. Die Expedition MSM 111 mit dem Forschungsschiff Maria S. Merian fand übrigens im Rahmen des Exzellenzclusters der Universität Bremen „Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde“ statt, dessen Fortsetzung kürzlich bewilligt wurde.

    Lassen Sie uns noch einmal auf die die GDNÄ-Tagung 2026 schauen: Auf was können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon jetzt freuen?
    Auf faszinierende Vorträge zu aktuellen Themen in den Naturwissenschaften und ein tolles Begleitprogramm. Geplant ist zum Beispiel ein Empfang im Bremer Übersee-Museum. Das Haus mit seiner europaweit einzigartigen Sammlung aus Natur-, Völker- und Handelskunde feiert 2026 seinen 130. Geburtstag. Ein weiteres Highlight ist der Besuch im Universum Bremen  Das beliebte Wissenschaftscenter liegt direkt am Uni-Campus und lädt uns mit bei einer exklusiven Führung zum Mitmachen und Experimentieren ein.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Jan Rathke / Universität Bremen

    Prof. Dr. Michal Kucera, Konrektor der Universität Bremen und Geschäftsführer Wissenschaft der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.

    Zur Person

    Michal Kucera studierte Geologie in Prag und promovierte an der Universität Göteborg in Schweden. Es folgten Aufenthalte im kalifornischen Santa Barbara, in London und in Tübingen, ehe er 2012 nach Bremen an den Fachbereich Geowissenschaften und das MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen als Professor für Mikropaläontologie / Paläozeanographie wechselte. In seiner Forschung untersucht Michal Kucera den Einfluss des Klimawandels in der älteren und jüngeren Vergangenheit auf die marine Umwelt und deren Bewohner.

    Neben seiner Rolle im Vorstand des Excellenzclusters „Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde“ war er Sprecher des deutsch-kanadischen Graduiertenkollegs ArcTrain und Mitglied der Senatskommission für Erdsystemforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seit September 2022 ist er Konrektor für Forschung und Transfer der Universität Bremen. 2025 wurde er in das Amt des Präsidenten der Wittheit zu Bremen gewählt, einer traditionsreichen wissenschaftlichen Gesellschaft der Freien Hansestadt Bremen. Und seit 2024 ist Michal Kucera Mitglied der GDNÄ und Geschäftsführer Wissenschaft für die 134. Versammlung der Naturforschergesellschaft in Bremen 2026.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    @ Raphael Morard

    Bei der Expedition MSM 111 überwachen Michal Kucera und ein Kollege am Arbeitsdeck des Forschungsschiffs die Entnahme eines Sedimentkerns.
    Zum Weiterlesen:

    Stefan Buchholz: „Diese Entwicklung dürfen wir nicht verschlafen“

    „Diese Entwicklung dürfen wir nicht verschlafen“

    Stefan Buchholz, Mitglied im Vorstandsrat der GDNÄ und deren designierter Generalsekretär, über seinen Weg in der chemischen Industrie, künstliche Intelligenz und Pläne für die Zukunft.

    Herr Professor Buchholz, Mitglied der GDNÄ sind Sie schon lange. Wie lange genau?
    Tatsächlich schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Dazu gebracht hat mich Professor Heribert Offermanns, ein begnadeter Chemiker und Vorstandsmitglied der Degussa. Als Vorstandsassistent habe ich einige Jahre für ihn gearbeitet und zum Beispiel Reden für ihn geschrieben. Herr Offermanns war mein Mentor – er hat mich von den Qualitäten der GDNÄ überzeugt.

    Was hat Sie besonders angesprochen?
    Das große Themenspektrum und der fachübergreifende Ansatz in den Naturwissenschaften. Schon als Kind habe ich mich für die Natur in ihrer ganzen Fülle interessiert und war fasziniert von der Unendlichkeit des Weltalls. Als es dann ans Studieren ging, fiel es mir schwer, mich zwischen Chemie, Biologie und Physik zu entscheiden. Die Wahl fiel schließlich auf die Chemie, was im Nachhinein betrachtet richtig für mich war.

