Basis für 200 Jahre wissenschaftliche Erkenntnis

JB_1880-9_Dt-Naturforscher-Aerzte_RZ-2-Pustet.inddDie GDNÄ reflektiert ihre fast 200-jährige Geschichte in dem neuen Buch „Menschen und Ideen“, das Prof. Dr. Eva-Maria Neher herausgegeben hat.

Was ist heute der Auftrag einer wissenschaftlichen Gesellschaft, die 1822 gegründet wurde? In der Alexander von Humboldt, Friedrich Gauß, Albert Einstein oder Max Planck Mitglieder waren und ihre Forschung diskutiert haben? Einer Gesellschaft, die dem Austausch von grundlegenden wissenschaftlichen Ideen im persönlichen Gespräch dient – in einer Zeit, in der das Internet alles dominiert und sich Wissenschaft und Medizin immer weiter auf Detailfragen spezialisieren?

Vor diesen entscheidenden Fragen steht eine der traditionsreichsten wissenschaftlichen Vereinigungen des deutschsprachigen Raums, die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ). Die GDNÄ geht ihnen in ihrem neuen Buch „Menschen und Ideen“ nach, das im Wallstein-Verlag erschienen ist. Der Historiker Ansgar Schanbacher beschäftigt sich darin intensiv mit der Geschichte der GDNÄ – um daraus Schlüsse auf deren zukünftige Rolle in Wissenschaft und Gesellschaft ziehen zu können.

Im Fokus des Buchs stehen die Durchbrüche von Naturwissenschaften und Medizin, die berühmte Wissenschaftler auf den Versammlungen der GDNÄ vorgestellt und diskutiert haben. Sie werden jeweils in den gesamtgesellschaftlichen Kontext eingeordnet – von der nachnapoleonischen Ära über das zweite deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik und das Naziregime bis in unsere Zeit. Kurzportraits von 50 bedeutenden Forscherinnen und Forschern – allesamt Mitglieder und maßgebliche Gestalter der GDNÄ und deren Versammlungen – ergänzen den historischen Abriss. So entsteht ein detailliertes Bild davon, welche kulturelle Leistung die GDNÄ in ihrer 200-jährigen Geschichte erbracht hat.

Diese Leistung betont die amtierende Präsidentin der GDNÄ und Herausgeberin des Buches, Prof. Dr. Eva-Maria Neher: „Die GDNÄ hat in Deutschland einen systematischen Austausch zwischen Naturforschern und Ärzten überhaupt erst ermöglicht. Vor ihrer Gründung haben Wissenschaftler für sich allein gearbeitet oder standen allenfalls untereinander im Briefwechsel. Das persönliche Gespräch, das die GDNÄ initiiert hat, war Basis für die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der vergangenen 200 Jahre.“

Das betont auch die Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, Prof. Dr. Lorraine Daston, in ihrem Geleitwort „Die Zukunft der GDNÄ – die GDNÄ der Zukunft“. Auf den Versammlungen der GDNÄ hätten, so Daston, „einige der bedeutendsten wissenschaftlichen Debatten des 19. und 20. Jahrhunderts“ stattgefunden. Als zentrale Aufgaben sieht Daston für die GDNÄ der Zukunft, dass sie Orientierung bieten müsse, damit Wissenschaftler das große Bild erkennen können, in dem sie sich mit ihrer Forschung bewegen. Zudem böten die Versammlungen der GDNÄ mit der persönlichen Begegnung von Wissenschaftlern, Medizinern und Laien Raum für Überraschungen und damit für neue Ideen.

Die Festschrift zeigt, wie solche neuen Ideen in den Jahren seit 1822, dem Gründungsjahr der GDNÄ, entstanden sind, und wie sie heute unser Leben beeinflussen. Es regt zum Nachdenken darüber an, wie die vielfältigen Möglichkeiten, die die GDNÄ bietet, erhalten und sinnvoll weiterentwickelt werden können.

Ansgar Schanbacher: Menschen und Ideen. Herausgegeben von Eva-Maria Neher. Mit einem Geleitwort von Lorraine Daston. Wallstein Verlag, Göttingen 2016.
174 Seiten. 19,90 €. ISBN 978-3-8353-1880-9