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    Lasker-Preis für GDNÄ-Mitglied

    Professor Dieter Oesterhelt erhält hohe Ehrung für seine Verdienste um die Optogenetik

    Als Pionier der Optogenetik wurde dem langjährigen GDNÄ-Mitglied und emeritierten Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie, Professor Dieter Oesterhelt, der wichtigste biomedizinische Forschungspreis der USA zugesprochen.

    Oesterhelt erhält den mit 250.000 Dollar dotierten Albert Lasker Award 2021 zusammen mit seinem akademischen Schüler Professor Peter Hegemann von der Berliner Humboldt-Universität und Professor Karl Deisseroth, der an der Stanford University forscht. Geehrt werden die drei Wissenschaftler für die Entdeckung lichtempfindlicher Proteine in der Membran von Einzellern und deren Einsatz zur Weiterentwicklung der Optogenetik. Mit ihrer Forschung bahnten die Preisträger zahlreichen medizinischen Anwendungen den Weg, darunter auch neuen Therapieansätzen gegen Blindheit. Viele Träger des Lasker-Preises erhielten später den Nobelpreis.

    © Krella, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft Berlin

    Dieter Oesterhelt (links) mit seinem Doktorvater und Nobelpreisträger Feodor Lynen, 1967

    Professor Dietrich von Engelhardt – „In freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit“

    „In freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit“

    Entstanden im Geist des Aufbruchs war die GDNÄ immer wieder ein Forum für große Debatten und nachdenkliche Analysen. Wie sie das über fast zwei Jahrhunderte geschafft hat, schildert hier der Wissenschaftshistoriker Dietrich von Engelhardt.

    Herr Professor von Engelhardt, im kommenden Jahr wird die GDNÄ 200 Jahre alt. So lange halten längst nicht alle Wissenschaftsorganisationen durch. Wie erklären Sie die Robustheit der GDNÄ?
    Vor allem mit ihrer Einzigartigkeit – auch im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Gesellschaften. Ihr Kernanliegen ist seit ihrer Gründung 1822 der interdisziplinäre Austausch zwischen Naturwissenschaftlern und Medizinern ebenso wie die Verbindung zu Philosophie und Gesellschaft. In den Geisteswissenschaften ist dieses Interesse an anderen Disziplinen nicht so ausgeprägt, eine vergleichbare übergreifende geisteswissenschaftliche Gesellschaft gibt es nicht. Was die GDNÄ auch stabilisiert hat, sind die großen wissenschaftlichen Debatten, die auf ihren Versammlungen geführt wurden und die weit in Gesellschaft und Kultur ausstrahlten.

    An welche Debatten denken Sie?
    Zum Beispiel an die Auseinandersetzungen über Naturwissenschaft und Naturphilosophie, über die Freiheit der Forschung, Darwins Evolutionslehre, Mechanismus und Vitalismus sowie über Popularisierung und Schulunterricht. Ich denke etwa an Emil du Bois-Reymonds Rede auf der 45. Versammlung 1872 in Leipzig über die „Die Grenzen des Naturerkennens“, in der es um die nach seiner Ansicht grundsätzlich naturwissenschaftlich nicht erkennbaren Beziehungen von Kraft und Stoff, von Leib und Seele ging. Die Rede provozierte Zustimmung und Widerspruch – ebenso wie Ernst Haeckels Eintreten für Darwin und den Darwinismus. Auch Rudolf Virchow löste mit seinem Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaft und für den Verzicht auf die Verbreitung von Unbewiesenem im Schulunterricht und in der Öffentlichkeit vielfältige Reaktionen aus.

    Die GDNÄ als Forum für große Debatten: Kann sie das heute noch?
    Heute gibt es viele weitere Plattformen für den Wettstreit der Ideen, die GDNÄ hat starke Konkurrenz bekommen. Ihre Glanzzeit lag sicher im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Aber auch in unserer Zeit sehe ich große Chancen für die GDNÄ, sei es im Bildungsbereich oder im Dialog der Disziplinen und in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft und Kultur. Die Resonanz vieler Versammlungen hat das eindrucksvoll gezeigt. Ein wichtiges und öffentlichkeitswirksames Thema ist in dieser Perspektive auch „Wissenschaft im Bild“, dem sich schwerpunktmäßig die Versammlung 2022 in Leipzig widmen wird.

    © Deutsches Museum, München, Archiv, CD79207

    Tagen in Sektionen: Die Abteilung Mathematik und Astronomie im Gruppenbild bei der GDNÄ-Versammlung 1890.

    Lassen Sie uns noch einmal zu den Anfängen zurückkehren. In Leipzig fand die erste Versammlung der GDNÄ statt, im Herbst des Jahres 1822. Um was ging es den Gründern?
    Treibende Kraft war der Naturforscher und Naturphilosoph Lorenz Oken. Er hatte eine Gruppe Gleichgesinnter um sich geschart, darunter den romantischen Naturphilosophen, Maler und Arzt Carl Gustav Carus und den Chemiker und Mythenforscher Johann Salomo Christoph Schweigger. Einmal im Jahr und immer in einer anderen Stadt, daher der Beiname Wandergesellschaft, wollte man sich gegenseitig über den Stand eigener Forschungen informieren – in freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit, aber auch in offener Auseinandersetzung. Den Gründern ging es um einen lebendigen Austausch, auch als Gegenentwurf zu den Ritualen der damals schon lange bestehenden Universitäten und Wissenschaftsakademien.

