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  • „In freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit“

    Entstanden im Geist des Aufbruchs war die GDNÄ immer wieder ein Forum für große Debatten und nachdenkliche Analysen. Wie sie das über fast zwei Jahrhunderte geschafft hat, schildert hier den Wissenschaftshistoriker Dietrich von Engelhardt.

    Herr Professor von Engelhardt, im kommenden Jahr wird die GDNÄ 200 Jahre alt. So lange halten längst nicht alle Wissenschaftsorganisationen durch. Wie erklären Sie die Robustheit der GDNÄ?
    Vor allem mit ihrer Einzigartigkeit – auch im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Gesellschaften. Ihr Kernanliegen ist seit ihrer Gründung 1822 der interdisziplinäre Austausch zwischen Naturwissenschaftlern und Medizinern ebenso wie die Verbindung zu Philosophie und Gesellschaft. In den Geisteswissenschaften ist dieses Interesse an anderen Disziplinen nicht so ausgeprägt, eine vergleichbare übergreifende geisteswissenschaftliche Gesellschaft gibt es nicht. Was die GDNÄ auch stabilisiert hat, sind die großen wissenschaftlichen Debatten, die auf ihren Versammlungen geführt wurden und die weit in Gesellschaft und Kultur ausstrahlten.

    An welche Debatten denken Sie?
    Zum Beispiel an die Auseinandersetzungen über Naturwissenschaft und Naturphilosophie, über die Freiheit der Forschung, Darwins Evolutionslehre, Mechanismus und Vitalismus sowie über Popularisierung und Schulunterricht. Ich denke etwa an Emil du Bois-Reymonds Rede auf der 45. Versammlung 1872 in Leipzig über die „Die Grenzen des Naturerkennens“, in der es um die nach seiner Ansicht grundsätzlich naturwissenschaftlich nicht erkennbaren Beziehungen von Kraft und Stoff, von Leib und Seele ging. Die Rede provozierte Zustimmung und Widerspruch – ebenso wie Ernst Haeckels Eintreten für Darwin und den Darwinismus. Auch Rudolf Virchow löste mit seinem Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaft und für den Verzicht auf die Verbreitung von Unbewiesenem im Schulunterricht und in der Öffentlichkeit vielfältige Reaktionen aus.

    Die GDNÄ als Forum für große Debatten: Kann sie das heute noch?
    Heute gibt es viele weitere Plattformen für den Wettstreit der Ideen, die GDNÄ hat starke Konkurrenz bekommen. Ihre Glanzzeit lag sicher im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Aber auch in unserer Zeit sehe ich große Chancen für die GDNÄ, sei es im Bildungsbereich oder im Dialog der Disziplinen und in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft und Kultur. Die Resonanz vieler Versammlungen hat das eindrucksvoll gezeigt. Ein wichtiges und öffentlichkeitswirksames Thema ist in dieser Perspektive auch „Wissenschaft im Bild“, dem sich schwerpunktmäßig die Versammlung 2022 in Leipzig widmen wird.

    © Deutsches Museum, München, Archiv, CD79207

    Tagen in Sektionen: Die Abteilung Mathematik und Astronomie im Gruppenbild bei der GDNÄ-Versammlung 1890.

    Lassen Sie uns noch einmal zu den Anfängen zurückkehren. In Leipzig fand die erste Versammlung der GDNÄ statt, im Herbst des Jahres 1822. Um was ging es den Gründern?
    Treibende Kraft war der Naturforscher und Naturphilosoph Lorenz Oken. Er hatte eine Gruppe Gleichgesinnter um sich geschart, darunter den romantischen Naturphilosophen, Maler und Arzt Carl Gustav Carus und den Chemiker und Mythenforscher Johann Salomo Christoph Schweigger. Einmal im Jahr und immer in einer anderen Stadt, daher der Beiname Wandergesellschaft, wollte man sich gegenseitig über den Stand eigener Forschungen informieren – in freiem Vortrag und freundschaftlicher Verbundenheit, aber auch in offener Auseinandersetzung. Den Gründern ging es um einen lebendigen Austausch, auch als Gegenentwurf zu den Ritualen der damals schon lange bestehenden Universitäten und Wissenschaftsakademien.

