Wissen aus erster Hand

Wissen aus erster Hand

Von Quantencomputern und künstlicher Intelligenz über personalisierte Therapien in der Medizin bis zur digitalen Transformation der chemischen Industrie: Wegweisende, attraktiv aufbereitete Vorträge der Versammlung 2018 zum Thema „Digitalisierung der Wissenschaften“ sind im Magazin Naturwissenschaftliche Rundschau erschienen und stehen hier exklusiv zum Download zur Verfügung. Die Beiträge sind reich bebildert und wurden ergänzt durch Kurzporträts der Referenten.

Die Naturwissenschaftliche Rundschau ist das Organ der Gesellschaft deutscher Naturwissenschaftler und Ärzte. Hier erscheinen die sogenannten Verhandlungsbände als Sonderhefte – immer im Jahr zwischen den Versammlungen. Die Hefte enthalten die Vorträge und Kurzreferate der letzten Versammlung. Die Texte sind so geschrieben, dass sie für interessierte Laien verständlich sind und dabei gleichzeitig hohen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Die Naturwissenschaftliche Rundschau wurde 1948 gegründet und erscheint monatlich. Sie veröffentlicht Übersichtsbeiträge von namhaften Wissenschaftlern und Kurzberichte aus Naturwissenschaften und Medizin. Die Zeitschrift versteht sich, ebenso wie die GDNÄ, als Mittlerin zwischen den Disziplinen.

Paul Mühlenhoff Unterricht in Corona-Zeiten Technik und die Krise als Motor

„Die Kinder vermissen ihre Schule“

Paul Mühlenhoff, Gymnasiallehrer in Bielefeld, über Unterricht in Corona-Zeiten, Technik von vorgestern und die Krise als Motor

Herr Mühlenhoff, Sie unterrichten Deutsch und Biologie an einem Bielefelder Gymnasium. Wie gelingt Ihnen das während des Corona-Shutdowns?
Was uns in diesen Wochen sehr hilft, ist der Zugriff auf unseren Schulserver über eine Cloud. Dort stellen wir Lehrer Arbeitsaufträge, Materialien und zu einem späteren Zeitpunkt auch exemplarische Lösungen ein, auf die unsere Schüler zugreifen können. Am einfachsten ist das in den Fächern, die mit Schulbüchern und Arbeitsheften arbeiten. Einige Verlage haben uns kostenlose Digitalversionen zur Verfügung gestellt, die wir nutzen können. Als Klassenlehrer einer fünften Klasse und mit Oberstufenschülern veranstalte ich außerdem ab und zu Videokonferenzen, um mit meinen Schülern im Gespräch zu bleiben.

Wie gestaltet sich die tägliche Zusammenarbeit konkret?
Ich gliedere den Stoff Lektion für Lektion für jede einzelne Unterrichtsstunde, reichere ihn oft mit zusätzlichen Informationen an und bitte meine Schüler, das Pensum eigenständig zu bearbeiten. Die in dieser Zeit erstellten „Corona-Portfolios“ werde ich bei Wiederbeginn des Unterrichts sichten, um sie im persönlichen Gespräch auszuwerten – das ist jetzt aus der Distanz schwierig.

Wird die Mitarbeit derzeit kontrolliert?
Ja, das versuchen wir. Die Schüler fotografieren die gemachten Aufgaben und laden die Bilder in der Cloud hoch und legen sie im Fachordner ab. Das funktioniert ganz gut ab der 7. Klasse – auch wenn die Fotos manchmal etwas schief und verwackelt sind. Bei den Jüngeren gibt es mehr Probleme; die haben auch nicht alle ein Smartphone.

Welchen Eindruck haben Sie von Ihren Schülern in der aktuellen Situation?
Die meisten vermissen die Schule. Und viele Kinder machen sich Sorgen: über Gefahren für die Gesundheit, die Zukunft im Allgemeinen oder, wenn das Abitur naht, über möglicherweise verpassten Stoff. Mein Eindruck ist, dass die leistungsstärkeren Schüler besser mit dem Heimunterricht zurechtkommen. Schwächere Schüler fallen leider weiter zurück, auch weil sie weniger Hilfe von ihren Eltern bekommen. Da wird viel aufzuholen sein, wenn die Schulen wieder öffnen.