    Ist das von Anfang an gelungen?
    Soweit es sich aus den Quellen erschließen lässt, ja. Okens Aufrufen zur Versammlung der deutschen Naturforscher waren 1822 beim ersten Treffen 13 Naturforscher und Ärzte als Mitglieder gefolgt, insgesamt nahmen 60 Personen an den Vorträgen und Diskussionen teil. Später wurden es dann deutlich mehr, gelegentlich kamen 5000 bis 7000 Besucher. In der Gegenwart sind die Zahlen der Mitglieder und Besucher wieder zurückgegangen – jüngere Wissenschaftler setzen für ihre Laufbahn und ihre Forschung andere Akzente. In den Anfangsjahren ging es in den Vorträgen, ganz im Geist der romantischen Naturphilosophie, um die Einheit der Natur, die Verbindung von Natur und Geist, die Verantwortung des Menschen für die Natur und auch um soziales Engagement. Nach lebhaften und teils kontroversen Diskussionen klangen die Tage in geselliger Runde unter geistreichen Tischreden und gemeinsamen Gesängen aus.

    Ließ sich das so durchhalten?
    Nicht ganz. 1828 kam es zu einer tiefergehenden strukturellen Veränderung und durchaus auch zur ersten Krise. Alexander von Humboldt hatte sich in seiner Festrede bei der Versammlung in Berlin entschieden für die Bildung von Sektionen neben den allgemeinen Sitzungen ausgesprochen, um dem wissenschaftlichen Fortschritt in den einzelnen Disziplinen angemessen und in divergenter Debatte entsprechen zu können. Diese Initiative sollte sich als ungemein wichtig für den Fortbestand der Gesellschaft erweisen, stieß aber anfangs auch auf Widerstand. Manche befürchteten ein Auseinanderdriften der Disziplinen, also eine Entwicklung, der man mit der Gründung der GDNÄ hatte entgegenwirken wollen. Auch Lorenz Oken war keineswegs begeistert von der Einteilung in Sektionen, die sich dann aber doch durchsetzte. Vollständig aufgehoben wurde die Gemeinsamkeit jedoch keineswegs: So schrieb die örtliche Tageszeitung über das abendliche Zusammensein bei der 67. Versammlung 1895 in Lübeck: „Man speiste sektionsweise und sang gemeinschaftlich.“

    Wie hat Oken reagiert?
    Er zog sich etwas zurück und nahm nicht mehr an allen Versammlungen teil. Eigene Aktivitäten und Verpflichtungen beanspruchten ihn in jenen Jahren stark. Oken war ein engagierter, streitbarer Mensch, der ein einiges Deutschland anstrebte, für die Pressefreiheit kämpfte und seinen Gegnern mutig die Stirn bot – auch wenn sie Landesherren waren oder Johann Wolfgang von Goethe hießen. Er schrieb und publizierte sehr viel, setzte sich für einen naturwissenschaftlichen Unterricht an den Schulen ein, gab die erste fachübergreifende wissenschaftliche Publikation „Isis oder Encyclopädische Zeitung“ heraus – sie erschien von 1819 bis 1848 – und ging schließlich nach Zürich. Dort ernannte man ihn zum ersten Rektor der Universität und dort starb er 1851.

    © Deutsches Museum, München, Archiv, CD85577

    Blick ins Auditorium bei der Feier zum 150-jährigen Bestehen der GDNÄ in München im Oktober 1972.

    Zu diesem Zeitpunkt war die GDNÄ dreißig Jahre alt. Wie stand es um sie?
    Es ging ihr sehr gut. Ihre Versammlungen waren Höhepunkte des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, wer als Naturforscher oder Arzt auf sich hielt, war Mitglied der GDNÄ. Sie vereinte die naturwissenschaftlich-medizinische Elite Europas. In den Vorträgen, die in Verhandlungsbänden abgedruckt wurden, spiegelte sich die Entwicklung der Naturwissenschaften und Medizin im 19. Jahrhundert wider. Zu den Versammlungen kamen Forscher aus Italien, England, Frankreich, Russland und anderen Ländern, auch wenn das für einige politisch nicht ungefährlich war. Angeregt durch das Vorbild der GDNÄ entstanden ähnliche Gesellschaften im Ausland: 1831 die British Association for the Advancement of Science oder zwei Jahre später die Congrès Scientifiques de France und 1839 die italienischen Riunioni degli Scienziati Italiani. In Deutschland gingen aus der GDNÄ zahlreiche naturwissenschaftliche und medizinische Fachgesellschaften hervor – in der Physik ebenso wie in Chemie, Pharmazie, Pathologie, Gynäkologie, Chirurgie und Psychiatrie.

    Das 20. Jahrhundert war gezeichnet von Krieg und Wiederaufbau. Wie wirkte sich das auf die GDNÄ aus?
    Während beider Weltkriege setzten die Versammlungen aus. Während des Dritten Reiches war die Situation in den drei Versammlungen 1934 in Hannover, 1936 in Dresden und 1938 in Berlin ausgesprochen komplex. In ihren Begrüßungsreden bejahten die Ersten Vorsitzenden in teils opportunistischer Rhetorik, teils mit innerer Überzeugung die neue nationalsozialistische Zeit. Sie beschäftigten sich in unterschiedlicher Akzentuierung mit dem Verhältnis von deutscher und internationaler Forschung, sprachen von einer Orientierung am Volkswohl und dem Nutzen für die Menschheit und hoben zugleich dankbar die Teilnahme ausländischer Wissenschaftler hervor.  Die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachvorträge waren überwiegend frei von nationalsozialistischer Ideologie, wobei die erbbiologischen Vorträge durchaus den rasseideologischen Diskussionen der Zeit entsprachen. Übergreifende Vorträge wie zum Beispiel von Werner Heisenberg über die „Wandlungen der Grundlagen der exakten Naturwissenschaften in jüngster Zeit“ im Jahr 1934, von Walter Gerlach zum Thema „Theorie und Experiment in der exakten Wissenschaft“ im Jahr 1936 oder von Ludwig Aschoff 1936 über „Pathologie und Biologie“ fielen rein wissenschaftlich und theoretisch aus und ausdrücklich ohne jede Verbindung zur Welt der Politik. Die erste Nachkriegsversammlung fand erst wieder 1950 in München statt – mit einer Festrede des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss.

