„Wow, das könnte etwas Großes werden“
Asymmetrische organische Katalyse? Wie er auf die verrückte Idee kam und was sie für unsere Zukunft bedeutet, berichtet Nobelpreisträger Benjamin List bei der GDNÄ-Versammlung 2026 in Bremen.
Herr Professor List, im Dezember 2021 erhielten Sie den Nobelpreis für Chemie. Hat sich Ihr Leben seither verändert?
Ja, das hat es – vor allem am Anfang. Fernsehauftritte gehörten vorher nicht zu meinem normalen Alltag. Auch nicht die vielen öffentlichen Vorträge, ob bei „Jugend forscht“, im Kulturhaus Heidelberg oder in Uni-Hörsälen. In den ersten zwei, drei Jahren war es sehr intensiv. Inzwischen konnte ich mein Leben normalisieren und habe endlich wieder genug Zeit für meine große Arbeitsgruppe am Institut in Mülheim. Es ist ja nicht so, dass man als Nobelpreisträger nicht mehr forscht.
An was arbeiten Sie aktuell?
Da würde ich gern zwei Projekte herausgreifen. Zum einen versuchen wir, das Treibhausgas CO2 aus der Atmosphäre zu holen, indem wir CO2 mit Hilfe von Sonnenlicht und Katalysatoren in O2 und C aufspalten. Der Sauerstoff O2 geht problemlos zurück in die Atmosphäre, übrig bleibt Kohlenstoff. Der ließe sich als eine Art solare Kohle für alle möglichen Prozesse in der chemischen Industrie verwenden. Überschüssige Kohle könnte man verbuddeln, zum Beispiel in Stollen an Rhein und Ruhr. Das Ganze könnte helfen, das Energieproblem der Menschheit zu lösen und wäre gleichzeitig klimaneutral. Noch stehen wir vor ein paar kniffligen Problemen, aber in zehn Jahren sind die hoffentlich gelöst. Völlig abwegig ist unsere Idee nicht, schließlich findet die CO2-Spaltung auf dem Mars bereits statt, wenn auch nur in geringen Mengen.
Und Ihr zweites Projekt?
Wir gründen gerade eine Firma, die reine Duftstoffe herstellt. Auf molekularer Ebene bestehen Duftstoffe normalerweise aus zwei Varianten, sogenannten Enantiomeren. Sie passen wie Bild und Spiegelbild zusammen, haben aber biologisch unterschiedliche Effekte. Das Bild kann zum Beispiel nach Minze riechen, das Spiegelbild nach Kümmel – zusammen ergibt das eine seltsame Mischung. In der industriellen Produktion werden daher reine Duftstoffe mit nur einem dieser molekularen Zwillinge angestrebt. Bis dato gelingt das nur mit aufwändigen Verfahren. Mithilfe unserer Patente lässt sich die Herstellung vereinfachen und verbilligen. Ich denke, dass wir noch in diesem Jahr anfangen können. Ich bin ja Grundlagenforscher, aber die Industriewelt kennenzulernen ist spannend.

© David Ausserhofer
Bei der Arbeit: Benjamin List leitet ein rund vierzigköpfiges Team von Forscherinnen und Forschern aus der ganzen Welt. Teamwork wird in der Arbeitsgruppe List großgeschrieben.
Den Nobelpreis haben Sie für die Entdeckung der asymmetrischen organischen Katalyse bekommen. Was macht das Verfahren so bedeutsam?
Die Katalyse als solche ist sehr, sehr wichtig für unser Leben. Nur ein Beispiel: Ohne das Haber-Bosch-Verfahren, diesen Klassiker der Katalyse, gäbe es keine Düngemittel. Wir wären dann keine acht Milliarden Menschen, sondern mangels ausreichender Ernährung vielleicht nur vier Milliarden. Ich halte die Katalyse für die wichtigste Menschheitstechnologie. Insgesamt gab es schon einige Nobelpreise für die Katalyseforschung und fast alle waren sie für metallische Katalysatoren. Die haben leider auch Nachteile: Viele von ihnen sind teuer, selten und dazu noch giftig. Ich habe dann 1999 mit einem kleinen Molekül experimentiert, der Aminosäure Prolin, und entdeckt, dass sie nicht nur katalytisch wirkt, sondern auch noch gezielt das gewünschte Enantiomer erzeugt. Als ich das Anfang 2000 publizierte, war die Überraschung in der Fachwelt groß: Ein organisches Molekül, das im menschlichen Körper vorkommt, wirkt hochselektiv katalytisch – Wahnsinn!
Sie teilen sich den Nobelpreis mit dem aus Schottland stammenden US-Forscher David MacMillan, der unabhängig von Ihnen zu ähnlichen Ergebnissen kam. Lag die Entdeckung in der Luft?
Im Nachhinein kann man das so sehen. David und ich wussten tatsächlich nichts voneinander. Die entscheidenden Entdeckungen hat jeder für sich 1999 gemacht. Als gleich mein erstes Prolin-Experiment klappte, dachte ich: Wow, das könnte etwas Großes werden. Dabei war die Idee an sich gar nicht so neu. Auch andere Chemiker hatten sich daran versucht. Als die ersten Versuchsergebnisse aus den 1960er- und 1970er-Jahren nicht wirklich verstanden wurden, verlor man das Interesse daran. David MacMillan und ich haben es dann auf eine andere Weise versucht und hatten Erfolg. Viele Chemiker rieben sich damals die Augen und fragten: Wie konnten wir das übersehen?