Sie und Ihre Kollegen stehen plötzlich vor ganz neuen Herausforderungen. Wie geht es Ihnen?
Kein Lehrer ist glücklich mit der Situation. Uns allen fehlt der direkte Kontakt zu den Schülern. Den können Videokonferenzen zwar abmildern, aber keinesfalls ersetzen. Es fehlt einfach die körperliche Präsenz und per Videokonferenz ist es unmöglich, 31 Schülerinnen und Schüler so zu erreichen, wie es normalerweise im Klassenraum mit etablierter Sitzordnung der Fall ist. Die soziale Dynamik beim Lernen in der Gruppe ist durch kein digitales Medium zu ersetzen.

Sie berichten von Videokonferenzen, einem Schulserver und dem Cloud-Zugang: Ist Ihre Schule demnach technisch auf dem aktuellen Stand?
Nein, leider noch ganz und gar nicht. Der Schulserver bietet nicht sehr viele Möglichkeiten, Rechner und Software sind weitestgehend veraltet und die meisten Klassenräume sind noch nicht einmal mit Beamern ausgestattet – es wird immer noch viel mit Overheadprojektoren gearbeitet. Immerhin: Beamer für alle Klassenräume sollen in den nächsten Jahren kommen und seit einigen Monaten gibt es 16 iPads für den Unterricht, das ist ein halber Klassensatz. Aber problematisch ist nicht nur die digitale Infrastruktur.

Sondern was noch?
Das größte Problem ist nach meiner Meinung die unzureichende Kompetenz von uns Lehrern. Das liegt aber nicht an der mangelnden Bereitschaft, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, sondern damit, dass es neben den fehlenden technischen Mitteln mittlerweile eine verwirrende Vielfalt an Möglichkeiten gibt. Im Fach Biologie habe ich einen ganz anderen Bedarf an digitalen Mitteln als dies im Fach Deutsch der Fall ist. Einige besonders versierte Kollegen arbeiten da schon auf hohem Niveau, aber mit ganz unterschiedlichen Betriebssystemen, Geräten und Softwarelizenzen. Das sind alles individuelle Lösungen, in die man sich mit hohem Zeitaufwand eingearbeitet hat und die privat bezahlt wurden. Noch fehlen Standards für unsere Nutzungszwecke, die in einem weiteren Schritt eine zielgerichtete Fortbildung aller Lehrkräfte ermöglichen würden.

Und doch scheint der Online-Fernunterricht vielerorts ganz gut zu funktionieren.
Jetzt ist plötzlich Druck da und tatsächlich kommt vieles in Gang. An unserer Schule bieten besonders kompetente Kollegen und die System-Administratoren zum Beispiel Online-Fortbildungen für Lehrkräfte und Verwaltungsangestellte an. Die werden sehr gut angenommen. Die Lernbereitschaft unter den Kollegen ist ausgesprochen groß.

In zahlreichen Bundesländern öffnen die Schulen jetzt allmählich wieder. Wie ist das an Ihrer Schule?
Bei uns in Nordrhein-Westfalen ist es so, dass gleich in der ersten Woche nach den Osterferien der Unterricht für den Abiturientenjahrgang wieder aufgenommen wurde. Das Ganze funktioniert so, dass die Schüler in kleinen Gruppen mit ausreichend Abstand zueinander unterrichtet werden. Sie betreten und verlassen die Schule zu unterschiedlichen Zeiten, sodass Ansammlungen vermieden werden. Es gibt strenge Hygiene- und Verhaltensvorschriften und die Lehrer müssen für jede Stunde die Sitzpläne protokollieren. Für die Schulleitungen und Kollegen vor Ort bedeutet diese Neuorganisation viel Arbeit. Parallel läuft der Fernunterricht für alle weiteren Jahrgänge ja weiter.

Derzeit wird viel diskutiert über eine umfassendere Schulöffnung. Wie stehen Sie dazu?
An meinem Gymnasium kommen normalerweise fast tausend Schüler und rund hundert Lehrer zusammen – dicht an dicht im Klassenzimmer, auf engen Fluren und in kleinen Pausenhöfen. Unter diesen Umständen war die Schulschließung absolut vernünftig.
Wann die Schule wieder für alle Schüler öffnen kann, ist von vielen Faktoren abhängig und wird sicherlich auch regional variieren. Wie sind die Infektionsraten in einer Stadt? Wie viele Menschen können getestet werden? Sind Schulen überhaupt Infektionsherde? Derzeit werden ja viele Szenarien diskutiert, darunter auch schrittweises Vorgehen. Die Antworten sind kompliziert und auch abhängig von den Gegebenheiten jeder einzelnen Schule. Ich hoffe, dass wir spätestens im Mai oder Juni wieder den Betrieb für alle Jahrgänge aufnehmen können. Wenn es sein muss, eben auch mit Mundschutz, obwohl das natürlich zu Lasten von Aussprache und Mimik geht.