    Seitdem sind mehr als siebzig Jahre vergangen. Gibt es in diesem langen Zeitraum eine prägende, bis heute spürbare Entwicklung, die Sie herausgreifen würden?
    Ja, sie hat mit dem ungestümen Fortschrittsoptimismus zu tun, der das ausgehendende 19. Jahrhundert und beginnende 20. Jahrhundert kennzeichnete und der spätestens in den 1970er-Jahren problematisiert wurde. Der Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges umriss die neue Haltung 1972, anlässlich des 150jährigen Bestehens der GDNÄ, wie ich finde sehr treffend: „Wir erwarten am Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht mehr, dass mit dem Fortschreiten naturwissenschaftlicher Entdeckungen und Erfindungen eine rationale gesellschaftliche Entwicklung gekoppelt sei.“ Allerdings, so fügte er hinzu: „Wir bleiben überzeugt, dass Wissenschaft immer noch das zuverlässigste Instrument ist zur Bewältigung des Fortschritts.“

    Welche Bedeutung kommt der GDNÄ heute zu? Welche Funktion kann sie im Spektrum der Wissenschaftsorganisationen übernehmen?
    Wichtig ist der Dialog mit der Öffentlichkeit, den die GDNÄ immer gepflegt hat. Im 19. Jahrhundert schrieben führende Naturforscher wie der Naturforscher und Naturphilosoph Gotthelf Heinrich von Schubert naturwissenschaftliche Bücher für den Schulunterricht. Heute gibt es so etwas leider nicht mehr. Eine Bildungskommission der GDNÄ hatte Mitte der 1990er-Jahre überzeugende Konzepte für die naturwissenschaftliche Allgemeinbildung als, wie sie es formulierte, „fachübergreifenden Fachunterricht“ entwickelt. Die Umsetzung in Lehrerbildung und schulischem Alltag steht allerdings noch aus. Zudem ist die GDNÄ als unabhängige Einrichtung hervorragend geeignet, für Gesellschaft und Kultur zentrale und umstrittene Fragen aus den Naturwissenschaften und der Medizin aufzugreifen und in die öffentliche Diskussion zu bringen. Nicht zuletzt wünsche ich mir einen Brückenschlag zu den Geisteswissenschaften, auch um Zusammenhänge zwischen Welt- und Selbsterkenntnis zu beleuchten und einen Beitrag zur Lösung ethischer und juristischer Herausforderungen der Gegenwart zu leisten.

    Eine Frage zum Abschluss: Heute klingt die Bezeichnung „Naturforscher“ im GDNÄ-Namen etwas antiquiert. Was verstand man vor zweihundert Jahren darunter?
    Wenn wir die naturphilosophischen Dimensionen weglassen, meinte Naturforschung damals ungefähr das, was wir heute unter Naturwissenschaften verstehen. Dass dieser Begriff sich schließlich durchsetzte, hat mit Einflüssen aus dem Ausland und der englischen Sprache zu tun. Ich halte den Begriff „Naturforscher“ weiterhin für sinnvoll, attraktiv und keineswegs für antiquiert. Er betont im Unterschied zu „Naturwissenschaft“ und in Übereinstimmung mit dem französischen „recherche“ und englischen „research“ das Suchende, Fragende, ins Unbekannte Aufbrechende. Darum geht es ja im Kern, heute ebenso wie damals bei der Gründung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher im Jahr 1822.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung Lübeck

    Der Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Dietrich von Engelhardt

    Zur Person
    Dietrich von Engelhardt kam 1941 in Göttingen zur Welt. Er studierte Philosophie, Geschichte und Slawistik in Tübingen, München und Heidelberg, wurde 1969 promoviert, war mehrere Jahre in der Kriminologie und Kriminaltherapie tätig und habilitierte sich 1976 in der Naturwissenschaftlich-Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Von 1983 bis 2007 war er Ordinarius für Geschichte der Medizin und Allgemeine Wissenschaftsgeschichte an der Universität Lübeck, von 2008 bis 2011 Kommissarischer Direktor des vergleichbaren Instituts der Technischen Universität München (TUM). Dietrich von Engelhardt übernahm viele weitere Aufgaben, unter anderem als Prorektor der Universität (1993 bis 1996), Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin (1998 bis 2002), Vorsitzender der Ethikkommission für medizinische Forschung und des Klinischen Ethikkomitees der Universität Lübeck (2000 bis 2007) sowie als Vizepräsident des Landeskomitees für Ethik in Südtirol (2001 bis 2010). 1997 initiierte und organisierte er in Lübeck ein Symposium aus Anlass des 175-jährigen Bestehens der GDNÄ.

    Dietrich von Engelhardt wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa durch die Aufnahme in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina im Jahr 1995 und in andere nationale und internationale Wissenschaftsakademien. Er erhielt 2004 die Georg-Maurer-Medaille der TUM-Fakultät für Medizin und ebenfalls 2004 den Preis der Züricher Margrit Egnér-Stiftung. Im Jahr 2016 wurde er für seine Forschungen zur Geschichte der GDNÄ mit der Alexander-von-Humboldt-Medaille geehrt.

