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  • „Aus Unterschieden können wir viel lernen“

    Geschlechtersensible Medizin? Warum sie wichtig für eine gesündere Zukunft ist, erklärt Sabine Oertelt-Prigione bei der Versammlung in Bremen – und in diesem Interview.

    Frau Professorin Oertelt-Prigione, Sie vertreten an der Universität Bielefeld das Fach Geschlechtersensible Medizin. Was genau können wir uns unter diesem Begriff vorstellen?
    Es geht um den Einfluss von Geschlecht auf Gesundheit und Krankheit. In meiner Arbeitsgruppe in Bielefeld untersuchen wir zum Beispiel, ob sich das Geschlecht von Patienten auf die Wahl diagnostischer Verfahren und Therapien auswirkt und welche Rolle es in der Arzt-Patienten-Kommunikation spielt. Dafür werten wir internationale Studien aus und führen eigene Erhebungen durch. Andere Gruppen in der geschlechtersensiblen Forschung machen biomedizinische Nassforschung im Labor. Wir konzentrieren uns mehr auf die klinischen und sozialwissenschaftlichen Aspekte des Forschungsfeldes. 

    Ist die geschlechtersensible Medizin das gleiche wie Gendermedizin oder gibt es da Unterschiede? 
    Es handelt sich im Grunde genommen um zwei verschiedene Definitionen für ähnliche Ansätze. Ich selber präferiere geschlechtersensible Medizin, weil ich es im deutschen präziser finde. In der Medizin befassen wir uns nämlich mit dem biologischen und dem sozialen Geschlecht, sex und gender, und deren Einfluss. Bei dem Wort „Gendermedizin“ erscheint der Fokus mehr auf Gender, auch wenn dieser Aspekt in der Medizin viel weniger beforscht wird als biologische Unterschiede. 

    Es ist noch nicht lange her, da überwog die Skepsis gegenüber geschlechtersensiblen Ansätzen in der Medizin. Heute ist das Image positiver. Woran liegt das?
    Ein wichtiger Grund ist die bessere Datenlage. In den 1990er-Jahren erkannte man, dass Frauen häufiger am Herzinfarkt sterben, weil ihre Symptome nicht dem männlich geprägten Lehrbuchbild entsprechen und daher immer wieder übersehen werden. Der Befund ist inzwischen durch große, langjährige Studien abgesichert. Die Kardiologie hat der geschlechtersensiblen Medizin den Weg geebnet, aber seit einigen Jahren holen andere Bereiche wie Onkologie, Neurologie oder Infektionsmedizin auf.

    © AG Geschlechtersensible Medzin Bielefeld

    Dieses Modell für geschlechtersensible Lösungen in der ärztlichen Praxis haben Studierende von Oertelt-Prigione entworfen.

    Bitte verdeutlichen Sie das an einem Beispiel.
    Nehmen wir die Onkologie: Krebsmedikamente verursachen bei Frauen oft mehr Nebenwirkungen. Andererseits sind sie teils wirksamer als bei Männern. Checkpoint-Inhibitoren hingegen, die das körpereigene Immunsystem dazu bringen, den Tumor zu bekämpfen, funktionieren oft besser bei Männern. 

    In der geschlechtersensiblen Medizin geht es also um mehr als um Frauengesundheit?
    Ja, ganz eindeutig. Wir machen keine Forschung von Frauen nur für Frauen. Bei manchen Krankheiten sind Männer benachteiligt, denken wir an Osteoporose oder an Brustkrebs, an dem hierzulande jährlich rund 700 Männer erkranken. Bei diesen und anderen Erkrankungen interessieren wir uns zunächst für geschlechtsspezifische Unterschiede und die Mechanismen, die dem zugrunde liegen. Als Nächstes wollen wir die passenden Interventionen finden und die Versorgung optimieren. Es geht darum, aus den Unterschieden zu lernen, um die Medizin insgesamt besser zu machen. 

    Welche Rolle spielen gesellschaftlichen Veränderungen für den Imagewandel Ihrer Forschungsrichtung?
    Das Bewusstsein für die Unterschiede zwischen Menschen, für Vielfalt und Diversität, ist in den letzten Jahren gewachsen. Dafür engagiert sich insbesondere die junge Generation und das kommt auch uns zugute. Hinzu kam eine Wende bei den Förderorganisationen, die unsere Forschung zunehmend anerkennen und finanziell unterstützen. 

    Anfang des Jahres haben die Bundesministerien für Gesundheit und Forschung neue Förderprogramme zum Thema Frauengesundheit angekündigt. Was versprechen Sie sich davon?
    Das Programm des Bundesgesundheitsministeriums ist mit insgesamt zehn Millionen Euro ausgestattet und fokussiert stark auf gynäkologische Themen wie Endometriose und Wechseljahre. Diese Themen sind grundsätzlich sehr wichtig, aber für meine Forschung etwas weniger attraktiv, auch weil der Vergleich zwischen den Geschlechtern nur eine Nebenrolle spielt. Das Programm des Bundesforschungsministeriums ist da schon interessanter. Der Fördertopf enthält mit 90 Millionen Euro deutlich mehr Geld für Forschung zu neuen Verhütungsmitteln, zur Frauengesundheit, aber auch zum Gender Data Gap in klinischen Studien. Der Begriff weist darauf hin, dass viele wissenschaftliche Ergebnisse auf Studien mit Männern basieren. Nicht selten werden sie ohne weitere Überprüfung einfach auf Frauen übertragen, was fatale Konsequenzen haben kann. So reagieren Frauen auf manche Wirkstoffe anders als Männer oder sie benötigen abweichende Dosierungen. Der Gender Data Gap ist ein Thema, das uns in Bielefeld besonders interessiert.  