    Ist das von Anfang an gelungen?
    Soweit es sich aus den Quellen erschließen lässt, ja. Okens Aufrufen zur Versammlung der deutschen Naturforscher waren 1822 beim ersten Treffen 13 Naturforscher und Ärzte als Mitglieder gefolgt, insgesamt nahmen 60 Personen an den Vorträgen und Diskussionen teil. Später wurden es dann deutlich mehr, gelegentlich kamen 5000 bis 7000 Besucher. In der Gegenwart sind die Zahlen der Mitglieder und Besucher wieder zurückgegangen – jüngere Wissenschaftler setzen für ihre Laufbahn und ihre Forschung andere Akzente. In den Anfangsjahren ging es in den Vorträgen, ganz im Geist der romantischen Naturphilosophie, um die Einheit der Natur, die Verbindung von Natur und Geist, die Verantwortung des Menschen für die Natur und auch um soziales Engagement. Nach lebhaften und teils kontroversen Diskussionen klangen die Tage in geselliger Runde unter geistreichen Tischreden und gemeinsamen Gesängen aus.

    Ließ sich das so durchhalten?
    Nicht ganz. 1828 kam es zu einer tiefergehenden strukturellen Veränderung und durchaus auch zur ersten Krise. Alexander von Humboldt hatte sich in seiner Festrede bei der Versammlung in Berlin entschieden für die Bildung von Sektionen neben den allgemeinen Sitzungen ausgesprochen, um dem wissenschaftlichen Fortschritt in den einzelnen Disziplinen angemessen und in divergenter Debatte entsprechen zu können. Diese Initiative sollte sich als ungemein wichtig für den Fortbestand der Gesellschaft erweisen, stieß aber anfangs auch auf Widerstand. Manche befürchteten ein Auseinanderdriften der Disziplinen, also eine Entwicklung, der man mit der Gründung der GDNÄ hatte entgegenwirken wollen. Auch Lorenz Oken war keineswegs begeistert von der Einteilung in Sektionen, die sich dann aber doch durchsetzte. Vollständig aufgehoben wurde die Gemeinsamkeit jedoch keineswegs: So schrieb die örtliche Tageszeitung über das abendliche Zusammensein bei der 67. Versammlung 1895 in Lübeck: „Man speiste sektionsweise und sang gemeinschaftlich.“

    Wie hat Oken reagiert?
    Er zog sich etwas zurück und nahm nicht mehr an allen Versammlungen teil. Eigene Aktivitäten und Verpflichtungen beanspruchten ihn in jenen Jahren stark. Oken war ein engagierter, streitbarer Mensch, der ein einiges Deutschland anstrebte, für die Pressefreiheit kämpfte und seinen Gegnern mutig die Stirn bot – auch wenn sie Landesherren waren oder Johann Wolfgang von Goethe hießen. Er schrieb und publizierte sehr viel, setzte sich für einen naturwissenschaftlichen Unterricht an den Schulen ein, gab die erste fachübergreifende wissenschaftliche Publikation „Isis oder Encyclopädische Zeitung“ heraus – sie erschien von 1819 bis 1848 – und ging schließlich nach Zürich. Dort ernannte man ihn zum ersten Rektor der Universität und dort starb er 1851.

    © Deutsches Museum, München, Archiv, CD85577

    Blick ins Auditorium bei der Feier zum 150-jährigen Bestehen der GDNÄ in München im Oktober 1972.

    Zu diesem Zeitpunkt war die GDNÄ dreißig Jahre alt. Wie stand es um sie?
    Es ging ihr sehr gut. Ihre Versammlungen waren Höhepunkte des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, wer als Naturforscher oder Arzt auf sich hielt, war Mitglied der GDNÄ. Sie vereinte die naturwissenschaftlich-medizinische Elite Europas. In den Vorträgen, die in Verhandlungsbänden abgedruckt wurden, spiegelte sich die Entwicklung der Naturwissenschaften und Medizin im 19. Jahrhundert wider. Zu den Versammlungen kamen Forscher aus Italien, England, Frankreich, Russland und anderen Ländern, auch wenn das für einige politisch nicht ungefährlich war. Angeregt durch das Vorbild der GDNÄ entstanden ähnliche Gesellschaften im Ausland: 1831 die British Association for the Advancement of Science oder zwei Jahre später die Congrès Scientifiques de France und 1839 die italienischen Riunioni degli Scienziati Italiani. In Deutschland gingen aus der GDNÄ zahlreiche naturwissenschaftliche und medizinische Fachgesellschaften hervor – in der Physik ebenso wie in Chemie, Pharmazie, Pathologie, Gynäkologie, Chirurgie und Psychiatrie.

