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  • Hohe Glaubwürdigkeit erneut bestätigt

    Hohe Glaubwürdigkeit erneut bestätigt

    Das Vertrauen in Wissenschaft und Forschung ist ungebrochen stark, gerade in der Corona-Pandemie. Aber es gibt auch skeptische Stimmen. Dies ergab eine repräsentative Umfrage von Wissenschaft im Dialog (WiD), einer gemeinnützigen Organisation, in der die GDNÄ als Gesellschafterin mitwirkt.

    Die Menschen in Deutschland verlassen sich mehrheitlich auf Wissenschaft und Forschung. So gaben 61 Prozent der Befragten in der aktuellen Meinungsumfrage „Wissenschaftsbarometer 2021“ an, der Wissenschaft eher oder voll und ganz zu vertrauen. Das sind ähnlich viele wie bei der vorherigen Erhebung im November 2020 (60 %) und mehr als vor Beginn der Corona-Pandemie (2019: 46 %, 2018: 54 %, 2017: 50 %).

    Nur in den Corona-Spezial-Erhebungen im April und Mai 2020 war die Zustimmung mit 73 respektive 66 Prozent höher. 32 Prozent der Befragten sind aktuell unentschieden. Das geht aus bevölkerungsrepräsentativen Daten des Wissenschaftsbarometers hervor, mit dem die gemeinnützige Organisation Wissenschaft im Dialog (WiD) seit 2014 die öffentliche Meinung zu Wissenschaft und Forschung in Deutschland erhebt. Förderer und Unterstützer des Projekts sind die Robert Bosch Stiftung und die Fraunhofer-Gesellschaft. Die GDNÄ unterstützt die Ziele und vielfältigen Aktivitäten von WID seit vielen Jahren als Gesellschafterin.

    Das Vertrauen der Deutschen in Wissenschaft und Forschung hat mit der Corona-Pandemie stark zugenommen. © WiD

    Das hohe Vertrauen in Wissenschaft und Forschung spiegelt sich auch im Wunsch nach wissenschaftlicher Politikberatung. So sind mehr als zwei Drittel der Befragten (69 %) der Ansicht, dass politische Entscheidungen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen sollten. 75 Prozent finden, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich öffentlich äußern sollten, wenn politische Entscheidungen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht berücksichtigen. Eine aktive Einmischung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in die Politik wünschen sich 32 Prozent der Befragten. Die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Politik im konkreten Kontext der Corona-Pandemie bestimmte Entscheidungen empfehlen sollten.

    Unklar ist vielen Befragten (53 %) allerdings, wie in Deutschland Politikberatung zu Corona funktioniert.  „Die Menschen wünschen sich noch mehr Informationen darüber, wann und wie wissenschaftliche Erkenntnisse die Politik beeinflussen“, sagt Markus Weißkopf, Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog.

    Was Mediziner und Wissenschaftler zu Corona sagen, wird am ehesten geglaubt. © WiD

     

    Im Kontext der Corona-Pandemie ist das Vertrauen in die Aussagen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besonders hoch: 2021: 73 %, November 2020: 73 %, April 2020: 71 %. Einzig das Vertrauen in Aussagen von Ärztinnen und Ärzten und medizinischem Personal zu Corona ist noch höher (2021: 79 %, November 2020: 80 %, April 2020: 78 %). Den Aussagen der Vertreterinnen und Vertreter von Behörden und Ämtern sowie von Journalistinnen und Journalisten und von Politikerinnen und Politikern wird im Vergleich wesentlich weniger Vertrauen entgegengebracht (2021: 34 %, 21 % und 18 %).

    Trotz des großen Vertrauens in Medizin und Wissenschaft finden auch skeptische Positionen zur Corona-Pandemie Zustimmung. So stimmten 39 Prozent folgender Aussage eher oder voll und ganz zu: „Wissenschaftler sagen uns nicht alles, was sie über das Coronavirus wissen“ (19 % unentschieden, 40 % stimmen eher nicht oder nicht zu). 26 Prozent stimmen der Aussage zu, dass aus der Pandemie eine größere Sache gemacht wird, als diese eigentlich ist (12 % unentschieden, 61 % stimmen nicht oder eher nicht zu).

    „Die Ergebnisse zeigen, dass eine Minderheit an der Wissenschaft zweifelt – allerdings eine Minderheit, die während der Pandemie lauter geworden ist”, sagt Prof. Dr. Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Wissenschaftsbarometers. 

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    Neue Umfrage von „Wissenschaft im Dialog“. © WiD

    Weitere Informationen:

    Stuart Parkin – Junge Leute ermuntern, ihren scheinbar verrückten Ideen zu folgen

    „Ermuntern wir junge Leute mit scheinbar verrückten Ideen!“

    Warum Stuart Parkin, Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik, seinen Spitzenjob in Kalifornien aufgab, wie er der Datenverarbeitung auf die Sprünge hilft und welche Zukunft er für Deutschland sieht.  

    Herr Professor Parkin,  vor einigen Jahren waren Sie noch bei IBM im Silicon Valley, jetzt arbeiten Sie in Halle an der Saale. War das ein guter Tausch?
    Ich denke ja, auch wenn die beiden Stationen sehr unterschiedlich sind. Sie ähneln sich jedoch in einem Punkt, der mir sehr wichtig ist und das ist die wissenschaftliche Freiheit. Die hatte ich als Forschungsdirektor bei IBM und auch hier im Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle kann ich meinen Kurs selbst bestimmen.