Gibt es etwas, das sich aus dieser Krise für die Schule lernen lässt?
Sie wird sicher einen großen Schub hin zu Cloud-basierten Arbeitsweisen bringen. Jede Schule braucht einen modernen Schulserver, eine zeitgemäße technische Ausstattung und mehr digitales Know-how im Kollegium. Dass Schüler und Lehrer den direkten Kontakt miteinander nach wenigen Wochen so vermissen würden, hätte wohl niemand so gedacht. Daran wird man sich hoffentlich noch lange erinnern.

Paul Mühlenhoff, Gymnasiallehrer in Bielefeld
Ein Lehrer, eine Schule
Paul Mühlenhoff leitet das groß angelegte Schülerprogramm der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Der Lehrer für Deutsch und Biologie war lange Jahre am XLAB – Göttinger Experimentallabor für junge Leute tätig. Seit 2019 unterrichtet er in den Jahrgängen 5 bis 11 am Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld. Es wurde 1896 gegründet und bezeichnet sich selbst als „moderne Schule mit Tradition“. In normalen Zeiten gehen dort täglich um die tausend Schüler und hundert Lehrer ein und aus.

Expertengruppe: Stufenplan für die Zeit nach dem Shutdown

Expertengruppe: Stufenplan für die Zeit nach dem Shutdown

Die geltenden Beschränkungen in Gesellschaft und Wirtschaft allmählich zu lockern und dabei die medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung zu sichern – dafür plädiert jetzt eine interdisziplinäre Gruppe renommierter Wissenschaftler. In ihrem Positionspapier zeigen die Forscher um ifo-Präsident Clemens Fuest und Martin Lohse, Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Wege zu diesem Ziel auf.

München, 2. April 2020 – Die Strategie sieht vor, derzeitige Einschränkungen differenziert und unter kontinuierlicher Abwägung der Risiken nach und nach zu lockern. Priorität haben dabei Beschränkungen, die hohe wirtschaftliche Kosten verursachen oder zu starken sozialen und gesundheitlichen Belastungen führen. Regionen mit niedrigen Infektionsraten und freien Kapazitäten im Gesundheitssystem könnten, so der Vorschlag der 14 Experten aus deutschen Universitäten und Forschungsinstituten, beim allmählichen Neubeginn vorangehen. Beginnen sollten zudem Sektoren mit niedriger Ansteckungsgefahr wie zum Beispiel hochautomatisierte Fabriken sowie Bereiche mit weniger gefährdeten Personen, etwa in Schulen und Hochschulen.

 „Die aktuellen Beschränkungen sind sinnvoll und zeigen erste Wirkung“, sagt Martin Lohse, Mediziner und Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). Allerdings hätten die Maßnahmen neben hohen wirtschaftlichen und sozialen Kosten auch gravierende medizinische Folgen, etwa für Patienten mit anderen schweren Erkrankungen. „Weil wir damit rechnen müssen, dass die Pandemie uns noch viele Monate beschäftigt und letztlich nur unser Immunsystem uns schützen kann, brauchen wir eine flexible, nach Risiken gestaffelte Strategie – ein genereller Shutdown ist keine langfristige Lösung“, sagt Martin Lohse.

„Gesundheit und eine stabile Wirtschaft schließen sich keineswegs aus“, sagt Clemens Fuest, Ökonom und Präsident des Münchener ifo-Instituts. Beides bedinge sich vielmehr gegenseitig: „So wie eine positive wirtschaftliche Entwicklung bei unkontrollierter Ausbreitung des Virus nicht möglich ist, lässt sich auch die Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitswesens ohne eine funktionierende Wirtschaft nicht aufrechterhalten“, sagt Clemens Fuest.