    Zu den wissenschaftlichen Schwerpunkten Dietrich von Engelhardts zählen: Theorie der Medizin; medizinische Ethik; Medizin in der Literatur der Neuzeit; Botanik des 16. Jahrhunderts: Naturphilosophie, Naturwissenschaft und Medizin in Idealismus und Romantik; Geschichte der Psychiatrie; naturwissenschaftlich-medizinische Reisen in der Neuzeit; europäische Wissenschaftsbeziehungen; Umgang des Kranken mit der Krankheit; Bibliotherapie; Biografien  und Pathografien  von Naturwissenschaftlern, Medizinern und Künstlern.

    Weiterführende Links:
    Bücher (Hg. Dietrich von Engelhardt)
    >> Forschung und Fortschritt, Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Stuttgart 1997 (Sammelband mit wegweisenden Reden von Lorenz Oken bis Hubert Markl; antiquarisch erhältlich)
    >> Zwei Jahrhunderte Wissenschaft und Forschung in Deutschland, Entwicklungen – Perspektiven“, Stuttgart 1998 (Tagungsband zum 175-jährigen Bestehen der GDNÄ; antiquarisch erhältlich)

    © G. C. Wilder / Stadtmuseum Fembo-Haus, Nürnberg

    Anlässlich der 23. Versammlung der „Herren Naturforscher und Ärzte“ im Jahr 1845 lud die Stadt Nürnberg zum Festmahl im Rathaussaal ein.

    Tina Romeis – Faszinierend und wunderschön

    „Faszinierend und wunderschön“

    Sie liefern Sauerstoff und Nahrungsmittel und schaffen eine gesunde Umwelt: Pflanzen sind lebenswichtig und doch zunehmend bedroht. Wie sich ihre Widerstandskraft gegen Trockenheit und andere Stressfaktoren gezielt verbessern lässt, erforscht Professorin Tina Romeis am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle.

    Frau Professorin Romeis, der Klimawandel setzt der Pflanzenwelt weltweit zu. Auch in unseren Breiten sind Bäume, Sträucher und viele andere Gewächse von den Dürren der letzten Jahre gezeichnet. Beschäftigt Sie das in Ihrer Forschung?
    Ja, der Trockenstress ist für mich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen hier am Institut ein großes Thema. Als Grundlagenforscher wollen wir bis in die molekularen Details hinein verstehen, was bei anhaltendem Wassermangel in den Pflanzen geschieht. Mit diesem Wissen sollte es gelingen, ihre Widerstandskraft gezielt zu erhöhen.

    Wie gehen Sie das Problem an?
    Unser Institut ist spezialisiert auf kleine Moleküle. Wir konzentrieren uns auf bestimmte Stoffwechselprodukte, sogenannte Metaboliten, die entscheidend zur Resistenz einer Pflanze gegenüber Trockenheit beitragen. Solche Metaboliten bestimmen wir in Pflanzen, die unterschiedlich gut mit Wassermangel zurechtkommen. Bäume wie Buchen und Eichen weisen noch eine recht hohe Trockentoleranz auf, Nadelbäume haben große Probleme damit. Darüber hinaus identifizieren wir die kleinen Moleküle in Signalwegen, über die sich Informationen über Umweltbedingungen innerhalb einer Pflanze verbreiten. Über diese Wege mobilisiert die Pflanze auch ihre Abwehrkräfte, zum Beispiel bei Wassermangel.

    Das deutsche Tiefsee-Forschungsschiff „Sonne" © Thomas Walter

    © IPB

    Im Foyer des Leibniz-Instituts für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle.

    Wie können wir uns pflanzliche Abwehrkräfte vorstellen?
    Wenn Pflanzen angegriffen werden, beispielsweise durch Bakterien oder Fraßinsekten, aktivieren sie Abwehrmechanismen und -stoffe, mit denen sie sich bei künftigen Attacken wehren können. Daran sind Kalzium-abhängige Proteinkinasen beteiligt, für die ich mich in meiner Forschung ganz besonders interessiere. Es handelt sich um Enzyme, die nicht nur wichtig für die Immunabwehr von Pflanzen sind, sie prägen auch die pflanzliche Stresstoleranz gegenüber Trockenheit, Kälte und Nährstoffmangel. Interessanterweise gibt es im menschlichen Gehirn ähnliche, durch Kalzium regulierte Proteinkinasen, die entscheidend für das Lernen und das Gedächtnis sind.

    Können auch Pflanzen sich erinnern?
    Ja, das kann man durchaus sagen. Natürlich haben Pflanzen kein Gehirn oder ein Nervensystem wie wir Menschen. Aber sie verfügen über eine Art molekulares Gedächtnis. Wie es genau funktioniert, welche Informationen Pflanzen kurz- oder langfristig speichern und welche Faktoren das Vergessen von Informationen regulieren, all das erforscht meine Arbeitsgruppe.

    Was tun Sie mit Erkenntnissen, die für die Anwendung interessant sein könnten?
    Wenn das der Fall ist, wenden wir uns an das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung im nahegelegenen Gatersleben. Der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen unseren Instituten klappt hervorragend und die Rollenverteilung ist einvernehmlich geregelt: Wir am IPB sind zuständig für die biochemische Grundlagenforschung, Gatersleben verfügt über  artenreiche Saatgutbanken, die sich hervorragend für Neuzüchtungen oder gezielte genetische Veränderungen eignen.