    Und doch ist es ein großer Sprung, den Sie gemacht haben: von der Industrieforschung in ein öffentlich finanziertes Institut, von Kalifornien nach Sachsen-Anhalt. Was hat Sie dazu bewogen?
    Die Liebe zu meiner Frau Claudia Felser. Wir haben uns in Stanford kennengelernt und vor ein paar Jahren beschlossen, gemeinsam nach Deutschland zu gehen. Sie ist Chemie-Professorin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden. Von unserem Zuhause haben wir es nicht weit zu unseren Instituten. Fachlich verbindet uns nicht nur die Faszination für neue Materialien, wir arbeiten auch in Projekten zusammen.

    © Max Planck Institut fuer Mikrostrukturphysik

    Das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik wurde 1992 als erstes Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Ostdeutschland gegründet. Im Forschungsfokus stehen neuartige Materialien mit nützlichen Funktionalitäten. Heute bietet das Institut rund 150 Mitarbeitern Platz.

    Um was genau geht es in Ihrer Forschung?
    Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Ich erschaffe völlig neue Materialien für die Informationsverarbeitung. Sie werden dringend benötigt, denn wir stehen am Ende des Silizium-Zeitalters und brauchen nun Grundstoffe für eine schnellere, effizientere Datenwelt. Unsere Materialien bestehen  aus hauchdünnen magnetischen Schichten.  Sie erlauben es, das magnetische Moment des Elektrons zur Speicherung und Verarbeitung digitaler Daten zu nutzen und nicht nur, wie früher in der Halbleiterelektronik üblich, dessen elektrische Ladung. Spintronik lautet der entsprechende Fachbegriff. Ihr habe ich den größten Teil meines Berufslebens gewidmet und konnte in dieser Zeit wesentlich dazu beitragen, dass magnetische Laufwerke heute Standard sind. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.

    Wie geht sie weiter?
    Eine wichtige Spintronik-Anwendung sind die von mir erfundenen Spin Valves. Das sind Dünnschicht-Leseköpfe, die sehr kleine magnetische Domänen auf Festplatten aufspüren und deren Speicherkapazität deutlich erhöhen können. Vor mehr als zehn Jahren wurden unter meiner Leitung der sogenannte Racetrack-Speicher entwickelt. Diese auf Magnetoelektronik basierende Technik verarbeitet digitale Informationen eine Million mal schneller als herkömmliche Festplatten. Aktuell forsche ich zusammen mit meiner Frau an Skyrmionen und Antiskyrmionen, also an nanometergroßen magnetischen Objekten, die den Weg in eine ultaschnelle und zugleich stromsparende Datenverarbeitung der Zukunft ebnen könnten. Unsere Ergebnisse sind hochrangig publiziert, zuletzt 2020 im Fachblatt Nature.

    Wenn es um effiziente Informationsverarbeitung geht, ist das menschliche Gehirn unerreicht. Lassen Sie sich davon inspirieren?
    Selbstverständlich. Mit ersten Studien habe ich schon bei IBM begonnen und auch in Halle arbeiten wir auf diesem extrem spannenden Gebiet. Wir wollen verstehen, wie das Gehirn es schafft, mittels winziger Ionenströme stoffliche Reaktionen auszulösen. Das ist Elektrochemie vom Feinsten. Unser Ziel ist es,  die unglaublich ökonomische und präzise Arbeitsweise des Gehirns nachzuahmen. Kurzfristig ist das nicht zu schaffen, da braucht man einen langen Atem. 

    Was lässt sich in den nächsten Jahre erreichen?
    Mir geht es darum, die Erfindung neuer Materialien zu beschleunigen. Deshalb habe ich das Institut in Halle komplett umgebaut und bin dabei vom Land Sachsen-Anhalt, der Max-Planck-Gesellschaft und der Alexander von Humboldt-Stiftung hervorragend unterstützt worden. Heute arbeiten wir hier in einem großen Team von Physikern, Chemikern und Biologen – um nur einige Fachrichtungen zu nennen. Uns steht modernste Bildgebungstechnik zur Verfügung und wir haben einen neuen Reinraum, in dem wir feinste Nanostrukturen herstellen können.  Das meiste davon haben wir selbst gebaut, so etwas kann man nicht auf dem Markt kaufen.

    © burckhardt+partner

    Forschungsneubau für die Chiptechnik von morgen (virtuelle Ansicht): Mit einer Investition von 50 Millionen Euro wird das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle um moderne Labore und Büros erweitert. Bis Ende 2024 soll der Neubau mit einer Nutzfläche von 5.500 Quadratmetern fertig sein. Das Institut wird dann bis zu 300 Mitarbeitern Platz bieten können.

    Ihre Forschung dürfte von großem Interesse für die Industrie sein?
    So ist es. Kooperationen gibt es zum Beispiel mit dem koreanischen IT-Unternehmen Samsung. Auch andere Firmen beobachten aufmerksam, was sich bei uns tut. Unter anderem der amerikanische Chiphersteller Intel, der kürzlich Milliardeninvestitionen in Europa ankündigte.

    Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen für Ihre Forschung in Deutschland?
    Wir haben wirklich gute Bedingungen. Ein großer Pluspunkt ist, dass Deutschland viel in die Grundlagenforschung investiert, und zwar deutlich mehr als andere Länder in Europa. Es gibt hervorragende Fachkräfte im Land und ehrgeizige junge Leute mit guten Ideen.

    Wo sehen Sie Deutschland im Vergleich im internationalen Vergleich?
    Da ist noch einiges aufzuholen. Nehmen wir das Beispiel USA: Dort ist die Digitalisierung wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, in Deutschland sehe ich das noch nicht so. Die mächtigen und reichen Unternehmen im Silicon Valley können Fachleuten hohe Gehälter zahlen, da können wir oft nicht mithalten. Überdies liegen viele Patentrechte in den USA – auch das erschwert den Wettbewerb. Wie groß die Unterschiede zwischen den Ländern sind, hat die Pandemie vor Augen geführt. Auf einmal waren Videokonferenzen en vogue und US-amerikanische Anbieter wie Zoom oder MS-Teams ganz vorn dabei. Warum, frage ich mich, spielt ein deutsches Unternehmen wie SAP da nicht mit? Die Voraussetzungen wären durchaus gegeben.