    Inwiefern?
    Weil die Chemie sehr viele Anknüpfungspunkte zu anderen Disziplinen bietet. Die spannendste Zeit meiner beruflichen Laufbahn waren die Jahre im Bereich Biotechnologie, in denen ich unter anderem mit Biologen, Physikern und Ingenieurwissenschaftlern zusammenarbeiten konnte. Das waren wunderbare interdisziplinäre Teams, die zu tollen Ergebnissen kamen. Ich denke zum Beispiel an fermentativ erzeugte Aminosäuren, die aus tierischem Material gewonnene Aminosäuren ersetzen. In der BSE-Krise war das eine wichtige und für das Unternehmen gewinnbringende Neuerung.

     © Evonik

    An einem großen Fermenter im Projekthaus Biotechnologie gibt Chemieingenieur Kai Boldt Daten zur Prozesssteuerung ein.

    Sie haben bei der damaligen Degussa angefangen und sind dem Unternehmen und seinen Nachfolgefirmen, heute Evonik,  bis zum Ruhestand treu geblieben. Eine akademische Karriere hat Sie nicht gereizt?
    Doch, grundsätzlich schon, die war ursprünglich mein Ziel gewesen, aber die Chemie war nach meiner Einschätzung, die ich im Studium gewonnen habe, relativ ausgeforscht, die grundlegenden Moleküle sind bekannt. Klar, man kann noch unendlich viele neue Moleküle herstellen, aber das war nicht mein Weg. Mehr interessierten mich dann die Innovation, die Nutzung von Wissen für neue Prozesse und Produkte. Spannend fand ich auch den Praxistransfer vom Forschungsergebnis in die großtechnische Produktion. Das ist schwierig, aber immer wieder gelingt er auch. Ein Beispiel sind die sehr hautfreundlichen, naturidentischen und biologisch abbaubaren Biosurfactants, die eines meiner Projektteams im letzten Jarhzehnt entwickelt hat: Heute werden sie etwa in Spülmitteln und Hautpflegeprodukten verwendet. Als Biotech-Verantwortlicher, der über mehrere Jahre nur Biologen und Ingenieuren als Mitarbeiter hatte, fühlte ich mich in der chemischen Industrie sehr wohl. 

    Der deutschen Chemieindustrie geht es derzeit nicht gut. Fehlt es an Innovation?
    Ja, aber nicht nur im Sinne von neuen chemischen Produkten. Wir haben schon sehr viele gute Produkte. Die chemische Industrie ist eine reife Industrie, die in einer gigantischen Transformation steckt. Energie und Rohstoffe sind teuer, Billigkonkurrenz und schwache Nachfrage drücken die Margen. Eine Konsolidierung ist unausweichlich, die chemische Industrie wird schrumpfen. Gleichzeitig wird sie dringend gebraucht, auch um dem Klimawandel zu begegnen und die Umwelt besser zu schützen. Gefragt sind jedoch radikal neue Ansätze. Chancen sehe ich in der Verknüpfung von Chemie und künstlicher Intelligenz, sie wird dem Fach einen großen Schub geben. Und diese Entwicklung dürfen wir nicht verschlafen.

     © Evonik

    Im Projekthaus Biotechnologie nimmt Projektleiter Dr. Stefan Verseck eine Probe aus einem Stahlbehälter.

    Das klingt nach einem guten Thema für die nächste GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.
    Ja, tatsächlich ist dazu ein Beitrag vorgesehen. Geplant sind auch Vorträge zur industriellen Biotechnologie und zur elektrokatalytischen Gewinnung von grünem Wasserstoff. Den Nobelvortrag wird Benjamin List vom Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim halten. Er berichtet von seiner Forschung zur Organokatalyse, für die er 2021 den Chemie-Nobelpreis erhielt.