     Für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung im Klimawandel sind solche Entwicklungen sehr wichtig. Wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
    Zwar betreiben wir keine Pflanzenzüchtung, liefern also nicht direkt anwendbare Lösungen. Doch die Fragen, die wir in unserer biochemischen Grundlagenforschung stellen, sind natürlich von globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel geleitet. Dass diese Forschungsfragen dringend beantwortet werden müssen, sieht man auch daran, dass die Wissenschaft in unserem Feld weltweit boomt. In Deutschland stehen wir aktuell noch recht gut da. Was die Zukunft angeht, bin ich jedoch etwas skeptisch. Viele junge Leute wollen nach dem Studium nicht mehr promovieren. Bei ihnen beobachte ich ein starkes Interesse für Naturschutz, Umweltmanagement und ökologische Bildung – die Grundlagenforschung ist nicht ihr Hauptanliegen.

    War das der Grund, warum Sie vor drei Jahren von der Freien Universität Berlin an das Leibniz-Forschungsinstitut nach Halle wechselten?
    Ich wollte mich auf die Forschung konzentrieren und dafür sind die Bedingungen am IPB ideal. Von der apparativen Ausstattung, die uns hier zur Verfügung steht, kann man an den meisten Unis nur träumen. Ein Beispiel ist unser Massenspektrometer, mit dem wir die Massen von Atomen und Molekülen in Pflanzen bestimmen, ein anderes das konfokale Mikroskop, das winzige pflanzliche Reaktionen sichtbar macht. Und mithilfe der sogenannten FRET-Mikroskopie können wir biochemische Prozesse in der Pflanze live beobachten.

    © IPB

    Mit diesem Konfokalmikroskop untersuchen die Wissenschaftler um Professorin Romeis das Verhalten lebender Pflanzen unter verschiedenen Bedingungen wie zum Beispiel großer Trockenheit. Zu sehen ist immer dasselbe Blatt der zu Forschungszwecken häufig genutzten Ackerschmalwand Arabidopsis. Gezeigt werden einzelne Schließzellen (Stomata) an der Unterseite eines Blattes, die den Gasaustausch und den Wasserhaushalt in der Pflanze steuern. Das Mikroskop führt die biochemischen Prozesse vor Augen, die zum Öffnen der Zellen bei günstigen  Bedingungen und zum Schließen bei Trockenheit führen.  

    Das klingt nach guten Voraussetzungen für Erfolgsgeschichten.
    Die gibt es immer wieder, auch fächerübergreifend. Erst vor wenigen Monaten wurde ein spektakulärer Fund publiziert, zu dem die Forschung bei uns am Institut beigetragen hat. Es ging um den Auslöser einer mysteriösen neurodegenerativen Krankheit bei Weißkopfseeadlern, der nach jahrelanger gemeinsamer Forschung mit amerikanischen Wissenschaftlern identifiziert werden konnte. Seit den 1990er-Jahren waren an der Krankheit viele Vögel, Reptilien und Fische im Süden der USA gestorben. Ursache war ein Gift, das von Cyanobakterien gebildet wird, die auf bestimmten Wasserpflanzen in den betroffenen Gegenden gedeihen. Die Studie wurde als Titelgeschichte im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht und trug der Pflanzenforschung in Halle großes Renommee ein. Meinen Kollegen am Institut ist jetzt gerade die chemische Totalsynthese dieses Gifts gelungen, es handelt sich um einen toxischen Metaboliten.

    Auch deutsche Publikumsmedien berichteten über die Studie. Lag das am attraktiven Thema oder ist das Interesse der Öffentlichkeit an Wissenschaftsthemen generell groß?
    Es hatte viel mit der besonderen Thematik zu tun. Generell beobachte ich eher eine zunehmende Wissenschaftsmüdigkeit und einen Vertrauensverlust. Die vielen Plagiatsaffären haben dem Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft doch sehr geschadet. Da haben wir einiges aufzuholen und gutzumachen.

    Welche Rolle kann die GDNÄ dabei spielen? Immerhin ist der Austausch mit der Gesellschaft eines ihrer großen Anliegen.
    Ich glaube, die GDNÄ kann hier viel bewirken. Sie ist eine neutrale Instanz und vertritt keine spezifischen Fachinteressen. Das ist eine gute Basis für einen vertrauensvollen Dialog mit der Öffentlichkeit.

    In der GDNÄ vertreten Sie seit Kurzem das Fach Biologie. Was möchten Sie in dieser Funktion erreichen?
    Pflanzen sind extrem wichtig für unser Leben, für die Energieversorgung und das gesamte Ökosystem und sie werden immer wichtiger. Außerdem sind Pflanzen wunderschön und faszinierend. Das würde ich gern stärker ins Bewusstsein rücken und auch der nächsten Generation vermitteln. Die Programme der GDNÄ für Schüler und Lehrer bieten dafür hervorragende Möglichkeiten.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © IPB

    Prof. Dr. Tina Romeis

    © IPB

    Eine Forschungseinrichtung im Grünen.
    Zur Person
    Seit 2019 leitet Tina Romeis die Abteilung „Biochemie pflanzlicher Interaktionen“ am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle an der Saale. Gleichzeitig wurde die damals 54-Jährige als Professorin an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berufen.  Zuvor hatte Tina Romeis 15 Jahre lang den Lehrstuhl für Pflanzenbiochemie an der Freien Universität Berlin geleitet. Dem Ruf nach Berlin ging eine Forschungstätigkeit am Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln voraus. Dort hatte sie sich dank des 2001 zuerkannten, hoch dotierten Sofia-Kovalevskaja-Preises der Alexander-von-Humboldt-Stiftung als unabhängige Gruppenleiterin etablieren können. Ihre Habilitation in Genetik und Molekularer Phytopathologie erfolgte am Institut für Genetik der Ludwig-Maximilians-Universtiät München. Weitere Meilensteine ihrer Laufbahn waren Forschungsaufenthalte in München und am John-Innes-Centre im britischen Norwich und davor die Promotion am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. In Tübingen, an der Eberhard-Karls-Universität, hatte Tina Romeis Biochemie, Organische Chemie und Pflanzenphysiologie studiert. Aufgewachsen ist die in Würzburg geborene Fränkin im Steigerwald.