    Wie kann Deutschland Boden gutmachen?
    Am besten durch Investitionen in junge Leute. Wir sollten sie ermuntern, auch scheinbar verrückten Ideen zu folgen und Risiken einzugehen. An den Universitäten sollte man lernen können, wie Innovation funktioniert und wie man erfolgreich im Wettbewerb besteht. Einige asiatische Länder weisen bestimmte Zonen aus, in denen Firmengründer zehn Jahre lang keine Steuern zahlen müssen. Das könnte auch für uns ein Modell sein, gerade auch in Ostdeutschland, wo es noch viele freie Flächen gibt.

    Die Bundestagswahlen liegen hinter uns, die Koalitionsverhandlungen laufen. Was erwarten Sie auf Ihrem Gebiet von der nächsten Bundesregierung?
    Einen starken Schub für die Digitalisierung. Als führende Volkswirtschaft sollte Deutschland in diesem Bereich vorangehen und dazu beitragen, dass Europa mit einer Stimme spricht. Das wäre wichtig, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen und wichtige Werte wie Datensicherheit durchzusetzen. 

    Sie engagieren sich in zahlreichen Fachgesellschaften. Welchen Stellenwert hat Ihre Arbeit in der GDNÄ für Sie?
    Ich bin Europäer und möchte dazu beitragen, dass unser Kontinent wettbewerbsfähiger wird. Die GDNÄ kann da einen wichtige Rolle spielen, zum Beispiel durch die Förderung junger Leute. Aber auch,  indem sie zur kontroversen, kultivierten Diskussion über aktuelle Wissenschaftsthemen einlädt. Ich kenne das aus Großbritannien und würde mir auch hierzulande mehr öffentlichen Disput dieser Art wünschen. Gegen die zunehmende Wissenschaftsskepsis in der Gesellschaft könnte das ein gutes Mittel sein.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Sven Doering

    Stuart S. P. Parkin

    Zur Person
    Stuart S. P. Parkin kam 1955 im britischen Watford zur Welt. Im Anschluss an seine Promotion im Bereich Festkörperphysik an der University of Cambridge kam er als Postdoktorand zu IBM, wo er 1999 zum Fellow ernannt wurde und damit die höchste technische Auszeichnung des Unternehmens erhielt. Zwischen 2004 und 2006 forschte er mit einem Humboldt-Forschungspreis an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Professor Parkin leitete das IBM Almaden Research Center in San Jose, und war Direktor des 2004 gegründeten Spintronic Science and Applications Centers (SpinAps). Zudem war er Professor an der Stanford University. Er ist Mitglied zahlreicher internationaler Akademien wie der Royal Society und der American Academy of Arts and Sciences und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den mit 200.000 Dollar dotierten König-Faisal-Preis 2021. Der Physiker mit drei Staatsbürgerschaften in Großbritannien, USA und Deutschland hat rund 400 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und hält mehr als 90 Patente. Seit 2014 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle, wo er die experimentelle Abteilung Nanosysteme aus Ionen, Spins und Elektronen (NISE) leitet. Zusätzlich lehrt er als Alexander-von-Humboldt-Professor am Institut für Physik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In der GDNÄ wurde Stuart Parkin zum Fachvertreter Ingenieurwissenschaften gewählt. 

    Weitere Informationen:

    Jürgen Floege „Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

    „Die Pandemie hat uns tief in die roten Zahlen getrieben“

    Jetzt sei die Politik gefordert, sagt Professor Jürgen Floege. Er leitet die Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten in Aachen, engagiert sich für mehr Forschung und blickt gern über die Tellerrand hinaus – auch in der GDNÄ.

    Herr Professor Floege, mit welchen Gedanken und Gefühlen sehen Sie als Klinikdirektor dem zweiten Pandemiewinter entgegen?
    Ich bin relativ entspannt. Mit einer Belastung, wie wir sie zu Beginn der Pandemie hatten, rechne ich in diesem Winter nicht. Im Frühjahr 2020 lagen viele Schwerstkranke auf den Stationen, was auch mit der geografischen Nähe zum damaligen Corona-Hotspot Heinsberg zu tun hatte. Aktuell betreuen wir rund ein Dutzend Covid-19-Patienten in unserer Klinik. Es handelt sich zu hundert Prozent um Ungeimpfte. Einige sind jung und ohne Vorerkrankungen, dennoch müssen sie jetzt künstlich beatmet werden. Das zeigt doch ganz eindeutig: Gegen diese Krankheit hilft kein noch so starkes Immunsystem, den besten Schutz bietet die Impfung.

    Sehen das auch die Beschäftigten in Ihrer Klinik so?
    Ja, die allermeisten sind zweifach geimpft. Inzwischen haben sich viele – ich zähle auch dazu – ein drittes Mal impfen lassen. Zwangsmaßnahmen gibt es bei uns nicht, wir appellieren aber an Vernunft und Rücksichtnahme. Damit sind wir bis jetzt gut gefahren. Sorgen bereitet uns derzeit ein ganz anderes Thema.