    In der GDNÄ sind Sie nicht nur Gruppenvorsitzender für das Fach Chemie, sondern auch designierter Generalsekretär. Anfang 2027 werden Sie das Ehrenamt von Michael Dröscher übernehmen. Was motiviert Sie?
    Die GDNÄ passt gut zu mir und meinem Interesse an grundsätzlichen und zugleich fachübergreifenden Fragen. Dafür steht die GDNÄ seit zweihundert Jahren. Das beeindruckt mich, das finde ich wichtig und gern trage ich zu ihrer künftigen Entwicklung bei.

    Haben Sie dafür schon Ideen?
    In meinem Studium an der Universität des 3. Lebensalters der Frankfurter Goethe-Universität. beschäftige ich mich derzeit intensiv mit Naturphilosophie. Dabei geht es auch um unsere Fähigkeit zur Naturerkenntnis und deren Grenzen. Wir lernen viel über Wissenschaftstheorien und Wissenschaftsgeschichte und diskutieren angeregt darüber. So ein Themenangebot könnte ich mir auch in der GDNÄ vorstellen. Dass Interesse an derart grundsätzlichen Fragen besteht, zeigt der große Zulauf zu meinem Studiengang.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Privat

    Prof. Dr. Stefan Buchholz, Chemiker, designierter Generalsekretär der GDNÄ.

    Zur Person

    Professor Stefan Buchholz studierte in Marburg Chemie und absolvierte am Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz mit einer Arbeit über monomolekulare Schichten seine Promotion. Anschließend ging Buchholz als Post-doc an die Harvard University in Boston. Seit 2011 ist er Honorarprofessor an der Universität Stuttgart. Seine berufliche Laufbahn begann der 63-Jährige bei der Degussa 1993 im Geschäftsbereich Industrie- und Feinchemikalien in Frankfurt. In den Jahren 1995 bis 1998 leitete er die Forschungsplanung und -koordination des Unternehmens und war Vorstandsassistent. Von 1998 bis 2000 arbeitete der Chemiker als Betriebsassistent am Degussa-Standort Antwerpen. 2000 übernahm er die Leitung des Projekthauses Biotechnologie, einer Forschungsgruppe, die sich schwerpunktmäßig mit Biokatalyse beschäftigte. Anschließend war Stefan Buchholz unter anderem vier Jahre lange Leiter des Bereichs Innovation Management C4 Chemie, bevor er im Jahr 2012 die Leitung der strategischen Forschungs- und Entwicklungseinheit Creavis und später die der Division Nutrition and Care übernahm. Im Jahr 2023 wechselte er in den Vorruhestand. Professor Buchholz wurde mehrfach ausgezeichnet; zuletzt erhielt er den Degussa Innovations-Preis für die Entwicklung neuer Fermentationsprozesse in der Pharmaproduktion. Er war und ist Mitglied in zahlreichen Gremien und Fachgesellschaften, hat vielfach publiziert und besitzt mehr als zwanzig Patente.

    Ekkehard Winter: „Über die Seitenlinie Begeisterung schüren und Talente fördern“

    „Von der Seitenlinie Begeisterung schüren, Talente fördern“

    Ekkehard Winter, langjähriger Stiftungsmanager und Mitglied im GDNÄ-Vorstandsrat, über neue Wege zu einer besseren MINT-Bildung in Deutschland.

    Herr Dr. Winter, Sie sind vor gut dreißig Jahren Mitglied der GDNÄ geworden. Damals, Mitte der 1990er-Jahre, standen Sie am Anfang Ihrer Laufbahn in großen deutschen Wissenschaftsstiftungen. Was hat die GDNÄ für Sie interessant gemacht?
    Das waren ganz klar Persönlichkeiten wie Hubert Markl, Joachim Treusch und Detlev Ganten, die sich damals als Präsidenten der GDNÄ ablösten. Sie sind die Pioniere moderner Wissenschaftskommunikation in Deutschland, ihnen haben wir viel zu verdanken. Ich war dann immer wieder auf Versammlungen der GDNÄ, wobei mich die 200-Jahr-Feier in Leipzig vor drei Jahren ganz besonders beeindruckt hat. Bei all diesen Treffen werden niveauvolle Vorträge geboten, die ein Thema gründlich ausleuchten – und nicht nur Wissensschnipsel wie bei anderen Veranstaltungen mit ähnlicher Zielgruppe. 