@ David Ausserhofer
Szene im Labor der Abteilung „Homogene Katalyse“ von Benjamin List am Mülheimer Max-Planck-Institut für Kohlenforschung.
Wird die Organokatalyse heute technisch eingesetzt?
Ja, in vielen Bereichen, unter anderem auch für die Herstellung von Medikamenten. Ein Beispiel ist Darunavir zur Behandlung von HIV. Der Wirkstoff, ein sogenannter Proteasehemmer, unterbindet bei infizierten Menschen die Vermehrung des Aidsvirus. Die Weltgesundheitsorganisation hat ihn in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel aufgenommen.
Braucht es mehr öffentliches Geld für die Katalyseforschung?
Ja, das wäre gut angelegtes Geld. Derzeit rennen wir Künstlicher Intelligenz, Quanten- und Fusionstechnologien hinterher, weit abgeschlagen hinter den USA und China. Die Katalyse ist nicht so populär, aber eine große Chance für Deutschland. Wir haben eine lange Tradition auf dem Gebiet und viel Expertise im Land.
Lassen Sie uns einen Blick zurückwerfen: Wie kam es, dass Sie Chemiker wurden?
Das begann, als ich elf Jahre alt war. Zusammen mit zwei Freunden hatte ich ein kleines Labor in einem Keller in Frankfurt eingerichtet, die nötigen Chemikalien kauften wir bei einem benachbarten Apotheker. Damals hatte ich noch keinen Chemieunterricht. Später hatte ich ein paar begnadete Lehrer, die mich bestärkten. Aber da war mein Interesse an dem Fach schon sehr groß und kein Lehrer hätte mich von dem Pfad abbringen können.
Die GDNÄ hat eine eigene Jugendorganisation, die jGDNÄ. Gibt es etwas, das Sie jungen Leuten mit Interesse für die Naturwissenschaften raten?
Folgt Eurer Begeisterung! Lasst Euch nicht beirren, auch wenn die Eltern sagen: Ich sehe Dich als Anwalt oder Arzt. In den Naturwissenschaften gibt es gute Karrierechancen, sowohl im akademischen Bereich als auch in der Industrie. Die Welt hat erkannt, wie wichtig Forschung ist. Und es ist ein Glücksfall, wenn man sich dafür interessiert. Es macht diebische Freude, der Natur ein paar Geheimnisse entreißen zu können und damit vielleicht die Welt zu verändern.
Am 19. September halten Sie bei der GDNÄ-Versammlung in Bremen den öffentlichen Nobel-Vortrag zum Thema „Organokatalyse für unsere Welt“. Welche Vorbildung braucht man, um Ihnen folgen zu können?
Interesse am Thema sollte ausreichen. Ich versuche, so allgemeinverständlich wie möglich zu sprechen.
Was wollen Sie Ihrem Publikum mit auf den Weg geben?
Die Organokatalyse kann beides sein, Grundlagenforschung und Anwendung. Beides ist reizvoll und das möchte ich vermitteln. Und dabei auch ein bisschen für die Max- Planck-Gesellschaft werben. Ihre großartige Grundlagenforschung ist vielen bekannt, aber dass sie auch die erfolgreichste Gründerorganisation hierzulande ist, wissen längst nicht alle. Eine Botschaft hätte ich noch: Wichtig ist Enthusiasmus für das, was man tut. Egal, ob in der Forschung oder in anderen Lebensbereichen.
Gestatten Sie zum Abschluss eine Frage zu einem besonderen Foto, das Sie mit verschränkten Beinen auf Ihren Händen stehend im Labor zeigt. Wie kam es dazu?
Das Bild ist ein paar Jahre vor dem Nobelpreis entstanden, bei einem Interview mit meiner Studienkollegin Catarina Pietschmann, die als freie Journalistin in Berlin arbeitet. Man muss gelegentlich in eine andere Richtung schwimmen, hatte ich in dem Gespräch gesagt, vielleicht auch mal auf dem Kopf stehen. So entstand die Idee mit dem Handstand in Lotuspose. Meine Frau war gerade im Labor, sie hat mich gehalten. Frei im Handstand stehen, das bringe ich allein noch nicht fertig.
Sie praktizieren Yoga?
Ja, Yoga ist wichtig für mich, um frisch im Kopf zu bleiben. Ich mache das seit vielen Jahren so, täglich ein bis zwei Stunden und meistens ohne Anleitung. Inzwischen kann ich es ja ein wenig.

@ Henning Kretschmer
Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Benjamin List ist Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung und Nobelpreisträger für Chemie.
Zur Person
Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Benjamin List ist Chemiker und einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Dort leitet er die Abteilung für Homogene Katalyse. Außerdem ist er Professor für organische Chemie an den Universitäten Köln und Hokkaido.
Zur Welt kam Benjamin List am 11. Januar 1968 in Frankfurt am Main. Als Kind einer Familie von Wissenschaftlern und Künstlern verbrachte er seine Kindheit und Jugend mit seiner Mutter und zwei Brüdern. Sein Chemie-Studium an der Freien Universität Berlin schloss er 1993 mit dem Diplom ab. In Frankfurt am Main wurde er 1997 mit einer Arbeit über die Synthese eines Vitamin-B12-Semicorrins promoviert. 1997 ging Ben List, wie viele ihn nennen, in die USA, um bis 2003 am Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla zu forschen. Zurück in Deutschland leitete er von 2003 bis 2005 eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Dort arbeitet er seit 2005 als Direktor und Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft.
Benjamin List wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2016 mit dem höchstrangigen deutschen Forschungspreis, dem Leibniz-Preis. 2021 erhielt er gemeinsam mit dem gleichaltrigen David MacMillan den Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung der asymmetrischen Organokatalyse. 2022 verlieh der Bundespräsident ihm das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland.

@ Frank Vinken/MPG
Handstand im Labor: So etwas macht Benjamin List nur für Fotografen. Das Bild entstand ein paar Jahre vor dem Nobelpreis; die Pose gelang mithilfe seiner Frau.
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