    Es hat auch mit der Pandemie zu tun?
    Sogar unmittelbar. Die Pandemie hat uns hohe Mehrausgaben aufgebürdet und uns tief in die roten Zahlen getrieben. Schon vor der Pandemie waren drei Viertel der deutschen Universitätsklinika defizitär, nun geht es fast allen wie uns. Jede dieser Kliniken versorgt Patienten, die kein anderes Krankenhaus behandeln kann oder will, zusätzlich sind wir in großem Stil für die Ausbildung jünger Ärztinnen und Ärzte zuständig. Das kostet Zeit und Geld und wird durch das aktuelle Vergütungssystem nicht ausreichend honoriert. Daher brauchen wir dringend Zuschläge, die die Politik aber bisher verweigert. An meinem Klinikum, aber auch in vielen Häusern andernorts, hat das zu einem Investitionsstau der Sonderklasse geführt. Wichtige Projekte müssen jetzt warten.

    © Peter Winandy

    Das Universitätsklinikum Aachen besteht seit 1985. Heute beschäftigt es rund 8.500 Mitarbeiter in 35 Fachkliniken, 30 Instituten und sechs fachübergreifenden Einheiten. Jährlich werden dort mehr als 50.000 Patienten stationär und gut 200.000 ambulant behandelt. Das Klinikum liegt im Westen Aachens in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gemeinde Vaals in den Niederlanden.

    Ihr Spezialgebiet ist die Niere – ein Organ, das medizinische Laien nicht unbedingt mit dem Coronavirus in Verbindung bringen.
    Dabei sind die Nieren nach Nasenschleimhaut und Lunge eines der am häufigsten befallenen Organe. Ein Drittel aller schwer an Covid-19 Erkrankten leidet unter Nierenversagen. Und es ist gar nicht so selten, dass eine Infektion zu Spätschäden in der Niere führt, die sich nicht zurückbilden.

    Wie häufig sind Nierenschäden hierzulande?
    Sehr häufig. Bei rund vier Millionen Menschen liegt die Nierenfunktion unter 30 Prozent der möglichen Kapazität. Und bei einer halben Million Menschen ist die Nierentätigkeit auf 15 Prozent oder weniger abgesunken. Geht die Funktion auf fünf bis sieben Prozent zurück, sind die Betroffenen auf eine Dialyse als Nierenersatztherapie angewiesen, sofern keine neue Niere für eine Transplantation zur Verfügung steht.

    Schätzungen besagen, dass Nierenkrankheiten im Jahr 2040 die fünfthäufigste Todesursache weltweit sein werden. Dennoch gibt es auf Ihrem Gebiet, der Nephrologie, aktuell die wenigsten klinischen Studien für neue Therapien. Woran liegt das?
    Es hat mit der Komplexität von Nierenkrankheiten zu tun. Sie sind schwer in den Griff zu bekommen und schwer zu beforschen. Die wenigsten Patienten haben nur Nierenprobleme, die meisten leiden zusätzlich an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge oder des Magen-Darm-Trakts, um nur einige Diagnosen zu nennen. Von Arzneimittelstudien werden Menschen mit ausgeprägten Nierenschäden oft ferngehalten, weil man dabei auf ein funktionierendes Organ angewiesen ist – immerhin werden die allermeisten Arzneimittelwirkstoffe über die Niere ausgeschieden. Hinzu kommt: Die Behandlung von Nierenpatienten ist hochindividuell, da gibt es kaum Standardrezepte. Und Medikamente, die bei Nierengesunden die beabsichtigte Wirkung zeigen, können bei schwer Nierenkranken in manchen Fällen völlig anders wirken.

    © J. Floege

    Die Visite bei Dialyse-Patienten gehört zum täglichen Pensum des Teams um Jürgen Floege.

    In Ihrer Klinik wird dennoch viel geforscht. Zu welchen Themen?
    Neben Nierenerkrankungen geht es um rheumatologisch-immunologische Erkrankungen. Wir initiieren und beteiligen uns an klinischen Studien, machen aber auch Grundlagenforschung. Erst kürzlich wurde der Sonderforschungsbereich „Mechanismen kardiovaskulärer Komplikationen bei chronischer Niereninsuffizienz“, den wir zusammen mit den hervorragenden Herzspezialisten unserer Hochschule betreiben, sehr gut bewertet und für eine zweite Förderperiode empfohlen. Wir engagieren uns zudem in der Covid-19-Forschung: Einige Kollegen sind gerade dabei, eine künstliche Niere im Reagenzglas zu erzeugen, um daran neue Therapieansätze zu erproben. Mit meiner eigenen Arbeitsgruppe will ich herausfinden, ob hochdosierte Gaben des Gerinnungsvitamins K Dialysepatienten helfen können. Es gibt Hinweise, dass insbesondere die Variante K2 die bei chronischen Nierenerkrankungen stark belasteten Blutgefäße schützt. K2 ist nur in sehr wenigen Lebensmitteln enthalten, etwa in dem japanischen Sojaprodukt Natto. Für unsere Studie verwenden wir synthetisch hergestelltes Vitamin.

    Was kann man selbst für gesunde Nieren tun?
    Wichtig sind Normalgewicht, Blutdruckwerte möglichst unter 130/80 Millimeter Quecksilbersäule und wenig Salz. Optimal sind bis zu fünf Gramm am Tag, was gerade mal einem Teelöffel entspricht – deutlich mehr ist ungesund. Darüber hinaus ist Diabetes mit einem erheblichen Risiko für Nierenleiden verbunden: Auch deshalb sollte man die Krankheit nach Möglichkeit vermeiden beziehungsweise den Blutzucker bei Erkrankung gut einstellen. 

