Lassen sich die Erkenntnisse auch praktisch anwenden?
Ja, es gibt bereits eine Vielzahl von Anwendungen im technischen und medizinischen Bereich und es kommen laufend neue hinzu. Ein Beispiel ist das Internet, dessen Hauptstrang heute aus Glasfaserkabeln besteht. Dort werden riesige Datenmengen mit Lichtimpulsen im Pikosekundenbereich – eine Pikosekunde ist ein Millionstel einer Millionstel Sekunde – übertragen. Ein anderes Beispiel kommt aus der Materialwissenschaft: Bearbeitet man Werkstoffe mit einem Femtosekundenlaser, dann lassen sich hochpräzise Bohrungen ohne Ausfransen der Ränder erzeugen. Damit hat man sehr gute Erfahrungen in der Produktion von Einspritzdüsen gemacht. Oder nehmen wir die Medizin: Hier trägt die Forschung auf meinem Gebiet zu immer genaueren Bildgebungsverfahren und passgenauen Lasertherapien bei, etwa für das Netzhautschweißen in der Augenheilkunde.
Was sind die großen Trends in Ihrem Feld?
Derzeit wird international massiv in Großmaschinen investiert, um mit ultrakurzen Röntgenimpulsen ultraschnelle Strukturänderungen in Materie zu erfassen. Die Anwendungsbereiche reichen von Physik, Chemie und Materialforschung bis hin zur Biologie. In Stanford, Hamburg, Rüschlikon und einigen asiatischen Ländern gibt es bereits solche Großmaschinen, andernorts sind weitere Maschinen im Aufbau. Schon jetzt ist klar dass die Bestimmung momentaner atomarer Strukturen zusammen mit Ergebnissen der Ultrakurzzeitspektroskopie die Dynamik von Materie bis ins kleinste Detail erfassen kann.
Wo liegen derzeit die Schwerpunkte an Ihrem Institut?
In meiner Arbeitsgruppe geht es aktuell vor allem um das Projekt BIOVIB, für das ich 2019 einen zweiten ERC-Grant erhalten habe, verbunden mit einer Fördersumme von 2,5 Millionen Euro. Mit BIOVIB versuchen wir, dynamische elektrische Wechselwirkungen in biologischen Makromolekülen aufzuklären. Im Fokus steht aktuell die Transfer-RNA, kurz: tRNA genannt, die in der Zelle wie ein Lesekopf Information aus der Messenger-RNA (mRNA) ausliest und die Synthese von Proteinen aus Aminosäuren ermöglicht. Die Struktur der tRNA wird durch elektrische Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung stabilisiert, die wir im Detail verstehen möchten. Wenn wir hier die richtigen Ansatzpunkte finden, sind auch gezielte Veränderungen im Sinne eines Moleceular Engineering denkbar. Andere Gruppen am Institut beschäftigen sich zum Beispiel mit der Dynamik von Elektronen im Sub-Femtosekundenzeitbereich und ultraschnellen magnetischen Prozessen.
Das Max-Born-Institut ist heute eine vitale, renommierte Forschungseinrichtung. War das 1993, als Sie in den Berliner Südosten kamen, schon vorherzusehen?
Gehofft habe ich es natürlich, aber abgezeichnet hat es sich damals noch nicht. Der Forschungsstandort Adlershof war Anfang der 1990er-Jahre noch nicht wettbewerbsfähig und sah phasenweise aus wie eine Sandwüste mit ziemlich maroden Gebäuden. Unser Institut war aus Teilen des Zentralinstituts für Optik und Spektroskopie der Akademie der Wissenschaften der DDR hervorgegangen und verwandelte sich im Laufe der Jahre in eine international konkurrenzfähige Forschungseinrichtung. Wir haben auf unserem Weg viel Unterstützung bekommen, auch durch die hervorragende Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen in der Region. Unsere Grundfinanzierung von Bund- und Länderseite und hier maßgeblich durch das Land Berlin ist gut. Als Wissenschaftler habe ich alle Freiheiten. Ich kann mich wirklich nicht beschweren.
Also uneingeschränkt zufrieden?
Nicht ganz. Kritisch sehen wir das geplante neue Hochschulgesetz für Berlin, das dem Senat deutlich mehr Einfluss einräumt, zum Beispiel bei Berufungen von Professoren. Probleme bereitet uns generell die zunehmende Regelungsdichte in Forschung und Verwaltung: Das nimmt oft kafkaeske Züge an, verzögert unter anderem die Zuwendung von Forschungsgeldern und beschädigt damit unsere Wettbewerbsfähigkeit. Die Mittelknappheit an den Berliner Unis ist auch für die außeruniversitäre Forschung ein großes Problem, denn die Hochschulen sind sehr wichtige Partner für uns. In der Berliner Verwaltung herrscht leider an manchen Stellen eine ausgeprägte Misstrauenskultur, durchaus im Unterschied zu anderen Bundesländern. Der Wissenschaft tut das überhaupt nicht gut.
Sie engagieren sich weit über Ihr Institut hinaus für Wissenschaft und Forschung. Was treibt Sie an?
Es macht mir einfach Spaß, auch mal über den fachlichen Tellerrand hinauszuschauen und eigene Erfahrungen einzubringen. Zum Beispiel in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wo ich derzeit an mehreren Projekten beteiligt bin. Wir setzen uns zum Beispiel mit Wissenschaftsfreiheit und Cancel Culture im akademischen Bereich auseinander, also mit dem Trend zum Ausschluss von Wissenschaftlern mit abweichenden Meinungen. Häufig halte ich auch Schulvorträge in Brandenburg und spreche mit den jungen Leuten über meine Forschung, das Leben als Wissenschaftler und ihre Zukunftsideen.
Sie sind seit vielen Jahren Mitglied der GDNÄ und engagieren sich als Vertreter des Fachs Physik. Gibt es etwas, das Sie in dieser Funktion erreichen möchten?
Es wäre wunderbar, wenn wir die Öffentlichkeit und vor allem junge Leute noch stärker einbeziehen könnte – dazu würde ich sehr gern beitragen. Dass die GDNÄ in der Wissenschaft ein hervorragendes Image hat, konnte ich erleben, als wir Fachkollegen zu Vorträgen bei der 200-Jahr-Feier in Leipzig eingeladen haben: Es gab nur Zusagen. Eine gute Idee, um zwischen den Versammlungen den Zusammenhalt der Mitglieder zu stärken, sind Regionaltreffen. Und die jetzt schon hervorragenden Programme für Schülerinnen und Schüler können wir sicher noch weiter ausbauen. Zum Beispiel mit kostenfreien Zoom-Vorträgen für junge Leute – ich würde mich daran sofort beteiligen. Für Erwachsene könnten wir Infoflyer zu relevanten, aktuellen Themen ins Netz stellen, etwa zu Fragen des Stromtransports von den Küsten nach Süden, zum Klimawandel oder zu Themen rund ums Internet. Das Fachwissen dafür hat die GDNÄ in hohem Maße.