„Bei der Planung, in welchen Schritten die massiven Einschränkungen des privaten und öffentlichen Lebens aufgehoben werden, müssen die Menschen im Mittelpunkt stehen“, sagt Christiane Woopen, Professorin für Ethik und Theorie der Medizin an der Universität zu Köln. Dabei seien gesundheitliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Risiken zu berücksichtigen. Allen werde derzeit viel zugemutet. Woopen: „Nun müssen die Starken für die Schwachen da sein.“

Wichtig seien jetzt großflächige Tests, um zuverlässigere Erkenntnisse über die Ausbreitung des Erregers zu erhalten, schreiben die Wissenschaftler aus den Bereichen Innere Medizin, Infektionsforschung, Pharmakologie, Epidemiologie, Ökonomie, Verfassungsrecht, Psychologie und Ethik. Auch die Sicherung der Produktion von Schutzkleidung, Schutzmasken, Medikamenten und künftiger Impfstoffe zähle zu den vordringlichen Maßnahmen. Weiterhin empfehlen die Wissenschaftler, neue Kapazitäten zur Bewältigung der sozialen und psychischen Folgeschäden der aktuellen Maßnahmen zu schaffen.

Die GDNÄ trauert um ihren Altpräsidenten Professor Reimar Lüst.

Nachruf

Die GDNÄ trauert um ihren Altpräsidenten Professor Reimar Lüst.

Der ehemalige Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ), der Astrophysiker Professor Reimar Lüst, ist im Alter von 97 Jahren in Hamburg verstorben. Reimar Lüst führte die Gesellschaft in den Jahren 1985/1986 und leitete die GDNÄ-Versammlung 1986 in München. Er sprach dort zum Thema „Beobachtungen und Experimente im Weltraum“.

„Raimar Lüst war ein wunderbarer Mensch und Mentor“, sagt der heutige GDNÄ-Präsident Martin Lohse über seinen Vorgänger. „Er hat sich an so vielen Stellen für das deutsche und europäische Wissenschaftssystem eingesetzt und es geprägt. Und für die nachkommenden Generationen hatte er stets ein offenes Ohr und Herz.“

Der 1923 in Wuppertal-Barmen geborene Lüst gilt als Pionier der europäischen Weltraumforschung und als Wissenschaftsmanager von großem Format. Er promovierte 1951 in Göttingen in Theoretischer Physik bei Carl Friedrich von Weizsäcker an dem von Werner Heisenberg geleiteten Max-Planck-Institut für Physik. Die Jahre 1955 und 1956 verbrachte er mit einem Fulbright-Stipendium in Chicago und an der Princeton University. 1960 wurde er Mitglied des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in München, 1963 Direktor des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in München. Wenig später erhielt er Professuren an beiden Münchner Universitäten.

Reimar Lüst hat viele Positionen im Wissenschaftsmanagement bekleidet. Er war Direktor und später Vizepräsident der European Space Research Organisation (ESRO). Von 1969 bis 1972 war er Vorsitzender des Wissenschaftsrates, von 1972 bis 1984 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) sowie von 1984 bis 1990 Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). In diesen Positionen beeinflusste er die europäische Weltraumforschung maßgeblich. Von 1989 bis 1999 wirkte Lüst als Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH). Auch im Ruhestand war Reimar Lüst weiterhin im akademischen Bereich aktiv, wurde Ehrensenator der Nationalakademie Leopoldina und trug unter anderem zur Gründung der International University Bremen bei.

Die GDNÄ wird ihrem ehemaligen Präsidenten ein ehrendes Andenken bewahren.

Über Wissenschaft in unsicheren Zeiten

Über Wissenschaft in unsicheren Zeiten

Wissenschaft befasst sich mit dem Unbekannten. Sie tastet sich in Neuland vor, verirrt sich dabei auch manchmal und nähert sich doch allmählich der Wahrheit an. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind vorläufig, aber jede neue Einsicht führt uns weiter.

Viele Schlüsselfragen von Gesellschaft und Wissenschaft reichen weit über die Grenzen der Disziplinen hinaus: Wie bewältigen wir globale Krisen? Wie bleiben wir gesund? Wie werden wir wohnen, uns bewegen, miteinander kommunizieren? Das sind Fragen, die Klimaforscher, Mediziner, Sozial- und Naturwissenschaftler nicht allein beantworten können. Benötigt werden Plattformen für den interdisziplinären Dialog, den Austausch von Jung und Alt und den Wettstreit unterschiedlicher Argumente. Foren für offene, vernunftgeleitete Debatten – darin hat die GDNÄ eine große Tradition, das kann sie gut.