    Gestatten Sie eine persönliche Frage: Wie kamen Sie selbst zur Nierenforschung?
    Dass ich Medizin machen wollte, stand für mich schon früh fest. Der Entschluss hatte auch mit dem frühen Tod meines Vaters zu tun. In den 1970er-Jahren konnte man gegen seine Herzinfarkte noch nicht viel ausrichten, da hat es zum Glück große Fortschritte gegeben. Meine Lehrjahre habe ich in Hannover, New York und Seattle verbracht und habe dabei immer mehr Interesse für die Nierenheilkunde entwickelt.

    © Peter Winandy

    Das Universitätsklinikum der RWTH Aachen (im Bild vorne links) ist eines der größten Krankenhausgebäude Europas. Nördlich davon liegt der Campus Melaten mit technologieorientierten Forschungseinrichtungen der RWTH und von Unternehmen.

    Seit mehr als zwanzig Jahren sind Sie nun in Aachen tätig. Wie arbeitet es sich als Mediziner an einer technischen Hochschule?
    Heute geht es mir hier sehr gut. Das war anders, als ich Ende der 1990er-Jahre meine Stelle antrat. Damals war die Medizin hier eher ein Anhängsel der technischen Fächer. Der Wissenschaftsrat hat sich das im Jahr 2000 angeschaut und dem Land Nordrhein-Westfalen die Schließung der medizinischen Fakultät empfohlen. Was dann folgte, war ein gewaltiger Ruck. Alle strengten sich an, es wurde viel frisches Forschungsgeld eingeworben, man berief gute Wissenschaftler und bis heute beleben tolle junge Leute den Betrieb – wir sind eine hochgeschätzte und -bewertete Fakultät innerhalb der RWTH Aachen geworden.

    Wie sind Sie GDNÄ-Mitglied geworden?
    Ich bin erst seit Kurzem dabei, und zwar auf Vorschlag des Würzburger Kardiologen, Professor Georg Ertl. Er hat mich auch dafür gewonnen, die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin zu übernehmen.

    Als Kliniker und Forscher leiden Sie nicht unter Arbeitsmangel. Was hat Sie bewogen, sich zusätzlich für die GDNÄ zu engagieren?
    Ich schaue gern über den Tellerrand meiner Disziplin hinaus und interessiere mich sehr für andere Bereiche der Naturwissenschaften. Diesem Bedürfnis kommt die GDNÄ mit ihrer Fächervielfalt entgegen. Was mich auch fasziniert, ist die großartige Tradition – das ist schon einzigartig.

    Haben Sie Ideen für die Zukunft der GDNÄ?
    Ich denke, wir brauchen eine „Junge GDNÄ“ parallel zur etablierten Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Vorbilder könnten die Jungen Internisten innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin sein oder auch die Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wisssenschaften und der Leopoldina. Wichtig ist, dass die jungen Leute sich selbst organisieren und unabhängig von den Älteren produktiv sein können.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © J. Floege

    Prof. Dr. Jürgen Floege

    Zur Person
    Seit 1999 leitet Professor Dr. med. Jürgen Floege die Medizinische Klinik II der Universitätsklinik RWTH Aachen (Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Rheumatologische und Immunologische Erkrankungen). Er studierte er an der Medizinischen Hochschule Hannover und am Albert Einstein College of Medicine in New York. In Hannover schloss er seine Facharztausbildung ab, habilitierte sich und trat 1995 eine Stelle als Oberarzt an. In den 1990er-Jahren arbeitete er zusätzlich drei Jahre als Gastwissenschaftler an der University of Washington in Seattle. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten, zu denen er mehr als 600 Originalartikel, Reviews, Editorials und Buchkapitel publiziert hat, gehören Nierenerkrankungen und ihre zentrale Bedeutung für die Innere Medizin, etwa bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Professor Floege ist Herausgeber des internationalen Bestseller-Lehrbuchs „Comprehensive Clinical Nephrology” und Mitherausgeber der führenden nephrologischen Fachzeitschrift „Kidney International“. Für seine Forschung erhielt der Aachender Nephrologe zahlreiche Ehrungen, darunter im Jahr 2020 die höchste Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), die Franz-Volhard-Medaille. Neben seiner Kliniktätigkeit engagiert sich Floege in renommierten Gesellschaften, Gremien und Organisationen. Er ist Gründungsmitglied und Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und im Leitungsgremium von KDIGO – einer Organisation, die weltweit gültige Leitlinien der Nephrologie erstellt. Der GDNÄ gehört Jürgen Floege seit 2019 an; er hat die Aufgabe des Gruppenvorsitzenden Medizin übernommen.

    Weiterführende Links:

    Lasker-Preis für GDNÄ-Mitglied

    Lasker-Preis für GDNÄ-Mitglied

    Professor Dieter Oesterhelt erhält hohe Ehrung für seine Verdienste um die Optogenetik

    Als Pionier der Optogenetik wurde dem langjährigen GDNÄ-Mitglied und emeritierten Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie, Professor Dieter Oesterhelt, der wichtigste biomedizinische Forschungspreis der USA zugesprochen.

    Oesterhelt erhält den mit 250.000 Dollar dotierten Albert Lasker Award 2021 zusammen mit seinem akademischen Schüler Professor Peter Hegemann von der Berliner Humboldt-Universität und Professor Karl Deisseroth, der an der Stanford University forscht. Geehrt werden die drei Wissenschaftler für die Entdeckung lichtempfindlicher Proteine in der Membran von Einzellern und deren Einsatz zur Weiterentwicklung der Optogenetik. Mit ihrer Forschung bahnten die Preisträger zahlreichen medizinischen Anwendungen den Weg, darunter auch neuen Therapieansätzen gegen Blindheit. Viele Träger des Lasker-Preises erhielten später den Nobelpreis.