    Die Probleme sind erkannt, sagen Sie. Wie geht die biomedizinische Forschung damit um?
    In den letzten zehn Jahren hat sich vieles zum Besseren entwickelt. Entscheidend waren die Vorgaben von Förderorganisationen auf deutscher und europäischer Ebene. Heute muss schon im Förderantrag stehen, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Thema Geschlecht umgehen wollen. Das Geschlecht der Studienteilnehmer muss dokumentiert werden, aber auch das der Versuchstiere. Gegenüber früher ist das schon ein Riesenfortschritt.

    @ Privat

    Das Team um Sabine Oertelt-Prigione (Bildmitte) vor der Medizinischen Fakultät OWL der Universität Bielefeld.

    Wird der Nachwuchs entsprechend geschult?
    In der Pflichtlehre ist die geschlechtersensible Medizin noch kaum verankert, da warten wir auf die angekündigte Änderung der Approbationsordnung, die das Thema aufnehmen und somit eine Einbettung in die Curricula notwendig machen würde. Immerhin bieten viele deutsche Universitäten entsprechende Wahlfächer und Vorlesungsreihen an. Professuren gibt es inzwischen an der Charité, in Magdeburg und bei uns in Bielefeld. An diesen Universitäten ist die geschlechtersensible Medizin auch Teil der Pflichtlehre. 

    Forschung ist das eine, aber gelangen die Ergebnisse auch in die Praxis?
    Dafür spielen die Leitlinien der Fachgesellschaften eine große Rolle. Wir haben uns viele Leitlinien angeschaut und festgestellt, dass die meisten nicht geschlechtersensibel sind. Im Sommer werden wir dazu eine Studie veröffentlichen. Wir suchen auch das Gespräch mit den Fachgesellschaften. Hürden sind hier manchmal noch ein mangelndes Bewusstsein für das Thema, aber häufig auch fehlende Daten um Leitlinien geschlechtersensibel zu gestalten.   

    Wie kamen Sie selbst auf das Thema geschlechtersensible Medizin?
    Das war vor gut zwanzig Jahren in meiner Zeit als Post-Doc in den USA. Eher zufällig stieß ich dort auf die verblüffenden Geschlechterunterschiede bei Autoimmunerkrankungen. Ich habe dann meine fachärztliche Weiterbildung in der Inneren Medizin fortgesetzt und einen Master in Public Health gemacht. Eigentlich wollte ich ja Tropenmedizinerin werden, aber die geschlechtersensible Medizin hatte mich gepackt. Vertiefen konnte ich meine Kenntnisse an der Charité-Einrichtung „Geschlechterforschung in der Medizin“ und als Professorin in Bielefeld und Nijmegen kann ich seit zehn Jahren eigenständig zu der Forschungsrichtung beitragen.    

    Haben Sie schon Ideen für Ihren Vortrag auf der GDNÄ-Tagung?
    Ich werde einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand geben, aber auch praktische Anregungen für die Ärztinnen und Ärzte im Saal. Von Erkenntnissen der gendersensiblen Forschung können übrigens nicht nur Humanmediziner profitieren, sie sind auch relevant für die Veterinärmedizin. Ich freue mich sehr auf den Austausch in Bremen.  

    Michael Droescher © MIKA-fotografie | Berlin

    @ Erasmus University Rotterdam

    Sabine Oertelt-Prigione bei einem Vortrag in Rotterdam.

    Zur Person

    Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione ist Internistin, Master of Public Health und systemische Organisationsberaterin. 2021 nahm sie den Ruf auf die neugeschaffene Professur für Geschlechtersensible Medizin im Bereich klinisch-theoretische Medizin der Universität Bielefeld an. Parallel führt sie ihren 2017 angetretenen Lehrstuhl für Gender in Primary and Transmural Care an der Radboud University im niederländischen Nijmegen. Von 2009 bis 2014 war Oertelt-Prigione an der Charité als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. In den Jahren 2015 und 2016 ließ sie sich am Artop-Institut der Humboldt-Universität Berlin zur systemischen Organisationsberaterin ausbilden und habilitierte sich 2016 in Innerer Medizin an der Charité.

    Zur Welt kam Sabine Oertelt-Prigione 1978 in Nürnberg. Sie besuchte die deutsche Schule in Mailand und studierte an der dortigen Universität Medizin. Als Post-Doc forschte sie an der University of California at Davis; ihr Public-Health-Studium absolvierte sie an der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

    Die Medizinerin war Mitglied der EU-Kommission-Expertengruppen „Gendered Innovations“ und „Gender and COVID-19“. Sie ist Mitglied des Medizinausschusses des Wissenschaftsrats und der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

    Weitere Informationen:

    >> Vortrag von Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione am Sonntag, 20. September 2026: „Die Bedeutung des Geschlechts in der biomedizinischen Forschung“