    Das 20. Jahrhundert war gezeichnet von Krieg und Wiederaufbau. Wie wirkte sich das auf die GDNÄ aus?
    Während beider Weltkriege setzten die Versammlungen aus. Während des Dritten Reiches war die Situation in den drei Versammlungen 1934 in Hannover, 1936 in Dresden und 1938 in Berlin ausgesprochen komplex. In ihren Begrüßungsreden bejahten die Ersten Vorsitzenden in teils opportunistischer Rhetorik, teils mit innerer Überzeugung die neue nationalsozialistische Zeit. Sie beschäftigten sich in unterschiedlicher Akzentuierung mit dem Verhältnis von deutscher und internationaler Forschung, sprachen von einer Orientierung am Volkswohl und dem Nutzen für die Menschheit und hoben zugleich dankbar die Teilnahme ausländischer Wissenschaftler hervor.  Die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachvorträge waren überwiegend frei von nationalsozialistischer Ideologie, wobei die erbbiologischen Vorträge durchaus den rasseideologischen Diskussionen der Zeit entsprachen. Übergreifende Vorträge wie zum Beispiel von Werner Heisenberg über die „Wandlungen der Grundlagen der exakten Naturwissenschaften in jüngster Zeit“ im Jahr 1934, von Walter Gerlach zum Thema „Theorie und Experiment in der exakten Wissenschaft“ im Jahr 1936 oder von Ludwig Aschoff 1936 über „Pathologie und Biologie“ fielen rein wissenschaftlich und theoretisch aus und ausdrücklich ohne jede Verbindung zur Welt der Politik. Die erste Nachkriegsversammlung fand erst wieder 1950 in München statt – mit einer Festrede des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss.

    Seitdem sind mehr als siebzig Jahre vergangen. Gibt es in diesem langen Zeitraum eine prägende, bis heute spürbare Entwicklung, die Sie herausgreifen würden?
    Ja, sie hat mit dem ungestümen Fortschrittsoptimismus zu tun, der das ausgehendende 19. Jahrhundert und beginnende 20. Jahrhundert kennzeichnete und der spätestens in den 1970er-Jahren problematisiert wurde. Der Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges umriss die neue Haltung 1972, anlässlich des 150jährigen Bestehens der GDNÄ, wie ich finde sehr treffend: „Wir erwarten am Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht mehr, dass mit dem Fortschreiten naturwissenschaftlicher Entdeckungen und Erfindungen eine rationale gesellschaftliche Entwicklung gekoppelt sei.“ Allerdings, so fügte er hinzu: „Wir bleiben überzeugt, dass Wissenschaft immer noch das zuverlässigste Instrument ist zur Bewältigung des Fortschritts.“

    Welche Bedeutung kommt der GDNÄ heute zu? Welche Funktion kann sie im Spektrum der Wissenschaftsorganisationen übernehmen?
    Wichtig ist der Dialog mit der Öffentlichkeit, den die GDNÄ immer gepflegt hat. Im 19. Jahrhundert schrieben führende Naturforscher wie der Naturforscher und Naturphilosoph Gotthelf Heinrich von Schubert naturwissenschaftliche Bücher für den Schulunterricht. Heute gibt es so etwas leider nicht mehr. Eine Bildungskommission der GDNÄ hatte Mitte der 1990er-Jahre überzeugende Konzepte für die naturwissenschaftliche Allgemeinbildung als, wie sie es formulierte, „fachübergreifenden Fachunterricht“ entwickelt. Die Umsetzung in Lehrerbildung und schulischem Alltag steht allerdings noch aus. Zudem ist die GDNÄ als unabhängige Einrichtung hervorragend geeignet, für Gesellschaft und Kultur zentrale und umstrittene Fragen aus den Naturwissenschaften und der Medizin aufzugreifen und in die öffentliche Diskussion zu bringen. Nicht zuletzt wünsche ich mir einen Brückenschlag zu den Geisteswissenschaften, auch um Zusammenhänge zwischen Welt- und Selbsterkenntnis zu beleuchten und einen Beitrag zur Lösung ethischer und juristischer Herausforderungen der Gegenwart zu leisten.