    © Krella, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft Berlin

    Dieter Oesterhelt (links) mit seinem Doktorvater und Nobelpreisträger Feodor Lynen, 1967

    Professor Dietrich von Engelhardt – „In freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit“

    „In freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit“

    Entstanden im Geist des Aufbruchs war die GDNÄ immer wieder ein Forum für große Debatten und nachdenkliche Analysen. Wie sie das über fast zwei Jahrhunderte geschafft hat, schildert hier der Wissenschaftshistoriker Dietrich von Engelhardt.

    Herr Professor von Engelhardt, im kommenden Jahr wird die GDNÄ 200 Jahre alt. So lange halten längst nicht alle Wissenschaftsorganisationen durch. Wie erklären Sie die Robustheit der GDNÄ?
    Vor allem mit ihrer Einzigartigkeit – auch im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Gesellschaften. Ihr Kernanliegen ist seit ihrer Gründung 1822 der interdisziplinäre Austausch zwischen Naturwissenschaftlern und Medizinern ebenso wie die Verbindung zu Philosophie und Gesellschaft. In den Geisteswissenschaften ist dieses Interesse an anderen Disziplinen nicht so ausgeprägt, eine vergleichbare übergreifende geisteswissenschaftliche Gesellschaft gibt es nicht. Was die GDNÄ auch stabilisiert hat, sind die großen wissenschaftlichen Debatten, die auf ihren Versammlungen geführt wurden und die weit in Gesellschaft und Kultur ausstrahlten.

    An welche Debatten denken Sie?
    Zum Beispiel an die Auseinandersetzungen über Naturwissenschaft und Naturphilosophie, über die Freiheit der Forschung, Darwins Evolutionslehre, Mechanismus und Vitalismus sowie über Popularisierung und Schulunterricht. Ich denke etwa an Emil du Bois-Reymonds Rede auf der 45. Versammlung 1872 in Leipzig über die „Die Grenzen des Naturerkennens“, in der es um die nach seiner Ansicht grundsätzlich naturwissenschaftlich nicht erkennbaren Beziehungen von Kraft und Stoff, von Leib und Seele ging. Die Rede provozierte Zustimmung und Widerspruch – ebenso wie Ernst Haeckels Eintreten für Darwin und den Darwinismus. Auch Rudolf Virchow löste mit seinem Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaft und für den Verzicht auf die Verbreitung von Unbewiesenem im Schulunterricht und in der Öffentlichkeit vielfältige Reaktionen aus.

    Die GDNÄ als Forum für große Debatten: Kann sie das heute noch?
    Heute gibt es viele weitere Plattformen für den Wettstreit der Ideen, die GDNÄ hat starke Konkurrenz bekommen. Ihre Glanzzeit lag sicher im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Aber auch in unserer Zeit sehe ich große Chancen für die GDNÄ, sei es im Bildungsbereich oder im Dialog der Disziplinen und in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft und Kultur. Die Resonanz vieler Versammlungen hat das eindrucksvoll gezeigt. Ein wichtiges und öffentlichkeitswirksames Thema ist in dieser Perspektive auch „Wissenschaft im Bild“, dem sich schwerpunktmäßig die Versammlung 2022 in Leipzig widmen wird.

    © Deutsches Museum, München, Archiv, CD79207

    Tagen in Sektionen: Die Abteilung Mathematik und Astronomie im Gruppenbild bei der GDNÄ-Versammlung 1890.

    Lassen Sie uns noch einmal zu den Anfängen zurückkehren. In Leipzig fand die erste Versammlung der GDNÄ statt, im Herbst des Jahres 1822. Um was ging es den Gründern?
    Treibende Kraft war der Naturforscher und Naturphilosoph Lorenz Oken. Er hatte eine Gruppe Gleichgesinnter um sich geschart, darunter den romantischen Naturphilosophen, Maler und Arzt Carl Gustav Carus und den Chemiker und Mythenforscher Johann Salomo Christoph Schweigger. Einmal im Jahr und immer in einer anderen Stadt, daher der Beiname Wandergesellschaft, wollte man sich gegenseitig über den Stand eigener Forschungen informieren – in freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit, aber auch in offener Auseinandersetzung. Den Gründern ging es um einen lebendigen Austausch, auch als Gegenentwurf zu den Ritualen der damals schon lange bestehenden Universitäten und Wissenschaftsakademien.

    Ist das von Anfang an gelungen?
    Soweit es sich aus den Quellen erschließen lässt, ja. Okens Aufrufen zur Versammlung der deutschen Naturforscher waren 1822 beim ersten Treffen 13 Naturforscher und Ärzte als Mitglieder gefolgt, insgesamt nahmen 60 Personen an den Vorträgen und Diskussionen teil. Später wurden es dann deutlich mehr, gelegentlich kamen 5000 bis 7000 Besucher. In der Gegenwart sind die Zahlen der Mitglieder und Besucher wieder zurückgegangen – jüngere Wissenschaftler setzen für ihre Laufbahn und ihre Forschung andere Akzente. In den Anfangsjahren ging es in den Vorträgen, ganz im Geist der romantischen Naturphilosophie, um die Einheit der Natur, die Verbindung von Natur und Geist, die Verantwortung des Menschen für die Natur und auch um soziales Engagement. Nach lebhaften und teils kontroversen Diskussionen klangen die Tage in geselliger Runde unter geistreichen Tischreden und gemeinsamen Gesängen aus.