    Vor fast einem Jahr wurden Sie in den GDNÄ-Vorstandsrat berufen. Was bedeutet das für Sie?
    Ich bin für zwei Jahre berufen, also bis Ende 2026. Mir macht es Freude, meine jahrzehntelange Erfahrung in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung einzubringen. Hilfreich könnte auch mein Netzwerk an Kontakten sein – sei es in Stiftungen, Hochschulen und Forschungsmuseen oder in der Politik. Bisher habe ich an zwei Strategiesitzungen der GDNÄ teilgenommen und jedesmal war ich beeindruckt von den produktiven Diskussionen auf Augenhöhe und den erfrischenden Beiträgen junger Mitglieder. 

    Sie kennen viele Nachwuchsorganisationen im Wissenschaftsbereich. Welchen Eindruck haben Sie von der noch recht jungen jGDNÄ?
    Ihre Mitglieder sprudeln über vor Ideen, sie wollen etwas erreichen, auch für ihre eigene Karriere. Das ist andernorts ähnlich und sehr zu begrüßen. Gut finde ich auch, wenn die jungen Leute eigene Veranstaltungen zwischen den Versammlungen der GDNÄ organisieren. Aber, und auch das gehört zum Bild: Derzeit lebt die Initiative vom Elan besonders engagierter Mitglieder. Doch was ist, wenn sie ins Ausland gehen? Oder kaum noch Zeit für das Ehrenamt haben? Droht dann der Zerfall? Um das zu verhindern, wird in ein, zwei Jahren eine Art Verbindungsbüro nötig sein – ein Hub, der alles zusammenhält. Das kostet Geld und ohne Fördermittel wird das kaum zu stemmen sein. Da überlege ich gern mit.

     © Marlene Anders

    Auch Volkssternwarten sind Teil des Bildungs-Ökosystems: Das Foto zeigt Mitglieder der jGDNÄ beim Besuch der Heidelberger Sternwarte im Haus der Astronomie.

    Sind schon Förderchancen absehbar?
    Nehmen wir zum Beispiel die Stiftungen. Viele von ihnen engagieren sich inzwischen aufgrund strategischer Entscheidungen und auch aus Kostengründen weniger in Personenprogrammen, sie fördern eher Strukturen. Für einen jGDNÄ-Hub würde das also passen. Es gibt aber noch viele andere Fördermöglichkeiten über zivilgesellschaftliche oder staatliche Institutionen, die sich teilweise kombinieren lassen. Was fehlt, ist ein Überblick, der Stärken, Schwächen und Besonderheiten der Angebote erkennen lässt. Die Erstellung einer „Förderlandkarte“ wäre doch mal ein schönes Thema für eine Bachelorarbeit! 

    Ein Vorschlag aus den Reihen der jGDNÄ ist ein Mentoringprogramm, das junge Leute mit etablierten GDNÄ-Mitgliedern aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammenbringt. Eine gute Idee?
    Eine sehr gute Idee! Ich denke da an eine Erfahrung, die ich als Geschäftsführer der Telekom Stiftung gemacht habe. Wir haben ein Programm auf die Beine gestellt, das Doktoranden mit Führungspersönlichkeiten aus unterschiedlichen Bereichen zusammenbrachte, auch mit Topmanagern aus der Wirtschaft. Jeder Mentee hatte einen Mentor oder eine Mentorin, die alle sehr gern mitgemacht haben und oft aus anderen Disziplinen als ihre Mentees kamen. Das hat hervorragend funktioniert. Aber es muss gut organisiert werden und braucht Begeisterung, Zeit und Geld. 