    Eine Frage zum Abschluss: Heute klingt die Bezeichnung „Naturforscher“ im GDNÄ-Namen etwas antiquiert. Was verstand man vor zweihundert Jahren darunter?
    Wenn wir die naturphilosophischen Dimensionen weglassen, meinte Naturforschung damals ungefähr das, was wir heute unter Naturwissenschaften verstehen. Dass dieser Begriff sich schließlich durchsetzte, hat mit Einflüssen aus dem Ausland und der englischen Sprache zu tun. Ich halte den Begriff „Naturforscher“ weiterhin für sinnvoll, attraktiv und keineswegs für antiquiert. Er betont im Unterschied zu „Naturwissenschaft“ und in Übereinstimmung mit dem französischen „recherche“ und englischen „research“ das Suchende, Fragende, ins Unbekannte Aufbrechende. Darum geht es ja im Kern, heute ebenso wie damals bei der Gründung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher im Jahr 1822.

    Saarbrücken 2018 © Robertus Koppies

    © Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung Lübeck

    Der Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Dietrich von Engelhardt

    Zur Person
    Dietrich von Engelhardt kam 1941 in Göttingen zur Welt. Er studierte Philosophie, Geschichte und Slawistik in Tübingen, München und Heidelberg, wurde 1969 promoviert, war mehrere Jahre in der Kriminologie und Kriminaltherapie tätig und habilitierte sich 1976 in der Naturwissenschaftlich-Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Von 1983 bis 2007 war er Ordinarius für Geschichte der Medizin und Allgemeine Wissenschaftsgeschichte an der Universität Lübeck, von 2008 bis 2011 Kommissarischer Direktor des vergleichbaren Instituts der Technischen Universität München (TUM). Dietrich von Engelhardt übernahm viele weitere Aufgaben, unter anderem als Prorektor der Universität (1993 bis 1996), Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin (1998 bis 2002), Vorsitzender der Ethikkommission für medizinische Forschung und des Klinischen Ethikkomitees der Universität Lübeck (2000 bis 2007) sowie als Vizepräsident des Landeskomitees für Ethik in Südtirol (2001 bis 2010). 1997 initiierte und organisierte er in Lübeck ein Symposium aus Anlass des 175-jährigen Bestehens der GDNÄ.

    Dietrich von Engelhardt wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa durch die Aufnahme in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina im Jahr 1995 und in andere nationale und internationale Wissenschaftsakademien. Er erhielt 2004 die Georg-Maurer-Medaille der TUM-Fakultät für Medizin und ebenfalls 2004 den Preis der Züricher Margrit Egnér-Stiftung. Im Jahr 2016 wurde er für seine Forschungen zur Geschichte der GDNÄ mit der Alexander-von-Humboldt-Medaille geehrt.

    Zu den wissenschaftlichen Schwerpunkten Dietrich von Engelhardts zählen: Theorie der Medizin; medizinische Ethik; Medizin in der Literatur der Neuzeit; Botanik des 16. Jahrhunderts: Naturphilosophie, Naturwissenschaft und Medizin in Idealismus und Romantik; Geschichte der Psychiatrie; naturwissenschaftlich-medizinische Reisen in der Neuzeit; europäische Wissenschaftsbeziehungen; Umgang des Kranken mit der Krankheit; Bibliotherapie; Biografien  und Pathografien  von Naturwissenschaftlern, Medizinern und Künstlern.

    Weiterführende Links:
    Bücher (Hg. Dietrich von Engelhardt)
    >> Forschung und Fortschritt, Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Stuttgart 1997 (Sammelband mit wegweisenden Reden von Lorenz Oken bis Hubert Markl; antiquarisch erhältlich)
    >> Zwei Jahrhunderte Wissenschaft und Forschung in Deutschland, Entwicklungen – Perspektiven“, Stuttgart 1998 (Tagungsband zum 175-jährigen Bestehen der GDNÄ; antiquarisch erhältlich)

    © G. C. Wilder / Stadtmuseum Fembo-Haus, Nürnberg

    Anlässlich der 23. Versammlung der „Herren Naturforscher und Ärzte“ im Jahr 1845 lud die Stadt Nürnberg zum Festmahl im Rathaussaal ein.