    Ließ sich das so durchhalten?
    Nicht ganz. 1828 kam es zu einer tiefergehenden strukturellen Veränderung und durchaus auch zur ersten Krise. Alexander von Humboldt hatte sich in seiner Festrede bei der Versammlung in Berlin entschieden für die Bildung von Sektionen neben den allgemeinen Sitzungen ausgesprochen, um dem wissenschaftlichen Fortschritt in den einzelnen Disziplinen angemessen und in divergenter Debatte entsprechen zu können. Diese Initiative sollte sich als ungemein wichtig für den Fortbestand der Gesellschaft erweisen, stieß aber anfangs auch auf Widerstand. Manche befürchteten ein Auseinanderdriften der Disziplinen, also eine Entwicklung, der man mit der Gründung der GDNÄ hatte entgegenwirken wollen. Auch Lorenz Oken war keineswegs begeistert von der Einteilung in Sektionen, die sich dann aber doch durchsetzte. Vollständig aufgehoben wurde die Gemeinsamkeit jedoch keineswegs: So schrieb die örtliche Tageszeitung über das abendliche Zusammensein bei der 67. Versammlung 1895 in Lübeck: „Man speiste sektionsweise und sang gemeinschaftlich.“

    Wie hat Oken reagiert?
    Er zog sich etwas zurück und nahm nicht mehr an allen Versammlungen teil. Eigene Aktivitäten und Verpflichtungen beanspruchten ihn in jenen Jahren stark. Oken war ein engagierter, streitbarer Mensch, der ein einiges Deutschland anstrebte, für die Pressefreiheit kämpfte und seinen Gegnern mutig die Stirn bot – auch wenn sie Landesherren waren oder Johann Wolfgang von Goethe hießen. Er schrieb und publizierte sehr viel, setzte sich für einen naturwissenschaftlichen Unterricht an den Schulen ein, gab die erste fachübergreifende wissenschaftliche Publikation „Isis oder Encyclopädische Zeitung“ heraus – sie erschien von 1819 bis 1848 – und ging schließlich nach Zürich. Dort ernannte man ihn zum ersten Rektor der Universität und dort starb er 1851.

    © Deutsches Museum, München, Archiv, CD85577

    Blick ins Auditorium bei der Feier zum 150-jährigen Bestehen der GDNÄ in München im Oktober 1972.

    Zu diesem Zeitpunkt war die GDNÄ dreißig Jahre alt. Wie stand es um sie?
    Es ging ihr sehr gut. Ihre Versammlungen waren Höhepunkte des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, wer als Naturforscher oder Arzt auf sich hielt, war Mitglied der GDNÄ. Sie vereinte die naturwissenschaftlich-medizinische Elite Europas. In den Vorträgen, die in Verhandlungsbänden abgedruckt wurden, spiegelte sich die Entwicklung der Naturwissenschaften und Medizin im 19. Jahrhundert wider. Zu den Versammlungen kamen Forscher aus Italien, England, Frankreich, Russland und anderen Ländern, auch wenn das für einige politisch nicht ungefährlich war. Angeregt durch das Vorbild der GDNÄ entstanden ähnliche Gesellschaften im Ausland: 1831 die British Association for the Advancement of Science oder zwei Jahre später die Congrès Scientifiques de France und 1839 die italienischen Riunioni degli Scienziati Italiani. In Deutschland gingen aus der GDNÄ zahlreiche naturwissenschaftliche und medizinische Fachgesellschaften hervor – in der Physik ebenso wie in Chemie, Pharmazie, Pathologie, Gynäkologie, Chirurgie und Psychiatrie.

    Das 20. Jahrhundert war gezeichnet von Krieg und Wiederaufbau. Wie wirkte sich das auf die GDNÄ aus?
    Während beider Weltkriege setzten die Versammlungen aus. Während des Dritten Reiches war die Situation in den drei Versammlungen 1934 in Hannover, 1936 in Dresden und 1938 in Berlin ausgesprochen komplex. In ihren Begrüßungsreden bejahten die Ersten Vorsitzenden in teils opportunistischer Rhetorik, teils mit innerer Überzeugung die neue nationalsozialistische Zeit. Sie beschäftigten sich in unterschiedlicher Akzentuierung mit dem Verhältnis von deutscher und internationaler Forschung, sprachen von einer Orientierung am Volkswohl und dem Nutzen für die Menschheit und hoben zugleich dankbar die Teilnahme ausländischer Wissenschaftler hervor.  Die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachvorträge waren überwiegend frei von nationalsozialistischer Ideologie, wobei die erbbiologischen Vorträge durchaus den rasseideologischen Diskussionen der Zeit entsprachen. Übergreifende Vorträge wie zum Beispiel von Werner Heisenberg über die „Wandlungen der Grundlagen der exakten Naturwissenschaften in jüngster Zeit“ im Jahr 1934, von Walter Gerlach zum Thema „Theorie und Experiment in der exakten Wissenschaft“ im Jahr 1936 oder von Ludwig Aschoff 1936 über „Pathologie und Biologie“ fielen rein wissenschaftlich und theoretisch aus und ausdrücklich ohne jede Verbindung zur Welt der Politik. Die erste Nachkriegsversammlung fand erst wieder 1950 in München statt – mit einer Festrede des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss.

    Seitdem sind mehr als siebzig Jahre vergangen. Gibt es in diesem langen Zeitraum eine prägende, bis heute spürbare Entwicklung, die Sie herausgreifen würden?
    Ja, sie hat mit dem ungestümen Fortschrittsoptimismus zu tun, der das ausgehendende 19. Jahrhundert und beginnende 20. Jahrhundert kennzeichnete und der spätestens in den 1970er-Jahren problematisiert wurde. Der Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges umriss die neue Haltung 1972, anlässlich des 150jährigen Bestehens der GDNÄ, wie ich finde sehr treffend: „Wir erwarten am Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht mehr, dass mit dem Fortschreiten naturwissenschaftlicher Entdeckungen und Erfindungen eine rationale gesellschaftliche Entwicklung gekoppelt sei.“ Allerdings, so fügte er hinzu: „Wir bleiben überzeugt, dass Wissenschaft immer noch das zuverlässigste Instrument ist zur Bewältigung des Fortschritts.“