    Das Forschungsinteresse von Professorin Romeis richtet sich insbesondere auf Kalzium-abhängige Proteinkinasen. Diese Enzyme sind nicht nur wichtig für die Immunabwehr von Pflanzen, sie prägen auch deren Stresstoleranz gegenüber Trockenheit, Kälte und Nährstoffmangel. Die Biochemikerin will ihre Grundlagenforschung in Kooperation mit Forschungseinrichtungen in der Region nutzbar machen: sowohl für die Land- und Forstwirtschaft wie auch für das Verständnis ökologischer Zusammenhänge.

    Weiterführende Links:

    Thomas Elsässer – Schnappschüsse von zuckenden Molekülen

    Schnappschüsse von zuckenden Molekülen

    Mit ultrakurzen Lichtimpulsen macht der Berliner Experimentalphysiker Thomas Elsässer winzige Bewegungen der Materie sichtbar. Was er mit seinem Team erforscht, ist von großem praktischen Nutzen für die Entwicklung neuer Werkstoffe, für Medizin und Biologie – und für ein schnelles, stabiles Internet. 

    Herr Professor Elsässer, Sie leiten das Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie.  Das klingt ziemlich kompliziert. Können Sie es einfach erklären?
    Wir erzeugen ultrakurze und ultraintensive Lichtimpulse und untersuchen deren Wechselwirkung mit Materie. Auf diese Weise können wir extrem schnell ablaufende Prozesse in Atomen und Molekülen abbilden und genau untersuchen.

    Sie betreiben also Speed Imaging in einer Welt, die dem menschlichen Auge normalerweise verborgen bleibt?
    Ja, so kann man es ausdrücken. Tatsächlich lassen sich heute Elektronenbewegungen in Festkörpern, molekulare Bewegungen in Flüssigkeiten oder die Abläufe chemischer Reaktionen in Echtzeit verfolgen. Dabei wird zuerst der zu untersuchende Prozess durch einen ultrakurzen Lichtimpuls ausgelöst, um dann im nächsten Schritt mit einem zweiten Lichtimpuls den aktuellen Wert einer optischen Messgröße zu ermitteln, zum Beispiel die momentane Reflexion einer molekularen Probe. Durch wiederholte Messungen ergibt sich eine Abfolge von Schnappschüssen, die ähnlich wie ein Kinofilm einen Bewegungsablauf zeigen. Es geht aber nicht nur um das Beobachten und Abbilden: Mit maßgeschneiderten ultrakurzen Lichtimpulsen lassen sich Prozesse auch gezielt steuern, um etwa chemische Reaktionen zu optimieren.

    Ultrakurze Impulse sind offenbar der Dreh- und Angelpunkt: Was ist damit genau gemeint?
    Es geht um Lichtblitze von wenigen Femtosekunden Dauer. Eine Femtosekunde ist ein Milliardstel einer Millionstel Sekunde. Solche unvorstellbar kurzen Lichtimpulse, in denen für sehr kurze Zeit eine Leistung von mehreren Millionen Megawatt konzentriert ist, erzeugen wir in speziellen Lasern. Nur so gelingt es, ultrakurze Vorgänge in der Materie zu erforschen.

    Das deutsche Tiefsee-Forschungsschiff „Sonne" © Thomas Walter

    © Max-Born-Institut

    Eine experimentelle Anordnung zur Erzeugung intensiver Femtosekundenimpulse im infraroten Bereich bei einer Wellenlänge von fünf Mikrometern. Am Max-Born-Institut wird das System zur Erzeugung ultrakurzer harter Röntgenimpulse eingesetzt.

    Lassen sich die Erkenntnisse auch praktisch anwenden?
    Ja, es gibt bereits eine Vielzahl von Anwendungen im technischen und medizinischen Bereich und es kommen laufend neue hinzu. Ein Beispiel ist das Internet, dessen Hauptstrang heute  aus Glasfaserkabeln besteht. Dort werden riesige Datenmengen mit Lichtimpulsen im Pikosekundenbereich – eine Pikosekunde ist ein Millionstel einer Millionstel Sekunde – übertragen. Ein anderes Beispiel kommt aus der Materialwissenschaft: Bearbeitet man Werkstoffe mit einem Femtosekundenlaser, dann lassen sich hochpräzise Bohrungen ohne Ausfransen der Ränder erzeugen. Damit hat man sehr gute Erfahrungen in der Produktion von Einspritzdüsen gemacht. Oder nehmen wir die Medizin: Hier trägt die Forschung auf meinem Gebiet zu immer genaueren Bildgebungsverfahren und passgenauen Lasertherapien bei, etwa für das Netzhautschweißen in der Augenheilkunde.