    Die jGDNÄ ist eine Dachorganisation, in der auch das seit vielen Jahren erfolgreiche Schülerprogramm der GDNÄ angesiedelt ist. Wie beurteilen Sie das Programm?
    Nach allem, was ich in den letzten Jahren beobachten konnte, hat es sich wunderbar entwickelt. Es spielt eine wichtige Rolle im Ökosystem der MINT-Bildung, also im Bereich von Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften. Solche Programme stärken die Faszination für Fächer, die dringend gebraucht werden, denen es aber immer schon an Nachwuchs fehlte. Grundlegend wird sich das wohl auch in Zukunft nicht ändern. Umso wichtiger sind Programme für Schülerinnen und Schüler, die sozusagen über die Seitenlinie Begeisterung schüren und Talente fördern.  

    Unter dem Dach der jGDNÄ laufen mehrere Programme, unter anderem ein noch kleines Lehrerprogramm der GDNÄ. Sehen Sie Potenzial und, wenn ja, wie lässt es sich ausschöpfen?
    Gerade im MINT-Bereich gibt es unglaublich engagierte Lehrkräfte. Dass das auch beim GDNÄ-Programm so ist, weiß ich aus Gesprächen mit dessen Leiter Paul Mühlenhoff. Diese Lehrerinnen und Lehrer genießen es oft sehr, außerhalb ihrer eigenen Schulen zusammenzukommen und sich austauschen zu können. In ihren heimischen Kollegien gelten sie oft als Störenfriede, weil sie gern Neues ausprobieren und die Standards hochschrauben. Eine Idee wäre zum Beispiel ein Lehrkräftecafé bei der nächsten Versammlung 2026 in Bremen. Eingeladen wären etablierte und angehende MINT-Lehrerinnen und Lehrer mit Interesse an Austausch und Kooperation. Ich habe einige Treffen dieser Art koordiniert und war immer wieder verblüfft, wie wenig Lehrkräfte über Initiativen in anderen Bundesländern wissen und wie gern sie gute Impulse aufgreifen. Unser föderales Bildungssystem ist dermaßen provinziell! Das sollten wir ändern und die GDNÄ könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten. 

    Vor zwei Jahren sind Sie in den Ruhestand gegangen. Neben Ihren Ehrenämtern, unter anderem in der GDNÄ, studieren Sie jetzt Wissenschaftsphilosophie an der Uni Münster. Eine gute Entscheidung? 
    Ja, auf jeden Fall. Bisher fehlte mir die Zeit, mich mit der Ideengeschichte und den Theoriegebäuden der Naturwissenschaften zu befassen. Diese Bereiche sollten aber nicht nur Ruheständler interessieren, sondern sie müssten aus meiner Sicht auch in der Vermittlung der MINT-Fächer an Schulen und Hochschulen vorkommen. Auch die GDNÄ mit ihrer langen Geschichte könnte dafür ein guter Platz sein.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Deutsche Telekom Stiftung

    Dr. Ekkehard Winter, Biologe, langjähriger Stiftungsmanager und berufenes Mitglied im GDNÄ-Vorstandsrat.

    Zur Person

    Dr. Ekkehard Winter engagiert sich im Nationalen Bildungsforum und berät das Nationale MINT Forum; beide Einrichtungen sind wichtige bildungspolitische Akteure. Von 2005 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2023 war Winter Geschäftsführer der Deutschen Telekom Stiftung, deren Profilierung als führende Bildungsstiftung im Bereich Mathematik, Ingenieur- und Naturwissenschaften (MINT) er maßgeblich geprägt hat. Zuvor war der promovierte Biologe als Programmleiter und stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft tätig. Ekkehard Winter zählt zu den Gründern der bundesweiten Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD) und des EuroScience Open Forum (ESOF). In den Jahren 2017 und 2018 war er Gründungsvorstand des Forums Bildung Digitalisierung, das sich für die digitale Transformation im Schulsystem einsetzt. Von 2017 bis 2023 war Winter Co-Sprecher des Nationalen MINT-Forums e.V.. GDNÄ-Mitglied ist Ekkehard Winter seit Mitte der 1990er-Jahre; 2024 wurde er in den Vorstandsrat berufen. 

    © Deutsche Telekom Stiftung

    Ekkehard Winter in seiner Zeit als Geschäftsführer der Telekom-Stiftung bei einem Interview für den hauseigenen Social-Media-Kanal.

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