Gerade heute, in Zeiten der Corona-Pandemie und des Klimawandels, brauchen wir das gesamte Fachwissen, um zu bestehen. Einseitige Ansätze führen meistens in die Irre. Sie sind oft blind für verborgene Wechselwirkungen, etwa zwischen Überbevölkerung und Gesundheit, Mobilität und Public Health und die Auswirkungen auf Gesellschaft, Volkswirtschaft und Politik. Erkennen können wir die tieferliegenden Muster nur, wenn wir unser wissenschaftliches Know-how bündeln. Daher möchte ich Sie einladen: Machen Sie mit! Lassen Sie uns gemeinsam Fragen stellen und nach Antworten suchen, Erkenntnisse teilen und sie zum öffentlichen Nutzen weitergeben – in der GDNÄ!

Martin Lohse © David Ausserhofer
Martin Lohse 2022 © MIKA-fotografie | Berlin

Der Heidelberger Virologe über seinen Kurs in der Corona-Krise

Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich

Der Tag müsste gerade 48 Stunden haben für Hans-Georg Kräusslich. Eine Telefonkonferenz nach der anderen, Visiten am Krankenbett, Besprechungen im Labor – der Heidelberger Professor für Virologie hat immer viel zu tun, in der Corona-Krise ist er jedoch im Dauereinsatz. Am Uniklinikum Heidelberg steht GDNÄ-Mitglied Kräusslich nicht nur als Leiter des Zentrums für Infektionsmedizin im Mittelpunkt des Geschehens, als Dekan der Medizinischen Fakultät ist er auch dafür verantwortlich, dass die ganze Klinik funktioniert. Daneben treibt er als Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) Studien zu „SARS-CoV-2“ voran, dem Auslöser der weltweiten Pandemie.

Neue Testmethoden zur Diagnose, antivirale Medikamente und ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus stehen am DZIF ganz oben auf der Agenda. Zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Infektiologie wird derzeit ein europaweites Fallregister aufgebaut, um klinische Daten von Infizierten zu sammeln. Das Register soll zum Beispiel zeigen, unter welchen Umständen Patienten nach einer Infektion schwer erkranken, wann sie mit leichten Symptomen davonkommen und welche Maßnahmen sich am besten bewähren. „Wir sind sehr zuversichtlich, einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen das Virus leisten zu können“, sagt Hans-Georg Kräusslich, der auch in diesen Zeiten größter Anspannung ruhig und besonnen wirkt.

Aktuell engagiert er sich zusätzlich als Mitglied einer Expertengruppe, die einen Stufenplan für die Zeit nach dem Corona-Stillstand vorgelegt hat. „Als Gesellschaft müssen wir jetzt Szenarien für einen schrittweisen Weg zurück in die Normalität entwickeln“, begründet der Heidelberger Mediziner seinen Einsatz.

Mitglied der GDNÄ ist Hans-Georg Kräusslich seit fast vierzig Jahren. Im September 1982 besuchte er als Medizinstudent die Versammlung in Mannheim, die unter dem Motto „Fortschrittsberichte aus Naturwissenschaft und Medizin“ tagte. Dort hörte der damals 24-Jährige eine Reihe von Vorträgen, wobei ihn der Beitrag des deutschstämmigen US-Virologen Peter K. Vogt besonders faszinierte. Vogt sprach in Mannheim über krebsauslösende Gene, sogenannte Onkogene. Diese Forschungsrichtung stand damals noch ganz am Anfang und Vogt zählte mit seinem Labor an der University of Southern California in Los Angeles zu den Pionieren. „Ich war sehr beeindruckt von den Neuigkeiten, die ich auf der GDNÄ-Versammlung erfuhr“, sagt Hans-Georg Kräusslich rückblickend. Sein Faible für die die Virologie sei damals geweckt worden – und habe sich in seiner Zeit als Postdoc in den USA weiter verstärkt.

Nach Deutschland zurückgekehrt baute der junge Mediziner am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine Gruppe auf, die Aidsviren erforschte. Mitte der 1990er-Jahre ging er ans Heinrich-Pette-Institut in Hamburg, dessen Direktor er bis 1999 war. Im Jahr 2000 wurde Kräusslich Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg und seit 2003 ist er Direktor des Zentrums für Infektiologie. Im Herbst 2019 wählten seine Kollegen ihn zum Dekan der Medizinischen Fakultät Heidelberg.

„Gerade für Schüler und Studierende bietet die GDNÄ hervorragende Gelegenheiten, mit Wissenschaftlern in Kontakt zu kommen und aktuelle Forschungsrichtungen kennenzulernen“, sagt Hans-Georg Kräusslich. Ihm hat die Tagung vor fast vierzig Jahren den entscheidenden Impuls gegeben – auch deshalb ist er „seiner“ GDNÄ treu geblieben.