    Welche Bedeutung kommt der GDNÄ heute zu? Welche Funktion kann sie im Spektrum der Wissenschaftsorganisationen übernehmen?
    Wichtig ist der Dialog mit der Öffentlichkeit, den die GDNÄ immer gepflegt hat. Im 19. Jahrhundert schrieben führende Naturforscher wie der Naturforscher und Naturphilosoph Gotthelf Heinrich von Schubert naturwissenschaftliche Bücher für den Schulunterricht. Heute gibt es so etwas leider nicht mehr. Eine Bildungskommission der GDNÄ hatte Mitte der 1990er-Jahre überzeugende Konzepte für die naturwissenschaftliche Allgemeinbildung als, wie sie es formulierte, „fachübergreifenden Fachunterricht“ entwickelt. Die Umsetzung in Lehrerbildung und schulischem Alltag steht allerdings noch aus. Zudem ist die GDNÄ als unabhängige Einrichtung hervorragend geeignet, für Gesellschaft und Kultur zentrale und umstrittene Fragen aus den Naturwissenschaften und der Medizin aufzugreifen und in die öffentliche Diskussion zu bringen. Nicht zuletzt wünsche ich mir einen Brückenschlag zu den Geisteswissenschaften, auch um Zusammenhänge zwischen Welt- und Selbsterkenntnis zu beleuchten und einen Beitrag zur Lösung ethischer und juristischer Herausforderungen der Gegenwart zu leisten.

    Eine Frage zum Abschluss: Heute klingt die Bezeichnung „Naturforscher“ im GDNÄ-Namen etwas antiquiert. Was verstand man vor zweihundert Jahren darunter?
    Wenn wir die naturphilosophischen Dimensionen weglassen, meinte Naturforschung damals ungefähr das, was wir heute unter Naturwissenschaften verstehen. Dass dieser Begriff sich schließlich durchsetzte, hat mit Einflüssen aus dem Ausland und der englischen Sprache zu tun. Ich halte den Begriff „Naturforscher“ weiterhin für sinnvoll, attraktiv und keineswegs für antiquiert. Er betont im Unterschied zu „Naturwissenschaft“ und in Übereinstimmung mit dem französischen „recherche“ und englischen „research“ das Suchende, Fragende, ins Unbekannte Aufbrechende. Darum geht es ja im Kern, heute ebenso wie damals bei der Gründung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher im Jahr 1822.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung Lübeck

    Der Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Dietrich von Engelhardt

    Zur Person
    Dietrich von Engelhardt kam 1941 in Göttingen zur Welt. Er studierte Philosophie, Geschichte und Slawistik in Tübingen, München und Heidelberg, wurde 1969 promoviert, war mehrere Jahre in der Kriminologie und Kriminaltherapie tätig und habilitierte sich 1976 in der Naturwissenschaftlich-Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Von 1983 bis 2007 war er Ordinarius für Geschichte der Medizin und Allgemeine Wissenschaftsgeschichte an der Universität Lübeck, von 2008 bis 2011 Kommissarischer Direktor des vergleichbaren Instituts der Technischen Universität München (TUM). Dietrich von Engelhardt übernahm viele weitere Aufgaben, unter anderem als Prorektor der Universität (1993 bis 1996), Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin (1998 bis 2002), Vorsitzender der Ethikkommission für medizinische Forschung und des Klinischen Ethikkomitees der Universität Lübeck (2000 bis 2007) sowie als Vizepräsident des Landeskomitees für Ethik in Südtirol (2001 bis 2010). 1997 initiierte und organisierte er in Lübeck ein Symposium aus Anlass des 175-jährigen Bestehens der GDNÄ.

    Dietrich von Engelhardt wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa durch die Aufnahme in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina im Jahr 1995 und in andere nationale und internationale Wissenschaftsakademien. Er erhielt 2004 die Georg-Maurer-Medaille der TUM-Fakultät für Medizin und ebenfalls 2004 den Preis der Züricher Margrit Egnér-Stiftung. Im Jahr 2016 wurde er für seine Forschungen zur Geschichte der GDNÄ mit der Alexander-von-Humboldt-Medaille geehrt.

    Zu den wissenschaftlichen Schwerpunkten Dietrich von Engelhardts zählen: Theorie der Medizin; medizinische Ethik; Medizin in der Literatur der Neuzeit; Botanik des 16. Jahrhunderts: Naturphilosophie, Naturwissenschaft und Medizin in Idealismus und Romantik; Geschichte der Psychiatrie; naturwissenschaftlich-medizinische Reisen in der Neuzeit; europäische Wissenschaftsbeziehungen; Umgang des Kranken mit der Krankheit; Bibliotherapie; Biografien  und Pathografien  von Naturwissenschaftlern, Medizinern und Künstlern.

    Weiterführende Links:

    Bücher (Hg. Dietrich von Engelhardt)

    >> Forschung und Fortschritt, Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Stuttgart 1997 (Sammelband mit wegweisenden Reden von Lorenz Oken bis Hubert Markl; antiquarisch erhältlich)

    >> Zwei Jahrhunderte Wissenschaft und Forschung in Deutschland, Entwicklungen – Perspektiven“, Stuttgart 1998 (Tagungsband zum 175-jährigen Bestehen der GDNÄ; antiquarisch erhältlich)

    © G. C. Wilder / Stadtmuseum Fembo-Haus, Nürnberg

    Anlässlich der 23. Versammlung der „Herren Naturforscher und Ärzte“ im Jahr 1845 lud die Stadt Nürnberg zum Festmahl im Rathaussaal ein.