    Was sind die großen Trends in Ihrem Feld?
    Derzeit wird international massiv in Großmaschinen investiert, um mit ultrakurzen Röntgenimpulsen ultraschnelle Strukturänderungen in Materie zu erfassen. Die Anwendungsbereiche reichen von Physik, Chemie und Materialforschung bis hin zur Biologie. In Stanford, Hamburg, Rüschlikon und einigen asiatischen Ländern gibt es bereits solche Großmaschinen, andernorts sind weitere Maschinen im Aufbau. Schon jetzt ist klar dass die Bestimmung momentaner atomarer Strukturen zusammen mit Ergebnissen der Ultrakurzzeitspektroskopie die Dynamik von Materie bis ins kleinste Detail erfassen kann.

    Wo liegen derzeit die Schwerpunkte an Ihrem Institut?
    In meiner Arbeitsgruppe geht es aktuell vor allem um das Projekt BIOVIB, für das ich 2019 einen zweiten ERC-Grant erhalten habe, verbunden mit einer Fördersumme von 2,5 Millionen Euro. Mit BIOVIB versuchen wir, dynamische elektrische Wechselwirkungen in biologischen Makromolekülen aufzuklären. Im Fokus steht aktuell die Transfer-RNA, kurz: tRNA genannt, die in der Zelle wie ein Lesekopf  Information aus der Messenger-RNA (mRNA) ausliest und die Synthese von Proteinen aus Aminosäuren ermöglicht. Die Struktur der tRNA wird durch elektrische Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung stabilisiert, die wir im Detail verstehen möchten. Wenn wir hier die richtigen Ansatzpunkte finden, sind auch gezielte Veränderungen im Sinne eines Moleceular Engineering denkbar. Andere Gruppen am Institut beschäftigen sich zum Beispiel mit der Dynamik von Elektronen im Sub-Femtosekundenzeitbereich und ultraschnellen magnetischen Prozessen.

    Das Max-Born-Institut ist heute eine vitale, renommierte Forschungseinrichtung. War das 1993, als Sie in den Berliner Südosten kamen, schon vorherzusehen?
    Gehofft habe ich es natürlich, aber abgezeichnet hat es sich damals noch nicht. Der Forschungsstandort Adlershof war Anfang der 1990er-Jahre noch nicht wettbewerbsfähig und sah phasenweise aus wie eine Sandwüste mit ziemlich maroden Gebäuden. Unser Institut war aus Teilen des Zentralinstituts für Optik und Spektroskopie der Akademie der Wissenschaften der DDR hervorgegangen und verwandelte sich im Laufe der Jahre in eine international konkurrenzfähige Forschungseinrichtung. Wir haben auf unserem Weg viel Unterstützung bekommen, auch durch die hervorragende Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen in der Region. Unsere Grundfinanzierung von Bund- und Länderseite und hier maßgeblich durch das Land Berlin ist gut. Als Wissenschaftler habe ich alle Freiheiten. Ich kann mich wirklich nicht beschweren.

    Also uneingeschränkt zufrieden?
    Nicht ganz. Kritisch sehen wir das geplante neue Hochschulgesetz für Berlin, das dem Senat deutlich mehr Einfluss einräumt, zum Beispiel bei Berufungen von Professoren. Probleme bereitet uns generell die zunehmende Regelungsdichte in Forschung und Verwaltung: Das nimmt oft kafkaeske Züge an, verzögert unter anderem die Zuwendung von Forschungsgeldern und beschädigt damit unsere Wettbewerbsfähigkeit. Die Mittelknappheit an den Berliner Unis ist auch für die außeruniversitäre Forschung ein großes Problem, denn die Hochschulen sind sehr wichtige Partner für uns. In der Berliner Verwaltung herrscht leider an manchen Stellen eine ausgeprägte Misstrauenskultur, durchaus im Unterschied zu anderen Bundesländern. Der Wissenschaft tut das überhaupt nicht gut.

    Sie engagieren sich weit über Ihr Institut hinaus für Wissenschaft und Forschung. Was treibt Sie an?
    Es macht mir einfach Spaß, auch mal über den fachlichen Tellerrand hinauszuschauen und eigene Erfahrungen einzubringen. Zum Beispiel in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wo ich derzeit an mehreren Projekten beteiligt bin. Wir setzen uns zum Beispiel mit Wissenschaftsfreiheit und Cancel Culture im akademischen Bereich auseinander, also mit dem Trend zum Ausschluss von Wissenschaftlern mit abweichenden Meinungen. Häufig halte ich auch Schulvorträge in Brandenburg und spreche mit den jungen Leuten über meine Forschung, das Leben als Wissenschaftler und ihre Zukunftsideen.

    Sie sind seit vielen Jahren Mitglied der GDNÄ und engagieren sich als Vertreter des Fachs Physik. Gibt es etwas, das Sie in dieser Funktion erreichen möchten?
    Es wäre wunderbar, wenn wir die Öffentlichkeit und vor allem junge Leute noch stärker einbeziehen könnte – dazu würde ich sehr gern beitragen. Dass die GDNÄ in der Wissenschaft ein hervorragendes Image hat, konnte ich erleben, als wir Fachkollegen zu Vorträgen bei der 200-Jahr-Feier in Leipzig eingeladen haben: Es gab nur Zusagen. Eine gute Idee, um zwischen den Versammlungen den Zusammenhalt der Mitglieder zu stärken, sind Regionaltreffen. Und die jetzt schon hervorragenden Programme für Schülerinnen und Schüler können wir sicher noch weiter ausbauen. Zum Beispiel mit kostenfreien Zoom-Vorträgen für junge Leute –  ich würde mich daran sofort beteiligen. Für Erwachsene könnten wir Infoflyer zu relevanten, aktuellen Themen ins Netz stellen, etwa zu Fragen des Stromtransports von den Küsten nach Süden, zum Klimawandel oder zu Themen rund ums Internet. Das Fachwissen dafür hat die GDNÄ in hohem Maße.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Max-Born-Institut / Ralf Günther

    Prof. Dr. Thomas Elsässer

    Zur Person
    Prof. Dr. Thomas Elsässer ist Direktor am Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie in Berlin-Adlershof und Professor für Experimentalphysik an der Humboldt-Universität. Nach Berlin kam er im Jahr 1993, als Adlershof noch „wie eine Sandwüste mit DDR-Gebäuden aussah“, berichtet der gebürtige Tübinger im Interview. Er hatte sich bewusst für die Pionierarbeit im Berliner Südosten entschieden und Rufe an die Universitäten Zürich und Stuttgart abgelehnt.

    Im Jahr 1991 hatte Thomas Elsässer sich habilitiert – an der Technischen Universität München, wo er nach dem Physik-Diplom mit einer Arbeit im Bereich der Pikosekunden-Spektroskopie promoviert und einige Jahre geforscht hatte. 1990 verbrachte er als Postdoc an den berühmten Bell-Labs in New Jersey.

    Der heute 63-jährige Wissenschaftler hat viele Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter zwei der begehrten Advanced Grants des European Research Council (ERC) in den Jahren 2009 und 2019. Diese Fördergelder in Millionenhöhe werden an Spitzenforscher in Europa für bahnbrechende Hochrisiko-Projekte vergeben. 2013 lehnte Thomas Elsässer ein Angebot aus Stanford ab.

    Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie. In der GDNÄ engagiert er sich seit 2014 als Fachvertreter Physik.

    © Max-Born-Institut

    Eine feste Größe auf dem Wissenschaftscampus Adlershof im Berliner Südosten: Das Max-Born-Institut, das mit seinen Büros, Laboren, Seminarräumen und einem Hörsaal in mehreren Gebäuden untergebracht ist.

    Das Institut

    Das Max Born Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie (MBI) ist eine wissenschaftlich selbständige Forschungseinrichtung. Sie ist Teil des Forschungsverbunds Berlin e.V. und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und wird institutionell je zur Hälfte vom Bund und von den Ländern, insbesondere von Berlin, gefördert.

    Das MBI pflegt enge wissenschaftliche Verbindungen zu den Berliner Universitäten. Seine Direktoren wurden mit je einer der Berliner Universitäten gemeinsam berufen. Marc Vrakking ist Professor an der FU Berlin, Stefan Eisebitt an der TU Berlin und Thomas Elsässer an der HU Berlin.

    Das Institut wurde Ende 1991 gegründet und hat knapp 200 Mitarbeiter, von denen fast die Hälfte als Wissenschaftler tätig sind. Das Jahresbudget beläuft sich auf etwa 23 Millionen Euro.

    Max Born, der Namensgeber des Instituts, zählt zu den bedeutendsten Wegbereitern der modernen Physik. Born erhielt (zusammen mit Walther Bothe) 1954 den Nobelpreis für Physik für seine Grundlagenforschung in der Quantenmechanik.

    Wolfgang T. Donner: Die GDNÄ nimmt Abschied von ihrem ehemaligen Generalsekretär

    Wolfgang T. Donner

    Die GDNÄ nimmt Abschied von ihrem früheren Generalsekretär

    Von 1999 bis 2004 war Dr. Wolfgang Donner Generalsekretär der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). In dieser Funktion verantwortete der ehemalige Direktor der Bayer AG die organisatorische Vorbereitung und Durchführung bedeutender GDNÄ-Versammlungen. Am 5. Mai 2021 starb Wolfgang Donner im Alter von 86 Jahren im Kreis seiner Familie in Köln.

    Der Präsident der GDNÄ, Professor Martin Lohse, sagt: „Wolfgang Donner hat die GDNÄ mit großem Engagement und zuverlässig als Generalsekretär geführt. Die gelungenen Versammlungen unserer Gesellschaft in Berlin, Bonn, Halle/Saale und Passau trugen seine Handschrift. Später stand er dem Vorstand beratend zur Seite und stellte seine Erfahrungen und Netzwerke in den Dienst der GDNÄ. Wir bleiben ihm und seiner Familie in Dank und Anteilnahme verbunden.“

    Aus Breslau stammend, war Wolfgang Donner nach dem Krieg über zahlreiche Stationen zum Physikstudium nach Hamburg gekommen, wo er 1962 die Diplomprüfung ablegte. Dann zog es ihn an die Universität Frankfurt. Dort promovierte er und forschte einige Jahre als Assistent am Institut für Theoretische Physik. 1967 brach er, zusammen mit seiner Frau, per Frachtschiff nach Australien auf. Als Gastwissenschaftler an der Universität in Perth begann Donner mit der Arbeit an dem zweibändigen Fachbuch „Theorie der Kernspektren“ und baute sein computerwissenschaftliches Know-how aus. Seine berufliche Heimat sollte er bei der Bayer AG in Leverkusen finden, wo er 1968 eintrat und bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1997 blieb. Sein Arbeitsgebiet verlagerte sich in dieser Zeit immer mehr in Richtung Chemie, wobei er sich sehr für die Digitalisierung der Forschung einsetzte. 1987 wurde er dafür mit der Otto-Bayer-Medaille geehrt; 1990 folgte die Aufnahme ins Bayer-Direktorium.

    Die GDNÄ wird Wolfgang T. Donner ein ehrendes Andenken bewahren.

    Nobelpreisträger Paul J. Crutzen

    Wolfgang T. Donner